Noach hatte drei Söhne: Schem, Cham und Japhet. Aus ihnen haben sich 3 Menschentypen herausgebildet. Aus Cham, wie der Name schon sagt wurde alles „Heißblütige“. Er wurde schon von seinem Vater verflucht. Aus Japhet wurde alles „Schöngeistige“, vor allem die Anhänger der griechischen Kultur, und aus Schem wurde das jüdische Volk, das das Gotteswort unter den Menschen verbreiten soll.

Da das Judentum sich auch mit dem „Schöngeistigen“ beschäftigt, ist es besonders anfällig gegenüber dem Hellenismus.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l stellt in diesem Aufsatz den Hellenismus dem Judentum gegenüber, und kommt zu dem Schluss, dass sich der Hellenismus vom Judentum dadurch unterscheidet, dass ihm zur Vervollkommenheit das göttliche Gesetz fehlt und dadurch von Cham beeinflusst wird.

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2940534

Der Hellenismus und das Judentum.

Der 25. Kislew bringt uns das Makkabäer-Fest, das sich mit einbrechender Nacht durch die aus den Fenstern der jüdischen Hütten und Häuser leuchtenden Lichter ankündigt. Wer um diese Zeit eine Wanderung durch die Gassen der Städte und Dörfer, wo Juden wohnen, machen wollte, könnte leicht die Häuser herausfinden, in welchen noch ein Funke des alten jüdischen Makkabäer-Geistes glimmt und zu der Hoffnung berechtigt, dass wieder einmal das jüdische Licht die heidnische Finsternis überwinden und es immer heller und heller werden werde in diesen Räumen, bis sich der alte Spruch wieder voll bewähre: „allen Israels-Söhnen war es hell in ihren Wohnungen“, [1]וּלְכָל בְּנֵי יִשְׂרָאֵל הָיָה אוֹר בְּמוֹשְׁבוֹתָם

Es gehörten aber ursprünglich diese Tage zu jener Reihe von Tagen, die in der Gedächtnisrolle, Megillath Thaanith, als festlich verzeichnet waren, an welchen daher nicht gefastet werden durfte, [2],דְּלֹא לְהִתְעַנָּאָה בְהוֹן zum Teil auch keine öffentliche Totenklage stattfinden durfte, וּמִקְצַתְהוֹן דִלָא לְמִסְפָּד בְּהוֹן2, weil sie das Gedächtnis glücklicher Ereignisse brachten, in welchen sich die unsichtbar und doch so offenkundig eingreifende Waltung der göttlichen Allmacht in ihrer nimmer müden Fürsorge für die Erhaltung ihres Volkes und ihres Gesetzes offenbarte. Als aber das Gottesheiligtum des Gesetzes zusammenstürzte und dessen Söhne vor dem Schwert des Römers über die weite Erde hin zerstreut flohen, [3] בָּטְלָה מְגִלַּת תַּעֲנִית, verloren die in dieser Rolle verzeichneten Tage ihre festliche Bedeutung. Denn nur, wie R. Joßi sich ausdrückt, בִּזְמַן שֶׁבֵּית הַמִּקְדָּשׁ קַיָּים — אֲסוּרִין [4] solange das Heiligtum stand, war ihr festlicher Charakter erhalten,   מִפְּנֵי שֶׁשִּׂמְחָה הִיא לָהֶם4, weil solange es eine Freude war, der fortwährenden göttlichen Wohltaten zu gedenken, die die Erhaltung des Heiligtums diesem Volk, und des Volkes diesem Heiligtum zum Ziel hatten. אֵין בֵּית הַמִּקְדָּשׁ קַיָּים — מוּתָּרִין4, als aber das Heiligtum in Trümmern lag, verloren auch diese Tage ihre festliche Stimmung, מִפְּנֵי שֶׁאֵבֶל הוּא לָהֶם4 weil die Erinnerung an diese so zahlreichen, göttlichen Wohltaten selber nur die Nationaltrauer durch den schmerzlich trüben Gedanken zu vermehren geeignet war, dass alle die so offenbar von Gott seinem Volk und der Erhaltung des Heiligtums seines Gesetzes gespendeten Wohltaten dennoch nicht Israels Verirrungen zu überwinden und zu verhüten im Stande gewesen, dass — insbesondere durch die Entartung seiner Fürsten und seiner Priester — Volk und Heiligtum dem Untergang anheimgefallen. Ganz so wie auf der anderen Seite auch die aus der jüdischen Nationalgeschichte hervorgegangenen Fasttage in Zeiten nationalen Glückes ihren Fasttagcharakter verlieren, ja sich in freudige Festtage umwandeln — [5] בִּזְמַן שֶׁיֵּשׁ שָׁלוֹם — יִהְיוּ לְשָׂשׂוֹן וּלְשִׂמְחָה —, da ja wohl nichts die freudige Dankbarkeit für das gewährte und bewahrte Glück stärker vertieft, als die Erinnerung an die überwundenen Tage des Unglücks, der Verirrung und der Zerstörung.

Nur zwei in jener Rolle festlich gehobene Zeiten überdauerten den nationalen Untergang des Heiligtums und seines Volkes: Chanukka und Purim, das Makkabäer- und das Esther-Fest, מִשּׁוּם [6]דְּמִיפַּרְסֵם נִסָּא, weil zu offen und für alle Zeiten leuchtend an ihnen die Gotteshand offenbar geworden, die ihr Gesetzesheiligtum und ihr Volk aus den drohendsten Gefahren siegreich emporzuretten weiß. (Rosch Haschana 18 b—19 b).

Die Feier dieser Tage trägt den Stempel der Güter, deren Rettung und Erhaltung sie verewigen. שִׂמְחָה וּמִשְׁתֶּה, laute Freude und Gastmähler verkünden die Rettung des Volkes vom leiblichen Tode am Purim; der stille Strahl freundlicher Lichter erzählt den Sieg des Lichtes über die Finsternis, erzählt die Rettung der „reinen“ Menora aus den Umarmungen griechischer Entartung, erzählt Chanukka, die Wiederweihe des durch das Griechentum entweihten Heiligtums des göttlichen Gesetzes. Denn ihm, diesem geretteten Heiligtum, gilt die Feier des achttägigen Lichterfestes. Nicht dem Makkabäerheldenmut, nicht den sieggekrönten Schlachten, nicht dem von Feindeshänden befreiten Boden des jüdischen Vaterlandes, sondern dem jüdischen Licht und dem jüdischen Heiligtum gilt die Feier; das sagt schon der Name, das verkündet das Licht. Es war der erste Zusammenstoß zweier Prinzipien, zweier Lebensanschauungen, zweier Bildungsmächte, die bis auf den heutigen Tag um die Herrschaft der Welt den Wettkampf bestehen.

Hellenismus, Judaismus, so heißen die beiden geistigen Elemente, deren Wirkungen und Erzeugnisse im Kreis der Völker die Entwicklungsgeschichte der Menschheit bedeuten und die sich zuerst in Mathathiahus Tagen in Judäa begegnet.

