Diesen Artikel schrieb Rabbiner Samson Raphael Hirsch in seiner Zeitschrift „Jeschurun“ im November 1858. Er stellt die Frage auf: „Was ist Gott der Einzelne, was ist ihm die Gemeinde“. Wie hat sich der Einzelne zur Gemeinde, wie die Gemeinde zum Einzelnen zu verhalten.
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2942929
Die Gemeinde
Am 7ten Cheschwan, wenn der entfernteste Festwaller[1] bereits wieder in die Heimat zurückgekehrt sein konnte, begann man mit der Einschaltung der Regenbitte in das Gebet[2]. Es war nämlich der Cheschwan die Zeit, in welcher sich fast der Fruchtsegen des ganzen Jahres durch rechtzeitigen Eintritt des Regens zu entscheiden hatte. Stellte er sich zur gehofften Zeit nicht ein, so waren Fastentage angeordnet, die in periodischer Stufenfolge immer an Entsagung und Beschränkung des Genusses, des Verkehres und der Familienfreuden zunahmen.
Bei dieser Gelegenheit hören wir (Thaanith 11 a.) die zu beherzigenden Worte:
תָּנוּ רַבָּנַן: בִּזְמַן שֶׁיִּשְׂרָאֵל שְׁרוּיִין בְּצַעַר וּפֵירַשׁ אֶחָד מֵהֶן, בָּאִין שְׁנֵי מַלְאֲכֵי הַשָּׁרֵת שֶׁמְּלַוִּין לוֹ לָאָדָם, וּמַנִּיחִין לוֹ יְדֵיהֶן עַל רֹאשׁוֹ, וְאוֹמְרִים: פְּלוֹנִי זֶה שֶׁפֵּירַשׁ מִן הַצִּבּוּר אַל יִרְאֶה בְּנֶחָמַת צִבּוּר.
„Wenn Israel in Leiden ist und es bleibt einer teilnahmslos dabei, so legen die beiden jeden Menschen begleitenden Engel ihm ihre Hände aufs Haupt und sagen: „Er hat sich von der Gemeinde ausgeschlossen, er erfahre auch nicht den Trost der Gemeinde.““
תַּנְיָא אִידַּךְ: בִּזְמַן שֶׁהַצִּבּוּר שָׁרוּי בְּצַעַר, אַל יֹאמַר אָדָם: אֵלֵךְ לְבֵיתִי, וְאוֹכַל וְאֶשְׁתֶּה, וְשָׁלוֹם עָלַיִךְ נַפְשִׁי. וְאִם עוֹשֶׂה כֵּן — עָלָיו הַכָּתוּב אוֹמֵר: ״וְהִנֵּה שָׂשׂוֹן וְשִׂמְחָה וגו‘
„Wenn die Gemeinde in Leiden ist sage keiner, „ich gehe nach Hause, esse und trinke und lasse mir es gut sein!“ Tut er dies, so heißt es von ihm (Jesaias 22): „da ist Fröhlichkeit und Freude, Rinder töten, Schafe schlachten, Fleisch essen, Wein trinken, Essen, Trinken, morgen sterben wir ja doch!“ Meinen Ohren wird es offenbar, o Gott, dass diese Sünde Euch nicht bis in den Tod verziehen wird.““עַד כָּאן מִידַּת בֵּינוֹנִים וכו‘ Und das sind noch die Mittelmäßigen; von den Schlechten heißt es: (das.56 ) „Kommt, ich gebe Wein her, wir wollen uns tüchtig berauschen und wie heute wird’s auch morgen hergehen!“ Darauf heißt es: „der Gerechte geht hin und keiner nimmt’s zu Herzen, dass vor dem Unglück eingetan wird der Gerechte.“ אֶלָּא, יְצַעֵר אָדָם עִם הַצִּבּוּר, שֶׁכֵּן מָצִינוּ בְּמֹשֶׁה רַבֵּינוּ שֶׁצִּיעֵר וכו‘ Vielmehr trage jeder mit die Leiden der Gemeinde, so setzte Mosche sich auf Stein und stützte sich auf Stein (2.B.M. 16) als er für sein Volk, das in Kriegsnot war, betet, וְכׇל הַמְצַעֵר עַצְמוֹ עִם הַצִּבּוּר — זוֹכֶה וְרוֹאֶה בְּנֶחָמַת צִבּוּרund jeder der an dem Leiden der Gemeinde teilnimmt, wird auch mit Teilhaben an dem tröstenden Heil der Gemeinde וְשֶׁמָּא יֹאמַר אָדָם: מִי מֵעִיד בִּי? אַבְנֵי בֵיתוֹ שֶׁל אָדָם וְקוֹרוֹת בֵּיתוֹ שֶׁל אָדָם מְעִידִים בּוֹ וכו‘ und sagt einer, wer weiß um mich! Siehe, die Steine und Wände seines Hauses zeugen wider ihn, die Engel, die ihn begleiten, seine eigene Seele, ja die Glieder seines eigenen Leibes zeugen wider ihn; denn also heißt es: „ אַתֶּם עֵדַי נְאֻם ה׳ Ihr selbst seid meine Zeugen, spricht Gott!“
