Eine Betrachtung zu Jom Kippur

Von Prof. Dr. Yizhak Ahren

Schon vor einem Jahr hat Prof. Dr. Yizhak Ahren uns einen Artikel zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns auch in diesem Jahr ein Dwar Thora von Prof. Dr. Ahren unseren Lesern näherzubringen. Thema dieses Artikel ist die Haftara (Prophetenlesesung) am Jom Kippur Morgengottesdienst.

Welchen Haftara-Text jemand im Morgengebet von Jom Kippur vortragen soll, ist schon im Talmud (Megilla 31a) festgelegt worden; verlesen werden Worte des Propheten Jesaja (Kap. 57,14 bis Ende Kap. 58). Warum haben die Weisen gerade diesen Abschnitt ausgewählt? Das ist nicht schwer zu erraten. Denn der Prophet spricht über einen Tag des Fastens, und zur Zeit von Jesaja haben Juden nur am Jom Kippur gefastet. Die übrigen Fasttage, die im heutigen Kalender verzeichnet sind, gab es damals noch nicht.

 Das Verbot, am Tag der Sühnungen zu essen und zu trinken, steht bereits in der Tora: „Nur am zehnten dieses siebenten Monats ist Tag der Sühnungen, Berufung zum Heiligtum soll er euch sein, und ihr lasset eure Lebensgeister darben“ (3. Buch Mose 23,27).

אַ֡ךְ בֶּעָשׂ֣וֹר לַחֹ֩דֶשׁ֩ הַשְּׁבִיעִ֨י הַזֶּ֜ה י֧וֹם הַכִּפֻּרִ֣ים ה֗וּא מִֽקְרָא־קֹ֙דֶשׁ֙ יִהְיֶ֣ה לָכֶ֔ם וְעִנִּיתֶ֖ם אֶת־נַפְשֹׁתֵיכֶ֑ם וְהִקְרַבְתֶּ֥ם אִשֶּׁ֖ה לַה’׃

Nach der Meinung von Maimonides (und ebenso auch nach der Ansicht von Sefer HaChinuch[1]) erfüllen jüdische Menschen, die am Tag der Sühnungen fasten, sogar zwei der 613 Mitzwot der Tora: eine positive Mitzwa und eine negative Mitzwa.

Was können und sollen wir heute von der Ansprache des Propheten Jesaja über das Fasten lernen? Wer unsere Haftara sorgfältig studiert, wird feststellen können, dass Jesaja verschiedene Formen des Fastens beschreibt und einander gegenüberstellt. Der Prophet warnt vor der rein äußerlichen Form des Fastens, und er empfiehlt, das vorgeschriebene Nichtessen unbedingt mit Reue und Handlungen der Nächstenliebe zu verbinden. Seine Bemerkungen bringen uns bei, wie sinnvolles Fasten aussieht, und wann das Fasten den Zweck der religiösen Übung im Grunde verfehlt.

Das Hören der Haftara in der Synagoge ist wichtig und lehrreich, kann aber eine intensive Beschäftigung mit den Gedanken von Jesaja nicht ersetzen. Wie kann ein solches „Lernen“ aussehen? Man kann z.B. Übersetzungen des hebräischen Textes studieren. Bekanntlich ist jede Übersetzung bereits eine Interpretation. Daher ist es aufschlussreich, verschiedene Übertragungen miteinander zu vergleichen. Ohne Zweifel sind Kommentare wesentlich instruktiver, die auf Feinheiten aufmerksam machen. An dieser Stelle möchte ich nur auf die Erläuterungen von Dr. Mendel Hirsch[2] zu den Haftarot (Frankfurt am Main 1896) und auf Rav Shimon Schwabs[3] englischsprachigen Kommentar zu Jesaja  (Brooklyn 2009) hinweisen, die mir beim Verständnis des hier behandelten Textes geholfen haben.