Hellenismus, Judaismus, das sind, tiefer genommen, die beiden Richtungen, die sich wiederum heutigen Tages um die Herrschaft im jüdischen Kreise streiten.

Es gibt eine alte Prophezeiung, es ist der älteste Seherspruch, den wir kennen, der, wenn wir ihn recht verstehen, also lautet:

„Die Gemüter wird Gott dem Japhet öffnen;
aber er wird wohnen in den Hütten Schems.“

יַ֤פְתְּ אֱלֹהִים֙ לְיֶ֔פֶת
 וְיִשְׁכֹּ֖ן בְּאׇֽהֳלֵי־שֵׁ֑ם
(1.B. M. 9:27) 

und der, wenn wir seinen Sinn richtig erfasst, nichts Geringeres verkündet, als: die Herrschaft über die Gemüter — (יפת ist Hiphil von פתח) — wird Gott dem Japhet verleihen; aber nur Schém wird Hütten erbauen, in welchen Gottes Herrlichkeit ihre Stätte im irdischen Leben findet.

Japhets Blüte aber ist Jawan, das hellenische Volk der Herzen bezwingenden Meisterschaft in allem Anmutigen und Schönen.

Schems Blüte ist aber Eber[7], das hebräische Volk des die Menschenhütten zum göttlichen Wohlgefallen bauenden Gesetzes der Heiligung, des Rechts und der Liebe.

Beide gesendet, die tierische Blöße der Menschheit zu decken; berufen, die Menschheit aus dem Tier zum Menschlichen und Göttlichen zu erheben, und beiden Cham, das heißblütige, an dem tierisch Nackten sich weidende Rohe zur erziehenden Bewältigung gegeben.

Also hatten sich bereits die drei Stammväter der neuen Menschheit vor den Augen des alten Sehers bewährt.

Cham hatte die Blöße gesehen, er ging hinaus und erzählte davon den Brüdern. [8]

Schem und Japhet aber nahmen das Gewand, legten es sich auf beider Schultern, gingen rücklings, deckten mit abgewandtem Angesicht die Blöße und schauten die Blöße nicht. [9]

Da sprach der erwachte Seher (Noach) die bedeutsamen Worte:

Segen wird nur dem Gotte Schems, und Chams Sohn wird ihnen dienen; Gemüter wird Gott dem Japhet öffnen, wohnen aber in den Hütten Schems, und Chams Sohn wird ihnen dienen. (1. B. M. 9:26-27.)

Die ganze Weltgeschichte bis heute stellt sich aber als eine Lösung dieser Seherworte da. Als wahrhaft herrschend, geistig bildend und somit die Anschauungen, Sitten, Einrichtungen, Bestrebungen und Taten der Völker gestaltend, haben sich bis jetzt auf der Schaubühne der Geschichte vor allem nur zwei Elemente erwiesen, denen gegenüber sich die übrige Menschheit als empfangend und dienend zu verhalten scheint, und diese beiden Elemente sind die in der griechischen Bildung gipfelnde Blüte des japhetischen Geistes: der Hellenismus, und der Geist des von Israel, der semitischen Blüte, getragenen und verwirklichten Wortes göttlicher Lehre und Lebens: der Judaismus.

In jener alten Zusammenstellung erscheint aber der Segen, d. h. der Sieg und die Erfüllung, nur der von Schem verkündeten Gotteserkenntnis verheißen; die Überwältigung der Gemüter durch die japhetische Kultur aber nur als Vorbereitung für einen solchen dereinstigen Aufbau der Hütten der Menschheit, dass in sie der von Schem gelehrte Gott einziehe und seine Stätte finde auf Erden. — Der japhetischen Kultur werden zuerst alle Gemüter sich öffnen, dann aber wird Schems Gott in die irdischen Hütten einziehen. Alle anderen überwindet Japhet, Japhet aber Schem.

Die vorhellenische Bildung der nichtjüdischen Völker richtet den Blick der Menschen vorzugsweise nach außen, deutet ihnen die Erscheinungen der Welt als die Kraftäußerung übermächtiger Naturgewalten, deren Kraft- und Machtfülle sie ihnen in mit Symbolen überladenen Bildern vergegenwärtigt, vor denen der Mensch zitternd zu knieen, opfernd den Zorn zu besänftigen und die Gunst zu erstreben habe; vor deren überwältigender Machtfülle aber seine Persönlichkeit ebenso wie das ganze Meer aller übrigen Wesen bedeutungslos verschwindet, und nur Auserlesene, Priester, Könige, aufrecht bleiben, die jene Mächte als Lehnsträger ihrer Machtfülle bestellt, oder vielmehr in welchen sie selber inkarniert, verkörpert, fleischgeworden, in die sichtbare Erscheinung treten und die übrige gemeine Menschheit zur knieenden Anbetung laden.

Der hellenische Geist richtet zuerst den Blick des Menschen in sich, bringt ihn zum Selbstbewusstsein, zeigt ihm in seinem eigenen Innern ein Ideal göttlicher Vollkommenheit und Schönheit, zu welchem jeder sich selber vollenden kann, setzt das vollendete Menschenideal als das Höchste im Reiche der Wesen und macht ihm seine Götter selber nur zu solchen verwirklichten Idealen menschlicher Größen.

Der vorhellenische Geist lässt Gemüt und Geist des Menschen nur durch die Not und das Bedürfnis entwickelt werden, lässt ihn nicht zur Selbstachtung kommen, kennt nur die Furcht als Werkzeug, Beweggrund und Maß der Unterdrückung und Bezwingung der Leidenschaft; der Mensch bleibt roh, gewaltsam, düster und Sklave.

Der hellenische Geist lockt Geist und Gemüt zur Selbstbildung durch die Freude an der Erkenntnis, durch die Lust am Edlen, gibt ihnen das Ebenmaß des Harmonischen und Schönen zur Unterdrückung roher Ausbrüche der Leidenschaft, ruft den Menschen zur Selbstachtung, vertraut den Menschen sich selber an, stellt ihn unter die eigene Obhut und erwartet um der Selbstveredlung willen von ihm die Selbstbeherrschung und die Beseitigung jedes Übermaßes von Schlechtem und Gemeinem, das das göttliche Ebenmaß des Schönen und Wohlanständigen in Charakter und Gesinnung, in Rede und Handlung stören würde. Der hellenische Geist macht den Menschen gebildet, milde, froh und frei.

