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	<title>Artikel Archive | Hirschinitiative e.V.</title>
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	<description>Rabbiner S. R. Hirsch Plattform zur Wiederbelebung des orthodoxen deutschen Judentums</description>
	<lastBuildDate>Thu, 10 Sep 2026 10:28:36 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Artikel Archive | Hirschinitiative e.V.</title>
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		<title>Sinnvolles Fasten und falsches Fasten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 10:13:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Betrachtung zu Jom Kippur Von Prof. Dr. Yizhak Ahren Schon vor einem Jahr hat Prof. Dr. Yizhak Ahren uns einen Artikel zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns auch in diesem Jahr ein Dwar Thora von Prof. Dr. Ahren unseren Lesern näherzubringen. Thema dieses Artikel ist die Haftara (Prophetenlesesung) am Jom Kippur Morgengottesdienst. Welchen Haftara-Text [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Betrachtung zu Jom Kippur</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Von Prof. Dr. Yizhak Ahren</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Schon vor einem Jahr hat Prof. Dr. Yizhak Ahren uns einen Artikel zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns auch in diesem Jahr ein Dwar Thora von Prof. Dr. Ahren unseren Lesern näherzubringen. Thema dieses Artikel ist die Haftara (Prophetenlesesung) am Jom Kippur Morgengottesdienst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welchen Haftara-Text jemand im Morgengebet von Jom Kippur vortragen soll, ist schon im Talmud (Megilla 31a) festgelegt worden; verlesen werden Worte des Propheten Jesaja (Kap. 57,14 bis Ende Kap. 58). Warum haben die Weisen gerade diesen Abschnitt ausgewählt? Das ist nicht schwer zu erraten. Denn der Prophet spricht über einen Tag des Fastens, und zur Zeit von Jesaja haben Juden nur am Jom Kippur gefastet. Die übrigen Fasttage, die im heutigen Kalender verzeichnet sind, gab es damals noch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Das Verbot, am Tag der Sühnungen zu essen und zu trinken, steht bereits in der Tora: „Nur am zehnten dieses siebenten Monats ist Tag der Sühnungen, Berufung zum Heiligtum soll er euch sein, und ihr lasset eure Lebensgeister darben“ (3. Buch Mose 23,27).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אַ֡ךְ בֶּעָשׂ֣וֹר לַחֹ֩דֶשׁ֩ הַשְּׁבִיעִ֨י הַזֶּ֜ה י֧וֹם הַכִּפֻּרִ֣ים ה֗וּא מִֽקְרָא־קֹ֙דֶשׁ֙ יִהְיֶ֣ה לָכֶ֔ם וְעִנִּיתֶ֖ם אֶת־נַפְשֹׁתֵיכֶ֑ם וְהִקְרַבְתֶּ֥ם אִשֶּׁ֖ה לַה&#8217;׃</strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Meinung von Maimonides (und ebenso auch nach der Ansicht von Sefer HaChinuch<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>) erfüllen jüdische Menschen, die am Tag der Sühnungen fasten, sogar zwei der 613 Mitzwot der Tora: eine positive Mitzwa und eine negative Mitzwa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was können und sollen wir heute von der Ansprache des Propheten Jesaja über das Fasten lernen? Wer unsere Haftara sorgfältig studiert, wird feststellen können, dass Jesaja verschiedene Formen des Fastens beschreibt und einander gegenüberstellt. Der Prophet warnt vor der rein äußerlichen Form des Fastens, und er empfiehlt, das vorgeschriebene Nichtessen unbedingt mit Reue und Handlungen der Nächstenliebe zu verbinden. Seine Bemerkungen bringen uns bei, wie sinnvolles Fasten aussieht, und wann das Fasten den Zweck der religiösen Übung im Grunde verfehlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Hören der Haftara in der Synagoge ist wichtig und lehrreich, kann aber eine intensive Beschäftigung mit den Gedanken von Jesaja nicht ersetzen. Wie kann ein solches „Lernen“ aussehen? Man kann z.B. Übersetzungen des hebräischen Textes studieren. Bekanntlich ist jede Übersetzung bereits eine Interpretation. Daher ist es aufschlussreich, verschiedene Übertragungen miteinander zu vergleichen. Ohne Zweifel sind Kommentare wesentlich instruktiver, die auf Feinheiten aufmerksam machen. An dieser Stelle möchte ich nur auf die Erläuterungen von Dr. Mendel Hirsch<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> zu den Haftarot (Frankfurt am Main 1896) und auf Rav Shimon Schwabs<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> englischsprachigen Kommentar zu Jesaja&nbsp; (Brooklyn 2009) hinweisen, die mir beim Verständnis des hier behandelten Textes geholfen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir uns nun Kap. 58 etwas näher an, das man als die große Jom Kippur Predigt von Jesaja bezeichnet hat. An welchen Kreis seine Ansprache gerichtet war, teilt uns der Prophet mit. Es waren nicht etwa solche Juden, die Tora-Gesetze missachten; im Gegenteil, er redete zu den Frommen: „Mich suchen sie Tag für Tag auf und wollen Meine Wege erkennen wie ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat. Sie fragen Mich nach den Vorschriften des Rechts, verlangen nach der Nähe Gottes“ (Vers 2). Warum sollen diese Menschen zurechtgewiesen werden? Im ersten Vers heißt es: „Verkünde Meinem Volk seinen Frevel und dem Haus Jaakow seine Sünden.“</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>וְאוֹתִ֗י י֥וֹם יוֹם֙ יִדְרֹשׁ֔וּן וְדַ֥עַת דְּרָכַ֖י יֶחְפָּצ֑וּן כְּג֞וֹי אֲשֶׁר־צְדָקָ֣ה עָשָׂ֗ה וּמִשְׁפַּ֤ט אֱלֹקיו֙ לֹ֣א עָזָ֔ב יִשְׁאָל֙וּנִי֙ מִשְׁפְּטֵי־צֶ֔דֶק קִרְבַ֥ת</strong> <strong>אֱלֹקים יֶחְפָּצֽוּן׃</strong> </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">קְרָ֤א בְגָרוֹן֙ אַל־תַּחְשֹׂ֔ךְ כַּשּׁוֹפָ֖ר הָרֵ֣ם קוֹלֶ֑ךָ <strong>וְהַגֵּ֤ד לְעַמִּי֙ פִּשְׁעָ֔ם וּלְבֵ֥ית יַעֲקֹ֖ב חַטֹּאתָֽם׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die problematische Situation macht eine Frage sichtbar, die von den Frommen gestellt wird: „Warum haben wir gefastet, und Du hast es nicht gesehen; haben uns kasteit, und Du ignorierst es?“ (Vers 3). Noch im selben Vers greift Jesaja den vorgebrachten Einwand auf: „Ja, am Tag eures Fastens findet ihr Wohlgefallen und unterdrückt damit all eure Gewissensbisse!“ Und er fährt fort: „Ja, zum Streit und Hader fastet ihr, um mit frevelhafter Faust zuzuschlagen; ihr fastet aber nicht wie es sich für diesen Tag geziemt, um in der Höhe eure Stimme vernehmen zu lassen. Soll so ein Fasten sein, das Ich erwähle, ein Tag, an dem der Mensch sich kasteie, dass er wie eine Binse sein Haupt neige und Sack und Asche unter sich ausbreite – nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Ewigen wohlgefällig ist? (Verse 4 &amp; 5).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>לָ֤מָּה צַּ֙מְנוּ֙ וְלֹ֣א רָאִ֔יתָ עִנִּ֥ינוּ נַפְשֵׁ֖נוּ וְלֹ֣א תֵדָ֑ע הֵ֣ן בְּי֤וֹם צֹֽמְכֶם֙ תִּמְצְאוּ־חֵ֔פֶץ וְכׇל־עַצְּבֵיכֶ֖ם תִּנְגֹּֽשׂוּ׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֵ֣ן לְרִ֤יב וּמַצָּה֙ תָּצ֔וּמוּ וּלְהַכּ֖וֹת בְּאֶגְרֹ֣ף רֶ֑שַׁע לֹא־תָצ֣וּמוּ כַיּ֔וֹם לְהַשְׁמִ֥יעַ בַּמָּר֖וֹם קוֹלְכֶֽם׃</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֲכָזֶ֗ה יִֽהְיֶה֙ צ֣וֹם אֶבְחָרֵ֔הוּ י֛וֹם עַנּ֥וֹת אָדָ֖ם נַפְשׁ֑וֹ הֲלָכֹ֨ף כְּאַגְמֹ֜ן רֹאשׁ֗וֹ וְשַׂ֤ק וָאֵ֙פֶר֙ יַצִּ֔יעַ הֲלָזֶה֙ תִּקְרָא־צ֔וֹם וְי֥וֹם רָצ֖וֹן לַה&#8217;׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dieser Kritik der falschen Form des Fastens beschreibt Jesaja die erwünschte Form des Fastens: „Ist nicht das ein Fasten, das Ich erwähle: dass man die Fesseln der Bosheit öffne, die Bande des Jochs löse, die Bedrückten in die Freiheit schicke und jedes Joch zertrenne? Solltest du nicht dem Hungrigen dein Brot brechen, herumirrende Arme ins Haus aufnehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zudecken und dich nicht dem entziehen, der von deinem Fleisch ist?“ (Verse 6 &amp; 7).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֲל֣וֹא זֶה֮ צ֣וֹם אֶבְחָרֵ֒הוּ֒ פַּתֵּ֙חַ֙ חַרְצֻבּ֣וֹת רֶ֔שַׁע הַתֵּ֖ר אֲגֻדּ֣וֹת מוֹטָ֑ה וְשַׁלַּ֤ח רְצוּצִים֙ חׇפְשִׁ֔ים וְכׇל־מוֹטָ֖ה תְּנַתֵּֽקוּ׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֲל֨וֹא פָרֹ֤ס לָרָעֵב֙ לַחְמֶ֔ךָ וַעֲנִיִּ֥ים מְרוּדִ֖ים תָּ֣בִיא בָ֑יִת כִּֽי־תִרְאֶ֤ה עָרֹם֙ וְכִסִּית֔וֹ וּמִבְּשָׂרְךָ֖ לֹ֥א תִתְעַלָּֽם׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ursprüngliche Frage der Frommen lautete: „Warum haben wir gefastet, und Du hast es nicht gesehen?“ Jesaja erklärt den Fragestellern, sie seien von einer falschen Annahme ausgegangen: Euer Fasten war so verkehrt und unvollständig, dass es nicht geeignet war, eure Stimme in der Höhe vernehmen zu lassen. Hättet ihr am Jom Kippur auch an Beziehungen zu anderen Menschen gedacht und diese zu verbessern gesucht, dann wäre es nie zu eurer Klage gekommen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit den Worten des Propheten Jesaja gesagt: „Dann wird dein Licht wie die Morgenröte anbrechen und deine Wunde rasch verheilen; deine Gerechtigkeit wird dir vorangehen, und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich aufnehmen. Dann wirst du rufen, und der Ewige wird antworten, du flehst, und Er spricht: Hier bin Ich! Wenn du aus deiner Mitte das Joch der Bedrückung fortschaffst, auch das Drohen mit dem Finger und Übles Reden, wenn du dem Hungrigen dein Mitgefühl darbietest und die bedrängte Seele erquickst, dann wird im Dunkeln dein Licht erstrahlen und deine Finsternis zur Mittagshelle werden“ (Verse 8,9 &amp; 10).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אָ֣ז יִבָּקַ֤ע כַּשַּׁ֙חַר֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲרֻֽכָתְךָ֖ מְהֵרָ֣ה תִצְמָ֑ח וְהָלַ֤ךְ לְפָנֶ֙יךָ֙ צִדְקֶ֔ךָ כְּב֥וֹד ה&#8216; יַאַסְפֶֽךָ׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אָ֤ז תִּקְרָא֙ וַה&#8216; יַעֲנֶ֔ה תְּשַׁוַּ֖ע וְיֹאמַ֣ר הִנֵּ֑נִי אִם־תָּסִ֤יר מִתּֽוֹכְךָ֙ מוֹטָ֔ה שְׁלַ֥ח אֶצְבַּ֖ע וְדַבֶּר־אָֽוֶן׃</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>וְתָפֵ֤ק לָֽרָעֵב֙ נַפְשֶׁ֔ךָ וְנֶ֥פֶשׁ נַעֲנָ֖ה תַּשְׂבִּ֑יעַ וְזָרַ֤ח בַּחֹ֙שֶׁךְ֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲפֵלָתְךָ֖ כַּֽצׇּהֳרָֽיִם׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist bemerkenswert, dass Jesaja seine Jom Kippur-Predigt mit einer Bemerkung über die Schabbat-Observanz schließt: „Wenn du vom Schabbat deinen Fuß zurückhältst, um deinen Geschäften nachzugehen an Meinem heiligen Tag, und wenn du den Schabbat &lt;Genuss&gt; nennst zur Heiligung des Ewigen, des Geehrten, und wenn du ihn ehrst, indem du nicht deine Wege gehst, um deine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und (eitle) Worte zu reden. Dann wirst du Wonne finden im Ewigen, und Ich werde dich über die Höhen des Landes reiten und dich das Erbe deines Vaters Jaakow genießen lassen, denn der Mund des Ewigen hat gesprochen“ (Verse 13 &amp; 14).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אִם־תָּשִׁ֤יב מִשַּׁבָּת֙ רַגְלֶ֔ךָ עֲשׂ֥וֹת חֲפָצֶ֖ךָ בְּי֣וֹם קׇדְשִׁ֑י וְקָרָ֨אתָ לַשַּׁבָּ֜ת עֹ֗נֶג לִקְד֤וֹשׁ ה&#8216; מְכֻבָּ֔ד וְכִבַּדְתּוֹ֙ מֵעֲשׂ֣וֹת דְּרָכֶ֔יךָ מִמְּצ֥וֹא חֶפְצְךָ֖ וְדַבֵּ֥ר דָּבָֽר׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אָ֗ז תִּתְעַנַּג֙ עַל־ה&#8216; וְהִרְכַּבְתִּ֖יךָ עַל־[בָּ֣מֳתֵי] (במותי) אָ֑רֶץ וְהַאֲכַלְתִּ֗יךָ נַחֲלַת֙ יַעֲקֹ֣ב אָבִ֔יךָ כִּ֛י פִּ֥י ה&#8216; דִּבֵּֽר׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jom Kippur wird in der Tora mehrfach „Schabbat schabbaton“ genannt (3. Buch Mose 16,31 &amp; 23,32). Es erscheint daher an diesem Tag besonders angebracht zu sein, auf die Wichtigkeit der korrekten Schabbat-Observanz hinzuweisen. Rabbiner Shimon Schwab erklärt, Jesaja habe am Ende seiner Predigt den Geist des Schabbat-Hütens zu stärken gesucht, so wie er zuvor dazu aufgerufen hatte, den religiösen Sinn des Fastens in der Lebenspraxis zu berücksichtigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Herrn Prof. Dr. Yzhak Ahren sind u.a. die nachfolgen abgebildeteten Veröffentlichungen erschienen und in der LITERATURHANDLUNG (<a href="https://literaturhandlung.com/">https://literaturhandlung.com/</a>) zu beziehen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="635" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-1024x635.jpg" alt="" class="wp-image-5686" srcset="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-1024x635.jpg 1024w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-300x186.jpg 300w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-768x476.jpg 768w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-1536x952.jpg 1536w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-2048x1270.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Mendel Hirsch</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipediaeintrag</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mendel Hirsch (* 3. März 1833 in Oldenburg; † 28. März 1900 in Frankfurt am Main) war ein deutsch-jüdischer Pädagoge und Bibelkommentator, trat aber auch als Dichter hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben und beruflicher Werdegang</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mendel Hirsch als ältestes von 11 Kindern der Johanna Jüdel und des Samson Raphael Hirsch studierte an den Universitäten Bonn und Berlin Philosophie, Psychologie, Literatur und Geschichte. Hirsch promovierte 1854 in Tübingen. Im folgenden Jahr wurde er als Lehrer für jüdische und allgemeine Fächer an den von seinem Vater gegründeten jüdischen Mittel- und Volksschulen in Frankfurt am Main tätig. Als Direktor amtierte er an der (1853 gestifteten) israelitischen Realschule und war zudem während 17 Jahren Leiter der jüdischen Volksschule.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Seine Tochter Rahel Hirsch (1870–1953) war die erste Frau, die im Königreich Preußen zur Professorin für Medizin ernannt wurde. (Dafür gab sie das Leben in der Orthodoxie auf. Nach der Machtübernahme verlor sie die Professur und die Möglichkeit als Ärztin zu arbeiten. Sie floh zu ihrer Schwester nach London, wo sie ebenfalls nicht als Ärztin arbeiten konnte, weil ihre Approbation dort nicht anerkannt wurde. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einer Nervenheilanstalt und litt unter Depressionen und Verfolgungsängsten. Anm. M. Bleiberg)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Schriftstellerische Tätigkeit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der monatlich erscheinenden Zeitschrift Jeschurun, die von seinem Vater herausgegeben wurde, veröffentlichte er Artikel über pädagogische Themen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Leserbrief „Der Zionismus“ (1898) stellte sich Hirsch gegen den politischen Zionismus von Theodor Herzl, wobei er ihn gleichzeitig als Zugeständnis an die Tatsache ansah, dass die jüdische Assimilation versagt hätte.</p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Rabbiner Shimon Schwab</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipediaeintrag (Original auf englisch, mit Überarbeitung von M. Bleiberg)</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Shimon (Simon) Schwab war ein orthodoxer Rabbiner und Gemeindeführer in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Er wurde in Frankfurt am Main und in den Jeschivas Litauens ausgebildet und war Rabbiner in Ichenhausen, Bayern, nach der Einwanderung in die Vereinigten Staaten in Baltimore und von 1958 bis zu seinem Tod in Khal Adath Jeshurun in Washington Heights, Manhattan. Er war ein Ideologe von Agudath Israel von Amerika, der speziell die Tora im Derech Eretz-Ansatz für das jüdische Leben verteidigte. Er schrieb mehrere populäre Werke jüdischen Denkens.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Frühes Leben in Frankfurt</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Shimon Schwab wurde am 30. Dezember 1908 geboren. Er wuchs in Frankfurt am Main auf. Seine Familie war langjährig Mitglied der israelitischen Religionsgesellschaft (IRG), der orthodoxen jüdischen Gemeinde, die ihre eigene Unabhängigkeit von der reform-judentums-dominierten allgemeinen Gemeinschaft begründet hatte. Die IRG war bis 1888 von Rabbiner Samson Raphael Hirsch geführt worden und stand dann unter der Leitung von Rabbiner Solomon Breuer, Hirschs Schwiegersohn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Shimon absolvierte die Realschule, die örtliche Schule, die Religionswissenschaft und allgemeine Fächer in Übereinstimmung mit der von Rabbiner Hirsch propagierten Thora im Derech Eretz Ideologie kombinierte. Nach der Realschule war er mehrere Jahre Vollzeitstudent in der Torah Lehranstalt, der von Rabbiner Breuer gegründeten örtlichen Jeschiva.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Studien in Litauen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1926, im Alter von 17 Jahren, schrieb sich Shimon in die Yeshiva-Telsche in Telšiai, Litauen, ein, wo er drei Jahre lang intensiv Talmud studierte, und verbrachte danach eineinhalb Jahre in der Yeshiva in Mir. Es war nicht sehr üblich, dass deutsch-jüdische Studenten in osteuropäischem Jeschiwot studierten, aber zwei von Shimons Brüdern (Moshe und Mordechai) folgten später den gleichen Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühjahr 1930 verbrachte er ein Wochenende mit Rabbiner Yisrael Meir Kagan (dem Chafetz Chaim), dem damaligen Führer des nicht-chassidischen osteuropäischen aschkenasischen Judentums. Der Besuch machte einen starken Eindruck auf ihn, und er bezog sich später oft auf die Begegnung in öffentlichen Reden sein Leben lang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Semicha (rabbinische Ordination) zog Rabbi Schwab nach Deutschland, und im Februar 1931, noch unverheiratet, nahm er die Position des Rabbinatsassessors (&#8222;Assistent Rabbiner&#8220;) in Darmstadt an. Im Oktober 1931 heiratete er Recha Fröhlich aus Gelsenkirchen und setzte dort seinen Posten bis September 1933 fort, woraufhin er den Posten des Gemeinderabbiners in Ichenhausen, Bayern, annahm.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Arbeiten in Ichenhausen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Ichenhausen war Rabbiner Schwab an allgemeinen rabbinischen Pflichten beteiligt, aber er arbeitete auch hart daran, eine traditionelle Jeschiwa zu etablieren, die Mischna und Talmud lehren würde. Er veröffentlichte auch 1934 ein Buch mit dem Titel „Heimkehr ins Judentum“ und ermahnte seine jüdischen Zeitgenossen, mehr Zeit für ein eingehendes Tora-Lernen zu widmen und ihre Faszination für moderne Kultur und sozialen Fortschritt aufzugeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Jeschiwa geriet aber gleich zu Beginn in Schwierigkeiten, als sie durch lokale Nazi-Aktivisten bedroht wurde. Bereits nach einem Tag wurden die Schüler nach Hause geschickt, und dieser Vorfall inspirierte Rabbiner Schwab wahrscheinlich, sich für eine Position im Ausland zu bewerben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Baltimore</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den amerikanisch-orthodoxen Führer Rabbiner Dr. Leo Jung hat er sich mit einer Gemeinde namens Shearith Israel in Baltimore in Verbindung gesetzt. Er reiste in die Vereinigten Staaten, und nach einer Probezeit wählte ihn die Gemeinde als Rabbiner. Die Familie konnte daher Visa beantragen und dem Holocaust entkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Baltimore wurde Schwab als Rabbiner der Gemeinde Shearith Israel ein lokaler Führer der Orthodoxie und veranstaltete die jährliche Konferenz von Agudath Israel einige Jahre nach seiner Ankunft. Er war an der ersten jüdischen Tagesschule für Mädchen, Beis Yaakov, beteiligt und reiste in den späten 1940er Jahren nach San Francisco, um während der frühen Aktivitäten der Vereinten Nationen als Lobbyist zu fungieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während eines Besuchs in Baltimore in den späten 1930er Jahren hatte Rabbiner Elchonon Wasserman vorgeschlagen, dass Schwab ein Werk veröffentlichen sollte, das die traditionelle jüdische Sicht auf die messianischen Zeiten zusammenfasst. Dieses Buch erschien 1941 anonym auf Hebräisch unter dem Titel &#8222;Beis ha-Sho&#8217;eivah&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Washington Heights</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1958 wurde Schwab eingeladen, sich Rabbi Joseph Breuer in der Führung der deutsch-jüdischen Gemeinde in Washington Heights anzuschließen, die sich im oberen Manhattan in New York City befindet; siehe Khal Adath Jeshurun (Washington Heights, Manhattan). Diese Gemeinschaft, die weithin als die spirituelle „Fortsetzung&#8220; der Vorkriegs IRG in Frankfurt angesehen wurde, wuchs Rabbiner Schwab ans Herz, und mit Rabbiner Breuers zunehmendem Alter und Gebrechen übernahm er bis zum Tod des letzteren im Jahr 1980 viele Führungsrollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von da an bis 1993 führte er die Gemeinde allein. Er hielt weiter Vorträge und unterrichtete, aber sein Gesundheitszustand verschlechterte sich und er starb im Alter von 86 Jahren an Purim Katan, 1995. Nach seinem Tod wurde Rabbi Zechariah Gelley, der sich der Kehilla bereits einige Jahre zuvor als zweiter Rav angeschlossen hatte, sein Nachfolger.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Philosophie und Ideen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schwab, ein Produkt sowohl der deutschen Tora im Derech-Eretz-Bewegung als auch der osteuropäischen Jeschiwa-Welt, identifizierte sich zunächst stark mit der osteuropäischen Lehrmethode „Only Thora“. In den 1960er Jahren revidierte er jedoch seine Ansicht. So schrieb er seine Broschüre &#8222;These and Those&#8220;, in der er sich für den Ansatz der Tora im Derech Eretz als gleichermaßen gültig einsetzt. (Der Titel der Broschüre ist ein Zitat aus dem Talmud &#8211; &#8222;Diese und Jene [Eilu v&#8217;Eilu] sind die Worte eines lebendigen Gottes&#8220; und betonen, dass beide Ansätze göttlich sanktioniert werden.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rav Schwab widersetzte sich sowohl dem säkularen als auch dem religiösen Zionismus, sowohl in seinen Schriften als auch in seinen Reden. Obwohl er sagte, dass wir, selbst wenn wir diese ketzerischen Ideen ablehnen, immer noch diejenigen lieben müssen, die die Tora uns geboten hat zu lieben. Er betonte auch, dass es &#8222;niemals Kontakt mit organisierter Häresie in welcher Form auch immer geben darf. Wenn es um den Zionismus geht, besonders die Art, die ihn von der Realpolitik in eine prämessianische Religion verwandelt hat, lasst uns fest und mutig sein und allen Kräften trotzen, die dazu neigen, unsere fundamentalistische Loyalität gegenüber dem unverfälschten Erbe zu schwächen, das wir von unseren Vorfahren erhalten haben. Aber all das ohne Hass, ohne Zorn und mit großer Demut.“ Seiner Meinung nach sollten moderne orthodoxe Führer, die den religiösen Zionismus förderten, nicht als Vertreter der Tora öffentlich anerkannt werden.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Das „Sefer Hachinuch“ von Rabbi Aharon Halevi von Barcelona zählt die 613 Mizwoth der Thora auf und kommentiert sie. Das Buch (5 Bände) mit deutscher Übersetzung ist im <strong>Morascha Verlag</strong> erschienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Zu Mendel Hirsch siehe Wikipediaeinantrag am Ende des Artikel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Zu Rabbiner Shimon Schwab siehe Wikipediaeintrag am Ende des Artikels</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Deutsche Juden im Alten Jischuw</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/deutsche-juden-im-alten-jischuw/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 08:43:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5657</guid>

					<description><![CDATA[<p>Von Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem. Zur Geschichte des Kolel Holland und Deutschland. Ich wundere mich, wie der hier widergegebene Bericht in die „Monatsschrift für Judentum und Lehre“ – Nachalath Z´wi – gelangen konnte. Weder der Autor, Fritz Fraenkel (zu seiner Biografie s.w.u.), noch das Thema stehen in einem orthodox jüdischen Zusammenhang. Fritz Fraenkel lebte seit [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Von Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Zur Geschichte des Kolel Holland und Deutschland.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Ich wundere mich, wie der hier widergegebene Bericht in die „Monatsschrift für Judentum und Lehre“ – Nach<em>a</em>lath Z´wi – gelangen konnte. Weder der Autor, Fritz Fraenkel (zu seiner Biografie s.w.u.), noch das Thema stehen in einem orthodox jüdischen Zusammenhang. Fritz Fraenkel lebte seit 1933 in Palästina – dieser Artikel erschien Ende 1937. Das <strong>כולל הו&#8220;ד</strong> Kollel Hod, die „Jüdische Gesellschaft von Holland und Deutschland“ war Teil des „Alten Jeschuw“. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie Erklärungen zu den Begriffen „Alter Jeschuw“, „Neuer Jeschuw“ und „Kollel Hod“ sowie das Verhältnis der „Agudisten“ und der „Zionisten“ zu diesen Gruppierungen. Also nochmals die Frage, warum hat dieser Bericht es in diese Zeitung geschafft? Meine Erklärung dafür ist: Er sollte den deutschen Juden Mut zur Auswanderung nach Palästina machen. Er sollte ihnen zeigen, dass es eine lange Tradition der Auswanderung gab und dass, wenn sie den Schritt wagen würden, sie dort durchaus auf ein Umfeld treffen würden, das ihnen nicht fremd wäre.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die Zeitung Nach<em>a</em>lat Z´wi wurde ein halbes Jahr nach Erscheinen dieses Berichtes im Juni 1938 verboten.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2554315">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2554315</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei manchen Menschen, die mit dem Einwanderungsstrom der letzten Jahre aus Deutschland nach Palästina kamen, gilt die irrtümliche Meinung, <strong>diese</strong> Einwanderung wäre auch die <strong>erste</strong> Einwanderung deutscher Juden nach Erez Israel. Selbst alte Zionisten verfallen diesem Fehler und bringen zumindest das Kommen deutscher Juden hierher in einen ursächlichen und zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der zionistischen Bewegung. Man kennt persönlich oder vom Hörensagen Menschen dieses Einwanderungskreises, wie <strong>Dr. Arthur Ruppin, Ing. Treidel, Dr. Elias Auerbach, Frl. Vera Pinschawer, Dr. Schlesinger, Dr. Josef Carlebach, Dr. Albert Feuchtwanger</strong>, das sind Menschen, die vor dem Kriege<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> und vor dem Beginn der dritten Alijah<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> hierherkamen, bekannt sind auch die Namen zweier hervorragenden Repräsentanten der Orthodoxie in Deutschland, <strong>Dr. Moritz Wallach</strong> vom „Schaare- Zedek-Hospital“ in Jerusalem, und Rabbiner <strong>Dr. Moses Auerbach</strong> in Petach-Tikwah. Es ist nicht ohne Interesse, festzustellen, dass diese deutschen Juden ihrer Berufsstruktur ein anderes Element darstellten als die anderen Einwanderer dieser Zeit, sie waren weder Kaufleute noch Landwirte oder Arbeiter, fast durchweg sind sie leitende Personen verschiedener Institutionen, Lehrer oder Direktoren von Schulen (z. B. des Hilfsvereins der deutschen Juden u.a.), Menschen, wie sie für die Massenalijah von Chaluzim<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> und Mittellosen charakteristisch sind, waren es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es bestehen Institutionen in Jerusalem, deren Name mit dem deutschen Judentum und dessen palästinensischen Vertretern eng verbunden ist. Ein Ausflug in die Altstadt von Jerusalem führt uns vor die Tore eines großen Hofes mit folgender Inschrift: <strong>„Israelitische Armen- und Pilger-Wohnungen auf Zion“</strong>, die nebenstehende hebräische Inschrift lautet: „Bate Machasseh wehachnassath Orechim al Har Zion T. W. B. B.“. Im Kalender von Luncz<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> vom Jahre 1913 finden wir folgende Angaben über die Tätigkeit der „Nediwe Aschkenas“ — deutschjüdischer Spender:</p>



<p class="wp-block-paragraph">1879/5639 Gründung des Waisenhauses,</p>



<p class="wp-block-paragraph">1902/5662 Eröffnung des Krankenhauses „Schaare Zedek“, auch das Bikkur-Cholim-Hospital wird „Allg. Deutsch-Israelitisches Bikkur-Cholim-Hospital Jerusalem“ genannt. Auch die Schulen des „Hilfsvereins der Deutschen Juden“ weisen auf den Kontakt zwischen dem deutschen Judentum und Palästina hin, der „Sprachenkampf“, der um die Schulen des Hilfsvereins kurz vor Ausbruch des Weltkrieges entbrannte, hat ja für das Schulwesen Erez Israels und für die hebräische Bewegung weittragende Folgen gehabt<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht der Vergessenheit anheimfallen darf auch der Name von <strong>Dr. Wilhelm Herzberg</strong>, des Gründers des ersten Waisenhauses in Jerusalem. Dr. Herzberg ist bekannt als der Verfasser der <strong>„Jüdischen Familienpapiere“</strong>, ein Buch, das zu seiner Zeit großen Eindruck auf die jüdische Öffentlichkeit machte. (Das Buch wurde von <strong>Rabbi Binjamin</strong> ins Hebräische übersetzt).</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Memoirenliteratur<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a>, die von Menschen palästinensischer Geburt geschrieben wurde, eine Gattung der hebräischen Literatur, die leider viel zu wenig beachtet und bekannt ist, finden wir eine ganze Reihe von Angaben und Beschreibungen von Personen, die zu diesen früheren Einwanderungsströmen deutscher Juden nach Erez Israel zu rechnen sind. Da ist das Buch von <strong>Ephraim Cohn-Reiss</strong>, dem ehemaligen Leiter der Hilfsvereinsschule: <strong>Sichronoth Isch Jeruschalaim</strong>, dem wir eine Reihe von interessanten Einzelheiten zu verdanken haben. So erzählt er von einer Abordnung der in Jerusalem wohnenden preußischen Staatsangehörigen des <strong>Kolel</strong> <strong>„Hod“</strong> (Abkürzung des Sammelnamens Holland und Deutschland) an den preußischen König, der damals eine Pilgerfahrt ins Heilige Land machte, und dabei eine amüsante Episode zwischen dem König und <strong>R. Arje Markus aus Keidan.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das Buch Jehoschua Jellins, David Jellins Vater: „Sichronoth Ben Jeruschalaim“, enthält eine Fülle hochinteressanter Erinnerungen, besonders zur Entstehungsgeschichte des Kolel Hod liefert er manchen Beitrag. Er schildert das Bankhaus der Gebrüder Lehren in Amsterdam, ihre Frömmigkeit und Liebe zu Erez Israel. Die Brüder Zwi Hirschl und Akiba Lehren waren die Organisatoren der Chalukka<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> in den west- und nord- europäischen Ländern (Holland, Deutschland, England, Dänemark, Frankreich, Belgien usw.), eine Organisation, die unter dem Namen der „Pekidim weamavkalim de amsterdam“ und „Deutsch-Holländische Palästinaverwaltung“ bekannt war und auch heute noch besteht. In den Aufsätzen Abraham Mosche Luncz´ sind als Förderer der „Pekidim und Amarkalim<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>“ u.a. angegeben: <strong>R. Josef Ettlinger, R. Meir Lehmann, R. Esriel Hildesheimer</strong>, (die Familie H. soll noch heute eine „Chasaka“, Vorzugsrecht, auf eine Wohnung in den Bate Machasseh der Jerusalemer Altstadt haben), R. Schlomo Salman <strong>Breuer</strong>, R. Jizchak Dow <strong>Bamberger</strong>, R. Ascher<strong> Lemmel</strong>, <strong>Dr. Salvendi</strong>, <strong>Dürckheim</strong> u.a. Über die Familie <strong>Lehren</strong> erzählt Jehoschua Jellin, die Beamten der Bank Lehren lernten jeden Tag gemeinsam Gemore<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a>, d.h. die Bank diene gleichzeitig als Jeschiwa, selbst in Russland konnte man keine solche fromme Jeschiwa wie die des Zwi Hirschl Lehren finden. Angriffe heftiger Art finden wir in alten Jahrgängen der Zeitschrift „Der Orient<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a>“ von Fürst. Von Seiten Lipman Hirsch Löwensteins und Rafael Kirchheims (ein hebräischer Schriftsteller, bekannt als Verfasser von „Karme Schomron“, eines Werkes über die Samaritaner, und als Redakteur der Schriften Abraham Geigers) wurde Zwi Hirschl Lehren vorgeworfen, er benutze sein Gewicht als Vorsitzender der „Pekidim und Amarkalim“ zu unrechtmäßiger Einmischung in innere Verhältnisse des Jerusalemer Rabbinats, zur Unterdrückung Andersdenkender, Bespitzelung von Leuten in Palästina, sogar Vorwürfe finanzieller Art wurden ihm gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Landsleuten Lehrens in Jerusalem sind zu nennen die Familien Goldschmidt und Nathan Koronil. Mosche Jizchak Goldschmidt, ein Freund Jehoschua Jellins, ein sehr angesehener Mann, war ein Verwandter der <strong>Familie Lehren</strong>, 2. Vorsitzender des Kolel Hod, und genoss überall großes Vertrauen. Auch <strong>Wilhelm von Rothschild</strong> aus Frankfurt am Main, genannt der fromme Baron, der mit großen Summen bei der Errichtung der Bate Machasseh half (eine Tafel dort verewigt seinen Namen), schickte seine Gelder nach Jerusalem zu Händen von <strong>Mosche Jizchak Goldschmidt</strong>. Andere Angehörige der Familie Goldschmidt waren <strong>Juda Leib Goldschmidt</strong> und Jaakob Josef Goldschmidt, der Sohn von <strong>J. J. Goldschmidt</strong>, <strong>Zwi Goldschmidt</strong>, war ehemals Turnlehrer in der Schule des Hilfsvereins, und ist heute bekannt als Inhaber des <strong>Hotels Goldschmidt</strong> in Jerusalem. Auch die Nachkommen Nathan Koronils, der bei seiner Einwanderung erst in Safeth, später in Jerusalem wohnte, leben hier im Hause der Familie <strong>Menasche Eljaschar</strong>, ihrer Verwandten. Ein Bild zeigt ihren Vorfahren <strong>Nathan Koronil</strong> ganz als sefardischen Chacham<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a> gekleidet — auch R. Josef Schwarz, von dem noch die Rede sein wird, ging so gekleidet, ebenso wie die meisten Aschkenasim der damaligen Zeit — R. Nathan Koronil war der Verfasser von <strong>„Secher Nathan“</strong> und auch ein Buch „Chamischa Kuntressim“ wird von Prof. Klein in seiner Geschichte des jüdischen Jischuws in Erez Israel als Schrift Nathan Koronils erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soweit zur Geschichte der holländischen Juden in Palästina. Die Einwanderung z.B. der Familien <strong>Hoofien</strong> und <strong>Van Vriesland</strong> gehören einer späteren Zeitepoche an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor wir nun dazu übergehen, das Material, das über deutsches Judentum in Palästina handelt, dem freundlichen Leser vorzulegen, sollen einige Bemerkungen über die Quellen der Angaben und über die Schwierigkeiten der Sammlung gemacht werden. Außer den Luncz’schen Kalendern „Jerusalem“, den Erinnerungen <strong>Jehoschua Jellins und Ephraim Cohn-Reiss´</strong> , Aufsätzen Abraham E. Bergmanns im „Haaretz“ von Erew Pessach 5694 und vom 9. September 1934 unter dem Titel: „Einwanderer aus Deutschland in Palästina vor 100 Jahren“, einem Beitrag <strong>S. Barons</strong> in dem <strong>David Jellin</strong> gewidmeten Sammelbuch <strong>„Minvah Ledavid“</strong> den Aufsätzen <strong>Dr. Israel Hildesheimers</strong> (enthalten in dessen Gesammelten Aufsätzen), den <strong>Beilagen Dr. Salvendis aus Dürckheim</strong> zur Jüdischen Presse, <strong>Ludwig August Frankls: „Nach Jerusalem“</strong>, u.a. muss auch Erwähnung geschehen <strong>der Arbeiten von Pinchas Ben Zwi Grajewsky</strong>, eines Jerusalemers, der in 122 Heften eine Fülle von Material zur Geschichte des alten Jischuws zusammengetragen hat. Die Benutzung dieser Hefte, aus verschiedenen Serien bestehend<strong>, „Miginse Jeruschalaim“, „Beth Ha-Ozar“, „Chowewim Rischonim“, „Pinkas Jeruschalaim“</strong> und so fort betitelt, ist nicht einfach, Tausende Namen und Angaben sind unübersichtlich durcheinander geordnet, ein Schlüssel für diese 122 Hefte liegt nicht vor. Die Hauptstütze für meine Ausführungen waren mündliche Angaben einer Reihe von Personen, die in Jerusalem wohnen oder hierherkamen. Im Chug Iwri der Olej Germania hier referierten<strong> </strong>Rabbi <strong>Benjamin und Dr. A. W. Brawer</strong> über deutsche Juden in Erez Israel, bzw. über Rabbi Josef Schwarz. <strong>Dr. Engel</strong> von der Unterrichtungsabteilung des Waad L’umi<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a>, <strong>Isral Löbl</strong>, der jetzige Sekretär von Kolel Hod, <strong>Zwi Goldschmidt,</strong> <strong>David Jellin, A. E. Berg- mann, Dov Sachs, Jochanan Schlank </strong>und eine Reihe von anderen Personen waren mir durch Überlieferung mündlicher Mitteilungen nach Kräften behilflich. Doch ist das vorhandene Material sicher unvollständig und vielleicht auch in manchen Einzelheiten fehlerhaft. Meines Erachtens müssten die <strong>Akten des Kolel Hod</strong>, soweit sie noch vorhanden sind, durchgearbeitet werden, evtl. entsprechende Korrespondenzen in <strong>Amsterdam und Frankfurt</strong>, auch die alten <strong>Akten des preußischen, bzw. deutschen Konsulats</strong> hätten Bedeutung, die jüdische Presse vieler Jahrzehnte müsste einer genaueren Durchsicht unterzogen werden, die rabbinische Literatur des letzten Jahrhunderts (z. B. die <strong>„Fragen und Antwor- ten“ des Preßburger „Chatam Ssofer“</strong>). Die mündliche Befragung alter Leute, die in der Altstadt wohnen, war durch die Unruhen im Lande, die den Verkehr zwischen Altstadt und Neustadt erschwerten und gefährdeten, unmöglich geworden. Aus diesen Gründen mögen die Mängel dieses Aufsatzes mit Nachsicht betrachtet werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir die Geschichte dieses Einwanderungsstromes der Leute von „Hod“ (der Kolel wurde Ende der 40er Jahre gegründet, mit dem Jahre 1830 ansetzen wollen, so wollen wir doch die wenigen Angaben der „vorgeschichtlichen Zeit“ wenigstens nicht mit Stillschweigen übergehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1336 findet <strong>Ludolf von Suchhem</strong> in Safeth einen Juden aus seiner Heimat Westfalen (siehe J. Braslawsky: „Jedioth“ der hebräischen Gesellschaft der Erforschung Palästinas und ihrer Altertümer, Heft 1/2, 5696).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Einwanderung deutscher Juden im 13. Jahrhundert aus <strong>Mainz, Worms, Speyer</strong> <strong>und Oppenheim</strong>, die den Meharam von Rothenburg<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a> nach Erez Israel begleiten wollten, berichtet auch Prof. Klein in seinem Buch. Besonders die Verfolgungen der Jahre 1336 und 1337 und die der Jahre nach der schwarzen Pest in den Jahren 1348—50 gaben der Einwanderung einen starken Anstoß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Gründer des aschkenasischen Jischuws wird von <strong>Rabbi Josef Schwarz</strong> in einem Brief an seinen Bruder Chaim (siehe Grajewsky: Beth Ha-Ozar B.) angegeben Rabbi<strong> Schimon Insburg (Insbruck?) aus Frankfurt am Main,</strong> ebenso Rabbi <strong>Juda Chassid</strong>, der zwar aus Polen stammte, aber ebenfalls aus Frankfurt nach Palästina einwanderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Simon van Geldern</strong> (siehe David Kaufmann: Aus „Heinrich-Heines-Ahnensaal<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a>“ und den Aufsatz von Prof. Torczyner<a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a> in dem dem Andenken von Luncz gewidmeten Sammelband), der im Jahre 1766 das Land besuchte, bemerkt, er wäre der erste Deutsche seit 50 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst viele Jahrzehnte später kommt <strong>Rabbi Josef Schwarz</strong>, der eigentliche Gründer und Vorsitzende des Kolel Hod nach Jerusalem. Rabbi Josef Schwarz wurde im Jahre 1804 in Floss in Bayern geboren, 1833 kam er ins Land und starb im Jahre 1865. In diesen 32 Jahren hat sich Rabbi Josef Schwarz als Forscher auf geographisch-topographisch-historischem Gebiet einen Namen gemacht, sein Werk „Tewuoth Haaretz“ (von seinem Bruder unter dem Titel: Das Heilige Land ins Deutsche übersetzt) ist noch heute eine der wichtigsten Quellen für den palästinensischen Forscher. Schwarz war ein streng frommer Mann europäischer Bildung, unter den damaligen Juden Palästinas eine Seltenheit. Auch als Astronom und Dichter wurde er geschätzt. Es wäre ein Zeichen historischer Dankbarkeit und auch von symbolischer Bedeutung, wenn in Jerusalem, der Stadt, in der <strong>Rabbi Josef Schwarz</strong> gelebt und gewirkt hat, eine Straße mit seinem Namen verbunden würde. Auch ist das Faktum, dass in diesen Jahren die <strong>Einwanderung deutscher Juden nach Palästina ihr hundertjähriges Jubiläum feiert</strong>, unbemerkt an der jüdischen Öffentlichkeit vorübergegangen, vielleicht sind diese ernsten Jahre wenig dazu angetan, an historische Feiern zu denken, jedoch die Anciennität<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a> der Palästinabewegung im deutschen Judentum aufzuzeigen, ist nicht ohne gefühlsmäßiges Interesse für uns Nachgeborene, und aus diesem Grunde sollte der deutsche Jude an dieses Datum erinnert werden, dass er sehe, auch in den Herzen seiner Vorväter habe die Liebe zu Zion geleuchtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedoch, die historische Wahrheit erfordert zu sagen, dass ebenso wie bei allen anderen Einwanderungsströmen politische und wirtschaftliche Beweggründe auch bei dieser Einwanderung maßgebend waren. In den 30 er und 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts wanderten Tausende deutscher Juden, besonders aus den Ländern <strong>Bayern, Württemberg, Posen nach Amerika und England</strong> aus, in vielen deutschen Ländern bestanden wirtschaftliche Beschränkungen, auch Heiratsbeschränkungen, in manchen Gegenden konnten nur die erstgeborenen Söhne heiraten. Der wirtschaftliche Aufstieg der Emanzipationsepoche ließ diese Tatsache einer früheren Massenauswanderung aus Deutschland in Vergessenheit geraten. Man blättere in alten Jahrgängen der „Allgemeinen Zeitung des Judentums<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>“ und wird dort eine Reihe von Berichten finden: Abschied von der Heimat, <strong>„Eine Gruppe von Auswanderern aus Württemberg“</strong> usw. Auch Leschinsky<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a> hat auf dieses vergessene Kapitel der jüdischen Wanderbewegung aufmerksam gemacht. Ein kleiner unbedeutender Nebenfluss dieses Auswanderungsstromes, der für die Geschichte des anglosächsischen und amerikanischen Judentums mitbestimmend wurde, war die Gründung des deutsch-jüdischen Jischuws im Heiligen Lande.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Größenverhältnisse dieser Alijah sind uns ungefähr bekannt. <strong>Abraham Mosche Luncz</strong> teilt in seinem Kalender vom Jahre 5671 (1911), Band 9, im Abschnitt über die „Pekiduth wehaamarkeluth de Eretz Hakodesch be Amsterdam“ folgende Zahlen mit:</p>