Schauen wir uns nun Kap. 58 etwas näher an, das man als die große Jom Kippur Predigt von Jesaja bezeichnet hat. An welchen Kreis seine Ansprache gerichtet war, teilt uns der Prophet mit. Es waren nicht etwa solche Juden, die Tora-Gesetze missachten; im Gegenteil, er redete zu den Frommen: „Mich suchen sie Tag für Tag auf und wollen Meine Wege erkennen wie ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat. Sie fragen Mich nach den Vorschriften des Rechts, verlangen nach der Nähe Gottes“ (Vers 2). Warum sollen diese Menschen zurechtgewiesen werden? Im ersten Vers heißt es: „Verkünde Meinem Volk seinen Frevel und dem Haus Jaakow seine Sünden.“

וְאוֹתִ֗י י֥וֹם יוֹם֙ יִדְרֹשׁ֔וּן וְדַ֥עַת דְּרָכַ֖י יֶחְפָּצ֑וּן כְּג֞וֹי אֲשֶׁר־צְדָקָ֣ה עָשָׂ֗ה וּמִשְׁפַּ֤ט אֱלֹקיו֙ לֹ֣א עָזָ֔ב יִשְׁאָל֙וּנִי֙ מִשְׁפְּטֵי־צֶ֔דֶק קִרְבַ֥ת אֱלֹקים יֶחְפָּצֽוּן׃

קְרָ֤א בְגָרוֹן֙ אַל־תַּחְשֹׂ֔ךְ כַּשּׁוֹפָ֖ר הָרֵ֣ם קוֹלֶ֑ךָ וְהַגֵּ֤ד לְעַמִּי֙ פִּשְׁעָ֔ם וּלְבֵ֥ית יַעֲקֹ֖ב חַטֹּאתָֽם׃

Die problematische Situation macht eine Frage sichtbar, die von den Frommen gestellt wird: „Warum haben wir gefastet, und Du hast es nicht gesehen; haben uns kasteit, und Du ignorierst es?“ (Vers 3). Noch im selben Vers greift Jesaja den vorgebrachten Einwand auf: „Ja, am Tag eures Fastens findet ihr Wohlgefallen und unterdrückt damit all eure Gewissensbisse!“ Und er fährt fort: „Ja, zum Streit und Hader fastet ihr, um mit frevelhafter Faust zuzuschlagen; ihr fastet aber nicht wie es sich für diesen Tag geziemt, um in der Höhe eure Stimme vernehmen zu lassen. Soll so ein Fasten sein, das Ich erwähle, ein Tag, an dem der Mensch sich kasteie, dass er wie eine Binse sein Haupt neige und Sack und Asche unter sich ausbreite – nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Ewigen wohlgefällig ist? (Verse 4 & 5).

לָ֤מָּה צַּ֙מְנוּ֙ וְלֹ֣א רָאִ֔יתָ עִנִּ֥ינוּ נַפְשֵׁ֖נוּ וְלֹ֣א תֵדָ֑ע הֵ֣ן בְּי֤וֹם צֹֽמְכֶם֙ תִּמְצְאוּ־חֵ֔פֶץ וְכׇל־עַצְּבֵיכֶ֖ם תִּנְגֹּֽשׂוּ׃

הֵ֣ן לְרִ֤יב וּמַצָּה֙ תָּצ֔וּמוּ וּלְהַכּ֖וֹת בְּאֶגְרֹ֣ף רֶ֑שַׁע לֹא־תָצ֣וּמוּ כַיּ֔וֹם לְהַשְׁמִ֥יעַ בַּמָּר֖וֹם קוֹלְכֶֽם׃

הֲכָזֶ֗ה יִֽהְיֶה֙ צ֣וֹם אֶבְחָרֵ֔הוּ י֛וֹם עַנּ֥וֹת אָדָ֖ם נַפְשׁ֑וֹ הֲלָכֹ֨ף כְּאַגְמֹ֜ן רֹאשׁ֗וֹ וְשַׂ֤ק וָאֵ֙פֶר֙ יַצִּ֔יעַ הֲלָזֶה֙ תִּקְרָא־צ֔וֹם וְי֥וֹם רָצ֖וֹן לַה’׃

Nach dieser Kritik der falschen Form des Fastens beschreibt Jesaja die erwünschte Form des Fastens: „Ist nicht das ein Fasten, das Ich erwähle: dass man die Fesseln der Bosheit öffne, die Bande des Jochs löse, die Bedrückten in die Freiheit schicke und jedes Joch zertrenne? Solltest du nicht dem Hungrigen dein Brot brechen, herumirrende Arme ins Haus aufnehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zudecken und dich nicht dem entziehen, der von deinem Fleisch ist?“ (Verse 6 & 7).

