Ich habe hier den Psalm 90, auf den sich Rabbiner Hirsch s“l im vorherigen Artikel bezieht, wiedergegeben. Einmal in der Übersetzung von Rabbiner Hirsch und einmal in der Übersetzung von Raw Joseph Scheuer (Siddur Schma Kolenu). Zwischen den Übersetzungen liegen mehr als 100 Jahre. Aber beide Übersetzer wussten die richtigen Worte zu finden, um die Leser in ihrer Zeit zu fesseln. Die Sprache mag sich ändern, die Inhalte nicht. Wenn man noch berücksichtigt, dass der Verfasser des Originals vor mehr als 3000 Jahren lebte, berühren mich diese hier vorgetragenen Gedanken zutiefst. Es sei dahingestellt, ob Moses selbst diesen Psalm geschrieben, ob König David, Moses diese Worte in den Mund gelegt hat, oder wer auch immer meinte im Namen Moses aufzutreten, — diese Worte zeugen von einer so tiefen Wahrheit, dass es ein durch und durch gottesfürchtiger Mann gewesen sein muss, mit einer großen Lebenserfahrung, der diese Worte einst niederschrieb.

Nach dem Psalm habe ich noch einen kurzen Auszug aus dem Kommentar zu diesem Psalm von Rabbiner Hirsch s“l wiedergegeben, in dem er wiederum auf einen Kommentar zu Deuteronomium 30:2 hinweist.

תְּפִלָּה֮ לְמֹשֶׁ֢ה אִֽישׁ־הָאֱלֹ֫קים אֲֽדֹנָ֗י מָע֣וֹן אַ֭תָּה הָיִ֥יתָ לָּ֗נוּ בְּדֹ֣ר וָדֹֽר׃

Gebet von Mosche, dem Mann Gottes.
Mein Herr, Träger der verrinnenden Zeitmomente bist Du, Du warst uns in jeglichem Geschlecht.

Ein Gebet von Mosche, dem Gottesmann:
Mein Herr, Zuflucht warst du uns in jeder Generation.

בְּטֶ֤רֶם ׀ הָ֘רִ֤ים יֻלָּ֗דוּ וַתְּח֣וֹלֵֽל אֶ֣רֶץ וְתֵבֵ֑ל וּֽמֵעוֹלָ֥ם עַד־ע֝וֹלָ֗ם אַתָּ֥ה אֵֽל׃

Bevor Berge erzeugt wurden, ließest Du kreisen Erde und Menschenwelt, und von aller Vergangenheit bis in alle Zukunft hin bist Du die alles bewegende Kraft.

Noch bevor Berge geboren wurden, Du Erde und Weltall geschaffen hast — warst du und bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

תָּשֵׁ֣ב אֱ֭נוֹשׁ עַד־דַּכָּ֑א וַ֝תֹּ֗אמֶר שׁ֣וּבוּ בְנֵֽי־אָדָֽם׃

Entartete Menschheit, lässt Du bis zur Zermalmung zurücksinken, wenn Du sprachst: kehret wieder Menschensöhne!

Du führst den Sterblichen bis zur Zerknirschung und sprichst: Kehret um, Menschenkinder.

כִּ֤י אֶ֪לֶף שָׁנִ֡ים בְּֽעֵינֶ֗יךָ כְּי֣וֹם אֶ֭תְמוֹל כִּ֣י יַעֲבֹ֑ר וְאַשְׁמוּרָ֥ה בַלָּֽיְלָה׃

Denn tausend Jahre in Deinen Augen, sind wie ein gestriger Tag, wann er vorübergehen will, ja, sind eine Nachtwache in der Nacht.

Denn tausend Jahre sind in Deinen Augen wie ein gestriger Tag, der vergangen und wie eine Wache in der Nacht.

זְ֭רַמְתָּם שֵׁנָ֣ה יִהְי֑וּ בַּ֝בֹּ֗קֶר כֶּחָצִ֥יר יַחֲלֹֽף׃

Du lässt sie dahinströmen, ein Schlaf werden sie, aber am Morgen erneut es frisch wie Gras die Kraft,

Du lässt (die Menschenleben) dahin strömen, als wären sie im Schlaf, am Morgen sprießt es wie Gras.

