Bereits ab dem 1. Elul wird nach dem Morgengottesdienst das Schofar geblasen. Welche Bedeutung hat der Elul-Schofar für uns? Dieser Frage geht Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l nach. Durch unser Leben im Galuth haben heidnische, im Sinne von nicht jüdische, Gedanken und Vorstellungen einer Gottheit auf große Teile unseres Volkes verheerenden Einfluss. Diesen heidnischen Einflüssen will Rabbiner Hirsch s“l mit diesem Essay sich widersetzen.

Der Artikel stammt aus der Zeitschrift „Jeschurun“ 5. Jahrgang, Heft 12, September 1859.

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2943936

Das Jahr geht zu Ende — und der Schofar ruft zu ernster Betrachtung. Was ist uns geworden dieses Jahr — was sind wir geworden in dem Jahr? Wo und wie findet uns der Schofar wieder, nachdem er uns vor einem Jahr mit seinem letzten Ne´ila-Gruß[1] ins Leben entlassen, neugeschaffen, neugeboren für ein heiteres, kräftiges, mutig zu Gott aufstrebendes, heiter zu Gott aufblühendes Leben — wo findet er uns wieder, wie findet er uns wieder, da er wieder kommt als die Stimme unseres Hirten, der seine Herde sucht, der seinen verlorenen Schafen nachgeht, die sich verloren in Nacht und Nebel der Zeit, in Sturm und Wetter zürnenden Geschickes, oder die sich seiner Führung entzogen, verlockt von Sonnenschein, der über die Heiden hinglänzte, von den Blümlein die am Wege nickten, von dem Quellen-Rauschen, das aus der Wüste herübergeflüstert, — wo findet er uns, und wie findet er uns? Haben seine Zeiten-Herolde an uns ihre Sendung vollbracht, die er uns väterlich fürsorgend auf unserer Wanderung durch den Kreisgang des Jahres zugesellt: der hellere Sukkah-Herold mit seinen Hütten schmückenden, Leben beseligenden Blumen und Früchten des Vertrauens und der Freude, — der Chanukka-Herold mit seinem Lichtgruß des Makkabäer-Geistes und Makkabäer-Mutes, — der Purim-Herold mit seiner Geschichtsrolle des Judenhasses und der Juden-Rettung, — der Pessach-Herold mit seiner Mazza, seinem Bitterkraut, seinen vollen Kelchen und seiner diese Symbole deutenden Erzählung von Israels Knechtschaft und Ägyptens Hochmut, von Ägyptens Fall und Israels Befreiung und Rettung, Erlösung und Erwählung, — und der Schawuoth-Herold, der zu dem Ziel dieser ganzen Befreiung und Rettung, Erlösung und Erwählung, der zu dem in Feuer lodernden Berg hinführte um uns das Feuer-Gesetz unseres Lebens, das Licht und das Feuer, die Glut und die Wärme, die Läuterung und Verklärung unseres irdischen Daseins zu bringen, — was sind sie uns geworden, diese Herolde, haben sie uns ruhiger und glücklicher, haben sie uns geistiger und mutiger, haben sie uns dankbarer gegen Gott und unser Geschick, unseres Berufes bewusster und opferfreudiger der Erfüllung desselben leben lassen? Und die Herolde mit den florumhüllten Stäben, die auch die Tage fastender und trauernder Erinnerung bei uns einführten und das Gedächtnis weckten, wie alles, was Gott für uns gebaut, durch unsere eigene Verirrungen zusammenstürzte und alle Völkerfreundschaft, alle Tapferkeit und aller Kriegermut gegen Assurs Pfeil[2] und Roma´s Schwert[3] Israel nicht schützt wenn Israel mit Gott den Bund gebrochen und die Tapferkeit des jüdischen Lebens verscherzt — haben diese Herolde mit den florumhüllten Stäben uns vor den eigenen Verirrungen des Tages geschützt, haben sie uns beherzigen gelehrt, wo unsere Hoffnung graut und wo unsere Verzweiflung beginnt — und die treuen Sabbat- und Neumonds-Herolde, die von Woche zu Woche von Mond zu Mond uns nicht verließen und uns immer neu brachten den Gruß der Gotteshuldigung und der Lebenserneurung, ist es ihnen gelungen uns im Bund mit unserem Schöpfer und auf der lichtanstrebenden Bahn unserer geistigen und sittlichen Veredlung zu erhalten, hat uns der Sabbathgeist und die Neumondssühne[4] durch alle die hellen und dunklen Tage des Jahres geleitet, und hat uns in Freud und Leid, in Wohl und Weh durch Freud und Leid, durch Wohl und Weh nur immer inniger mit unserem Vater im Himmel verknüpft, nur immer seliger uns des Bewusstseins froh gemacht vor seinem Angesicht zu leben, vor seinem Angesicht zu streben, vor seinem Angesicht zu entsagen und zu sterben, dass jetzt, wo mit Jahresende sein Schofar uns finden will, er nicht weit zu suchen hat um uns zu finden??