הֲל֣וֹא זֶה֮ צ֣וֹם אֶבְחָרֵ֒הוּ֒ פַּתֵּ֙חַ֙ חַרְצֻבּ֣וֹת רֶ֔שַׁע הַתֵּ֖ר אֲגֻדּ֣וֹת מוֹטָ֑ה וְשַׁלַּ֤ח רְצוּצִים֙ חׇפְשִׁ֔ים וְכׇל־מוֹטָ֖ה תְּנַתֵּֽקוּ׃

הֲל֨וֹא פָרֹ֤ס לָרָעֵב֙ לַחְמֶ֔ךָ וַעֲנִיִּ֥ים מְרוּדִ֖ים תָּ֣בִיא בָ֑יִת כִּֽי־תִרְאֶ֤ה עָרֹם֙ וְכִסִּית֔וֹ וּמִבְּשָׂרְךָ֖ לֹ֥א תִתְעַלָּֽם׃

Die ursprüngliche Frage der Frommen lautete: „Warum haben wir gefastet, und Du hast es nicht gesehen?“ Jesaja erklärt den Fragestellern, sie seien von einer falschen Annahme ausgegangen: Euer Fasten war so verkehrt und unvollständig, dass es nicht geeignet war, eure Stimme in der Höhe vernehmen zu lassen. Hättet ihr am Jom Kippur auch an Beziehungen zu anderen Menschen gedacht und diese zu verbessern gesucht, dann wäre es nie zu eurer Klage gekommen!

Mit den Worten des Propheten Jesaja gesagt: „Dann wird dein Licht wie die Morgenröte anbrechen und deine Wunde rasch verheilen; deine Gerechtigkeit wird dir vorangehen, und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich aufnehmen. Dann wirst du rufen, und der Ewige wird antworten, du flehst, und Er spricht: Hier bin Ich! Wenn du aus deiner Mitte das Joch der Bedrückung fortschaffst, auch das Drohen mit dem Finger und Übles Reden, wenn du dem Hungrigen dein Mitgefühl darbietest und die bedrängte Seele erquickst, dann wird im Dunkeln dein Licht erstrahlen und deine Finsternis zur Mittagshelle werden“ (Verse 8,9 & 10).

אָ֣ז יִבָּקַ֤ע כַּשַּׁ֙חַר֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲרֻֽכָתְךָ֖ מְהֵרָ֣ה תִצְמָ֑ח וְהָלַ֤ךְ לְפָנֶ֙יךָ֙ צִדְקֶ֔ךָ כְּב֥וֹד ה‘ יַאַסְפֶֽךָ׃

אָ֤ז תִּקְרָא֙ וַה‘ יַעֲנֶ֔ה תְּשַׁוַּ֖ע וְיֹאמַ֣ר הִנֵּ֑נִי אִם־תָּסִ֤יר מִתּֽוֹכְךָ֙ מוֹטָ֔ה שְׁלַ֥ח אֶצְבַּ֖ע וְדַבֶּר־אָֽוֶן׃

וְתָפֵ֤ק לָֽרָעֵב֙ נַפְשֶׁ֔ךָ וְנֶ֥פֶשׁ נַעֲנָ֖ה תַּשְׂבִּ֑יעַ וְזָרַ֤ח בַּחֹ֙שֶׁךְ֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲפֵלָתְךָ֖ כַּֽצׇּהֳרָֽיִם׃

Es ist bemerkenswert, dass Jesaja seine Jom Kippur-Predigt mit einer Bemerkung über die Schabbat-Observanz schließt: „Wenn du vom Schabbat deinen Fuß zurückhältst, um deinen Geschäften nachzugehen an Meinem heiligen Tag, und wenn du den Schabbat <Genuss> nennst zur Heiligung des Ewigen, des Geehrten, und wenn du ihn ehrst, indem du nicht deine Wege gehst, um deine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und (eitle) Worte zu reden. Dann wirst du Wonne finden im Ewigen, und Ich werde dich über die Höhen des Landes reiten und dich das Erbe deines Vaters Jaakow genießen lassen, denn der Mund des Ewigen hat gesprochen“ (Verse 13 & 14).