So dringt die Lehre der Weisen auf jenes Gesamtgefühl, das jeden einzelnen sich als Glied des Ganzen empfinden lässt, und wie der Letzte, Vereinzeltste, der Gesamtheit nicht fremd sein darf, wie „die Gesamtheit nicht um Regen bittet so lange nicht der fernste ihrer Genossen in die Heimat zurückgekehrt sein kann“, so soll auch ein jeder selbst in isoliertester Zurückgezogenheit die Gesamtheit im Herzen tragen und sich daheim nicht gütlich tun, wenn die Wehklage auf den Gassen weilt.
Es ist aber überhaupt ,“צִבּוּר“ die Gemeinde, ein Begriff, der in der jüdischen Anschauung mit hoher Geltung umkleidet und mit noch viel innigeren Banden seine Glieder zu fesseln geeignet ist, als der Staat seine Bürger, als seine Söhne das Vaterland.
Das Gefühl der Dankbarkeit, das Bewusstsein materieller und geistiger Interessen, der Sinn der Ehre und der Pflicht weben anderwärts das Band zwischen der Gesamtheit und ihren Gliedern. Der Einzelne fühlt es, dass er nur durch das Zusammenwirken aller seine Einzelstellung gewinnt und seines Einzelstrebens froh wird. Allein in jüdischen Kreisen sind es gerade die höchsten Güter, an denen der Einzelne gar nicht als Einzelner, sondern eben nur als Glied der Gesamtheit, als Genosse der Gemeinde teilnimmt, und sind es gerade die höchsten Zwecke, die er gar nicht als Einzelner, sondern eben nur als Glied des Ganzen zu lösen im Stande ist.
Nicht mit dem Einzelnen, mit der jüdischen Gesamtheit, mit seiner Gemeinde hat Gott den Bund seines Gesetzes und seiner Verheißungen geschlossen, nicht den Einzelnen, der Gesamtheit seine nächste Nähe zugesagt. Es war selbst nicht eines Mosches unerreichte geistige und sittliche Größe, es waren die Tausende und Myriaden der um Gott vereinten Volksgemeinde, die die Gottes Herrlichkeit aus Himmelshöhen in die irdische Nähe luden,,שׁוּבָה ה‘ betete Mosche, wenn die Lade des Bundesgesetzes zur Ruhe sich wandte, kehre ein, o Gott,,רִבְבוֹת אַלְפֵי יִשְׂרָאֵל unter die Myriaden der Tausende Israels, מְלַמֵּד שֶׁאֵין הַשְּׁכִינָה שׁוֹרָה עַל פָּחוֹת מִשְּׁנֵי אֲלָפִים וּשְׁנֵי רְבָבוֹת מִיִּשְׂרָאֵל! (Baba Kama 83) Und wenn Gott von Mund zu Mund mit Mosche sprach, so sprach er immer nur mit ihm לאמר, weil es der Mitteilung an das Volk, an die Gesamtheit, an die Gemeinde galt; nicht um Mosche‚s Willen, בִּשְׁבִילְכֶם , um Israels Willen offenbarte sich Gott dem Mosche ספרא ויקרא) Anfangs( Ja, es wird selbst der Größte nur der höchsten Gottes-Gnade gewürdigt, wenn ,דּוֹרוֹ רָאוּי לְכָךְ wenn seine Zeit, wenn die Gesamtheit, die ihn umfängt, dessen würdig ist (Sotah 48b). Denn nicht auf den Einzelnen, auf die jüdische Gesamtheit hat Gott den Bau seines Reiches gestützt. Nicht von dem Einzelnen, von der Gesamtheit erwartet er die höchste Lösung seines Willens וְנִקְדַּשְׁתִּי בְּתוֹךְ ב“י im Kreise der jüdischen Gesamtheit, lautet sein Wort, will ich geheiligt werden, und sein ganzes Gesetz hat ja nicht bloß die Heiligung des Individuums, sondern die Vollendung des Gesamtheitslebens aus dem Boden des heiligen Gotteswillens zum Gegenstand, und setzt somit das ewige Dasein einer ihm geweihten Gesamtheit als erste Bedingung voraus. Die reichste Einzelkraft ist zu arm das