Sollen wir uns nicht freuen der Erfüllung des alten Seherspruches: יַ֤פְתְּ א‘ לְיֶ֔פֶת „die Pforten der Gemüter öffnet Gott dem Japhet“ nicht freuen über die Macht, die diese hellenische Kultur immer mehr und mehr über die Gemüter der Menschen in immer weiterer Ausdehnung gewonnen, indem sie immer mehr und mehr alles Rohe unterdrückt, immer mehr und mehr die Freude am Schönen hervorlockt und indem sie das Maß des sinnlich Schönen sofort auch zum Maßstab für die Selbstvollendung bietet, den Abscheu vor allem Rohen und Gemeinen weckt, der die Sitten mildert, die Charaktere veredelt, vor dem Gebot des Wohlanständigen Schlechtes und Gemeines zurücktreten lässt, und während sie an den göttlichen Funken in jeder Menschenbrust appelliert, ebenso sehr den menschlichen Geist zur Höhe der Wissenschaft und der Erkenntnis lädt, als sie ihn sofort unfähig macht, sich sklavisch vor Götterprätensionen seines Gleichen zu beugen?

Nicht umsonst hat Gott seine Welt mit dem Gewand der Schönheit umkleidet, in Formen und Tönen das Gesetz der Harmonie gesenkt und dem Menschen Aug‘ und Ohr geöffnet, diese Harmonien zu erfassen und sich ihrer im Geiste und Gemüte zu erfreuen. Mit jeder Empfindung des Erhabenen, die dem Menschen der bestirnte Himmel und das Strahlendiadem der kommenden und scheidenden Sonne bringt, mit jeder Freude, die er an der Anmut und der Schönheit einer Blume empfindet, wird er über den engen Kreis beschränkter Nützlichkeit gehoben und ein Ton in seinem Innern angeschlagen, der in inniger Verwandtschaft zu der noch höheren Empfindung für das sittlich Schöne steht und ihn der Empfänglichkeit für dieses um einen bedeutenden Schritt näher bringt.

Und weil der allgütige Schöpfer die Freude am Schönen, eben als Vorstufe für seine höhere Vollendung, tief in die Brust des Menschen gelegt und in diesem durch das Schönheitsgefühl veredelten Dasein der Mensch erst wahrhaft seiner selbst froh wird und zum heiteren Genuss des irdischen Daseins ersteht, darum eben verwirklicht sich der Seherspruch von dem Triumph des japhetischen Geistes über alle Gemüter, darum öffnen sich rasch und gern die Pforten des Gemütes der hellenischen Kultur, und der Kalokagathie[10], der durch das Gefühl des Schönen vermittelten Tugend griechischer Bildung, ist der verheißene Sieg gewiss. Vor ihr, d. h. vor der Wahrheit, die in ihr liegt, schwindet ebenso einerseits die Unwissenheit, Rohheit und der Knechtessinn der Menschen, als sie auch sicherlich jede Lehre und jeden Wahn siegreich niederkämpfen wird, die dem Menschen den Glauben an sich, an die Berechtigung und Reinheit seines irdischen Daseins, an die unverlierbare Hoheit und Würde des Menschlichen in allen Menschen rauben und ihm die Freude an allem Geistigen, Heiteren und Schönen mit dem Trauerflor des Vorwurfs und der Sünde zu umdüstern und zum gedanken- und willenlosen Werkzeug und Lehrling sozialer ihn dogmatischer Anmaßung herabzustimmen den Vorsatz hat.

Und doch enthält die hellenische Bildung nur einen einzigen Bruchteil der Wahrheit, die einst die Erlösung der Menschheit vollbringen wird, ist doch nur erst eine geringe Vorbereitung für jenes Heil, das einst durch Sems „Hütten, in welchen Gott wohnt“, auf Erden erblühen soll, und verfällt dennoch, so lange sie nicht mit diesem semitischen Geist sich vermählt, so lange sie schon an sich das Höchste und Einzige zu sein wähnt, auch ihrerseits dem Irrtum und dem Wahn, der Entartung und Knechtung anheim.

Die hellenische Bildung weckt nur den Geist, gibt nur den Durst nach Erkenntnis und Wahrheit, aber sie vermag nicht aus sich die Erkenntnis zu sichern und die Wahrheit zu erzeugen. In Ahnungen und Vermutungen ergeht sich der Sinn, setzt Phantasiegebilde und hypothetische Annahmen zur Lösung der Rätsel, die dem Menschen die Welt um ihn und in ihm bietet und nach deren Lösung die ahnende Menschenbrust sehnsüchtig verlangt. Und so lange er den Menschengeist, der als Vernunft nur die Wahrheit zu „vernehmen“ geschaffen ist, zugleich als den alleinigen Schöpfer, Offenbarer und Geber der Wahrheit erkennt und mit seinem nach Wahrheit ringenden Verlangen sich nur an die eigene, aller Irrung und Täuschung zugängliche Brust überwiesen sieht, so lange ergeht sich die träumende Weisheit des hellenischen Geistes in solchen von Extrem zu Extrem in ewig wiederkehrenden Schwankungen schaukelnden Ergebnissen, wie sie uns in der Geschichte des seit nahe an dritthalbtausend Jahren (2.500 Jahre) in hellenischem Geiste „Weisheit suchenden“ Menschengedankens darlegen.

Die hellenische Bildung weiß das Bedürfnis nach einer Veredlung der Persönlichkeit und des Lebens zu wecken; aber sie hat kein anderes Maß für diese Veredlung als das der sinnlichen Schönheit abgelauschte Ebenmaß der Harmonie und Schönheit. Indem aber dieses Streben nach Selbstveredlung nur das Motiv der Freude an sich selbst, der Befriedigung an der gehobenen Gestaltung der eigenen Persönlichkeit und des im Bewusstsein des veredelten Daseins zu findenden Genusses kennt, so bleibt gar bald dieses Streben bei einer oberflächlichen Übertünchung und Glättung der rauhen Außenseiten der Persönlichkeit und der Lebensweise stehen. Unter dem glatten Mantel einer polierten Bildung birgt sich sybaritischer[11] Lebensgenuss und die gemeinste sinnliche Tierheit.

Und selbst edlere Naturen — weil ihnen eine Lebensweisheit nicht offenbar geworden, die ihre Jünger lehrt, das ganze Leben in allen seinen kleinsten Fugen und Beziehungen nach dem Muster eines höheren Gedankens wahrhaft, wesenhaft, harmonisch zu gestalten — müssen sich begnügen, einzelnen Momenten, gleichsam den Feierstunden des Lebens, worin, wie man so schmerzlich schön es bezeichnet, der Mensch aus sich selber hinaustritt und die gemeine Wirklichkeit vergisst, einzelne Blüten einer harmonischen Schönheit, ja oft nur künstliche Blumen einer täuschenden Phantasie einzupflanzen, während der ganze übrige Fond der Persönlichkeit und die ganze übrige Masse der Wirklichkeit dem ganzen Jammer und Elend einer in Widerspruch und Überdruss sich abwickelnden Erbärmlichkeit eines inhalt- und bedeutungslosen Daseins verfallen bleibt.