<p class="wp-block-paragraph">5607 (1847) stieg die Zahl der Mitglieder vom Kolel Hod auf <strong>44 Seelen</strong>,</p>



<p class="wp-block-paragraph">5608 (1848) auf <strong>55 Seelen</strong>. In einer anderen Quelle wird für das Jahr</p>



<p class="wp-block-paragraph">5615 (1855) die Zahl der deutschen Juden mit <strong>60 Seelen</strong> angegeben, und Dr. Hildesheimer gibt zu Anfang</p>



<p class="wp-block-paragraph">5660? (1900?) dieses Jahrhunderts die Zahl der deutschen Juden Jerusalems mit <strong>100 Seelen</strong> an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sicher werden sich aus den Akten des Kolel genauere Zahlen auch für viele andere Jahre feststellen lassen. Selbst wenn in den angegebenen Zahlen ein oder mehrere Juden aus Holland, Luxemburg miteinbegriffen sein sollten, sicher ist, dass es sich um überwiegend deutsche Juden hierbei gehandelt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass die Fruchtbarkeit der deutschen Juden bei dem damaligen Einwanderungselement recht groß gewesen sein muss, ersehen wir aus einer Bemerkung Luncz’, der zu Beginn seines Aufsatzes über die „Chalukka“ in dem obenerwähnten Heft uns mitteilt, dass die ersten, die sich von dem gemeinsamen Kolel der „Peruschim<a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a>“ getrennt hätten, <strong>acht Familien</strong> aus Deutschland und Holland gewesen seien. Das war im Jahre 5609 (1849), wo schätzungsweise einige fünfzig Seelen zum Kolel Hod gehört haben können. Immerhin scheint diese Zahl uns merkwürdig hoch zu sein, eine Familie müsste im Durchschnitt 7 Köpfe gezählt haben, und dabei ist auch noch anzunehmen, dass die Einwanderer jüngere, ja oft unverheiratete Leute waren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Recht aufschlussreich sind die Briefe Elieser Bergmanns, die sein Nachfahr <strong>Abraham E. Bergmann</strong> im „Haaretz“ veröffentlicht hat, und die auch im hebräischen Teil der „Jüdischen Rundschau<a href="#_ftn20" id="_ftnref20">[20]</a>“ vor einiger Zeit auszugsweise wiedergegeben wurden. Elieser Bergmann wurde im Jahre 1799 im Dorfe Hindheim (?) bei Gunzenhausen in Bayern geboren, er wurde der Schwiegersohn Mendel Rosenbaums aus Zell, eines einflussreichen reichen Mannes, der Schtadlan<a href="#_ftn21" id="_ftnref21"><sup>[21]</sup></a> am Münchener Königshofe war und wegen seiner öffentlichen Tätigkeit zu Gunsten seiner jüdischen Brüder den Beinamen „Bayrischer Judenkardinal“ führte. Elieser Bergmann wanderte ein Jahr nach seinem engeren Landsmann Rabbi Josef Schwarz nach Palästina aus, kam also 1834 nach Jerusalem. Seine Briefe, gerichtet an seinen Schwiegervater, sind Schilderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse, Lebensmittelpreise, der Wert der verschiedenen Münzsorten, die Aussichten der Handwerke und ihre Verbreitung, die Schechita in Safeth, Angelegenheiten der Chalukka, all das fand seinen Ausdruck in den nach Deutschland gerichteten Briefen, auch seine Frau Riwka Sila gibt in einem Brief eine anschauliche Schilderung der weiblichen Mode. Elieser Bergmann ernährte sich im Lande vom Handel und Wechselgeschäft, doch verlor er trotz der Hilfe seiner Verwandten sein Vermögen und kehrte 1850 oder 1851 nach Deutschland zurück. 1852 starb er im 52. Lebensjahre und wurde in Berlin auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. Im Lande blieben — seine erste Frau, vier Söhne und seine zweite Frau waren gestorben — seine beiden Söhne Binjamin Bergmann, der Großvater des judaistischen Professors <strong>Jehuda</strong>, und sein Nachkömmling Jehuda Bergmann, der ihm von seiner zweiten Frau geboren wurde. Nachkommen dieser Familie sind <strong>Rabbi Jehuda Bergmann in Kefar Iwri bei Jerusalem</strong>, früher Neve Jaakov, und die Kinder dieses Jehuda Bergmann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den ältesten Familien gehören ferner die Familien <strong>Schlank, Sachs, Hausdorf und Liebrecht</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jochanan Zwi Schlank</strong>, anscheinend genannt nach seinem Herkunftsort „Schönlanke“ aus den deutschen Ostprovinzen, war ein Schüler des <strong>„Chatam Szofer“</strong> in Preßburg. Der Londoner Oberrabbiner Hirschel Berlin wandte sich mit der Bitte an den „Chatam Szofer“, ihm einen der besten seiner Jeschiwabachurim für seine Nichte als Bräutigam nach England zu schicken. Die Wahl des „Chatam Szofer“ entfiel auf <strong>Jochanan Zwi Schlank</strong>. Die Hochzeit wurde in Palästina, wohin auch Raw Hirschel Berlin die jungen Leute begleitete, ausgetragen. In der Jerusalemer Altstadt lebt noch heute ein Nach-komme dieser Familie, <strong>Joschua Schlank</strong>, auch dessen Sohn, ein Neu-Einwanderer aus Frankfurt am Main, Jochanan Schlank und andere Angehörige der Familie wohnen in Jerusalem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rabbi Mosche Sachs, wohl Anfang des 19. Jahrhunderts in Dreißigacker bei Meiningen geboren — seine Nachkommen führen seinen Namen auf seine Herkunft aus Sachsen zurück, nicht jedoch auf das hebräische Notrikon<a href="#_ftn22" id="_ftnref22"><sup>[22]</sup></a> „Secher Kedoschim sserufim“ (Andenken an verbrannte Märtyrer) wie andere Familien dieses Namens — ist wohl der Früheste aus dem damaligen deutschen Einwanderungskreis, denn Grajewsky gibt in seinem „Pinkas Jeruschalaim“, Heft 1, seine Ankunft mit dem Jahre 1830 an, seinen Tod mit dem Jahre 1870. Sachs lernte in München und Wien Talmud und Medizin, er war Journalist und schrieb sowohl in hebräischen Zeitschriften wie dem „Libanon“ als auch in deutschsprachigen Zeitschriften seiner Zeit. <strong>S. Baron</strong>, wie auch <strong>Ludwig August Frankl</strong>, geben Briefe wieder, bzw. Gespräche mit ihm, die Zeitschrift „Der Orient“ berichtet über die Begegnung eines deutschen Fürsten in Nordafrika mit <strong>Rabbi Mosche Sachs</strong>, wohin dieser im Auftrag Jerusalemer Institutionen als Chacham und „Schadar<a href="#_ftn23" id="_ftnref23"><sup>[23]</sup></a>“ gesandt worden war. Nachkommen dieses Mannes bilden Angehörige der Jerusalemer Familie Sachs. In der Nähe der Synagoge auf den Namen von <strong>Rabbi Zadok Sachs</strong> in der Chabadstraße in der Altstadt wohnt der Vater von <strong>Dov Sachs</strong>, eines Kaufmannes, und auch dessen Kinder leben hier in Jerusalem.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Esriel Selig Hausdorff</strong> kam aus Schlesien (Mieslowyz oder aus Breslau) im Jahre 5607 (1847) ins Land. Grajewsky berichtet u. a. in einem Aufsatz im Haaretz vom 04.06.36, dass E. S. Hausdorff ein für das öffentliche Wohl höchst interessierter und tätiger Mann gewesen sei, der bei der Gründung des Waisenhauses Diskin, in der Leitung des <strong>Bikkur-Cholim-Hospitales</strong>, der Gründung der <strong>„Bate Machasseh“</strong> in Angelegenheiten der Wohltätigkeits- und Lehrinstitute der <strong>Pariser Rothschilds</strong> seine Hilfe und seinen Rat dauernd zur Verfügung stellte. Ansehen genoss er auch beim preußischen und österreichischen Konsulat und hatte im österreichischen Konsulat ein Ehrenamt inne, er bekam auch Orden verliehen, eine mit goldenen Fäden bestickte amtliche Uniform wurde ihm ehrenhalber zum Geschenk gemacht, in Fällen von Anschuldigung und Rechtlosigkeit stand er den Betroffenen zur Seite, er war in Thora und Wissenschaft gleichermaßen erfahren. Von seiner Hinreise ins Land wird erzählt, in Seenot habe der Kapitän E. S. Hausdorff gebeten, „Schofar“ zu blasen, Hausdorff erfüllte den Wunsch, und der Zorn des Meeres legte sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Sohn, der <strong>Raw Chaim Hausdorff</strong>, erzählt in seinen Erinnerungen über seinen Vater auch eine Geschichte von Baron Gustav de Rothschild, der 1853 im Aufträge seines Vaters Jacob Rothschild aus Paris ins Land kam, begleitet von Personen des französischen Adels und Generälen. Einer von diesen, gewahr geworden der Teilnahme, die der Baron an der gedrückten Lage der Juden nahm, sagte scherzhafterweise: „Da Ihr Vater sehr reich ist, bitten Sie ihn, dass er Erez Israel für die Juden kaufe.“ Die Antwort des Barons lautete: „Warum sollen wir das Land kaufen, es ist uns ja von Anfang an als Geschenk zugedacht worden“. (Anspielung auf die Abraham gemachte göttliche Verheißung).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahre 1905 starb <strong>E. S. Hausdorff</strong> völlig verarmt. Im ganzen Land, sowohl in Jerusalem als in Jaffa-Tel-Aviv und den Kolonien wohnen Angehörige und Nachkommen der Familie Hausdorff. In der Jerusalemer Altstadt wohnt <strong>R. Mordechaj Hausdorff</strong>, ein Jerusalemer Apotheker trägt den Namen Hausdorff, durch Heirat ist auch die <strong>Familie Jellin</strong> mit den Hausdorffs verwandt geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenfalls aus Schlesien stammt die <strong>Familie Liebrecht</strong>, deren Ahnherr <strong>R. Schlomo Liebrecht</strong> in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einem reichen Elternhaus in die dürftigen Verhältnisse des damaligen Palästinas ging. Sein Sohn war <strong>Meir Schimeon Liebrecht</strong>, und dessen Sohn der bekannte Pardessan Akiba Liebrecht in Petach Tikwah. Die Familie hatte die Verwaltung von Bodenbesitz R. Obadja Lachmanns aus Berlin. Über die Familie Liebrecht berichtet auch Grajewsky in seinem „Sikaron lechowewim rischonim“ Heft 13/18.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Arzt <strong>Dr. Simon Ben Nathan Fraenkel</strong>, über den Ludwig August Frankl berichtet, ist Schlesier. Er wurde in Zülz in Schlesien geboren. In Jerusalem war Dr. Fraenkel Direktor des Dispensatory von Moses Montefiore, er galt als europäisch gebildeter Mann und war ein Gegner der extremen Orthodoxie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grajewsky erwähnt <strong>Aharon Ben Jizchak Scheyer</strong> aus Frankfurt am Main, <strong>Schlomo Elbe aus Hamburg</strong>, der im Aufträge von Montefiore in Jerusalem eine Webschule einrichtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ludwig August Frankl erwähnt auch in einer Liste von Getauften, die den Verlockungen der sehr tätigen Judenmission anheimgefallen waren, zwei deutsche Juden, <strong>Bergheim aus Posen</strong> und <strong>Hanauer aus Bayern.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Jerusalemer Altstadt führt eine Synagoge noch heute den Namen<strong>: „Das Deutsche Bessmedresch“</strong> auch <strong>Stempel<a href="#_ftn24" id="_ftnref24"><sup><strong><sup>[24]</sup></strong></sup></a> des Kolel Hod</strong> sollen sich noch in der Altstadt befinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Frau Djirassi in Jemin Mosche (Jerusalem) entstammt einer Familie Lilienthal aus Frankfurt am Main, auch ein Herr Freimann von der ,,Churba“ &#8211; Synagoge hatte einen Großelternteil von der Familie Lilienthal her, und in den Bathe Machasseh hat sich der Name auch noch direkt in einer Frau Lilienthal erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei Töchter eines Rabbiners <strong>Gottlieb</strong> aus Eydtkuhnen stammen aus Deutschland. Die Älteste, <strong>Frau Gisela Adelmann</strong> in Jerusalem ist in Neustadt an der Aich bei Nürnberg zur Welt gekommen, ihre Schwestern, <strong>Frau Marschak</strong> und <strong>Frau Fränkel</strong> wohnen in Tel-Aviv. (Die Familie Marschak ist auch mit der Familie <strong>Liebrecht</strong> verwandt.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name <strong>Fränkel </strong>wird auch als Gründer einer Synagoge in der Jerusalemer Altstadt erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Familie <strong>Bernay</strong>, in Gsede Jaakob, die aus der Würzburger Gegend stammt, gehört zu den Familien des alten deutsch-jüdischen Jischuws im Lande.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>R. Nachum Zelniker</strong>, Gabbe (Synagogenvorsteher) in der Altstadt, ist zu erwähnen. Ein jüngeres Mitglied der Familie ist Chauffeur, im Augenblick Gapir (Hilfspolizist) in Jerusalem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Sänger Schlomo Weißfisch teilte mit, sein Großvater <strong>Joschua Weißfisch</strong>, wäre aus der Mark Brandenburg nach Erez Israel eingewandert, auch heute noch besäße er ererbter Weise die deutsche Staatsbürgerschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Übrigen will die deutsche Staatsbürgerschaft wenig besagen. Zu Zeiten der Kapitulationen im alten türkischen Reich war es vorteilhafter, englischer, österreichischer, preußischer oder amerikanischer Schutzbürger zu sein. Joschua Jellin erzählt uns, dass <strong>Joel Mosche Salomon</strong>, Chaim Salomons Vater (Chaim Salomon war vor einigen Jahren stellvertretender Bürgermeister Jerusalems), deutscher Staatsangehöriger war, und ebenso ist uns dieselbe Tatsache von anderen bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Einwanderern der letzten Jahrzehnte sind noch zu nennen <strong>Preuß</strong> (nicht mehr am Leben), und Herr <strong>Ernst Hermann</strong>, der 1907 ins Land kam und hier ein Vermögen verlor. Ernst Hermann wohnt jetzt in Tel Aviv.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tel Aviv wohnt auch der Studienprofessor <strong>David Tachauer</strong>, der einen Stammbaum der Familie Mendel Rosenbaum aus Zell verfasst hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Abkömmling der Familie <strong>Mendel Zell</strong> — so wurde er genannt — ist <strong>R. Schlomo Wechsler</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wechsler, der aus Unterfranken stammt — sein Vater war Schwabacher Raw — wurde hier im Lande, wo er seit Jahrzehnten in einer der Wohnungen der Bathe Machasseh wohnt, Chassid, und zwar Chassid der Brazlawer Richtung, Anhänger Rabbi Nachmanns von Brazlaw, der in Uman beerdigt ist und zu dem auch heute noch Juden unter den größten Schwierigkeiten wallfahrten. Wechsler ist einer der letzten Empfänger der so überaus dürftigen Chalukka, und es wird wenig Menschen geben, die diese Bedürfnislosigkeit mit ihm teilen wollen. Der Glauben an das baldige Kommen des Maschiach ist in Wechsler lebendig, und neben dem Talmudstudium und der Vertiefung in den Sohar beschäftigt ihn die Gimatrijah, nach der das Kommen des Maschiach berechnet wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahre 1906 wurde im Auftrag der Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung Rabbi <strong>Jonathan Halewi Horowicz</strong> als Leiter der Angelegenheiten des Kolel „Hod“ eingesetzt, eine für die Altstadt repräsentative Wohnung in den Bathe Machasseh ist der Wohnsitz von Rabbi Horowicz. Seit langem jedoch führen die Geschäfte des Kolel der Arzt <strong>Dr. Moritz Wallach</strong> und als Sekretär des Kolel fungiert Herr<strong> Israel Löbel</strong>. Zu den Verwandten Dr. Wallachs gehören die Familien <strong>Marx</strong> und <strong>Stern</strong>. Als Theodor Herzl seine Palästinareise, die ihn in Kontakt mit Kaiser Wilhelm II. brachte, durchführte, war er Gast der Marx’schen Familie in der Mamillastraße. Der alte Herr Marx ist erst 1935 in Jerusalem verschieden. Auch das Geschäft <strong>Michael Sterns</strong> liegt in der Mamillastraße, ein Sohn Michael Sterns, der in Deutschland lebte, ebenso wie seine Schwester Frau Friedmann, sind wieder in ihre Geburts- stadt Jerusalem zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rabbi Horowicz</strong>, der früher in Frankfurt am Main lebte, ebenso wie Herr Israel Löbel sind ungarische Juden. Auch die Frau von <strong>Schlomo Wechsler</strong> ist eine ungarische Jüdin. Es scheint zwischen dem ungarischen Judentum und dem deutschen Judentum in Erez Israel vielleicht infolge gemeinsamer Minhagim, der deutschen Sprache vieler ungarischer Juden, vor allem durch den Kontakt der deutschen und der ungarischen Orthodoxie — Dr. Israel Hildesheimer war Raw in Eisenstadt, der Chatam Ssofer in Preßburg war ein geborener Frankfurter, Rabbi Akiba Eger aus Posen dagegen stammte aus Ungarn — ein engeres Verhältnis geherrscht zu haben, als zwischen den deutschen Juden im Lande und Juden anderer Länder sonst. So galten <strong>Wilhelm Groß</strong> und <strong>Dr. Engel</strong> vielen Jerusalemern als deutsche Juden, worauf Sprache, Erziehung, bzw. Studium in Deutschland, hinzuweisen schienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der mehrfach erwähnte <strong>Chatam Szofer</strong> in <strong>Preßburg</strong> war der eigentliche Gründer des Kolel „Hod“ von Europa aus. Vorkämpfer der Chibbath-Zion-Bewegung, <strong>Rabbi Zwi Hirsch Kalischer aus Thorn</strong> (ein jetzt veröffentlichter Stammbaum weist die Verwandtschaft Dr. Arthur Ruppins mit Kalischer nach) und <strong>Rabbi Elijah Gutmacher aus der Stadt Graetz</strong> (polnisch Greiditz) standen in enger Fühlung mit dem damaligen jüdischen Jischuw. Zwi Hirsch Kalischer ist der zionistischen Geschichte bekannt als der Verfasser von „Drischath Zion“, ein Buch, das 1862 erschien und großen Eindruck auf Moses Heß machte. <strong>Elijah Gutmacher</strong> — siehe <strong>„Szukath Schalom“</strong> von <strong>Chaim Hirschensohn</strong> — war der erste und einzige chassidische Rabbiner auf deutschem Boden. Nachum Sokolow verdanken wir folgende Anekdote von Elijah Gutmacher: Ein Chossid aus Galizien kommt als Gast zu Rabbi Gutmacher. Nach seiner Heimat zurückgekehrt, wird der Chossid nach seinen Eindrücken und Erlebnissen im Hause des Rabbi gefragt. Der Chossid berichtet von einem Schabbath, wie schön er im Hause des Rabbi begangen worden wäre, von der „Dritten Mahlzeit“ (Sa’uda schlischith), die bei den Chassidim eine große Rolle spielt, es hätte Brot gegeben und Challe und vieles andere Gute. Erstaunt fragt man den Chossid: „Und Fleisch habt Ihr nicht bekommen?“ Worauf der Chossid antwortet: „Es gab Fleisch, aber ich habe keines gegessen, er ist doch ein Preuße!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem heftigen Streit, der den alten Jerusalemer Jischuw in Aufregung versetzte und sogar zur Einmischung der Behörden und der Konsuln führte, wandte sich die eine Partei — so berichtet Joschua Jellin — an Rabbi <strong>Elijah Gutmacher</strong>, die andere Partei aber an Rabbi Zwi Hirsch Kalischer, um durch das Gewicht so wichtiger rabbinischer Autoritäten der Sache R. Schaul Benjamin Kohens oder R. Fischei Lapins zum Siege zu verhelfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dinaburg spricht in seinem Buche „Chibbath Zion“ auch von einem Zentrum der Chowewe Zion in Frankfurt an der Oder und erwähnt in diesem Zusammenhänge den Namen <strong>Dr. Chaim Lorje</strong>, <strong>Lurje</strong> oder <strong>Lurja</strong>, ein Mann, der in Verbindung mit Rabbi Hirsch Kalischer und wahrscheinlich auch mit <strong>Moses Heß</strong> war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aufmerksam zu machen ist auch auf <strong>Samuel Straus aus Karlsruhe<a href="#_ftn25" id="_ftnref25"><sup><strong><sup>[25]</sup></strong></sup></a></strong>, ein Mann, der mit einer Reihe agudistischer und zionistischer Familien verwandt ist. Straus verdankt Jerusalem den Bau von sieben Häusern in den Bathe Machasseh und in der Nähe des Nablustores, zusammen mit dem Mainzer Rabbiner <strong>Markus Lehmann<a href="#_ftn26" id="_ftnref26"><sup><strong><sup>[26]</sup></strong></sup></a></strong>. Eine Reihe anderer Namen wurden schon oben als Förderer des Kolel „Hod“ aufgeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich sei noch vermerkt, dass in den letzten Jahrzehnten unter den Einwanderern aus Deutschland auch zurückgebliebene oder schwer erziehbare Kinder ins Land kamen, sei es, dass die Eltern glaubten, die Luft Palästinas mache weise (talmudisches Wort), sei es, dass sie glaubten, Landarbeit erfordere weniger geistige Anstrengungen, oder auch aus anderen Beweggründen heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein interessantes, wenn auch wenig beachtetes Kapitel Palästinakunde, das hier berührt worden ist, wichtig sowohl als Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums als auch eine Anregung zum Studium der jüdischen Familienkunde, der merkwürdigerweise in hebräischer Sprache von wissenschaftlicher Seite weniger Beachtung geschenkt worden ist als in deutscher Sprache, die ja in der Zeitschrift für „Jüdische Familienforschung<a href="#_ftn27" id="_ftnref27">[27]</a>“ ein ernstes Forum gefunden hat. Aber auch für den deutschen Juden, der in den Jahren 1933 bis 1936 nach Erez Israel kam, sollte die Geschichte des Kolel „Hod“ ein Glied in der Kette sein, die später, unter ganz anderen Verhältnissen und Voraussetzungen, zur „Hitachduth Olej Germania<a href="#_ftn28" id="_ftnref28"><sup>[28]</sup></a>“ führte.<br></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die nachfolgenden Artikel wurden unter Zuhilfenahme von KI erstellt.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">Fritz Meir Fraenkel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lebensdaten im Überblick</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Geburt und Herkunft</strong>: 4. September 1906 in Berlin, in eine assimilierte, wohlhabende jüdische Bankiersfamilie („Bank Fraenkel“). Vater: Felix-Osher Fraenkel; Mutter: Margarete geb. Pick. Zwei Schwestern. Der Name ehrte die Großväter und Heinrich Heine.</li>



<li><strong>Jugend und Ausbildung</strong>: Frühes Interesse am Hebräischen (Selbststudium + Privatlehrer). 1919 einer der ersten Schüler der hebräischen Sprachschule von Dr. Moshe Zmora. Mitglied der zionistischen Jugendbewegung Blau-Weiß, aktiv in Berlin und Leipzig (u. a. für den Keren Kayemet). Artikel in der <em>Jüdischen Rundschau</em> bis 1938. Studium der semitischen Sprachen an der Universität Gießen; Forschung zu Wortverwandtschaften zwischen Hebräisch und anderen semitischen Sprachen.</li>



<li><strong>Alija</strong>: 1933 Auswanderung nach Palästina (Familienangehörige kamen in der Shoah um). Niederlassung in Jerusalem, Heirat mit Miriam Wigderhaus.</li>



<li><strong>Berufliches und wissenschaftliches Wirken</strong>: Tätigkeit in den nationalen Institutionen und beim Keren Hayesod. Parallel intensive Arbeit an der Erforschung und Pflege des modernen Hebräisch sowie Unterricht für Neueinwanderer. Ca. 700 Artikel in hebräischen und deutsch-jüdischen Periodika (<em>HaTzofe</em>, <em>HaBoker</em>, <em>Haaretz</em>, <em>Davar</em> u. a.). Mitarbeit am <em>Neuen Wörterbuch</em> von Avraham Even-Shoshan. Bücher und Studien zu hebräischer Morphologie, Folklore der Berliner Juden und möglichen Verbindungen zwischen Hebräisch und indogermanischen Sprachen (u. a. <em>Zur Theorie der Lamed-He-Stämme</em>, Jerusalem 1970).</li>



<li><strong>Tod</strong>: 1976 in Israel.</li>
</ul>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Alter Jischuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Alte Jischuw</strong> (hebräisch: <strong>היישוב הישן</strong>, <em>haYishuv haYashan</em>, wörtlich „die alte Siedlung“) bezeichnet die jüdischen Gemeinden im Gebiet des osmanischen Palästina (bzw. der südlichen Levante) vor dem Beginn der modernen zionistischen Einwanderungswellen (Aliyot). Die Abgrenzung erfolgt üblicherweise bis etwa 1881/1882 (Beginn der Ersten Aliyah); der Begriff wird manchmal bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bzw. der Konsolidierung des Neuen Jischuw verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unterschied zum Neuen Jischuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zum Neuen Jischuw, der von zionistischen Idealen (Arbeit, Selbstversorgung, Landwirtschaft, säkulare oder nationalistische Ausrichtung) geprägt war, bestand der Alte Jischuw vorwiegend aus religiösen Juden. Sie lebten hauptsächlich von Spenden aus der Diaspora (hebräisch <em>Chalukka</em> oder <em>Tzedakah</em>), die über Kollelim (Organisationen nach Herkunftsland oder -gruppe) verteilt wurden. Viele widmeten sich dem Torastudium und dem Leben in den heiligen Städten, um religiöse Gebote zu erfüllen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammensetzung und Herkunft</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Alte Jischuw war keine homogene Gruppe, sondern setzte sich aus mehreren Schichten zusammen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Mustaʿarabim: Arabischsprachige Juden, die schon vor dem Islam im Land lebten und kulturell arabisiert waren.</li>



<li>Sephardim: Ladino-sprechende Juden, die vor allem nach der Vertreibung aus Spanien (1492) und in der mamlukischen/frühen osmanischen Zeit ankamen.</li>



<li>Aschkenasim: Einwanderer aus Europa, darunter Chassidim (ab dem späten 18. Jahrhundert) und besonders die Peruschim (Schüler des Gaon von Wilna), die ab 1808/1810 in größeren Gruppen kamen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Zuwanderer stammten aus Nordafrika, dem Jemen, Persien und dem Kaukasus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Geografische Zentren</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gemeinden konzentrierten sich vor allem auf die vier Heiligen Städte des Judentums:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Jerusalem</li>



<li>Hebron</li>



<li>Safed (Tzfat)</li>



<li>Tiberias</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Kleinere Gemeinschaften existierten in Jaffa, Haifa, Akko, Nablus, Pekiʿin, Schfaram und anderen Orten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden erste Wohnviertel außerhalb der Jerusalemer Altstadtmauern (z. B. Mishkenot Sha’ananim 1860, finanziert durch Moses Montefiore). Auch die Siedlung Petach Tikwa (1878) ging teilweise auf Initiativen des Alten Jischuw zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demografie und Lebensbedingungen</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Um 1800: ca. 7.000 Juden</li>



<li>Mitte 19. Jahrhundert: ca. 12.000 Juden</li>



<li>Um 1880/1882: ca. 24.000–27.000 Juden (ca. 2–5 % der Bevölkerung der Region; weltweit nur 0,3 % aller Juden)</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lebensbedingungen waren oft schwierig: Armut, Abhängigkeit von Spenden, enge Wohnverhältnisse (besonders in Jerusalem), Erdbeben (z. B. Safed 1837), Seuchen und politische Unruhen (u. a. unter Muhammad Ali in den 1830er-Jahren). Die Gemeinden organisierten sich in Kollelim nach Herkunft (z. B. Kollel Hod für Holländer und Deutsche).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Historische Entwicklung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem starken Rückgang der jüdischen Bevölkerung in der Spätantike und dem frühen Mittelalter gab es eine kontinuierliche, wenn auch kleine Präsenz. Wichtige Impulse kamen durch messianische Erwartungen (z. B. um 1840), die Einwanderung der Chassidim und Peruschim sowie die osmanischen Reformen (Tanzimat). Ab dem späten 19. Jahrhundert verwischten sich die Grenzen zum Neuen Jischuw allmählich, besonders in städtischen Vierteln und ersten landwirtschaftlichen Projekten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Alte Jischuw bildete die Grundlage der ununterbrochenen jüdischen Präsenz im Land und diente als Ankerpunkt für die spätere zionistische Siedlungsbewegung. Viele seiner Institutionen und Familien setzten sich im modernen Israel fort.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Kolel Hod</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kollel Hod</strong> (hebräisch: <strong>כולל הו&#8220;ד</strong>, wörtlich „Jüdische Gesellschaft von Holland und Deutschland“) war eine jüdische Gemeinde- und Wohltätigkeitsorganisation im osmanischen Palästina im 19. Jahrhundert. Sie bestand aus Juden, die aus den Niederlanden und Deutschland (Deutschland) eingewandert waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hintergrund und Zweck</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im osmanisch kontrollierten Palästina (besonders in Jerusalem) existierten zahlreiche solche „Kollelim“ – Organisationen, die Juden aus bestimmten Herkunftsländern zusammenfassten. Sie dienten vor allem der Verteilung von Spendengeldern (Chalukka) aus der Diaspora, um die Einwanderung und den Unterhalt der jüdischen Gemeinschaft im Land Israel zu unterstützen. Kollel Hod vertrat speziell die aus Holland und Deutschland stammenden Juden, die durch die Emanzipation und die industrielle Revolution technologisch und sozial fortgeschrittener waren als viele andere Gruppen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitglieder genossen oft Respekt bei den lokalen türkischen Behörden und passten sich teilweise an (z. B. durch traditionelle türkische Kleidung).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Geschichte</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Organisation wurde im 19. Jahrhundert gegründet und entwickelte sich zur reichsten jüdischen Vereinigung im Land Israel – mit mehr Mitteln und Mitgliedern als die sephardische Gemeinde. Sie wuchs besonders in den 1830er-Jahren unter der Herrschaft von Muhammad Ali Pascha. Obwohl der Schwerpunkt in Jerusalem lag, unterstützte sie gelegentlich auch Projekte in anderen Orten (z. B. Petach Tikwa).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wichtige Persönlichkeiten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu gehörten unter anderem:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Moses Sachs (1800–1870)</li>



<li>Nachman Nathan Coronel (1810–1890)</li>



<li>Azriel Hildesheimer (1820–1899)</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aktivitäten und Beiträge</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kollel Hod half bei der Gründung und dem Unterhalt wichtiger Institutionen, darunter:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Das <strong>Shaare-Zedek-Krankenhaus</strong></li>



<li>Die <strong>Lämel-Schule</strong></li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die bekannteste Leistung war die Finanzierung und der Bau der <strong>Batei Mahse</strong> (auch Batei Machse), eines Wohnkomplexes mit ca. 100 mietpreisgebundenen Wohnungen in der Altstadt von Jerusalem für arme jüdische Bewohner. Die Grundstücke wurden 1857 erworben. Aufgrund der Herkunft der Mitglieder gingen etwa ein Drittel der Wohnungen an Personen deutscher und niederländischer Herkunft, ein weiteres Drittel an ungarische Emigranten. Die Wohnungen galten als relativ geräumig und komfortabel im Vergleich zu den sonst engen Verhältnissen im jüdischen Viertel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kollel Hod ist Teil der Geschichte des <strong>Alten Jischuw</strong> (der vor-zionistischen jüdischen Gemeinschaft in Palästina) und der Chalukka-Systeme, die die jüdische Präsenz in Jerusalem und Umgebung finanziell stützten. Es handelt sich um eine historische Organisation des 19. Jahrhunderts und ist nicht mit modernen Kollelim (Talmud-Studienzentren für verheiratete Männer) oder anderen aktuellen Einrichtungen zu verwechseln.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Verhältnis der Aguda zum Alten Jeschuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Aguda (Agudat Jisra’el / Agudath Israel)</strong> und der <strong>Alte Jischuw</strong> standen in einer engen ideologischen und organisatorischen Beziehung, die vor allem durch den gemeinsamen Widerstand gegen den säkularen Zionismus geprägt war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kurzer Überblick</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Der <strong>Alte Jischuw</strong> war die traditionelle, streng religiöse jüdische Gemeinschaft in Palästina (vor allem in den vier heiligen Städten Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias), die vor den zionistischen Aliyot (ab 1882) existierte und von Spenden (Chalukka) und Torastudium lebte.</li>



<li>Die <strong>Aguda</strong> wurde 1912 in Kattowitz (damals Deutschland, heute Polen) als weltweite Organisation des aschkenasischen Torah-Judentums gegründet. Sie richtete sich gegen den Zionismus, Reformjudentum und säkulare Strömungen und wollte die traditionelle Lebensweise nach der Halacha schützen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Verhältnis in Palästina</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Palästina entstand früh eine lokale Filiale der Aguda. Sie verstand sich ausdrücklich als Vertreterin und Schutzmacht des <strong>Alten Jischuw</strong> gegenüber dem aufstrebenden <strong>Neuen Jischuw</strong> (der zionistisch geprägten, oft säkularen Gemeinschaft).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wichtige Punkte:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die Aguda trat für die <strong>eigenständige Existenz</strong> und Anerkennung der ultraorthodoxen Gemeinden des Alten Jischuw ein. Sie wehrte sich dagegen, in die allgemeinen repräsentativen Organe des Neuen Jischuw (z. B. Knesset Israel) eingegliedert zu werden.</li>



<li>Sie unterstützte die traditionellen Institutionen des Alten Jischuw (Jeschiwot, Kollelim, Chalukka-Systeme) und baute eigene Strukturen auf (u. a. den Keren ha-Yishuv zur Förderung orthodoxer Siedlungsaktivitäten, unabhängig von zionistischen Fonds).</li>



<li>Führende Persönlichkeiten des Alten Jischuw, wie Rabbi Yosef Chaim Sonnenfeld (Oberrabbiner der Edah HaChareidis in Jerusalem), standen der Aguda nahe oder kooperierten mit ihr. Die Aguda half dabei, separatistische Strukturen zu festigen.</li>



<li>Ein prominentes Beispiel für die scharfe Opposition war Jacob Israël de Haan, ein Sprecher der Aguda und des Alten Jischuw, der 1924 von der Haganah ermordet wurde, weil er gegen die zionistische Staatsgründung und für Verhandlungen mit arabischen Führern eintrat.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Entwicklung und Nuancen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1920er und frühen 1930er Jahren blieb die Aguda in Palästina weitgehend separatistisch und anti-zionistisch. Ab Mitte der 1930er Jahre (durch Einwanderung aus Deutschland und Polen sowie die Bedrohung durch den Nationalsozialismus) öffnete sie sich pragmatischer: 1933 schloss sie ein Abkommen mit der Jewish Agency über Einwanderungszertifikate und kooperierte später stärker mit den Institutionen des Jischuw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Holocaust und der Staatsgründung 1948 wandelte sich die Aguda von einer klar anti-zionistischen zu einer <strong>nicht-zionistischen</strong> Haltung. Sie akzeptierte den Staat Israel faktisch und nahm an der Politik teil (Status-quo-Abkommen mit Ben-Gurion über Schabbat, Kaschrut und religiöse Gerichtsbarkeit), behielt aber die ideologische Distanz zum säkularen Zionismus bei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Spaltung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alle Teile des Alten Jischuw gingen den pragmatischen Weg der Aguda mit. Die radikaleren Gruppen (besonders ungarisch geprägte Kreise in Jerusalem) bildeten später die <strong>Edah HaChareidis</strong> und Organisationen wie Neturei Karta, die den Staat Israel bis heute ablehnen. Die Aguda repräsentierte den „moderateren“ Flügel der Haredim, der mit dem Staat arrangierte, ohne ihn religiös zu legitimieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammengefasst</strong>: Die Aguda war die politische und organisatorische Fortsetzung und Verteidigung des Alten Jischuw gegen den Neuen Jischuw und den säkularen Zionismus. Sie bewahrte dessen traditionelle Werte und Institutionen, passte sich aber im Laufe der Zeit pragmatisch an die politischen Realitäten an.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Verhältnis der Zionisten zum Alten Jeschuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Verhältnis der Zionisten zum Alten Jischuw</strong> war komplex, von Kritik und Konkurrenz geprägt, aber auch von Überschneidungen und pragmatischer Kooperation. Die Zionisten (besonders ab der Ersten Aliyah 1882) schufen den Begriff „Neuer Jischuw“ bewusst als Gegenstück zum „Alten Jischuw“ und sahen diesen oft als rückständig und reformbedürftig an.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ideologische Grundhaltung der Zionisten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zionisten erstrebten eine <strong>nationale Wiedergeburt</strong> des jüdischen Volkes in Eretz Israel durch produktive Arbeit, Selbstversorgung, Landwirtschaft, hebräische Sprache und moderne Institutionen. Der Alte Jischuw erschien ihnen als Gegenbild:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Er lebte weitgehend von Spenden (Chalukka) aus der Diaspora und konzentrierte sich auf Torastudium und Gebet in den vier heiligen Städten.</li>



<li>Viele Zionisten kritisierten diese Abhängigkeit als unproduktiv, „parasitär“ und typisch für das „Exil-Judentum“, das sie überwinden wollten.</li>



<li>Sie forderten soziale und wirtschaftliche Transformation: Juden sollten Bauern, Arbeiter und Unternehmer werden statt Gelehrte und Almosenempfänger.</li>



<li>Die Chalukka-Systeme und die Kollelim des Alten Jischuw wurden als Hindernis für den Aufbau einer modernen, selbsttragenden Gesellschaft gesehen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">In der zionistischen Historiografie wurde der Gegensatz oft scharf gezeichnet: Der Alte Jischuw als traditionell-religiös und passiv, der Neue als progressiv, national und aktiv.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Praktische Beziehungen und Konflikte</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Konkurrenz um Ressourcen</strong>: Beide Seiten warben um Spenden aus der Diaspora. Zionistische Organisationen (Hovevei Zion, später Jewish Agency, JNF) lenkten Gelder zunehmend in landwirtschaftliche Siedlungen und moderne Institutionen um, was den Alten Jischuw finanziell unter Druck setzte.</li>



<li><strong>Kulturelle und soziale Spannungen</strong>: Die Ankunft säkularer oder nationalistisch-religiöser Einwanderer (mit moderner Kleidung, gemischten Kibbuzim, hebräischer Alltagssprache) wurde vom Alten Jischuw als Bedrohung der traditionellen Lebensweise empfunden. Umgekehrt betrachteten viele Zionisten die Ultraorthodoxen als Hindernis für den Fortschritt.</li>



<li><strong>Sprache</strong>: Die Förderung des modernen Hebräisch durch Eliezer Ben-Jehuda und andere stieß auf Widerstand bei Teilen des Alten Jischuw, die Jiddisch oder traditionelle Sprachen bevorzugten.</li>



<li><strong>Siedlungen</strong>: Einige frühe landwirtschaftliche Projekte (z. B. Petach Tikwa 1878) gingen teilweise auf Initiativen aus dem Umfeld des Alten Jischuw zurück und wurden später von Zionisten unterstützt. Es gab also Überschneidungen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nuancen und Kooperation</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Verhältnis war nicht nur antagonistisch:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Manche Mitglieder des Alten Jischuw unterstützten Modernisierungsversuche (bessere Wirtschaft, Landwirtschaft, Bildung).</li>



<li>Religiöse Zionisten (Misrachi) und einzelne Persönlichkeiten suchten Brücken.</li>



<li>Ab den 1930er-Jahren (besonders nach der Machtübernahme der Nazis und während des Holocaust) wuchs die pragmatische Zusammenarbeit: Die Aguda und Teile des Alten Jischuw kooperierten bei Einwanderungsfragen und im Kampf um die Rettung europäischer Juden.</li>



<li>Im Unabhängigkeitskrieg 1948 kämpften viele aus dem Umfeld des Alten Jischuw in den jüdischen Streitkräften mit. Vertreter der Aguda unterzeichneten die Unabhängigkeitserklärung.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammenfassung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zionisten betrachteten den Alten Jischuw überwiegend als <strong>überholte, unproduktive und religiös-konservative Gemeinschaft</strong>, die dem Aufbau einer modernen jüdischen Nation im Weg stand. Sie strebten dessen Transformation oder Überwindung an. Gleichzeitig existierten praktische Überschneidungen, und die Grenzen verwischten sich im Laufe der Jahrzehnte, besonders ab den 1930er/1940er Jahren. Der Alte Jischuw blieb jedoch ideologisch und sozial weitgehend distanziert vom säkularen Zionismus und bewahrte seine eigene Identität, die später in den Haredi-Gemeinschaften weiterlebte.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> 1. Weltkrieg</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a>&nbsp; 1919 &#8211; 1923</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> KI: Chaluzim bedeutet „Pioniere“. Es bezeichnet die zionistischen Aktivisten, die im frühen 20. Jahrhundert den Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina anstrebten, sich dafür in Lehrgütern auf die körperliche Arbeit vorbereiteten und später kollektive Siedlungen gründeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Wikipedia: Der Luah Eretz Yisrael (hebräisch <strong>לוח ארץ ישראל</strong>), im deutschen Sprachraum als Luncz-Kalender (Luah Luncz) bekannt, war ein bedeutender, von dem jüdischen Gelehrten Abraham Moses Luncz herausgegebener Jahrweiser und Almanach.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> KI: Der „Sprachenkampf“ (auch Sprachkrieg oder Language War genannt) war ein heftiger Streit 1913/14 um die Unterrichtssprache in den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Palästina (Erez Israel).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der <strong>Hilfsverein der Deutschen Juden</strong> (gegründet 1901 in Berlin, u. a. von James Simon und Paul Nathan) war eine philanthropische Organisation deutscher Juden. Sie baute in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein umfangreiches Netz moderner Schulen in Palästina auf: Kindergärten, Volksschulen, ein Lehrerseminar in Jerusalem und vor allem das Technikum (später Technion) in Haifa. Diese Schulen erreichten zeitweise einen großen Teil der jüdischen Schüler, die moderne Bildung erhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs wurde in vielen dieser Schulen auch Hebräisch verwendet. Ab etwa 1911/12 drängte die Leitung (u. a. Ephraim Cohn-Reiss und Paul Nathan) jedoch stärker auf <strong>Deutsch</strong> als Unterrichtssprache – besonders in naturwissenschaftlich-technischen Fächern und am geplanten Technikum. Begründung: Hebräisch sei für moderne Wissenschaft und Technik noch nicht ausreichend entwickelt, es fehlten Lehrbücher und Fachbegriffe; Deutsch als große Kultursprache biete bessere Anschlussmöglichkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dagegen protestierten zionistische und hebraistische Kreise (vor allem Lehrer, Schüler und Teile des Jischuw) energisch. Sie sahen darin eine Bedrohung der hebräischen Sprach- und Kulturerneuerung und eine „Germanisierung“ bzw. Assimilation. Der Konflikt eskalierte im Herbst/Winter 1913/14:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Streiks und Demonstrationen an Hilfsverein-Schulen,</li>