göttliche Gesetz zu tragen, das vollendetste Einzelleben immer nur ein Fragment des großen Ideals, das durch die Thora zur Verwirklichung kommen soll, und der reichste und vollendetste Einzelne ist eben nur ein Einzelner, dessen Denken und Streben mit den siebzig Jahren seines Hierseins erlischt. Nur, wie das Wort der Weisheit treffend lautet ,אֲגוּדָתוֹ עַל אֶרֶץ יְסָדָהּ „seine Verbindung hat er auf Erden gegründet“, hat sich eine Gesamtheit dahin gestellt, die eben in ihrer mannichfaltigen Verschiedenheit alle Seiten des göttlichen Gesetzes zur Verwirklichung zu bringen vermag, in welcher, wie das חֶלְבְּנָה im קְטֹרֶת selbst die Mangelhaften und Schwachen mit zur Vollendung des Ganzen gehören, um von den Vollkommenen und Begabten überwunden und gesühnt, erzogen und veredelt, erhalten und getragen zu werden (כריתות (ו‘ die wie der Feststrauß, mit dem wir am Hüttenfest vor Gott erschienen, die verschiedensten Nuancen der Begabung und des Charakters, die frühwelkende Weide und den immer grünenden Ethrogbaum, die geistig duftende Myrthe und die mit ihren Früchten nährende Dattelpalme mit einem Bande umschlingt תְּלוּיִם אֵלֶּה בְּאֵלֶּה לִמְשֹׁךְ אֵלֶּה אֶת אֵלֶּה לְכַפֵּר אֵלֶּה עַל אֵלֶּה לַעֲשׂוֹת אֵלֶּה כָּאֵלֶּה לַחֲנֵעִים זְמִירוֹת אֵלֶּה לְמִי בָּרָא אֵלֶּה die einen an den anderen hangend, heranzuziehen die einen die anderen, zu sühnen die einen die anderen, zu bilden, die einen wie die anderen, bis das Ganze eine Verherrlichungshymne dessen werde, der diese Gesamtheit der Mannigfaltigkeiten zu seiner Verherrlichung geschaffen.“
Nur die Gesamtheit ist’s ferner, wie ein anderes Wort der Weisheit lautet אֵין צִבּוּר מֵת וְאֵין צִבּוּר עָנִי, die nie arm ist und nie stirbt. Räumlich und zeitlich ist nur die Gesamtheit im Stande das göttliche Gesetz zu tragen. Nur die Gesamtheit ist nie arm, sie kann in jeder Zeit alles erfüllen, alles Herstellen, was die Verwirklichung des Heiligtums, die Vollendung des göttlichen Reichs auf Erden bedarf. Sie ist nie arm, sie hat zu allem die Mittel, wenn ihre Glieder von dem rechten Gesamtgefühl erfüllt sind. Aber was noch mehr ist, sie stirbt nicht, alle Ewigkeit ist ihr, sie kann für ewige Zeiten schaffen, wenn sie es nur versteht ihren Geist und ihren Willen in ihrem Kreis zu vererben, und sie kann auf die Zukunft rechnen, die vollenden wird, was sie begonnen, die sühnen wird, was sie verfehlt, die ergänzen wird, was sie mangelhaft gelassen. In der Gesamtheit stehen daher nicht nur in jeglicher Gegenwart die verschiedensten Nuancen des Seins und des Strebens ausgeglichen da, die Gesamtheit repräsentiert nicht nur in jeglicher Gegenwart den am vollendetsten vorhandenen Träger des göttlichen Gesetzes, sie steht zugleich in jeder Gegenwart da als die Wurzel aller Zukunft, als die Keime aller künftigen Größe und Vollkommenheit in ihrem Schoße bergend, sie vergegenwärtigt dem Gottesblick in jedem Momente bis im Laufe der Jahrhunderte zur Vollendung reifende Ideal Israels, und אלה‘ נִצָּב בַּעֲדַת א‘ und Gott ist gegenwärtig in der Gemeinde Gottes!“ Denn nur die Gesamtheit, die Gemeinde ist,עֵדָה „die für die Gottesbestimmung immer Bereite“, nur sie in ihrer vereinigten Kraft trägt die Bestimmung und ist in ihrer Permanenz immer vorhanden.