Ach, wenn je Gottes Volk an diese seine unsichtbaren, aber ewigen, unsterblichen Boten gewiesen war, wenn je, wie einst am ersten Ersten-Elul, der Schofar durch das jüdische Lager die Mahnung und Warnung zu tragen hatte: lasst euch nicht irren, wenn der „Mann Moses“ von euch gegangen, wenn kein sterblicher, sichtbarer Mensch mehr bei euch Gottes Sache vertritt, Gottes Willen lehrt und euch zeigt wo das Licht und die Gnade, wo das Ziel eurer Wanderung winkt, — lasst euch nicht irren, wenn in ägyptischem Wahn Erzogene, von ägyptischem Wahn Betörte mitten unter euch weilen[5], die euch zum Reigentanz um das Göttertier laden, — wenn ihr auch nicht wisst, „was aus dem Mann Moses geworden“, das Gesetz, das er euch gebracht, die Gottesworte, die er euch gelehrt, die sind ja die  “ חַיִּים וְקַיָּמִים “ , die „lebendigen und bleibenden,“ die sind ja bei euch, die verlassen euch nicht, von ihnen lasst euch leiten, wenn ihr die menschliche Führung in dem Weg Gottes vermisst — wenn je der Elul-Schofar diese seine ernste Mahnung an uns zu wiederholen hätte, müsste es nicht unsere Zeit, oder eine Zeit wie die unsrige sein, der vor allem zuerst eine solche Stimme zu gelten haben würde? —

