Von Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem.

Zur Geschichte des Kolel Holland und Deutschland.

Ich wundere mich, wie der hier widergegebene Bericht in die „Monatsschrift für Judentum und Lehre“ – Nachalath Z´wi – gelangen konnte. Weder der Autor, Fritz Fraenkel (zu seiner Biografie s.w.u.), noch das Thema stehen in einem orthodox jüdischen Zusammenhang. Fritz Fraenkel lebte seit 1933 in Palästina – dieser Artikel erschien Ende 1937. Das כולל הו“ד Kollel Hod, die „Jüdische Gesellschaft von Holland und Deutschland“ war Teil des „Alten Jeschuw“. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie Erklärungen zu den Begriffen „Alter Jeschuw“, „Neuer Jeschuw“ und „Kollel Hod“ sowie das Verhältnis der „Agudisten“ und der „Zionisten“ zu diesen Gruppierungen. Also nochmals die Frage, warum hat dieser Bericht es in diese Zeitung geschafft? Meine Erklärung dafür ist: Er sollte den deutschen Juden Mut zur Auswanderung nach Palästina machen. Er sollte ihnen zeigen, dass es eine lange Tradition der Auswanderung gab und dass, wenn sie den Schritt wagen würden, sie dort durchaus auf ein Umfeld treffen würden, das ihnen nicht fremd wäre.

Die Zeitung Nachalat Z´wi wurde ein halbes Jahr nach Erscheinen dieses Berichtes im Juni 1938 verboten.

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2554315

Bei manchen Menschen, die mit dem Einwanderungsstrom der letzten Jahre aus Deutschland nach Palästina kamen, gilt die irrtümliche Meinung, diese Einwanderung wäre auch die erste Einwanderung deutscher Juden nach Erez Israel. Selbst alte Zionisten verfallen diesem Fehler und bringen zumindest das Kommen deutscher Juden hierher in einen ursächlichen und zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der zionistischen Bewegung. Man kennt persönlich oder vom Hörensagen Menschen dieses Einwanderungskreises, wie Dr. Arthur Ruppin, Ing. Treidel, Dr. Elias Auerbach, Frl. Vera Pinschawer, Dr. Schlesinger, Dr. Josef Carlebach, Dr. Albert Feuchtwanger, das sind Menschen, die vor dem Kriege[1] und vor dem Beginn der dritten Alijah[2] hierherkamen, bekannt sind auch die Namen zweier hervorragenden Repräsentanten der Orthodoxie in Deutschland, Dr. Moritz Wallach vom „Schaare- Zedek-Hospital“ in Jerusalem, und Rabbiner Dr. Moses Auerbach in Petach-Tikwah. Es ist nicht ohne Interesse, festzustellen, dass diese deutschen Juden ihrer Berufsstruktur ein anderes Element darstellten als die anderen Einwanderer dieser Zeit, sie waren weder Kaufleute noch Landwirte oder Arbeiter, fast durchweg sind sie leitende Personen verschiedener Institutionen, Lehrer oder Direktoren von Schulen (z. B. des Hilfsvereins der deutschen Juden u.a.), Menschen, wie sie für die Massenalijah von Chaluzim[3] und Mittellosen charakteristisch sind, waren es nicht.

Es bestehen Institutionen in Jerusalem, deren Name mit dem deutschen Judentum und dessen palästinensischen Vertretern eng verbunden ist. Ein Ausflug in die Altstadt von Jerusalem führt uns vor die Tore eines großen Hofes mit folgender Inschrift: „Israelitische Armen- und Pilger-Wohnungen auf Zion“, die nebenstehende hebräische Inschrift lautet: „Bate Machasseh wehachnassath Orechim al Har Zion T. W. B. B.“. Im Kalender von Luncz[4] vom Jahre 1913 finden wir folgende Angaben über die Tätigkeit der „Nediwe Aschkenas“ — deutschjüdischer Spender:

1879/5639 Gründung des Waisenhauses,

1902/5662 Eröffnung des Krankenhauses „Schaare Zedek“, auch das Bikkur-Cholim-Hospital wird „Allg. Deutsch-Israelitisches Bikkur-Cholim-Hospital Jerusalem“ genannt. Auch die Schulen des „Hilfsvereins der Deutschen Juden“ weisen auf den Kontakt zwischen dem deutschen Judentum und Palästina hin, der „Sprachenkampf“, der um die Schulen des Hilfsvereins kurz vor Ausbruch des Weltkrieges entbrannte, hat ja für das Schulwesen Erez Israels und für die hebräische Bewegung weittragende Folgen gehabt[5].

Nicht der Vergessenheit anheimfallen darf auch der Name von Dr. Wilhelm Herzberg, des Gründers des ersten Waisenhauses in Jerusalem. Dr. Herzberg ist bekannt als der Verfasser der „Jüdischen Familienpapiere“, ein Buch, das zu seiner Zeit großen Eindruck auf die jüdische Öffentlichkeit machte. (Das Buch wurde von Rabbi Binjamin ins Hebräische übersetzt).

In der Memoirenliteratur[6], die von Menschen palästinensischer Geburt geschrieben wurde, eine Gattung der hebräischen Literatur, die leider viel zu wenig beachtet und bekannt ist, finden wir eine ganze Reihe von Angaben und Beschreibungen von Personen, die zu diesen früheren Einwanderungsströmen deutscher Juden nach Erez Israel zu rechnen sind. Da ist das Buch von Ephraim Cohn-Reiss, dem ehemaligen Leiter der Hilfsvereinsschule: Sichronoth Isch Jeruschalaim, dem wir eine Reihe von interessanten Einzelheiten zu verdanken haben. So erzählt er von einer Abordnung der in Jerusalem wohnenden preußischen Staatsangehörigen des Kolel „Hod“ (Abkürzung des Sammelnamens Holland und Deutschland) an den preußischen König, der damals eine Pilgerfahrt ins Heilige Land machte, und dabei eine amüsante Episode zwischen dem König und R. Arje Markus aus Keidan.

Auch das Buch Jehoschua Jellins, David Jellins Vater: „Sichronoth Ben Jeruschalaim“, enthält eine Fülle hochinteressanter Erinnerungen, besonders zur Entstehungsgeschichte des Kolel Hod liefert er manchen Beitrag. Er schildert das Bankhaus der Gebrüder Lehren in Amsterdam, ihre Frömmigkeit und Liebe zu Erez Israel. Die Brüder Zwi Hirschl und Akiba Lehren waren die Organisatoren der Chalukka[7] in den west- und nord- europäischen Ländern (Holland, Deutschland, England, Dänemark, Frankreich, Belgien usw.), eine Organisation, die unter dem Namen der „Pekidim weamavkalim de amsterdam“ und „Deutsch-Holländische Palästinaverwaltung“ bekannt war und auch heute noch besteht. In den Aufsätzen Abraham Mosche Luncz´ sind als Förderer der „Pekidim und Amarkalim[8]“ u.a. angegeben: R. Josef Ettlinger, R. Meir Lehmann, R. Esriel Hildesheimer, (die Familie H. soll noch heute eine „Chasaka“, Vorzugsrecht, auf eine Wohnung in den Bate Machasseh der Jerusalemer Altstadt haben), R. Schlomo Salman Breuer, R. Jizchak Dow Bamberger, R. Ascher Lemmel, Dr. Salvendi, Dürckheim u.a. Über die Familie Lehren erzählt Jehoschua Jellin, die Beamten der Bank Lehren lernten jeden Tag gemeinsam Gemore[9], d.h. die Bank diene gleichzeitig als Jeschiwa, selbst in Russland konnte man keine solche fromme Jeschiwa wie die des Zwi Hirschl Lehren finden. Angriffe heftiger Art finden wir in alten Jahrgängen der Zeitschrift „Der Orient[10]“ von Fürst. Von Seiten Lipman Hirsch Löwensteins und Rafael Kirchheims (ein hebräischer Schriftsteller, bekannt als Verfasser von „Karme Schomron“, eines Werkes über die Samaritaner, und als Redakteur der Schriften Abraham Geigers) wurde Zwi Hirschl Lehren vorgeworfen, er benutze sein Gewicht als Vorsitzender der „Pekidim und Amarkalim“ zu unrechtmäßiger Einmischung in innere Verhältnisse des Jerusalemer Rabbinats, zur Unterdrückung Andersdenkender, Bespitzelung von Leuten in Palästina, sogar Vorwürfe finanzieller Art wurden ihm gemacht.