Es ist aber die jüdische Gemeinde in ihrer durch keine Stellvertretung zu beseitigenden Ursprünglichkeit nichts anderes als die wirkliche Vereinigung aller ihrer Glieder, d. h. aller Juden, eine Wirklichkeit, die nie und nimmer zu einer bloßen Fiktion herabgebracht werden darf. Sie ist aber daher auch in jedem einzelnen ihrer Glieder zu allen Zeiten gegenwärtig; denn kein Jude ist ein bloßes Individuum, er ist wesentlich Glied der großen jüdischen Gesamtheit, und wenn er sich recht begreift, so hat er selbst sein individuellstes Einzelleben nur als Beitrag zu der von der ganzen Gesamtheit durch alle ihre Glieder zu verwirklichenden Aufgabe seinerseits zu lösen. Diese in jedem einzelnen Juden vorhandene Vertretung der jüdischen Gesamtheit ist von so unauslöschlicher Wirklichkeit, dass ja ursprünglich jeder einzelne Jude, nach gesetzlicher Praxis aber jede drei Juden, שְׁלֹשָׁה הֶדְיוֹטוֹת[3] , ohne weitere besondere Bevollmächtigung das Gesetz Namens der Gesamtheit gegen jeden Einzelnen zu vertreten bevollmächtigt sind und als Zivilgericht jeden Einzelnen vorladen, beurteilen, verurteilen, und zur Erfüllung des gesetzlichen Rechtes anzuhalten befugt und vermögend sind. שְׁלֹשָׁה הֶדְיוֹטוֹת דָּנִין אֶת הָאָדָם בַּעַל כְּדָחוֹ.
Insbesondere bedeutsam tritt der Begriff der jüdischen „Gemeinde“ bei den höchsten Momenten der jüdischen Lebensaufgabe hervor, sei es, dass es gilt die höchste Pflicht der jüdischen Bestimmung durch Tat zu vollbringen, oder sich dieser höchsten Lösung im Gottesdienst zu weihen. Das Höchste, das der Mensch hat, für die Rettung des Höchsten, das Gott auf Erden gestiftet, einzusetzen, die Treue gegen das göttliche Gesetz mit dem Leben zu bezahlen, den Märtyrertod für Gott zu sterben wird — außer Religions-Verfolgungs-Epochen — nur gefordert, ja vielleicht sogar nur gebilligt, wenn es in Mitte einer jüdischen Gemeinde geschieht, wenn mindestens zehn Juden — der kleinste Kreis jüdischer Gemeinschaft — darum wissen, wenn ,וְנִקְדַּשְׁתִּי בְּתוֹךְ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל wenn damit einer jüdischen Gesamtheit das Beispiel der höchsten Heiligung des göttlichen Namens und Willens gegeben wird, wenn gleichsam eine jüdische Gesamtheit Erbin der großen Wahrheit ist, die hier aufs Neue mit dem Blute besiegelt wird. Scheint es doch, als ob was geleistet und gelehrt wird, wahrhaft nur dann geleistet und gelehrt ist, wenn es einer Gesamtheit geleistet und gelehrt worden. Was der Einzelne von uns empfängt, — so bedeutend auch gewiss das Wirken für den Einzelnen ist und נֶפֶשׁ אַחַת מִיִּשְׂרָאֵל einer „ganzen Welt“ gegenüber