אִם־תָּשִׁ֤יב מִשַּׁבָּת֙ רַגְלֶ֔ךָ עֲשׂ֥וֹת חֲפָצֶ֖ךָ בְּי֣וֹם קׇדְשִׁ֑י וְקָרָ֨אתָ לַשַּׁבָּ֜ת עֹ֗נֶג לִקְד֤וֹשׁ ה‘ מְכֻבָּ֔ד וְכִבַּדְתּוֹ֙ מֵעֲשׂ֣וֹת דְּרָכֶ֔יךָ מִמְּצ֥וֹא חֶפְצְךָ֖ וְדַבֵּ֥ר דָּבָֽר׃

אָ֗ז תִּתְעַנַּג֙ עַל־ה‘ וְהִרְכַּבְתִּ֖יךָ עַל־[בָּ֣מֳתֵי] (במותי) אָ֑רֶץ וְהַאֲכַלְתִּ֗יךָ נַחֲלַת֙ יַעֲקֹ֣ב אָבִ֔יךָ כִּ֛י פִּ֥י ה‘ דִּבֵּֽר׃

Jom Kippur wird in der Tora mehrfach „Schabbat schabbaton“ genannt (3. Buch Mose 16,31 & 23,32). Es erscheint daher an diesem Tag besonders angebracht zu sein, auf die Wichtigkeit der korrekten Schabbat-Observanz hinzuweisen. Rabbiner Shimon Schwab erklärt, Jesaja habe am Ende seiner Predigt den Geist des Schabbat-Hütens zu stärken gesucht, so wie er zuvor dazu aufgerufen hatte, den religiösen Sinn des Fastens in der Lebenspraxis zu berücksichtigen.

Von Herrn Prof. Dr. Yzhak Ahren sind u.a. die nachfolgen abgebildeteten Veröffentlichungen erschienen und in der LITERATURHANDLUNG (https://literaturhandlung.com/) zu beziehen.

Mendel Hirsch

Wikipediaeintrag

Mendel Hirsch (* 3. März 1833 in Oldenburg; † 28. März 1900 in Frankfurt am Main) war ein deutsch-jüdischer Pädagoge und Bibelkommentator, trat aber auch als Dichter hervor.

Leben und beruflicher Werdegang

Mendel Hirsch als ältestes von 11 Kindern der Johanna Jüdel und des Samson Raphael Hirsch studierte an den Universitäten Bonn und Berlin Philosophie, Psychologie, Literatur und Geschichte. Hirsch promovierte 1854 in Tübingen. Im folgenden Jahr wurde er als Lehrer für jüdische und allgemeine Fächer an den von seinem Vater gegründeten jüdischen Mittel- und Volksschulen in Frankfurt am Main tätig. Als Direktor amtierte er an der (1853 gestifteten) israelitischen Realschule und war zudem während 17 Jahren Leiter der jüdischen Volksschule.

Seine Tochter Rahel Hirsch (1870–1953) war die erste Frau, die im Königreich Preußen zur Professorin für Medizin ernannt wurde. (Dafür gab sie das Leben in der Orthodoxie auf. Nach der Machtübernahme verlor sie die Professur und die Möglichkeit als Ärztin zu arbeiten. Sie floh zu ihrer Schwester nach London, wo sie ebenfalls nicht als Ärztin arbeiten konnte, weil ihre Approbation dort nicht anerkannt wurde. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einer Nervenheilanstalt und litt unter Depressionen und Verfolgungsängsten. Anm. M. Bleiberg)

Schriftstellerische Tätigkeit

In der monatlich erscheinenden Zeitschrift Jeschurun, die von seinem Vater herausgegeben wurde, veröffentlichte er Artikel über pädagogische Themen.

In einem Leserbrief „Der Zionismus“ (1898) stellte sich Hirsch gegen den politischen Zionismus von Theodor Herzl, wobei er ihn gleichzeitig als Zugeständnis an die Tatsache ansah, dass die jüdische Assimilation versagt hätte.