Von Landsleuten Lehrens in Jerusalem sind zu nennen die Familien Goldschmidt und Nathan Koronil. Mosche Jizchak Goldschmidt, ein Freund Jehoschua Jellins, ein sehr angesehener Mann, war ein Verwandter der Familie Lehren, 2. Vorsitzender des Kolel Hod, und genoss überall großes Vertrauen. Auch Wilhelm von Rothschild aus Frankfurt am Main, genannt der fromme Baron, der mit großen Summen bei der Errichtung der Bate Machasseh half (eine Tafel dort verewigt seinen Namen), schickte seine Gelder nach Jerusalem zu Händen von Mosche Jizchak Goldschmidt. Andere Angehörige der Familie Goldschmidt waren Juda Leib Goldschmidt und Jaakob Josef Goldschmidt, der Sohn von J. J. Goldschmidt, Zwi Goldschmidt, war ehemals Turnlehrer in der Schule des Hilfsvereins, und ist heute bekannt als Inhaber des Hotels Goldschmidt in Jerusalem. Auch die Nachkommen Nathan Koronils, der bei seiner Einwanderung erst in Safeth, später in Jerusalem wohnte, leben hier im Hause der Familie Menasche Eljaschar, ihrer Verwandten. Ein Bild zeigt ihren Vorfahren Nathan Koronil ganz als sefardischen Chacham[11] gekleidet — auch R. Josef Schwarz, von dem noch die Rede sein wird, ging so gekleidet, ebenso wie die meisten Aschkenasim der damaligen Zeit — R. Nathan Koronil war der Verfasser von „Secher Nathan“ und auch ein Buch „Chamischa Kuntressim“ wird von Prof. Klein in seiner Geschichte des jüdischen Jischuws in Erez Israel als Schrift Nathan Koronils erwähnt.

Soweit zur Geschichte der holländischen Juden in Palästina. Die Einwanderung z.B. der Familien Hoofien und Van Vriesland gehören einer späteren Zeitepoche an.

Bevor wir nun dazu übergehen, das Material, das über deutsches Judentum in Palästina handelt, dem freundlichen Leser vorzulegen, sollen einige Bemerkungen über die Quellen der Angaben und über die Schwierigkeiten der Sammlung gemacht werden. Außer den Luncz’schen Kalendern „Jerusalem“, den Erinnerungen Jehoschua Jellins und Ephraim Cohn-Reiss´ , Aufsätzen Abraham E. Bergmanns im „Haaretz“ von Erew Pessach 5694 und vom 9. September 1934 unter dem Titel: „Einwanderer aus Deutschland in Palästina vor 100 Jahren“, einem Beitrag S. Barons in dem David Jellin gewidmeten Sammelbuch „Minvah Ledavid“ den Aufsätzen Dr. Israel Hildesheimers (enthalten in dessen Gesammelten Aufsätzen), den Beilagen Dr. Salvendis aus Dürckheim zur Jüdischen Presse, Ludwig August Frankls: „Nach Jerusalem“, u.a. muss auch Erwähnung geschehen der Arbeiten von Pinchas Ben Zwi Grajewsky, eines Jerusalemers, der in 122 Heften eine Fülle von Material zur Geschichte des alten Jischuws zusammengetragen hat. Die Benutzung dieser Hefte, aus verschiedenen Serien bestehend, „Miginse Jeruschalaim“, „Beth Ha-Ozar“, „Chowewim Rischonim“, „Pinkas Jeruschalaim“ und so fort betitelt, ist nicht einfach, Tausende Namen und Angaben sind unübersichtlich durcheinander geordnet, ein Schlüssel für diese 122 Hefte liegt nicht vor. Die Hauptstütze für meine Ausführungen waren mündliche Angaben einer Reihe von Personen, die in Jerusalem wohnen oder hierherkamen. Im Chug Iwri der Olej Germania hier referierten Rabbi Benjamin und Dr. A. W. Brawer über deutsche Juden in Erez Israel, bzw. über Rabbi Josef Schwarz. Dr. Engel von der Unterrichtungsabteilung des Waad L’umi[12], Isral Löbl, der jetzige Sekretär von Kolel Hod, Zwi Goldschmidt, David Jellin, A. E. Berg- mann, Dov Sachs, Jochanan Schlank und eine Reihe von anderen Personen waren mir durch Überlieferung mündlicher Mitteilungen nach Kräften behilflich. Doch ist das vorhandene Material sicher unvollständig und vielleicht auch in manchen Einzelheiten fehlerhaft. Meines Erachtens müssten die Akten des Kolel Hod, soweit sie noch vorhanden sind, durchgearbeitet werden, evtl. entsprechende Korrespondenzen in Amsterdam und Frankfurt, auch die alten Akten des preußischen, bzw. deutschen Konsulats hätten Bedeutung, die jüdische Presse vieler Jahrzehnte müsste einer genaueren Durchsicht unterzogen werden, die rabbinische Literatur des letzten Jahrhunderts (z. B. die „Fragen und Antwor- ten“ des Preßburger „Chatam Ssofer“). Die mündliche Befragung alter Leute, die in der Altstadt wohnen, war durch die Unruhen im Lande, die den Verkehr zwischen Altstadt und Neustadt erschwerten und gefährdeten, unmöglich geworden. Aus diesen Gründen mögen die Mängel dieses Aufsatzes mit Nachsicht betrachtet werden.

Wenn wir die Geschichte dieses Einwanderungsstromes der Leute von „Hod“ (der Kolel wurde Ende der 40er Jahre gegründet, mit dem Jahre 1830 ansetzen wollen, so wollen wir doch die wenigen Angaben der „vorgeschichtlichen Zeit“ wenigstens nicht mit Stillschweigen übergehen.

1336 findet Ludolf von Suchhem in Safeth einen Juden aus seiner Heimat Westfalen (siehe J. Braslawsky: „Jedioth“ der hebräischen Gesellschaft der Erforschung Palästinas und ihrer Altertümer, Heft 1/2, 5696).

Über die Einwanderung deutscher Juden im 13. Jahrhundert aus Mainz, Worms, Speyer und Oppenheim, die den Meharam von Rothenburg[13] nach Erez Israel begleiten wollten, berichtet auch Prof. Klein in seinem Buch. Besonders die Verfolgungen der Jahre 1336 und 1337 und die der Jahre nach der schwarzen Pest in den Jahren 1348—50 gaben der Einwanderung einen starken Anstoß.

Als Gründer des aschkenasischen Jischuws wird von Rabbi Josef Schwarz in einem Brief an seinen Bruder Chaim (siehe Grajewsky: Beth Ha-Ozar B.) angegeben Rabbi Schimon Insburg (Insbruck?) aus Frankfurt am Main, ebenso Rabbi Juda Chassid, der zwar aus Polen stammte, aber ebenfalls aus Frankfurt nach Palästina einwanderte.

Simon van Geldern (siehe David Kaufmann: Aus „Heinrich-Heines-Ahnensaal[14]“ und den Aufsatz von Prof. Torczyner[15] in dem dem Andenken von Luncz gewidmeten Sammelband), der im Jahre 1766 das Land besuchte, bemerkt, er wäre der erste Deutsche seit 50 Jahren.

Erst viele Jahrzehnte später kommt Rabbi Josef Schwarz, der eigentliche Gründer und Vorsitzende des Kolel Hod nach Jerusalem. Rabbi Josef Schwarz wurde im Jahre 1804 in Floss in Bayern geboren, 1833 kam er ins Land und starb im Jahre 1865. In diesen 32 Jahren hat sich Rabbi Josef Schwarz als Forscher auf geographisch-topographisch-historischem Gebiet einen Namen gemacht, sein Werk „Tewuoth Haaretz“ (von seinem Bruder unter dem Titel: Das Heilige Land ins Deutsche übersetzt) ist noch heute eine der wichtigsten Quellen für den palästinensischen Forscher. Schwarz war ein streng frommer Mann europäischer Bildung, unter den damaligen Juden Palästinas eine Seltenheit. Auch als Astronom und Dichter wurde er geschätzt. Es wäre ein Zeichen historischer Dankbarkeit und auch von symbolischer Bedeutung, wenn in Jerusalem, der Stadt, in der Rabbi Josef Schwarz gelebt und gewirkt hat, eine Straße mit seinem Namen verbunden würde. Auch ist das Faktum, dass in diesen Jahren die Einwanderung deutscher Juden nach Palästina ihr hundertjähriges Jubiläum feiert, unbemerkt an der jüdischen Öffentlichkeit vorübergegangen, vielleicht sind diese ernsten Jahre wenig dazu angetan, an historische Feiern zu denken, jedoch die Anciennität[16] der Palästinabewegung im deutschen Judentum aufzuzeigen, ist nicht ohne gefühlsmäßiges Interesse für uns Nachgeborene, und aus diesem Grunde sollte der deutsche Jude an dieses Datum erinnert werden, dass er sehe, auch in den Herzen seiner Vorväter habe die Liebe zu Zion geleuchtet.

Jedoch, die historische Wahrheit erfordert zu sagen, dass ebenso wie bei allen anderen Einwanderungsströmen politische und wirtschaftliche Beweggründe auch bei dieser Einwanderung maßgebend waren. In den 30 er und 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts wanderten Tausende deutscher Juden, besonders aus den Ländern Bayern, Württemberg, Posen nach Amerika und England aus, in vielen deutschen Ländern bestanden wirtschaftliche Beschränkungen, auch Heiratsbeschränkungen, in manchen Gegenden konnten nur die erstgeborenen Söhne heiraten. Der wirtschaftliche Aufstieg der Emanzipationsepoche ließ diese Tatsache einer früheren Massenauswanderung aus Deutschland in Vergessenheit geraten. Man blättere in alten Jahrgängen der „Allgemeinen Zeitung des Judentums[17]“ und wird dort eine Reihe von Berichten finden: Abschied von der Heimat, „Eine Gruppe von Auswanderern aus Württemberg“ usw. Auch Leschinsky[18] hat auf dieses vergessene Kapitel der jüdischen Wanderbewegung aufmerksam gemacht. Ein kleiner unbedeutender Nebenfluss dieses Auswanderungsstromes, der für die Geschichte des anglosächsischen und amerikanischen Judentums mitbestimmend wurde, war die Gründung des deutsch-jüdischen Jischuws im Heiligen Lande.