<li>Austritte von Lehrern und Schülern,</li>



<li>Gründung rivalisierender hebräischer Schulen,</li>



<li>Rücktritte von Kuratoriumsmitgliedern (u. a. Ahad Ha’am, Schmarjahu Levin),</li>



<li>heftige Debatten in der jüdischen Presse in Palästina, Deutschland und darüber hinaus.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Höhepunkt war die Entscheidung des Technikum-Kuratoriums: Im Oktober 1913 wurde Deutsch für die technischen Fächer beschlossen, im Februar 1914 (unter Druck amerikanischer und russischer Mitglieder sowie der öffentlichen Kampagne) revidiert. Hebräisch setzte sich durch – zunächst an der angeschlossenen Realschule, schrittweise auch am Technikum.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: Memoirenliteratur umfasst die schriftlichen Lebenserinnerungen von Personen, wobei der Fokus auf dem Erleben historischer Ereignisse, der Blick auf eine bestimmte Epoche und die öffentliche Rolle des Verfassers liegen. Wichtige Merkmale sind der subjektive Blickwinkel und die Ich-Perspektive</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Als Chalukka (hebräisch <strong>חלוקה</strong>, „Verteilung“) bezeichnet man ein historisches System der Armenfürsorge und Spendensammlung in der Diaspora, mit dem jüdische Gemeinden in Europa die Gelehrten und die jüdische Bevölkerung im Heiligen Land (Erez Israel) finanziell unterstützten</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Eine Organisation, die 1810 zur Unterstützung des Jischuw in Eretz Israel gegründet wurde</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Talmud</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Universitätsbibliothek Frank.a.M.: Die Wochenschrift erschien von 1840 bis 1851. Hg. War Julius Fürst. Der Orient setzte sich zum Ziel, seinen Lesern &#8222;das Auserlesenste auf dem Gebiet der jüdischen und der damit verwandten orientalischen Geschichte und Literatur und das Gründlichste auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft mitzuteilen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Epoche der Emanzipation richtete sich die Zeitschrift vornehmlich an das liberale, wissenschaftlich interessierte Bildungsbürgertum und versuchte dessen Wunsch nach einer säkularen Bestimmung jüdischer Tradition und Geschichte nachzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Für die sephardischen Juden ist der Chacham das, was ein Rabbiner für die aschkenasischen Juden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Der Waad Leumi (auch Vaad Leumi oder Jüdischer Nationalrat) war das exekutive Hauptorgan der jüdischen Gemeinschaft (Jischuw) während der britischen Mandatszeit in Palästina. Er wurde im Jahr 1920 gegründet und fungierte als eine Art Schattenregierung für den Weg zum modernen Staat Israel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Der MaHaRaM von Rothenburg (eigentlich Meir ben Baruch, geboren um 1215 in Worms, gestorben am 27. April 1293 in Ensisheim) war einer der bedeutendsten deutschen Rabbiner, Rechtsgelehrten und Dichter des Mittelalters</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> „Aus Heinrich-Heines-Ahnensaal“ ist ein 1896 vom jüdischen Gelehrten David Kaufmann veröffentlichtes, familienkundliches Buch über die Vorfahren des Dichters. Es beleuchtet die Herkunft aus den Familien Heine und van Geldern sowie das jüdische Erbe der Familie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Wikipedia: Naftali Herz Tur-Sinai (hebräisch <strong>נפתלי הרץ טור-סיני</strong>‎; „Fels des Sinai“; geboren am 13. November 1886 als Harry Torczyner in Lemberg, Österreich-Ungarn, als Sohn des aus Brody stammenden Kaufmanns und hebräischen Schriftstellers Isaac Eisig Torczyner; gestorben am 17. Oktober 1973 in Jerusalem) war ein bedeutender israelischer Semitist und Bibelexeget. Er ist der Schöpfer einer deutschsprachigen Übersetzung der Hebräischen Bibel.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Reihenfolge</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Die Zeitung wurde von 1837-1922 nachfolgend von den Neologen Ludwig Philippson, Gustav Karpeles, Ludwig Geiger, Albert Katz herausgegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Gemeint ist wohl Jakob Lestschinsky (1876–1966) war ein bedeutender jiddisch- und deutschsprachiger Soziologe, Statistiker und Journalist, der sich auf die Demographie und Wirtschaftsgeschichte der Juden spezialisiert hatte. Er gehörte zu den Mitbegründern des YIVO Institute for Jewish Research. Jakob Lestschinsky verfasste wegweisende Studien zur jüdischen Demographie und prägte von 1921 bis 1933 die sozialwissenschaftliche Forschung in Berlin.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Wikipedia: Peruschim (hebräisch <strong>פְּרוּשִׁים</strong> Pruschīm, deutsch ‚Abgesonderte‘, Singular: Porisch) waren Gruppen religiöser Juden aus Litauen, Anhänger des Gaon von Wilna, die sich im 19. Jahrhundert in Palästina ansiedelten. Sie gehörten zum Alten Jischuv.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Wikipedia: Die 1902 bis 1938 in Berlin erschienene Jüdische Rundschau war die auflagenstärkste und bedeutendste zionistische Wochenzeitung in Deutschland. Als Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland repräsentierte sie den deutschen Zionismus nach außen. Auf ihren Seiten wurden bedeutende Debatten über Funktion und Aufgabe zionistischer Politik im Sinne des auf dem ersten Zionistenkongress 1897 beschlossenen Baseler Programms geführt. Außerdem berichtete sie ab 1933 über die erschwerten Existenzbedingungen der Juden in Deutschland und informierte auswanderungswillige Leser detailliert über Emigrationsmöglichkeiten</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> Wikipedia: Der Schtadlan (hebräisch <strong>שְׁתַדְּלָן</strong>, Plural: <strong>שְׁתַדְּלָנים</strong>, Štadlanīm) war im 16. bis 18. Jahrhundert der Fürsprecher einer jüdischen Gemeinde bei der nichtjüdischen Außenwelt. Dieses angesehene Amt in der Gemeinde erforderte neben der Beherrschung der Landessprache und Rechtskundigkeit auch Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick. Der Schtadlan konnte zwar um Gebühren bitten, jedoch durfte er seine Tätigkeit nicht davon abhängig machen. Der Schtadlan gilt als Vorform des späteren Gemeindefunktionärs (Parnas).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref22" id="_ftn22">[22]</a> Wikipedia: Notrikon ist eine traditionelle Auslegungsmethode in der jüdischen Bibelexegese (Hermeneutik) und Kabbala, bei der Wörter als Akronym, Abkürzung oder durch die Verwendung einzelner Anfangs-, Schluss- oder Binnenbuchstaben gedeutet werden, um verborgene spirituelle Bedeutungen zu finden</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref23" id="_ftn23">[23]</a> KI: Der Begriff „Schadar bezeichnet im Judentum einen religiösen Abgesandten oder Boten, der früher aus Gemeinden im Heiligen Land (wie Jerusalem oder Hebron) in die Diaspora geschickt wurde, um dort Spenden und finanzielle Unterstützung für die armen Gelehrten und Gemeinden vor Ort zu sammeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref24" id="_ftn24">[24]</a> Siegel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref25" id="_ftn25">[25]</a> https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/entities/11129: Straus &amp; Co. war eine bedeutende jüdische Privatbank, die 1880 von Meir Abraham Straus und Samuel Straus in Karlsruhe gegründet wurde. Diese Bank spielte eine zentrale Rolle in der Finanzwelt der Stadt und war nach der größten jüdische Privatbank Veit L. Homburger KG die zweitwichtigste Privatbank in Karlsruhe. Die Gründer, Meir Abraham Straus, ein Kaufmann aus Diedelsheim, und Samuel Straus, ein ehemaliger Bankprokurist bei Veit L. Homburger, legten den Grundstein für den Erfolg des Unternehmens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Zeit der nationalsozialistischen &#8222;Machtergreifung&#8220; waren Dr. Moritz A. Straus, Friedrich Abraham Straus und ihr Schwager Prof. Dr. Nathan Stein (einer der Mitbegründer der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland) Teilhaber der Bank. Als führende Vertreter des Regionalrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden gerieten die jüdischen Bankiers ins Visier des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates. Seit 1933 waren sie in Karlsruhe Ziel heftiger Angriffe, die sowohl ihre Person als auch ihr Unternehmen betrafen. Angesichts der zunehmenden Verfolgung jüdischer Unternehmer durch das NS-Regime, kam Straus &amp; Co. der drohenden Zwangsarisierung zuvor und verkaufte das Unternehmen im April 1938 an die Badische Bank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rückerstattung und Restitution: Im Mai 1948, zehn Jahre nach der Übernahme der Bank Straus &amp; Co. durch die Badische Bank, stellten die ehemaligen jüdischen Inhaber Moritz und Friedrich A. Straus einen Antrag auf Rückerstattung ihres Besitzes. Das alliierte Rückerstattungsrecht sah Ansprüche auf die Gewinne aus dem entzogenen Vermögen vor. Die Badische Bank zeigte Bereitschaft zur Restitution und meldete die Vermögenswerte unaufgefordert beim Wiedergutmachungsamt an. Da eine Wiederherstellung der Bank nicht möglich war, einigten sich die Parteien auf eine Vergleichslösung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref26" id="_ftn26">[26]</a> KI: Rabbiner <strong>Marcus (Markus/Meïr) Lehmann</strong> (1831–1890), der orthodoxe Rabbiner von Mainz und Herausgeber der Zeitschrift <em>Der Israelit</em>, war aktiv an der Unterstützung und Organisation des <strong>Batei-Mahse-Vereins</strong> (auch „Bate Mahase-Verein“ oder „Shelter for the Needy“) beteiligt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hintergrund</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die <strong>Batei Mahse</strong> (hebräisch <strong>בתי מחסה</strong> = „Häuser der Zuflucht“) sind ein Wohnkomplex im Jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Er wurde ab ca. 1857/1860 vom <strong>Kollel Hod</strong> (Holland und Deutschland) errichtet, um armen Juden moderne und günstige Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Es gilt als eines der ersten modernen jüdischen Wohnprojekte im Land Israel.</li>



<li>Die Initiative ging wesentlich auf Rabbi <strong>Azriel (Esriel) Hildesheimer</strong> zurück (damals noch in Eisenstadt, später Berlin), der eng mit dem Kollel Hod verbunden war.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lehmanns Rolle</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Lehmann setzte sich stark für die Unterstützung der Juden in Palästina ein. In zahlreichen Artikeln im <em>Israelit</em> warb er für Spenden zur <em>Chalukah</em> (Unterstützungsverteilung an den Alten Jischuw).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Rahmen dieser Tätigkeit fungierte er als <strong>Offizieller / Funktionär des Bate-Mahase-Vereins</strong>, der auf Initiative des Kollel Hod und im Namen Hildesheimers gegründet worden war, um den Bau und den Unterhalt der Wohnungen in Jerusalem zu fördern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit besteht eine klare institutionelle und organisatorische Verbindung zwischen Rabbiner Markus Lehmann und den Batei Mahse in der Altstadt von Jerusalem – er gehörte zu den deutschen Unterstützern und Organisatoren dieses Projekts.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref27" id="_ftn27">[27]</a> KI: Die Zeitschrift „Jüdische Familienforschung“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Familien-Forschung), erschien von 1924 bis 1938 in Berlin.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref28" id="_ftn28">[28]</a> <strong>Hitachduth Olej Germania</strong> (hebräisch: <strong>התאחדות עולי גרמניה</strong>; oft abgekürzt <strong>HOG</strong>) war die <strong>Vereinigung der Einwanderer aus Deutschland</strong> in Palästina (später Israel).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gründung und Geschichte</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Gegründet im <strong>Februar 1932</strong> in Tel Aviv von bereits ansässigen deutschen Zionisten, darunter die Ärzte Dr. Theodor Zlocisti und Dr. Ernst Lewy.</li>



<li>Ziel war zunächst die Beratung und Unterstützung von (potenziellen) Einwanderern aus Deutschland.</li>



<li>Mit der massiven Einwanderung der <strong>Fünften Alija</strong> nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wuchs die Organisation stark und wurde zur zentralen Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation der deutschsprachigen Juden („Jeckes“) im Jischuw.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Tätigkeiten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die HOG half den Neuankömmlingen bei:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Arbeitsvermittlung und beruflicher Umschulung,</li>



<li>Wohnungsbeschaffung und wirtschaftlicher Integration,</li>



<li>sozialer Unterstützung (Hilfskasse, Beratung in Notlagen),</li>



<li>kulturellen und sprachlichen Angeboten (Hebräischkurse, Vorträge, Informationsarbeit),</li>



<li>Vertretung gegenüber den britischen Behörden und den Institutionen des Jischuw.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Sie gab das <strong>Mitteilungsblatt der Hitachduth Olej Germania</strong> (auch <em>Yediot Hitachdut Olei Germania</em> / <em>MB</em>) heraus, das wichtige Informationen für die Einwanderer enthielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Weitere Entwicklung</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>1938 Fusion mit dem Verband der Einwanderer aus Österreich → <strong>Hitachduth Olej Germania we Austria</strong> (HOGOA).</li>



<li>1942 Umbenennung in <strong>Irgun Olei Merkaz Europa</strong> (Organisation der Einwanderer aus Mitteleuropa), um den Begriff „Germania“ zu vermeiden.</li>



<li>Die Organisation besteht bis heute fort als ארגון יוצאי מרכז אירופה (Organisation der Israelis mitteleuropäischer Herkunft / Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft). Sie kümmert sich weiterhin um soziale, kulturelle und generationale Belange der Nachkommen der deutschsprachigen Einwanderer.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hitachduth Olej Germania spielte eine zentrale Rolle bei der Integration der deutschen und österreichischen Juden in den Jischuw und prägte das Bild der „Jeckes“ in Israel.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/deutsche-juden-im-alten-jischuw/">Deutsche Juden im Alten Jischuw</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Aw</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-aw/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:31:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5625</guid>