Hellenische Bildung bringt den Menschen zum Bewusstsein seines höheren Wertes, seines unverlierbaren Rechtes und Adels, seines unveräußerlichen Anspruchs auf Anerkennung von Ebenbürtigkeit und Gleichheit. Hellenische Bildung ist eine Pflegemutter des Rechts und der Freiheit. Indem sie aber den Blick zunächst auf die eigene Persönlichkeit richtet und diesen Wert erst in dem Besitz der angestrebten und erlangten Bildung findet, ihr aber der ganze Gedankenkreis fremd ist, der jedem Menschen den Stempel des ebenbürtigsten Adels und den Anspruch auf Recht und auf Liebe verleiht, weiß diese Bildung meist nur von dem Recht, das man zu fordern, der Freiheit, die man sich zu sichern, nicht aber auch von dem Recht, das man zu achten, und der Freiheit, die man zu gewähren habe.

Oder sie weiß von diesem Recht oft nur im Kreise der Gebildeten, ist mehr als irgend anderes jenem Hochmut zugänglich, der den Begriff Mensch nur erst auf einer gewissen Stufe der Bildung beginnen lässt, bei welchem daher oft die delikateste Empfindsamkeit in Bezug auf das eigene Ich und die dem eigenen Ich nahe stehenden Personen mit der gleichgültigsten Rücksichtslosigkeit, ja oft mit herzloser Grausamkeit sich zu gatten weiß, die bei der tief unter ihr stehenden „ungebildeten Masse“ oft nicht einmal die natürlichsten Gefühle der Ehre und Zärtlichkeit und die natürlichsten Empfindungen für Kränkungen und Schmerzen voraussetzen zu müssen glaubt.

Und wie die auf ihre Freiheiten und Rechte so eifersüchtige attische Bildung[12] sich gar wohl mit sklavischer Knechtung von ¾ ihrer Mitbewohner des attischen Bodens vertrug — (Attika, der feinste Staat hellenischer Bildung, zählte 130.000 Freie gegen 400.000 Sklaven!) also lehrt uns die Geschichte, dass überall gar leicht der Kreis der Gebildeten selbst mit Zuständen offenbarer Tyrannei und Gewalt von oben sich abfindet, so dieser Druck nur vorzugsweise auf den unter ihm stehenden ungebildeten Schichten lastet, die Vor-Rechte der „Gebildeten“ aber mit kluger Mäßigung unangetastet schont. —

So vermag japhetische Bildung wohl Ideen von Wahrheit und Recht, von Sittlichkeit und Liebe zu schöpfen und zu verbreiten; jedoch sie an sich und für sich allein vermag weder die Erkenntnis des Wahren und Rechten und Sittlichen zu gewähren und zu sichern, noch viel weniger vermag sie die wirkliche Erleuchtung der Geister, die hingebende Durchsittlichung des Lebens und Rechtsdurchdringung der Gesellschaft zu schaffen.

Am allerwenigsten aber vermag sie ein Einzel-, Familien- und Gesamtheitsleben aufzubauen, welches — von Wahrheit durchleuchtet, von Reinheit gehoben, von Gerechtigkeit geleitet und von Liebe vollendet das irdische Dasein mit allen seinen empfindenden, fühlenden, denkenden, redenden, genießenden, handelnden Momenten zu einem harmonischen Einklang abrundend verklärt, der erst den irdischen Verhältnissen jene ewige Heiterkeit und Schönheit in Wahrheit zu verleihen vermag, von welchen der japhetische Geist wohl eine Ahnung in den Gemütern der Sterblichen zu wecken, nimmer aber eine wahrhafte Befriedigung zu bringen weiß, und unter dessen Zauber allein die zwischen Wahrheit und Täuschung, zwischen Reinheit und Entartung, zwischen Recht und Gewalt, zwischen Liebe und Selbstgefühl im ewigen Taumel schwankende Gesellschaft ihr endliches Heil und ihren endlichen Frieden zu finden vermag.

Dies Wunder ist allein dem „Gotte Sems“ vorbehalten. יַ֤פְתְּ אֱלֹקים לְיֶ֔פֶת
וְיִשְׁכֹּ֖ן בְּאׇֽהֳלֵי־שֵׁ֑ם „Die Gemüter öffnet Gott dem Japhet; aber Er findet seine Stätte nur in Hütten Schems!“

Und schon hat auch dieser semitische Geist, vom jüdischen Volk getragen, seine Sendung auf Erden begonnen. Und obgleich erst ein Funke von ihm, und in vielfacher Trübung, in die Menschheit gefallen, wie kein anderer Gedanke je hat er gezündet und hat bereits die mächtigste Umwandlung in Geistern und Gemütern bewirkt.

Wie sehr auch der japhetische Geist nach Erkenntnis gerungen, er seitdem „Schem“ den Namen seines „Einzigen“ über die Welt hingerufen, ward es hell in den umnachteten Geistern, fingen die Schatten des Irrtums und der tastenden Phantasie an, zu weichen und eine Erkenntnis der Welt aufzudämmern.

Erst seitdem dieser von Schem gelehrte Name die Welt als das Werk eines weisen, allmächtigen Schöpfers betrachten lehrte, konnte der denkende Geist beginnen, jede Erscheinung als Produkt eines Gedankens zu begreifen, den Gedanken dieses Meisters in seinen Werken forschend nahe zu kommen, im Kleinsten und Größten eine zweckentsprechende Weisheit und Ordnung zu ahnen und zuletzt das Gesetz der Einheit zu suchen, das den Sonnenball und das Sonnenstäubchen an den einen Schöpferwillen und den einen Schöpfergedanken des einen Einzigen bindet. Erst die an Schems Geist angezündete Fackel machte die Wunder menschlicher Erkenntnis möglich, die die heutige Naturwissenschaft feiert, und jede neu entdeckte Wahrheit der Gott leugnenden Naturforschung ist dennoch eine Huldigung, niedergelegt auf den Altar des „Gottes Schems“, den der Mund des schmalstirnigen Forschers hohnlachend verwirft und den er dennoch schon voraussetzen muss, wenn er überall auch nur anfängt, nach dem Gedanken in der Natur zu forschen.

Erst seitdem „Schem“ den Namen seines „Einzigen“ über die Völker hin gerufen, konnte man lernen, die Völker als Menschheit, als eine Familie zu begreifen, in denen allen ein Geist webt, die alle einem Ursprung entstammen, die alle an einer großen Bestimmung arbeiten, und alle einer großen Zukunft entgegenreifen. Erst seitdem konnte man anfangen, dem einheitlichen Menschengeist in der tausendzüngigen Sprachenmannigfaltigkeit vergleichend nachzuspüren; erst seitdem konnte man anfangen, die Ereignisse der Völker und Länder im großen Zusammenhange zu erfassen, sich von Stammes- und Volksgeschichte zur Geschichte der Menschheit zu erheben, und auch in der Geschichte dem Plan und den Gedanken der waltenden Vorsehung des „Einen Einzigen“ ahnend zu folgen.