Die Größenverhältnisse dieser Alijah sind uns ungefähr bekannt. Abraham Mosche Luncz teilt in seinem Kalender vom Jahre 5671 (1911), Band 9, im Abschnitt über die „Pekiduth wehaamarkeluth de Eretz Hakodesch be Amsterdam“ folgende Zahlen mit:

5607 (1847) stieg die Zahl der Mitglieder vom Kolel Hod auf 44 Seelen,

5608 (1848) auf 55 Seelen. In einer anderen Quelle wird für das Jahr

5615 (1855) die Zahl der deutschen Juden mit 60 Seelen angegeben, und Dr. Hildesheimer gibt zu Anfang

5660? (1900?) dieses Jahrhunderts die Zahl der deutschen Juden Jerusalems mit 100 Seelen an.

Sicher werden sich aus den Akten des Kolel genauere Zahlen auch für viele andere Jahre feststellen lassen. Selbst wenn in den angegebenen Zahlen ein oder mehrere Juden aus Holland, Luxemburg miteinbegriffen sein sollten, sicher ist, dass es sich um überwiegend deutsche Juden hierbei gehandelt hat.

Dass die Fruchtbarkeit der deutschen Juden bei dem damaligen Einwanderungselement recht groß gewesen sein muss, ersehen wir aus einer Bemerkung Luncz’, der zu Beginn seines Aufsatzes über die „Chalukka“ in dem obenerwähnten Heft uns mitteilt, dass die ersten, die sich von dem gemeinsamen Kolel der „Peruschim[19]“ getrennt hätten, acht Familien aus Deutschland und Holland gewesen seien. Das war im Jahre 5609 (1849), wo schätzungsweise einige fünfzig Seelen zum Kolel Hod gehört haben können. Immerhin scheint diese Zahl uns merkwürdig hoch zu sein, eine Familie müsste im Durchschnitt 7 Köpfe gezählt haben, und dabei ist auch noch anzunehmen, dass die Einwanderer jüngere, ja oft unverheiratete Leute waren!

Recht aufschlussreich sind die Briefe Elieser Bergmanns, die sein Nachfahr Abraham E. Bergmann im „Haaretz“ veröffentlicht hat, und die auch im hebräischen Teil der „Jüdischen Rundschau[20]“ vor einiger Zeit auszugsweise wiedergegeben wurden. Elieser Bergmann wurde im Jahre 1799 im Dorfe Hindheim (?) bei Gunzenhausen in Bayern geboren, er wurde der Schwiegersohn Mendel Rosenbaums aus Zell, eines einflussreichen reichen Mannes, der Schtadlan[21] am Münchener Königshofe war und wegen seiner öffentlichen Tätigkeit zu Gunsten seiner jüdischen Brüder den Beinamen „Bayrischer Judenkardinal“ führte. Elieser Bergmann wanderte ein Jahr nach seinem engeren Landsmann Rabbi Josef Schwarz nach Palästina aus, kam also 1834 nach Jerusalem. Seine Briefe, gerichtet an seinen Schwiegervater, sind Schilderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse, Lebensmittelpreise, der Wert der verschiedenen Münzsorten, die Aussichten der Handwerke und ihre Verbreitung, die Schechita in Safeth, Angelegenheiten der Chalukka, all das fand seinen Ausdruck in den nach Deutschland gerichteten Briefen, auch seine Frau Riwka Sila gibt in einem Brief eine anschauliche Schilderung der weiblichen Mode. Elieser Bergmann ernährte sich im Lande vom Handel und Wechselgeschäft, doch verlor er trotz der Hilfe seiner Verwandten sein Vermögen und kehrte 1850 oder 1851 nach Deutschland zurück. 1852 starb er im 52. Lebensjahre und wurde in Berlin auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. Im Lande blieben — seine erste Frau, vier Söhne und seine zweite Frau waren gestorben — seine beiden Söhne Binjamin Bergmann, der Großvater des judaistischen Professors Jehuda, und sein Nachkömmling Jehuda Bergmann, der ihm von seiner zweiten Frau geboren wurde. Nachkommen dieser Familie sind Rabbi Jehuda Bergmann in Kefar Iwri bei Jerusalem, früher Neve Jaakov, und die Kinder dieses Jehuda Bergmann.

Zu den ältesten Familien gehören ferner die Familien Schlank, Sachs, Hausdorf und Liebrecht.

Jochanan Zwi Schlank, anscheinend genannt nach seinem Herkunftsort „Schönlanke“ aus den deutschen Ostprovinzen, war ein Schüler des „Chatam Szofer“ in Preßburg. Der Londoner Oberrabbiner Hirschel Berlin wandte sich mit der Bitte an den „Chatam Szofer“, ihm einen der besten seiner Jeschiwabachurim für seine Nichte als Bräutigam nach England zu schicken. Die Wahl des „Chatam Szofer“ entfiel auf Jochanan Zwi Schlank. Die Hochzeit wurde in Palästina, wohin auch Raw Hirschel Berlin die jungen Leute begleitete, ausgetragen. In der Jerusalemer Altstadt lebt noch heute ein Nach-komme dieser Familie, Joschua Schlank, auch dessen Sohn, ein Neu-Einwanderer aus Frankfurt am Main, Jochanan Schlank und andere Angehörige der Familie wohnen in Jerusalem.

Rabbi Mosche Sachs, wohl Anfang des 19. Jahrhunderts in Dreißigacker bei Meiningen geboren — seine Nachkommen führen seinen Namen auf seine Herkunft aus Sachsen zurück, nicht jedoch auf das hebräische Notrikon[22] „Secher Kedoschim sserufim“ (Andenken an verbrannte Märtyrer) wie andere Familien dieses Namens — ist wohl der Früheste aus dem damaligen deutschen Einwanderungskreis, denn Grajewsky gibt in seinem „Pinkas Jeruschalaim“, Heft 1, seine Ankunft mit dem Jahre 1830 an, seinen Tod mit dem Jahre 1870. Sachs lernte in München und Wien Talmud und Medizin, er war Journalist und schrieb sowohl in hebräischen Zeitschriften wie dem „Libanon“ als auch in deutschsprachigen Zeitschriften seiner Zeit. S. Baron, wie auch Ludwig August Frankl, geben Briefe wieder, bzw. Gespräche mit ihm, die Zeitschrift „Der Orient“ berichtet über die Begegnung eines deutschen Fürsten in Nordafrika mit Rabbi Mosche Sachs, wohin dieser im Auftrag Jerusalemer Institutionen als Chacham und „Schadar[23]“ gesandt worden war. Nachkommen dieses Mannes bilden Angehörige der Jerusalemer Familie Sachs. In der Nähe der Synagoge auf den Namen von Rabbi Zadok Sachs in der Chabadstraße in der Altstadt wohnt der Vater von Dov Sachs, eines Kaufmannes, und auch dessen Kinder leben hier in Jerusalem.

Esriel Selig Hausdorff kam aus Schlesien (Mieslowyz oder aus Breslau) im Jahre 5607 (1847) ins Land. Grajewsky berichtet u. a. in einem Aufsatz im Haaretz vom 04.06.36, dass E. S. Hausdorff ein für das öffentliche Wohl höchst interessierter und tätiger Mann gewesen sei, der bei der Gründung des Waisenhauses Diskin, in der Leitung des Bikkur-Cholim-Hospitales, der Gründung der „Bate Machasseh“ in Angelegenheiten der Wohltätigkeits- und Lehrinstitute der Pariser Rothschilds seine Hilfe und seinen Rat dauernd zur Verfügung stellte. Ansehen genoss er auch beim preußischen und österreichischen Konsulat und hatte im österreichischen Konsulat ein Ehrenamt inne, er bekam auch Orden verliehen, eine mit goldenen Fäden bestickte amtliche Uniform wurde ihm ehrenhalber zum Geschenk gemacht, in Fällen von Anschuldigung und Rechtlosigkeit stand er den Betroffenen zur Seite, er war in Thora und Wissenschaft gleichermaßen erfahren. Von seiner Hinreise ins Land wird erzählt, in Seenot habe der Kapitän E. S. Hausdorff gebeten, „Schofar“ zu blasen, Hausdorff erfüllte den Wunsch, und der Zorn des Meeres legte sich.

Sein Sohn, der Raw Chaim Hausdorff, erzählt in seinen Erinnerungen über seinen Vater auch eine Geschichte von Baron Gustav de Rothschild, der 1853 im Aufträge seines Vaters Jacob Rothschild aus Paris ins Land kam, begleitet von Personen des französischen Adels und Generälen. Einer von diesen, gewahr geworden der Teilnahme, die der Baron an der gedrückten Lage der Juden nahm, sagte scherzhafterweise: „Da Ihr Vater sehr reich ist, bitten Sie ihn, dass er Erez Israel für die Juden kaufe.“ Die Antwort des Barons lautete: „Warum sollen wir das Land kaufen, es ist uns ja von Anfang an als Geschenk zugedacht worden“. (Anspielung auf die Abraham gemachte göttliche Verheißung).