Wie einst auf unserer Wanderung in der Wüste stehen wir verlassen, von menschlicher Führung verlassen und den Zuflüsterungen fremder Elemente im eigenen Kreis preis. „Männer„, wie sie uns die göttliche Liebe in den schwersten Zeiten der dunkelsten, prüfungsvollsten Jahrhunderte schaffte, in denen das Volk den Geist Gottes lebendig erkannte, in deren Mund sein Gesetz und somit sein Wille sich ihm kundtat, und in deren Leben es das verwirklicht sah, was es selber zu erstreben hatte, Männer, die mit Wort und Tat, wie die Feuersäule in den Nächten und wie die Wolkensäule am Tage vor uns her wandelten auf dass wir zu gehen wussten und zu gehen vermochten bei Tag und bei  Nacht, die mit dem Gottesstab des Gesetzes uns sicher durch Fluten führten, in welchen die stolzesten Nationen ihre Gräber fanden, die mit dem Gesetzesstab in ihren Händen uns den Mirjamsbrunnen in der Wüste zu graben verstanden, verstanden uns mit dem Baum der Gotteslehre den bittersten Trank zu versüßen, an der Hand des göttlichen Gesetzes und der Gotteslehre uns eines jeden Tages froh werden und nicht durch die Sorge des morgenden Tages den gottfrohen Genuss des heutigen Daseins verkümmern zu lassen, — Männer, die auch den Mut hätten uns entgegenzutreten, wenn wir uns verirrt, den Mut hatten, das goldene Kalb unserer Vergötterung vor unseren Augen zu zertrümmern und die Kraft, die Überzeugung hatten uns unserer Verirrungen inne zu machen, dass wir in uns gingen und wussten, wir hätten den Gottesschmuck vom Horeb verscherzt — solche Männer, wo sind sie? Mehr als je bedürften wir des Mannes Mosche und der Mann ist von uns gegangen, und wir wissen nicht wann er wieder kehrt — ob er wiederkehrt — und die er zurückgelassen, die seine Stellvertreter sein sollten, die statt seiner das Wort der Gotteswahrheit und des Gottesgesetzes unter uns vertreten sollten, die Besten unter ihnen liegen entweder wie Chur[6] begraben unter den Steinwürfen ihrer irregegangenen Brüder, oder es hat sie Verzagtheit und Schwäche, menschliche Schwäche beschlichen, die von Temporisieren, Nachgiebigkeit, Vermittlung, und wie die friedlichen Justemilieu-Parolen alle heißen, die Rettung der Gottessache und die Erhaltung des Volkes bei der Gottessache erhoffen und nicht sehen, wie die Wahrheit halb preisgeben, sie ganz preisgeben hieße, wie nur im Gebiet eigener Interessen Nachgiebigkeit hohe Tugend sei, aber zu immer größerem Verbrechen erwächst, je mehr sie nur auf Kosten anvertrauter heiliger Güter geübt wird und vollends als schmählichster Verrat da steht, wenn sie den preisgibt, der eben durch Widerstand zur Besinnung erwachen sollte und wenn sie eben durch ihre Halbheit die Göttlichkeit der Sache selber verleugnet, deren Anerkennung sie damit retten zu wollen sich beredet. Sie meint durch Konzessionen vindizieren[7] zu können und vergisst, dass ihre Gegner nur die in ihrem Zugeständnis eingeräumte Verleugnung akzeptieren und ihr eben damit mit voller Berechtigung die Befugnis absprechen auf die Rettung des Teils zu bestehen, dessen Erhaltung sie der Strömung der Zeit in so hinkender Position abgewinnen zu können vermeint. „Ist das eine nicht göttlich, warum wäre es das andere?!“ — und während die einen schweigen und die andern temporisieren geht das Volk bei den ägyptischen Apispriestern[8] in die Schule, baut ihren Göttern seine Altäre und bringt mit dem Ruf: אֵ֤לֶּה אֱלֹק֙יךָ֙ יִשְׂרָאֵ֔ל![9] dem modernen Kultus die Huldigungen ihrer sinnenberauschenden Reigentänze dar.

In einer solchen Zeit der ernstesten Versuchung geht die Mahnung des Elul-Schofars durch das jüdische Lager und weist wie einst zur Zeit jenes ersten verhängnisvollen Eluls auf die zertrümmerten Gesetzestafeln, auf die gefallenen Apis-Verirrten, auf die des Chorebschmuckes beraubten Übrigen hin und warnt vor den Stunden der Schwäche, vor den Einflüsterungen des Wahnes und vor der Verkennung der Wahrheit, die allein Israel zu retten vermag, wenn die Lüge in seinem eigenen Kreis ihre Priester und Herolde gefunden.