					<description><![CDATA[<p>Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av. Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden. [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Da sich die zweite Geschichte auf den Rabbiner Salomo Ibn Gabriol s“l bezieht, befindet sich eine ausführliche Personenbeschreibung (Wikipedia) dieses Dichters, Sängers und Philosophen im Anhang zu dieser Geschichte.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270</a></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Aus Jerusalems letzten Tagen.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">(Nach dem Midrasch Echo und Talmud Gittin.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dreieinhalb Jahre belagerte Vespasjan Je­rusalem, und vier fürstliche Heerführer unterstanden seinem Befehl, die Fürsten von Arabien, Afrika, Alexandrien und Palästina. In Jerusalem aber standen an der Spitze der Bevölkerung vier reichbegüterte Männer: Ben <strong>Zijis</strong>, Ben <strong>Gu­rton</strong>, Ben <strong>Nakdimon</strong> und Ben <strong>Kalba Sabua</strong>. Jeder von ihnen hatte so reiche Mittel, dass er eine ganze Provinz zehn Jahre lang hätte ernähren können. Da war aber an der Spitze einer zum äußersten Kampf entschlossenen gewaffneten Mannschaft, der <strong>Barjonim</strong>, Ben <strong>Batiach</strong>, der Schwestersohn Rabbi Jochanan ben Sackais. Dieser Kraftmensch, der vor keiner Gewalt zurückscheute, hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Jerusalemer Mannschaft zum Aus­fall aus der Festung zu zwingen und auf Leben und Tod eine Entscheidung herbeizuführen. Un­glücklicherweise war ihm die Bewachung der Lebensmittelvorräte in der Festung anvertraut. Mit trotziger Entschlossenheit steckte er diese seiner Obhut anvertrauten Schätze an Nahrung in Brand, um den Ausfall aus der Festung und die militärische Entscheidung zu erzwingen. Als Rabbi <strong>Jochanan ben Sackai</strong> von diesem Verzweiflungsakt hörte, rief er tieferschüttert aus: „Wehe (<strong>ווי</strong>) über Jerusalem!&#8220; Ben Batiah wurde diese Gefühlsäußerung seines Oheims so­fort hinterbracht, er ließ den Greis zu sich ent­bieten, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Warum hast du Wehe gerufen&#8220;, herrschte er ihn an. Rabbi Jochanan, der in all seiner Be­scheidenheit wusste, wie bitter nötig seine weitere Wirksamkeit dem schwergeprüften jüdischen Volke noch sein werde, antwortete, um sein Leben zu retten: „Nicht <strong>ווי</strong> habe ich gerufen, sondern „Wo<strong>ווה</strong><strong> </strong>.&#8220; („Wo&#8220;, ist im Aramäischen ein Ausdruck der Freude.) Warum dies? fragte Ben Batiach. „Ich freute mich, dass du alle Vorräte verbrannt hast, denn solange sie vorhanden waren, würde das Volk in der Tat sein Leben nicht hingeopfert haben, um den Kampf mit der Belagerungsarmee aufzunehmen.&#8220; So wurde Rabbi Jochanan durch den haarscharfen Unterschied zwischen <strong>י</strong> und <strong>ה</strong> vom sicheren Tode errettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei Tage später ging Rabbi Jochanan ben Sackai auf den Markt hinaus und sah, wie dort bereits hungernde Menschen Stroh kochten und den ausgekochten Strohsaft als Nahrung schlürften. Da sagte sich Rabbi Jochanan: „Wo sollen Menschen, die von ausgekochtem Strohsaft leben, den Heeren eines Vespasjan widerstehen können, hier bleibt keine Rettung, als die An­knüpfung von Verhandlungen mit dem Belagerer.&#8220; Rabbi Jochanan überlegte! Sollte er nicht seinen Neffen Ben Batiach trotz dem furchtbaren Zu­sammenstoß der letzten Tage durch ein Wort der Liebe zu gewinnen, suchen? Er glaubte auf Ben Batiachs guten Kern vertrauen zu dürfen und war sicher, dass dieser nur unter dem Druck seiner fanatisierten Genossen so schroff gegen den Oheim ausgetreten war. So ließ er denn Ben Batiach bitten, ihm den Austritt aus der Festung zu gestatten. Ben Batiach ließ erwidern, dass das Militär beschlossen habe, niemand aus den Mauern Jerusalems herauszulassen, solange er lebe; nur <strong>Leichen</strong> könnten die Torwachen pas­sieren. Kurz entschlossen ließ sich Rabbi Jochanan, als sei er gestorben, in ein Leintuch gehüllt, von seinen Schülern Rabbi Elieser und Rabbi Josua zum Stadttor tragen, während der in die List eingeweihte Ben Batiach als Begleitender dem Leichenzug voranschritt. Die Torwächter wollten zunächst, wie sie gewohnt waren, die Leiche mit dem Schwerte durchbohren, allein Ben Batiach wehrte ab. „Wollt Ihr — so rief er — vor dem Feinde die Schmach auf den jüdischen Namen laden, dass jüdische Soldaten die tote Hülle ihres allverehrten Lehrers und Meisters schänden?&#8220; So konnte denn der Leichenzug ungestört das Tor passieren und Rabbi Jochanan wurde in eine benachbarte Grabhöhle gebracht, während die Begleiter zur Stadt zurückkehrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaum hatten die Begleiter das Grabgewölbe verlassen, als Rabbi Jochanan sich in das Haupt­quartier der Belagerungsarmee begab, um bei deren Oberbefehlshaber Vespasjan Zutritt zu erbitten. „<strong>Wo ist der König</strong>?&#8220; fragte er den diensttuenden Offizier. Dieser meldete, ohne zu antworten, die imposante Erscheinung und die seltsame Frage dem römischen Feldherrn. „Du hast mich&#8220;, so empfing Vespasjan den jüdischen Weisen, „als König begrüßt, ohne dass mir diese Würde zukommt. Wenn die Tatsache dem Kaiser in Rom bekannt wird, kann sie mich das Leben kosten.&#8220; Rabbi Jochanan erwiderte: „Bist Du nicht König, so wirst du es werden, denn das Haus unseres Gottes kann nur durch einen König fallen, wie der Prophet Jesaja es ver­heißen: „Der Libanon wird durch einen Mäch­tigen fallen.&#8220; Hierauf führte man Rabbi Jo­chanan in ein von jedem Lichtstrahl abgeschlossenes unterirdisches Gemach, wo er Stunden und Tage verbrachte. Bevor man ihn wieder ans Tages­licht ließ, stellten die Römer ihm die Frage, welche Stunde am Tage es sei. Rabbi Jochanan nannte mit überraschender Genauigkeit die Stunde und erklärte diese Treffsicherheit damit, dass er während der ganzen Zeit bestimmte Abschnitte des überlieferten Lehrstoffes wiederholt und nach der für jeden Abschnitt erfahrungsgemäß not­wendigen Zeit genau feststellen konnte, wie viel Stunden des Tages und der Nacht verflossen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach kaum drei Tagen langte aus Rom am frühen Morgen die Botschaft ein, dass Kaiser Nero gestorben und Vespasjan zu seinem Nach­folger ausgerufen worden sei. Vespasjan ließ, noch mit dem Ankleiden beschäftigt, den jüdischen Weisen zu sich rufen, um ihm zu sagen, dass seine Prophezeiung sich überraschend schnell er­füllt habe. Dabei stellte sich heraus, dass Vespasjan trotz aller Mühe nicht in die ihm sonst tadellos passenden Schuhe hineingelangen konnte. Rabbi Jochanan ließ auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen, um die in großen wir in kleinen Dingen unerschöpfliche Lebensweisheit, die im jüdischen Schrifttum schlummert, vor den Augen des heidnischen Großen hell leuchten zu lassen. „<strong>Eine gute Botschaft lässt das Gebein schwellen</strong>&#8222;, sagt König Salomo — und „ein gedrücktes Gemüt dörrt die Knochen aus.&#8220; Du brauchst also, Kaiser Vespasjan dich nicht zu wundern, dass in diesem Augenblick höchsten Glückes deine Fußbekleidung nicht mehr passt.&#8220; Nun begannen auch die um Vespasjan versammelten Fürsten in geistvollen Gleichnissen Rabbi Jochanans Schlagfertigkett zu erproben und Vespasjan war von dem Scharfsinn, der Geistesgegenwart und der Seelengröße Rabbi Jochanans in einem tragischen Augenblicke der Geschichte seines Volkes so ergriffen, dass er die Unterhaltung mit den Worten schloss: „Stelle eine Bitte und ich werde sie erfüllen.&#8220; Rabbi Jochanan erwiderte: „Was ich will? Zieh ab mit deinen Herren aus unserem Land und überlasse Jerusalem den Juden.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Glaubst du, weiser Rabbi, dass ich deshalb Kaiser ward, um Jerusalem preiszugeben? Du musst schon eine andere Forderung stellen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hierauf Rabbi Jochanan: „Dann bitte ich nur um eins, lasst das Städtchen Jawne un­angetastet, <strong>damit dorthin die Thora und ihre Träger flüchten können</strong>.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Wunsch erfüllte Vespasjan, ohne zu ahnen, dass er damit die <strong>Unsterblichkeit des jüdischen Volkes gesichert hatte.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Des Sängers Fluch.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor ungefähr 550 Jahren, da Spanien noch ein blühendes, glückliches Land war, lebte in Saragossa Rabbi <strong>Salomo ben Gabirol</strong><a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>, der große Dichter und Denker, dessen Ruhm durch alle Lande ging und bis auf den heutigen Tag in der jüdischen Welt andauert. Zu der Seelen­größe des Dichters gesellte sich auch körperliche Schönheit. In ganz Kastilien würden von Jung und Alt seine herrlichen Lieder gesungen. Auch die spanischen Könige und Fürsten verehrten den jüdischen Dichter und Philosophen ungemein und überhäuften ihn mit Ehren und Geschenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Wunder, dass Gabirol viele Neider und bittere Feinde hatte, die ihm nach dem Leben trachteten. Besonders zeichnete sich durch seinen Hass ein in hoher Stellung sich befindender Mohr, namens <strong>Haschan</strong> aus. Zu dem Neid, der im Herzen des Mohren brannte, kam auch noch die Eifersucht, denn er beschuldigte Gabirol, ihm seine Geliebte, die schöne Sulaima, abspenstig gemacht zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit hatte er aber den Dichter ganz zu Unrecht beschuldigt. Wohl sah Sulaima mit glühendem Entzücken und feurigen Augen zu der Wundergestalt des allbeliebten jüdischen Dichters empor. Er aber, Gabirol, erwiderte diese Liebe nicht und hatte kein Auge für die schmachtenden Blicke des Weibes, das einem anderen und auch einem anderen Volke angehörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allein, je gleichgültiger Gabirol sich zeigte, umso höher und flammender stieg die Liebe der jungen, schönen Araberin. Und eines Tages suchte sie die Nähe des Dichters auf und offen­barte ihm die heißen Gefühle ihres Herzens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edle Freundin&#8220;, sprach Gabirol, „schäumende Empfindungen des Augenblickes lassen Euch ver­gessen, dass wir zwei nicht zueinander gehören. Ich bin Angehöriger des jüdischen Glaubens, ihr aber Araberin und mohammedanischen Bekennt­nisses&#8220;.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das soll kein Hindernis sein&#8220;, warf Sulaima ein. „Nie darf Glaube der Liebe im Wege stehen. Ich will von heute an Jüdin, deines Glaubens sein&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter gewann es nicht übers Herz, die Bittende barsch zurückzustoßen und bat sie, sie möge sich die Sache doch noch reiflich überlegen, mit sich selber zu Gerichte gehen, Einblick in die Geschichte und das jüdische Gesetz zu gewinnen, um danach ihren Beschluss und ihren geplanten Schritt noch einmal zu prüfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Mohr Haschan blieb diese Wandlung im Herzen der Sulaima nicht verschlossen und er schwor, blutige Rache an Gabirol zu nehmen. Äußerlich ließ er aber nichts anmerken. Er stellte sich im Gegenteil sehr freundlich zu Gabirol und lud ihn zu einem Besuch in seine in einsamer Waldgegend gelegene Sommerwohnung ein. Nichts Böses ahnend, nahm Gabirol die Einladung an. Sie ergingen sich in den blühenden Alleen, wie sie schon öfters promeniert und die Natur in poetischen Ergüssen besungen hatten. Denn auch der Mohr erprobte sich zuweilen in der Dichtkunst und hatte sich alle Zeit für die hohen Gedankengänge Gabirols empfänglich gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein lieblicher Frühlingsabend. Ein sanfter Hauch küsste die Blumen und ein Raunen kam von den Wipfeln, als wollten die Bäume der untergehenden Sonne „Gute Nacht&#8220; zu­flüstern. Auf einer breitästigen Akazie sang eine Nachtigall ein Liebeslied zum dunklen Nachthimmel hinauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie schön ist doch das Leben&#8220;, entrang es sich der Brust Gabirols.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja schön ist das Leben&#8220;, sagte Haschan kalt, „umso schmerzlicher, wenn dieses schöne Leben plötzlich mittendrin abgehackt wird, da man glaubt, es noch lange genießen zu dürfen. Siehst du dieses Grab da unter dem Baume?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll es mit diesem Grab?&#8220; fragte Gabirol erstaunt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In diesem Grab wirst du heute Nacht schon ruhen&#8220;, antwortete Haschan in eisiger Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll das heißen, Haschan?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich denke, jetzt wirst du es endlich begreifen&#8220;, schrie Haschan in wilder Wut und stieß den Dolch in des Dichters Herz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gabirol stürzte zu Boden. In seinen letzten Zügen stieß er aber noch die Worte aus: „Mörder! Du hast mein Blut vergossen, und keiner sah es, der wider dich zeugen könnte. Aber Gott im Himmel sah es, und er lässt diese Tat nicht un­geahndet. Der Feigenbaum wird reden und seine Frucht wird gegen den Mörder Haschan zeugen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan lachte hell aus. „Der Baum wird <strong>schweigen</strong>, wie dieser tote Dichtermund, und Sulaima wird mein&#8220;. Mit diesen höhnischen Worten begrub er die Leiche unter dem Feigen­baum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am folgenden Tag herrschte große Aufregung in Saragossa, als man den Dichter am Hofe er­wartete, und er nicht kam. Man suchte ihn über­all und fand ihn nirgends. Man glaubte zuerst, er habe plötzlich eine Reise antreten müssen, als aber Wochen und Monate vergingen, ohne dass er wiederkam, steigerte sich die Unruhe gewaltig. Seine noch lebenden Eltern klagten bitterlich über den Verlust des seltenen Sohnes, und die ganze Gemeinde betrauerte ihren gottbegnadeten Sänger und den Dolmetsch ihrer Wünsche vor dem Throne. Als ein ganzes Jahr ins Land gegangen war, gab man alle Hoffnung auf und stellte das Suchen und Forschen nach dem Dichter ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur Sulaima gab keine Ruhe und weinte Tag und Nacht um Gabirol, den sie nicht ver­gessen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Winter ging und wieder war es Frühling. Neues Leben erwachte und erblühte aus dem harten Boden. Die Felder legten das neue, grüne Gewand an, die Zitronen-, Orangen-, Öl- und Feigenbäume bedeckten sich mit Blättern und Blüten. Auch der Feigenbaum über dem Grab Gabirols erblühte. Aber wie merkwürdig groß und weiß und üppig standen doch seine Blüten. Es schien, als sauge der Baum aus geheimer Quelle Wunderkraft. Denn kaum zeigten die anderen Bäume die ersten Blättchen, so stand dieser Baum schon in voller Blüte; und wie die anderen zu blühen begangen, reiften an diesem schon die schönsten, edelsten Früchte heran. Alle Welt stand voller Verwunderung vor diesem Baum. Aber Haschan zuckte die Achseln und sagte: „Das Geheimnis dieses Baumes kann ich euch nicht sagen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ganzen Gegend sprach alles Volk von diesem Wunderbaum. Man hielt Haschan für einen Zauberer, der mit geheimen Mächten Verbindungen pflegte. Die Nachricht gelangte auch endlich bis zum Königspalast, und eines Tages kam der König mit seinem ganzen Hofstaat in den Garten Haschans, um den Baum zu be­wundern. Haschan erzitterte beim Anblick des Königs am ganzen Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum erbleichst du, Haschan?&#8220; fragte der König: ,,Ich werde dir die Früchte nicht nehmen, nur ansehen möchte ich mir den wunderlichen Baum.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Still und bleich führte Haschan den König an den Baum. Da sprach der König: „Nun muss ich selber daran glauben, dass du dich ge­heimer Zaubermittel bedienst. Sage, Haschan, welche Bewandtnis es mit diesem Baume hat.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan verwickelte sich in Widersprüche und sprach ohne Zusammenhang von allen möglichen Dingen, über die er gar nicht gefragt wurde. Das verletzte den König und er ließ Haschan ins Gefängnis werfen, wo er durch Folter zu Ge­ständnissen gezwungen wurde. Da schien es Haschan, als öffnete sich das Grab unter dem Feigenbaum und eine Stimme rief: „Gott im Himmel sieht es und wird es ahnden, die Früchte des Baumes werden wider dich zeugen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan wurde an den Feigenbaum gehängt. Hof und Garten Haschans wurden verwüstet, nur der Baum blieb mitten in der Öde, um zu zeugen, dass Gott ein Verbrechen gesehen und geahndet hat.</p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Solomon ibn Gabirol</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia: </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol"><strong>https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solomon ben Jehuda ibn Gabirol, kurz Solomon (Salomo) ibn Gabirol oder Schlomo ibn Gevirol (geboren 1021 oder 1022 in Málaga; gestorben um 1070 in Valencia), war ein jüdischer Philosoph und Dichter im muslimischen Spanien (al-Andalus). In der lateinischsprachigen christlichen Gelehrtenwelt war er unter den latinisierten Namensformen „Avicebron“ und „Avencebrol“ bekannt; arabisch hieß er <strong>أبي أيوب سليمان بن يحيي بن جبيرول</strong> / Abū Ayyūb Sulaimān b. Yaḥyā b. Ǧabīrūl. Seine großenteils von einer pessimistischen, weltflüchtigen Stimmung geprägte hebräische Lyrik in arabischen Versmaßen erfreute sich schon im Mittelalter bei jüdischen Lesern hoher Wertschätzung. Sie galt als meisterhaft und fand Eingang in Gebetbücher. Seine philosophischen Lehren hingegen fanden bei seinen jüdischen Zeitgenossen nur geringe, bei den Muslimen keine Beachtung. Stark war jedoch die Resonanz auf sein philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“, von dem ab der Mitte des 12. Jahrhunderts eine lateinische Übersetzung vorlag, in der christlichen Welt. Dort trug sein neuplatonisches Weltbild zur Stärkung der neuplatonischen Strömung in der Philosophie der Scholastik bei, doch bei aristotelisch orientierten Philosophen stieß seine neuplatonische Anthropologie auf heftigen Widerspruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Über ibn Gabirols Leben ist wenig bekannt; manche Angaben stammen von ihm selbst und geben seine Sicht in literarisch stilisierter Form wieder. Seine Familie stammte ursprünglich aus Córdoba (daher sein arabischer Beiname al-Qurṭūbī); wohl wegen der dortigen militärischen Auseinandersetzungen flohen seine Eltern nach Málaga, wo er 1021/1022 geboren wurde. Dann übersiedelten sie nach Saragossa, wo er aufwuchs. Er erhielt eine gründliche Ausbildung und zeigte schon als Jugendlicher, spätestens im Alter von sechzehn Jahren, eine außerordentliche Begabung als Dichter in seiner hebräischen Muttersprache. Sein Vater starb früh, was ihn zur Abfassung von Trauergedichten veranlasste. 1045 verlor er auch seine Mutter. Aus seinen Gedichten geht hervor, dass er von Kindheit an oft krank und von schwächlicher Konstitution war, dazu klein und von hässlichem Aussehen; insbesondere litt er an einer schweren Hautkrankheit, die ihn entstellte. Diese Umstände trugen wohl dazu bei, dass er unverheiratet und ohne Nachkommen blieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da er sich nur der Philosophie und der Dichtkunst widmen wollte, war er stets auf Förderung durch wohlhabende Gönner angewiesen. Sein heftiges Temperament, seine Neigung zu schonungsloser Kritik und seine unkonventionellen Ansichten brachten ihn jedoch oft in Konflikt mit einflussreichen Persönlichkeiten und führten zu Spannungen mit der jüdischen Gemeinde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Saragossa erlangte ibn Gabirol die Unterstützung von Jekutiel (Yequthiel) ben Isaak ibn Ḥassan, einem Juden, der am Hof des dortigen muslimischen Herrschers offenbar eine prominente Stellung einnahm. Im Jahr 1039 wurde Jekutiel nach einem gewaltsamen Machtwechsel als Anhänger des gestürzten und ermordeten Machthabers von dessen Nachfolger hingerichtet, angeblich in seinem hundertsten Lebensjahr. Für ibn Gabirol war der Verlust seines Gönners ein schwerer Schlag. In den folgenden Jahren verschärfte sich sein Streit mit der jüdischen Gemeinde von Saragossa, die ihn daher bei den muslimischen Behörden denunzierte. Um 1045 verließ er die Stadt im Zorn. Er erwog auszuwandern und sich in den Nahen Osten zu begeben, doch kam es dazu nicht. Möglicherweise führte er ein Wanderleben. Jedenfalls hielt er sich längere Zeit in Granada auf. Der jüdische Großwesir des dortigen muslimischen Herrschers, Schmuel (Samuel) ha-Nagid, der selbst ein bedeutender Dichter war, wurde sein neuer Förderer. Zeitweilig kam es zur Entfremdung zwischen ihnen; ibn Gabirol kritisierte die Gedichte seines Gönners und griff ihn satirisch an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sicher ist, dass ibn Gabirol noch relativ jung war, als er in Valencia starb. Der Zeitpunkt und die Umstände seines Todes sind jedoch unklar. Eine späte Legende über seine angebliche Ermordung ist unglaubwürdig. Einer Behauptung des Schriftstellers Moses ibn Esra zufolge war er bei seinem Tod erst etwa dreißigjährig. Das kann aber ebenfalls nicht zutreffen, da aus Bemerkungen ibn Gabirols hervorgeht, dass er das Jahr 1068 noch erlebte. Daher ist auch die in vielen Nachschlagewerken übernommene Angabe von ibn Saʿīd al-Andalusī, ibn Gabirol sei 1057/1058 gestorben, falsch. Josef ibn Zaddik, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte, setzte seinen Tod ins Jahr 1070; das kann ungefähr stimmen, denn in der Folgezeit ist er nicht mehr als lebend bezeugt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Werke</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem seiner Gedichte behauptet ibn Gabirol, zwanzig Bücher geschrieben zu haben. Seine Autorschaft ist aber abgesehen von seiner ausschließlich hebräischen Dichtung nur für zwei ursprünglich arabisch abgefasste philosophische Prosaschriften gesichert, nämlich sein Hauptwerk „Die Lebensquelle“ und die ethische Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dichtung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von ibn Gabirol sind etwa 400 lyrische Gedichte überliefert. Man unterteilt sie traditionell in „weltliche“ und „religiöse“. Eine solche Aufteilung wird jedoch seinem Anliegen (und generell der mittelalterlichen hebräischen Lyrik) nicht gerecht, denn hinsichtlich der sprachlichen Form bestehen kaum wesentliche Unterschiede und inhaltlich finden sich auch in „weltlichen“ Gedichten religiöse Bezüge. Sinnvoller ist daher eine Aufteilung nach dem jeweiligen Anlass in liturgische (für den Gottesdienst geeignete) und nichtliturgische „soziale“ Dichtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen großen Teil der nichtliturgischen Lyrik machen Lob- und Freundschaftsgedichte zu Ehren von Wohltätern aus. Relativ gering ist die Zahl der Trink- und Liebeslieder, die ibn Gabirol schon als Jugendlicher zu verfassen begann. Daneben stehen Klagen anlässlich des Todes von ihm nahestehenden Personen, Rätsel sowie Beschreibungen von Natur und Bauwerken (darunter eine Beschreibung der Alhambra). Mit zunehmendem Lebensalter treten pessimistische Motive in den Vordergrund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese hebräische Lyrik ist formal und in ihrer Thematik an arabischen Vorbildern orientiert. Die Behandlung der Stoffe ist jedoch sehr individuell; sie ist von der eigenwilligen Persönlichkeit des Dichters, seiner Unzufriedenheit mit seinem unerfreulichen Schicksal, seinen wechselhaften Stimmungen und den schweren Spannungen mit seiner Umgebung geprägt. Des Öfteren ist von seiner Erwartung eines frühen Todes die Rede; er befürchtet, sein philosophisches Werk nicht vollenden zu können. Sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und seine damit zusammenhängende soziale Isolation kommen deutlich zum Ausdruck. Häufig äußert er sich verächtlich und spöttisch über Dichter, von deren Fähigkeiten er wenig hält. Bitter und satirisch sind seine Bemerkungen über Personen, denen er Verständnislosigkeit vorwirft und deren Verhalten er missbilligt. Er klagt über die Nichtigkeit des Lebens und die Wertlosigkeit der irdischen Genüsse. Die meist trübsinnigen Inhalte vermittelt er sprachlich meisterhaft, und auch im Umgang mit schwierigen Versformen erweist er sich als souverän. Als besonders gelungen gilt eines seiner beiden Klagegedichte auf den Tod seines hingerichteten Wohltäters Jekutiel. Eine Reihe von Gedichten, in denen er sich über Schmuel ha-Nagid äußert, dokumentiert die Wechselhaftigkeit des Verhältnisses der beiden, das zwischen einer Beziehung zwischen Gönner und Gefördertem und bitterer Rivalität schwankte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine hebräische Grammatik in poetischer Form bietet das Lehrgedicht „Die Halskette“ (ha-ʿanāq), das ibn Gabirol als Neunzehnjähriger verfasste. Er preist darin die Überlegenheit der hebräischen Sprache über alle anderen und beklagt ihre Vernachlässigung durch seine Zeitgenossen. Von den 400 Doppelversen ist nur rund ein Viertel erhalten geblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den religiösen Hymnen drückt er seine leidenschaftliche Frömmigkeit aus. Sein berühmtester Hymnus ist die „Krone des Königreichs“ (hebräisch Keter malchūt). Er war ursprünglich nicht für den Gottesdienst bestimmt, wurde aber in die Liturgie des jüdischen Versöhnungstages aufgenommen. Der Form nach ist die Krone rhythmische Reimprosa ohne Anlehnung an arabische Vorbilder. Ibn Gabirol präsentiert darin eine zusammenfassende Darstellung seiner Kosmologie und seiner religiösen Überzeugungen. Er beklagt die Unvollkommenheit, von der sich die menschliche Seele nicht selbst befreien könne.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Philosophische Schriften</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirols philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“ (arabisch Yanbuʾ al-ḥayat, hebräisch Sēfer Meqōr Ḥajjim) ist meist unter dem Titel der lateinischen Übersetzung „Fons vitae“ bekannt. Der Titel spielt auf das Gotteslob in Ps 36:10 an. Das arabische Original ist verloren; erhalten ist außer der lateinischen Übersetzung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts nur eine auszugsweise hebräische aus dem 13. Jahrhundert, die von Schem Tov ibn Falaquera stammt. Es handelt sich um einen Dialog zwischen einem Meister und seinem Schüler; der Schüler fragt und lernt, er trägt nicht zur Argumentation bei. In dem Werk werden Kosmogonie, Kosmologie, Erkenntnistheorie und das Verhältnis zwischen Gott und der Welt rein philosophisch erörtert, ohne Berücksichtigung biblischer und theologischer Gesichtspunkte. Die Gedankenwelt ist neuplatonisch, das terminologische Instrumentarium teilweise aristotelisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Seelentheorie befasst sich ibn Gabirol unter ethischem Aspekt in seiner Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“. Die arabische Originalfassung heißt Kitāb ʾiṣlāḥ al-aḫlāq, die hebräische Übersetzung, die Jehuda ibn Tibbon im 12. Jahrhundert anfertigte, Sēfer Tiqqūn Middōt ha-Nefeš. Hier zitiert ibn Gabirol auch aus dem Tanach, wendet sich also an religiöse jüdische Leser. Derselben Thematik gewidmet ist die Schrift Perlenauslese (arabisch Muḫtār al-Ǧawāhir, hebräisch Mivḥār ha-Penīnīm), eine Sammlung ethischer Sprüche, die aber möglicherweise ibn Gabirol zu Unrecht zugeschrieben wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lehre</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirols Lehre macht nicht den Eindruck eines fertig ausgearbeiteten, in sich geschlossenen und in jeder Hinsicht stimmigen Systems. Einzelne Unklarheiten und Widersprüche haben zu unterschiedlichen Deutungen in der Forschung geführt. Möglicherweise spiegeln sich darin verschiedene Stadien einer geistigen Entwicklung. Da das philosophische Hauptwerk nicht im Originaltext erhalten ist, kommen auch Übersetzungsmängel als Erklärung von Unstimmigkeiten in Betracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Metaphysik und Kosmologie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Hauptmerkmal von ibn Gabirols Philosophie ist die Verbindung der neuplatonischen Emanationslehre mit einer durchgängig konsequenten Anwendung des aristotelischen Konzepts von Form und Materie auf die Gesamtheit der geschaffenen Dinge (Hylemorphismus). Er übernimmt den neuplatonischen Grundgedanken der Emanation, wonach die Welt hierarchisch in Seinsstufen (Hypostasen) gegliedert ist, von denen eine aus der anderen hervorgeht. Die erste und höchste Hypostase der Schöpfung ist unmittelbar aus Gott (dem Einen der Neuplatoniker) herausgeflossen bzw. nach jüdischer Vorstellung von ihm aus dem Nichts geschaffen. Die übrigen Hypostasen sind der jeweils nächsthöheren Stufe entsprungen und haben somit ihren Ursprung nur mittelbar in Gott. Je niedriger eine Hypostase in der Entstehungs- und Rangordnung ist, desto komplexer ist sie. Die oberen Bereiche dieser Stufenordnung sind rein geistiger Natur, nur in der untersten Region der Gesamtwirklichkeit existiert physische Materie. Diese Materie ist an sich reine Potenz. Da sie aber durch ihre stets gegebene Verbindung mit einzelnen Formen immer aktualisiert (in den Akt übergegangen) ist, existiert sie als Potenz nur theoretisch. Nur durch diese Verbindung spezifischer Formen mit Materie entstehen die sinnlich wahrnehmbaren Objekte. Form und Materie können nie getrennt voneinander existieren, sondern werden nur zum Zweck der Analyse gedanklich getrennt. Ibn Gabirol verwirft die Auffassung, wonach die Materie gequantelt ist, vielmehr betrachtet er sie als ein Kontinuum. Die reale Existenz kleinster, nicht mehr teilbarer Einheiten hält er für unmöglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol übernimmt auch das neuplatonische Konzept der Weltseele, in der die Einzelseelen ihren Ursprung haben. Die Weltseele ist aus dem universellen Intellekt, dem Nous<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> der antiken Neuplatoniker, hervorgegangen. Sie besteht ebenso wie die menschlichen Einzelseelen aus Vernunftseele, sinnlich wahrnehmender Seele und vegetativer Seele. Unterhalb der vegetativen Seele des Kosmos befindet sich als nächstniedrige Hypostase die Natur, unter der Natur folgt die Welt der physischen Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Strittig war unter den mittelalterlichen Denkern, die verschiedene Varianten dieses Modells vertraten, ob die Seinsstufen der rein geistigen („intelligiblen“) Welt ebenfalls Verbindungen von Formen mit (in diesem Fall geistiger) Materie darstellen oder ob sie als reine Formen ohne materielles Substrat zu denken sind. In dieser Frage ist ibn Gabirol ein früher Vorkämpfer der aus dem antiken Neuplatonismus stammenden Auffassung, dass die geistigen Substanzen – insbesondere auch die menschliche Seele – analog zu den physischen zusammengesetzt sind. Mit Ausnahme von Gott besteht somit alles, was existiert, aus Form und Materie. Dabei stellt die universelle Materie das Prinzip des Bleibenden dar, während die Einzelformen in der physischen Welt, die Aspekte der primären universellen Form sind, entstehen und vergehen und sich unablässig wandeln, womit sie zur Weltwirklichkeit das Prinzip der Veränderung beisteuern. Gott ist die einzige Substanz, die nicht zusammengesetzt ist, sondern absolut einfach und einheitlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im spätantiken Neuplatonismus steht die physische Materie als ontologisch niedrigster, vom Göttlichen am weitesten entfernter Teil der kosmischen Ordnung in scharfem Gegensatz zum Geistigen (samt der geistigen Materie). Diesbezüglich weicht ibn Gabirol von der Tradition ab. Zwar betrachtet auch er die sinnlich wahrnehmbare Welt als untersten und ungeistigsten Teil des Kosmos, doch betont er, dass ein und dieselbe Materie das ganze Universum durchströme, von den höchsten Regionen des Geistes bis zum niedrigsten Bereich des Physischen. Für ihn ist somit der Unterschied zwischen geistiger und physischer Materie nur graduell; im Prinzip ist das materielle Substrat überall das gleiche. Damit wird die physische Materie als Aspekt der universellen Urmaterie in der ontologischen Rangordnung sogar nahe an Gott herangerückt, da Urform und Urmaterie als die primären Wesenheiten der Schöpfung erscheinen, ohne die nichts außerhalb von Gott existieren kann. Mit diesem Materiebegriff wird die neuplatonische Stufenordnung faktisch durchbrochen. Eine ähnliche Ansicht über Urform und Urmaterie hatte schon Isaak Israeli vertreten. Auch in Schriften, die im Mittelalter zu Unrecht teils dem antiken Philosophen Empedokles, teils Aristoteles zugeschrieben wurden, tauchen solche Gedanken auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol betont den Wert der Selbsterkenntnis. Wie schon Isaak Israeli meint er, eine Erkenntnis der eigenen Seele impliziere eine Erkenntnis des ganzen Universums, da alles in der menschlichen Seele enthalten sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Grundfrage der neuplatonischen Ontologie lautet, wie der Hervorgang der Vielheit aus der absoluten Einheit zu erklären ist, wenn Vielheit und Einheit radikal wesensverschieden sind. Hier nimmt ibn Gabirol – auf die Schöpfungsvorstellung der jüdischen Religion zurückgreifend – den göttlichen Willen als vermittelnde Instanz an. Indem er diesem Willen eine zentrale Rolle in der Schöpfung zuweist, entgeht er einer deterministischen Deutung der Weltentstehung. Einerseits hält er den göttlichen Willen für eins mit dem göttlichen Wesen und ordnet ihn damit der Unendlichkeit zu, andererseits schreibt er ihm aber auch die Eigenschaft zu, im Bereich des Endlichen schöpferisch zu wirken, die geschaffenen Dinge zu durchdringen und sich so mit der Endlichkeit zu verbinden. Dieser Doppelaspekt des Willens wird für den Menschen zur Chance. Indem nämlich der Mensch in der begrenzten Welt, in der er lebt, durch Hingabe einen Zugang zum dort in der Endlichkeit wirkenden Gotteswillen erlangt, kann er sich mit diesem Willen verbinden und damit letztlich auch dessen unendlichem Aspekt, der Gottheit, nähern. Mit dem Tod befreit sich dann die Seele vom Körper. Damit beendet sie ihre Verbannung in die irdische Welt und kehrt in die geistige Welt zurück. Allerdings besteht immer eine unüberschreitbare Grenzlinie zwischen dem einfachen und prinzipiell unerkennbaren göttlichen Wesen und den aus Materie und Form zusammengesetzten Geschöpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der schöpferische Charakter des göttlichen Willens äußert sich in der Formgebung. Aus dem Willen Gottes geht die Form hervor, aus seinem Wesen die Materie. So lässt sich die Dualität von Form und Materie bis zur Gottheit zurückverfolgen, unbeschadet der absoluten Einheit Gottes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Offen bleibt die in der Forschung diskutierte Frage, inwieweit es ibn Gabirol gelungen ist, mit seinem Verständnis des göttlichen Willens eine Brücke zwischen Vielheit und Einheit, Endlichkeit und Unendlichkeit zu schlagen und damit zugleich eine stimmige Harmonisierung zwischen neuplatonischer Emanationsphilosophie und jüdischer Schöpfungstheologie zu erreichen. Damit hängt die Frage zusammen, ob er in erster Linie neuplatonischer Metaphysiker oder jüdischer Theologe war und inwieweit er die Bruchstellen zwischen diesen beiden Elementen seiner Weltdeutung erkannt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ethik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“ bietet einen originellen Versuch, ethische Verhaltensweisen auf naturphilosophischer Grundlage zu beschreiben und zu klassifizieren. Dabei verzichtet ibn Gabirol auf das in islamischer und christlicher Ethikliteratur beliebte Schema der vier Kardinaltugenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol geht von zwanzig Charaktereigenschaften aus (zehn Tugenden und zehn Laster), die er den fünf Sinnen zuordnet. Jedes Sinnesorgan hängt mit zwei Tugenden und zwei Lastern zusammen, indem es durch seine besondere Art der Wahrnehmung zum Werkzeug für deren Betätigung wird. Außerdem postuliert er einen Zusammenhang zwischen den Tugenden und den vier Eigenschaften Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit, den vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und den vier Säften der Humoralpathologie, denen seit der Antike traditionell die vier Temperamente zugeordnet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rezeption</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die philosophischen Lehren ibn Gabirols wurden von seinen jüdischen Zeitgenossen weitgehend und von den Muslimen gänzlich ignoriert. Stark und anhaltend war hingegen die Rezeption bei den christlichen Scholastikern des Mittelalters. Als Dichter in hebräischer Sprache fand er im mittelalterlichen Judentum Anerkennung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jüdische Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im mittelalterlichen Judentum fand das philosophische Vermächtnis ibn Gabirols wenig Anklang. Da er in der „Lebensquelle“ weder Bibelstellen anführt noch sich auf theologische Autoritäten beruft, wirkte sein Hauptwerk auf konservative Juden nicht ansprechend, und die Vereinbarkeit seines Neuplatonismus mit der religiösen Überlieferung des Judentums schien zumindest zweifelhaft. Außerdem wurde die neuplatonische Strömung im Spätmittelalter von der aristotelischen verdrängt. Seine poetische Leistung hingegen wurde geschätzt, und der liturgische Teil seiner Dichtung erwies sich als zur Verwendung im Gottesdienst geeignet. Dadurch blieben auch seine philosophischen Ideen unter den Juden zumindest ansatzweise bekannt, denn der berühmte, liturgisch verwendete Hymnus „Krone des Königreichs“ stellt seine Gedankenwelt umrisshaft dar. Dieser Hymnus steht noch heute in Gebetbüchern für den Versöhnungstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter und Philosoph Moses ibn Esra ist der erste jüdische Schriftsteller, der ibn Gabirol erwähnt. Er lobt seinen Charakter sowie seine poetischen und philosophischen Leistungen überschwänglich und zitiert die „Lebensquelle“ oft in seiner Abhandlung „Arugat ha-Bosem“. Auch der neuplatonisch orientierte Denker Josef ibn Zaddik benutzt diese Schrift. Der gelehrte Schriftsteller Abraham ibn Esra ist offenbar von der „Lebensquelle“ beeinflusst, nimmt aber nur selten ausdrücklich auf ibn Gabirol Bezug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spuren von ibn Gabirols Denken sind in Werken der spätmittelalterlichen kabbalistischen Literatur zu finden. Er wird dort aber gewöhnlich nicht namentlich genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste prominente jüdische Kritiker von ibn Gabirols philosophischen Ideen ist Abraham ibn Daud, ein Aristoteliker. 1144 greift er die „Lebensquelle“ in seiner arabisch geschriebenen Abhandlung „Der erhabene Glaube“ an, die später, im 14. Jahrhundert, unter dem Titel „Ha-Emunah ha-Ramah“ ins Hebräische übersetzt wird. Darin behauptet er unter anderem, ibn Gabirols Behandlung des Themas sei weitschweifig und seine Argumentation weise Mängel in der Logik auf. Maimonides erwähnt ibn Gabirol überhaupt nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Renaissance bekennt sich der Neuplatoniker Leone Ebreo (Jehuda Abravanel, Judah Abrabanel) zur Lehre ibn Gabirols.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Christliche Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im lateinischsprachigen christlichen Europa wurde ibn Gabirol ab der Mitte des 12. Jahrhunderts durch die lateinische Übersetzung der „Lebensquelle“ unter dem Titel „Fons vitae“ bekannt. Diese Übersetzung stammte von Johannes Hispanus und Dominicus Gundissalinus. Gundissalinus trug auch in seinen eigenen Werken zur Verbreitung von ibn Gabirols Lehre bei. Man nannte ibn Gabirol „Avicebron“ oder „Avencebrol“; seine jüdische Religionszugehörigkeit war unbekannt, manche sahen in ihm einen christlichen Philosophen. Ein eifriger Anhänger ibn Gabirols war der Philosoph Wilhelm von Auvergne, der ihn für einen arabischen Christen und für den „edelsten aller Philosophen“ hielt und besonders seine Lehre vom göttlichen Willen schätzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Spätmittelalter wurde ibn Gabirols Lehre von Form und Materie zum Ausgangspunkt einer langanhaltenden Kontroverse. Seine Hypothese der Existenz einer geistigen Materie und der Zusammengesetztheit der geistigen Substanzen aus Form und Materie wurde unter Berufung auf ihn von der „Franziskanerschule“ (Alexander von Hales, Bonaventura, Johannes Duns Scotus) vertreten. Diese Position der mehr oder weniger neuplatonisch orientierten Franziskaner wurde von der aristotelischen Richtung unter den Dominikanern bekämpft, deren Hauptvertreter Thomas von Aquin war (Thomismus). Schon der Dominikaner Albertus Magnus hatte in diesem Sinn Stellung genommen. Der Konflikt bezog sich zum einen auf die Frage, ob die Seele eine eigene geistige Materie hat, zum anderen auf die Frage, ob die Seele die einzige Form des Körpers ist, wie die Thomisten meinten, oder ob der Körper auch über eine eigene „Form der Körperlichkeit“ verfügt und somit eine Mehrzahl von Formen in ihm vorhanden ist. Auch die Lehre von der Formenpluralität im Körper war von ibn Gabirol vertreten worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Autoren, die ibn Gabirols „Lebensquelle“ studierten und zustimmend daraus zitierten, gehörte Meister Eckhart.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Legenden</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Legende aus dem 16. Jahrhundert über ibn Gabirols Tod besagt, dass ihn ein neidischer Feind in seinen Garten lockte, dort ermordete und unter einem Feigenbaum begrub. Der Baum trug daraufhin so außergewöhnlich schöne und süße Früchte, dass dies allgemeines Staunen erregte. Sogar der König wurde darauf aufmerksam gemacht. Er fragte den Besitzer nach dem Grund dieser auffallenden Erscheinung. Der Befragte verwickelte sich in Widersprüche, es kam zu einer Untersuchung. Das Verbrechen wurde aufgedeckt, der Mörder gestand unter Folter und wurde hingerichtet; man hängte ihn an dem Feigenbaum auf. Einer anderen Legende zufolge schuf ibn Gabirol aus Holz einen Golem, die Gestalt einer Frau, die ihm dann diente (wie ein Roboter); als er deswegen angezeigt wurde, zerlegte er sie wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Moderne Forschung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1846 veröffentlichte Salomon Munk eine bahnbrechende Erkenntnis. Er hatte in der Pariser Nationalbibliothek eine von Šem-Tob ben Josef ibn Falāqīra im 13. Jahrhundert angefertigte hebräische Übersetzung von Auszügen aus der arabischen Originalfassung der „Lebensquelle“ gefunden. Dank dieses Fundes erkannte er die Identität des jüdischen Autors ibn Gabirol mit dem seit dem Mittelalter als Avicebron oder Avencebrol bekannten Verfasser des „Fons vitae“, den man zuvor für einen christlichen Scholastiker gehalten hatte. Erst diese Einsicht verschaffte der Forschung einen Gesamteindruck von dieser Schriftstellerpersönlichkeit. Jakob Guttmann trug wesentlich zur Erhellung des neuplatonischen Hintergrundes bei. Die im 20. Jahrhundert von David Neumark und später von Ernst Bloch vorgetragene Ansicht, ibn Gabirol sei eigentlich kein Neuplatoniker gewesen – Bloch reiht ihn in die aristotelische Tradition ein –, wird heute nicht mehr vertreten.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zu seinem Leben siehe S. 23</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> griechisch für Geist oder Intellekt</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Judenhass</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/judenhass/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:26:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dieser Artikel stammt aus der Monatsschrift Nachalat Z´wi, 2. Jahrgang, Heft 11-12, vom August 1932. Diese Zeitung wurde von der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft herausgegeben. Der Artikel setzt sich mit dem Antizionismus in Deutschland kurz vor der Machtergreifung Hitlers am 30.01.1933 auseinander. Rabbiner Klein sieht vollkommen zurecht die NSDAP als eine im Grunde Sozialistische Partei an. Das in [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dieser Artikel stammt aus der Monatsschrift Nach<em>a</em>lat Z´wi, 2. Jahrgang, Heft 11-12, vom August 1932. Diese Zeitung wurde von der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft herausgegeben. Der Artikel setzt sich mit dem Antizionismus in Deutschland kurz vor der Machtergreifung Hitlers am 30.01.1933 auseinander.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Rabbiner Klein sieht vollkommen zurecht die NSDAP als eine im Grunde Sozialistische Partei an. Das in Folge der Machtergreifung, andere sozialistische und kommunistische Parteien verboten wurden liegt m.E. in der Natur des Sozialismus (Kommunismus). Es kann nur eine Sozialistische Partei geben – und zwar die, der es gelingt die Macht an sich zu reißen. Siehe Stalin – Lenin – Trotzki – Mao Tse Tung. Alles andere hat sich dieser Partei unterzuordnen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2552335">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2552335</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Studie</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">von Rabbiner <strong>Dr. Hermann Klein</strong>, Berlin<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In unserer Zeit, in der der alte Judenhass sich in hemmungsloser Triebhaftigkeit austobt, da er sogar allein imstande war, einer Partei zum Sieg zu verhelfen<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>, die eigentlich sonst kaum etwas Neues zu bieten hat, als diesen alten Judenhass, reizt es einen aufs Neue, nach den Gründen dieses Hasses zu forschen, obgleich man sich sagen muss, dass es kaum möglich sein dürfte, etwas Neues in dieser uralten Frage zu entdecken. Man darf aber doch nicht müde werden zu forschen, denn fast alles, was bisher als Grund für diesen abgrundtiefen, unausrottbaren Hass angenommen wurde, kann ihn nicht erklären. Wie die Krebsforscher nicht müde werden, nach dem Krankheitserreger zu suchen, so dürfen wir nicht aufhören, nach dem Krankheitserreger dieser „Weltpest“ zu suchen, die ungleich mehr Opfer gefordert hat und noch fordert<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a>, als die schreckliche Krebskrankheit. Und immer erneut gilt es auch, sich selbst zu prüfen, ob man nicht selbst die Schuld an diesem Hass trägt, ob wir Juden durch unser Verhalten nicht die Wut und die Feindschaft wecken. Es wäre töricht, in eitler Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit den Antisemitismus mit Schlagworten wie „Suche nach dem Sündenbock“, „Sozialismus der Dummen“, „Folge wahnsinniger Hetze“ abzutun, und aus jedem Antisemiten einen kleinen Teufel zu machen, damit man nur dieser Selbstprüfung überhoben sei. Stellt sich aber nach gewissenhafter Prüfung heraus, dass wir trotz aller Fehler, die wir mit allen anderen Menschen gemein haben, diese „gefährliche Unmäßigkeit der Feindschaft“ nicht verdienen, so gilt es weiter zu suchen, um die Quelle zu entdecken, aus der die Bazillen dieser Krankheit stammen, und festzustellen, ob die Krankheit überhaupt heilbar ist. Sollte sich aber auch die Unheilbarkeit herausstellen, so wäre doch schon unendlich viel gewonnen, wenn man nur die Ursachen der Krankheit kennen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele werden natürlich schon gegen die Kennzeichnung des Antisemitismus als eine Krankheit protestieren. Für die waschechten Antisemiten sind ja die Juden die Krankheitserreger im Körper ihrer Wirtsvölker, sie sind, wie einer ihrer Wortführer meint, „Fremdkörper“, und „Fremdkörper“, so weiß es jede Gesundheitslehre und Lehre vom Organismus überhaupt, müssen ausgeschieden werden, soll nicht der Organismus schweren Schaden leiden, verkümmern oder zugrunde gehen. „Läge nichts weiter vor, als das tiefe Fremdgefühl und die natürliche Abneigung der Deutschen dem Juden gegenüber, der Wille, den Juden auszuscheiden, so würde schon das als Grund und Rechtstitel, es zu tun, vollauf genügen. Es gibt gar nichts, was so berechtigt, heilig und gewichtig wäre, wie diese innere Fremdheit und Abneigung“. Woher kommt es aber, dass der Jude eher als Fremdling und Fremdkörper empfunden wird als die anderen Fremden? Liegt es an seiner Religion? Viele behaupten es, aber dann wäre es kaum zu begreifen, warum denn auch die Nichtreligiösen und sogar die Atheisten (unter den Juden) mit einem ganz besonderen Hass beehrt werden? Neuerdings wird immer mehr von einem Hass gegen die Rasse gesprochen. Die höhere nordische Rasse hasst die niedrige semitische Rasse. Der Hass stammt aus dem Blute, die Natur selbst hat Feindschaft zwischen beide Rassen gesetzt. Mit Recht weist <strong>Isaac Breuer</strong> in seinem „Judenproblem<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>“ schon darauf hin, dass das Blut nicht hasst. Der Hass stammt von der Persönlichkeit, und es ist bloß ein Asyl der Unwissenheit, wenn wir diesen Hass in die Rasse verlegen. <strong>Weiniger<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup><strong><sup>[5]</sup></strong></sup></a></strong> spricht von einem „metaphysischen Abscheu“, d. h. mit anderen Worten, dass wir diesen Abscheu, und diesen Hass uns gar nicht erklären können, er ist übersinnlicher Art und daher gar nicht zu erklären. Auch Isaac <strong>Breuer</strong> spricht von einem „metaphysischen“ Hass. Aber ich glaube, dass auch dieses Wort nur das Eingeständnis enthält, dass wir uns diesen Hass nicht erklären können. Hass ist etwas sehr Sinnliches und gehört ganz und gar der Welt der Sinne an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anhänger des Marxismus in seiner konsequenten Durchführung wie <strong>Heller</strong> und <strong>Kantorowicz<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup><strong><sup>[6]</sup></strong></sup></a></strong> erblicken in dem Problem des Judenhasses nur einen Abschnitt aus dem sozialen Problem. Sie sind mit ihren Meistern<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> der Meinung, dass nur der Schacher es ist, der die Juden verhasst macht und dass das Verschwinden der kapitalistischen Welt auch den <strong>Untergang des Judentums</strong> nach Heller, oder das <strong>Schwinden des Judenhasses</strong> nach Kantorowicz bedeute. Beiden bedeutet der Satz von Marx: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld“, eine unumstößliche Wahrheit. Ich kann es mir versagen, hier näher auf diese Seite des Problems einzugehen. Sie ist ausführlich von Raphael <strong>Breuer</strong> s. A.<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a> in diesen Blättern behandelt worden und mit <strong>Heller</strong> hat sich Juda <strong>Steinberg<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup><strong><sup>[9]</sup></strong></sup></a></strong> gründlich auseinandergesetzt. Es ist eine Verkennung des ganzen Problems, wie ja die ganze marxistische Betrachtungsweise des Weltgeschehens eine furchtbar einseitige ist. Nur eine grob materialistische Betrachtungsweise kann die Geschichte der Menschheit in eine Geschichte des menschlichen Magens verwandeln. Niemals kann die materialistische Geschichtsauffassung restlos die Probleme des Weltgeschehens erklären, und nichts straft diese ganze geistige Richtung mehr Lügen als die Geschichte des jüdischen Volkes. Die Existenz dieses Volkes allein ist die schlagendste Widerlegung der marxistischen Geschichtsauffassung. Und wenn <strong>Lassalle<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup><strong><sup>[10]</sup></strong></sup></a></strong> sagt, dass er die Juden nicht liebe, ja sie sogar im allgemeinen verabscheue und in ihnen nur die entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit sehe, so hat er, wenn er sich und seinen Kreis damit meint, gewiss nicht unrecht, aber in der Tatsache, dass diese Söhne einer längst entschwundenen Vergangenheit trotz des Fehlens aller materiellen Voraussetzungen noch immer da sind, liegt ein Beweis, dass doch wohl auch andere Faktoren, als Kapital und Arbeit, über Sein und Nichtsein von Völkern und Einzelnen entscheiden. Es ist übrigens unendlich bezeichnend für die Kampfweise der „anständigen“ Antisemiten, dass sie, die den Marxismus als jüdisch mit der ganzen Wut ihrer nordischen Seelen bekämpfen, Marx und Lassalle als Kronzeugen gegen die Juden anführen, deren Gegnerschaft gegen die Juden doch nur ein Ausfluss ihrer Weltanschauung ist: „Wir lehnen die ganze Blickrichtung des Marxismus als verfehlt ab und versprechen uns von der evtl. Verwirklichung der marxistischen Ideale weder das Verschwinden des Judenhasses noch befürchten wir von ihr den Untergang des Judentums.“ In der Geschichte wirken ganz andere Kräfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Sammelschrift „Klärung“ (12. Autoren und Politiker über die Judenfrage. Verl. Tradition-Berlin) machen zwei Autoren, Ernst <strong>Johannsen<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup><strong><sup>[11]</sup></strong></sup></a></strong> und Hans <strong>Blüher<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup><strong><sup>[12]</sup></strong></sup></a></strong> darauf aufmerksam, dass die tiefsten Judengegner aus Instinkt Heiden sind, „Helenen“. „Manche haben eine heimliche Liebe für die alte Götterwelt ihrer Vorfahren; man mag darüber spotten, aber man glaube nur nicht, dass die Vorliebe vieler „Christen“ und Christen für die Götterwelt der Alten eine zufällige Neigung war und ist“ (Johannsen). Johannsen erklärt damit den Antisemitismus eines Nietzsche. Noch ausführlicher wird diese Erscheinung von Hans <strong>Blüher</strong> in seinem philosophisch-theologischen Aufsatz: „Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter“ behandelt. „Nach der Meinung der Völkischen — im weitesten Sinne des Wortes — ist das Christentum ein fremder Import, nun gar ein solcher jüdischer Abkunft und Prägung, nach dessen Abschüttelung die altgermanische Licht- und Tugendreligion wieder zum Vorschein kommen müsse; durch sie wiederum könne der Aufstand der Nation gegen fremde Unterdrücker von außen und innen erst siegreich durchgeführt werden. Die Ansicht hat etwas außerordentlich Bestechendes an sich und es spricht zunächst fast alles für ihre Richtigkeit. Man spürt ja doch jeden Tag mehr und mehr das Sichregen urgermanischer Kräfte im Volk. Aber noch mehr: wie als müsste es so sein, tut sich der Boden auf und reicht Schätze aus der vorchristlichen Germanenzeit heraus, die mit einem Schlage den langen Irrtum von der Wildheit und Barbarei unserer Ahnen zunichtemachen. Wir haben es, das <strong>wissen</strong> wir heute, bei unseren Vorfahren mit einem Kulturvolk ersten Ranges zu tun, und dieses Volk ist durch die christliche Mission des Kaisers Karl gewaltsam seiner Heiligtümer beraubt worden. Der <strong>Sakralraub</strong> ist also, das lernen wir, <strong>das</strong> Mittel, um grundlegende geschichtliche Wenden in den Völkern herbeizuführen; und alle großen Kriege (es sind immer dreißigjährige) sind Religionskriege. Auch der, in welchem wir leben.“ Zwei Elemente hatte die germanische Urreligion: die Gerechtigkeit und den leidenden Gott. Diese Religion ist geboren aus der Volksseele der Germanen heraus. Karl der Große war also kein germanischer Herrscher, sondern ein fremder Eroberer ohne Treu und Glauben. Aber die germanische Volksseele formte sich ihr Christentum nach ihrem religiösen Bedürfnis um. Paulus und Luther haben erkannt, dass der Mensch nicht gerechtfertigt werden könne durch Erfüllung der Werke des Gesetzes, sondern „allein durch den Glauben“. Durch Luther wird das Verbrechen Karls des Großen gutgemacht. Das Christentum ist mysterienhaft und übernatürlich. <strong>Der religiöse Vorgang spielt sich außerhalb des Gesetzes ab</strong>. Israel aber ist ein Volk des Gesetzes und dieses Gesetz ist wesentlich anders als die Gesetze der anderen Völker und das einzigartige am jüdischen Gesetz ist, dass es aus <strong>Offenbarung</strong> stammt. In Moses kristallisierte sich nicht die jüdische Volkspersönlichkeit, die ihrerseits in Rücksicht auf dieses Volk diesem ein Gesetz gibt, das Gesetz wird nicht aus dem Volke geboren, die Offenbarung stammt nicht aus dem Volke, aus der Psyche des Volkes, sondern <strong>sie ergeht an</strong> das Volk. Der Monotheismus ist nicht eine vereinfachte Form der Vielgötterei, wie wenn etwa bei den alten Griechen oder später bei den Römern der oberste Gott die Regie übernimmt, das bleibt vereinfachtes rationalisiertes Heidentum, sondern durch die Offenbarung wird die Lehre vom „Einigen Gott<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a>“ allen anderen auch nur möglichen Konzeptionen des Heidentums, auch wenn sie quasi monotheistisch waren, entgegengestellt! Der „Einige Gott“ ist Schöpfer der Welt und Urgrund des Gesetzes. Und diesem „Einigen Gott“ steht als Korrelat die Einheit Israels zur Seite. Die Einheit und Unteilbarkeit Israels besteht in der Ebene der reinen Geschichte; von ihr wird jeder Jude erfasst. Sie ist das geschichtliche a priori<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a> des Judentums. Das Judentum hat an der Linie des <strong>Gesetzes</strong> treu festgehalten und daher das Reich des Messias säkularisiert. Das ist seine Erhebung gegen die christlichen Güter. Für das Judentum bedeutet das Reich des Messias die Verwirklichung der Gerechtigkeit auf Erden von Menschen tragbar und durchführbar. Und Israel sucht immer seine Gedanken gegen das Christentum durchzusetzen und wo immer es antichristliche Gedankengänge in der deutschen Philosophie findet, so greift es diese Gedanken auf, so bei Nietzsche und Schopenhauer. Wer daher einen starken Staat will, geführt von einer bodenständigen Oberschicht, diese wieder geführt von einem christlichen König, muss Antisemit sein. Will man aber die Weltdemokratie, so muss man zum Judentum übertreten. Der christliche König umgeben von einem mystischen Nimbus ist Repräsentant des germanischen Volkes, das eine Urreligion aus sich heraus erzeugt hat, und dem es auch sein Christentum angepasst hat. Die Demokratie, das Endziel des Judentums, das eigentlich gar keine Religion im strengsten Sinne des Wortes hat, das niemals aus sich heraus religiöse Werte erzeugt hat, sondern dem ein Gesetz offenbart wurde, für dessen Verwirklichung es auf ein Reich hofft, nicht auf einen persönlichen Erlöser, der in dieser rationalistischen Gesetzesreligion gar nicht am Platze wäre. — Das sind so ungefähr die Gedankengänge des philosophisch-theologischen Wortführers der Nationalsozialisten und Völkischen, wenn ich sie richtig verstanden habe, denn Blüher liebt die Dunkelheit und Unklarheit. Er imponiert dadurch auch seinen Adepten<a href="#_ftn15" id="_ftnref15">[15]</a>, die Unklarheit und Verworrenheit für Tiefe nehmen. Nun wissen wir also, warum wir so gefährlich sind. Wir Juden, die eigentlich gar keine Religion haben, „und deren letzten Ziele nie andere als religiöse gewesen sind“, wollen die christlichen Güter, die wieder gar nicht christlich, sondern im Grunde genommen altheidnisch, oder genauer, urgermanisch sind, rauben. „Was daher dieses säkularisierte Judentum allein unter den christlichen Völkern, zwischen denen es im Galuth lebt, treiben kann, ist: Sakralraub.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch glaube ich, dass in dieser neu erwachten Sehnsucht nach dem alten Heidentum auch der tiefste psychologische Grund für den Judenhass zu suchen ist. Das Judentum, und darin hat Blüher recht, ist nicht aus der Volksseele der Juden herausgewachsen, sondern wurde ihm offenbart und wir haben den Mut zu behaupten, dass nur die Religion den Namen von Religion verdient, die offenbart wurde. Das Judentum ist aber nicht <strong>nur</strong> Religion, sondern es ist darüber hinaus <strong>auch Gesetz</strong>. Was nicht offenbart wurde und was nicht <strong>wenigstens mittelbar auf Offenbarung zurückgeht</strong>, ist Heidentum, Götzendienst und in seiner letzten psychologischen Wurzel: Menschenkult. Nach der Schöpfung offenbarte sich Gott seinen ersten Menschen, denn ohne diese Offenbarung wäre der Mensch niemals fähig gewesen, sich einen Gott zu erschaffen. Diese erste Offenbarung der Gottheit scheint in Vergessenheit geraten zu sein und die Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, schufen sich nun Götter nach ihrem eigenen Ebenbild. Die Menschen (der Vorzeit – vor der Offenbarung am Sinai) sahen, dass in der Welt Kräfte wirksam waren, deren Ursprung ihnen unbekannt war, deren Umfang sie nicht zu überschauen vermochten, deren scheinbar willkürlichem Walten sie schutzlos preisgegeben waren und so entstanden die Götter der Urzeit. Es ist selbstverständlich, dass die Götter deren Schöpfer Menschen waren, nichts anderes sein konnten als ins Riesenhafte und Gigantische gesteigerte Menschen. Alle Eigenschaften, Tugenden und Laster, die ihnen beigelegt wurden, waren menschliche Eigenschaften, dem Kreis menschlicher Vorstellungen entnommen. Das Verhängnis, das den Menschen vom Himmel ausschloss, war damit nicht beendet. Der Bezeichnung der ins Riesenhafte gesteigerten Menschen mit dem Namen Gott, oder die Personifikation der den Menschen sich offenbarenden, aber von ihnen nicht erforschten Naturkräfte der Gottheiten bedeuteten keine Bereicherung der menschlichen Seele, gewährten dem menschlichen Geist keine Möglichkeit des Höhenflugs, da ja die Götter ihr Werk waren und daher über keine Eigenschaften verfügen konnten, die die Vorstellungskraft und die Kenntnisse der Menschen überschritten. Die Menschheit löste sich die unzähligen Rätsel, die ihr die Umwelt zu lösen aufgab, indem sie die vielen Rätsel in ein einziges — Gott — oder in wenige — Götter — zusammenfasste, und kam der Lösung um keinen Schritt näher. Kein Mensch ist imstande, sich einen Gott zu erschaffen. Sich selbst malt der Mensch in seinen Göttern. <strong>Und die Klugen und Schlauen, die Starken und Gewalttätigen</strong> durchschauten, dass hinter den Göttern nichts Wesenhaftes stecke, aber <strong>dass sie ein vorzügliches Mittel seien, um durch sie die Massen zu beherrschen</strong>. So gelangten die Menschen (der Vorzeit – vor der Offenbarung am Sinai) zu einer Art Selbstvergötterung<a href="#_ftn16" id="_ftnref16">[16]</a>. Die Tyrannen und Despoten ließen durch den Mund der Götter der Masse Befehle erteilen, einzig und allein darauf gerichtet, ihre Machtposition zu stärken und unantastbar zu gestalten. Die Menschen waren die eigentlichen Götter, wie ja die Götter nichts als Menschenwerk waren. Die große Sehnsucht der Massen nach etwas Höherem und ihre dumpfe Angst vor dem sie umgebenden Rätselhaften wurde von den Starken und Helden für eigene selbstsüchtige Zwecke ausgebeutet. Auf den Schultern der von Menschen erschaffenen Göttern erhob sich die Herrschaft der Mächtigen. Die Masse ward entmündigt und entwürdigt. Sie war nur Mittel für die Zwecke der Großen. Und unter den Großen der Erde herrschte ewiger Krieg, denn jeder dünkte sich ja als der Gott seiner Götter und Götter sind eifersüchtig und erst recht, wenn sie von Menschen stammen. Die Menschen waren die Herrscher auf Erden. <strong>Da offenbarte sich Gott</strong>. Das war das Neuartige, das Originelle und Einzigartige der sinaitischen Offenbarung. Nicht der Mensch schuf sich diesen Gott, sondern Gott trat ihm entgegen, offenbarte sich ihm, um ihn aufs Neue nach seinem Ebenbild zu schaffen. Gott hat sich offenbart und hat den Menschen ihres Daseins Sinn und Zweck verkündet und das Ziel heißt: Gottähnlichkeit. Während bisher die Menschen das Vorbild waren und in ihrem Ebenbild die Götter erschufen; die Götter waren menschenähnlich, sollten nach der Offenbarung die Menschen versuchen, Gott ähnlich zu werden. Im Heidentum herrschten Menschen, im Judentum ist Gott Herrscher. Die Offenbarung Gottes am Sinai <strong>entthronte den Menschen</strong> — und — nun kommen wir zu dem Urquell des Judenhasses — seit dieser Zeit geht das Streben der Menschen dahin, <strong>Gott zu entthronen</strong>, und sich ihre Herrschaft zurückzuerobern. Daher die Sehnsucht nach Heidentum bei Nietzsche, für dessen „blonde Bestie“ und für dessen „Übermenschen“ in einer Welt, in der Gott herrscht, kein Raum ist, daher die Flucht Schopenhauers in die heidnische Welt des Buddhismus und daher die neu erwachte Liebe unserer Völkischen für ihr germanisches Heidentum, denn in dieser heidnischen Welt können sie den „Führer“ haben, nach dem sie sich sehnen. Zu Gott haben sie kein richtiges Verhältnis, denn vor Gott sind alle Menschen gleich, da er sie doch alle erschaffen. Die Offenbarung begründet erst in Wahrheit die sittliche Würde des Menschen. Kein Mensch ist Mittel für die Zwecke eines anderen, denn jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, dem sich die Liebe und Fürsorge seines Gottes zuwendet. Ist in einer solchen Welt Raum für die Theorien von der Minderwertigkeit bestimmter Rassen? Die Menschen können es nicht verschmerzen, dass Gott sie entthront hat, nun versuchen sie, ihm die Herrschaft streitig zu machen. Es war dies schon der Fall nach der ersten Offenbarung Gottes im Kindheitsalter der Menschheit, wie ja die Menschheit sich innerlich, in geistig sittlicher Beziehung kaum entwickelt hat. Genau wie in den ersten Tagen der Schöpfung Kain seinen Bruder Abel erschlägt, weil er ihm nach irgendeiner Richtung hin im Wege steht, so wissen die Menschen auch heute noch kein anderes Mittel, um ihre Meinungsverschiedenheiten auszutragen, nur dass heute statt des einen Kain Millionen aufstehen, um ihre Brüder zu erschlagen. Also wie gesagt, auch nach der ersten Offenbarung der Gottheit erhoben sich die Menschen, um gegen Gott zu kämpfen. Der Turmbau zu Babylon sollte ihnen den Weg zum Himmel bahnen, damit sie Gott in seinem ureigensten Gebiet bekämpfen können. Und seit dieser Zeit ist die Sprachverwirrung in die Welt gekommen, „dass der eine Mensch die Sprache seines Nächsten nicht versteht“. Die „Herrenmenschen“ von Babylon waren scheinbar von der Rasse der „Blonden Bestie“. Wer für sein Leben die Parole: „<strong>wir</strong> wollen uns einen Namen machen“ erwählt, der kann sich nicht Gott unterordnen, für den alle Menschen gleich sind. Und es zeugt für den tiefen Blick der altjüdischen Weisen, wenn sie in ihrer Sprache sagen, dass der Berg deshalb den Namen „Sinai<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>“ erhielt, weil von dort aus der Hass in die Welt gekommen ist. Die Menschen können es nicht verschmerzen, dass Gott durch seine Offenbarung sie endgültig entthront hat. Denn was bedeutet schließlich dieses Toben und dieses Sichaufbäumen der abgesetzten Herren? Der im Himmel thront lacht und spottet all dieser Bemühungen, ihn zu entthronen. Uns, den Träger dieser Offenbarung, können sie durch ihren Hass, der sich nicht einmal gegen uns richtet, denn wir sind doch bloß Gefäß der Offenbarung, vorübergehend wehtun, aber besiegen können sie uns nicht, wie es ja die Geschichte der Judenverfolgungen unwiderleglich lehrt. Wir wurden zuerst von Nebukadnezar, dem babylonischen König besiegt, der gar kein Hehl daraus machte, dass er sich an die Stelle des jüdischen Gottes setzen wolle. Er glaubte, in uns Gott zu treffen. Titus, so wird im Talmud berichtet, zog mit seiner Geliebten ins Heiligtum ein und durchstach den Vorhang und glaubte, Gott getötet zu haben. Der jüdische Staat, der sichtbare Träger der Gottesoffenbarung, war ja zertrümmert, das Heiligtum, die sichtbare Stätte des Gottesdienstes, in seiner Gewalt, die Juden, die sichtbaren Träger der Gottesideen zertreten und aus ihrem Land gejagt, die lebendigen Zeugen der Gottheit also vernichtet, so glaubte er nun endlich den jüdischen Gott, dem ja sein Kampf eigentlich galt, sei erschlagen, aber siehe, er konnte den Tempel einäschern, den Staat zerschlagen, die Juden knechten, aber nicht Gott vernichten, denn er lebte weiter in den Sklaven, die — und das ist das große Geheimnis der Ewigkeit der Juden — niemals in ihrer Gesamtheit ihrem Gott die Treue brechen können. Der einzelne Jude hat diese Freiheit, und kann seinem Gott die Treue aufkündigen, aber die Gesamtheit ist nicht frei. Gott lässt sich einfach nicht von der Gesamtheit des jüdischen Volkes beiseiteschieben, denn so steht es geschrieben: „Fürwahr mit starker Hand und mit ausgegossenem Grimm werde ich über Euch regieren“. Es ist ein vergebliches Sichabbemühen vieler Juden, das Volk zum geistigen Selbstmord veranlassen zu wollen, es seinem Gott abwendig zu machen, das Volk als Ganzes kann nicht sterben und kann auch nicht Gott die Gefolgschaft verweigern, denn Gott lässt es nicht. Das Volk muss leben, es ist Träger einer ewigen Idee und hat an der Ewigkeit der Idee teil. Die Offenbarung am Sinai und die steinernen Tafeln, auf denen die Grundgebote des Gottesgesetzes eingegraben waren, brachten dem Volk die Freiheit vom Tod und die Freiheit von der Knechtung der weltlichen Mächte, so lautet ein tiefes Wort der Weisen. Es ist als Volk Gottes unsterblich und ist auch in Sklavenketten frei, denn seine Unterdrücker können seinen Körper peinigen, über seine Seele haben sie keine Macht. Und nach Titus kamen andere Mächte und wollen das in der Zerstreuung lebende Volk der Juden, denn es blieb auch ohne Staat ein Volk, zusammengehalten durch die Gottesidee und durch das Gottesgesetz, vernichten. Es kamen sogar Zeiten, in denen man die Juden im Namen Gottes vernichten wollte, des Gottes, den man durch die Juden kennengelernt hat, es waren dies jene Zeiten, in denen sich im Christentum die heidnischen Elemente, die nicht ganz überwunden waren, stärker bemerkbar machten; als man nach weltlicher Macht strebte und den Glauben, dieses rein Immaterielle und Geistige in den Dienst persönlichen Ehrgeizes und irdischer Machtgelüste stellte. Es ist immer ein untrüglicher Beweis für die Schwäche der geistigen Position, wenn man im Kampf um geistige Wahrheiten sich irdischer Waffen bedient. Der Genius eines Esau gesteht offen, dass er im Kampf mit Jakob der Unterlegene ist, weil er sich an ihm körperlich vergriffen und ihm seine Hüfte verrenkt hat. Und wo immer der Judenhass zu einer mächtigen Flamme aufloderte, so war es immer, vielleicht unbewusst, ein Sichauflehnen gegen Gott, dessen Verkünder nun einmal die Juden sind. Mit den Juden soll Gott vernichtet werden, denn solange die Gottesidee lebt und auf Erden Vertreter hat, können die Herrenmenschen ihre Herrschaft nicht für die Dauer auf Erden errichten. Das Judentum hat das antike Heidentum besiegt, denn es waren letzten Endes doch die jüdischen Ideen im Christentum, die das Heidentum überwunden haben und auch das moderne Heidentum, wird schließlich verschwinden müssen. Einer der lautesten Rufer im nationalistischen Lager, Graf <strong>Reventlow<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup><strong><sup>[18]</sup></strong></sup></a></strong>, schreibt: „Diese Wahrheit“, die richtige Gegenüberstellung Juden—Deutsche nämlich, „ist seitdem immer tiefer in die deutsche Bevölkerung gedrungen und hat sich in ihr ausgebreitet, nur die kirchlichen Kreise möchten sie noch nicht wahr haben, in dem mehr oder minder unbestimmten Gefühl, dass damit das katholische und evangelische Kirchentum eine seiner wesentlichen Grundlagen verliert; das in diesem Zusammenhang nur angedeutet werden soll. Man denke nur an den jüdischen Messianismus, den das Christentum in grotesker Verlängerung adoptiert hat. Fällt die Unwahrheit vom „Gottesvolk“, so fällt das „Alte Testament“, so fällt auch der „christliche“ Messianismus, und damit fällt Vieles, was die Kirchen nicht ertragen können“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Staat daran geht, die sogenannte „Gottlosenbewegung“ zu unterdrücken, so müsste er mit seiner ganzen Macht gegen den Antisemitismus einschreiten, denn dieser ist seinem Wesen nach nichts anderes als ein Kampf gegen Gott. Das Heidentum mit seiner Götterwelt soll wieder aufstehen. Menschen sollen aufs Neue sich ihre Götter erzeugen und sich von diesen Göttern die Macht über die Menschen übertragen lassen. Der Gott der Offenbarung soll entthront werden, denn dieser hat allen Menschen, die er in seinem Ebenbild erschaffen hat, die gleichen Rechte und die gleiche Würde vergeben. Und wenn er uns auserwählt hat, so hat er uns keine Vorrechte damit eingeräumt, sondern nur die schwerste Aufgabe zugewiesen, Träger seiner Wahrheiten zu sein und für diese seine Wahrheiten zu werben und ihnen die Gesamtmenschheit zu gewinnen. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, haben wir unsere Aufgabe nicht erfüllt und darin liegt nun wieder unsere tragische Schuld. Unsere historische Mission ist, durch unser ganzes Leben, durch unsere öffentliche und private Wirksamkeit, durch alle Äußerungen unseres Seins Zeugnis abzulegen für die Wahrheit der am Sinai geoffenbarten Lehre, die Lehre und Gesetz, die <strong>Thora</strong> ist, eine „von Gott in den Schoß eines Volkes gelegte Saat, aus welcher das ganze Leben dieses Volkes in allen seinen einzelnen und Gesamtgestaltungen erblühen soll, eine Gottessaat, deren Produkt Israel heißt, ein Individuum, das als Einzelwesen wie als Volksgesamtheit in allen seinen Schicksalen die Waltung Gottes bedeuten soll und das daher ebenso einzig in seiner geschichtlichen Erscheinung dasteht, wie die Thora einzig ist, die er belebt und die einzige Bedingung seiner geschichtlichen Erscheinung ist, und wie Gott einzig ist, der beide, Thora und Israel, als die Offenbarung seines Willens und seines Waltens in die Mitte der Menschheit gesetzt.“ Solange der Hass gegen uns wütet, also der Kampf gegen Gott tobt, haben wir diese Aufgabe nicht gelöst, Gottes Name ist nicht ganz, er enthält dann nur die Buchstaben, die von der Vergangenheit zeugen und für die Zukunft hoffen, aber die Gegenwart ist nicht sein, und sein Thron ist nicht voll- kommen, denn viele seiner Geschöpfe entziehen sich seiner Herrschaft und da gilt es sich ernstlich zu prüfen, ob wir ganz und gar der Thora gemäß leben, ob unser gesamtes Leben Thoraverwirklichung ist, denn nur durch ein solches Leben können wir dem Galuth der Schechinah ein Ende bereiten. Wohl uns, wenn wir Feindschaft leiden durch Verwirklichung des Thoralebens, wehe uns, wenn uns Hass umglüht, weil wir der Thora untreu geworden sind. Im ersten Fall können wir sicher sein, dass die Feindschaft an sich selbst zerschellen wird, „die Gewalt erhebt sich zur Zuchtrute des eigenen Frevels“, und Gott bleibt Sieger, im letzteren Falle gilt der Hass uns und wir sind ohnmächtig gegen eine Welt von Feinden, sind schutzlos gegen die Meereswellen des Hasses, die unser Lebensschiff bedrohen. Darum gibt es für uns nur ein Mittel: Leben, wie Gott befohlen, Thora verwirklichen wie unser Beruf ist, der Wahrheit den Weg bahnen, wie unsere Bestimmung ist, unser Herz panzern gegen alle Ausbrüche des Hasses, auf Gott vertrauen, der unser Fels ist, an dem alle Wut und aller Hass unserer Feinde, die im Grunde genommen seine Feinde sind, zerschellen wird.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> KI: Rabbiner Dr. Hermann (Herrmann) Zwi (Zwi/Zev) Klein (1879–1955) war ein orthodoxer Rabbiner, Gelehrter und Pädagoge in Berlin. Er war eng mit der Adass-Jisroel-Gemeinde (Adath Israel) verbunden.Wichtige Funktionen und Tätigkeiten</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Er wirkte als Rabbinatsassessor (Dayan/rabbinischer Richter) bei der Adass-Jisroel-Gemeinde in Berlin. Diese unabhängige orthodoxe Gemeinde wurde im 19. Jahrhundert unter Rabbiner Esriel Hildesheimer gegründet.</li>