Im Jahre 1905 starb E. S. Hausdorff völlig verarmt. Im ganzen Land, sowohl in Jerusalem als in Jaffa-Tel-Aviv und den Kolonien wohnen Angehörige und Nachkommen der Familie Hausdorff. In der Jerusalemer Altstadt wohnt R. Mordechaj Hausdorff, ein Jerusalemer Apotheker trägt den Namen Hausdorff, durch Heirat ist auch die Familie Jellin mit den Hausdorffs verwandt geworden.

Ebenfalls aus Schlesien stammt die Familie Liebrecht, deren Ahnherr R. Schlomo Liebrecht in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einem reichen Elternhaus in die dürftigen Verhältnisse des damaligen Palästinas ging. Sein Sohn war Meir Schimeon Liebrecht, und dessen Sohn der bekannte Pardessan Akiba Liebrecht in Petach Tikwah. Die Familie hatte die Verwaltung von Bodenbesitz R. Obadja Lachmanns aus Berlin. Über die Familie Liebrecht berichtet auch Grajewsky in seinem „Sikaron lechowewim rischonim“ Heft 13/18.

Auch der Arzt Dr. Simon Ben Nathan Fraenkel, über den Ludwig August Frankl berichtet, ist Schlesier. Er wurde in Zülz in Schlesien geboren. In Jerusalem war Dr. Fraenkel Direktor des Dispensatory von Moses Montefiore, er galt als europäisch gebildeter Mann und war ein Gegner der extremen Orthodoxie.

Grajewsky erwähnt Aharon Ben Jizchak Scheyer aus Frankfurt am Main, Schlomo Elbe aus Hamburg, der im Aufträge von Montefiore in Jerusalem eine Webschule einrichtete.

Ludwig August Frankl erwähnt auch in einer Liste von Getauften, die den Verlockungen der sehr tätigen Judenmission anheimgefallen waren, zwei deutsche Juden, Bergheim aus Posen und Hanauer aus Bayern.

In der Jerusalemer Altstadt führt eine Synagoge noch heute den Namen: „Das Deutsche Bessmedresch“ auch Stempel[24] des Kolel Hod sollen sich noch in der Altstadt befinden.

Eine Frau Djirassi in Jemin Mosche (Jerusalem) entstammt einer Familie Lilienthal aus Frankfurt am Main, auch ein Herr Freimann von der ,,Churba“ – Synagoge hatte einen Großelternteil von der Familie Lilienthal her, und in den Bathe Machasseh hat sich der Name auch noch direkt in einer Frau Lilienthal erhalten.

Drei Töchter eines Rabbiners Gottlieb aus Eydtkuhnen stammen aus Deutschland. Die Älteste, Frau Gisela Adelmann in Jerusalem ist in Neustadt an der Aich bei Nürnberg zur Welt gekommen, ihre Schwestern, Frau Marschak und Frau Fränkel wohnen in Tel-Aviv. (Die Familie Marschak ist auch mit der Familie Liebrecht verwandt.)

Der Name Fränkel wird auch als Gründer einer Synagoge in der Jerusalemer Altstadt erwähnt.

Auch die Familie Bernay, in Gsede Jaakob, die aus der Würzburger Gegend stammt, gehört zu den Familien des alten deutsch-jüdischen Jischuws im Lande.

R. Nachum Zelniker, Gabbe (Synagogenvorsteher) in der Altstadt, ist zu erwähnen. Ein jüngeres Mitglied der Familie ist Chauffeur, im Augenblick Gapir (Hilfspolizist) in Jerusalem.

Der Sänger Schlomo Weißfisch teilte mit, sein Großvater Joschua Weißfisch, wäre aus der Mark Brandenburg nach Erez Israel eingewandert, auch heute noch besäße er ererbter Weise die deutsche Staatsbürgerschaft.

Im Übrigen will die deutsche Staatsbürgerschaft wenig besagen. Zu Zeiten der Kapitulationen im alten türkischen Reich war es vorteilhafter, englischer, österreichischer, preußischer oder amerikanischer Schutzbürger zu sein. Joschua Jellin erzählt uns, dass Joel Mosche Salomon, Chaim Salomons Vater (Chaim Salomon war vor einigen Jahren stellvertretender Bürgermeister Jerusalems), deutscher Staatsangehöriger war, und ebenso ist uns dieselbe Tatsache von anderen bekannt.

Von Einwanderern der letzten Jahrzehnte sind noch zu nennen Preuß (nicht mehr am Leben), und Herr Ernst Hermann, der 1907 ins Land kam und hier ein Vermögen verlor. Ernst Hermann wohnt jetzt in Tel Aviv.

In Tel Aviv wohnt auch der Studienprofessor David Tachauer, der einen Stammbaum der Familie Mendel Rosenbaum aus Zell verfasst hat.

Ein Abkömmling der Familie Mendel Zell — so wurde er genannt — ist R. Schlomo Wechsler.

Wechsler, der aus Unterfranken stammt — sein Vater war Schwabacher Raw — wurde hier im Lande, wo er seit Jahrzehnten in einer der Wohnungen der Bathe Machasseh wohnt, Chassid, und zwar Chassid der Brazlawer Richtung, Anhänger Rabbi Nachmanns von Brazlaw, der in Uman beerdigt ist und zu dem auch heute noch Juden unter den größten Schwierigkeiten wallfahrten. Wechsler ist einer der letzten Empfänger der so überaus dürftigen Chalukka, und es wird wenig Menschen geben, die diese Bedürfnislosigkeit mit ihm teilen wollen. Der Glauben an das baldige Kommen des Maschiach ist in Wechsler lebendig, und neben dem Talmudstudium und der Vertiefung in den Sohar beschäftigt ihn die Gimatrijah, nach der das Kommen des Maschiach berechnet wird.

Im Jahre 1906 wurde im Auftrag der Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung Rabbi Jonathan Halewi Horowicz als Leiter der Angelegenheiten des Kolel „Hod“ eingesetzt, eine für die Altstadt repräsentative Wohnung in den Bathe Machasseh ist der Wohnsitz von Rabbi Horowicz. Seit langem jedoch führen die Geschäfte des Kolel der Arzt Dr. Moritz Wallach und als Sekretär des Kolel fungiert Herr Israel Löbel. Zu den Verwandten Dr. Wallachs gehören die Familien Marx und Stern. Als Theodor Herzl seine Palästinareise, die ihn in Kontakt mit Kaiser Wilhelm II. brachte, durchführte, war er Gast der Marx’schen Familie in der Mamillastraße. Der alte Herr Marx ist erst 1935 in Jerusalem verschieden. Auch das Geschäft Michael Sterns liegt in der Mamillastraße, ein Sohn Michael Sterns, der in Deutschland lebte, ebenso wie seine Schwester Frau Friedmann, sind wieder in ihre Geburts- stadt Jerusalem zurückgekehrt.

Rabbi Horowicz, der früher in Frankfurt am Main lebte, ebenso wie Herr Israel Löbel sind ungarische Juden. Auch die Frau von Schlomo Wechsler ist eine ungarische Jüdin. Es scheint zwischen dem ungarischen Judentum und dem deutschen Judentum in Erez Israel vielleicht infolge gemeinsamer Minhagim, der deutschen Sprache vieler ungarischer Juden, vor allem durch den Kontakt der deutschen und der ungarischen Orthodoxie — Dr. Israel Hildesheimer war Raw in Eisenstadt, der Chatam Ssofer in Preßburg war ein geborener Frankfurter, Rabbi Akiba Eger aus Posen dagegen stammte aus Ungarn — ein engeres Verhältnis geherrscht zu haben, als zwischen den deutschen Juden im Lande und Juden anderer Länder sonst. So galten Wilhelm Groß und Dr. Engel vielen Jerusalemern als deutsche Juden, worauf Sprache, Erziehung, bzw. Studium in Deutschland, hinzuweisen schienen.

Der mehrfach erwähnte Chatam Szofer in Preßburg war der eigentliche Gründer des Kolel „Hod“ von Europa aus. Vorkämpfer der Chibbath-Zion-Bewegung, Rabbi Zwi Hirsch Kalischer aus Thorn (ein jetzt veröffentlichter Stammbaum weist die Verwandtschaft Dr. Arthur Ruppins mit Kalischer nach) und Rabbi Elijah Gutmacher aus der Stadt Graetz (polnisch Greiditz) standen in enger Fühlung mit dem damaligen jüdischen Jischuw. Zwi Hirsch Kalischer ist der zionistischen Geschichte bekannt als der Verfasser von „Drischath Zion“, ein Buch, das 1862 erschien und großen Eindruck auf Moses Heß machte. Elijah Gutmacher — siehe „Szukath Schalom“ von Chaim Hirschensohn — war der erste und einzige chassidische Rabbiner auf deutschem Boden. Nachum Sokolow verdanken wir folgende Anekdote von Elijah Gutmacher: Ein Chossid aus Galizien kommt als Gast zu Rabbi Gutmacher. Nach seiner Heimat zurückgekehrt, wird der Chossid nach seinen Eindrücken und Erlebnissen im Hause des Rabbi gefragt. Der Chossid berichtet von einem Schabbath, wie schön er im Hause des Rabbi begangen worden wäre, von der „Dritten Mahlzeit“ (Sa’uda schlischith), die bei den Chassidim eine große Rolle spielt, es hätte Brot gegeben und Challe und vieles andere Gute. Erstaunt fragt man den Chossid: „Und Fleisch habt Ihr nicht bekommen?“ Worauf der Chossid antwortet: „Es gab Fleisch, aber ich habe keines gegessen, er ist doch ein Preuße!“

In einem heftigen Streit, der den alten Jerusalemer Jischuw in Aufregung versetzte und sogar zur Einmischung der Behörden und der Konsuln führte, wandte sich die eine Partei — so berichtet Joschua Jellin — an Rabbi Elijah Gutmacher, die andere Partei aber an Rabbi Zwi Hirsch Kalischer, um durch das Gewicht so wichtiger rabbinischer Autoritäten der Sache R. Schaul Benjamin Kohens oder R. Fischei Lapins zum Siege zu verhelfen.