das Gleichgewicht hält, — was wir dem Einzelnen geleistet, was wir dem Bewusstsein des Einzelnen anvertraut, ist doch nur vielleicht auf die kurze Daseins-Dauer dieses Einzelnen beschränkt. Aber nur was wir für die Gesamtheit gewirkt, was wir dem Bewusstsein einer Gesamtheit, der nimmer Sterbenden, übergeben, haben wir für die Ewigkeit getan und gelehrt und noch den spätesten Enkeln reift die Frucht aus unserem Leben und Sterben. Ist doch das vielleicht die Meinung jener sinnschweren Sätze R. Gemaliels des Sohnes R. Jehuda‚s Hannassi: וְכָל הָעוֹסְקִים עִם הַצִּבּוּר, יִהְיוּ עוֹסְקִים עִמָּהֶם לְשֵׁם שָׁמַֽיִם, שֶׁזְּכוּת אֲבוֹתָם מְסַיַּעְתָּם, וְצִדְקָתָם עוֹמֶֽדֶת לָעַד. וְאַתֶּם, מַעֲלֶה אֲנִי עֲלֵיכֶם שָׂכָר הַרְבֵּה כְּאִלּוּ עֲשִׂיתֶם[4]. Sagen diese Sätze doch vielleicht: „Wer sich mit der Gemeinde beschäftigt, beschäftige sich mit ihr in reiner Gesinnung. Denn wie sie, die Gemeinde, von dem Verdienste ihrer Väter getragen ist, so ist auch das Gute, das für sie und durch sie geleistet wird, für die Ewigkeit getan, — die Tugend der Gesamtheit erben die Enkel — und Euch, Gegenwärtigen erwächst so reicher Lohn, als hättet ihr das Gute geübt, — (das einst noch die spätesten Enkel aus eurem treuen Wirken für die Gesamtheit schöpfen).“ Sehen wir denn nicht auch in der Tat, wie die Märtyrer unserer Vorzeit dadurch, dass ihre Hinopferung dem Bewusstsein ihrer Gesamtheit übergeben worden, noch jetzt für uns und unsere Kindeskinder gestorben sind? Wirkt ihr Beispiel nicht fort in jeder Anregung zu gleicher opferfreudiger Hingebung, die noch der späteste Enkel aus ihrem von der Gesamtheit jährlich gefeierten Gedächtnis schöpft?
Und wie hier im Leben, so auch in dem Rüsten und in der Weihe für‚s Leben, im Gottesdienst. כׇּל דָּבָר שֶׁבִּקְדוּשָּׁה לֹא יְהֵא פָּחוֹת מֵעֲשָׂרָה.[5] Nicht der Einzelne als Einzelner vermag „Amen“ zu der Verheißung und Bestimmung zu sagen, dass „Gottes großer Name in Seiner Welt gehoben und geheiligt“ werden solle, und dieses „Amen“ mit dem Entschluss zu besiegeln, dass „diese Verherrlichung seines großen Namens durch ihn segnend gefördert“ werden solle = .קדיש ,א’י’ש’ר‘ Nicht an den Einzelnen als Einzelnen kann die Aufforderung zu solcher „segnenden Forderung“ des Gottesreiches auf Erden ergehen, und nicht der Einzelne als Einzelner kann einer solchen Aufforderung entsprechen =.‘ ברכו ,ב’ה’ל’ו‘ Vermessenheit wäre es vom Einzelnen als Einzelner zu sagen: „er wolle wie die Engel in den Höhen Gottes Namen auf Erden heiligen = .