Wohl haben wir den Tischri-Schofar zu erwarten. Aber was wird er nützen, wenn wir den Schofar des Elul, diesen Vorherold des Tischri überhört! Ist es doch bereits so weit gekommen, dass Rosch Haschana zur Rückkehr und Jom Kippur zur Buße lädt, und der vom Gottesgesetz Abgefallenste hört ihren Theruah-Ruf zur Besserung, zur Rückkehr zu Gott und dem von Ihm gestifteten jüdischen Bund — aber er glaubt gar nicht, dass ihm dieser Ruf gelten könne, er hat gar kein Bewusstsein von seinem Abfall mehr, ja sein Abfall selbst, die schnödeste Höhnung und Übertretung göttlicher Gesetze, hat man ihn im Licht der Tugend, des Fortschritts, der Erleuchtung und Veredlung betrachten gelehrt, dass er sich unter dem erschütternden Sinai-Schall der Schofar-Thekioth und Theruoth eben seines Abfalls als einer Gottesverherrlichung zu rühmen vermöchte und vor das Angesicht seines Richters und Herrn als der wahre Jude, als das geläuterte reine Israel, als der edelste, treueste Sohn und Diener seines Gottes — eben in seinem Ungehorsam und durch seinen Ungehorsam treu und edel! — zu treten wagt.

Während der „Mann“ Mosche fehlt, hat man uns zu den „Fremden“[10] in die Schule geschickt, zu denen ein Echo vom Sinai-Wort gekommen und die nun bereits fast zweitausend Jahre an Überwindung ihres Heidentums[11] arbeiten, aber eben in dieser Arbeit eine vielfache Trübung und Versetzung, Entstellung und Verkümmerung erdulden mussten, sonst wäre ja die Arbeit an ihnen längst schon vollbracht. Dieses Echo vom Sinai hat ihnen (den „Fremden“) einen Gottglauben und eine Gottreligion, Feste und Religionsbücher gebracht. Auch das Buch Mosches haben sie in Händen; allein es musste den einen zu einer zu überwindenden und von ihnen überwundenen Vorstufe der „wahren“ — natürlich „ihrer“ — Religion erniedrigt werden und es warfen es die anderen zu den „Büchern“ überhaupt, zu den Erzeugnissen menschlichen Geistes, in denen der Menschengeist seine Triumphe, aber eben nur temporäre, zeitliche Siege feiert. Und nun zu diesen mit menschlichem Wahn den göttlichen Funken trübenden oder den göttlichen Funken zu menschlichem Wahn erniedrigenden Lehren der „Fremden“ hat man unser Volk — in Abwesenheit des Mannes Mosche — in die Schule geschickt, und während man die mehr als viertehalbtausendjährige[12] Gottestat des geschichtlichen Israels — diese wahrhaftigste Einleitung zu den Büchern des Alten Bundes — verschmähte, während man die durch das lebendige Zeugnis einer ganzen Nation von mehr als dreitausend Jahren dokumentierte Überlieferung[13] des Mosche selbst — diesen wahrhaftigsten und einzigen Kommentar zu den Büchern des alten Bundes — verschmähte — holten sich die Lehrer unseres Volkes Einleitung und Kommentar, Anleitung und Begriff ihrer ewigen Moscheslehre zu den Füßen derer, denen Jud‘ und Judentum als die Überwundenen und Gestorbenen gelten und die eben nur auf dem Grabe des Juden und des Judentums, auf der Antiquierung des alten Moses und seines Gesetzes den Bau und die Bedeutung des eigenen „Glaubens“ und des eigenen „Systems“ aufzuführen vermögen. Ist es ein Wunder, dass auf diesem Kanal Heidentum und das trunkene Jubelgeschrei von Antiquierung des alten Moschegesetzes, von dem „Verschwinden des alten Mosches“, und von dem Fraternisieren aller „gebildeten und erleuchteten Israeliten“ mit den anderen Völkern im Glauben und Leben bei uns eingezogen, und Churs Schicksal die einen schreckt und in Temporisieren die Schwäche der anderen ihre Verderben bringende Hoffnung setzt? Und da täte es nicht Not, dass bevor der Tischri mit seinem Theruah-Ruf, seiner Sühne-Verheißung, seinem Hütten- und Freuden-Fest kommt, der Elul-Schofar vorangehe, uns alle, alle erst mahne und warne, uns alle, alle erst anrufe uns zu sammeln, uns von den von den Fremden und Entfremdeten aufgesogenen Irrtümern zu reinigen, auf dass wir dem Jom Hakkipurim, der uns die Wiedergeburt der Sühne verspricht, nur mit den wiederhergestellten Gesetzestafeln, die unser Wahn zerbrochen, entgegengehen, auf dass Gott auf die erneuten Tafeln uns wieder die alten Worte des alten Gesetzes, die Bedingungen seiner Sühne schreibeauf dass nicht, wenn der Kalender spricht: חַ֥ג לַה‘ מָחָֽר , ein Fest des Herrn ist morgen![14] wir von heidnischem Wahn betört, dem Gottesfest mit heidnischem Sinn entgegengehen und אֵ֤לֶּה אֱלֹק֙יךָ֙ יִשְׂרָאֵ֔ל jubeln, wo uns das Fest zu [15]אֱלֹקי יִשְׂרָאֵל וְתוֹרָתוֹ führen soll.