Dinaburg spricht in seinem Buche „Chibbath Zion“ auch von einem Zentrum der Chowewe Zion in Frankfurt an der Oder und erwähnt in diesem Zusammenhänge den Namen Dr. Chaim Lorje, Lurje oder Lurja, ein Mann, der in Verbindung mit Rabbi Hirsch Kalischer und wahrscheinlich auch mit Moses Heß war.

Aufmerksam zu machen ist auch auf Samuel Straus aus Karlsruhe[25], ein Mann, der mit einer Reihe agudistischer und zionistischer Familien verwandt ist. Straus verdankt Jerusalem den Bau von sieben Häusern in den Bathe Machasseh und in der Nähe des Nablustores, zusammen mit dem Mainzer Rabbiner Markus Lehmann[26]. Eine Reihe anderer Namen wurden schon oben als Förderer des Kolel „Hod“ aufgeführt.

Schließlich sei noch vermerkt, dass in den letzten Jahrzehnten unter den Einwanderern aus Deutschland auch zurückgebliebene oder schwer erziehbare Kinder ins Land kamen, sei es, dass die Eltern glaubten, die Luft Palästinas mache weise (talmudisches Wort), sei es, dass sie glaubten, Landarbeit erfordere weniger geistige Anstrengungen, oder auch aus anderen Beweggründen heraus.

Es ist ein interessantes, wenn auch wenig beachtetes Kapitel Palästinakunde, das hier berührt worden ist, wichtig sowohl als Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums als auch eine Anregung zum Studium der jüdischen Familienkunde, der merkwürdigerweise in hebräischer Sprache von wissenschaftlicher Seite weniger Beachtung geschenkt worden ist als in deutscher Sprache, die ja in der Zeitschrift für „Jüdische Familienforschung[27]“ ein ernstes Forum gefunden hat. Aber auch für den deutschen Juden, der in den Jahren 1933 bis 1936 nach Erez Israel kam, sollte die Geschichte des Kolel „Hod“ ein Glied in der Kette sein, die später, unter ganz anderen Verhältnissen und Voraussetzungen, zur „Hitachduth Olej Germania[28]“ führte.

Die nachfolgenden Artikel wurden unter Zuhilfenahme von KI erstellt.

Fritz Meir Fraenkel

Lebensdaten im Überblick

  • Geburt und Herkunft: 4. September 1906 in Berlin, in eine assimilierte, wohlhabende jüdische Bankiersfamilie („Bank Fraenkel“). Vater: Felix-Osher Fraenkel; Mutter: Margarete geb. Pick. Zwei Schwestern. Der Name ehrte die Großväter und Heinrich Heine.
  • Jugend und Ausbildung: Frühes Interesse am Hebräischen (Selbststudium + Privatlehrer). 1919 einer der ersten Schüler der hebräischen Sprachschule von Dr. Moshe Zmora. Mitglied der zionistischen Jugendbewegung Blau-Weiß, aktiv in Berlin und Leipzig (u. a. für den Keren Kayemet). Artikel in der Jüdischen Rundschau bis 1938. Studium der semitischen Sprachen an der Universität Gießen; Forschung zu Wortverwandtschaften zwischen Hebräisch und anderen semitischen Sprachen.
  • Alija: 1933 Auswanderung nach Palästina (Familienangehörige kamen in der Shoah um). Niederlassung in Jerusalem, Heirat mit Miriam Wigderhaus.
  • Berufliches und wissenschaftliches Wirken: Tätigkeit in den nationalen Institutionen und beim Keren Hayesod. Parallel intensive Arbeit an der Erforschung und Pflege des modernen Hebräisch sowie Unterricht für Neueinwanderer. Ca. 700 Artikel in hebräischen und deutsch-jüdischen Periodika (HaTzofe, HaBoker, Haaretz, Davar u. a.). Mitarbeit am Neuen Wörterbuch von Avraham Even-Shoshan. Bücher und Studien zu hebräischer Morphologie, Folklore der Berliner Juden und möglichen Verbindungen zwischen Hebräisch und indogermanischen Sprachen (u. a. Zur Theorie der Lamed-He-Stämme, Jerusalem 1970).
  • Tod: 1976 in Israel.

Alter Jischuw

Der Alte Jischuw (hebräisch: היישוב הישן, haYishuv haYashan, wörtlich „die alte Siedlung“) bezeichnet die jüdischen Gemeinden im Gebiet des osmanischen Palästina (bzw. der südlichen Levante) vor dem Beginn der modernen zionistischen Einwanderungswellen (Aliyot). Die Abgrenzung erfolgt üblicherweise bis etwa 1881/1882 (Beginn der Ersten Aliyah); der Begriff wird manchmal bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bzw. der Konsolidierung des Neuen Jischuw verwendet.

Unterschied zum Neuen Jischuw

Im Gegensatz zum Neuen Jischuw, der von zionistischen Idealen (Arbeit, Selbstversorgung, Landwirtschaft, säkulare oder nationalistische Ausrichtung) geprägt war, bestand der Alte Jischuw vorwiegend aus religiösen Juden. Sie lebten hauptsächlich von Spenden aus der Diaspora (hebräisch Chalukka oder Tzedakah), die über Kollelim (Organisationen nach Herkunftsland oder -gruppe) verteilt wurden. Viele widmeten sich dem Torastudium und dem Leben in den heiligen Städten, um religiöse Gebote zu erfüllen.

Zusammensetzung und Herkunft

Der Alte Jischuw war keine homogene Gruppe, sondern setzte sich aus mehreren Schichten zusammen:

  • Mustaʿarabim: Arabischsprachige Juden, die schon vor dem Islam im Land lebten und kulturell arabisiert waren.
  • Sephardim: Ladino-sprechende Juden, die vor allem nach der Vertreibung aus Spanien (1492) und in der mamlukischen/frühen osmanischen Zeit ankamen.
  • Aschkenasim: Einwanderer aus Europa, darunter Chassidim (ab dem späten 18. Jahrhundert) und besonders die Peruschim (Schüler des Gaon von Wilna), die ab 1808/1810 in größeren Gruppen kamen.

Weitere Zuwanderer stammten aus Nordafrika, dem Jemen, Persien und dem Kaukasus.

Geografische Zentren

Die Gemeinden konzentrierten sich vor allem auf die vier Heiligen Städte des Judentums:

  • Jerusalem
  • Hebron
  • Safed (Tzfat)
  • Tiberias

Kleinere Gemeinschaften existierten in Jaffa, Haifa, Akko, Nablus, Pekiʿin, Schfaram und anderen Orten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden erste Wohnviertel außerhalb der Jerusalemer Altstadtmauern (z. B. Mishkenot Sha’ananim 1860, finanziert durch Moses Montefiore). Auch die Siedlung Petach Tikwa (1878) ging teilweise auf Initiativen des Alten Jischuw zurück.

Demografie und Lebensbedingungen

  • Um 1800: ca. 7.000 Juden
  • Mitte 19. Jahrhundert: ca. 12.000 Juden
  • Um 1880/1882: ca. 24.000–27.000 Juden (ca. 2–5 % der Bevölkerung der Region; weltweit nur 0,3 % aller Juden)

Die Lebensbedingungen waren oft schwierig: Armut, Abhängigkeit von Spenden, enge Wohnverhältnisse (besonders in Jerusalem), Erdbeben (z. B. Safed 1837), Seuchen und politische Unruhen (u. a. unter Muhammad Ali in den 1830er-Jahren). Die Gemeinden organisierten sich in Kollelim nach Herkunft (z. B. Kollel Hod für Holländer und Deutsche).

Historische Entwicklung

Nach dem starken Rückgang der jüdischen Bevölkerung in der Spätantike und dem frühen Mittelalter gab es eine kontinuierliche, wenn auch kleine Präsenz. Wichtige Impulse kamen durch messianische Erwartungen (z. B. um 1840), die Einwanderung der Chassidim und Peruschim sowie die osmanischen Reformen (Tanzimat). Ab dem späten 19. Jahrhundert verwischten sich die Grenzen zum Neuen Jischuw allmählich, besonders in städtischen Vierteln und ersten landwirtschaftlichen Projekten.