Erst seitdem „Schem“ den Namen seines „Einzigen“ über die Menschheit hin gerufen, ist dennoch die Zukunft rücksichtsloser Gewalt und Tyrannei vernichtet, dämmert dennoch aus jedem Menschenantlitz, auch des Ärmsten, ein lauter Protest dem Gewaltigsten entgegen, tönt dennoch aus dem Angstschrei jedes zu brechenden Menschenherzens die Stimme des einen Einzigen, dessen Ruf: „es sind meine Kinder!“ die zum Gewaltstreich sich rüstende Selbstsucht der Roheit wie der Bildung stutzig macht.

Erst seitdem „Schem“ den Namen seines „Einzigen“ über die Länder und Städte, über die Hütten und Häuser, über die Gemüter und Seelen aller Menschen hin gerufen, hat auch der Ärmste, der Verlassenste, der Gequälteste einen Vater, zu dem er aufschauen kann von seinem Strohlager und Kerker, von seinem Sklavenzwinger und Marterbett, und der schaut seine Tränen und vernimmt seine Seufzer, und von dem er Hilfe und Rettung erwarten kann, wenn ihn auch alles andere verlässt.

Und erst seitdem „Schem“ den Namen seines „Einzigen“ in die Gemüter und Herzen der Menschen gerufen, beginnt auch die Liebe aufzudämmern, die sich zu dem Armen und Kranken, zu dem Unglücklichen und Elenden niederbeugt und ihre Seligkeit darin findet, den Hungrigen zu speisen, den Nackten zu kleiden, dem Unglücklichen zu helfen, den Leidenden zu trösten, und die den Ruf versteht und beherzigt und mit Vereinigung aller Kräfte betätigt: Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. —

Aber noch ist das alles nur Stückwerk. Weil man von Schems Lehre nur einen Satz der Menschheit brachte, und diesen Satz selbst nur verstümmelt und getrübt und für die japhetischen Phantasien versetzt brachte, kann die Erleuchtung der Geister ihre Vollendung nicht finden. Und weil man nur die Lehre, nicht aber auch das „Gesetz“ der Menschheit zu bringen unternahm, hat man ihr gerade das Einzige vorenthalten, durch welches die Erlösung der Menschheit und die harmonische Gestaltung des ganzen irdischen Daseins bedingt ist.

Die Lehre, auch in ihrer unverstümmelten und unvermischten Vollendung und Reinheit, vermag nur Geister zu erleuchten und Herzen zu veredeln; aber sie vermag nicht das Leben, die „Hütten“ des irdischen Daseins in die Vollendung und Reinheit zum harmonischen Einklang emporzuretten. Und doch nicht auf die Geister und Herzen allein, sondern auf die in ihrem Geiste vollendeten Hütten der Menschheit wartet die Herrlichkeit Gottes, um ihren beseligenden Einzug auf Erden zu halten, ויִשְׁכֹּ֖ן בְּאׇֽהֳלֵי־שֵׁ֑ם, in die Hütten Schems will sie einziehen; den Aufbau der Menschenhütten für den Einzug der Herrlichkeit Gottes lehrt aber nur — das Gesetz.

Ja, indem man das Bruchstück der Lehre von dem „Einen Einzigen Gotte Schems“, da man es den japhetischen Völkern brachte, nach japhetischer Weise wieder mit einem vergötterten Menschenideale trübte, hat man sofort in den Aufgang der Geister erleuchtenden Wahrheit den Schatten des Widerspruchs gesät, der nicht unterlassen kann und nicht unterlassen hat, die Wahrheit selbst mit in den Kampf streitender Meinungen hinüber zu ziehen und sie bis zum vollendeten Sieg des Lichts über die Nacht ihrer vollen, Geister beherrschenden Macht zu berauben.

Und indem man nur die Lehre des Gottes Schems teilweise berücksichtigte, sein Gesetz aber vollständig verkannte und als „überwunden“, als einem „niederen Standpunkte“ angehörig, verschmähte; einerseits also das ganze irdische Dasein sich selbst überlassend fahren ließ, andererseits aber dennoch in einseitiger Beschränktheit Folgerungen aus der Lehre fürs Leben zog, die in vollendetem Widerspruch mit der Wahrhaftigkeit und Wesenheit des geistig-sinnlichen Erdenlebens stehen, hatte man die Lehre mit einem Wahn vermählt, gegen welchen von Jahrhundert zu Jahrhundert die von der japhetischen Bildung vertretene Wahrheit und Berechtigung des sinnlichen Daseins immer erneut einen Kampf beginnen muss und zweifelsohne den Sieg der Wirklichkeit über den Wahn erkämpfen wird.

Erst wenn unverkürzt und unvermischt die Lehre des Gottes Schems Gemeingut der Menschheit geworden, werden für immer die Schatten des Irrtums und des Wahns fliehen und die von Menschen erkennbare Wahrheit strahlend die Geister erleuchten.

Und erst wenn dann auch das Gesetz des Gottes Schems die Hütten der Menschen erbaut, nicht nur sein Wort die Geister erleuchtet und die Gemüter erwärmt, sondern auch sein Gesetz das Richtmaß wird für die ganze Entwicklung und Verwirklichung des menschlichen Daseins auf Erden, erst dann wird in den Gemütern die Seligkeit und die Freiheit, und die Freude und der Friede wohnen in den Hütten der Sterblichen auf Erden.

Bescheiden in den Umkreis des menschlich Erkennbaren umschränkt die semitische Gotteslehre den Geist des denkenden Sterblichen. Ebenso fern von der unhellenischen Versenkung in die Tiefe der jenseits der menschlichen Erkenntnis liegenden Rätsel des Wesens der Gottheit, als fern davon mit hellenischer Beschränktheit den Blick des Menschen nur in sich selber zu versenken, weist sie den Menschen auf Gott hin, aber enthüllt ihm vom Göttlichen nur so viel als zur Erkenntnis und Vollendung seiner menschlichen Bestimmung auf Erden genügt. Sie will ihm nicht aus der Erkenntnis der Welt und des Menschen die Rätsel der Gottheit lösen, sondern ihn aus Gott die Welt und die Menschheit und sich begreifen lehren und eröffnet ihm da ein unerschöpfliches Feld beseligender, allen zugänglicher Wahrheiten. Sie enthält nicht die Gedanken der Menschen von „Gott und den göttlichen Dingen“, sondern die Gedanken Gottes von dem Menschen und den menschlichen Dingen, und ihr vorzüglichstes, nächstes und höchstes Augenmerk ist ihr daher das Gesetz: d. h. die Einrichtung, Entwicklung und Gestaltung aller menschlichen Dinge nach göttlichem Willen zum Wohlgefallen Gottes.

