Eine Betrachtung zu Chanukka von Prof. Dr. Y. Ahren

Triumphbogen in Rom: Die gestohlene Menora
Chanukkia2
Chanukkia als Öllampe

Im jüdisch-religiösen Leben kennen wir zwei mehrarmige Leuchter; diese Lampen sehen verschieden aus, und sie werden in unterschiedlicher Weise benutzt. Auf der goldenen Menora, deren komplexe Konstruktion in der Tora (2. Buch Mose 25, 31-37) genau beschrieben wird, leuchteten im Heiligtum tagtäglich sieben Lichter. Hingegen benutzen wir unsere achtarmige Chanukkia heutzutage nur an acht Abenden im Jahr, und zwar sowohl zu Hause als auch im Bethaus.

Um die Bedeutung der Lichter auf der Chanukkia klarzustellen, sagt man vor dem Anzünden folgenden Segensspruch: „Gesegnet bist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, Der für unsere Vorfahren Wunder vollbracht hat, in jenen Tagen, zu dieser Zeit.“ Und während jemand die Lichter anzündet, spricht er an jedem der acht Tage: „Diese Lichter zünden wir an über die Wunder und über die Siege und über das Außerordentliche, das Du unseren Vätern durch Deine heiligen Priester hast geschehen lassen… Und wir dürfen diese Lichter zu nichts gebrauchen, sondern nur betrachten, um Dir zu danken und Deinen großen Namen zu rühmen wegen Deiner Wundertaten und Deiner Rettung.“

Seine religiöse Pflicht, Chanukka-Lichter anzuzünden, erfüllt ein Jude nur zu Hause. Aber es besteht ein alter Brauch – er wird im Kodex „Schulchan Aruch“ (Orach Chajim 671,7)[1] erwähnt -, in der Synagoge ebenfalls Lichter auf einer Chanukkia anzuzünden, und zwar um das Wunder bekannt zu machen (Pirsume Nisse). Im religionsgesetzlichen Kodex ist vermerkt, wo der Leuchter stehen soll, nämlich in  der Südseite des Raumes. Warum gerade dort? Weil die Menora im Heiligtum sich an ebendieser Stelle befand. Rabbiner Mosche Isserles fügt die Anweisung hinzu, der Leuchter sollte in ost-westlicher Richtung stehen, entsprechend der Position der Menora im Tempel. Halten wir fest, dass offensichtlich eine Verbindung zwischen der Menora im Heiligtum und der Chanukkia im Bethaus besteht – sonst würde man sich nicht an der Platzierung der Menora orientieren.

Die Chanukkia soll also auch an die Menora im Heiligtum erinnern. Nun drängt sich uns die Frage auf: Welche Bedeutung hatte denn die Menora, an die wir am Chanukkafest im Bethaus denken sollen? Zur Beantwortung dieser Frage hat Rabbiner Samson Raphael Hirsch in seinem Tora-Kommentar (zum Wochenabschnitt „Teruma“) eine längere, sehr lehrreiche Abhandlung geschrieben. Zuerst behandelt er die Frage: Was symbolisiert das Licht der Menora? Aus einem Vers des Propheten Secharja (4,6)[2] leitet Rabbiner Hirsch ab, dass die sieben Lichter der Menora Gottes Geist (hebr.: Ruach HaSchem) vergegenwärtigen. Der genannte Interpret macht darauf aufmerksam, dass der Prophet Jeschajahu (11,2)[3] Gottes Geist expliziert hat. Jeschajahu hob sechs Aspekte von Ruach HaSchem hervor, die einander ergänzen; aufgelistet sind der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke sowie der Geist der Kenntnis und der Gottesfurcht.

Den Aufbau der siebenarmigen Menora bespricht Rabbiner Hirsch in der gebotenen Ausführlichkeit, und zwar indem er auf Details der vorgeschriebenen Konstruktion eingeht. Durch eine Reihe feiner Deutungen, die in diesem Rahmen nicht zu referieren sind, gelangt er zu dem erstaunlichen Schluss, dass der goldene Leuchter im Heiligtum die Entwicklung eines Menschen zeigt, der zum Träger des Gottesgeistes wird! Der Frankfurter Tora-Erklärer unterstreicht die Tatsache, dass zum Träger des Lichtes, das die Menora vergegenwärtigt, ein Jeder vermöge seiner natürlichen Anlage berufen sei.

Erwähnt sei an dieser Stelle, dass Dr. Isaac Levy, ein Enkel von Rabbiner Hirsch, der den deutschsprachigen Kommentar seines Großvaters ins Englische übersetzt hat, vier Entwicklungsstufen einem schematischen Bild der Menora zugeordnet hat.

Fassen wir zum Schluss das bisher Dargelegte kurz und bündig zusammen. Die Chanukka-Lichter erinnern uns an Wunder, die der Ewige für unsere Vorfahren in der Zeit der Makkabäer vollbracht hat. Wir erinnern uns beim Anzünden der Chanukka-Lichter in der Synagoge jedoch auch an den Leuchter, der im Heiligtum stand. Die Menora ist – so lehrte Rabbiner S. R. Hirsch – ein Symbol, das auf eine sittlich-religiöse Entwicklung hinweist, die jeder Mensch anstreben sollte. Denn jeder ist berufen, Träger des Geistes zu werden, den die Lichter der Menora vergegenwärtigen.

[1] ומדליקין ומברכין בבית הכנסת  משום פרסומי ניסא

[2] וַיַּ֜עַן וַיֹּ֤אמֶר אֵלַי֙ לֵאמֹ֔ר זֶ֚ה דְּבַר ה‘ אֶל־זְרֻבָּבֶ֖ל לֵאמֹ֑ר לֹ֤א בְחַ֙יִל֙ וְלֹ֣א בְכֹ֔חַ כִּ֣י אִם־בְּרוּחִ֔י אָמַ֖ר ה‘ צְבָאֽוֹת  

[3] וְנָחָ֥ה עָלָ֖יו ר֣וּחַ ה‘ ר֧וּחַ חׇכְמָ֣ה וּבִינָ֗ה ר֤וּחַ עֵצָה֙ וּגְבוּרָ֔ה ר֥וּחַ דַּ֖עַת וְיִרְאַ֥ת ׃

 

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