Der Alte Jischuw bildete die Grundlage der ununterbrochenen jüdischen Präsenz im Land und diente als Ankerpunkt für die spätere zionistische Siedlungsbewegung. Viele seiner Institutionen und Familien setzten sich im modernen Israel fort.

Kolel Hod

Kollel Hod (hebräisch: כולל הו“ד, wörtlich „Jüdische Gesellschaft von Holland und Deutschland“) war eine jüdische Gemeinde- und Wohltätigkeitsorganisation im osmanischen Palästina im 19. Jahrhundert. Sie bestand aus Juden, die aus den Niederlanden und Deutschland (Deutschland) eingewandert waren.

Hintergrund und Zweck

Im osmanisch kontrollierten Palästina (besonders in Jerusalem) existierten zahlreiche solche „Kollelim“ – Organisationen, die Juden aus bestimmten Herkunftsländern zusammenfassten. Sie dienten vor allem der Verteilung von Spendengeldern (Chalukka) aus der Diaspora, um die Einwanderung und den Unterhalt der jüdischen Gemeinschaft im Land Israel zu unterstützen. Kollel Hod vertrat speziell die aus Holland und Deutschland stammenden Juden, die durch die Emanzipation und die industrielle Revolution technologisch und sozial fortgeschrittener waren als viele andere Gruppen.

Mitglieder genossen oft Respekt bei den lokalen türkischen Behörden und passten sich teilweise an (z. B. durch traditionelle türkische Kleidung).

Geschichte

Die Organisation wurde im 19. Jahrhundert gegründet und entwickelte sich zur reichsten jüdischen Vereinigung im Land Israel – mit mehr Mitteln und Mitgliedern als die sephardische Gemeinde. Sie wuchs besonders in den 1830er-Jahren unter der Herrschaft von Muhammad Ali Pascha. Obwohl der Schwerpunkt in Jerusalem lag, unterstützte sie gelegentlich auch Projekte in anderen Orten (z. B. Petach Tikwa).

Wichtige Persönlichkeiten

Dazu gehörten unter anderem:

  • Moses Sachs (1800–1870)
  • Nachman Nathan Coronel (1810–1890)
  • Azriel Hildesheimer (1820–1899)

Aktivitäten und Beiträge

Kollel Hod half bei der Gründung und dem Unterhalt wichtiger Institutionen, darunter:

  • Das Shaare-Zedek-Krankenhaus
  • Die Lämel-Schule

Die bekannteste Leistung war die Finanzierung und der Bau der Batei Mahse (auch Batei Machse), eines Wohnkomplexes mit ca. 100 mietpreisgebundenen Wohnungen in der Altstadt von Jerusalem für arme jüdische Bewohner. Die Grundstücke wurden 1857 erworben. Aufgrund der Herkunft der Mitglieder gingen etwa ein Drittel der Wohnungen an Personen deutscher und niederländischer Herkunft, ein weiteres Drittel an ungarische Emigranten. Die Wohnungen galten als relativ geräumig und komfortabel im Vergleich zu den sonst engen Verhältnissen im jüdischen Viertel.

Kollel Hod ist Teil der Geschichte des Alten Jischuw (der vor-zionistischen jüdischen Gemeinschaft in Palästina) und der Chalukka-Systeme, die die jüdische Präsenz in Jerusalem und Umgebung finanziell stützten. Es handelt sich um eine historische Organisation des 19. Jahrhunderts und ist nicht mit modernen Kollelim (Talmud-Studienzentren für verheiratete Männer) oder anderen aktuellen Einrichtungen zu verwechseln.

Verhältnis der Aguda zum Alten Jeschuw

Die Aguda (Agudat Jisra’el / Agudath Israel) und der Alte Jischuw standen in einer engen ideologischen und organisatorischen Beziehung, die vor allem durch den gemeinsamen Widerstand gegen den säkularen Zionismus geprägt war.

Kurzer Überblick

  • Der Alte Jischuw war die traditionelle, streng religiöse jüdische Gemeinschaft in Palästina (vor allem in den vier heiligen Städten Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias), die vor den zionistischen Aliyot (ab 1882) existierte und von Spenden (Chalukka) und Torastudium lebte.
  • Die Aguda wurde 1912 in Kattowitz (damals Deutschland, heute Polen) als weltweite Organisation des aschkenasischen Torah-Judentums gegründet. Sie richtete sich gegen den Zionismus, Reformjudentum und säkulare Strömungen und wollte die traditionelle Lebensweise nach der Halacha schützen.

Verhältnis in Palästina

In Palästina entstand früh eine lokale Filiale der Aguda. Sie verstand sich ausdrücklich als Vertreterin und Schutzmacht des Alten Jischuw gegenüber dem aufstrebenden Neuen Jischuw (der zionistisch geprägten, oft säkularen Gemeinschaft).

Wichtige Punkte:

  • Die Aguda trat für die eigenständige Existenz und Anerkennung der ultraorthodoxen Gemeinden des Alten Jischuw ein. Sie wehrte sich dagegen, in die allgemeinen repräsentativen Organe des Neuen Jischuw (z. B. Knesset Israel) eingegliedert zu werden.
  • Sie unterstützte die traditionellen Institutionen des Alten Jischuw (Jeschiwot, Kollelim, Chalukka-Systeme) und baute eigene Strukturen auf (u. a. den Keren ha-Yishuv zur Förderung orthodoxer Siedlungsaktivitäten, unabhängig von zionistischen Fonds).
  • Führende Persönlichkeiten des Alten Jischuw, wie Rabbi Yosef Chaim Sonnenfeld (Oberrabbiner der Edah HaChareidis in Jerusalem), standen der Aguda nahe oder kooperierten mit ihr. Die Aguda half dabei, separatistische Strukturen zu festigen.
  • Ein prominentes Beispiel für die scharfe Opposition war Jacob Israël de Haan, ein Sprecher der Aguda und des Alten Jischuw, der 1924 von der Haganah ermordet wurde, weil er gegen die zionistische Staatsgründung und für Verhandlungen mit arabischen Führern eintrat.

Entwicklung und Nuancen

In den 1920er und frühen 1930er Jahren blieb die Aguda in Palästina weitgehend separatistisch und anti-zionistisch. Ab Mitte der 1930er Jahre (durch Einwanderung aus Deutschland und Polen sowie die Bedrohung durch den Nationalsozialismus) öffnete sie sich pragmatischer: 1933 schloss sie ein Abkommen mit der Jewish Agency über Einwanderungszertifikate und kooperierte später stärker mit den Institutionen des Jischuw.

Nach dem Holocaust und der Staatsgründung 1948 wandelte sich die Aguda von einer klar anti-zionistischen zu einer nicht-zionistischen Haltung. Sie akzeptierte den Staat Israel faktisch und nahm an der Politik teil (Status-quo-Abkommen mit Ben-Gurion über Schabbat, Kaschrut und religiöse Gerichtsbarkeit), behielt aber die ideologische Distanz zum säkularen Zionismus bei.

Spaltung

Nicht alle Teile des Alten Jischuw gingen den pragmatischen Weg der Aguda mit. Die radikaleren Gruppen (besonders ungarisch geprägte Kreise in Jerusalem) bildeten später die Edah HaChareidis und Organisationen wie Neturei Karta, die den Staat Israel bis heute ablehnen. Die Aguda repräsentierte den „moderateren“ Flügel der Haredim, der mit dem Staat arrangierte, ohne ihn religiös zu legitimieren.

Zusammengefasst: Die Aguda war die politische und organisatorische Fortsetzung und Verteidigung des Alten Jischuw gegen den Neuen Jischuw und den säkularen Zionismus. Sie bewahrte dessen traditionelle Werte und Institutionen, passte sich aber im Laufe der Zeit pragmatisch an die politischen Realitäten an.

Verhältnis der Zionisten zum Alten Jeschuw

Das Verhältnis der Zionisten zum Alten Jischuw war komplex, von Kritik und Konkurrenz geprägt, aber auch von Überschneidungen und pragmatischer Kooperation. Die Zionisten (besonders ab der Ersten Aliyah 1882) schufen den Begriff „Neuer Jischuw“ bewusst als Gegenstück zum „Alten Jischuw“ und sahen diesen oft als rückständig und reformbedürftig an.

Ideologische Grundhaltung der Zionisten

Die Zionisten erstrebten eine nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Eretz Israel durch produktive Arbeit, Selbstversorgung, Landwirtschaft, hebräische Sprache und moderne Institutionen. Der Alte Jischuw erschien ihnen als Gegenbild:

  • Er lebte weitgehend von Spenden (Chalukka) aus der Diaspora und konzentrierte sich auf Torastudium und Gebet in den vier heiligen Städten.
  • Viele Zionisten kritisierten diese Abhängigkeit als unproduktiv, „parasitär“ und typisch für das „Exil-Judentum“, das sie überwinden wollten.
  • Sie forderten soziale und wirtschaftliche Transformation: Juden sollten Bauern, Arbeiter und Unternehmer werden statt Gelehrte und Almosenempfänger.
  • Die Chalukka-Systeme und die Kollelim des Alten Jischuw wurden als Hindernis für den Aufbau einer modernen, selbsttragenden Gesellschaft gesehen.

In der zionistischen Historiografie wurde der Gegensatz oft scharf gezeichnet: Der Alte Jischuw als traditionell-religiös und passiv, der Neue als progressiv, national und aktiv.