Sie befreit den Menschen von dem vorhellenischen Wahn der im Schrecken unnahbarer Hoheit zu fürchtenden Göttergewalten, und befreit den Menschen von dem hellenischen Wahn vergötterter Menschenideale. Sie zeigt ihm Gott, den einen einzigen Gott, in seiner Freiheit und Heiligkeit, in seiner Allmacht und Weisheit, in seiner Gerechtigkeit und Wahrheit, in seiner Liebe und Barmherzigkeit; sie zeigt ihm Gott in seiner unendlichen Erhabenheit und Höhe, aber auch zugleich in seiner unendlichen, allgegenwärtigen, beseligenden Nähe und spricht zum Menschen: Dieser hohe, heilige, erhabene, gerechte und barmherzige Einzige, dessen Wort die Welten schuf und dessen Wille die Welten lenkt, der vom Wurm bis zum Seraph alles speist, alles erhält, alles mit Kraft und Dasein und Leben durchdringt, Er ist keinem so nahe als dir, nichts ist ihm so verwandt als du. Er ist nicht dein Abbild, wie der japhetische Gott, du bist sein Ebenbild, in dir lebt ein Geist von seinem Geiste, Er hat dich mit einem Vermögen von seiner Allmacht gegürtet, mit einem Strahl von seiner Weisheit erleuchtet, mit einem Gedanken von seiner Wahrheit und seinem Rechte ausgestattet, mit einer Regung von seiner Liebe und Barmherzigkeit bereichert, und hat dich mit allem diesen über alles zu sich empor in das Bereich seiner Freiheit gehoben und spricht zu dir: Du bist mein Ebenbild, Ich sei dein Vorbild; sei heilig und wahr, gerecht und liebevoll wie Ich, gebrauche alle deine Kräfte, die ganze äußere Welt, die Ich dir zur Beherrschung verliehen, nach meinem Willen, erbaue mir mit deinem ganzen irdischen Dasein und Leben ein Heiligtum auf Erden, so werde ich in deiner Mitte wohnen und dich durch meine Nähe beseligen.

Dieser Aufbau des ganzen irdischen Daseins und Lebens des Menschen zum göttlichen Wohlgefallen, zu einem Gottesheiligtum, zu einer „Menschenhütte, in welcher Gott wohnt“ — ist aber der ganze Inhalt des göttlichen Gesetzes. Wie der Gottesgedanke die Welten schuf und der Gotteswille die Welten lenkt, also lehrt dies Gesetz den Menschen, seine Welt frei durch den Gottesgedanken gestalten und frei durch den Gotteswillen regieren lassen.

Während die japhetische Kultur dem Menschen das eigene Wohlgefallen, den Sinn für Anmut und Schönheit zu Motiv und Maßstab seiner Veredlung bietet, und ihn eben damit aber auch zugleich allen Gebrechen und Schwächen, allen Verirrungen und Täuschungen dieses Sinnes überweist; während der gegenüberstehende Wahn die ganze Möglichkeit der Selbstveredlung des Menschen leugnet und dem irdischen Dasein alle Berechtigung und Seligkeit raubt gibt das Gesetz des Gottes Schems sein, Gottes, Wohlgefallen zum Motiv und Maßstab der Menschenveredlung, lehrt ihn das Reine und Unreine, das Lautere und das Unlautere, das Heilige und das Unheilige, das für Gottes Wohlgefallen Schöne und Widrige kennen, zeigt ihm die Grenze, wo die Freiheit beginnt und die Unfreiheit endet, wo die Freiheit endet und die Unfreiheit beginnt in dem geistig-sinnlichen, göttlich-irdischen Menschenwesen, und spricht zu ihm: Um deines Gottes Willen sei rein, um deines Gottes Willen sei heilig, um deines Gottes Willen meistere und weihe und heilige dein ganzes irdisches Dasein bis in seine sinnlichsten Regungen und Äußerungen hinab, banne alles Unreine, Unlautere, Unheilige, Freiheitswidrige, Gottmissfällige, Menschenunwürdige aus dem ganzen Kreis deines inneren und äußeren Lebens, auf dass alle deine Kreise ein Heiliges, Gottwohlgefälliges seien, und Gott bei dir einziehe und Gott dich begleite, dich beselige und beglücke, und Er keine tierische Blöße des Gott Missfälligen, Menschenunwürdigen bei dir schaue und von dir weiche ! וְנִ֨שְׁמַרְתָּ֔ מִכֹּ֖ל דָּבָ֥ר רָֽע — כִּי֩ ה‘ אֱלֹקיךָ מִתְהַלֵּ֣ךְ  בְּקֶ֣רֶב מַחֲנֶ֗ךָ לְהַצִּֽילְךָ֙ וְלָתֵ֤ת אֹיְבֶ֙יךָ֙ לְפָנֶ֔יךָ וְהָיָ֥ה מַחֲנֶ֖יךָ קָד֑וֹשׁ וְלֹֽא־יִרְאֶ֤ה בְךָ֙ עֶרְוַ֣ת דָּבָ֔ר וְשָׁ֖ב מֵאַחֲרֶֽיךָ׃ (5 B. M. 23:10;15.) [13]

Und wie dieses Gesetz alle Gedanken und Gefühle, Empfindungen und Regungen, Reize und Genüsse des ganzen geistig-sinnlichen Einzellebens des Menschen durch die Kraft der Reinheit, Freiheit und Heiligkeit zu einem Heiligtum des göttlichen Wohlgefallens gestaltet, also baut es auch das ganze menschengesellschaftliche Leben der Ehe, der Familie, der Gemeinde, des Volkes, des Staates durch dieselben Gedanken der Gottebenbildlichkeit aller Menschen und des göttlichen Wohlgefallens an der Reinheit und Treue, an der Lauterkeit und Wahrheit, an dem Recht und der Gerechtigkeit, an der Billigkeit und Milde, an der Barmherzigkeit und Liebe auf.

Dieses Gesetz überlässt ebenso auch die Gestaltung der Gesellschaft nicht den Gefühlen des leicht erregten und ebenso leicht beschwichtigten Menschenherzens, nicht den Satzungen des unter dem Schein der Wahrheit und des Rechts so oft nur die Lüge und die Gewalt der Selbstsucht abwägenden Menschenverstandes, sondern zeigt, wie nach dem Urteil der göttlichen Wahrheit die Ehen und Familien, die Gemeinden, das Volk und der Staat sich gestalten müssen, auf dass „Gottes Name Gatte und Gattin eine“, „Gott in der Gottes-Gemeinde wohne“, in Volk und Staat sich die Verherrlichung Gottes vollende, und so das ganze irdische Dasein in Wahrheit jene Vollkommenheit und Schönheit erreiche, die die hellenische Kultur vergebens in der sinnlichen Beschränktheit menschlichen Wohlgefallens gesucht und die allein in der Verwirklichung jenes Gesetzes, das, die höchste Einheit in der größten Mannigfaltigkeit schaffend, das ganze Einzel- und Gesamtleben in seinen tausendfältigen Verschiedenheiten, Gegensätzen und Beziehungen an einen Gottesgedanken knüpft, diesen einen Gottesgedanken in allen Fugen und Äußerungen des Kleinsten und Größten zur Anschauung bringt, und so ein Leben gestaltet, aus dem aller Widerspruch geschwunden, in welchem alle Gegensätze in die höhere Gottes-Einheit aufgegangen, und das nichts ist als Harmonie des Geistigen und Sinnlichen, des Menschlichen und Göttlichen, des Zeitlichen und Ewigen, דְּרָכֶ֥יהָ דַרְכֵי־נֹ֑עַם וְֽכָל־נְתִ֖יבוֹתֶ֣יהָ שָׁלֽוֹם[14] jenes Gesetzes, von dem allein es heißt: Anmut sind seine Wege und der Inbegriff seiner Pfade ist Harmonie und Friede.