בַּ֭בֹּקֶר יָצִ֣יץ וְחָלָ֑ף לָ֝עֶ֗רֶב יְמוֹלֵ֥ל וְיָבֵֽשׁ׃

am Morgen sprosst und gewinnt frische Kraft, was, dem Abend zugewendet, dieser knickt und es dorrt.

Am Morgen sprießt es, am Abend welkt es und verdorrt.

כִּי־כָלִ֥ינוּ בְאַפֶּ֑ךָ וּֽבַחֲמָתְךָ֥ נִבְהָֽלְנוּ׃

Denn wir gingen zugrunde durch Deinen Zorn, und durch Deinen Unwillen waren wir in Bestürzung.

Ja, wir vergehen durch deinen Zorn, durch deinen Grimm sind wir erschrocken.

שַׁתָּ֣ה  עֲוֺנֹתֵ֣ינוּ לְנֶגְדֶּ֑ךָ עֲ֝לֻמֵ֗נוּ לִמְא֥וֹר פָּנֶֽיךָ׃

Du hattest unsere Verkehrtheiten Dir gegenübergestellt, den in uns schlummernden Kern vor die Leuchte Deines Angesichts.

Du stellst unsere Vergehen vor dich hin, unser heimliches Tun vor das Licht Deines Angesichtes.

כִּ֣י כׇל־יָ֭מֵינוּ פָּנ֣וּ בְעֶבְרָתֶ֑ךָ כִּלִּ֖ינוּ שָׁנֵ֣ינוּ כְמוֹ־הֶֽגֶה׃

Denn alle unsere Tage gingen zur Wende durch Dein Hinausschreiten, wir endigten unsere Jahre wie in einem unausgesprochen Gedanken.

All unsere Tages schwanden in Deinem Grimm, unsere Jahre vergehen wie ein Hauch.

יְמֵֽי־שְׁנוֹתֵ֨ינוּ בָהֶ֥ם שִׁבְעִ֪ים שָׁנָ֡ה וְאִ֤ם בִּגְבוּרֹ֨ת ׀ שְׁמ֘וֹנִ֤ים שָׁנָ֗ה וְ֭רׇהְבָּם עָמָ֣ל וָאָ֑וֶן כִּי־גָ֥ז חִ֝֗ישׁ וַנָּעֻֽפָה׃

Unter ihnen waren die Tage unserer Jahre siebzig Jahr, und wenn mit Anstrengung achtzig Jahr, ward ihr Stolz Mühseligkeit und Gewalt. Denn die Schnelle schnitt ab, und wir flogen dahin.

Die Tage unserer Lebensjahre sind siebzig, mit Anstrengung achtzig Jahre, auch zur Zeit ihrer Stärke ist es Mühe und Kummer, wie abgeschnitten schnell fliegen wir dahin.

מִֽי־י֭וֹדֵעַ עֹ֣ז אַפֶּ֑ךָ וּ֝כְיִרְאָתְךָ֗ עֶבְרָתֶֽךָ׃

Wer aber kennt das unwiderstehliche Ziel Deines Zornes und dass Du nur so weit hinausschreitest als Du gefürchtet sein willst!

Wer kennt die Macht Deines Zornes und weiß, wie Dein Grimm zu fürchten ist?

לִמְנ֣וֹת יָ֭מֵינוּ כֵּ֣ן הוֹדַ֑ע וְ֝נָבִ֗א לְבַ֣ב חׇכְמָֽה׃

Unsere Tage zu zählen lehre uns so, dann bringen wir dein Herz der Weisheit heim.

Lehre uns, unsere Tage richtig zu zählen, damit wir es zu einem weisen Herzen bringen.

שׁוּבָ֣ה ה  עַד־מָתָ֑י וְ֝הִנָּחֵ֗ם עַל־עֲבָדֶֽיךָ׃

Kehre wieder, Gott! Bis zu welchem Ende denn? Lasse dich zu anderem bestimmen über Deine Diener.

Wende Dich uns zu, Ewiger, viel lange noch; erbarme dich deiner Knechte.

שַׂבְּעֵ֣נוּ בַבֹּ֣קֶר חַסְדֶּ֑ךָ וּֽנְרַנְּנָ֥ה וְ֝נִשְׂמְחָ֗ה בְּכׇל־יָמֵֽינוּ׃

Sättige uns am Morgen mit Deiner Liebe, so werden wir lauten Frohsinns und freudig sein an allen unseren Tagen.