<li>Er unterrichtete an den Schulen der Adass Jisroel und war am Rabbiner-Seminar zu Berlin beteiligt, wo er gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Dr. Meier Hildesheimer zukünftige Rabbiner ausbildete.</li>



<li>Er verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zu jüdischen Themen in Hebräisch und Deutsch und galt als einer der führenden Rabbiner Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Historischer Kontext 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, reiste Rabbiner Klein in die USA als Gast des Central Relief Committee. Er sprach auf der Jahresversammlung der Agudath Harabonim (Union of Orthodox Rabbis) und berichtete über die schwierige Lage der deutschen Juden. Er überlebte die NS-Zeit und starb 1955. In hebräischen Quellen wird er oft als Zev Tzvi oder Zwi Klein bezeichnet. Die Adass-Jisroel-Gemeinde pflegte eine streng orthodoxe Ausrichtung mit eigenen Synagogen, Schulen und Einrichtungen, getrennt von der liberaleren Hauptgemeinde. Rabbi Kleins Wirken verkörperte die Verbindung von traditioneller jüdischer Gelehrsamkeit und moderner Bildung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> NSDAP National <strong>Sozialistische</strong> Partei Deutschland</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Am Ende waren es 6 Millionen Juden</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Isaac Breuer, ein Enkel von Rabbiner Hirsch s“l schrieb den Aufsatz 1918. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/4676661</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Wikipedia: Otto Weininger (* 3. April 1880 in Wien, Österreich-Ungarn; † 4. Oktober 1903 in Wien) war ein österreichischer Philosoph. Er wurde durch sein Werk Geschlecht und Charakter bekannt. Darin entwickelte er eine philosophisch-psychologische Theorie der Geschlechter, in deren Zentrum die Theorie der menschlichen Bisexualität steht. Wenige Monate nach der Veröffentlichung starb Weininger durch Suizid in Ludwig van Beethovens Sterbehaus in Wien. Das Buch wurde zu einem Bestseller mit zahlreichen Auflagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Hauptwerk offenbarte Weininger eine scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen und erwies sich zugleich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung. Die Werte höheren Lebens seien der Frau ebenso unzugänglich wie die Welt der Ideen. Je weiblicher das Weib, desto mehr verkörpere es eine rein geistlose Geilheit. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> KI: Sowohl <strong>Hermann Heller</strong> als auch <strong>Alfred Kantorowicz</strong> vertraten im 20. Jahrhundert linke und sozialistische Ideen, waren jedoch in ihrer theoretischen Ausrichtung <strong>keine klassischen Marxisten</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier ist die genaue historische Einordnung beider Persönlichkeiten:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hermann Heller (1891–1933)</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Rolle:</strong> Bedeutender Staats- und Verfassungsrechtler der Weimarer Republik.</li>



<li><strong>Einordnung:</strong> Heller war Sozialdemokrat und zählt zu den Vätern des <strong>demokratischen Sozialismus</strong>. Er vertrat den linken Flügel der SPD, lehnte den orthodoxen Marxismus und den Historischen Materialismus jedoch ausdrücklich ab. Er sah den Staat nicht als bloßes Instrument zur Unterdrückung (wie im klassischen Marxismus), sondern als demokratisch gestaltbares Werkzeug für soziale Gerechtigkeit.</li>



<li><strong>Hauptgegner:</strong> Innerhalb der Arbeiterbewegung lieferte er sich theoretische Debatten mit Vertretern des klassischen Marxismus wie Max Adler. In der Rechtslehre war er ein prominenter Kritiker des Marxisten Hans Kelsen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Alfred Kantorowicz (1899–1979)</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Rolle:</strong> Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Publizist.</li>



<li><strong>Einordnung:</strong> Er war Mitglied der KPD, antifaschistischer Kämpfer und verstand sich als Marxist. Dennoch galt er vielen orthodoxen Parteimarxisten als unorthodoxer oder &#8222;bürgerlicher&#8220; Marxist, da er stark von der humanistischen Kultur, der europäischen Literatur und freiheitlichen Idealen geprägt war.</li>



<li><strong>Historischer Verlauf:</strong> Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er in die DDR, um dort am Aufbau eines neuen Staates mitzuwirken. Er wandte sich jedoch zunehmend vom dogmatischen Stalinismus ab und floh 1957 in die Bundesrepublik.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Marx und Engels</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Wie Isaac Breuer ein Enkel von Rabbiner Hirsch s“l. Er war Rabbiner in Aschaffenburg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> ???????????</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Wikipedia: Ferdinand Lassalle (geboren am 11. April 1825 in Breslau als Ferdinand Johann Gottlieb Lassal; gestorben am 31. August 1864 in Carouge bei Genf) war Schriftsteller, sozialistischer Politiker im Deutschen Bund und einer der Wortführer der frühen deutschen Arbeiterbewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lassalles Idee des Sozialismus war genossenschaftlich und preußisch-nationalstaatlich orientiert. Damit geriet er in einen Gegensatz zu der von Karl Marx und Friedrich Engels dominierten Lehre, die revolutionär und internationalistisch ausgerichtet war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Wikipedia: Ernst Johannsen (* 28. Mai 1898 in Altona bei Hamburg; † 1. November 1977 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Wikipedia: Hans Erich Karl Albert Hermann Blüher (* 17. Februar 1888 in Freiburg in Schlesien; † 4. Februar 1955 in Berlin) war ein deutscher antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und Philosoph.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Einigen Gott = einzigen Gott; nicht etwa vereinigenden Gott!!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Voraussetzung</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Ein Eingeweihter, Jünger oder Schüler, der von einem Meister in eine Kunst, Wissenschaft oder Geheimlehre eingeführt wurde und dessen Erkenntnisse teilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Siehe z. B. die Pharaonen in Ägypten</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Hebräisch Hass = <strong>שִׂנאָה</strong> = sin-a</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Wikipedia: Ernst Christian Einar Ludwig Detlev Graf zu Reventlow (* 18. August 1869 in Husum; † 21. November 1943 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und deutschvölkischer bzw. nationalsozialistischer Politiker.</p>
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		<title>Kinderecke Thamus 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-thamus-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:32:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Meine Sommerferien. Diesen Kinderecken-Aufsatz, wahrscheinlich von Heinrich Einstädter[1] verfasst, habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.9.1906 gefunden. Ein jüdisches Mädchen beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall. Im ersten Teil des Aufsatzes beschreibt sie die Bahnfahrt, vorbei an Ortschaften, Tälern und Bergen. Im zweiten Teil ihre Erlebnisse in Bad Reichenhall. Hier kommt [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Meine Sommerferien.</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diesen Kinderecken-Aufsatz, wahrscheinlich von Heinrich Einstädter<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> verfasst, habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.9.1906 gefunden. Ein jüdisches Mädchen beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall. Im ersten Teil des Aufsatzes beschreibt sie die Bahnfahrt, vorbei an Ortschaften, Tälern und Bergen. Im zweiten Teil ihre Erlebnisse in Bad Reichenhall.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Hier kommt eine große Verbundenheit, ja Liebe, zu Deutschland zum Ausdruck. Es wird klar – für die Juden, ob orthodox oder liberal war Deutschland Heimat.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/7375181">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/7375181</a></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">Tagebuchblätter Juli 1906</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Reichenhall!</strong> Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich freue. Aber ich gebe mir Mühe, ruhig und gesetzt zu erscheinen. Und während in mir alles singt und klingt und der wunderbaren Bergwelt entgegenjauchst, bekümmere ich mich um Gepäck, Billet usw., um zu zeigen, dass ich schon ein großes Mädchen bin und mitgenommen werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben uns einige Tage in München aufgehalten, und nun soll es weiter gehen. Tefillat Haderech<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> ist gesagt, und am Ostbahnhof steigen wir zur Weiterfahrt ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Freilassing!</strong> Im Coupé halte ich´s nicht aus, ich stehe auf der Plattform und schaue, schaue, schaue! Schon bei Prien war ich außen. Da ist ja der wunderbare Chiemsee und auf der Herren-Insel eines der Prachtschlösser König Ludwigs II. von Bayern<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a>. Ist&#8217;s Wahrheit, ist´s Sage, was sich an diesen Namen knüpft? —&nbsp; Die Eltern erzählen´s, und doch — man glaubt sich in eine Märchenwelt versetzt, es war einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie mich der Wind zerzaust, der frisch, kräftige Bergwind! Und da sind sie auch, der Staufen, der Zwiesel, der Untersberg, die Reitalp, ich kenne sie nicht alle. Ich fragte nach den Watzmann, weiß aber nicht, ob der Herr und König sich gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hammerau, Piding</strong> , langsamer fährt der Zug, enger wird das Tal, es weitet sich wieder — <strong>Reichenhall</strong>. Ein sonniger, wonniger, herrlicher Tag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber glaube nur nicht, dass sie alle so sind, die Tage in diesem Eden. Weißt Du, wie die Winde heulen von den Bergen herab, aus den Schlünden hervor, wie es stürmt und tobt, wie die Blitze zucken und zünden, der Donner rollt, lang hingezogen, im Echo widerhallend von Bergwand zu Bergwand wie der Regen in Fluten herabstürzt! — Kennst Du es? — Ja, es ist ein anderes, ein Wetter in den Bergen oder eines in der Ebene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hoch zurück zum Bahnhof! Du mein liebes Buch sollst ja später meinem Gedächtnis nachhelfen, selbst eine Art Gedächtnis sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies Sprachgewirr! Natürlich deutsch vor allem, dabei auch die schwer verständliche Mundart der Einheimischen, dann französisch, englisch, rumänisch, serbisch, bulgarisch, russisch, polnisch, spanisch, italienisch, auch das jüdisch-deutsche<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> fehlt nicht, und ich weiß nicht, was noch. Neugierig bin ich nicht, aber wenn rings um Dich die angeregteste Unterhaltung ist, und Du verstehst nichts davon, ist&#8217;s doch ärgerlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Else und Paula sind mit ihren Eltern hier, wir wollen viel zusammen sein. Heute, während wir im Kurgarten der Musik zuhören, haben wir Pläne gemacht — Pläne!&nbsp; ja, wenn wir die ausführen dürfen, sind wir jeden Tag auf dem Gipfel eines anderen Berges. Schade, dass es in der Nähe keine gefährlichen Gletschertouren gibt. Es muss doch einzig sein, später zu erzählen, wie man angeseilt ganz mutig über Schnee und Eisberge geklettert, wie man schon einmal beinahe in eine Spalte gefallen. Hu, wie gruselig!</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">— — — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rauschender Bergstrom, liebliches Tal,<br>Behüte Gott Dich, mein Reichenhall!</p>



<p class="wp-block-paragraph">So steht an einer hübschen Villa angeschrieben, in der Bahnhofstraße nahe beim Bismarck-Denkmal<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>. Das Bismarck-Denkmal, nein, ich will nicht Kritik üben, sonst heißt&#8217;s, ich sei ungebildet, verstehe nichts von der Bildhauerkunst, aber ich kann es nicht schön finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei fällt mir unsere Literaturstunde ein. Wir hatten „Prinz Friedrich von Homburg<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a>“ von Heinrich von Kleist gelesen und der Herr Professor fragte, wie er uns gefalle. Er hatte uns nicht gefallen, doch wollten wir&#8217;s nicht sagen. Da rief eine von uns: „Es steht so oft gleichviel drin“. Der Herr Professor tat uns etwas deutlich seine Meinung kund, und zwischen den Lippen zerdrückte er ein Wort, es war keine Schmeichelei, es war etwas Zoologisches, ein Vogelname im Plural, wir verstanden ihn wohl, und unser Selbstbewusstsein fiel, fiel unter den Gefrierpunkt. Denn der Herr Professor, entzückend sind seine Stunden, man wird mit „Fräulein&#8220; und „Sie&#8220; angeredet und um seine Meinung gefragt. Um zwölf Uhr warteten wir auch, ob er uns noch grüße, oder ob wir zu sehr in seiner Achtung gesunken. Aber er zog den Hut und lachte sogar. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren in der Saline, unendlich belehrend und interessant ist es dort. Dankt doch Reichenhall seine Bedeutung den reichen Salzquellen der Tiefe. Und hier tief im Dunkeln der Erde, wie auf freien Bergeshöhn, im rauschenden Wald, am jäh abspringenden Fels drängt sich es uns überwältigend auf: „Wie groß sind Deine Werke, o Herr, alle hast Du sie mit Weisheit ausgeführt, voll ist die Erde Deiner Güter.“<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nett sahen wir aus als wir in grobe, weite, weiße Mäntel gehüllt, ein Filzhütchen auf dem Kopf, ein Grubenlicht in der Hand, hinabstiegen. Zweiundsiebzig ziemlich hohe Stufen gings hinunter ins Erdinnere, dann durch stockdunkle Schächte, spärlich beleuchtet von unserem Grubenlicht, zum Quellenbau, einer natürlichen großen nasskalten Felsenhöhle. Hier entspringen die meisten Quellen, ich glaube vierzehn, teils sprudeln sie von selbst hervor, teils werden sie herausgepumpt. Selbstverständlich habe ich von allen gekostet. Große Maschinen treiben diese Solequellen<strong> </strong>nach<strong> </strong>oben, doch<strong> </strong>nur<strong> </strong>die<strong> </strong>minderwertigen werden zum Kurgebrauch, am Gradierhaus, zu Bädern, zum Inhalieren usw. verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir kehrten zurück, legten unsere schöne Maskerade ab. — Schon fertig? — Noch hatten wir nicht ein Körnchen Salz gesehen. Da, aus dem Hintergrund eine Stimme: „Wollen die Herrschaften mir ins Sudhaus folgen?&#8220; Das wollten wir gerne. Aber war&#8217;s da heiß!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein hübsches Pfännchen von einigen Metern Durchmesser steht mit dem Wasser der Salzquellen gefüllt auf einer Höllenglut. Das Wasser siedet, es verdampft im Laufe dreier Stunden, das reine Salz bleibt zurück, wird mit großen Krücken in Holzkisten geschoben und dann auf den Trockenherd gebracht. Was liegen da Berge von Salz! Noch lange keine Not beim Fleisch koscher machen! Ein Teil des Salzes wird gemahlen und kommt als Tischsalz in den Handel, das grobe, das Kochsalz wird &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; in Zentnersäcke verpackt, plombiert usw. — Etwas Sole bleibt stehts beim Verdunsten zurück und wird als Mutterlauge zu Bädern verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren entlassen, nahmen noch jede ein Stückchen Pfannenstein mit, ihn den Freundinnen bei Gelegenheit als Zucker zu reichen, und gingen frohgemut.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> KI: Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter Verlagen wie Kauffmann oder Sänger &amp; Friedberg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus verfasste er regelmäßig pädagogische und religiöse Beiträge für jüdische Zeitschriften und Periodika, wie etwa Essays zur Gestaltung von jüdischen Feiertagen und Trauertagen (z. B. über die jüdische Trauerzeit im Monat Aw) im familiären Umfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach 1935 verliert sich seine Spur in den öffentlich zugänglichen Publikationsorganen. Mit dem Schulbesuchsverbot für jüdische Kinder im Juni 1942 und der systematischen Schließung und Liquidierung aller jüdischen Schulen und Verlage durch die Nationalsozialisten endete auch das gedruckte Erbe seiner pädagogischen Arbeit in Deutschland.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Ein Gebet vor Antritt einer Reise</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Wikipedia: Ludwig II. Otto Friedrich Wilhelm von Bayern (* 25. August 1845 auf Schloss Nymphenburg, Nymphenburg, heute München; † 13. Juni 1886 im Starnberger See (damals Würmsee) bei Schloss Berg), aus dem Haus Wittelsbach stammend, war vom 10. März 1864 bis zu seinem Tod König von Bayern. Nach seiner Entmündigung am 9. Juni 1886 übernahm sein Onkel Luitpold als Prinzregent die Regierungsgeschäfte im Königreich Bayern, da Ludwigs jüngerer Bruder Otto wegen einer Geisteskrankheit regierungsunfähig war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ludwig II. hat sich in der Geschichte Bayerns als leidenschaftlicher Schlossbauherr, vor allem der Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, ein Denkmal gesetzt; er wird auch als Märchenkönig bezeichnet. Mit seinem Namen untrennbar verbunden ist auch die großzügige Förderung Richard Wagners. Während Ludwigs Regentschaft verlor Bayern als Verbündeter Österreichs 1866 den Preußisch-Österreichischen Krieg und vollzog nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Eintritt in das Deutsche Kaiserreich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Jiddisch</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Bismarck-Brunnen – steht heute unter Denkmalschutz</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: Prinz Friedrich von Homburg ist ein 1809/1810 von Heinrich von Kleist verfasstes Drama, das erst nach dem Tod des Autors 1821 in Wien uraufgeführt werden konnte. Eine Aufführung zu Lebzeiten scheiterte, denn Prinzessin Marianne von Preußen (geborene Hessen-Homburg), der Kleist das Werk mit Widmung überreichte, sah dadurch die Familienehre gekränkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Psalm 104:24</p>
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		<title>Liberales Christentum und &#8222;liberales&#8220; Judentum</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/liberales-christentum-und-liberales-judentum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:29:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jüdischer Volksfreund Monatsbeilage zum „Israelit“ Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Dr. B. Wolf in Köln Liberales Christentum und „liberales&#8220; Judentum Rabbiner Dr. Pinkas Benedikt Wolf s“l habe ich in der vorherigen Ausgabe unseren Lesern vorgestellt. Er ist einer der orthodoxen Rabbinen in der Tradition von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l. Hier habe ich einen höchst interessanten Artikel [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Jüdischer Volksfreund</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Monatsbeilage zum „Israelit“</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Dr. B. Wolf in Köln</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Liberales Christentum</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>und</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>„liberales&#8220; Judentum</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Rabbiner Dr. Pinkas Benedikt Wolf s“l habe ich in der vorherigen Ausgabe unseren Lesern vorgestellt. Er ist einer der orthodoxen Rabbinen in der Tradition von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l. Hier habe ich einen höchst interessanten Artikel von ihm gefunden in dem er das Reformjudentum mit dem Christentum vergleicht.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Artikel erschien als Beilage zur Zeitschrift „Der Israelit“ am 1.6.1911.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2494793">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2494793</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bewegung, welche heute die deutsche Christenheit beider Konfessionen ergriffen hat, beansprucht in hohem Maße das aufmerksame Interesse der ganzen gebildeten Welt, auch der Kreise, die keinem dieser Glaubensbekenntnisse angehören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbstverständlich haben wir nicht die Absicht, uns taktloserweise in die inneren Angelegen­heiten anderer Kirchengemeinschaften einzumischen. Es geht auch nicht an, über diese Bewegung heute schon ein geschichtliches Urteil zu fällen. Uns interessieren nur einige Gesichtspunkte rein menschlicher Art, die in den Kämpfen zur Sprache kommen, um zu untersuchen, ob diese rein mensch­lichen Ideen, die sich da aus der kirchlichen Form herausschälen, durch das bloße Schlagwort „li­beral&#8220; dem sogenannten liberalen, d. h. dem Reformjudentum oder der sogenannten Ortho­doxie, richtiger dem thoratreuen Judentum näher verwandt sind. Dabei wären die theoretischen und praktischen Seiten der Frage zu unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf die Anschauung treffen sich die Linksliberalen beider Bekenntnisse bis fast zur Unmöglichkeit der Unterscheidung von einan­der. Das hat sich ja bei dem Meinungsaustausch Kohler-Maybaum<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> gezeigt. Die Verflüchtigung Gottes in Begriffe und Ideen sind beiden ge­meinsam. Nur Geburt und Rasse bildet noch einen Unterschied. Die völlige Negierung ist das einende Band, das sie verbindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es brauchte es allerdings nicht zu sein, wenn man sich jüdischerseits klar machen wollte, dass man nichtjüdischerseits „<strong>die Gottinnigkeit<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><strong>[2]</strong></a> für wichtiger als die Gotteserkenntnis hält</strong>.&#8220; Sieht man denn nicht, dass in einem solchen modernen Gedanken ein guter Schritt in der Geschichte der Gedankenwelt zu der Auffassung getan ist, die im Judentum immer vertreten war? Der Denker solcher „neuen&#8220; Gedanken entlehnt sie mit Bewusstsein freilich nicht dem Judentum und will auch mit ihnen durchaus nicht auf das Judentum zurückgreifen. Denn ihm, der sich Christ nennt, bleibt das Judentum eine Vorstufe des Christentums und ihm ist der ethische Inhalt des Christentums von keiner Religion übertroffen. Diese Ansicht verargen wir dem im Christentum geborenen Denker nicht, wir verstehen sogar das Interesse, dass er in einem solchen Gedankengang — auch mehr unbewusst — einnimmt in einer Zeit, in der, was an Juden und Jüdisches erinnert, auch im aufge­klärtesten und liberalsten nichtjüdischen Kreis geächtet ist. In unserer Zeit beherrscht die Politik auch das Gebiet der Wahrheit. Die Wahrheit verkriecht sich vor der Macht der Lüge. Das ändert aber an der Wahrheit selbst nichts. Ob anerkannt oder nicht — sie bleibt bestehen. So ist es Tatsache, dass die Unterscheidung von Gottinnigkeit und Gotteserkenntnis eine Lehre der Thora ist. Nach jüdischer Anschauung hat der Mensch keine theoretische Gotteserkenntnis. Der jüdische Mensch vermisst sich nicht, sich eine Anschauung über Dinge und Wesen anzumaßen, die über­sinnlich sind. Wir haben keinen Katechismus und keine Dogmen, die etwas über Gottes Wesen aussagen. Wir gehen damit mit dem deutschen Denker einig, dass wir das Ding an sich<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> über­haupt nicht kennen, nur das kennen wir — selbst in der Welt der Erscheinungen — was das Ding uns ist. Wie viel berechtigter ist dieser Satz auf eine Welt angewandt, die jenseits des Ver­mögens unserer Sinne liegt und unserem Be­greifen entzogen ist. Folgt nun daraus die Not­wendigkeit der Verflüchtigung eines menschlich unfassbaren Wesens in einen menschlich definier­baren Begriff? <strong>Für das Judentum kei­neswegs</strong>. Das Judentum hat ja stets die Erkenntnismöglichkeit Gottes geleugnet und ebensosehr die <strong>יִרְאָה</strong> das Gottschauen, das ständige Bewusstsein von Gott, kurz „Gottesfurcht&#8220;, besser Ehrfurcht vor Gott, d.h. ja Gottinnigkeit, betont und hat sie in der praktischen Betätigung der Liebe und des Gehorsams als unbedingte Postulate zum Ausdruck gebracht. Aber der geschicht­liche Ursprung dieser Gottinnigkeit war ein be­sonders gearteter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist das Judentum nämlich keine Religion und Judentum ist kein Glaube. Seine Grund­lage bildet mitnichten ein Wunderglaube. Die Wunder waren ja nur so lange nötig, bis Moses am Hofe eines „<strong>andersgläubigen</strong>&#8220; Königs akkreditiert war. Nachdem das jüdische Volk aus diesem wundergläubigen <strong>anderen</strong> Volk herausgeführt war, steht es erst am Berg der Offenbarung. Für das jüdische Volk waren die Wunder kein Offenbarungsinhalt — sein <strong>Gesetz</strong> ist Inhalt seiner Offenbarung. Und diese Offenbarung fand am hellen Tage vor den Augen und den Ohren des gesamten Volkes statt. Das Volk in seiner Gesamtheit und seinen einzelnen Gliedern ist „durch sinnliche Wahrnehmung zur Erkenntnis gebracht worden, dass Gott Gott ist und niemand außer ihm.&#8220; Das Volk ist in seiner Gesamtheit und mit seinen einzelnen Glie­dern Zeuge eines <strong>geschichtlichen</strong> Ereignisses gewesen, von dem uns die Zeugen des Geschehens die Tatsache des Geschehens darum die glaubwürdigste geschichtliche Urkunde übermittelt haben, weil ausnahmslos das ganze damals lebende Geschlecht des jüdischen Volkes Zeuge dieses Erlebnisses war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie man eine geschichtliche Tatsache nicht zu beweisen braucht, so bedarf die geschichtliche Tat­sache der Offenbarung keines Beweises. Wie man das Dasein eines Wesens, dem man gegenübersteht, nicht zu beweisen braucht, so be­durfte es in Israel niemals eines Beweises für das Dasein Gottes. Mathematische Behauptungen, Begriffe reinen Denkens müssen <strong>bewiesen</strong> werden, geschichtliche Tatsachen werden <strong>bezeugt</strong>. Und hier im Judentum ist ein ganzes Volk Zeuge. Das Judentum ist keine Religion, und die Juden sind keine Schar Gläubiger. Das Judentum ist eine Gesetzesinstitution und die Juden sind ein Volk zur Hütung<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a> und Be­tätigung dieses Gesetzes. Das, was die Thora lehrt, spielt sich alles hier auf Erden ab und ist für die Erde da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Wunder ist freilich dabei. Dieses Wun­der ist aber nicht im Weltbild der Bibel, sondern in dem Weltbild der <strong>Gegenwart</strong> zu suchen. Und dies Wunder ist die Erhaltung der Judenheit und des Judentums durch alle ihm meistens äußerlich und innerlich ungünstigen Zeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wenn man so will, so lassen wir dieses Wunder wohl als einen Beweis gelten, als Beweis für die Wahrheit vom Judentum, seiner Gesetzesoffenbarung und seines Schöpfers und Gesetzgebers. Ein Beweis, wie es keinen zweiten in der Weltgeschichte gibt, ein Beweis — nicht wegzuleugnen, nicht zu widerlegen —, weil es leibhaftig vorhanden ist und offenkundig in einem kleinen Volk, zerstreut, zerrissen, überall und nirgends sesshaft, ohne Macht und ohne Mittel, mit einer einzigen Erbschaft aus der Epoche seiner ehemaligen Selbständigkeit — und dieses Erbe ist einzig und allein seine Thora. Sie ist sein Sieg gewesen und geblieben. Sie ist der Sang seiner Lebensheiterkeit noch heute. Bedarf es eines größeren Beweises für den Besitz der Wahrheit?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehrere Wahrheiten aber gibt es nicht. Vielleicht ist diese eine Wahrheit in einzelnen Gedankensplittern anderen Systemen beigemischt worden. Mag sein, nun so ist es doch gerade wiederum die Thora, das Judentum, das für alle anderen Menschen nur die allgemeinen Menschenpflichten aufstellt. Man mag diese aus den Religionen „herausschälen&#8220; — — und hat die „Thora&#8220; des reinen Menschentums.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Menschenpflichten sind natürlich stetig und sind nicht beweglich. Sie beruhen auf der Gottinnigkeit des Menschen, die wiederum aus der Gotteserfahrung, d. h. wie wir gesehen, der geschichtlichen Erfahrung fließt. Eine Erfahrung kann aber nicht beweglich sein und auch nicht die Erinnerung daran. Dass wir keinen Glauben haben, dass wir eine Erkenntnis nicht suchen müssen, ist unser Vorzug und das Geheimnis nicht nur unserer Beständigkeit, sondern auch unseres Bestandes. Die nichtjüdischen Denker hätten davon schon längst lernen können, wenn sie aus ihrer Forschung die Betrachtung des ältesten Volkes und Kulturträgers nicht aus­schließen wollten und sich, falls sie das jüdische Volk in ihren Rundblick mit einbeziehen, an wirklich jüdischen Quellen der Thorawahrheit Rat einholen wollten. Dass die Neologie<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a> des jüdischen Volkes nichts lernen <strong>will</strong>, liegt in ihrem Wesen. Die Verneinung ist ihr Inhalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn daher der nichtjüdische Denker durch die Brille der Neologie das Judentum betrachten wollte, so würde er eine in sich abgeschlossene Gotteslehre dort gewiss nicht finden. Dass es aber eine solche nicht gibt, vermag er darum nicht zu behaupten. Man muss dabei allerdings den Subjektivismus ausschalten. Eine Lehre, die der Mensch aufstellt, kann er nie als ge­schlossen betrachten. Eine objektive Lehre, die er, wie der Pfeil das Ziel, erreichen soll, gibt es zugestandenermaßen, wenn anders alle Menschen sich im Gebet vereinigen: „Dein Reich komme.&#8220; Auf dem Gebiet der Erziehung haben wir dafür das Vorbild. Und wenn auf dem Gebiet des religiösen Lebens das Verhältnis vom Vater zum Sohn eine geläufige Darstellungsweise ist, dann kann man füglich einen bloßen Vergleich mit dem Erziehungsgeschäft nicht ablehnen. Ja man muss folgerichtig noch einen Schritt weitergehen und zugeben, dass, wenn sonst im Leben Vater und Sohn zwei Personen sind, auch die Menschheit ihren Vater hat, der nicht mit ihr identisch ist. Die Immanenz Gottes in der Welt ist dieselbe Immanenz wie die der Seele im Körper. Und auch sind Seele und Körper nicht identisch. Möchte auch der Materialismus der Radikalen Seele und Körper identifizieren, so entstehen ihnen gerade von ihrem Standpunkt der Wissenschaft der experimentellen Psychologie so viel Rätsel, dass sie einsehen müssen, dass sie sich von einer Lösung derselben viel mehr ent­fernen als sich einer solchen nähern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles, wenn wir für einen Augenblick den Ausdruck und den Begriff „Lehre&#8220; an­nehmen wollten. Wir Juden können uns diese umständliche Beweisführung aber sparen. Wir lehnen die Lehre ab, weil wir ein Gesetz em­pfangen haben. Seine Vollendung bedeutet sicher nicht Untergang, weil die Ertüchtigung zu seiner Erfüllung Leben — schon seit Jahrtau­senden — jugendfrisches Leben erweckt, ein Leben, das in seinem sittlichen Streben die sittlichen Ideale der biblischen Zeit bei aller Veränderung des <strong>äußeren</strong> Weltbildes als Zukunftsideal vor sich hat und unter unsäglichen Opfern, die dieser Idealismus heute noch fordert, auch in der Gegenwart hochhält.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Idealismus kann ja doch nur aus Optimismus geboren sein, geboren aus der grundlegenden Überzeugung von dem guten Kern, der in der Menschheit liegt, getragen vom Vertrauen, dass in jedem Menschen der Gottes­hauch der Reinheit, der ihn ins Leben rief, ob­siegen wird über den Reiz und die Fähigkeit zur Sünde, die ihn betören können, angespornt durch die Verantwortung, die ein jeder vor seinem Gott fühlt, vor dem er unmittelbar steht in Schuld und Sühne, in Gutem und in Schlech­tem. Niemals kannte und vertrat das Juden­tum eine andere Anschauung, man musste sie nur erst, um als Neuschöpfer solcher Ideen dazu­stehen, für die Bibel leugnen und erst ganze Teile aus ihr für unecht erklären, um Gedanken zu verkünden, die dem Urteil der modernen Zeit standhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Bibel musste man sie streichen; in der <strong>Thora nicht</strong>. Man verwechsele beides nicht. <strong>An unrichtigen Übertragungen trägt das Judentum keine Schuld.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mögen andere Kreise die „Bibel&#8220; lesen, wie sie wollen. Die Angriffe, die infolge <strong>ihrer Auslegung</strong> gegen die Bibel geschleudert wer­den, <strong>treffen die Thora nicht</strong>. Wer immer die Thora in ihrem Urtext liest, wer die jüdische Literaturgeschichte nach der hergebrachten jüdischen Auffassung fragt, der kann vor die modernste Welt mit der alten jüdischen Thora treten, er wird noch immer ein noch <strong>modernen</strong> Mensch sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den modernsten Denkern und Dichtern, in den Ausgrabungen und Funden erstehen heute allerorts Kronzeugen für die Thora.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Würde man dort, wo die moderne Kritik der verschiedenen Religionssysteme heute einsetzt, den Gedankengang der Thora substituieren: die gei­stige Entwicklung und die harmonische Verstän­digung der Menschheit hätte größere Fortschritte gemacht, als es bisher der Fall ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Umstand, dass man die Thora nicht kennt, dieses Aschenbrödel in der Welt der all­gemeinen Bildung und Wissenschaft, verhindert die Möglichkeit, für negierende Kritik positive Werte einzutauschen. Wie leicht wäre es in den westeuropäischen Kulturländern das Augenmerk der Welt auf dieses sittliche Menschheitskleinod zu lenken und es nutzbar zu machen für die Staatengesetzgebung und das Völkerrecht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Statt dessen stößt man der Umwelt Abscheu vor dem Judentum ein, indem man statt den hehren Idealismus der Thora den krassesten Materialismus zur Schau trägt. Die Welt verwechselt natürlich Judenheit und Judentum. Es ist nur allzu begreiflich, dass der Sache zum allgemeinen Schaden der gesamten Menschheit der größte Nachteil daraus erwächst, dass ihre geborenen Vertreter zu Verrätern an ihr wer­den. Man verleumdet die Thora als rückständig und veraltet, wiewohl man selbst der höchsten Ignoranz sich schuldig macht. Man redet sich ein, so dem Judentum und dem Fortschritt zu dienen, und schmäht jenes und hemmt diesen. <strong>Nichtjüdische</strong> Kreise kommen da der Thora zu Hilfe und schildern das Menschenleid, um der Menschheit Erlösung zu fördern. <strong>Nichtjüdische</strong> Kreise propagieren die religiösen Ideen, während der Jude in den „Wahngeburten frem­der Gedanken sein Genüge&#8220; sucht und die Nach­ahmung fremder Sitten, für ihn inhaltlos, ja entwürdigend, als Erfolg preist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Würde man den <strong>denkenden</strong> Geist der Zeit kennen, statt immer die Gegenwart unter dem Zeichen der Technik und des rastlosen Ver­kehrs zu schauen, zu schauen als „rasendes Ross&#8220;, das nicht nach Zaum und Zügel fragt, dann würde man vielleicht in sich gehen — wenn die machtvolle Herrschaft der Sucht zu erwerben und zu genießen, nicht lieber auf einen Blick nach innen, so lange er vermeidlich ist, verzichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sagt z. B. die Neologie dazu, die sich so gern in heller Schadenfreude der Bibelkritik anschließt und sich in „verfeinertem Empfinden&#8220; vom „Rachegott des Alten Testaments&#8220; abwen­det, wenn sich Ibsen in „Brand“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> I. 2 folgender­maßen vernehmen lässt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht zum Spott,<br>Ich zeichne nur nach der Natur<br>Des Landes, des Volks Familiengott.<br>Der Katholik stellt den Erlöser<br>Oft als ein kleines Kind sich vor.<br>Ihr lacht und macht es noch viel böser:<br>Nach euch ist Gott ein greiser Tor:<br>Ein wenig fehlt zum Kinde nur.<br>Und wie der Papst hat als Symbol<br>Der Herrschaft seine Doppelschlüssel,<br>So schaut ihr zwischen Pol und Pol<br>Die Welt in eurer Teuflingschüssel.<br>Ihr trennt vom Leben <strong>Glaub&#8216; und Lehre</strong>,<br>Als ob <strong>der Wandel</strong> gar nichts wäre,<br>Ihr möchtet euren Geist erheben,<br>und wagt nicht <strong>voll und ganz zu leben</strong> —<br>Braucht einen Gott der schwankend gehe,<br>Und der euch durch die Finger sehe.<br>Weil euer ganzes Leben Fratze,<br>Hat euer Gott Kalott&#8216; und Glatze! —<br>Mein Gott ist nicht so matt gesinnt.<br>Der mein&#8216; ist Sturm, der deine Wind;<br>Unbeugsam meiner — deiner dumpf,<br>Allliebend meiner — deiner stumpf.<br>Der meine jung und stark, ein Rächer,<br>Kein schwacher Alter, feiger Schächer.<br>Sein Ruf ist wie ein Sturmgetön,<br>Das aus dem Feuerbusch erscholl<br>Zu Moses auf des Horebs Höhn,<br>Ein Riese er, jedweder Zoll.<br>Die Sonne stand in Gideons Tal<br>Auf sein Geheiß. O ohne Zahl<br>Würd&#8216; er noch heute Wunder tun,<br>Wär&#8216; feige nicht die Welt wie du.&#8220;— —?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sind diese herrlichen Verse nicht von der jüdischen Erkenntnis diktiert, dass nicht Liebe das weltbeherrschende Prinzip sein kann, son­dern <strong>Gerechtigkeit</strong>? Liebe ist ein Gefühl. Gefühl ist dunkel. Heute kann ihm Liebe, mor­gen Hass entspringen. Zuneigung und Abnei­gung, unkontrollierbar und ungerecht, sind die Beherrscher der Welt. Ganz anders, wenn eine Intelligenz die Gerechtigkeit auf den Thron der Welt erhebt. Die Wahrheit ist ihr Ursprung und ihr Ziel, und ein wirklicher Ausgleich die wohltätige Wirkung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesem Richter der Gerechtigkeit ist jede einzelne Seele verantwortlich. Kein anderes Wesen kann und darf zwischen sie und ihren Gott treten. Wie sollte ein Staubgeborener über seine Mitmenschen sich erheben dürfen und glau­ben, das Recht und die Fähigkeit zu besitzen, für die Seelen seiner Brüder und Schwestern „sorgen&#8220; zu können? So dachte stets das Ju­dentum und kannte keine Geistlichkeit. Es hatte Lehrer und eine große Reihe Mehrer seines Ge­setzes, die, in Lehre und Leben gleich ausge­zeichnet, als Vorbilder in Führung und Meister im Wissen glänzten. Je höher sie standen, je demutsvoller beugten sie sich vor Gott, so an­spruchsloser gestaltete sich ihr eigenes Dasein, so weniger kannten sie ihre Stufe und umso ent­schiedener wiesen sie jeglichen Personenkult weit von sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dieser rein menschlichen Anschauung leiht Ibsen in seinem „Brand“ Ausdruck. Der Pfaffenherrschaft will er gründlich den Garaus machen und zeichnet deren Umstrickung der Seelen nach der Natur. Die fehlende Wahrheit und den frommen Betrug, die Unehrlichkeit und die Interessenpolitik geißelt er und erklärt daraus die Seltenheit von Persönlichkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Idealist <strong>Brand</strong> meint IV. 1:<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; „Doch niemals wird, was schwarz ist, weiß,&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">dann antwortet der <strong>Vogt</strong>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein lieber Freund, was hilft&#8217;s, ich seh&#8216;<br>Der Schnee sei weiß und rein das Eis,<br>Wenn alle Welt ruft: schwarz wie Schnee!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Brand</strong>: „Ihr ruft wohl mit?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vogt</strong>: „Nicht so genau!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rufe: schwarz zwar nicht, doch grau.<br>Wir sind human; weshalb erboßen?<br>Den Leuten vor die Köpfe stoßen?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn <strong>Brand</strong> fragt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So habt ihr eure beste Kunst<br>Nur ausgeübt um Volkesgunst?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">dann antwortet der <strong>Vogt</strong>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, nein, weiß Gott, das war es nicht,<br>Der Leute Bestes ist mein Ziel,<br>Nur darauf war ich stets erpicht.<br>Doch leugn&#8216; ich nicht, zu diesem Spiel<br>Trat auch die Hoffnung auf Entgelt<br>Für alles, was ich angestellt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese wenigen Zitate, die einem großen Zu­sammenhang entlehnt sind, mögen die Kritik, die modernes Empfinden an hergebrachte, religiöse Zustände legt, beleuchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Könnten wir Juden da nicht die Fahne er­greifen und führend und wegweisend voran mar­schieren und der Welt als die Modernsten der Modernen erscheinen, indem wir all die Nachahmungen fremder Sitten ablegten, welche sich in der Synagoge und auf dem Friedhof, bei der Trauung und sonstigen Handlungen, die im Judentum gar keine „kirchlichen&#8220; Funktionen sind, eingedrängt haben? Stattdessen haben wir das Wesentliche des Judentums, — das <strong>Lehr­haus</strong> — zu Grunde gehen lassen und die Syna­goge zum Mittelpunkt des Lebens erhoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Merkwürdig und wie widerspruchsvoll, dass die Neologie vollends überhaupt nur noch ledig­lich das „Zeremoniell&#8220; — von anderswo her­übergenommen — als <strong>einzigen</strong> Inhalt des Judentums behalten hat, während sie das Sittengesetz des Lebens mit dem Spottnamen „Zeremonialgesetz&#8220; herabzusetzen sucht. <strong>Sie hat den Geist vertrieben und eine Farce an dessen Stelle gesetzt</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Religionskreisen ringt man sich zum Ernst der altjüdischen Anschauung durch; das <strong>„liberale&#8220; Judentum greift ohne denkenden Inhalt auf das zurück, was das liberale Christentum in strenger Logik und feinem Empfinden als überwunden erklärt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Neologie arbeitet nur äußerlich, von Geist, von Verständnis, von Gefühlsleben keine Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte die Neologie sich für die Praxis noch wenigstens das erhalten, was sie mit Vorliebe als ihr Wirkungsgebiet ansieht, die Pflege der „Wohltätigkeit&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir wollen gar nicht davon sprechen, dass sie den Begriff mit dem Wort verändert hat. „Wohltätigkeit&#8220; schließt eine gewisse Belobigung und Selbstzufriedenheit des Wohltäters in sich. „Pflichttat&#8220; ist die richtige Übersetzung des Wortes <strong>צְדָקָה</strong>. Mit der Veränderung des Wortes hat man den Begriff verschlechtert. An die Stelle der alten jüdischen <strong>צְדָקָה</strong> hat man hochtönende soziale Fürsorge gesetzt. Das <a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a> <strong>גְּמִילוּת חֶסֶד</strong> „ver­bittet man sich dankend&#8220;. Allenfalls gibt man für die Linderung der leiblichen Not, für die <strong>Seelennot</strong> hat man kein Verständnis. Man scheint auch darin von anderen Kreisen gelernt zu haben, wenigstens nach der satirischen Szene zu urteilen, mit der Ibsen ebenfalls in „Brand“ so manche Schäden geißelt, die dem <strong>Zentra­lisationssystem</strong> des „Wohltuns&#8220; anhaften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So mancher „Wohltätigkeits&#8220;-Apparat, der mit seinen Vorstehern und Angestellten nach Schema „F&#8220; arbeitet, könnte sich den ersten Auf­tritt des zweiten Auszuges von „Brand&#8220; ins Stammbuch schreiben. Die Herzlosigkeit und die Obszönitäten, die man da bei „mildtätigen&#8220; Ver­teilungen zu hören bekommt, die Behandlung der Armen, die man da erleben kann, lässt den Dich­ter durch den Mund seines Helden die Worte ausrufen: „<strong>Hat Seelennot nicht auch ihr Recht?</strong>&#8220; Meinen wir nicht Jesajah in der Haftarah zum Versöhnungstag zu vernehmen? Da heißt es ja auch: „Dem Darbenden bringe <strong>Dein</strong> Gemüt entgegen&#8220;. Jüdische Wohltat ist es, neben dem Hunger nach Brot auch den Durst nach Wahrheit zu stillen. Nicht das Tier im Menschen zu erhalten, den <strong>Menschen</strong> im Men­schen zu retten, ist soziale Pflicht, die das Juden­tum, verlangt. Dem Darbenden Brot reichen und ihm dafür den <strong>Sabbath</strong> nehmen, seinen <strong>Kör­per</strong> pflegen, dafür den <strong>sittlichen</strong> Halt ihm rauben, bedeutet den Todesstoß der menschlichen Gesellschaft versetzen, bedeutet den Materialismus zu einer Herrschaft erheben, die alles Höhere, Reinere in Frage stellt, bedeutet ja an sich den geistigen und sittlichen <strong>Tiefstand</strong> einer Welt <strong>erzwingen</strong>, in der Freiheit und Sitte, Wahr­heit und Recht, die Güter, die das <strong>Judentum</strong> der Welt zu bringen gesandt ist, keinen Anspruch mehr ans Dasein haben sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">O, lernten wir doch von den Vorkämpfern für soziales Denken und soziale Einrichtung der Ge­sellschaft, von den nichtjüdischen Großen <strong>un­serer</strong> Zeit, das <strong>Judentum</strong> verstehen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir könnten von ihnen den Wert der Per­sönlichkeit lernen, wie er von der Thora ver­kündet wird. Sie selbst beklagen sich und leiden schwer unter dem Druck der nivellierenden Gleich­heit im großen Beamtenheer des Staates und der Kirche. Die ganze Schulerziehung, oder besser Dressur genannt, ist auf diesen Drill schon zuge­schnitten, der uns bis zum Grabe geleitet. Man verlangt „Versöhnlichkeit&#8220; und will damit die Unterdrückung jeder „Persönlichkeit&#8220; erzwingen. Im ersten Auftritt des fünften Auszugs meint ja allen Ernstes der Vertreter der Zeit, wiederum ein <strong>Geistlicher, </strong>der<strong> Probst</strong>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In jedem Fach wird sich enthüllen<br>Ein oberstes Gesetz, das man<br>Verschieden tauft, doch merken kann.<br>Man nennt es Schule in der Kunst,<br>Beim Militär zu halten Tritt;<br>Das ist die Rettung aus dem Dunst<br>Des allgemeinen: gleicher Schritt! —<br>So immerfort in Schritt und Tritt,<br>Da kommt der Kleine auch, wohl mit.<br>In jedem Fuß derselbe Takt:<br>Da gehts, und wär man selbst kontrakt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ironisch fügt <strong>Brand</strong> hinzu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Aar im Rinnstein, und die Gans<br>Im Ätherblau, im Himmelsglanz.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen solche Gleichmachung — und Ver­nichtung erhebt die Thora durch das bloße Wort, das „gleich&#8220; und zugleich „vernichten&#8220; oder „gleich&#8220; und „unwahr&#8220; bedeutet — <strong>דָּמָה</strong> und <strong>שָׁוְא</strong> — den entschiedensten Protest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der moderne Mensch verlangt seine Frei­heit. Einem gewissen „Spruchkollegium&#8220;, das sich mit einer Lehre zu befassen hat, die angeblich mit dem Christentum nicht vereinbar ist, wird seitens des liberalen Christentums das Recht abgesprochen in die Freiheit und Unabhängigkeit der einzelnen Gemeinde sich einzumischen. Die <strong>Ge­meinde </strong><strong>sei</strong><strong> autonom</strong> und jede Gemeinde kann sich die Verfassung geben und sich die Be­amten anstellen, die sie will. So war es stets im Judentum.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Und angesichts dieser Anerken­nung der althergebrachten Institu­tionen des Judentums seitens der ganzen modernen gebildeten Welt wagt es eine sich „liberal&#8220; nennende, in Wahrheit rückständige und reaktionäre Neologie, uns im deutschen Reich mit einer Zwangs-Organisation zu drohen, die jede Freiheit erdrosselt, jede Selbständigkeit der Gemeinden vernichtet und jedes Selbstbestim­mungsrecht begräbt?!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wer ist liberal — die Neologie oder die Orthodoxie?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">___________________________________</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zu Fußnote 1:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KI: Meinungsaustausch Kohler-Maybaum</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kontext der <strong>Judaistik und der jüdischen Zeitgeschichte</strong> des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist der Vergleich zwischen <strong>Kaufmann Kohler (1843–1926)</strong> und <strong>Siegmund Maybaum (1844–1919)</strong> ein hochinteressantes Feld. Der Begriff „Meinungsaustausch“ greift hier im historiografischen Sinne: Beide Rabbiner waren herausragende, prägende Denker des <strong>liberalen Reformjudentums</strong>, die einerseits eine fast identische theologische DNA teilten, deren Wirkungskreise sich jedoch geografisch und strukturell stark unterschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre historisch korrespondierenden Parallelen und vergleichenden Einordnungen lassen sich in vier zentrale Dimensionen unterteilen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>1. Radikale Antizionisten im Dienst der „Messianischen Idee“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die stärkste inhaltliche Korrespondenz zwischen Kohler und Maybaum liegt in ihrer <strong>vehementen Ablehnung des politischen Zionismus</strong> nach Theodor Herzl. Beide begründeten dies theologisch, nicht assimilationistisch:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Siegmund Maybaum</strong> war 1897 als Vorsitzender des deutschen Rabbinerverbandes maßgeblich an der Erklärung der sogenannten <strong>„Protestrabbiner“</strong> beteiligt. Diese Erklärung verhinderte, dass der erste Zionistenkongress wie geplant in München stattfand. Maybaum argumentierte, dass das Judentum eine religiöse Gemeinschaft und keine nationale Teilhabe sei; das Streben nach einem jüdischen Nationalstaat widerspreche den messianischen Verheißungen des Judentums.</li>