Rabbiner Shimon Schwab

Wikipediaeintrag (Original auf englisch, mit Überarbeitung von M. Bleiberg)

Shimon (Simon) Schwab war ein orthodoxer Rabbiner und Gemeindeführer in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Er wurde in Frankfurt am Main und in den Jeschivas Litauens ausgebildet und war Rabbiner in Ichenhausen, Bayern, nach der Einwanderung in die Vereinigten Staaten in Baltimore und von 1958 bis zu seinem Tod in Khal Adath Jeshurun in Washington Heights, Manhattan. Er war ein Ideologe von Agudath Israel von Amerika, der speziell die Tora im Derech Eretz-Ansatz für das jüdische Leben verteidigte. Er schrieb mehrere populäre Werke jüdischen Denkens.

Frühes Leben in Frankfurt

Shimon Schwab wurde am 30. Dezember 1908 geboren. Er wuchs in Frankfurt am Main auf. Seine Familie war langjährig Mitglied der israelitischen Religionsgesellschaft (IRG), der orthodoxen jüdischen Gemeinde, die ihre eigene Unabhängigkeit von der reform-judentums-dominierten allgemeinen Gemeinschaft begründet hatte. Die IRG war bis 1888 von Rabbiner Samson Raphael Hirsch geführt worden und stand dann unter der Leitung von Rabbiner Solomon Breuer, Hirschs Schwiegersohn.

Shimon absolvierte die Realschule, die örtliche Schule, die Religionswissenschaft und allgemeine Fächer in Übereinstimmung mit der von Rabbiner Hirsch propagierten Thora im Derech Eretz Ideologie kombinierte. Nach der Realschule war er mehrere Jahre Vollzeitstudent in der Torah Lehranstalt, der von Rabbiner Breuer gegründeten örtlichen Jeschiva.

Studien in Litauen

1926, im Alter von 17 Jahren, schrieb sich Shimon in die Yeshiva-Telsche in Telšiai, Litauen, ein, wo er drei Jahre lang intensiv Talmud studierte, und verbrachte danach eineinhalb Jahre in der Yeshiva in Mir. Es war nicht sehr üblich, dass deutsch-jüdische Studenten in osteuropäischem Jeschiwot studierten, aber zwei von Shimons Brüdern (Moshe und Mordechai) folgten später den gleichen Weg.

Im Frühjahr 1930 verbrachte er ein Wochenende mit Rabbiner Yisrael Meir Kagan (dem Chafetz Chaim), dem damaligen Führer des nicht-chassidischen osteuropäischen aschkenasischen Judentums. Der Besuch machte einen starken Eindruck auf ihn, und er bezog sich später oft auf die Begegnung in öffentlichen Reden sein Leben lang.

Nach der Semicha (rabbinische Ordination) zog Rabbi Schwab nach Deutschland, und im Februar 1931, noch unverheiratet, nahm er die Position des Rabbinatsassessors („Assistent Rabbiner“) in Darmstadt an. Im Oktober 1931 heiratete er Recha Fröhlich aus Gelsenkirchen und setzte dort seinen Posten bis September 1933 fort, woraufhin er den Posten des Gemeinderabbiners in Ichenhausen, Bayern, annahm.

Arbeiten in Ichenhausen

In Ichenhausen war Rabbiner Schwab an allgemeinen rabbinischen Pflichten beteiligt, aber er arbeitete auch hart daran, eine traditionelle Jeschiwa zu etablieren, die Mischna und Talmud lehren würde. Er veröffentlichte auch 1934 ein Buch mit dem Titel „Heimkehr ins Judentum“ und ermahnte seine jüdischen Zeitgenossen, mehr Zeit für ein eingehendes Tora-Lernen zu widmen und ihre Faszination für moderne Kultur und sozialen Fortschritt aufzugeben.

Die Jeschiwa geriet aber gleich zu Beginn in Schwierigkeiten, als sie durch lokale Nazi-Aktivisten bedroht wurde. Bereits nach einem Tag wurden die Schüler nach Hause geschickt, und dieser Vorfall inspirierte Rabbiner Schwab wahrscheinlich, sich für eine Position im Ausland zu bewerben.

Baltimore

Durch den amerikanisch-orthodoxen Führer Rabbiner Dr. Leo Jung hat er sich mit einer Gemeinde namens Shearith Israel in Baltimore in Verbindung gesetzt. Er reiste in die Vereinigten Staaten, und nach einer Probezeit wählte ihn die Gemeinde als Rabbiner. Die Familie konnte daher Visa beantragen und dem Holocaust entkommen.