Ist’s ein Wunder, dass dieses Gesetz, das der lauteste Protest gegen die Lüge nach beiden Seiten hin ist, das ebenso laut gegen die Diabolisierung wie gegen die Apotheose[15] des sinnlichen Lebens protestiert, das ebenso jeder Zügellosigkeit feind ist, als es jede Unterdrückung hasst, das das Recht als die Grundsäule der menschlichen Gesellschaft setzt, und nimmer glaubt, es könne die Liebe wieder gut machen, was gegen das Recht verschuldet worden, es könne einem Menschen die Liebe ersetzen, was ihm mit Unrecht als Recht versagt wird, das die Liebe erst da beginnen lässt, wo das Recht nicht ausreicht, — ist’s ein Wunder, dass es von allen Bonzen angefeindet wird, die in der Predigt von der Abtötung des Fleisches den Glorienschein ihres Heiligkeitsnimbus finden, und ebenso angefeindet wird von allen, die in den Reizen der Sinnlichkeit ihre Zehngebote und höchstens in der äußeren Folie der Anständigkeit ein Korrektiv derselben finden?

Ist’s ein Wunder, dass es angefeindet wird von denen, die in schrankenloser Willkür das Heil der Welt erblicken, und auch angefeindet wird von denen, die nur von bevormundender Knechtung die Rettung der Gesellschaft erwarten? Ist es ein Wunder, dass es unbegriffen und verachtet von allen bleibt, die nur ein Auge für das Ebenmaß sinnlicher Schönheit, aber keinen Sinn haben für die höhere Schönheit des Gedankens und für das Ebenmaß einer geistigen Harmonie; dass es unbegriffen und verachtet bleibt von allen, die keinen Sinn für die Wahrheit haben, wie nur in diesem Gesetz Gesetz und Freiheit vollständig in einander aufgehen,[16]  חֵרוּת עַל הַלַּחוֹת, indem die höchste Freiheit eben nur unter dem Gesetz von Gott über alle und alles erblüht?

Auch als zuerst auf judäischem Boden Japhet und Schem, griechische und jüdische Bildung, Hellenismus und Judaismus aneinanderstießen, war es nicht bloß und nicht besonders die Lehre, war es vorzugsweise das Gesetz, gegen welches hellenischer Wahnwitz mit allem Instinkt des Hasses sich wandte. Dauernder noch als der kurze Sieg der Waffen Alexanders war der Triumph, den griechische Sitten und griechische Bildung, die in seinem Gefolge einherzogen, über den Orient errungen. Dem geistig bildenden, den Sinnen schmeichelnden japhetischen Geist öffneten sich willig und gern überall die Gemüter. Nur in Judäa ward als Wahn verschmäht, was man überall als Weisheit begrüßte. Nur in Judäa ward als Entartung verworfen, was man überall als schön und herrlich begrüßte. Nur jüdische Jünglinge waren durch den Geist des Gesetzes gestählt gegen die Sirene hellenischer Sinnlichkeit; nur jüdische Männer gewappnet gegen die mit Blumen durchflochtenen Fesseln hellenischer Tyrannei. An der Reinheit und Hoheit des jüdischen Gedankens allein fand die athenische Minerva[17] einen noch ernsteren Schild zurückweisenden Medusenantlitzes. Das reizte die Wut des syrischen Makedoniers. Dem jüdischen Gesetze ward der Vernichtungskrieg gekündet.

Noch sind uns in der Gedächtnisrolle die einzelnen Gewalttaten aufbewahrt (Rosch Haschana, 19.; Taanith 28.; Meila 17. u. a. and. O.), wie man das jüdische Recht und die jüdische Keuschheit und die jüdischen Feste, wie man das jüdische Gesetz bis auf die Kenntnis desselben zu vernichten versuchte. הָיוּ דָּנִין דִּינֵי נָכְרִים, הָיוּ מוֹשִׁיבִין קַסְתָּרֵאוֹת בַּעֲיָרוֹת לִהְיוֹת אֶת הַכַּלּוֹת, גֵּזְאוּ שֶׁלֹּא יַעַסְקוּ בַּתּוֹרָה שֶׁלֹּא יָמוּלוּ אֶת בְּנֵיהֶם, וְלֹא יִשְׁמְרוּ אֶת הַשַּׁבָּת, וְשֶׁיַּעַבְדוּ לְאָחִילֶחָם. . Heidnisches Recht trat an die Stelle des göttlichen Rechts, Staatsgesetz ward die Schändung der jungfräulichen Bräute, Staatsverbrechen das Lernen der Thora, die Beschneidung der Söhne, die Feier des Sabbats, Staatspflicht die Verehrung hellenischer Götter; לֹא הָיוּ מַזְכִּירִין שֵׁם שָׁמַיִם בְּפִיהֶם nicht mehr nennen durfte der Jude den einen Einzigen Gott. Wie Diebe musste man sich mit den Erstlingsfrüchten und dem Opferholz zum Altar des Einzigen hinaufstehlen, בְּנֵי גּוֹנְבֵי עָלַי וכו‘. Und während man den Tempel des Einzigen mit hellenischen Gräueln entweihte — בָּנוּ סְמָאוֹת בָּעֲזָרָה וְכוּ‘ טָמְאוּ כָּל הַשְּׁמָנִים — wurden die Läden und Wohnungen rosenbekränzt den Göttern geweiht, tönten Götterhymnen durch Jerusalems Gassen, und Stiere und Esel mussten die Inschrift an den Stirnen tragen, dass ihre Besitzer keinen Teil mehr am Gott Israels hätten,  מְבִיאִין עֲטָרוֹת שֶׁל וּוֶרֶד וְתוֹלִין אוֹתָן עַל פִּתְחֵי בָּתֵּי ע“ז שֶׁלָּהֶם וְעַל פִּתְחֵי חֲנָיוֹת הַחֲצֵרוֹת וְשִׂרְיֹן בְּשִׁיר לַע“ז וְכוֹתְבִין עַל מִצְחוֹ שֶׁל שׁוֹר וְעַל מִצְחוֹ שֶׁל חֲמוֹר שֶׁאֵין לְבַעֲלֵיהֶם חֵלֶק בַּאלְקִי יִשְׂרָאֵל!!