Sättige uns am Morgen mit Deiner Liebe, damit wir jubeln und uns all unsere Tage freuen.

שַׂ֭מְּחֵנוּ כִּימ֣וֹת עִנִּיתָ֑נוּ שְׁ֝נ֗וֹת רָאִ֥ינוּ רָעָֽה׃

Gib uns Freude wie die Tage, in denen Du uns Leid gegeben, die Jahre, in denen wir Unglück sahen.

Erfreue uns gleich den Tagen, da du uns gebeugt, den Jahren da wir Böses sahen.

יֵרָאֶ֣ה אֶל־עֲבָדֶ֣יךָ פׇעֳלֶ֑ךָ וַ֝הֲדָרְךָ֗ עַל־בְּנֵיהֶֽם׃

Lass Deinen Dienern Dein Wirken sichtbar werden und deine Herrlichkeit über ihren Kindern.

Dein Wirken werde Deinen Knechten sichtbar, Deine Herrlichkeit über ihren Kindern.

וִיהִ֤י ׀ נֹ֤עַם אֲדֹנָ֥י אֱלֹקינוּ עָ֫לֵ֥ינוּ וּמַעֲשֵׂ֣ה יָ֭דֵינוּ כּוֹנְנָ֥ה עָלֵ֑ינוּ וּֽמַעֲשֵׂ֥ה יָ֝דֵ֗ינוּ כּוֹנְנֵֽהוּ׃

Werde uns, Herr unser Gott, das Beglückende: das Tun unserer Hände gründe auf uns, und das Tun unserer Hände stelle Du fest!

Es sei das Beglückende meines Herrn, unseres Gottes, über uns, und das Werk unserer Hände fördere Er uns bei uns, und das Werk unserer Hände festige Er.

Aus dem Kommentar zu V.1.  ,תפלה למשה eine תפלה, in welcher Mosche als איש אלוקים als von Gott zum Werkzeug für Seine Waltung Erwählter, sich die Bedeutung dieser seiner Sendung für die Geschichte der Menschheit aus einem Hinblick auf die Bedeutung der bis zu seiner Sendung verflossenen Jahrhunderte der Menschenentwicklung zur Erkenntnis bringt…. Mehr als 2000 Jahre lagen aus der Geschichte der Menschheit zurück. Die Welt war geistig und sittlich wieder in ,תהו ins Chaos zurückgesunken. Mit der Erwählung Abrahams waren nach dem Ausdruck der Weisen die ,שני אלפי תהו die 2000 Jahre des menschengeschichtlichen Chaos zu Ende und der Anfang der שני אלפי תורה, der Anfang der 2000 Jahre der Einbürgerung des Gottesgesetzes zunächst in ein für die geistige und sittliche Auferstehung der Menschheit ausgesandte Volk angebahnt (siehe Pent. Dewarim S. 560). Aber erst mit Mosches Sendung trat dieser Anfang mit deutlicher Sichtbarkeit hervor.

Dewarim S. 560: Wenn erst alles, was ein Segen und Fluch über die Gestaltung deiner Zukunft Jahrtausende voraus in diesem Buch des Gesetzes völlig ausgesprochen ist, sich an dir erfüllt hat, dann wirst du die Summe dieser tausendjährigen Erfahrungen deiner äußeren Schicksalsgänge zum Nachdenken in dein Inneres zurückbringen, und das Resultat davon wird sein, dass du mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu deinem Gott und Seinem Gesetze zurückkehrst und deine Kinder zur gleichen Treue an Gott und Seinem Gesetz gewinnst. Denn die Erfahrung deiner Jahrtausende wird dir endlich „Gott“ und die „Göttlichkeit deines Gesetzes“ für immer besiegelt haben.

Unter allen Völkern, wohin dich Gott zerstreut, bleibst du trotz aller Wandlungen bis ans Ende der Jahrtausende das „Gottesvolk mit dem Gottesgesetz in den Händen“, und das ermöglicht und bewirkt zusammen mit der Erfüllung deines Geschickes, deine endliche Umkehr und Aufkehr und Rückkehr zu Gott und Seinem Gesetz.

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