קדושה Kein Einzelner, Israels Gesamtheit auf Erden, in ihrer Gesamtheit die Mannigfaltigkeit und Fülle bis zur höchsten Geistes- und reinsten Willenskraft auf Erden und das Wirken aller vergangenen und künftigen Geschlechter umfassend, nur diese in ihrer Gesamtheit ist der Gottesbote — auch ein Engel „mit dem Gottes Namen in seinem Innern“ auch ein ,ישר אל Gottesgesandt im Ringkampf mit den irdischen Mächten dem Gottessieg und der Gottesverherrlichung auf Erden den Weg zu bahnen, — „nur sie, in Hinblick auf ihre Vergangenheit und Zukunft vermag engelgleich das Wort der Gottesheiligung in den Mund zu nehmen, nur ihre verjüngten Gesamtheitssprossen, die kleinen jüdischen Häuflein in weitester Zerstreuung vermögen als ihre Töchter das gottverherrlichende Wort der Mutter nachzusprechen und als Sohn dieser Tochter, als Glied der Gesamtheit kann, ja soll der Einzelne dieser Gewaltverherrlichung sich anschließen. Kann und soll! Denn wie nur im Anschluss an die Gemeinde der Einzelne den kleinen Anteil voll zu lösen vermag, den er seines Teils an der großen jüdischen Gesamtaufgabe zu tragen hat: so kann ja auch die jüdische Gesamtheit ihre große Gottesbotschaft auf Erden nicht vollbringen, ja sie selbst und ihre Sendung wäre reine Chimäre[6] und Dichtung, wenn nicht jeder Einzelne durch seine volle Dahingabe an die Gesamtbestimmung und Pflicht sein Scherflein zur Vollendung des Ganzen trüge. Denn nur in dem Gesamtcompler[7] aller Einzelnen ist die Gesamtheit wirklich, so wie der Einzelne nur im Aufgehen in die Gesamtheit sein wirkliches, ewiges Dasein auf Erden findet.
Darum ist aber auch der Anschluss an die „Gemeinde“ im Gebet überhaupt von so hoher Bedeutung für den jüdischen Gottesdienst. Nur im Anschluss an die Gesamtheit, und für dieselbe an seine Gemeinde, in der Gemeinde, für die Gemeinde, mit der Gemeinde betend und wünschend, hoffend und strebend, wirkend und schaffend findet der Einzelne seine wahrhafte Stelle vor Gott. Und das in solcher Gemeinsamkeit Erflehte mag am vollsten der Erhörung, und nur das durch in solcher Gemeinsamkeit gefasste Vorsätze Begonnene am vollsten des Segens harren. So sehr, dass selbst, wer an dem wirklichen Anschluss an die Gemeinde zur Zeit des Gottesdienstes verhindert ist, sich wenigstens ihr im Geiste mit seinem Gebete anschließen und sein Gebet in derselben Zeit verrichten sollte, in welcher die Gemeinde im Gotteshaus versammelt betend vor Gott steht. Denn:אֵימָתַי עֵת רָצוֹן — בְּשָׁעָה שֶׁהַצִּבּוּר מִתְפַּלְּלִין, ואין הקב״ה, מוֹאֵס בִּתְפִלָּתָן שֶׁל רַבִּים, כָּל מִי שֶׁיֵּשׁ לוֹ בֵּית הַכְּנֶסֶת בְּעִירוֹ, וְאֵינוֹ נִכְנָס שָׁם לְהִתְפַּלֵּל, נִקְרָא ״שָׁכֵן רַע״! ja, גּוֹרֵם גָּלוּת לוֹ וּלְבָנָיו! (Berachoth 7b u. 8a).