<li><strong>Kaufmann Kohler</strong> formierte auf der anderen Seite des Atlantiks dieselbe Front. Er war der theologische Kopf hinter der Pittsburgh Platform (1885), in der offiziell festgehalten wurde: <em>„Wir betrachten uns nicht mehr als Nation, sondern als religiöse Gemeinschaft“</em>.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Für beide war die Diaspora kein Exil, sondern der göttliche Auftrag (die „Mission Israels“), den ethischen Monotheismus unter den Völkern der Welt zu verbreiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Geografische Spaltung des Reformjudentums (Berlin vs. Cincinnati)</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im vergleichenden Kontrast spiegelt die Biografie der beiden Gelehrten die institutionelle Spaltung und Evolution des liberalen Judentums wider:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Siegmund Maybaum</strong> repräsentiert das <strong>gemäßigtere, kontinentaleuropäische Reformjudentum</strong>. Als Rabbiner in Berlin und Dozent an der Berliner <em>Hochschule für die Wissenschaft des Judentums</em> agierte er in einem Umfeld, das trotz aller Modernisierung stets Rücksicht auf die jüdische Tradition, die hebräische Liturgie und die Einheit der Gemeindekonstrukte („Einheitsgemeinde“) nehmen musste.</li>



<li><strong>Kaufmann Kohler</strong> steht für das <strong>„Classical Reform Judaism“ in den USA</strong>. In Deutschland (unter anderem wegen seiner radikalen Dissertation) akademisch und rabbinisch blockiert, emigrierte er in die USA. Als Präsident des <em>Hebrew Union College</em> in Cincinnati trieb er Reformen voran, die in Europa undenkbar gewesen wären, wie die weitgehende Abschaffung von Speisegebote (Kaschrut) und die Einführung von Sonntagsgottesdiensten.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>3. Wegbereiter einer modernen jüdischen Homiletik und Methodik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Männer professionalisierten die Ausbildung moderner Rabbiner und jüdischer Religionslehrer, indem sie die <em>Wissenschaft des Judentums</em> in die Praxis übertrug:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Maybaum</strong> verfasste mit seiner <em>„Jüdischen Homiletik“ (1890)</em> und der <em>„Methodik des jüdischen Religionsunterrichts“</em> absolute Standardwerke. Er lehrte Rabbiner, wie man zeitgemäß, wissenschaftlich fundiert und dennoch erbaulich auf Deutsch predigt.</li>



<li><strong>Kohler</strong> lieferte das theologische Fundament dazu. Mit seinem Hauptwerk <em>„Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage“ (1910)</em> schuf er den ersten umfassenden Versuch, jüdische Glaubensinhalte systematisch-evolutionär für das moderne Bewusstsein aufzubereiten.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>4. Umgang mit der historisch-kritischen Bibelexegese</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl Kohler als auch Maybaum korrespondierten in der Überzeugung, dass die Tora ein historisch gewachsenes Dokument und nicht wortwörtlich von Gott diktiert worden sei.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Maybaum lehrte jüdische Religionslehrer explizit, dass sie sich vor der historisch-kritischen Forschung nicht fürchten müssten: Die religiöse und ethische Wahrheit der biblischen Erzählungen bleibe unberührt, selbst wenn Figuren oder Texte wissenschaftlich als „jüngere, sagenhafte Ausgestaltungen“ entlarvt würden.</li>



<li>Kohler nutzte genau diese Freiheit, um in den USA die Evolution der jüdischen Religion vom „Stammesgott“ zum universalen Weltgott wissenschaftlich zu begründen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammenfassung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Judaistik werden Kaufmann Kohler und Siegmund Maybaum als <strong>theologische Zwillinge in getrennten Welten</strong> eingeordnet. Während Maybaum im preußisch-deutschen Kontext den Spagat zwischen radikaler Wissenschaft und traditioneller Gemeinderealität bewahren musste, konnte Kohler im freien amerikanischen Raum die gemeinsamen liberalen Ideale bis zur radikalen Konsequenz institutionalisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zu Fußnote 6</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia: „Brand“ von Henrik Ibsen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Handlung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der junge Vikar Brand zieht durch ein Gebirge. Dort trifft er seinen Schulkameraden Einar und dessen Verlobte Agnes, deren Lebensweise er ablehnt. Als Nächstes begegnet er dem verrückten Zigeunermädchen Gerd. Er steigt in sein Heimatdorf ins Tal zurück. Dort herrscht eine Hungersnot, die er für eine Strafe Gottes für mangelnde Frömmigkeit hält. Die Dorfbewohner bitten ihn, als Pfarrer bei ihnen zu bleiben, was er tut. Durch die gefährliche Fahrt über einen Fjord kann er einem Sterbenden den letzten Trost spenden. Agnes ist von seinem Glauben und Engagement so beeindruckt, dass sie seine Frau wird. Die beiden bekommen einen Sohn Alf. Brand verweigert seiner sterbenden Mutter die letzten Sakramente, weil sie nicht bereit ist, seinen radikalen Glaubensforderungen zu entsprechen. Der junge Sohn Alf verträgt das raue Klima nicht und der Familie wird geraten, an einen milderen Ort zu ziehen. Brand lehnt dies ab. Der Junge stirbt. Die Frau verwindet dessen Tod nicht und stirbt auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Brand lässt eine große Kirche im Dorf bauen. Bei der Einweihung fordert er die Dorfbewohner auf, ihm in das Gebirge zu folgen, um dort Gott zu suchen. Diese lehnen das ab und Brand zieht allein in die Berge. Dort hat er eine Vision seiner verstorbenen Frau Agnes, die ihm rät, wieder zurück in das Dorf zu gehen. Er hält dies für eine Versuchung und zieht weiter. Brand begegnet wieder dem Zigeunermädchen Gerd, die ihn für den leibhaftigen Christus hält. Brand schießt auf einen vermeintlichen Habicht, von dem sich Gerd verfolgt fühlt. Eine dadurch ausgelöste Schneelawine begräbt die beiden unter sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Henrik Ibsen stellt einen radikalen jungen Geistlichen dar, der konsequent seinem Glauben folgen will. Die Halbheiten seiner Mitmenschen lehnt er ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;&nbsp;&nbsp; „Nicht ich bin&#8217;s, unsere lasche Zeit ist es, die nach Heilung schreit. Ihr wollt nur lachen, lieben, spielen, ein wenig glauben, ein bisschen fühlen, all eure Laster packt ihr auf den, der – wie man euch gelehrt – einst kam, und das Gericht fromm auf sich nahm. Ihm die Dornenkrone, euch der Spaß.“</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Meinungsaustausch Kohler-Maybaum siehe am Ende des Artikels</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Ehrfurcht vor Gott, siehe w.u.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Wikipedia: Das Ding an sich ist ein Begriff, der in der modernen Erkenntnistheorie wesentlich von Immanuel Kants dualistischer Philosophie geprägt ist, wobei er in dessen Gesamtwerk in zahlreichen, teils miteinander nicht vereinbaren Bedeutungen verwendet wird. Vorwiegend gilt der Terminus aber als Oberbegriff für sogenannte intelligible Gegenstände oder für die denkmögliche Entität einer intelligiblen Ursache, die beide dadurch bestimmt sind, keine Entsprechung in der reinen, folglich auch nicht in der sinnlichen Anschauung (Erfahrung) zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Bewahrung</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Das Reformjudentum</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: “Brand” ist ein Drama von Henrik Ibsen von 1866. Zum Inhalt des Dramas siehe am Ende des Artikels</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Das Erweisen von Wohltaten, nicht nur der materiellen sondern auch der Seelischen</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/liberales-christentum-und-liberales-judentum/">Liberales Christentum und &#8222;liberales&#8220; Judentum</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Schawuoth</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-schawuoth/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2026 10:36:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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		<title>Psalm 50</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/psalm-50/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2026 10:27:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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			</item>
		<item>
		<title>Psalm 90</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/psalm-90/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 17:29:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich habe hier den Psalm 90, auf den sich Rabbiner Hirsch s“l im vorherigen Artikel bezieht, wiedergegeben. Einmal in der Übersetzung von Rabbiner Hirsch und einmal in der Übersetzung von Raw Joseph Scheuer (Siddur Schma Kolenu). Zwischen den Übersetzungen liegen mehr als 100 Jahre. Aber beide Übersetzer wussten die richtigen Worte zu finden, um die [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Ich habe hier den Psalm 90, auf den sich Rabbiner Hirsch s“l im vorherigen Artikel bezieht, wiedergegeben. Einmal in der Übersetzung von Rabbiner Hirsch und <em>einmal in der Übersetzung von Raw Joseph Scheuer (Siddur Schma Kolenu). </em>Zwischen den Übersetzungen liegen mehr als 100 Jahre. Aber beide Übersetzer wussten die richtigen Worte zu finden, um die Leser in ihrer Zeit zu fesseln. Die Sprache mag sich ändern, die Inhalte nicht. Wenn man noch berücksichtigt, dass der Verfasser des Originals vor mehr als 3000 Jahren lebte, berühren mich diese hier vorgetragenen Gedanken zutiefst. Es sei dahingestellt, ob Moses selbst diesen Psalm geschrieben, ob König David, Moses diese Worte in den Mund gelegt hat, oder wer auch immer meinte im Namen Moses aufzutreten, — diese Worte zeugen von einer so tiefen Wahrheit, dass es ein durch und durch gottesfürchtiger Mann gewesen sein muss, mit einer großen Lebenserfahrung, der diese Worte einst niederschrieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Psalm habe ich noch einen kurzen Auszug aus dem Kommentar zu diesem Psalm von Rabbiner Hirsch s“l wiedergegeben, in dem er wiederum auf einen Kommentar zu Deuteronomium 30:2 hinweist.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>תְּפִלָּה֮ לְמֹשֶׁ֢ה אִֽישׁ־הָאֱלֹ֫קים אֲֽדֹנָ֗י מָע֣וֹן אַ֭תָּה הָיִ֥יתָ לָּ֗נוּ בְּדֹ֣ר וָדֹֽר׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Gebet von Mosche, dem Mann Gottes.<br>Mein Herr, Träger der verrinnenden Zeitmomente bist Du, Du warst uns in jeglichem Geschlecht.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Ein Gebet von Mosche, dem Gottesmann:<br>Mein Herr, Zuflucht warst du uns in jeder Generation.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>בְּטֶ֤רֶם ׀ הָ֘רִ֤ים יֻלָּ֗דוּ וַתְּח֣וֹלֵֽל אֶ֣רֶץ וְתֵבֵ֑ל וּֽמֵעוֹלָ֥ם עַד־ע֝וֹלָ֗ם אַתָּ֥ה אֵֽל׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Bevor Berge erzeugt wurden, ließest Du kreisen Erde und Menschenwelt, und von aller Vergangenheit bis in alle Zukunft hin bist Du die alles bewegende Kraft.<strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Noch bevor Berge geboren wurden, Du Erde und Weltall geschaffen hast — warst du und bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.</em><strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>תָּשֵׁ֣ב אֱ֭נוֹשׁ עַד־דַּכָּ֑א וַ֝תֹּ֗אמֶר שׁ֣וּבוּ בְנֵֽי־אָדָֽם׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Entartete Menschheit, lässt Du bis zur Zermalmung zurücksinken, wenn Du sprachst: kehret wieder Menschensöhne!</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Du führst den Sterblichen bis zur Zerknirschung und sprichst: Kehret um, Menschenkinder.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>כִּ֤י אֶ֪לֶף שָׁנִ֡ים בְּֽעֵינֶ֗יךָ כְּי֣וֹם אֶ֭תְמוֹל כִּ֣י יַעֲבֹ֑ר וְאַשְׁמוּרָ֥ה בַלָּֽיְלָה׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Denn tausend Jahre in Deinen Augen, sind wie ein gestriger Tag, wann er vorübergehen will, ja, sind eine Nachtwache in der Nacht.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Denn tausend Jahre sind in Deinen Augen wie ein gestriger Tag, der vergangen und wie eine Wache in der Nacht.</em><strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>זְ֭רַמְתָּם שֵׁנָ֣ה יִהְי֑וּ בַּ֝בֹּ֗קֶר כֶּחָצִ֥יר יַחֲלֹֽף׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Du lässt sie dahinströmen, ein Schlaf werden sie, aber am Morgen erneut es frisch wie Gras die Kraft,</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Du lässt (die Menschenleben) dahin strömen, als wären sie im Schlaf, am Morgen sprießt es wie Gras.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>בַּ֭בֹּקֶר יָצִ֣יץ וְחָלָ֑ף לָ֝עֶ֗רֶב יְמוֹלֵ֥ל וְיָבֵֽשׁ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">am Morgen sprosst und gewinnt frische Kraft, was, dem Abend zugewendet, dieser knickt und es dorrt.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Am Morgen sprießt es, am Abend welkt es und verdorrt.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>כִּי־כָלִ֥ינוּ בְאַפֶּ֑ךָ וּֽבַחֲמָתְךָ֥ נִבְהָֽלְנוּ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Denn wir gingen zugrunde durch Deinen Zorn, und durch Deinen Unwillen waren wir in Bestürzung.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Ja, wir vergehen durch deinen Zorn, durch deinen Grimm sind wir erschrocken.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>שַׁתָּ֣</strong><strong>ה</strong><strong> </strong>&nbsp;<strong>עֲוֺנֹתֵ֣ינוּ לְנֶגְדֶּ֑ךָ עֲ֝לֻמֵ֗נוּ לִמְא֥וֹר פָּנֶֽיךָ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Du hattest unsere Verkehrtheiten Dir gegenübergestellt, den in uns schlummernden Kern vor die Leuchte Deines Angesichts.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Du stellst unsere Vergehen vor dich hin, unser heimliches Tun vor das Licht Deines Angesichtes.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>כִּ֣י כׇל־יָ֭מֵינוּ פָּנ֣וּ בְעֶבְרָתֶ֑ךָ כִּלִּ֖ינוּ שָׁנֵ֣ינוּ כְמוֹ־הֶֽגֶה׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Denn alle unsere Tage gingen zur Wende durch Dein Hinausschreiten, wir endigten unsere Jahre wie in einem unausgesprochen Gedanken.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>All unsere Tages schwanden in Deinem Grimm, unsere Jahre vergehen wie ein Hauch.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>יְמֵֽי־שְׁנוֹתֵ֨ינוּ בָהֶ֥ם שִׁבְעִ֪ים שָׁנָ֡ה וְאִ֤ם בִּגְבוּרֹ֨ת ׀ שְׁמ֘וֹנִ֤ים שָׁנָ֗ה וְ֭רׇהְבָּם עָמָ֣ל וָאָ֑וֶן כִּי־גָ֥ז חִ֝֗ישׁ וַנָּעֻֽפָה׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Unter ihnen waren die Tage unserer Jahre siebzig Jahr, und wenn mit Anstrengung achtzig Jahr, ward ihr Stolz Mühseligkeit und Gewalt. Denn die Schnelle schnitt ab, und wir flogen dahin.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Die Tage unserer Lebensjahre sind siebzig, mit Anstrengung achtzig Jahre, auch zur Zeit ihrer Stärke ist es Mühe und Kummer, wie abgeschnitten schnell fliegen wir dahin.</em><strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>מִֽי־י֭וֹדֵעַ עֹ֣ז אַפֶּ֑ךָ וּ֝כְיִרְאָתְךָ֗ עֶבְרָתֶֽךָ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Wer aber kennt das unwiderstehliche Ziel Deines Zornes und dass Du nur so weit hinausschreitest als Du gefürchtet sein willst!</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Wer kennt die Macht Deines Zornes und weiß, wie Dein Grimm zu fürchten ist?</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>לִמְנ֣וֹת יָ֭מֵינוּ כֵּ֣ן הוֹדַ֑ע וְ֝נָבִ֗א לְבַ֣ב חׇכְמָֽה׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Unsere Tage zu zählen lehre uns so, dann bringen wir dein Herz der Weisheit heim.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Lehre uns, unsere Tage richtig zu zählen, damit wir es zu einem weisen Herzen bringen.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>שׁוּבָ֣ה ה</strong>&#8218;<strong> </strong>&nbsp;<strong>עַד־מָתָ֑י וְ֝הִנָּחֵ֗ם עַל־עֲבָדֶֽיךָ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Kehre wieder, Gott! Bis zu welchem Ende denn? Lasse dich zu anderem bestimmen über Deine Diener.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Wende Dich uns zu, Ewiger, viel lange noch; erbarme dich deiner Knechte.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>שַׂבְּעֵ֣נוּ בַבֹּ֣קֶר חַסְדֶּ֑ךָ וּֽנְרַנְּנָ֥ה וְ֝נִשְׂמְחָ֗ה בְּכׇל־יָמֵֽינוּ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Sättige uns am Morgen mit Deiner Liebe, so werden wir lauten Frohsinns und freudig sein an allen unseren Tagen.<strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Sättige uns am Morgen mit Deiner Liebe, damit wir jubeln und uns all unsere Tage freuen.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>שַׂ֭מְּחֵנוּ כִּימ֣וֹת עִנִּיתָ֑נוּ שְׁ֝נ֗וֹת רָאִ֥ינוּ רָעָֽה׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Gib uns Freude wie die Tage, in denen Du uns Leid gegeben, die Jahre, in denen wir Unglück sahen.<strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Erfreue uns gleich den Tagen, da du uns gebeugt, den Jahren da wir Böses sahen.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>יֵרָאֶ֣ה אֶל־עֲבָדֶ֣יךָ פׇעֳלֶ֑ךָ וַ֝הֲדָרְךָ֗ עַל־בְּנֵיהֶֽם׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Lass Deinen Dienern Dein Wirken sichtbar werden und deine Herrlichkeit über ihren Kindern.<strong></strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Dein Wirken werde Deinen Knechten sichtbar, Deine Herrlichkeit über ihren Kindern.</em></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>וִיהִ֤י ׀ נֹ֤עַם אֲדֹנָ֥י אֱלֹקינוּ עָ֫לֵ֥ינוּ וּמַעֲשֵׂ֣ה יָ֭דֵינוּ כּוֹנְנָ֥ה עָלֵ֑ינוּ וּֽמַעֲשֵׂ֥ה יָ֝דֵ֗ינוּ כּוֹנְנֵֽהוּ׃</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Werde uns, Herr unser Gott, das Beglückende: das Tun unserer Hände gründe auf uns, und das Tun unserer Hände stelle Du fest!<strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Es sei das Beglückende meines Herrn, unseres Gottes, über uns, und das Werk unserer Hände fördere Er uns bei uns, und das Werk unserer Hände festige Er.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Kommentar zu V.1. </strong><strong>&nbsp;,תפלה למשה</strong> eine <strong>תפלה</strong>, in welcher Mosche als <strong>איש אלוקים</strong> als von Gott zum Werkzeug für Seine Waltung Erwählter, sich die Bedeutung dieser seiner Sendung für die Geschichte der Menschheit aus einem Hinblick auf die Bedeutung der bis zu seiner Sendung verflossenen Jahrhunderte der Menschenentwicklung zur Erkenntnis bringt…. Mehr als 2000 Jahre lagen aus der Geschichte der Menschheit zurück. Die Welt war geistig und sittlich wieder in <strong>,תהו</strong> ins Chaos zurückgesunken. Mit der Erwählung Abrahams waren nach dem Ausdruck der Weisen die <strong>,שני אלפי תהו</strong> die 2000 Jahre des menschengeschichtlichen Chaos zu Ende und der Anfang der <strong>שני אלפי תורה</strong>, der Anfang der 2000 Jahre der Einbürgerung des Gottesgesetzes zunächst in ein für die geistige und sittliche Auferstehung der Menschheit ausgesandte Volk angebahnt (siehe Pent. Dewarim S. 560). Aber erst mit Mosches Sendung trat dieser Anfang mit deutlicher Sichtbarkeit hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dewarim S. 560:</strong> Wenn erst alles, was ein Segen und Fluch über die Gestaltung deiner Zukunft Jahrtausende voraus in diesem Buch des Gesetzes völlig ausgesprochen ist, sich an dir erfüllt hat, dann wirst du die Summe dieser tausendjährigen Erfahrungen deiner äußeren Schicksalsgänge zum Nachdenken in dein Inneres zurückbringen, und das Resultat davon wird sein, dass du mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu deinem Gott und Seinem Gesetze zurückkehrst und deine Kinder zur gleichen Treue an Gott und Seinem Gesetz gewinnst. Denn die Erfahrung deiner Jahrtausende wird dir endlich „Gott“ und die „Göttlichkeit deines Gesetzes“ für immer besiegelt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter allen Völkern, wohin dich Gott zerstreut, bleibst du trotz aller Wandlungen bis ans Ende der Jahrtausende das „Gottesvolk mit dem Gottesgesetz in den Händen“, und das ermöglicht und bewirkt zusammen mit der Erfüllung deines Geschickes, deine endliche Umkehr und Aufkehr und Rückkehr zu Gott und Seinem Gesetz.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Ijar 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-ijar-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 17:21:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5507</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-ijar-5786/">Kinderecke Ijar 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="_df_book df-lite" id="df_5510"  _slug="kinderecke-ijar-5786" data-title="kinderecke-ijar-5786" wpoptions="true" thumbtype="" ></div><script class="df-shortcode-script" nowprocket type="application/javascript">window.option_df_5510 = {"outline":[],"autoEnableOutline":"false","autoEnableThumbnail":"false","overwritePDFOutline":"false","direction":"1","pageSize":"0","source":"https:\/\/hirschinitiative.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Kinderecke-Ijar.pdf","wpOptions":"true"}; if(window.DFLIP && window.DFLIP.parseBooks){window.DFLIP.parseBooks();}</script>



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			</item>
		<item>
		<title>Nachbetrachtung zum Pessachfest</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/nachbetrachtung-zum-pessachfest-3/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 17:12:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5505</guid>

					<description><![CDATA[<p>Vom Auszug aus Ägypten und wie es danach bis heute weiterging Eine Glosse von Michael Bleiberg Wir haben noch den Geschmack von Mazza und Maror im Mund vom letzten Pessachfest. In der Hagada haben wir vom Auszug der, wie Rabbiner Hirsch sie zuweilen nennt, „Ziegelbrennerhorde“[1] aus Ägypten gelesen. Die 10 Plagen, mit denen Gott den [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Vom Auszug aus Ägypten und wie es danach bis heute weiterging</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Eine Glosse von Michael Bleiberg</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben noch den Geschmack von Mazza und Maror im Mund vom letzten Pessachfest. In der Hagada haben wir vom Auszug der, wie Rabbiner Hirsch sie zuweilen nennt, „Ziegelbrennerhorde“<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> aus Ägypten gelesen. Die 10 Plagen, mit denen Gott den Pharao maßregelte, sind uns noch in Erinnerung. So erlaube ich mir, Ihnen die Geschichte vom Auszug aus Ägypten in einer anderen Version vorzustellen und wie es dann bis zum heutigen Tage weiterging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da für Gott 1000 Jahre so wie der gestrige Tag sind<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>, sind für die Juden die etwa 210 bzw. 240 Jahre Sklaverei in Ägypten<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> so gesehen eine relativ kurze Zeitspanne. Jedenfalls erinnerte sich Gott eines Tages an sein Versprechen, das er Abraham gegeben hatte, seine Nachkommen aus der Sklaverei zu erlösen<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>. Also beauftragte er Moses und Aron dementsprechend bei Pharao vorzusprechen und ihn zu bitten: „Let my people go!“ Da dieser nicht einwilligte, verhängte Gott 10 Plagen über ihn und sein Volk.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei fällt dem Bibelkundigen auf, dass die ersten neun Plagen<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a> sich grundsätzlich von der zehnten Plage<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> unterscheiden. Allen neun Plagen ist gemein, dass die Juden nichts zu unternehmen brauchten, um von den Plagen verschont zu bleiben. Sie, die Juden, blieben stets passiv. Darüber hinaus erteilt die Heilige Schrift expliziert darüber Auskunft, dass Gott die Plagen 4, 5 und 9 nicht auf das Gebiet Goschen, wo die Juden wohnten, ausgedehnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der 10. Plage, der Tötung der Erstgeborenen, war es jedoch komplett anders. Gott wollte von seinen Juden wissen, ob sie bereit wären, seinen Anordnungen, jetzt und für immer, Folge zu leisten. Deshalb befahl er: Jede Familie nehme sich am 10. Nissan, je nach Anzahl der Familienangehörigen, ein oder mehrere Lämmer. Die Lämmer können entweder von Ziegen oder Schafen sein, müssen einjährig, fehlerlos und männlich sein. Ist die Familie zu klein für ein Lamm, so schließe sie sich mit einer anderen Familie zusammen. Das Lämmchen solle 4 Tage lang bei der Familie bleiben. Gegen Abend des 14. auf den 15. Nissan, soll es geschächtet werden und sein Blut an die Pfosten und den Oberbalken des Eingangsbereiches gestrichen werden. Das Lamm soll sodann in einem Stück gegrillt&nbsp; und bis Mitternacht von den Familienangehörigen gegessen werden. – Wenn dann Gott durch Ägypten zieht, um die Erstgeborenen zu töten, werden die Häuser, die das Blutzeichen am Eingang haben, überschritten (ausgelassen) <a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort bildeten sich unter den Juden mindestens 4 Gruppen. Die Orthodoxen, die Konservativen, die Liberalen und die Egalitären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Orthodoxen sagten: „Genauso wie es Gott angeordnet hat, so wollen wir es tun“. Die anderen Gruppierungen bekamen jedoch Zweifel bezüglich dieser Anweisung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Konservativen sagten: „Also im Hinblick auf unsere Kinder, können wir das so nicht genau befolgen. Denn, wenn wir das Lämmchen bei uns zuhause 4 Tage aufbewahren, werden die Kinder es füttern und streicheln. Sie werden mit ihm spielen und es liebgewinnen. Und ich als Vater soll dann am 14. abends mit dem Schächtmesser kommen und dem Lämmchen den „Garaus“ machen? Die Kinder bekommen dann ja einen Schock fürs Leben. Sie werden mich dafür hassen. Was soll ich ihnen sagen, Gott hat das so gewollt? Sie werden auch Gott dafür hassen. Nein, wenn schon ein Lamm, dann besorge ich es frühestens am 14. morgens und nicht schon 4 Tage vorher.&nbsp; Ich werde es verstecken, damit die Kinder es gar nicht erst sehen. Dann, wenn es keiner sieht, werde ich es schächten, die Eingangstür mit dem Blut kennzeichnen, es grillen und wir werden dann alle zusammen zu Abend essen. – ­­Oder besser noch, ich werde zu den Orthodoxen gehen und mir von Ihnen etwas Blut ausbitten. Damit werde ich die Eingangstür bestreichen – wer wird schon den Unterschied mitbekommen. Außerdem soll man sowieso so spät abends nicht mehr so viel essen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Liberalen sagten: „Also, zum einen sind die meisten von uns Vegetarier und wir essen deshalb gar kein Fleisch. Zum anderen verträgt sich diese Vorschrift nicht mit dem Tierschutz! Bevor man ein Tier auf so grausame Art und Weise tötet, sollte es mit einem Bolzenschussgerät betäubt werden. Und dann, mit dem Blut die Eingangstür von <strong>außen</strong> beschmieren, was werden die Nachbarn von uns denken. Also diese Vorschriften sind aus der „Zopfzeit“ und bestimmt nicht mehr auf unsere heutige Zeit zu übertragen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Egalitären sagten: „Das ist mal wieder typisch…ein <strong>männliches</strong> Lamm soll es sein. Das haben sich die Rabbiner (hier: Moses und Aron) doch nur wieder ausgedacht um die männliche Nuance der jüdischen Religion in den Vordergrund zu spielen. Gott hätte so etwas nie angeordnet. Er hätte gesagt nehmt ein Lamm und fertig. Frauen an den Herd und die Männer an die Thora – diese Zeiten sind schon längst vorbei. Wir machen hier nicht mit!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, als Gott in dieser Nacht durch Ägypten zog, er auch die Häuser der Konservativen, Liberalen und Egalitären <strong><u>nicht</u></strong> verschonte. Überall hatten auch Sie einen toten Erstgeborenen zu beklagen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am anderen Morgen, als die Ägypter die vielen Leichen überall sahen, erschraken sie sehr, denn sie wussten nicht, haben die Russen oder die Ukrainer das angerichtet?! Sie wussten aber, die Juden waren daran schuld. Und so beschlossen sie, Ägypten judenrein zu machen und warfen die Juden, und zwar alle, die Orthodoxen, die Konservativen, die Liberalen und die Egalitären, obwohl ja einige von ihnen ebenfalls Tote in den eigenen Reihen zu beklagen hatten, mir nichts dir nichts aus Ägypten<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Juden aber hatten nichts anderes zu tun, als Ägypten zu plündern<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a>. Sie steckten sich die Taschen voll mit Gold, Silber und schönen Kleidern und vergaßen dabei, sich auch etwas als Wegzehrung vorzubereiten. Da keine Zeit mehr war, Brot zu backen, mussten Sie mit Mazze vorliebnehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dieser Zeit, kann man sagen, sind die Juden nun auf Wanderschaft. Zunächst mussten sie 40 Jahre in der Wüste umherwandern, damit aus den Orthodoxen, Konservativen, Liberalen und Egalitären <strong>ein</strong> Gottesvolk heranwachse, das bereit war, das Gotteswort zu beherzigen und zu praktizieren. Und das darüber hinaus bereit war im gelobten Land eines Tages einen Gottesstaat, nicht etwa einen Judenstaat, zu errichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das gelang ihnen dann auch mit der Zeit. Immerhin zu Zeiten König Davids und König Salomons war der Gottesstaat, in dem die Menschen in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nach Gottes Wort, d.h. nach den Geboten Gottes miteinander lebten, verwirklicht worden. Von überall her kamen Menschen um im Tempel von Jerusalem dem Alleinen Gott zu opfern und anzuerkennen, dass Gott der König der Welt sei<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a>. Und sie bewunderten die Juden und sagten, was für ein weises und kluges Volk doch die Juden sind<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a>, wir wollen auch so leben wie sie, in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie es so ist, „wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen“. Und trotz der Mahnung der vielen Propheten, teilten sich die Juden wieder mindestens in Orthodoxe, Konservative, Liberale und Egalitäre. Das war nun doch Gott zu viel – und er jagte seine Juden aus dem Heiligen Land. Sie bekamen zwar nach 70 Jahren<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a>, andere meinen nach 58 Jahren<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a>, eine zweite Chance, aber sie wussten sie nicht zu nutzen. So ließ Gott den Tempel<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a> und Jerusalem ein zweites Mal zerstören und schickte seine Kinder letztendlich wieder auf Wanderschaft. Die einen gingen nach links, die anderen gingen nach rechts. So verstreute Gott sie über die ganze Erde. Die Konservativen, Liberalen und Egalitären assimilierten sich sehr schnell in den Ländern ihres jeweiligen Aufenthalts. Nur die Orthodoxen blieben als winzige, kleine Minderheit in ihren Beherbergungsländern bestehen, solange sie dort jedenfalls geduldet wurden. Sie hielten fest an dem Gotteswort, das sie in ihren kleinen Gemeinden praktizierten und träumten davon, eines Tages wieder einen Gottesstaat für alle Menschen zu errichten: Sie träumten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. So vergingen fast zweitausend Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann, plötzlich im Jahre 1789 schwappte der Gedanke dieser kleinen jüdischen Minderheit über und entfachte einen Weltenbrand. Die Französische Revolution schrieb genau das auf ihre Fahnen, was die orthodoxen Juden schon immer als lebens- und erstrebenswert hielten: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Jetzt, dachten vor allem die jüngeren Juden, ist es so weit. Jetzt entsteht der langersehnte Gottesstaat. Und sie verließen ihre kleinen Gemeinden um sich dem großen Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschen anzuschließen. Und wurden so wieder zu Konservative, Liberale und Egalitäre, denn in der Französischen Revolution spielte Gott keine Rolle. Und einen Gottesstaat ohne Gott zu errichten ist ja wohl schlecht möglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anstatt sich ihre Verirrung einzugestehen, und in ihre Gemeinden zurückzukehren, assimilierte sich ein großer Teil von Ihnen und die anderen vereinigten sich zu den sogenannte Reformjuden. Wie eine Seuche verbreitete sich das Reformjudentum in Mittel- und Osteuropa. Diese Reformjuden verloren mehr und mehr den Kontakt zu Gott, weil sie sich nicht mehr an das Gotteswort und somit an das Gottesgesetz gebunden fühlten. Und das führte dazu, dass sie sich von den Orthodoxen angewidert fühlten, weil diese noch immer am Gotteswort hingen und immer noch davon träumten, von diesem Gottesreich auf Erden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr sich die Reformer vor den Orthodoxen angewidert fühlten, umso mehr ekelte sich Gott vor den Reformern. Und er beschloss, diesen Reformern ein Ende zu bereiten und den Orthodoxen gleich mit, weil sie sich nicht entschiedener gegen die Reformer zur Wehr setzten. Die Juden Europas wurden zu Sklaven erklärt und mussten Fronarbeit leisten, genau wie damals in Ägypten. 6 Millionen kamen durch Gottes Fügung um. Doch am Ende hatte Gott, wie immer, ein Nachsehen mit seinen Kindern. Und er schaffte Ihnen die Möglichkeit wieder einen Gottesstaat auf heiligem Boden zu gründen. – Doch am Ende kam dabei doch kein Gottessaat zustande, sondern nur ein Judenstaat – ein Staat halt, so wie all die anderen Staaten auch – ohne Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im jüdisch-göttlichen Sinne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">p.s.: Ich habe eine Gruppierung vergessen zu erwähnen, die sich innerhalb der Gruppe der Orthodoxen schon vor sehr langer Zeit gebildet hat: Die Schein-Orthodoxen. Diese Gruppe kleidet sich wie die Orthodoxen, lebt wie die Orthodoxen, spricht wie die Orthodoxen. Sie sind oft erst nach reichlicher Prüfung als Scheinorthodoxe zu erkennen. Sie lügen und betrügen sich und andere. Sie sind der Meinung, vor allem die Nichtjuden belügen und betrügen zu dürfen, da sie denken, das Gotteswort hätte nur Weisung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Eigens für diese Schwindler wurde in der Schmone Esre (18-Gebet) nach Anweisung von Rabban Gamliel in Jawne eine zusätzliche Beracha eingeführt, sodass die Schmone Esre jetzt 19 Verse hat. Diese Beracha beginnt mit <strong>וְלַמַּלְשִׁינִים אַל תְּהִי תִקְוָה</strong><strong> – </strong>gib Verrätern keine Chance, — modern übersetzt.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Jeschurun, Jhrg. 3, Heft 9; Jeschurun, Jhrg. 8, Heft 7</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Psalm 90:4</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> siehe hierzu: Jüd. Allgemeine, Lea Himelfarb, 02.02.2006, „Der Ewige berechnete das Ende“, https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/der-ewige-berechnete-das-ende/</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Genesis 19:13-14</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Exodus 7-10</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Exodus 11</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Exodus 12:1-20; Maftir zu Schabbat Hachodesch</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Exodus 12:30-31</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Exodus 12:35-36</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Könige 8:41-43</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Deuteronomium 4:6</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Jeremia 25:11</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Babylonisches_Exil</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> im Jahre 70 n.d.Z.; Mischna Traktat Taʿanit 4:6</p>
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		<item>
		<title>Die Sederschüssel</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/die-sederschuessel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Mar 2026 15:13:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="_df_book df-lite" id="df_5463"  _slug="sederschuessel" data-title="sederschuessel" wpoptions="true" thumbtype="" ></div><script class="df-shortcode-script" nowprocket type="application/javascript">window.option_df_5463 = {"outline":[],"autoEnableOutline":"false","autoEnableThumbnail":"false","overwritePDFOutline":"false","direction":"1","pageSize":"0","source":"https:\/\/hirschinitiative.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Sederschuessel.pdf","wpOptions":"true"}; if(window.DFLIP && window.DFLIP.parseBooks){window.DFLIP.parseBooks();}</script>
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		<title>Kinderecke Nissan 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-nissan-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Mar 2026 15:07:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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		<title>Danksagung</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/danksagung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Feb 2026 09:16:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>An dieser Stelle möchten wir uns bei der Gemeinde Frankfurt am Main für die Ausrichtung der Haskarafeierlichkeiten anlässlich der Jahrzeit von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l am 27. Teweth bedanken. Insbesondere bei Herrn Rabbiner Apel, Herrn Rabbiner Sousan und Herrn Chajm Sharvit die dafür sorgten, dass wir uns in Frankfurt wie zu Hause fühlen konnten. [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>An dieser Stelle möchten wir uns bei der Gemeinde Frankfurt am Main für die Ausrichtung der Haskarafeierlichkeiten anlässlich der Jahrzeit von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l am 27. Teweth bedanken. Insbesondere bei Herrn Rabbiner Apel, Herrn Rabbiner Sousan und Herrn Chajm Sharvit die dafür sorgten, dass wir uns in Frankfurt wie zu Hause fühlen konnten. Bedanken möchten wir uns auch bei Herrn Abraham Ben der den Kontakt zum „Altenzentrum der Jüdische Gemeinde Frankfurt/M“ herstellte, damit wir dort auch nächtigen konnten. Und auch bei Herrn Fiszel Ajnwojner für die Ausrichtung des Tikkun in der Westend Synagoge.</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="768" height="1024" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/02/Grabstelle-Hirsch-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-5438" srcset="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/02/Grabstelle-Hirsch-768x1024.jpg 768w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/02/Grabstelle-Hirsch-225x300.jpg 225w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/02/Grabstelle-Hirsch-1152x1536.jpg 1152w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/02/Grabstelle-Hirsch-1536x2048.jpg 1536w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/02/Grabstelle-Hirsch-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" /></figure>
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		<item>
		<title>Kinderecke Purim 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-purim-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Feb 2026 09:13:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Der Israelit“ war die Zeitung für das orthodoxe deutsche Judentum bis zu seiner Auflösung im Jahre 1936 schlechthin. Wie sehr das orthodoxe deutsche Judentum auch mit der deutschen Kultur verwurzelt war, mag dieses Purimgedicht zeigen, das mich sofort an Wilhelm Busch (1832-1908) erinnerte, dessen Verhältnis zu Juden zumindest strittig erscheint[1]. Der Autor dieses Gedichtes heißt [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">„Der Israelit“ war die Zeitung für das orthodoxe deutsche Judentum bis zu seiner Auflösung im Jahre 1936 schlechthin. Wie sehr das orthodoxe deutsche Judentum auch mit der deutschen Kultur verwurzelt war, mag dieses Purimgedicht zeigen, das mich sofort an Wilhelm Busch (1832-1908) erinnerte, dessen Verhältnis zu Juden zumindest strittig erscheint<a id="_ftnref1" href="#_ftn1"><sup>[1]</sup></a>. Der Autor dieses Gedichtes heißt nicht Bählam, wie er uns zunächst einreden will — die Verse sind am Ende mit I. C, Hambg. unterzeichnet — sondern sollen eine Anspielung auf Buschs vorletzte Bildergeschichte „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ anspielen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Bei dem Autor des Gedichtes „I. C. aus Hamburg“ handelt es sich wahrscheinlich um Issak Cohn.<a id="_ftnref2" href="#_ftn2">[2]</a></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Den Artikel habe ich in der Zeitschrift der „Der Israelit“, 52. Jahrgang, Heft 10, vom 9. März 1911 gefunden</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde <strong>im Original belassen</strong> und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><p><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2494541">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2494541</a></p></p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><p><strong>Ein mißlungener Purimstreich</strong></p></p>
</div></div>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><p><strong>Von Bählam.</strong></p></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><p>(Nach einer wahren Begebenheit.)</p></p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Wenn nach Winters trüben Plagen<br>Man sich naht den Frühlingstagen,<br>Jubelt Knab&#8216; wie Mägdelein:<br>Bald wirds wieder Purim sein!<br>Auch im Städtchen Frankenort<br>Hörte man dies frohe Wort,<br>Und zumeist im Hause Ruben:<br><strong>„Pensionat für böse Buben.&#8220;</strong><br><strong>Lehrer Ruben</strong> war bekannt<br>Als ein strenger Mann im Land,<br>Er erzog zu Sitt&#8216; und Tugend<br>Die ihm anvertraute Jugend.<br>Bei dem Werk, das hart und schwer<br>Stützt ihn die <strong>Frau Ruben</strong> sehr.<br>War er streng und nimmermüde,<br>So zerfloß sie ganz vor Güte.<br>Auch im Kochen war sie groß.<br>Kurz: Frau Ruben hat&#8216; was los.</p>
</div></div>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Trotz des Taanith Esther<a id="_ftnref3" href="#_ftn3">[3]</a> steht se<br>Und backt Kuchen, das versteht se.<br>Doch die sieben bösen Buben<br>Aus dem Pensionate Ruben<br>Sind heut schulfrei und zuhaus —<br>Und da wird nichts Gutes draus!<br>Immer Einer hinterm Andern<br>Sieht man sie zur Küche wandern,<br>Wo Frau Ruben grad voll Eifer<br>Ihren Schnee schlägt steif und steifer.<br>Böses brütend im Gemüt<br>Stell&#8216; sie sich in Reih&#8216; und Glied,<br>Und voll arger Neugier plagen<br>Sie die gute Frau mit Fragen,<br>Ob der Kuchen wie alljährlich<br>Sei bestimmt dem Lehrer <strong>Ehrlich</strong>.<br>Als dies hat bejaht Frau Ruben,<br>Freuten sich die losen Buben,<br>Denn es plant ihr Schelmenherz<br>Einen argen Purimscherz.<br>Einer holt vom Bord die Tüte,<br>Voll mit Pfeffer erster Güte:<br>Tiefen Inhalt werfen sie<br>In die Masse sonder Müh&#8216;,<br>Als Frau Ruben sorgsam sehr<br>Nochmals prüft die Ofenröhr&#8216;,<br>Ob sie sei genug erhitzt.<br>Wie es ihrem Kuchen nützt.<br>Des Gewürzes scharfer Duft<br>Füllt die warme Küchenluft,<br>Daß Frau Ruben unbewußt<br>Dreimal „hazzi&#8220; niesen mußt.<br>Leider kann sie nicht versuchen.<br>Weil sie fastet, ihren Kuchen,<br>Doch die Buben tun&#8217;s für sie<br>Und beteuern: „Gut, wie nie,&#8220;<br>Rührn ihn auch noch einmal um,<br>Ach, sie wissen wohl, warum.</p>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Ahnungslos in ihren Stuben<br>Putzt für Purim die Frau Ruben,<br>Sieht auch mal so nebenher<br>Nach dem Kuchen in der Röhr&#8216;.<br>Der geht hoch und bräunt sich schön,<br>Ein Vergnügen ists zu sehn.<br>Doch die Buben, die sind heute<br>Voll von innrer Schadenfreude.<br>Als der Purim kommt heran,<br>Sieht man&#8217;s ihnen deutlich an.<br>Und Frau Ruben meinet weise:<br>Sehr in Sorgen um se sei se,<br>Denn sie lächeln so versteckt.<br>Als ob sie was ausgeheckt.<br>Doch ihr Mißtraun rasch verfleucht sich,<br>Als Herr Ruben sagt, sie täuscht sich,<br>Weils doch einmal Purim heute,<br>Gönn&#8216; er Jedem seine Freude,<br>Allerdings, worum er bitte.<br>In den Grenzen guter Sitte.<br>Drauf, so sieht man diese Knaben<br>Nach Herrn Ehrlichs Hause traben<br>Mit dem Kuchen in den Händen,<br>Den zu Purim Rubens senden<br>Dem Kollegen Meier Ehrlich<br>Als Schelach-Monaus<a id="_ftnref4" href="#_ftn4">[4]</a> wie alljährlich.<br>Und es sagt der gute Lehrer,<br>Sehr zu Dank gerühret wär&#8216; er.<br>So gelang der böse Scherz —<br>Ach ihr loses Bubenherz<br>Fühlt von Reue keine Spur<br>Und sie denken: „Iß du nur!&#8220;</p>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Als am selben Nachmittage<br>Von des Purims Küchenplage<br>Ruhet grad Frau Ruben aus,<br>Tritt Herr Ehrlich in ihr Haus.<br>Fürs Schelach-Monaus danken möcht&#8216; er<br>Und es wär&#8216; das Beste, dächt&#8216; er,<br>Kämen Herr und Madame Ruben<br>Heut zu ihm mit ihren Buben.<br>Als mans diesen anvertraut,<br>Sind sie nicht davon erbaut.<br>Und mit Zittern nur und Zagen<br>Abends den Besuch sie wagen,<br>Und sie tuscheln sich ins Ohr:<br>„Du, mir ist recht mies davor!&#8220;<br>Ihr Gewissen mächtig drückt se,<br>Doch Herr Ehrlich kaum erblickt se,<br>Als er spricht voll Freundlichkeit:<br>„Was Besondres gibt es heut.<br>Jedes Jahr, zum Purimfeste<br>Hab&#8216; allein ich, ohne Gäste<br>Solches Kunstwerk schon verzehrt,<br>Wies Frau Ruben mir verehrt.<br>Heut jedoch tat ich versuchen<br>Nur ein Stückchen von dem Kuchen,<br>Als dann faßt&#8216; ich den Beschluß,<br>Daß ich diesen Hochgenuß<br>Auch verschaffen müßt&#8216; den Buben<br>Aus dem Pensionate Ruben,<br>Weil sie sichtlich so voll Freude<br>Mir den Kuchen brachten heute.&#8220;<br>Tiefe drückt&#8217;s Gewissen heiß.<br>Ach, kein Zweifel, daß er&#8217;s weiß,<br>Ihr Gesicht wird lang und länger,<br>Und ihr Herz schlägt bang und bänger.<br>„Nun, langt zu und laßts Euch schmecken.&#8220;<br>Doch für seine andren Gäste<br>Holt herbei er&#8217;s Allerbeste,<br>Zwischendurch dann nötigt er:<br>„Jungens, esset doch noch mehr!&#8220;<br>Und sie essen voller Grauen,<br>Wagen kaum mehr aufzuschauen.<br>Und mit unterdrücktem Pusten.<br>Denn der Kuchen reizt zum Husten.<br>Drauf recht würdig spricht Herr Ruben:<br>„Ich versteh&#8216; nicht diese Buben,<br>Schwärmen sonst für Kuchen sehr.<br>Und am Purim gehts so schwer!&#8220;<br>Seine Frau voll Freundlichkeit<br>Sagt: „Das ist nur Schüchternheit!&#8220;<br>Als der Kuchen geht zu Ende.<br>Reibt Herr Ehrlich sich die Hände<br>Und dann spricht er voll Gemüt:<br>„Ihr habt Mut, soviel man sieht!&#8220;<br>Als die Kuchenplatte leer.<br>Plagt ein Durstgefühl sie sehr.<br>Ehrlich fragt infolgedessen:<br>„Habt Ihr heut wohl scharf gegessen?&#8220;<br>Was nach ihrem besten Wissen<br>Rubens glatt verneinen müssen.<br>Und er spricht noch salbungsvoll,<br>Er sei gegen Alkohol<br>Bei der ihm vertrauten Jugend.<br>Nur im Wasser läg&#8216; die Tugend.</p>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Magenbrennen ist nicht schön,<br>Sich die Buben still gestehn.<br>Einer immer hinterm Andern<br>Sieht man sie zur Küche wandern.<br>Zu der Leitung edlem Naß!<br>„Siehste wohl, das kommt von das!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als man dann vom Tische geht,<br>Weils Herr Ruben findet spät.<br>Dankt man, wie das heischt die Pflicht,<br>Die Gefühle sind gemischt.<br>Herzlich dankt Familie Ruben,<br>Schändlich findens ihre Buben,<br>Daß man schließlich trotz Verdruß<br>Auch noch höflich danken muß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lehrer Ehrlich gibts Geleite,<br>Draußen nimmt er sie beiseite —<br>Während heimwärts lenkt die Wege<br>Mit der Gattin der College —<br>Spricht er: „Seht ihrs nun, ihr Buben,<br>Grabt ihr Andern solche Gruben,<br>Fallt wie Haman<a id="_ftnref5" href="#_ftn5">[5]</a> ihr hinein;<br>Laßt euch dies &#8217;ne Lehre sein!<br>Zwar nicht an den Galgen müßt &#8218;r.<br>Wie Achaschweroschs Minister,<br>Doch es gibt zu unserem Glücke<br>Auch für solche Galgenstricke<br>Einen Pranger, weit zu sehn,<br>Dran sollt Ihr zur Strafe stehn:<br>Fort mit Euch, zu Nutz&#8216; und Schrecke<br>In die Purim-Kinder-Ecke!</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">I. C, Hambg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wilhelm Busch Antisemitismusvorwurf </strong> (aus Wikipedia)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sogenannte Gründerkrach von 1873 führte zu einer wachsenden Kritik an der Hochfinanz, verbunden mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung in den Meinungen und Einstellungen der Deutschen wurde. Antisemitische Agitatoren wie Theodor Fritsch unterschieden zwischen „raffendem“ Finanzkapital und „schaffendem“ Produktionskapital, zwischen den „guten“, „bodenständigen“ „deutschen“ Fabrikanten und den „raffenden“, „gierigen“, „blutsaugenden“ „jüdischen“ Finanzkapitalisten, die als „Plutokraten“ und „Wucherer“ bezeichnet wurden. Antisemitismusvorwurf</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sogenannte Gründerkrach von 1873 führte zu einer wachsenden Kritik an der Hochfinanz, verbunden mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung in den Meinungen und Einstellungen der Deutschen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Wilhelm Busch wird vorgeworfen, diese antisemitischen Klischees bedient zu haben. Als Beleg werden dafür meist zwei Stellen herangezogen. In der frommen Helene heißt es:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einleitung zum 5. Kapitel von Plisch und Plum</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Jud mit krummer Ferse,<br>Krummer Nas’ und krummer Hos’<br>Schlängelt sich zur hohen Börse<br>Tiefverderbt und seelenlos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter und Busch-Verehrer Robert Gernhardt weist darauf hin, dass diese Stelle, im Kontext gelesen, nicht Buschs eigene Sichtweise wiedergibt, sondern diejenige der Dörfler karikiert, unter denen Helene lebt. Denn im Weiteren malt der liberale, antiklerikale und dem Alkohol nicht abgeneigte Busch weitere angebliche Gefahren des Stadtlebens in ironisch schwarzen Farben aus:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schweigen will ich von Lokalen,<br>Wo der Böse nächtlich praßt,<br>Wo im Kreis der Liberalen<br>Man den Heilgen Vater haßt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso ironisch karikiert Busch das ländliche Gegenbild als falsches Idyll:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Komm’ auf’s Land, wo sanfte Schafe<br>Und die frommen Lämmer sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite, noch deutlichere Karikierung „des Juden“ findet sich in der Erzählung Plisch und Plum:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz die Hose, lang der Rock<br>Krumm die Nase und der Stock<br>Augen schwarz und Seele grau,<br>Hut nach hinten, Miene schlau –<br>So ist Schmulchen Schiefelbeiner<br>(Schöner ist doch unsereiner!)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Ansicht des Busch-Biografen Joseph Kraus könnten diese Verse auch in einem antisemitischen Hetzblatt stehen. Die Biographin Eva Weissweiler sieht in ihnen eines der einprägsamsten und hässlichsten Porträts eines Ostjuden, das die deutsche Satirelandschaft zu bieten habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch hier zeigt der Kontext, insbesondere der ironische letzte Vers der zitierten Passage – „Schöner ist doch unsereiner!“ –, dass Busch die Nichtjuden keineswegs als die edlere Sorte Mensch betrachtete. Robert Gernhardt weist darauf hin, wie überaus selten Karikaturen von Juden in Buschs Werk zu finden sind. Insgesamt gibt es außer den genannten nur noch eine weitere Zeichnung in den Fliegenden Blättern von 1860, die überdies den Text eines anderen Autors illustrierte. Nach Gernhardts Ansicht sind die jüdischen Figuren Wilhelm Buschs nichts anderes als Stereotype wie der beschränkte bayerische Bauer oder der preußische Tourist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Ansicht teilt auch Joseph Kraus: Wilhelm Busch habe sich gegen gerissene Geschäftemacher überhaupt gewendet und dafür in einigen Bildergeschichten Karikaturen von Juden, aber nicht nur von ihnen, genutzt. Das zeigt sich an einem Zweizeiler aus der Bildergeschichte</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Haarbeutel. Danach sind gewinnsüchtige Mitmenschen</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vornehmlich Juden, Weiber, Christen,<br>Die dich ganz schrecklich überlisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erik de Smedt spricht von einer „gewissen ambivalenten Haltung Buschs den Juden gegenüber“. In Eduards Traum beispielsweise legt er dem Titelhelden den Satz in den Mund: „Das Geschäft steht in Blüte, der Israelit gleichfalls. Schlau ist er wie nur was, und wo’s was zu verdienen gibt, da läßt er nichts aus …“ Dagegen ist in der vorangehenden Textpassage über das Haus und die Mieter eines „antisemitischen Bauunternehmers“ von Lastern aller Art die Rede, z. B. von Mordversuch, Neid, Hass, Betrug und Ehestreit. Vorurteile Buschs zeigen sich wiederum dort, wo Eduard den Tierkreiszeichen begegnet:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht weit davon in seiner Butike saß der schlaue krummnasige ‚Wassermann‘ – Juden gibt’s doch allerwärts! – und regulierte die ‚Waage‘ zu seinen Gunsten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Joseph Kraus meint, Busch habe – wie die meisten seiner Zeitgenossen – Juden als Fremdkörper empfunden und einige ihrer antisemitischen Denkmuster geteilt. Dies habe aber enge Freundschaften mit Juden, etwa mit dem Dirigenten Hermann Levi, nicht ausgeschlossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Biografische Details zu Isaak Cohn </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus historischen Quellen (u. a. Stolpersteine-Datenbank Hamburg, Holocaust-Opfer-Listen und genealogischen Aufzeichnungen) lässt sich ein prominenter Träger dieses Namens identifizieren:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Geboren</strong>: 19. März 1862 in Altona (damals Preußen/Dänemark, später Hamburg).</li>