Denn wahrlich über keinen Monat hat die Berührung mit den Fremden und ihren „religiösen“ Ansichten so den Anhauch heidnischer[16] Trübung verbreitet, als über den Tischri, als gerade über den Monat, der uns mit seinen Institutionen immer wieder und wieder zu dem alten Leben in der alten Gottestreue verjüngen und mit dem reinen echten Horebschmuck bekleidet unserem Gott und seinem Gesetz wieder zuführen sollte.

Als ob die jüdischen Feste heidnische Feste wären, als ob Israels Gott ein Götze des Heidentums wäre, der mit Blut zu versöhnen, und in irgend einem stellvertretenden Tod oder Sterben stellvertretenden Ersatz und Genüge für das eine, einzige was Not tut, für die Rückkehr zu dem Gesetz seines Willens und dem Aufbau des Lebens auf dem Boden dieses Gesetzes zu finden beliebe, als ob der Gott des Judentums ein Gott wäre, der auch nur in Tempeln und an Altären wohne und nur nicht ganz und gar vergessen sein will, nur doch auch einmal im Jahr die Genugtuung einer zeremoniösen Huldigung, das Opfer eines in Kasteiung hinsterbenden Tages fordere — als ob er nicht der Gott des Himmels und der Erde, nicht der Gott des ganzen Lebens, nicht der Gott jeden Pulsschlags und jeden Atemzuges wäre, nicht sein wahrhaftiges wirkliches Reich in allem unseren Denken und Fühlen, allem unseren Handeln und Genießen, allem unseren Reden und Tun haben wolle, als ob er nur in unsere Synagogen, als ob er nicht zunächst und zuerst und am bleibendsten und innigsten in unseren Herzen und Häusern, in unseren Stuben und Kammern, in all den Räumen unseres ganzen häuslichen Familien- und Bürger-Lebens wohnen, und erst dort mit unserem ganzen Leben, mit jeder Fuge unseres Daseins und Strebens verehrt sein will, wie er es uns in seinem Gesetz gelehrt — als ob Er nicht gesprochen: „so wahr Ich lebe, spricht Gott, so habe ich auch nicht Freude an dem Tode des Toten, sondern daran, dass er zurückkehre von seinem Wandel und lebe!“[17] — als ob Er nicht wider Tempel, die ein jüdisches Heidentum zu seiner Verehrung erbaut, das ewige Wort der Vernichtung gesendet: „Himmel mein Thron, Erde meiner Füße Schemel — und ein Haus wollt Ihr mir bauen und mich auf einen Raum anweisen: dort magst du ruhen! Alles, alles hat meine Hand geschaffen, als alles, was ist, geworden! Darum schau ich nur auf den nieder, der, und wäre er arm, und wäre er Gemüts gedrückt, doch nur die eine Sorge kennt — mein Wort zu erfüllen!“[18] — als ob das alles nicht gesagt, nicht in tausendfältigen Weisen wiederholt, nicht aus jedem Wort des göttlichen Gesetzes, aus jeder Mahnung des göttlichen Prophetenwortes, aus jeder Fuge des göttlichen Erziehungswerkes an Israel mit tausend Feuerzungen spräche — könnten wir, vom Anhauch des in unsere Mitte gedrungenen, fremden Heidentums gegen dieses alles betäubt und geblendet, den Fest-Monat Gottes in heidnischem Götzentaumel begehen, es könnte uns der Tischri mit all seiner Feier statt zu Gott nur immer weiter fern ab von seinem Bund und seiner das ganze Leben fordernden Weihe führen, es könnte uns der Tischri und unsere Beteiligung an seinen Festen nur eine Abfindung mit Gott und unserem Gewissen bringen, um unseren Abfall den Stempel der Weihe und den Abschluss der Sühne zu gewähren, als ob Gott, der lebendige Gott des Lebens, der in Wahrheit und Wirklichkeit nicht weniger als die dreihundertvierundfünfzig Tage unseres Mondjahres samt den elf Sonnenjahrsschalttagen fordert, sich — wie ein toter opferdurstiger Götze mit dem Opfer eines Monats, oder auch nur einiger Tage dieses Monats, einiger Stunden dieser Tage, einiger verfliegenden Regungen dieser Stunden — begnügen müsse, begnügen möge, begnügen werde — darum tritt der Elul mit einem Schofarruf vor den Tischri her, und sendet, wie einst, die Mahnung durch Israels Lager:

Lasset euch nicht zum zweiten Male von dem  [19] עֶרֶב רַב, von den fremden Richtungen in eurer Mitte betören, denen es gleich gilt, welchen Gott der Mensch anbete, wenn er nur religiös ist, wenn er nur einem Gott gleichviel welchen, und gleichviel wie verehrt, — die der Wahn betört, als sei es des Menschen sich beliebig einen Gott zu wählen und eine Gottverehrung zu schaffen — [20] עַל־דִּבְרַת֙ בְּנֵ֣י הָאָדָ֔ם לְבָרָ֖ם הָאֱלֹקים — die darum mit voller Gemütsruhe unter dem flammenden Sinai ihrem Götzen den Altar hinstellen und uns zu dem Ruf begeistern möchten אֵ֤לֶּה אֱלֹק֙יךָ֙ יִשְׂרָאֵ֔ל! — Nicht der Mensch hat seinen Gott zu rufen, Gott ruft seine Menschen herbei, ruft sie herbei zu seinem Dienst, zur Erfüllung seines Willens, — wie einst am Sinai ruft uns zu Seinem Schofar und nur wenn wir die zerbrochenen Gesetzestafeln wieder erneuen und auf die neuen Tafeln nur das alte, nichts als das alte, von Gottes Finger geschriebene Gesetz wieder erwarten, wird Gott uns der אֵ֥ל רַח֖וּם וְחַנּ֑וּן[21]  sein, wie er es verheißen, wird den Abfall unserer Vergangenheit verzeihen und uns durch seinen Tischri-Schofar über den Jom Kippur zum Sukkoth, über die Brücke der Sühne zu einem erneuten Bau unserer Lebenshütte in Vertrauen und Freude führen —


[1] Ne´ila ist das Schlussgebet am Jom Kippur

[2] Assyrien vernichtete das Königreich Israel

[3] Die Römer vernichteten den Überrest des Königreiches Juda

[4] Der Jom-Kippur-Katan am Vorabend von Rosch Chodesch wird von vielen aschkenasischen Juden auch heute noch gehalten. Siehe „Sidur Sefat Emet“ mit der Übersetzung von Rabbiner S. Bamberger s“l S. 319 ff. oder Sidurנר יששכר  der IRG Zürich S. 616 ff.