Als nun aber dennoch der jüdische Gottesfunke in der Brust des Priester-Greises zu Modin genügte, den Heldenmut seiner Söhne zu wecken, und an dem Widerstand dieser einen Familie sich die Treue des Volkes wieder entzündet, vor dem Gottesmut der Heldenstreiter die feigen Schergen hellenisch-syrischer Tyrannei gewichen, das Land gesäubert, das Heiligtum wiederum geweiht und Gottes Gesetz aufs Neue in seiner ungeschwächten Macht über Judäas Volk herrschte, war es nicht Hasmonäer-Mut, nicht das Makkabäer-Schwert, waren es nicht Judas ruhmbekränzte Kriegstrophäen, denen das Fest ewiger Erinnerung gestiftet wurde — „Chanukka“, Weihe, nicht Makkabäerfest, nennt sich die Feier; „Neroth“, Lichter, nicht Zeichen kriegerischer Macht und Herrschaft sind ihr Symbol.

Es war nicht Juda, der Makkabäer, der Antiochus, den Syrer, überwunden, es war das jüdische Licht, das den Sieg errungen hatte über den blendenden Glanz hellenischen Schimmers. Der Geist, den Mathithjahu in seiner hohenpriesterlichen Brust zu bewahren und in seinen Kindern zu pflegen verstanden, der war der Fels, an dem das hellenische Unwesen zerschellte, und dieser Geist — nicht aber das Kriegerschwert und nicht das mit der Priestertiara verwebte fürstliche Diadem königlicher Macht — war es, was ferner das Gesetz im Volke erhielt.

Auch war’s nicht der Hasmonäer priesterfürstliches Geschlecht, dem sich Mathithjahus Geist der Gesetzestreue vererbte. Diesem Geschlechte genügte es bald nicht mehr, Priester des Gesetzes zu sein, dem ihr Heldenarm die Stätte und das Heiligtum wieder erobert. Gar bald gefiel es sich darin, das Schwert, das ihm die Begeisterung für Israel und sein Gesetz in die Hand gegeben, nun auch über Israel und sein Gesetz zu schwingen. Da ging es in eitlem Königsglanz, Israel und seinem Gesetz entfremdet, unter und riss Altar und Thron mit in den Abgrund seines Falls. Aber das Volk blieb aufrecht. Nicht in den Tempeln und in den Palästen, in den Hütten des Volkes vererbte sich der Hasmonäer-Geist der Gesetzestreue, fand das Hasmonäer-Licht die für ewig sichere Stätte. Als der Staub, der von des Altars und des Thrones Trümmern alles in nächtig Dunkel verhüllt hatte, zerstiebte, stand dieses Volk, ohne Thron und ohne Altar, aufrecht, fester und begeisterter als je um Gottes Gesetz geschart, trug dieses Gesetz mit hinaus aus dem Untergang aller seiner nationalen Größe und zeigte eben in dieser Begeisterung für Gottes Gesetz sich als die wahren Erben von Mathtihjahus Hasmonäer-Geist.—

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Wenn daher wiederum ein falscher Geist hellenischen Schimmers dem alten Geist des jüdischen Gesetzes die Herrschaft über Judas Hütten und Herzen streitig machen möchte; wenn Judas Söhne und Töchter, dem Gotteslicht und der Gottesherrlichkeit seines Gesetzes entfremdet, dem sinneschmeichelnden Hauch einer hellenischen Bildung zum Opfer fallen die Wahrheit und Tiefe, die Harmonie und Schönheit eines durch und durch von Gottes Wort getragenen und in Gottes Gesetz vollendeten Lebens gegen die gedanken- und gehaltlose Oberflächlichkeit und das sinnliche Wohlgefallen einer hellenisch ästhetischen Tünche fahren zu lassen in Begriff stehen, und schon dieser hellenische Taumel „Priester und Tempel erfasst — lasst uns mit doppeltem Ernst und doppelter Freudigkeit unser Hasmonäer-Licht in unseren Hütten anzünden und dabei Gott und seinem Gesetz geloben: unsere Hütten dem Licht seines Gesetzes zu erhalten, auf dass unsere Hütten sühnen, was die Tempel verschulden, Väter und Mütter ergänzen, was Lehrer und Priester versäumen, und ein jedes unserer Häuser sich zu einem Bollwerk des Gesetzes vollende, an welchem das wahnwitzige Beginnen jüdischer Antioche ohnmächtig zerschelle — —


[1] Exodus 10:23

[2] Megilath Thaanith Nisan

[3] Orach Chaim 573

[4] Rosh Hashana 19b

[5] Rosh Hashana 18b

[6] Um das Wunder bekannt zu machen

[7] Eber ist eine biblische Figur aus dem Alten Testament (Genesis) und gilt als der Urvater der Hebräer. Eber war der Urenkel von Sem (Schem), dem ältesten Sohn Noahs. Der Name „Hebräer“ (ibri) wird sprachlich und historisch direkt von Eber abgeleitet.

[8] Genesis 9:22

[9] Genesis 9:23

[10] Kalokagathia (altgriechisch καλοκἀγαθία, von kalos kai agathos – „schön und gut“) ist ein antikes griechisches Ideal, das die harmonische Einheit von körperlicher Schönheit und geistig-sittlicher Vortrefflichkeit (Arete) beschreibt.

[11] sybaritisch bedeutet genusssüchtig, schwelgerisch, verweichlicht oder übermäßig genießerisch

[12] Die attische Bildung (auch athenische Paideia genannt) bezeichnet das Erziehungs- und Bildungssystem im antiken Athen (der Region Attika), das im Gegensatz zum streng militärischen System Spartas auf eine ganzheitliche Entfaltung von Körper, Geist und Charakter ausgerichtet war

[13] …. so hüte dich vor jeglichem Schlechten. — Denn Gott, dein Gott, wandelt in der Mitte deines Lagers, dich zu retten und deine Feinde vor dich hinzugeben; so seien deine Lager ein Heiliges, dass er an dir keine Blöße schaue und sich zurückhalte, dich zu begleiten. (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)

[14] Sprüche 3:17; „Ihre Wege (Die Wege der Thora) sind Wege der Beglückung, und alle ihre Pfade Friede“ (Übersetzung Rabbiner Dr. Bennedikt Pinchas Wolf)

[15] Die Apotheose (altgriechisch apothéōsis – Vergottung) bezeichnet ursprünglich die Vergöttlichung eines Menschen, also die Erhebung eines Sterblichen in den Rang eines Gottes oder Halbgottes.

[16] Freiheit durch Befolgung des Gesetzes

[17] Der Ausdruck „athenische Minerva“ verknüpft die römische Göttin Minerva mit der griechischen Stadt Athen und bezeichnet damit direkt das römische Äquivalent der griechischen Göttin Pallas Athene. Wenn im historischen, literarischen oder kunstgeschichtlichen Kontext von der „athenischen Minerva“ gesprochen wird, meint man meist die klassische Darstellung der Göttin mit ihren typischen Symbolen: dem Helm, dem Schild (Ägide) mit dem Medusenhaupt, der Lanze sowie der Eule als Symbol der Weisheit

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