<li><strong>Beruf/Hintergrund</strong>: Mitglied der jüdischen Gemeinde Hamburg-Altona; er war Teil der deutsch-jüdischen Orthodoxie, die in Hamburg eine starke Präsenz hatte (u. a. Israelitische Gemeinde, später getrennte orthodoxe Strömungen).</li>



<li><strong>Schicksal</strong>: Als Opfer des Nationalsozialismus deportiert – er wurde am 16. Juli 1942 von Hamburg nach Theresienstadt transportiert und starb dort am 7. Dezember 1942 im Alter von 80 Jahren.</li>
</ul>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn1" href="#_ftnref1">[1]</a> Siehe Anhang zu diesen Artikel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn2" href="#_ftnref2">[2]</a> Was ich mit „Grok“ über ihn ermitteln konnte, finde Sie ebenfalls im Anhang</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn3" href="#_ftnref3">[3]</a> Ein Fastentag vor dem Purimfest</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn4" href="#_ftnref4">[4]</a> <strong>שלח מנות</strong> Schelach Manot; hier die jiddische Aussprache; zu Purin werden kleine Lebensmittelpakete an Freunde und Verwandte mit Boten verschickt</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn5" href="#_ftnref5">[5]</a> Minister unter dem w.u. genannten König Achaschwerosch, Figuren aus der Megilat Ester</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
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<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-purim-5786/">Kinderecke Purim 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Purim und Pessach</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/zwischen-purim-und-pessach/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Feb 2026 08:46:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5429</guid>

					<description><![CDATA[<p>Den nachfolgenden Artikel von P.K.[1] habe ich der Zeitschrift „Nachalat Zwi“, 4. Jahrgang, Heft 5-6, Februar 1934 gefunden. An beiden Feiertagen kommt der Erlösungsgedanke zum Ausdruck den der Autor hier vergleichend bearbeitet. Der Autor stellt aber auch den Bezug auf die Gegenwart (NS-Zeit 1934!) her. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Den nachfolgenden Artikel von P.K.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> habe ich der Zeitschrift „Nachalat Zwi“, 4. Jahrgang, Heft 5-6, Februar 1934 gefunden. An beiden Feiertagen kommt der Erlösungsgedanke zum Ausdruck den der Autor hier vergleichend bearbeitet. Der Autor stellt aber auch den Bezug auf die Gegenwart (NS-Zeit 1934!) her.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2552937">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2552937</a></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Für den schnellen Leser habe ich über KI eine Zusammenfassung und Analyse des Textes anfertigen lassen, die den Artikel auch in dem zeitlichen Rahmen (NS-Zeit, 1934!) betrachtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Beitrag ist ein klassischer, polemischer Essay der neo-orthodoxen (Austritts-)Orthodoxie der Hirsch-Breuer-Tradition in der frühen NS-Zeit: theologisch-historisch, kritisch gegenüber Liberalismus, Zionismus und Assimilation, mit einem starken Appell an die „Thoratreue“ (strenge Tora-Treue).</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Gesamtthema und zentrale These</em></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Autor kontrastiert zwei Modelle jüdischer <strong>Erlösung</strong> (Geula):</em></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong><em>Purim (Susa/Persien)</em></strong><em>: Schnelle, einheitliche, gläubige Unterwerfung unter Gottes Willen → Sofortige Rettung durch kollektive Hingabe („</em><strong><em>קיימו וקבלו</em></strong><em>“ – sie nahmen es an und akzeptierten es freiwillig, Ester 9:27). Das ganze Volk (inkl. „hoffähige Neologen“) akzeptiert die Führung durch „Thorajuden“ (Mordechai/Esther) ohne Vorbehalte.</em></li>



<li><strong><em>Peßach (Ägypten)</em></strong><em>: Langsame, qualvolle, von Spannungen und Rückschlägen geprägte Erlösung → Viele Juden lehnen anfangs die göttliche (nicht pharaonische) Führung ab, wollen Emanzipation „von Pharaos Gnaden“, bleiben zurück, werden „hoffähig“ und kollaborieren sogar mit dem Feind.</em></li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der <strong>Unterschied</strong> liegt in der <strong>inneren Haltung</strong> des Volkes:</em></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><em>In Susa: Volle, demütige Akzeptanz Gottes und seiner Führer (auch wenn „altfränkisch/unmodern“) → Einheit und schnelle Erlösung.</em></li>



<li><em>In Ägypten: Widerstand gegen reine Gottesherrschaft, Vorliebe für säkulare/äußere Lösungen, Groll gegen Moses → Verlängertes Leiden als <strong>Erziehungswerk</strong>.</em></li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Diese Dualität dient als Spiegel für die <strong>Gegenwart (1934)</strong>: Die jüdische Gemeinde in Deutschland (und Palästina) wiederholt das <strong>ägyptische Modell</strong> – Sehnsucht nach Assimilation, Ablehnung der „Altgläubigkeit“ (Orthodoxie), Zerstörung orthodoxer Erziehungswerke durch Liberale und Zionisten.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Struktur und Hauptteile</em></strong></p>



<ol start="1" class="wp-block-list">
<li><strong><em>Einleitung und Fragestellung</em></strong><em> Nicht die kalendarische Zwischenzeit, sondern der <strong>qualitative Unterschied</strong> der Erlösungsprozesse (schnell vs. langwierig).</em></li>



<li><strong><em>Die ägyptische Szene</em></strong><em> Midrasch-ähnliche Erzählung: Einige Juden bleiben zurück, wollen Emanzipation ohne Gott/Moses, kollaborieren mit Pharao. Später: Rückschläge (z. B. bei Mara), ständige Klagen, wirtschaftliche statt religiöse Erwartungen an Führer.</em></li>



<li><strong><em>Die susanische Szene</em></strong><em> Einheit durch Glauben: Alle unterwerfen sich, auch die assimilierten. Ergebnis: Erfüllung des „Einheitstraums“.</em></li>



<li><strong><em>Aktuelle Parallelen (1930er Jahre)</em></strong>
<ul class="wp-block-list">
<li><em>Keine echte „Renaissance des Religiösen“ in Deutschland, da keine Anerkennung des Thora-Primats.</em></li>



<li><em>Liberale/Zionisten zerstören orthodoxe Institutionen.</em></li>



<li><em>In Palästina: „Zerrbild einer Erlösung“ ohne messianische Weihe, Sabbathentweihung, säkulare Mittel (wie bei den „Ephraimsöhnen Seved und Schuselach“ – Midrasch-Referenz auf verfrühte, gewaltsame Rückkehr).</em></li>



<li><em>Appell: Wenn Gott das „Ghetto“ wieder auferlegt, sollen die Orthodoxen wenigstens „susanische Grundtöne“ (Einheit unter Thora) mitbringen.</em></li>
</ul>
</li>



<li><strong><em>Pflicht des Vergessens und Erinnerns</em></strong>
<ul class="wp-block-list">
<li><em>Purim: Vergessen der Feinde/Ägypten als Dank (Freude trotz Leid).</em></li>



<li><em>Beide Feste: Erinnerungspflicht („Zachor“-Gebot).</em></li>



<li><em>Susa als <strong>Wiederholung der Sinaioffenbarung</strong> (Kabbalat ha-Tora, Demut vor Gott).</em></li>
</ul>
</li>



<li><strong><em>Schluss: Appell an die Thoratreue</em></strong><em> Die endgültige Erlösung wird langsam kommen (wie Peßach), orientiert an biblischen Vorbildern. Frage: Ist die Orthodoxie bereit, Verantwortung zu übernehmen? Rückkehr zum Anfang: Verständnis für „zagende Seelen“, die Esther (Leid ohne sichtbare Erlösung) und Mordechai (zarte, heilige Düfte/Feuer) in der Thora symbolisieren. Die Thoratreue <strong>muß</strong> und <strong>wird</strong> diese sensiblen Regungen verstehen.</em></li>
</ol>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Stil, Ton und Kontext 1934</em></strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong><em>Ton</em></strong><em>: Mahnend, kritisch, fast verzweifelt-polemisch gegenüber Liberalen, Zionisten und assimilatorischen Tendenzen. Stark anti-zionistisch (Palästina als „Zerrbild“ ohne Thora-Führung), anti-liberal („Neologen“, „Altgläubigkeit“-Feinde).</em></li>



<li><strong><em>Stil</em></strong><em>: Dicht, mit Midraschim (z. B. zu Zurückbleibenden in Ägypten, Ephraimsöhne, Sinaioffenbarung in Susa aus Shabbat 88a), Bibelzitaten, hebräischen Begriffen. Typisch für Nachalat Zwi: intellektuell, erbaulich, aber mit scharfer Gemeindekritik.</em></li>



<li><strong><em>Historischer Hintergrund</em></strong><em>: 1934 – ein Jahr nach NS-Machtübernahme. Viele Juden hofften auf „Emanzipation“ oder Auswanderung, Orthodoxe (bes. Frankfurter Hirsch-Kreis) sahen darin Gefahr der Assimilation. Der Text ist ein Aufruf zur inneren Einheit unter Thora, statt säkularer Lösungen.</em></li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Kurz gesagt: Der Aufsatz ist keine reine Festbetrachtung, sondern eine <strong>theologische Gesellschaftskritik</strong> – Purim als Ideal der demütigen Einheit, Peßach als Warnung vor halber Hingabe. Die „zagenden Seelen“ am Ende sind die Leser, die vielleicht zweifeln oder leiden, aber von der Orthodoxie verstanden und geführt werden sollen.</em></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir meinen nicht etwa die Zeitspanne der vier Wochen, die zwischen diesen beiden Zeiten abläuft, wir haben eine andere Frage im Auge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum in Susa diese plötzliche Lösung der bangen Frage, warum in Ägypten diese langausholende, für die Beteiligten fast unerträgliche Spannung bis zur Stunde des Auszuges? Nicht als ob wir so vermessen wären, des Allmächtigen Wege restlos erforschen zu wollen. Nur anhand der Gedankengänge alt- jüdischen Schrifttums möge der Unterschied klargelegt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da gibt es eine Mitteilung, die zu denken gibt. Es wird erzählt, zwei Juden machten den Auszug anfänglich gar nicht mit. Sie blieben zurück. Ja, eine Emanzipation von Pharaos Gnaden hätten sie gerne, leidenschaftlich gerne mitgemacht, als Pharaos Mandatare an die Spitze des Volkes zu kommen, das hätte ihren glühenden Wünschen entsprochen; aber eine Erlösung, die im Namen des Allmächtigen gefordert und erzwungen ward, das behagte ihnen nicht, doppelt nicht, als sie sahen, dass nun gar einer dieser altfränkischen, unmodernen Menschen das Volk führte. Sie blieben also zunächst zurück, und was taten sie? Sie wurden hoffähig, und sie zuckten nicht mit den Wimpern, als Pharao ihnen die Mitteilung machte, man habe beschlossen, mit Israel aufs Neue abzurechnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Susa war es anders. Als da schlicht dem Volke gesagt wurde, Bettung könne nur vom Lenker aller Geschicke kommen, da glaubten sie daran, alle, Mann, Weib und Kind, und unterstellten ihr ganzes Leben diesem Gedanken. Sie suchten nicht nach anderen Wegen und unterwarfen sich alle, selbst die hoffähigen Neologen, die gestern noch stolz darauf gewesen waren, von Ahasver zur Tafel gezogen zu werden, obwohl die Führung in die Hände eines Thorajuden geglitten war. So ward der Einheitstraum der Juden Persiens erfüllt. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Purim und Peßach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir im weiteren Verlauf der Geschichte so oft der Tatsache einer Sehnsucht nach Ägypten begegnen, so wirft auch dies ein Licht auf die innere Verfassung während des Aufenthaltes in Ägypten. Viele gab es, denen die Gottesferne behagte und welche dieselbe gern in Kauf nahmen. Namentlich als dem ersten Auftreten Moses’ nicht die unmittelbare Erlösung folgte. Die Erlösung war ein Erziehungswerk, dessen volles Resultat sich zunächst nur 10 Tage lang wirksam zeigte. Denn schon bei Mara begann des Volkes Einstellung gegen den Führer Moses. Schon damals meinte man, der religiöse Führer müßte auch die wirtschaftlichen Probleme lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es liegt sehr nahe, eine Parallele zu unseren Tagen zu ziehen. Man spricht so viel von einer Renaissance des religiösen Elementes innerhalb der deutschen Judenheit. Leider trifft das nicht zu. Denn die natürliche Folge eines solchen Zustandes wäre die restlose Anerkennung des Primates der Thora in allen jüdischen Belangen. Wie würde wohl ein Diktat Esthers und Mordechais von unseren Zeitgenossen aufgenommen werden? Wissen wir denn nicht, daß gerade das Gegenteil der Fall ist? Wissen wir denn nicht, daß Feinde und Gegner der <strong>״</strong>Altgläubigkeit<strong>״</strong> hurtig und emsig am Werke sind? Was die Orthodoxie mit unsäglichen Opfern an Erziehungswerken aufgebaut hat, man sucht es ihr zu zerstören oder zu entwinden. Ganz einerlei, welcher Erfolg ihm beschieden ist, es müsste die Tatsache dieses Versuches allein genügen, um wenigstens der Orthodoxie die Augen zu öffnen, die sich nur all- zu gerne von der Einheitssymphonie der Liberalen und Zionisten betören ließ. Wenn es im Erziehungsplane des Allmächtigen steht, den jüdischen Menschen die Rückkehr in das Ghetto aufzuerlegen, dann sollte der spätere Historiker wenigstens darlegen können, was diese &nbsp;„revenants<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a>“ nun eigentlich in das Ghetto mitgebracht haben. In jeder Golah gibt es Geula-Auftakte. Und es wäre ein Erlösungsmoment sondergleichen, wenn susanische Grundtöne dabei mitschwingen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorgänge in Palästina sind allzu sehr von ägyptischen Erinnerungen beherrscht. Es gab schlechterdings noch keine Periode in der jüdischen Geschichte, in der die mit Palästina unlöslich verbundene messianische Gedankenweihe so außer Acht gelassen wurde. Das ist es ja, was die Thoratreuen so sehr schmerzt, dieses Zerrbild einer <strong>״</strong> Erlösung“. Da erinnert man sich unwillkürlich der Ephraimsöhne Seved und Schuselach, die da glaubten, mit den säkularen Mitteln ihrer Zeit Palästina erobern zu können<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a>. Wenn je, so hätte in diesem Aufschwung die Führung der Thoratreue anvertraut werden müssen. Wenn also die Altgläubigen, der alte Jischuw und seine Gesinnungsgenossen, die Sabbathentweihung und ähnliche Irrungen auf heiligem Boden so sehr bedauern, so ist es nicht sowohl der Schmerz über die Thorauntreue einzelner, sondern vielmehr die entsetzenerregende Gewissheit, dass wieder einmal eine Frage des Allmächtigen an sein Volk nicht verstanden wurde. —-</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Bilder, beide Erlösungsformen zeigt uns die Vergangenheit, Susa und Ägypten; beiden gemeinsam ist eine Pflicht — das Vergessen, künstlich herbeigeführt am Purim, also, dass ein erheitertes Gemüt sogar der Menschen, die damals eine Rolle spielten, in ihrem Einfluss auf den Gang der Ereignisse vergessen soll, als Dankbarkeitspflicht, sogar gegen Ägypten in dem Kreis der Mizwoth, welche sich an den Aufenthalt in Ägypten anschließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen scharfen Kontrast hierzu bildet bei beiden die Pflicht der Erinnerung. Es ist seltsam dieser große Zug in Ägypten, und in Susa diese Bindung aller Geschlechter für alle Ewigkeit. Der liest sich so schlicht, das: <strong>קַיְּמוּ וְקַבְּלוּ</strong> (Ester IX, 27) „Zustimmend nehmen es die Juden auf sich und ihre Nachkommen“. 2500 Jahre hat es sich bewährt bisher. Es war, als ob Moses wieder auferstanden wäre, der Moses, der zum Volke sprach: (Ex. XII, 24) Wahret diese Norm für Euch und Eure Kinder in Ewigkeit. Fast 3500 Jahre hat es sich bisher bewährt. In unzähligen Variationen hat sich bisher das ägyptische Epos und das susanische Drama wiederholt, ob es Teile des jüdischen Volkes, wie in Susa, ob das ganze, wie in Ägypten, traf. Die Stetigkeit der Erinnerung gab allen stets Mut und sieghafte Kraft. Indessen hat diese Bewährung noch eine sehr ernste Seite. Allezeit, wenn im Laufe der geschichtlichen Entwicklung Umwälzungen und Umstellungen erfolgen, ist für das jüdische Volk die Gefahr groß in Bezug auf seine innere Einstellung zu seiner Geschichte. Was aber geschah in Susa? Wie alte Kunde (Sabbat 88a) meldet, war es eine Wiederholung der Unterstellung alles Wollens unter das Diktat der Sinaistunde, eine Wiederholung des ergreifenden Augenblicks, in dem einst in Ägypten ein ganzes Volk in demütiger Haltung im Morgenrot seiner Freiheit sich an den Willen des Schöpfers band. Man sagt im Allgemeinen, man wisse so wenig von der inneren Haltung der Juden während der langwährenden ägyptischen Periode. Wenn wir aber bedenken, dass damals, als das erste Echo der Verheißung an sein Ohr drang, das Volk „sich neigte und bückte“, und dass derselbe Akt sich wiederholte, als es, noch im Banne Pharaos, jene Bindung auf sich nahm, die aus dem Peßach Ägyptens ein Peßach aller Geschlechter machte, dann liegt die Seele unserer Ahnen klar vor uns, und es wundert uns gar nicht mehr, wenn die Erlösung in Susa mit dem Fasten Esthers begann und in einem Neuerlebnis der Sinaistunde ausklang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was aber, so fragt man, soll all dieses rückblickende Betrachten? Ist es an der Zeit, sich ihm müßig hinzugeben, und heischt der Augenblick nicht erlösende Tat? Vielleicht aber werden wir leichter verstanden, wenn wir daran erinnern, dass nach der Auffassung unserer Weisen s. A. die endgültige Erlösung, welche in gleicher Weise Israel und die ganze Menschheit umfassen wird, sich in langsamer, allmählicher Weise entwickeln wird, dass also die großen Momente der Geschichte sich an dem Vorbild der Peßacherinneruugen orientieren werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vieles ist versucht worden, warum sollte eigentlich die Judenheit nicht einmal wieder auch den Weg zu gehen sich bereit erklären, welcher die gemeinsame Note von Susa und Ägypten darstellt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist aber die Thoratreue auch bereit, die Verantwortung zu übernehmen? Von Purim bis Peßach, von Peßach bis Purim branden die Erinnerungen an unserem Gemüt. Wissen wir denn, wie viele zagende Seelen auf uns warten? Sie sind zu keusch, als dass sie ihrer Sehnsucht Ausdruck verleihen könnten. Wir wollen sie verstehen, vielleicht an der Hand einer alten Deutung, welche besagt, dass Esther in der Thora selbst dort zu finden sei, wo dem äußeren Anschein nach schweres Leid vergebens nach Erlösung schreit, Mordechai hingegen dort, wo von den feinsten, zartesten Duftwellen die Rede ist, die getragen vom heiligen Feuer sich ausbreiten.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">Wir wiederholen, die Thoratreue muss, die Thoratreue wird die zartesten Regungen jüdischer Seelen verstehen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <strong>P.K</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grok: <strong>Pinchas Katz</strong> (manchmal auch Pinkus Katz oder P. Katz geschrieben) war ein orthodoxer Rabbiner und Gelehrter aus dem Umfeld der streng neo-orthodoxen Frankfurter Gemeinde (Israelitische Religionsgesellschaft / Austrittsorthodoxie) in den 1930er Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er gehörte zum engeren Kreis der <strong>Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft</strong> (der Trägerin der Zeitschrift <em>Nachalat Zwi</em>) und publizierte in den 1930er Jahren mehrmals unter den Initialen <strong>P. K.</strong> in dieser Zeitschrift – darunter eben der hier genannte Aufsatz „Zwischen Purim und Peßach“ (Jahrgang 4, Heft 5/6, Februar 1934).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider ist über ihn biographisch sehr wenig öffentlich dokumentiert. Es gibt keine ausführliche Biografie, keinen Eintrag in der Encyclopaedia Judaica und keine größere Erwähnung in der Standardliteratur zur deutschen Orthodoxie der NS-Zeit. Das ist typisch für viele mittlere Gelehrte und Gemeinderabbiner dieser kleinen, aber intellektuell hochstehenden Frankfurter Breuer-/Hirsch-Gruppe: Die prominenten Namen (Joseph Breuer, Isaac Breuer, Raphael Breuer, Moses Marcus, Esriel Hildesheimer usw.) sind bekannt, die „zweite Reihe“ (zu der P. K. / Pinchas Katz gehörte) taucht fast nur in den Zeitschriften selbst oder in internen Gemeindeunterlagen auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bekannte Fakten/Geburten-Daten:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Aktiv in den 1930er Jahren in Frankfurt am Main.</li>



<li>Stand in der Tradition von Samson Raphael Hirsch und Salomon Breuer.</li>



<li>Verfasste vor allem kürzere erbauliche, homiletische und halachische Beiträge (typisch für die Rubrik, in der auch dieser Artikel erschien).</li>