[5] Als die Juden aus Mizraim zogen, zogen auch Ägypter und andere Nichtjuden mit ihnen. Die Thora nennt sie ערב רב. S. Exodus 12:38. Rabbiner Hirsch s“l übersetzt dort „große gemischte Menge“, Rabbiner Bernfeld „viel Tross“ und die Rabbinen Wohlgemuth s“l und Bleichrode s“l „viel gemischtes Volk“. Der Überlieferung nach verführte dieses ערב רב die Juden immer wieder zur Sünde.

[6] Der Midrasch Tanchuma sagt, dass Chur gesteinigt wurde, als er sich dem Bau des „Goldenen Kalbes“ als einziger widersetzte. Siehe Rashi zu Exodus 32:6.

[7] Einen Anspruch erheben

[8] KI: Apispriester betreuten den heiligen Apis-Stier im alten Ägypten, der als lebendige Inkarnation des Gottes Ptah in Memphis verehrt wurde. Diese Priesterschaft war extrem einflussreich, pflegte und fütterte das Tier in einem eigenen Tempel und leitete nach seinem Tod die aufwendige Mumifizierung sowie die Bestattung im Serapeum in Sakkara.

[9] Exodus 32:4; „Dies sind deine Götter, Jisrael“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)

[10] Ins Galuth

[11] s. Fußnote 16

[12] KI:  „Viertehalbtausend“ = ca. 4.500 Jahre (eine im 19. Jahrhundert übliche, etwas gerundete Zeitangabe für die biblische Geschichte Israels, beginnend mit Abraham um ~2000 v. Chr. oder früher). Gemeint ist die gesamte Heilsgeschichte Gottes mit Israel als Volk (Erwählung Abrahams, Exodus, Bund am Sinai, Landnahme, Propheten, Exil und Rückkehr usw.). Diese wird als „Gottestat“ (göttliches Handeln in der Geschichte) bezeichnet und als die wahrhaftigste Einleitung zu den Büchern des Alten Testaments gesehen. Die reale Geschichte des Volkes ist der lebendige Kontext und die beste „Vorrede“ zur Bibel.

[13] KI: Gemeint ist die mündliche und schriftliche Überlieferungstradition (einschließlich der späteren mündlichen Tora, Halacha und jüdischen Auslegung), die das Volk Israel über mehr als 3.000 Jahre hinweg bewahrt und weitergegeben hat. Diese lebendige jüdische Tradition wird als „wahrhaftigster und einziger Kommentar“ zu den Büchern des Alten Bundes bezeichnet – also als die authentischste Auslegung, weil sie direkt aus der Volks- und Glaubenserfahrung Moses’ und seiner Nachfolger hervorgeht.

[14] Exodus 32:5

[15] Zum Gott Israels und seiner Lehre

[16] KI: „Heidnisch“ steht hier nicht für „polytheistisch“ im engeren Sinne, sondern für alles Nicht-Jüdische, das dem reinen Sinai-Glauben fremd ist. „Heidnisch“ ist also der Gegenbegriff zu „jüdisch-mosaisch“. Es bedeutet: fremd, unrein, verdunkelnd, den ursprünglichen Charakter der Tora verwässernd. Der Autor sieht die Feste des Monats Tischri (Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot) als besonders reine, nationale und göttliche Institutionen, die das Volk jedes Jahr wieder zum Sinai zurückführen sollen. Jede fremde Einfärbung – ob christliche Neujahrssymbolik, sentimentale „Versöhnungs“-Ideen oder assimilierte Festbräuche – gilt ihm deshalb als „heidnischer Anhauch“, der die ursprüngliche Kraft dieser Feste trübt.

[17] Jecheskiel 33:11

[18] Jesaja 66:1-2

[19] Siehe Fußnote 5

[20] Kohelet (Prediger) 3:18; „Ist es die Rede des Menschen, sich einen Gott zu erwählen?“

[21] Exodus 34:6; „der barmherzige und gnädige Gott“

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