Praktische Beziehungen und Konflikte

  • Konkurrenz um Ressourcen: Beide Seiten warben um Spenden aus der Diaspora. Zionistische Organisationen (Hovevei Zion, später Jewish Agency, JNF) lenkten Gelder zunehmend in landwirtschaftliche Siedlungen und moderne Institutionen um, was den Alten Jischuw finanziell unter Druck setzte.
  • Kulturelle und soziale Spannungen: Die Ankunft säkularer oder nationalistisch-religiöser Einwanderer (mit moderner Kleidung, gemischten Kibbuzim, hebräischer Alltagssprache) wurde vom Alten Jischuw als Bedrohung der traditionellen Lebensweise empfunden. Umgekehrt betrachteten viele Zionisten die Ultraorthodoxen als Hindernis für den Fortschritt.
  • Sprache: Die Förderung des modernen Hebräisch durch Eliezer Ben-Jehuda und andere stieß auf Widerstand bei Teilen des Alten Jischuw, die Jiddisch oder traditionelle Sprachen bevorzugten.
  • Siedlungen: Einige frühe landwirtschaftliche Projekte (z. B. Petach Tikwa 1878) gingen teilweise auf Initiativen aus dem Umfeld des Alten Jischuw zurück und wurden später von Zionisten unterstützt. Es gab also Überschneidungen.

Nuancen und Kooperation

Das Verhältnis war nicht nur antagonistisch:

  • Manche Mitglieder des Alten Jischuw unterstützten Modernisierungsversuche (bessere Wirtschaft, Landwirtschaft, Bildung).
  • Religiöse Zionisten (Misrachi) und einzelne Persönlichkeiten suchten Brücken.
  • Ab den 1930er-Jahren (besonders nach der Machtübernahme der Nazis und während des Holocaust) wuchs die pragmatische Zusammenarbeit: Die Aguda und Teile des Alten Jischuw kooperierten bei Einwanderungsfragen und im Kampf um die Rettung europäischer Juden.
  • Im Unabhängigkeitskrieg 1948 kämpften viele aus dem Umfeld des Alten Jischuw in den jüdischen Streitkräften mit. Vertreter der Aguda unterzeichneten die Unabhängigkeitserklärung.

Zusammenfassung

Die Zionisten betrachteten den Alten Jischuw überwiegend als überholte, unproduktive und religiös-konservative Gemeinschaft, die dem Aufbau einer modernen jüdischen Nation im Weg stand. Sie strebten dessen Transformation oder Überwindung an. Gleichzeitig existierten praktische Überschneidungen, und die Grenzen verwischten sich im Laufe der Jahrzehnte, besonders ab den 1930er/1940er Jahren. Der Alte Jischuw blieb jedoch ideologisch und sozial weitgehend distanziert vom säkularen Zionismus und bewahrte seine eigene Identität, die später in den Haredi-Gemeinschaften weiterlebte.


[1] 1. Weltkrieg

[2]  1919 – 1923

[3] KI: Chaluzim bedeutet „Pioniere“. Es bezeichnet die zionistischen Aktivisten, die im frühen 20. Jahrhundert den Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina anstrebten, sich dafür in Lehrgütern auf die körperliche Arbeit vorbereiteten und später kollektive Siedlungen gründeten.

[4] Wikipedia: Der Luah Eretz Yisrael (hebräisch לוח ארץ ישראל), im deutschen Sprachraum als Luncz-Kalender (Luah Luncz) bekannt, war ein bedeutender, von dem jüdischen Gelehrten Abraham Moses Luncz herausgegebener Jahrweiser und Almanach.

[5] KI: Der „Sprachenkampf“ (auch Sprachkrieg oder Language War genannt) war ein heftiger Streit 1913/14 um die Unterrichtssprache in den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Palästina (Erez Israel).

Der Hilfsverein der Deutschen Juden (gegründet 1901 in Berlin, u. a. von James Simon und Paul Nathan) war eine philanthropische Organisation deutscher Juden. Sie baute in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein umfangreiches Netz moderner Schulen in Palästina auf: Kindergärten, Volksschulen, ein Lehrerseminar in Jerusalem und vor allem das Technikum (später Technion) in Haifa. Diese Schulen erreichten zeitweise einen großen Teil der jüdischen Schüler, die moderne Bildung erhielten.

Anfangs wurde in vielen dieser Schulen auch Hebräisch verwendet. Ab etwa 1911/12 drängte die Leitung (u. a. Ephraim Cohn-Reiss und Paul Nathan) jedoch stärker auf Deutsch als Unterrichtssprache – besonders in naturwissenschaftlich-technischen Fächern und am geplanten Technikum. Begründung: Hebräisch sei für moderne Wissenschaft und Technik noch nicht ausreichend entwickelt, es fehlten Lehrbücher und Fachbegriffe; Deutsch als große Kultursprache biete bessere Anschlussmöglichkeiten.

Dagegen protestierten zionistische und hebraistische Kreise (vor allem Lehrer, Schüler und Teile des Jischuw) energisch. Sie sahen darin eine Bedrohung der hebräischen Sprach- und Kulturerneuerung und eine „Germanisierung“ bzw. Assimilation. Der Konflikt eskalierte im Herbst/Winter 1913/14:

  • Streiks und Demonstrationen an Hilfsverein-Schulen,
  • Austritte von Lehrern und Schülern,
  • Gründung rivalisierender hebräischer Schulen,
  • Rücktritte von Kuratoriumsmitgliedern (u. a. Ahad Ha’am, Schmarjahu Levin),
  • heftige Debatten in der jüdischen Presse in Palästina, Deutschland und darüber hinaus.

Höhepunkt war die Entscheidung des Technikum-Kuratoriums: Im Oktober 1913 wurde Deutsch für die technischen Fächer beschlossen, im Februar 1914 (unter Druck amerikanischer und russischer Mitglieder sowie der öffentlichen Kampagne) revidiert. Hebräisch setzte sich durch – zunächst an der angeschlossenen Realschule, schrittweise auch am Technikum.

[6] Wikipedia: Memoirenliteratur umfasst die schriftlichen Lebenserinnerungen von Personen, wobei der Fokus auf dem Erleben historischer Ereignisse, der Blick auf eine bestimmte Epoche und die öffentliche Rolle des Verfassers liegen. Wichtige Merkmale sind der subjektive Blickwinkel und die Ich-Perspektive

[7] Als Chalukka (hebräisch חלוקה, „Verteilung“) bezeichnet man ein historisches System der Armenfürsorge und Spendensammlung in der Diaspora, mit dem jüdische Gemeinden in Europa die Gelehrten und die jüdische Bevölkerung im Heiligen Land (Erez Israel) finanziell unterstützten

[8] Eine Organisation, die 1810 zur Unterstützung des Jischuw in Eretz Israel gegründet wurde

[9] Talmud

[10] Universitätsbibliothek Frank.a.M.: Die Wochenschrift erschien von 1840 bis 1851. Hg. War Julius Fürst. Der Orient setzte sich zum Ziel, seinen Lesern „das Auserlesenste auf dem Gebiet der jüdischen und der damit verwandten orientalischen Geschichte und Literatur und das Gründlichste auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft mitzuteilen“.

In der Epoche der Emanzipation richtete sich die Zeitschrift vornehmlich an das liberale, wissenschaftlich interessierte Bildungsbürgertum und versuchte dessen Wunsch nach einer säkularen Bestimmung jüdischer Tradition und Geschichte nachzukommen.

[11] Für die sephardischen Juden ist der Chacham das, was ein Rabbiner für die aschkenasischen Juden ist.

[12] Der Waad Leumi (auch Vaad Leumi oder Jüdischer Nationalrat) war das exekutive Hauptorgan der jüdischen Gemeinschaft (Jischuw) während der britischen Mandatszeit in Palästina. Er wurde im Jahr 1920 gegründet und fungierte als eine Art Schattenregierung für den Weg zum modernen Staat Israel

[13] Der MaHaRaM von Rothenburg (eigentlich Meir ben Baruch, geboren um 1215 in Worms, gestorben am 27. April 1293 in Ensisheim) war einer der bedeutendsten deutschen Rabbiner, Rechtsgelehrten und Dichter des Mittelalters

[14] „Aus Heinrich-Heines-Ahnensaal“ ist ein 1896 vom jüdischen Gelehrten David Kaufmann veröffentlichtes, familienkundliches Buch über die Vorfahren des Dichters. Es beleuchtet die Herkunft aus den Familien Heine und van Geldern sowie das jüdische Erbe der Familie.

[15] Wikipedia: Naftali Herz Tur-Sinai (hebräisch נפתלי הרץ טור-סיני‎; „Fels des Sinai“; geboren am 13. November 1886 als Harry Torczyner in Lemberg, Österreich-Ungarn, als Sohn des aus Brody stammenden Kaufmanns und hebräischen Schriftstellers Isaac Eisig Torczyner; gestorben am 17. Oktober 1973 in Jerusalem) war ein bedeutender israelischer Semitist und Bibelexeget. Er ist der Schöpfer einer deutschsprachigen Übersetzung der Hebräischen Bibel.