<li>1934/35 noch korrespondierend aktiv (es gibt einen Brief von Rabbi Pinchas Katz vom November 1934 im Kontext jüdischer Gesellschaften/Aktivitäten).</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Weiteres Schicksal unbekannt – wie bei vielen Frankfurter Orthodoxen wahrscheinlich Emigration (USA oder Israel) oder Ermordung in der Shoah, aber ohne konkrete Spur in den gängigen Datenbanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In israelisch-orthodoxen Kreisen (Moreshet Ashkenaz, Breuer-Gemeinde Jerusalem/New York) wird er gelegentlich als <strong>Rabbiner Pinchas Katz (Frankfurt)</strong> erwähnt, wenn alte <em>Nachalat Zwi</em>-Hefte nachgedruckt oder zitiert werden, aber auch dort meist nur mit den Initialen oder dem Namen ohne weitere Lebensdaten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fazit: Es handelt sich um einen soliden, aber nicht prominenten Torawissenschaftler der letzten Phase der Frankfurter Austrittsgemeinde, der vor allem durch seine Beiträge in <em>Nachalat Zwi</em> bekannt ist. Eine detailliertere Biografie ist (zumindest online und in den üblichen Quellen) nicht verfügbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der frühen NS-Zeit dienten solche Artikel oft als geistliche Stärkung: Die jüdische Gemeinde stand unter zunehmendem Druck, und Texte über Erlösung, Umkehrung des Schicksals (wie bei Purim) und innere Freiheit (Peßach) hatten eine doppelte Botschaft – historisch und aktuell.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Siehe zum Autor P.K. den Anhang zu diesem Artikel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Geister</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Grok KI: Der Satz ist also eine typische anti-zionistische Bibel-Polemik, die sagen will:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Genauso wie diese unbedeutenden Ephraimsöhne damals dachten, sie könnten mit Gewalt und ohne Gottes Stunde das Land nehmen – und dabei umkamen –, genauso dachten die säkularen Zionisten Ende 19./Anfang 20. Jh., sie könnten Palästina durch Kongresse, Siedlungen, Balfour-Deklaration und später durch Staatsgründung erzwingen – und das wird (nach dieser Sicht) auch nicht gut gehen / ist Sünde / bringt Unglück.“</p>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Schwat</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-schwat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jan 2026 19:09:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In zwei Folgen ist diese nette Geschichte für Kinder über Tu Bi Schewat in der Zeitschrift „Der Israelit“ erschienen. Der erste Teil am 29.01.1920 und der zweite am 05.02.1920. Über den Autor Max Speier finden sie im Anschluss an dieses Märchen, was ich im Zusammenhang mit der Verlegung der „Stolpersteine“ über ihn gefunden habe. Der [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">In zwei Folgen ist diese nette Geschichte für Kinder über Tu Bi Schewat in der Zeitschrift „Der Israelit“ erschienen. Der erste Teil am 29.01.1920 und der zweite am 05.02.1920.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Über den Autor Max Speier finden sie im Anschluss an dieses Märchen, was ich im Zusammenhang mit der Verlegung der „Stolpersteine“ über ihn gefunden habe.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2525094">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2525094</a></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2525108">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2525108</a></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das Neujahrsfest der Bäume.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Ein Märchen von Max Speier.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber natürlich,&#8220; sagte das pausbäckige Äpfelchen und blähte sich breit, „ich bin dabei!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und an mir soll&#8217;s auch nicht fehlen,&#8220; zirpte die Grünnase von Birne mit dem länglichen Kinn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich halt mit,&#8220; kollerte die braunnackige Nuss und schiebelte sich ein Stückchen vorwärts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und ich durchdufte dann das Ganze,&#8220; meinte gelassen die stolze Goldorange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also heut&#8216; Nacht pünktlich um 12 Uhr draußen im Garten,&#8220; rief errötend die Zwetschke und ließ sich im Vorgeschmack des erwarteten Vergnügens den Saft von den Wangen her­unterlaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber wer schließt uns die Türen auf?&#8220; krachte die Mandel auf einmal dazwischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist eine Frage, die wohl bedacht werden muss,&#8220; brummte der behäbige Kürbis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schon gelöst,&#8220; lachte die glutvolle Ananas, die zwar eingemacht, aber doch reichlich süß und frisch gebettet war, „der Nussknacker!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der lag faul und steckensteif zwischen den Obstkörben und Konservengläsern, unter denen das heimliche Gespräch stattfand, rührte kein Glied und machte als hörte er nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hedda,&#8220; zupfte ihn die bärtige Kastanie, „mach&#8216; er doch die Ohren auf, er bequemer, unwirscher Geselle.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin so müde&#8220;, knarrte der blanke Bursche, zu dem die blaue Traube mit verliebtem Wohl­gefallen hinsah, „lass mich in Ruh!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wird nichts draus&#8220;, richtete sich die Banane in ihrer ganzen schlanken Größe auf, „wir wollen heut&#8216; Nacht unsere Väter und Mütter und son­stigen Anverwandten im Freien besuchen und uns mit ihnen über das vergangene Jahr und unsere zukünftigen Hoffnungen unterhalten, da musst du uns beistehen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinethalben&#8220;, bollerte er heraus, „was ist denn eigentlich los?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Chamischo Osor b&#8217;schwat<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>&#8222;, antwortete kurz das Johannisbrot und rollte ihm einige Kerne an die Rippen, „unser Neujahrsfest&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du brichst die Türen auf, damit wir heraus­können&#8220;, sagte hellstimmig die blanke Kirsche, „und geht&#8217;s nicht gutwillig, so krachst du Schloss und Schlüssel entzwei&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gute Nacht, weckt mich dann, wenn&#8217;s Zeit ist&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Nussknacker streckte sich, und die geschwätzige Gesellschaft ward auch stumm, weil eben das Töchterlein des Hauses mit der Lampe ins Zimmer trat.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>* * *</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der riesige Schneemann starrte mit seinen schwarzen Augen neugierig in den dunklen Hof hinaus. „Was geht denn da vor? Was drängt sich denn da, was schiebt sich denn da, was wackelt denn da und fackelt denn da? Sonst kann man doch wenigstens in Frieden ruhen, wenn man den ganzen Tag das Gelärm von den wilden Buben um sich herum gehört hat, und heut plötzlich zu nachtschlafender Zeit, wenn alle bewaffneten und unbewaffneten Bürger sich be­schaulicher Stille hingeben, sowas von Getöse! Bin doch gespannt, was da kommt!&#8220; Er wollte gerade mit dem Stock drohen, als ein leises, süßes Stimmchen ertönte: „Ach bitte, bitte, lieber Herr Schneemann, tue uns doch den Gefallen und kehre uns mit deinem großen Besen einmal den Weg vom Schnee frei, damit wir zu unserer lieben Familie können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Potztausend, wer bist du denn&#8220;, murmelte der Weißbart und wollte sich niederbeugen. „Ei, Fräulein Rosinchen! Guck mal an, so spät und so wach! Bist wohl aus dem leckeren Geburtstags­kuchen herausgekrochen, den die Mutter fürs Nesthäkchen gebacken hat? Der kleine Kerl hat es mir freudestrahlend erzählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber wo wollt ihr denn hin, Ihr Nacht­schwärmer?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„O bitte, bitte, nicht böse sein, guter Herr Schneemann&#8220;, bettelte das niedliche Rosinchen, „die Apfelsine setzt dir auch ganz gewiss eine schöne rote Kappe auf, wenn du uns durchlässt!&#8220; „Recht also, weil du&#8217;s bist, liebes Kind.&#8220; Der Schneemann fegte mit dem alten Besen eine Gasse rein. „Vorwärts marsch!&#8220; kommandierte der Kürbis als Korporal der kleinen Schar, die sich gemächlich und in gleichmäßigem Takt zu den Bäumen des großen Gartens hintrollte. Die hatten&#8217;s schon gespürt, dass ihnen was Besonderes bevorstand. „Ich weiß nicht&#8220;, hatte schon am Tag der Apfelbaum zu seiner Nachbarin, der grünen Edeltanne, gesagt, „mir ist’s eben so seltsam zu Mut, ich glaub&#8216;, ich hab&#8216; Wachs­schmerzen.&#8220; „Ja&#8220;, hatte drauf der Zwetschgenbaum zustimmend genickt, „mir ist&#8217;s auch heut auf einmal bei dem starken Schneegestöber so warm und eigen geworden, dass ich meine, der Frühling kommt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du, Eiche&#8220;, rief die wissbegierige Pappel in den benachbarten Wald hinüber, „schau doch mal bei deinen Ringen im Jahreskalender nach, was denn für ein Tag ist.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der vierzehnte Schewat&#8220;, brummte die Eiche gravitätisch und vernehmlich. „Also der Chamischo Osor vor der Tür!&#8220; jauchzte das Aprikosen­bäumchen, „Kinder, das ist fein!&#8220; „Naseweis&#8220;, gaben die Nussbüsche zurück, „weißt viel, was ein Neujahrsfest ist!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Heut hat sich die Katze vor mich in den Schnee gesetzt und ihren borstigen Bart geputzt&#8220;, erzählte der Birnbaum, „das bedeutet Besuch.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da dröhnte auch schon ganz in der Nähe der verschlafenen Ranke vom Weinlaub die Stimme des Kürbisses: „Stillgestanden! Mamsell Birne, melde sie uns!&#8220; „Alle zur Stelle!&#8220; erstattete die Birne gehorsam und militärisch Rapport. Der Jubel kannte keine Grenzen. Die Bäume streckten ihre Zweige ihren Kindern und Freunden zu herzlichem Willkommen entgegen, manche hoben ihre treuen Früchtlein empor und ließen sie auf den Ästen schaukeln, der Wind sang ihnen ein fröhliches Lied dazu, und die Fichte vergoss sogar vor lauter Rührung ein paar dicke Harztränen. Jetzt gab´s ein Fragen und Liebkosen und Berichten ohne Ende, man hatte sich seit Monaten nicht gesehen und war um das Schicksal jedes Einzelnen natürlich aufs ängstlichste besorgt. Der Schnee­mann spitzte von der Ferne seine Ohren aus Apfelschalen und machte ein immer freundlicheres Gesicht trotz der unerlaubten Störung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber in das Geplauder hinein, das wohl ein halbes Stündchen gewährt haben mochte, rauschte unvermutet der Apfelbaum mit feierlichem Klang und sprach in gehaltenem Ernst: „Liebe Genossen, Nachbarn und Freunde! Liebe Kinder, Brüder und Schwestern! Vergesst über der Freude des Wiedersehens nicht, dass heute unser Rausch-haschonoh<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> ist, der Tag, an dem wir uns erinnern sollen, was wir im vergangenen Jahr an Gutem und Schönem erfüllt haben und was wir im kommenden Jahr reicher und trefflicher voll­bringen wollen. Nichts auf der Welt kann aus eigener Kraft gedeihen und groß werden, auch wir nicht. Alles wird stark und groß, trägt Blüte und Frucht, spendet Schatten und Segen auf Gottes Geheiß und nach Gottes Willen. Und was den Menschen der erste Tischri ist, das ist für uns der fünfzehnte Schewat. So wollen wir uns denn erzählen, wie wir das Jahr verbracht und ob wir es wert sind, weiter lustig zu grünen und zu blühen und uns des lieben Sonnenscheins zu erfreuen und des befruchtenden Regens. Wohlan denn, du Weinranke, beginne, deine Beeren sind vor allen wertgeschätzt!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rebe summte: „Ende August war’s. Ich war üppig voll behängt und meine Trauben waren von einem Saft und von einer Süßigkeit, dass ich selbst ganz entzückt davon war. Und die Sonne brannte mir immer weiter auf den Rücken, ich kochte einfach. Doch ging eines Mittags ein kleines, schwaches Kind durch meine Reihen. Es schlich langsam auf einen Krückstock gestützt, und ein zartes, feines Mädchen führte es. Die kleine Begleiterin war wie Rosenrot und Himmelsblau, von duftig überhauchten Bäcklein und schimmernden Äuglein. Sie beugte sich so sanft und freundlich zu der armen Freundin nieder, sie reichte ihr so zierlich und behände die Ärmchen, ich war außer mir vor Seligkeit, soviel Liebe walten zu sehen. Das kranke Mädchen sandte warme, verlangende Blicke nach meinen Früchten, die wie schwere, dunkle Perlen aufgeschnürt waren. Ich hielt mit meinen Ranken das Kind aus Rosenrot und Himmelsblau fest. Man konnte fast meinen, dass es mich verstand. „Da, brich meine Trauben“, wollte ich ihm sagen, „da, schichte sie auf zu dichtem, fröhlichem Haufen und erquicke deine arme Freundin“. Das Mägdelein sah mich lange an. „Ich möcht&#8216; schon gerne,&#8220; sagte sie silberstimmig, „aber ich weiß nicht recht, ob ich darf. Die Trauben werden doch gebraucht. Man macht doch so klaren, köstlichen Wein daraus, mit dem dann der Vater den Sabbath segnet. . . . doch es gibt ja noch mehr&#8220;, rief sie plötzlich beherzt, pflückte die besten meiner Sprösslinge vom Laub und reichte sie der Kleinen. Das arme Kind tat sich gütlich. Ich aber bat unseren Herrn droben, er solle meiner lieblichen Freundin lohnen, was sie Gutes getan, und solle mit diesem Sinne und mit diesem Herzen sie weiter emporblühen lassen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich mische mich lieber unter die kichernde gesunde Gesellschaft&#8220; rief der Nussbaum fidel von seiner Höhe herab. „Mir knackts in allen Gliedern, wenn ich so eine Kinderschar hier herumtollen sehe. Pardauz — mach&#8216; ich und fall&#8216; ihnen vor die Füße? Vielmehr, ich bleibe grad und aufrecht, nur meine Nüsse schick ich ihnen, dass sie damit in der Sukkoh<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Häuflein spielen und sich deshalb noch einmal so gern an das liebe, lustige Laub­hüttenfest erinnern. So geht&#8217;s bei mir ein Jahr um das andere, ich erleb&#8216; nicht viel Neues, aber ich freue mich meines Daseins und werde mich freuen, solange es Gott gefällt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Unter mir haben ein Vater und eine Mutter lange, ernste und nachdenkliche Rast gehalten, zu der ich lindernden und kühlenden Schatten ge­spendet habe&#8220;, hub der Kastanienbaum langsam an. „Ich hab&#8216; von schweren, herzbrechenden Sorgen und von tiefer, zehrender Kümmernis gehört. Sie haben zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Und sie haben immer ihr Trachten darauf gerichtet, sie in Gottesfurcht und in Gottesliebe großzuziehen. Und sie hatten gejauchzt bei jedem Keim und Reis, das sie ent­deckt, und sie hatten gejubelt bei jeder Blüte, die ihrer Obhut entsprossen war. Nun sind die Blüten vernichtet und abgefallen, denn die Kinder sind in die Fremde gegangen und haben Gottes Wort und der Eltern Lehren schnell vergessen. Und nun saßen die alten Leute traurig zusammen und haben sich mit bitteren Tränen gefragt, wozu sie auf der Welt noch nütze seien. Das Mitleid hat mich gepackt, als ich das hörte, dass durch mich ein Rauschen ging, wie vom tiefsten eigenen Herzeleid.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Papperlapapp, nicht immer so sentimental!&#8220; fuhr hitzig der Kirschbaum in die schwermütige Stimmung, die die ganze Versammlung ergriffen hatte. „Mich hat ein Mädchen angefasst, ein Mädchen mit Lippen, so rot wie meine Kirschen, und hat mich gerüttelt und sich daraus einen Kranz in ihr schwarzes Haar gemacht aus meinen roten Früchten und ist hin und her getanzt und hat übermütig dazu gerufen: Starmatz<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>, pfeif&#8216; mal, jetzt gib&#8217;s bald Hochzeit! Kirschbaum, guck mal, was ich schön bin! Und ich — hab gewackelt vor lauter Lachen über die Munterkeit!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Leichtfuß&#8220;, sprach gemessen der Apfelbaum, und der Rosenstrauch reichte ihm verstohlen die dornige Hand. „Bist nicht gut beraten, wenn du meinst, der Übermut und die Schönheit allein tun&#8217;s. Schön ist das Lachen, beim Himmel, wer möcht es missen? Und herrlich ist die Schön­heit, wer möcht ihr Prangen entbehren? Aber Schönheit und Lachen können schnell vorüber­gehen — des Herzens Reinheit und der Seele heitere Freude, sie sollen uns durchs ganze Leben geleiten. Wie ich unter den Bäumen des Waldes, wie die Rose unter den Dornen — so sollte Israels Jugend blühen unter den Völkern. Still blüht die Rose und möchte schamhaft ihren Kelch vor Menschenaugen schließen, den Kelch, den sie nur Gott und Seinem blauen Himmel frei zu­wendet. Und, mit zarten, rosigen Blüten übersäet, bin ich ein Wohlgefallen dem klaren Blick und mit meinen leckeren Früchten feine, duftige Labe dem Kranken, dem Genesenden, den Ge­heilten. Klar aber muss der Blick sein, der mich anschaut, und nur mit reinen Lippen wollen meine Früchte berührt sein.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aus der Jugendzeit — aus der Jugendzeit — klingt ein Lied mir immerdar. — O, wie liegt so weit, o wie liegt so weit — was mein einst war!<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>&#8220; zwitscherte eine muntere Stimme. Es war gar nicht so traurig und hoffnungslos, wie&#8217;s die Worte hätten vermuten lassen, was der Esrog<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> sang. „Ich bin allerdings eingemacht in sauer und süß&#8220;, unterbrach&#8217;s sich, wie um Entschul­digung bittend, „es ist mir auch manchmal recht bitter zu Mut, wenn ich so künstlich und über­mütig verzuckert werde. Doch das geht halt so und muss ertragen werden. Ja, ich hab&#8216; mal in ganzen Wäldern geblüht und geleuchtet, dort weit überm Meer, im heiligen Lande, woher man mich geholt hat. Mein Stamm hat stolze Juden ge­sehen und aufrechte Gottesdiener und hat den Scharen fröhlichen Gruß entboten, die hingewallt<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> sind zum Tempel und sich dort Befreiung geholt von Sorgen und von Sünden. Und dann, viele Jahrhunderte lang, ist mein Stamm fast verdorrt von all der Einöde, die ihn umgab, und von dem schweren Weh das er erlitt, weil er, trotz allem sehnlichen Auslugen<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>, nichts wahrnehmen, konnte, als Trümmer und Wüstenei. Nun wächst er erfrischt und erfreut neu empor, weil er wieder fröhliche Lieder hört von heimischen Zungen, und weil sich wieder rührige Hände regen und zu ackern beginnen und zu pflügen, zu pflanzen und zu jäten, um die Wüstenei mit Gottes Hilfe wieder urbar zu machen und die Einöde mit seinem Beistand umzuwandeln in geselligen jüdischen Menschenboden, bis Gottes ganzer Segen sich ausgießt über unser Heimatland und Gottes ganzer Segen uns dort versammelt. Ach, Kinder, ich bin so glücklich darüber und bin so selig, dass man mich hätschelt und hochträgt mit starken Armen am heiligen Sukkothfest!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mandel sprengte ihre Schale vor Lust über das Bekenntnis des Esrogs. „Brüderlein, ich umarme dich! Aus leblosem Holz, das nicht meines Stammes war, bin ich emporgeblüht in Ahrons Tagen als Zeichen der Wunderwaltung und der Liebe des Herrn<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a>. An geweihtester Stätte hat man mit meinem Abbild die goldene Menauroh<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a> verziert, die dem Glück Israels leuchtete und ihm Geist und Herz erhellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leuchter in Sacharjas Vision (Buchmalerei von Josef Asarfati, Biblia de Cervera, um 1300, Biblioteca Nacional de Portugal)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun sind wir und unsere Lieblinge in der Fremde. Dieses Jahr hier — in Schnee und Winter. Im kommenden Jahre in Jerusalem — in Sonne und ewigem Frühling!&#8220; Ehrfürchtig neigten alle Bäume ihre Häupter und stimmten einträchtig an:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Führet der Herr heim<br>Zions Gefangene,<br>Füllt sich mit Lachen<br>Wieder der Mund.<br>Füllt sich mit Jubel<br>Unsere Zunge<br>Sprechen die Völker:<br>Großes wirkt Gott!&#8220; — — —<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schneemann wartete keine Aufforderung ab. Er sputete sich von selbst, um schleunigst die neuverwehten Pfade zu säubern, damit die Schar heimkehren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Garten lag wieder in tiefer Stille im Schein des Vollmonds.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Max Speier</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dies ist ein Auszug aus einem Bericht von Gudrun Schmidt vom Verein „Stolpersteine in Kassel e.V.“ den Sie unter <a href="https://www.kassel-stolper.com/biografien/olga-max-u-lieselotte-speier-ida-wertheim/"><strong>https://www.kassel-stolper.com/biografien/olga-max-u-lieselotte-speier-ida-wertheim/</strong></a> komplett lesen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">geb. am 23. Juni 1897, stammt aus einer bekannten Hoofer Familie. Seine Eltern, der Handelsmann Julius und Jettchen Speier, geb. Rosenbach wohnten mit Sohn Simon Speier, geb. 1888, Schwiegertochter Selma und Enkelin Brunhilde (geb. 1920) in der Hoofer Fuckelgasse, jetzt Herkulesstraße. Max Speier wurde mit 18 Jahren Soldat und nahm von 1915 bis 1918 wie viele aus dem Dorf am 1. Weltkrieg teil. Später war er als Vertreter tätig. Mit 26 Jahren heiratete er.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Hoof</em></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Früher zum adligen Gericht Schauenburg gehörig, ist Hoof mit etwa 3.000 Einwohnern seit 1972 eines der fünf Dörfer der Gemeinde Schauenburg. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus 1250 n. Ch. Im späten 16. Jh. ließen sich sogenannte Schutzjuden unter der Ortsherrschaft der Familie von Dalwigk nieder. Sie trieben Kleinhandel und etwas Landwirtschaft. Platz für den gemeinsamen Friedhof – den ältesten jüdischen in Hessen – überließ ihnen die Herrscherfamilie im nahen Breitenbach. Die jüdische Gemeinde entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur größten Gemeinde im Landkreis Kassel mit bis zu 230 Mitgliedern. 1840 wurden eine Synagoge, eine Mikwe und ein Schulraum mit Lehrerwohnung eingerichtet. Die jüdische Elementarschule, deren Lehrer in Kassel ausgebildet wurden, bestand seit 1827, um 1890 mit bis zu 60 Schülern. Nach dem Tod des letzten Lehrers wurde sie 1934 geschlossen. Das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit war weitgehend unproblematisch. Jüdische Bürger waren im Gemeinderat, den Vereinen, der Feuerwehr, selbst in dem stramm nationalen Kyffhäuser Bund usw. Die Gaststätte des Juden Meinhard Gumpert war Treffpunkt für alle.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab 1933 machten die Juden Hoofs zwiespältige Erfahrungen. Auf der einen Seite gab es offenkundig Nichtjuden, die an der im Dorf gelebten Integration der jüdischen Bevölkerung in das Vereins- und auch Gemeindeleben keine Abstriche machten, was die Aufmerksamkeit des antisemitischen Hetzblattes der Nationalsozialisten „Der Stürmer“ im Jahr 1934 erregte, in dem ein Hetzartikel über das Dorfleben in Hoof erschien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Auf der anderen Seite standen Erfahrungen von Diskriminierung, vor allem auch bei Kindern, Aufforderungen zum Boykott, 1935 sogar von gewalttätigen Ausschreitungen. Bis 1935 emigrierten deshalb bereits einige Familien ins Ausland, andere verließen danach den Heimatort oder konnten vor allem 1938 ihre Kinder mit Hilfe der Kindertransporte ins sichere Ausland bringen. Am 8. November 1938 wüteten aus anderen Dörfern angereiste SA-Leute in Hoof, fanden dort aber auch Mittäter aus dem Ort. Nach dem Pogrom hatten die Hoofer Juden innerhalb kurzer Zeit die Gemeinde zu verlassen, Hauseigentümer unter ihnen ihr Eigentum zu verkaufen. Eine Erfassungsstelle in Kassel wies sie in Häuser im Bereich zwischen Altmarkt und Grünem Weg ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Max Speier war mit Frau und Tochter sowie den Schwiegereltern Wertheim noch vor dem Pogrom im Sommer 1938 nach Kassel gezogen. Am 10. November 1938 wurde er zusammen mit etwa 250 jüdischen Männern in Kassel verhaftet und anschließend in einem Sonderlager innerhalb des KZ Buchenwald bis zum 16.12.1938 unter Bedingungen inhaftiert, die noch schrecklicher waren, als es in Buchenwald ohnehin der Fall war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Hausstandsbuch war die Familie zwar in der Moltkestraße registriert, tatsächlich war Max Speier dann aber wie seine Frau und seine verwitwete Schwiegermutter ab dem 11. April 1941 im „Arbeitserziehungslager Breitenau“. Statt eines Fotos fanden wir im Gestapo-Aufnahmebuch Nr. 412 des „Arbeitserziehungslagers Breitenau“ diese Personalbeschreibung des Schutzhäftlings: 1,73 m groß, dunkle Haare und Augenbrauen, Stutzbart, Kinn normal, Gesicht voll, Farbe braun, 6 Goldzähne, Statur kräftig, keine besonderen Merkmale.“ Und im Hinterlegeblatt heißt es: „je 1 Mütze, Mantel, Weste, je 2 Hemden, Unterhosen, Handtücher, 1 Uhr mit Kette“. Zurück in der Moltkestr. 10, wurde er am 1. Juni 1942 – also vor 80 Jahren &#8211; nach Majdanek deportiert und am 29. Juli 1942 dort ermordet. Max Speier wurde 45 Jahre alt.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Deutsch-jüdische Aussprache für „Chamischa Esre be Schwat“ <strong>כמישע עזרי בשבט</strong><strong>, </strong>der 15. Schewat</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Rosch-Ha´schana <strong>ראש השנה </strong><strong>&nbsp;</strong>deutsch-jüdische Aussprache</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Sukkah <strong>סוכה</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> (im Käfig gehaltener) Star</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &#8222;O, wie liegt so weit&#8220; ist ein berühmter Vers aus dem Gedicht &#8222;Aus der Jugendzeit&#8220; von Friedrich Rückert, das oft als volkstümliches Lied (oder Kunstlied) vertont wurde, das die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und der Kindheit ausdrückt, wo die Schwalben immer noch singen, aber das Herz leer geblieben ist. Der komplette Vers lautet meist: &#8222;O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war! Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Etrog, <strong>אֶתְרוֹג</strong>, zitronenähnliche Frucht, eine der 4 Arten am Sukkotfest.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> gepilgert</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Umherschauen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Numeri 17:17-25. Aus dem Kommentar von Rabbiner Hirsch zu Exodus 25:39: <strong>משוקדים</strong>, mandelförmig oder mandelartig werden die Kelche der Menora wiederholt charakterisiert, und ist, …, die Überlieferung schwankend, ob nicht Schmot 25, 34 — wie auch die Akzentstellung zeigt — dies <strong>משוקדים</strong> auch zum Charakter der <strong>כפתורים</strong> und <strong>פרהים</strong> gehört. Nun ist aber <strong>שקד</strong>, sowohl sprachlich als Verbum, als sachlich, Mandel, im symbolischen Gebrauch, der <em>spezifische Ausdruck für die intensivste Richtung und Dahingebung der Geistestätigkeit an einen Gegenstand oder einen Zweck</em>. Sowie der Mandelbaum am frühesten blüht (bei uns schon im März) und früher Blüten als Blätter hat, so ist <strong>שקד</strong>, sein Name, überhaupt Ausdruck für eifrige, rastlose, rasch zum Ziele strebende, wache und fleißige Geistesanstrengung, Ausdruck für das, was wir Fleiß und Studium nennen würden. &#8222;Wenn Gott die Stadt nicht schützt, vergebens <strong>שקד</strong>, wacht der Wächter&#8220; (Ps. 127, 1). &#8222;Glücklich der Mensch&#8220;, spricht Prov. 8, 34 die Weisheit, &#8222;der mir zuhört, <strong>לשקוד</strong>, emsig an meinen Türen Tag für Tag zu wachen&#8220;: &#8222;Wie ich <strong>שקדתי</strong> <strong>עליהם</strong>, über sie mit Eifer, rastlos zu zertrümmern und zu zerstören gestrebt&#8220;, heißt es Jerem. 31, 28, &#8222;so <strong>אשקד עליהם לבנות ולנטוע</strong>, so werde ich rastlos, mit Eifer, über sie streben zu bauen und zu pflanzen&#8220;. &#8222;Was siehst du&#8220;, wurde Jirmijahu Kap. 1, 11 gleich bei seiner ersten Berufung gefragt, &#8222;<strong>מקל שקד</strong>, einen Mandelstab sehe ich&#8220;, lautete die Antwort. &#8222;Du hast gut geschaut&#8220;, erwiderte Gott, &#8222;denn <strong>שקד אני על דברי לעשתו</strong>, eifrig betreibe ich mein Wort zu erfüllen&#8220;: Bamidbar 17, 16 ff. sollte der Stammesfürst als der geistig Erwählte von Gott bezeichnet sein, dessen Stab blühen werde, und dieser Stab sollte als ewiges Denkmal vor dem Zeugnis bewahrt bleiben. Aarons Stab nun, durch dessen Blühen der Stamm Levi und in diesem Stamm das Haus Aaron als die für das Priestertum geistig Erwählten dokumentiert sein sollten, <strong>ויצא פרח ויצץ ציץ ויגמל ,&#8220;שקד</strong><strong>&#8220; </strong>&#8222;<em>!brachte Blumen, trieb Staubfäden und reifte Mandeln!</em>&#8220; <strong>שקדים</strong> die ernste, rastlose, eifrige, tätige und erfolgreiche Hingebung an den Beruf sehen wir also hier als denjenigen Charakter bezeichnet, der den Stamm der Aaroniden für die Erwählung zu dem hohen geistigen Berufe des jüdischen Priestertums befähigt zeigte, und glauben wir hierin eine nicht geringe Bestätigung für unsere Auffassung der mandelartigen Blütengebilde an der Menora zu finden. Tragen ja Schaft und Arme des Leuchters eben dieselben Symbole, die den vor dem Zeugnis ruhenden Aaronsstab als Priesterstamm charakterisierten. Hier wie dort Mandeln reifende Blüten!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Menora</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Psalm 126</p>
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		<title>Frühlingsgruß im Winter</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/fruehlingsgruss-im-winter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jan 2026 18:41:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 19.01.1885 wurde dieser Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit“ veröffentlicht. Er ist mit J. unterzeichnet. Ich konnte leider nicht eruieren wer das war. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2511094 Prag, Ende Tebeth. In [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Am 19.01.1885 wurde dieser Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit“ veröffentlicht. Er ist mit J. unterzeichnet. Ich konnte leider nicht eruieren wer das war.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2511094">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2511094</a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">Prag, Ende Tebeth.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Monde rollendem Kreislauf naht jetzt der Schewat. Keines der wichtigen und bedeutungs­vollen Ereignisse unserer inhaltsreichen Geschichte fällt in denselben, und doch ist er geeignet zur Be­trachtung aufzufordern, zu einer Betrachtung eigener Art, zur Frühlingsbetrachtung im Winter, Winters­zeit ist, wenn der Schewat seinen Einzug hält. Ein weißes Leichentuch bedeckt die Erdoberfläche, die Natur feiert in tiefer Pause, alles Leben und Streben er­scheint wie ausgestorben, entblößt von allem Schmuck sind Feld und Flur und entblättert, gesenkten Hauptes stehen die Bäume. Alles predigt in eindringlicher Sprache die ernste Mahnung, dass der Mensch ist wie der Baum des Feldes, wie die Blume, die hinwelkt und hinstirbt, wenn der Winter des Lebens kommt. Allein nur dem oberflächlichen Betrachter erscheint die Natur wie ausgestorben, der denkende Mensch weiß, dass im Inneren der Erde sich neue Säfte und Kräfte sammeln, dass es nicht lange dauert und neue Blüten sprießen empor, dass die Natur ihre eisigen Fesseln sprengen wird, um sich aus der rauhen Umarmung des Winters loszureißen. Dann wird die Erde wieder im neuen Schmucke prangen, neues Leben wird sich regen und frisches Grün Aug&#8216; und Herz erfreuen. Und diese Hoffnung kündigt unser Monat an. In demselben feiern wir den Jahres­anfang im Leben der Natur.<strong>בשבט ר&#8220;ה לאילן<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a></strong> <strong>ט&#8220;ו</strong> der 15. Tag im Schewat kündigt das leise Wehen des erwachenden Lenzes an, das geheimnisvolle Weben in der großen Werkstatt der Natur und das neue Leben im Adergeflecht der frostgekräftigten Bäume. Der 15. Schewat bringt uns den ersten Gruß des kommenden Frühlings, den ernsten auch, indem er leise mahnt, dass auch der innere Mensch in seiner Entwicklung dem Baume gleicht. Nichts als kahle, traurige Winterlandschaften erblickt unser Auge, wenn wir uns jetzt der Naturbetrachtung hingeben. Allein der 15. Schewat flüstert uns zu: Sehet die entblätterten Bäume, sie feiern heute das Erwachen des heitergeschmückten Lenzes, denn unter der starren eisigen Rinde erwacht frisches, warmes Leben. Sie prangten in köstlichem Fruchtschmuck und wurden der Früchte beraubt, sie strebten him­melan und die Stürme des Herbstes knickten sie, sie hatten blütenreiche Zweige und weitrei­chende Äste und die Wetter des Winters bra­chen ihnen Zweig nach Zweig, Ast nach Ast. Und dennoch sind sie nicht gebrochen und werden in nicht langer Zeit neu erstarken und frisch erblühen, weil ihr Halt nicht äußerer Schmuck, nicht Fruchtschmuck und Krone ist, sondern weil ihre treibende Kraft in den Wurzeln ruht, die im Innern der Erde weithin sich erstrecken und dort unberührt von den äußeren Einflüssen zu neuem, frischem, kräftigem Leben sich verbinden. Und so soll auch die Kraft des Menschen in dem eigenen Innern wurzeln. Sein Gemüt soll durch religiösen Glauben ge­läutert, sein Geist mit wissenschaftlicher Erkenntnis getränkt sein. Im Gemüte, im Geiste ruhen die Wurzeln, die einst Blüten edler Menschlichkeit treiben sollen und darum müssen Geist und Gemüt geläutert und genährt werden durch den befruchten­den Tau göttlicher Lehre. Denn nur dann ver­mögen Stürme und Wetter nichts über uns. Viele, sehr viele gibt es unter den Menschen, welche die Sorge erdrückt und beugt, an deren Herzen Kummer und Schmerz nagen. Sie waren einst reich, ange­sehen; frei und weithin reichend war die Macht ihres Einflusses. Da kamen die Stürme des Lebens und haben die Blüten ihrer Hoffnungen geknickt, den Schmuck ihres Lebens vernichtet und die Macht ihres Vermögens gebrochen. Nichts ist ihnen ge­blieben als was der Mensch im eigenen Innern trägt. Wehe ihnen, wenn ihnen auch das abgeht, wohl ihnen, wenn die Wurzeln ihres Daseins im gläubigen Gemüte ruhen. Mögen die Stürme draußen sie noch so sehr umtosen, aus dem Innern schöpfen sie Kraft und Mut zu neuer, frischer Tätigkeit. Und das ist der Frühlingsruf im Winter, das die ernste Mahnung des 15. Schewat.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Der 15. Schewat ist Neujahr der Bäume</p>
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		<title>Kinderecke Teweth</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-teweth/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Dec 2025 20:35:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 31.01.1935 erschien diese „Kinderecke“ in der Zeitschrift „Der Israelit“. Ein Junge träumt vom bewegenden Auf und Ab in der jüdischen Geschichte. „Beinahe die ganze Jüdische Geschichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epochen, die ungemein schwere Prüfungen für das jüdische Volk darstellen.“ Die schwerste Prüfung hatte er noch vor sich. Der Text wurde [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Am 31.01.1935 erschien diese „Kinderecke“ in der Zeitschrift „Der Israelit“. Ein Junge träumt vom bewegenden Auf und Ab in der jüdischen Geschichte. „Beinahe die ganze Jüdische Geschichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epochen, die ungemein schwere Prüfungen für das jüdische Volk darstellen.“ Die schwerste Prüfung hatte er noch vor sich.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter: &nbsp;</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2538883">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2538883</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das ewige Feuer</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Erzählung von den Sabbatlichtern<br>Von Siegfried Geller</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war im Winter an einem „langen&#8220; Freitag­abend. Tiefer Schnee hüllte das Städtchen mit sei­nen kleinen, niedrigen Häuschen in eine einzige weiße Decke. In den engen Gässchen war kein Laut zu ver­nehmen; äußerste Stille beherrschte den Umkreis. Kein Wunder auch, denn über die Hälfte der gesam­ten Einwohner waren Juden, und wenn der Sabbat seinen Einzug hielt oder sonst irgendein jüdischer Feiertag, dann ruhte auch die Arbeit der nichtjüdi­schen Bevölkerung, weil einer vom andern abhängig war. Es war übrigens ein sehr harmonisches Zusam­menleben zwischen Juden und Christen, sowohl wirt­schaftlich als auch gesellschaftlich. Man half sich gegenseitig, und man teilte gemeinsam Freud und Leid. Nicht Hass und Neid trennten die beiden Grup­pen, sondern wahres Menschentum vereinte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Fenstern konnte man noch den Schein der Sabbatlichter bemerken, und aus manch einer Tür noch die Semiroth-Gesänge hören, aber allmäh­lich verstummten die heiligen Melodien, denn es war schon spät am Abend. Nur ab und zu unterbrach ein Wachhund durch sein schallendes Gebell die feierliche Sabbatstimmung. Der Sabbat hat eine so heilige Kraft in sich, die man nicht schildern, sondern die man nur fühlen und empfinden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Hause des alten Raws hatte sich soeben alles zur Ruhe begeben. Eine schöne, echt jüdische Freitagabendfeier nach alter überlieferter Tradition war beendet. Das Familienoberhaupt verstand es sehr gut, durch allerlei interessante Vorträge über die hohe sittliche Idee des Sabbats die Kinder die Heiligkeit dieses Tages unmittelbar spüren zu lassen, so dass sie beim Zubettgehen noch ganz in seinem Bann standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der bald vierzehnjährige Uri und sein jüngerer Bruder Wolf schliefen gemeinsam in einem Zimmer, das an das Esszimmer angrenzte. Bevor Uri schlafen ging, ließ er die Tür des Esszimmers offen, damit sein Schlafraum durch den Schein der Sabbatlichter, die noch ungefähr eine gute halbe Stunde brennen durf­ten, etwas erhellt wird; denn Uri schlief immer lieber bei Licht ein. Sein Brüderchen Wolf lag schon in tiefem Schlaf und träumte sicher schon von all den schönen Erlebnissen des Freitagabends.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur Uri konnte heute nicht so schnell Schlaf finden; und so dachte er über alles Mögliche nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich aber blieben seine Blicke an den beiden Sabbatkerzen haften. Starr und gebannt von ihrem heiligen Schein beobachtete Uri genau ihre Flammen. Manchmal, da brannten sie ganz ruhig und strebten in die Höhe, und manchmal wieder begannen die Flammen unruhig hin und her zu flackern, als hätte sie jemand aus ihrer Ruhe gestört &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri hatte diesen Vorgang genau beobachtet. Nicht ein einziges Mal waren seine Blicke von den Kerzen gewichen. Ihn überkam ein seltsames Gefühl; er wurde ängstlich. Warum — das wusste er eigentlich nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lichter waren nun schon allmählich dem Er­löschen nahe. Für einige Sekunden wurde es ganz dunkel, so dass Uri glaubte, die Lichter wären schon erloschen. Aber nein! Sofort entstieg wieder den zwei silbernen Leuchtern eine große Flamme, viel größer als zuerst und erhellte das Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri wurde es jetzt noch viel unheimlicher zumute. Denn als er so die zwei Lichter betrachtete, wie sie gleichermaßen mit dem Tode rangen, da musste er unwillkürlich an seine Großmutter denken, die vor einem halben Jahre starb. Er war dabei, als die alte Frau im Todeskampf lag, und er musste zusehen, wie man ihr dann die Augen zudrückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri wurde aber allmählich doch müde. Wieder sah er, mal aus dem einen, mal aus dem andern Leuchter eine solch große Flamme, man möchte sagen heilige Flamme auflodern; und das immer, wenn er glaubte, die Lichter wären erloschen. Uri staunte, wie lange sie brannten; er wollte nun noch nicht ein­schlafen, weil er jetzt neugierig wurde, wie lange die Sabbatlichter wohl brennen würden, bis sie vollstän­dig erloschen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Uri war schon so müde, dass ihm die Augen zufielen. Ab und zu raffte er sich mit Gewalt aus seinem Dösen auf — aber wieder entrollte sich vor seinen Augen dasselbe Bild: die große Flamme…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri schlief ein, aber die Lichter brannten immer noch &#8230;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein solches Erlebnis kurz vor dem Einschlafen spiegelt sich meistens im Traum wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri träumte von den beiden Sabbatlichtern. Er sah sie weit schöner, als sie in der Wirklichkeit aussahen. Sie steckten in zwei riesigen silbernen Leuchtern, wie Uri ähnliche noch nie gesehen hatte; die Lichter selbst, die gleichfalls sehr groß waren, brannten mit einer Flamme, die Uri an eine lodernde Fackel erinnerte. Uri fühlte sich sehr wohl in ihrer Umgebung; denn die Sphäre, die die Lichter umgab, war äußerst lieblich und harmonisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unerwartet aber wurden die herrlich glänzenden Leuchter immer größer und größer, bis sie eine so riesige Form annahmen, dass sie im Nichts aufgingen . . . Gleich danach ereignete sich etwas Seltsames: Vor Uri begann die ganze jüdische Geschichte ab­zulaufen! Ja, nicht nur abzurollen, sondern Uri er­lebt nun selber die großen Geschichtsepochen des Judentums, weil er mitten in sie hineingestellt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri erlebt das Zeitalter unserer großen Patriar­chen Abraham, Isaak und Jakob. Er sieht sie alle wie sie bemüht sind, in ihrem Leben die hohen g´tt­lichen Ideale zu verwirklichen. Uri durchwandert all die Begebenheiten, die wir alle aus der Thora her kennen. Alles vollzieht sich aber in einem ungeheuren Tempo. Schon ist unser Uri dabei, wie die Kinder Israel trockenen Fußes durch das Rote Meer schrei­ten, nachdem er vorher die Wunder G&#8217;ttes in Ägypten mitansehen durfte. Aber der Zug durchs Meer, erschüttert ihn ganz besonders; er erkennt erst jetzt so richtig die Allmacht G&#8217;ttes. Kein Wunder, dass dieses weltgeschichtliche Ereignis später in den ver­schiedensten Gebeten erwähnt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das, was seit Bestehen der Welt einzig da­steht, das Ereignis, in dessen Bann die ganze Mensch­heit stand und stehen wird, auch das erlebt Uri: die Offenbarung am Sinai. Israel, das auserwählte Volk G&#8217;ttes, wird beauftragt, nach dem g&#8217;ttlichen Ge­setz zu leben, um so als leuchtendes Vorbild der gan­zen Menschheit voranzugehen. „Liebe deinen Näch­sten wie dich selbst!&#8220; Das ist der große Befehl G&#8217;ttes an Israel und an die Menschheit. Im Mittelpunkt steht das Gesetz der Sabbatheiligung. Der Sabbat, der nicht nur an G&#8217;tt erinnern soll, der in sechs Tagen Himmel und Erde geschaffen hat, sondern auch an die Be­freiung aus der Knechtschaft. Israel soll nicht mehr Sklave seiner Arbeit sein, sondern Herr seiner Ar­beit! Um das zu zeigen, soll er sich am siebenten Tage seines freien Menschentums im Ebenbilde G&#8217;ttes freuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Höhepunkt der Reise durch die jüdische Ge­schichte hatte Uri erreicht; etwas Höheres erleben, konnte er gar nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem noch schnelleren Tempo als bisher, durch­eilte Uri in seinem Traum das weitere Schicksal des jüdischen Volkes. Er sieht es, nach vielen unsäg­lichen Mühen und Leiden das jüdische Land erobern, er sieht es, ein eigenes staatliches Leben führen, er erlebt aber auch die große Katastrophe des jü­dischen Volkes: die Zerstörung seines Heiligtums und somit den Untergang des jüdischen Staates. Grässlichen Szenen wohnt Uri bei während der Kämpfe der Römer gegen die Juden. Doch das Allerschrecklichste, was Uri sieht, ist die Entweihung und Ver­brennung des Beth-Hamikdasch, des heiligsten Hauses des Erdenrunds, in der heiligsten Stadt im heiligsten Land.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri fühlt im Traum, dass er sehr erregt ist, er verspürt deutlich ein starkes Herzklopfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun beginnen für das jüdische Volk wieder harte, schwere Zeiten: die Golusleiden. Jeder von uns weiß, was mit diesem Wort alles gemeint ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri wandert mit den trauernden jüdischen Massen in die Verbannung und muss all die Leiden mitansehen, die die Juden in den verschiedensten Ländern zu den verschiedensten Zeiten zu ertragen haben. Sei es das dunkle Mittelalter mit seinen unmenschlichen, ungerechten Judenverfolgungen oder sei es die Neu­zeit und neueste Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch einen Tischa be Aw erlebt Uri in seinem großen Traum. Nun erst erfasst er so recht die Be­deutung dieses Tages, nachdem er das jüdische Volk auf seinem großen Leidensweg begleitet hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri befindet sich in einem kleinen Gebetsstübel des Ostens. Der Raum ist nur sehr spärlich beleuchtet; alle Beter sitzen zum Zeichen der Trauer auf dem Fußboden und sagen in einer sehr traurigen Melodie die Klagelieder. Lange hat sich Uri zurückgehalten, aber er kann es nicht mehr und beginnt jämmerlich zu weinen, — — — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit erwachte Uri aus seinem Traum. Man merkte es ihm an, dass er sehr erregt war. Uri sah sogar so aus, als hätte er wirklich geweint. Er schwitzte am ganzen Körper. „So einen Traum,&#8220; sagte er zu sich selbst, „gibt es wohl nicht ein zweites Mal, und außerdem noch in der Sabbatnacht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Uri sich im Bett aufsetzte, sah er, dass sein Bruder Wolf schon aufgestanden war. Er wunderte sich zuerst, weil er wusste, dass Wolf am Sabbat län­ger schlief. Doch als Uri auf die Uhr blickte, da war es schon — bald acht Uhr, und um acht begann der G&#8217;ttesdienst! Die ganze Familie war bereits in die Synagoge gegangen. In aller Eile kleidete sich Uri an und rannte in das Bethaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber an den Traum musste Uri den ganzen Tag denken, er ließ ihn nicht in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleich nach dem Mittagessen machte Uri allein einen Spaziergang durch das ruhige Städtchen, um das in der Nacht Erlebte einmal genauer zu durch­denken. Ihm drängte sich nie so eindringlich die Frage auf, warum nämlich das jüdische Volk so viel leiden muss wie jetzt, nachdem er die ganze jüdische Geschichte so plastisch, wie man das eben nur im Traum sehen kann, erlebt hatte. Uri lernte sehr gern und sehr fleißig jüdische Geschichte, aber er konnte sich in viele Kapitel innerlich nicht so einfühlen. Er wuchs in dieser Kleinstadt auf und kam bisher noch nie über ihre Grenzen hinaus. Den Antisemitismus hatte er bisher niemals praktisch kennenlernen können, weil ja in seiner Geburtsstadt das Leben zwischen Juden und Nichtjuden so glücklich war, wie man es sich nur denken konnte. Was Uri über den Judenhass wusste, das hatte er nur in der Zeitung gelesen. Doch auch mit Zeitungslektüre gab er sich sehr selten ab, da sein Vater ihn immer ermahnte, die Zeit lieber mit Lernen zu verbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein herrlicher Wintertag. Der Schnee glitzerte in der hellstrahlenden Sonne und knirschte nur so unter den Füßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri war schon fast bis an das Ende der Stadt spaziert. Er musste aber Kehrt machen, um nicht die vorgeschriebene Sabbatgrenze zu verletzen. Auf dem ganzen Weg hatte ihn sein Traum stark beschäftigt. Dann fiel es Uri auf einmal ein, dass er gestern vor dem Einschlafen die Flammen der Sabbatkerzen so genau beobachtete. Und auch später im Traum er­schienen ihm wieder die beiden Lichter, jedoch viel viel größer und schöner. Dasselbe Spiel der Flammen aber konnte er abermals beobachten. Mal brannten sie ruhig, mal flackerten sie wild hin und her; und glaubte er, sie wären erloschen, da leuchtete sofort wieder eine große, helle Flamme auf. Uri erinnert sich auch, dass er einschlief, ohne die Lichter aus­gehen zu sehen … Auch im Traume sah er die Flammen nicht erlöschen &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun hatte Uri den Zusammenhang erfasst. Die Deutung liegt auf der Hand: das jüdische Schicksal. Kurzen, ruhigen Zeiten folgten ebenso lange, stürmisch bewegte Epochen. Beinahe die ganze Jüdische Ge­schichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epo­chen, die ungemein schwere Prüfungen für das jü­dische Volk darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Indessen war Uri wieder in die Nähe seines Hau­ses gekommen. Er wollte aber noch nicht hinein­gehen; und so ging er weiter, am Torweg vorüber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und je weiter er ging und nachdachte, umso klarer wurde ihm der Sinn des Lichtraumes.</p>
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		<title>Rafael Breuer</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/rafael-breuer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Dec 2025 20:32:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wikipedia Raphael Breuer (geboren am 11. Februar 1881 in Pápa, Österreich-Ungarn; gestorben 9. Januar 1932 in Aschaffenburg) war ein orthodox-jüdischer Religionsgelehrter, Bibelkommentator und Gemeinderabbiner. Leben Raphael Breuer war der älteste Sohn von Sophie (Zippora), der jüngsten Tochter von Samson Raphael Hirsch, und Salomon Breuer. Sein Vater war Oberrabbiner in Pápa, bis er 1890 als Nachfolger [&#8230;]</p>
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<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph">Wikipedia</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="183" height="275" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2025/12/image-1.png" alt="" class="wp-image-5382" style="aspect-ratio:2/3;object-fit:cover"/></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Raphael Breuer</strong> (geboren am 11. Februar 1881 in Pápa, Österreich-Ungarn; gestorben 9. Januar 1932 in Aschaffenburg) war ein orthodox-jüdischer Religionsgelehrter, Bibelkommentator und Gemeinderabbiner.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Raphael Breuer war der älteste Sohn von Sophie (Zippora), der jüngsten Tochter von Samson Raphael Hirsch, und Salomon Breuer. Sein Vater war Oberrabbiner in Pápa, bis er 1890 als Nachfolger Hirschs im Rabbinat der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main berufen wurde. Raphael Breuer erhielt seine Ausbildung in der vom Vater in Frankfurt gegründeten Jeschiwa, bei Rabbiner Salomon Kutner in Eisenstadt sowie in der Wiener Schiffschul bei Jesaja Fürst. Nach der Reifeprüfung studierte er in Mainz, Gießen und Straßburg und promovierte 1905 mit einer Arbeit über Jacques Bongars. Von 1909 bis zu seinem Tode amtierte er als „Aschaffenburger Rav“, als Gemeinderabbiner in Aschaffenburg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinen Schriften trat er besonders durch seine scharf antizionistische Polemik hervor. Gemeinsam mit seinem Bruder Josef Breuer arbeitete er an der Kommentierung der Schriften der Hebräischen Bibel. Aus seiner Feder erschienen Bibelkommentare zu den Büchern Ruth (1908), Esther (1910), Kohelet (1911) und zum Buch der Richter (1922). Sein 1912 erschienener Kommentar zum Hohenlied erregte besonderes Aufsehen, da er sich in ihm um eine wörtliche Auslegung des Hohenliedes bemühte. In diesem Kommentar legte er seine Auffassung dar, dass das Hohelied seinem Wortsinn nach kein Liebeslied, sondern eine paränetische Beispielerzählung sei, die ihren Lesern ein abschreckendes Beispiel geben, ihnen also zeige wolle, wie sie sich nicht verhalten dürften. 1923 stellte er seinem ersten Kommentar zum Hohenlied einen zweiten Kommentar zur Seite, der das allegorische Verständnis des Hohenliedes (als Lied der Liebe zwischen Gott und seinem Volk Israel) zum Inhalt hat. 1915 erschien sein Kommentar zum Josuabuch, in dem er sich unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges kritisch mit den Bestrebungen des zeitgenössischen Zionismus auseinandersetzte.<strong></strong></p>
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