In Baltimore wurde Schwab als Rabbiner der Gemeinde Shearith Israel ein lokaler Führer der Orthodoxie und veranstaltete die jährliche Konferenz von Agudath Israel einige Jahre nach seiner Ankunft. Er war an der ersten jüdischen Tagesschule für Mädchen, Beis Yaakov, beteiligt und reiste in den späten 1940er Jahren nach San Francisco, um während der frühen Aktivitäten der Vereinten Nationen als Lobbyist zu fungieren.

Während eines Besuchs in Baltimore in den späten 1930er Jahren hatte Rabbiner Elchonon Wasserman vorgeschlagen, dass Schwab ein Werk veröffentlichen sollte, das die traditionelle jüdische Sicht auf die messianischen Zeiten zusammenfasst. Dieses Buch erschien 1941 anonym auf Hebräisch unter dem Titel „Beis ha-Sho’eivah“.

Washington Heights

1958 wurde Schwab eingeladen, sich Rabbi Joseph Breuer in der Führung der deutsch-jüdischen Gemeinde in Washington Heights anzuschließen, die sich im oberen Manhattan in New York City befindet; siehe Khal Adath Jeshurun (Washington Heights, Manhattan). Diese Gemeinschaft, die weithin als die spirituelle „Fortsetzung“ der Vorkriegs IRG in Frankfurt angesehen wurde, wuchs Rabbiner Schwab ans Herz, und mit Rabbiner Breuers zunehmendem Alter und Gebrechen übernahm er bis zum Tod des letzteren im Jahr 1980 viele Führungsrollen.

Von da an bis 1993 führte er die Gemeinde allein. Er hielt weiter Vorträge und unterrichtete, aber sein Gesundheitszustand verschlechterte sich und er starb im Alter von 86 Jahren an Purim Katan, 1995. Nach seinem Tod wurde Rabbi Zechariah Gelley, der sich der Kehilla bereits einige Jahre zuvor als zweiter Rav angeschlossen hatte, sein Nachfolger.

Philosophie und Ideen

Schwab, ein Produkt sowohl der deutschen Tora im Derech-Eretz-Bewegung als auch der osteuropäischen Jeschiwa-Welt, identifizierte sich zunächst stark mit der osteuropäischen Lehrmethode „Only Thora“. In den 1960er Jahren revidierte er jedoch seine Ansicht. So schrieb er seine Broschüre „These and Those“, in der er sich für den Ansatz der Tora im Derech Eretz als gleichermaßen gültig einsetzt. (Der Titel der Broschüre ist ein Zitat aus dem Talmud – „Diese und Jene [Eilu v’Eilu] sind die Worte eines lebendigen Gottes“ und betonen, dass beide Ansätze göttlich sanktioniert werden.)

Rav Schwab widersetzte sich sowohl dem säkularen als auch dem religiösen Zionismus, sowohl in seinen Schriften als auch in seinen Reden. Obwohl er sagte, dass wir, selbst wenn wir diese ketzerischen Ideen ablehnen, immer noch diejenigen lieben müssen, die die Tora uns geboten hat zu lieben. Er betonte auch, dass es „niemals Kontakt mit organisierter Häresie in welcher Form auch immer geben darf. Wenn es um den Zionismus geht, besonders die Art, die ihn von der Realpolitik in eine prämessianische Religion verwandelt hat, lasst uns fest und mutig sein und allen Kräften trotzen, die dazu neigen, unsere fundamentalistische Loyalität gegenüber dem unverfälschten Erbe zu schwächen, das wir von unseren Vorfahren erhalten haben. Aber all das ohne Hass, ohne Zorn und mit großer Demut.“ Seiner Meinung nach sollten moderne orthodoxe Führer, die den religiösen Zionismus förderten, nicht als Vertreter der Tora öffentlich anerkannt werden.


[1] Das „Sefer Hachinuch“ von Rabbi Aharon Halevi von Barcelona zählt die 613 Mizwoth der Thora auf und kommentiert sie. Das Buch (5 Bände) mit deutscher Übersetzung ist im Morascha Verlag erschienen.

[2] Zu Mendel Hirsch siehe Wikipediaeinantrag am Ende des Artikel

[3] Zu Rabbiner Shimon Schwab siehe Wikipediaeintrag am Ende des Artikels

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