[16] Reihenfolge

[17] Die Zeitung wurde von 1837-1922 nachfolgend von den Neologen Ludwig Philippson, Gustav Karpeles, Ludwig Geiger, Albert Katz herausgegeben.

[18] Gemeint ist wohl Jakob Lestschinsky (1876–1966) war ein bedeutender jiddisch- und deutschsprachiger Soziologe, Statistiker und Journalist, der sich auf die Demographie und Wirtschaftsgeschichte der Juden spezialisiert hatte. Er gehörte zu den Mitbegründern des YIVO Institute for Jewish Research. Jakob Lestschinsky verfasste wegweisende Studien zur jüdischen Demographie und prägte von 1921 bis 1933 die sozialwissenschaftliche Forschung in Berlin.

[19] Wikipedia: Peruschim (hebräisch פְּרוּשִׁים Pruschīm, deutsch ‚Abgesonderte‘, Singular: Porisch) waren Gruppen religiöser Juden aus Litauen, Anhänger des Gaon von Wilna, die sich im 19. Jahrhundert in Palästina ansiedelten. Sie gehörten zum Alten Jischuv.

[20] Wikipedia: Die 1902 bis 1938 in Berlin erschienene Jüdische Rundschau war die auflagenstärkste und bedeutendste zionistische Wochenzeitung in Deutschland. Als Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland repräsentierte sie den deutschen Zionismus nach außen. Auf ihren Seiten wurden bedeutende Debatten über Funktion und Aufgabe zionistischer Politik im Sinne des auf dem ersten Zionistenkongress 1897 beschlossenen Baseler Programms geführt. Außerdem berichtete sie ab 1933 über die erschwerten Existenzbedingungen der Juden in Deutschland und informierte auswanderungswillige Leser detailliert über Emigrationsmöglichkeiten

[21] Wikipedia: Der Schtadlan (hebräisch שְׁתַדְּלָן, Plural: שְׁתַדְּלָנים, Štadlanīm) war im 16. bis 18. Jahrhundert der Fürsprecher einer jüdischen Gemeinde bei der nichtjüdischen Außenwelt. Dieses angesehene Amt in der Gemeinde erforderte neben der Beherrschung der Landessprache und Rechtskundigkeit auch Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick. Der Schtadlan konnte zwar um Gebühren bitten, jedoch durfte er seine Tätigkeit nicht davon abhängig machen. Der Schtadlan gilt als Vorform des späteren Gemeindefunktionärs (Parnas).

[22] Wikipedia: Notrikon ist eine traditionelle Auslegungsmethode in der jüdischen Bibelexegese (Hermeneutik) und Kabbala, bei der Wörter als Akronym, Abkürzung oder durch die Verwendung einzelner Anfangs-, Schluss- oder Binnenbuchstaben gedeutet werden, um verborgene spirituelle Bedeutungen zu finden

[23] KI: Der Begriff „Schadar bezeichnet im Judentum einen religiösen Abgesandten oder Boten, der früher aus Gemeinden im Heiligen Land (wie Jerusalem oder Hebron) in die Diaspora geschickt wurde, um dort Spenden und finanzielle Unterstützung für die armen Gelehrten und Gemeinden vor Ort zu sammeln.

[24] Siegel

[25] https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/entities/11129: Straus & Co. war eine bedeutende jüdische Privatbank, die 1880 von Meir Abraham Straus und Samuel Straus in Karlsruhe gegründet wurde. Diese Bank spielte eine zentrale Rolle in der Finanzwelt der Stadt und war nach der größten jüdische Privatbank Veit L. Homburger KG die zweitwichtigste Privatbank in Karlsruhe. Die Gründer, Meir Abraham Straus, ein Kaufmann aus Diedelsheim, und Samuel Straus, ein ehemaliger Bankprokurist bei Veit L. Homburger, legten den Grundstein für den Erfolg des Unternehmens.

Zur Zeit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ waren Dr. Moritz A. Straus, Friedrich Abraham Straus und ihr Schwager Prof. Dr. Nathan Stein (einer der Mitbegründer der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland) Teilhaber der Bank. Als führende Vertreter des Regionalrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden gerieten die jüdischen Bankiers ins Visier des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates. Seit 1933 waren sie in Karlsruhe Ziel heftiger Angriffe, die sowohl ihre Person als auch ihr Unternehmen betrafen. Angesichts der zunehmenden Verfolgung jüdischer Unternehmer durch das NS-Regime, kam Straus & Co. der drohenden Zwangsarisierung zuvor und verkaufte das Unternehmen im April 1938 an die Badische Bank.

Rückerstattung und Restitution: Im Mai 1948, zehn Jahre nach der Übernahme der Bank Straus & Co. durch die Badische Bank, stellten die ehemaligen jüdischen Inhaber Moritz und Friedrich A. Straus einen Antrag auf Rückerstattung ihres Besitzes. Das alliierte Rückerstattungsrecht sah Ansprüche auf die Gewinne aus dem entzogenen Vermögen vor. Die Badische Bank zeigte Bereitschaft zur Restitution und meldete die Vermögenswerte unaufgefordert beim Wiedergutmachungsamt an. Da eine Wiederherstellung der Bank nicht möglich war, einigten sich die Parteien auf eine Vergleichslösung.

[26] KI: Rabbiner Marcus (Markus/Meïr) Lehmann (1831–1890), der orthodoxe Rabbiner von Mainz und Herausgeber der Zeitschrift Der Israelit, war aktiv an der Unterstützung und Organisation des Batei-Mahse-Vereins (auch „Bate Mahase-Verein“ oder „Shelter for the Needy“) beteiligt.

Hintergrund

  • Die Batei Mahse (hebräisch בתי מחסה = „Häuser der Zuflucht“) sind ein Wohnkomplex im Jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Er wurde ab ca. 1857/1860 vom Kollel Hod (Holland und Deutschland) errichtet, um armen Juden moderne und günstige Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Es gilt als eines der ersten modernen jüdischen Wohnprojekte im Land Israel.
  • Die Initiative ging wesentlich auf Rabbi Azriel (Esriel) Hildesheimer zurück (damals noch in Eisenstadt, später Berlin), der eng mit dem Kollel Hod verbunden war.

Lehmanns Rolle

Lehmann setzte sich stark für die Unterstützung der Juden in Palästina ein. In zahlreichen Artikeln im Israelit warb er für Spenden zur Chalukah (Unterstützungsverteilung an den Alten Jischuw).

Im Rahmen dieser Tätigkeit fungierte er als Offizieller / Funktionär des Bate-Mahase-Vereins, der auf Initiative des Kollel Hod und im Namen Hildesheimers gegründet worden war, um den Bau und den Unterhalt der Wohnungen in Jerusalem zu fördern.

Damit besteht eine klare institutionelle und organisatorische Verbindung zwischen Rabbiner Markus Lehmann und den Batei Mahse in der Altstadt von Jerusalem – er gehörte zu den deutschen Unterstützern und Organisatoren dieses Projekts.

[27] KI: Die Zeitschrift „Jüdische Familienforschung“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Familien-Forschung), erschien von 1924 bis 1938 in Berlin.

[28] Hitachduth Olej Germania (hebräisch: התאחדות עולי גרמניה; oft abgekürzt HOG) war die Vereinigung der Einwanderer aus Deutschland in Palästina (später Israel).

Gründung und Geschichte

  • Gegründet im Februar 1932 in Tel Aviv von bereits ansässigen deutschen Zionisten, darunter die Ärzte Dr. Theodor Zlocisti und Dr. Ernst Lewy.
  • Ziel war zunächst die Beratung und Unterstützung von (potenziellen) Einwanderern aus Deutschland.
  • Mit der massiven Einwanderung der Fünften Alija nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wuchs die Organisation stark und wurde zur zentralen Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation der deutschsprachigen Juden („Jeckes“) im Jischuw.

Tätigkeiten

Die HOG half den Neuankömmlingen bei:

  • Arbeitsvermittlung und beruflicher Umschulung,
  • Wohnungsbeschaffung und wirtschaftlicher Integration,
  • sozialer Unterstützung (Hilfskasse, Beratung in Notlagen),
  • kulturellen und sprachlichen Angeboten (Hebräischkurse, Vorträge, Informationsarbeit),
  • Vertretung gegenüber den britischen Behörden und den Institutionen des Jischuw.

Sie gab das Mitteilungsblatt der Hitachduth Olej Germania (auch Yediot Hitachdut Olei Germania / MB) heraus, das wichtige Informationen für die Einwanderer enthielt.

Weitere Entwicklung

  • 1938 Fusion mit dem Verband der Einwanderer aus Österreich → Hitachduth Olej Germania we Austria (HOGOA).
  • 1942 Umbenennung in Irgun Olei Merkaz Europa (Organisation der Einwanderer aus Mitteleuropa), um den Begriff „Germania“ zu vermeiden.
  • Die Organisation besteht bis heute fort als ארגון יוצאי מרכז אירופה (Organisation der Israelis mitteleuropäischer Herkunft / Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft). Sie kümmert sich weiterhin um soziale, kulturelle und generationale Belange der Nachkommen der deutschsprachigen Einwanderer.

Die Hitachduth Olej Germania spielte eine zentrale Rolle bei der Integration der deutschen und österreichischen Juden in den Jischuw und prägte das Bild der „Jeckes“ in Israel.

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