Wie aber somit der Gedanke des Aufgehens des Einzelnen in die Gesamtheit, ja, seines Wurzelns und der Begründung seines wahrhaften Seins und Strebens in ihr in so prägnanter Weise im jüdischen Gottesdienst seine stete Neubelebung findet, so tritt auch das Korrelat[8] dieses Verhältnisses, die Gegenwart der Gesamtheit in jedem Einzelnen, die Zusammengehörigkeit, die Gegenseitigkeit aller, nach welcher keiner sich materiell und sittlich vollendet halten darf, so lange noch einer materiell oder sittlich mangelhaft ist, und ebenso jeder berufen ist für den Mangel des andern einzutreten und seine Ergänzung zu vermitteln, alle diese die jüdische Gesamtheit zu einer wahrhaft lebensvollen Gemeinschaft gestaltenden Verhältnisse, die das Lebensblut des Gesamtherzens durch alle Organe treibt und jene Sympathie der Glieder erzeugt, die Israel in Wahrheit zu dem ,גּוֹי אֶחָד בָּאָרֶץ zu jener Einheit sondergleichen auf Erden schafft, um die die Welt uns beneidet — alle diese Verhältnisse treten auch beim Gottesdienst, dieser rüstenden Weihe fürs Leben, in eindringlicher Weise hervor. Da bedarf keiner Firmelung[9] und Weihe, keines Handauflegens und Herabsteigens des Heiligen Geistes; jeder Unbescholtene kann als [10]שְׁלִיחַ צִבּוּר die Gesamtheit repräsentieren und Namens der Gemeinde beten und für Gott die Gemeinde zum Bekenntnis und zur Beherzigung ihrer heiligsten Bestimmung und Auf- gabe auffordern, — und in den Sätzen כָּל הַמְּחֻיָּב בַּדָּבָר מוֹצִיא אֶת הָרַבִּים יְדֵי חוֹבָתָן und אַף עַל פִּי שֶׁיָּצָא — מוֹצִיא dass jeder der selbst auf eine Sache verpflichtet ist, auch dem anderen zur Erfüllung seiner Pflicht Vermittlung zu leisten vermag und selbst wenn er für sich bereits das ihm Obliegende erfüllt hätte, er sich dennoch so lange noch verpflichtet zu halten hat, so lange die Verpflichtung des andern noch der Erfüllung harrt, in diesen Sätzen tritt das עַרְבוּת die Verantwortlichkeit, die ein Jude für den andern vor Gott trägt כָּל יִשְׂרָאֵל עֲרֵבִים זֶה לָזֶה in so ausgeprägter Weise hervor, dass kaum etwas anderes so geeignet ist uns des innigen Bandes bewusst zu machen, das uns alle zu einer einzigen Einheit vor Gott verbindet.
Und das ist das Gefühl, an welches die Eingangs mitgeteilten Sätze der Weisen appellieren. Wie wir im Gebet vor Gott stehen, so sollen wir uns im Leben bewähren. Was wir im Gebet Gott gelobt, das sollen wir im Leben lösen. Nicht im Gebet die Einheit und im Leben die Zwietracht, nicht im Gebet das Gesamtgefühl und im Leben der Egoismus, nicht im Gebet die Hingebung und im Leben die Selbstsucht. Sondern das Gesamtgefühl, das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, der Gemeinsamkeit der Aufgabe und ihrer Lösung, werde von früh an in uns groß gezogen, auf dass das Leben uns vereint finde, einen Schmerz alle fühlen, eine Begeisterung alle belebe und alles Gute und Edle, alles Gottgefällige und Große stets eine Vereinigung von Kräften finde, die vor den höchsten und erst durch Generationen hindurch zu erreichenden Zielen nicht zurückzuschrecken hat und welcher Gott jederzeit seinen Beistand und Segen verheißen hat:
הֵן א׳ כַּבִּיר לֹא יִמְאַס![11]
[1] Pilger, die zum Sukkotfest zum Stiftszelt, später zum Tempel, kamen
[2] In die 9. Beracha der Schmone Esre: טל ומטר לברכה Im Galuth gilt eine andere Regel!
[3] Drei Laien
[4] In Anlehnung an Pirkei Avot 2: R. GAMLIÉL, SOHN R. JEHUDA DES FÜRSTEN, SAGTE : …. ALLE, DIE SICH IM DIENSTE DER GEMEINDE ABMÜHEN, SOLLEN DIES UM DES HIMMELS WILLEN TUN, DENN DAS VERDIENST IHRER VÄTER STEHT IHNEN BEI UND IHRE FRÖMMIGKEIT BESTEHT FÜR EWIG. EUCH ABER WERDE ICH REICHEN LOHN ANRECHNEN, ALS HÄTTET IHR ES VOLLBRACHT. (Übersetzung L. Goldschmidt)
[5] Megilla 23b
[6] Biologisches Mischwesen
[7] Gesamtkomplex
[8] Gegenstück
[9] Altes Wort für Firmung, Einsegnung
[10] Vorbeter (der vor der Gemeinde die Gebete vorträgt)
[11] Hiob 36:5; „Siehe, Gott ist mächtig und verachtet nicht!“
