Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av.

Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden.

Da sich die zweite Geschichte auf den Rabbiner Salomo Ibn Gabriol s“l bezieht, befindet sich eine ausführliche Personenbeschreibung (Wikipedia) dieses Dichters, Sängers und Philosophen im Anhang zu dieser Geschichte.

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284

Aus Jerusalems letzten Tagen.

(Nach dem Midrasch Echo und Talmud Gittin.)

Dreieinhalb Jahre belagerte Vespasjan Je­rusalem, und vier fürstliche Heerführer unterstanden seinem Befehl, die Fürsten von Arabien, Afrika, Alexandrien und Palästina. In Jerusalem aber standen an der Spitze der Bevölkerung vier reichbegüterte Männer: Ben Zijis, Ben Gu­rton, Ben Nakdimon und Ben Kalba Sabua. Jeder von ihnen hatte so reiche Mittel, dass er eine ganze Provinz zehn Jahre lang hätte ernähren können. Da war aber an der Spitze einer zum äußersten Kampf entschlossenen gewaffneten Mannschaft, der Barjonim, Ben Batiach, der Schwestersohn Rabbi Jochanan ben Sackais. Dieser Kraftmensch, der vor keiner Gewalt zurückscheute, hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Jerusalemer Mannschaft zum Aus­fall aus der Festung zu zwingen und auf Leben und Tod eine Entscheidung herbeizuführen. Un­glücklicherweise war ihm die Bewachung der Lebensmittelvorräte in der Festung anvertraut. Mit trotziger Entschlossenheit steckte er diese seiner Obhut anvertrauten Schätze an Nahrung in Brand, um den Ausfall aus der Festung und die militärische Entscheidung zu erzwingen. Als Rabbi Jochanan ben Sackai von diesem Verzweiflungsakt hörte, rief er tieferschüttert aus: „Wehe (ווי) über Jerusalem!“ Ben Batiah wurde diese Gefühlsäußerung seines Oheims so­fort hinterbracht, er ließ den Greis zu sich ent­bieten, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Warum hast du Wehe gerufen“, herrschte er ihn an. Rabbi Jochanan, der in all seiner Be­scheidenheit wusste, wie bitter nötig seine weitere Wirksamkeit dem schwergeprüften jüdischen Volke noch sein werde, antwortete, um sein Leben zu retten: „Nicht ווי habe ich gerufen, sondern „Woווה .“ („Wo“, ist im Aramäischen ein Ausdruck der Freude.) Warum dies? fragte Ben Batiach. „Ich freute mich, dass du alle Vorräte verbrannt hast, denn solange sie vorhanden waren, würde das Volk in der Tat sein Leben nicht hingeopfert haben, um den Kampf mit der Belagerungsarmee aufzunehmen.“ So wurde Rabbi Jochanan durch den haarscharfen Unterschied zwischen י und ה vom sicheren Tode errettet.

Drei Tage später ging Rabbi Jochanan ben Sackai auf den Markt hinaus und sah, wie dort bereits hungernde Menschen Stroh kochten und den ausgekochten Strohsaft als Nahrung schlürften. Da sagte sich Rabbi Jochanan: „Wo sollen Menschen, die von ausgekochtem Strohsaft leben, den Heeren eines Vespasjan widerstehen können, hier bleibt keine Rettung, als die An­knüpfung von Verhandlungen mit dem Belagerer.“ Rabbi Jochanan überlegte! Sollte er nicht seinen Neffen Ben Batiach trotz dem furchtbaren Zu­sammenstoß der letzten Tage durch ein Wort der Liebe zu gewinnen, suchen? Er glaubte auf Ben Batiachs guten Kern vertrauen zu dürfen und war sicher, dass dieser nur unter dem Druck seiner fanatisierten Genossen so schroff gegen den Oheim ausgetreten war. So ließ er denn Ben Batiach bitten, ihm den Austritt aus der Festung zu gestatten. Ben Batiach ließ erwidern, dass das Militär beschlossen habe, niemand aus den Mauern Jerusalems herauszulassen, solange er lebe; nur Leichen könnten die Torwachen pas­sieren. Kurz entschlossen ließ sich Rabbi Jochanan, als sei er gestorben, in ein Leintuch gehüllt, von seinen Schülern Rabbi Elieser und Rabbi Josua zum Stadttor tragen, während der in die List eingeweihte Ben Batiach als Begleitender dem Leichenzug voranschritt. Die Torwächter wollten zunächst, wie sie gewohnt waren, die Leiche mit dem Schwerte durchbohren, allein Ben Batiach wehrte ab. „Wollt Ihr — so rief er — vor dem Feinde die Schmach auf den jüdischen Namen laden, dass jüdische Soldaten die tote Hülle ihres allverehrten Lehrers und Meisters schänden?“ So konnte denn der Leichenzug ungestört das Tor passieren und Rabbi Jochanan wurde in eine benachbarte Grabhöhle gebracht, während die Begleiter zur Stadt zurückkehrten.

Kaum hatten die Begleiter das Grabgewölbe verlassen, als Rabbi Jochanan sich in das Haupt­quartier der Belagerungsarmee begab, um bei deren Oberbefehlshaber Vespasjan Zutritt zu erbitten. „Wo ist der König?“ fragte er den diensttuenden Offizier. Dieser meldete, ohne zu antworten, die imposante Erscheinung und die seltsame Frage dem römischen Feldherrn. „Du hast mich“, so empfing Vespasjan den jüdischen Weisen, „als König begrüßt, ohne dass mir diese Würde zukommt. Wenn die Tatsache dem Kaiser in Rom bekannt wird, kann sie mich das Leben kosten.“ Rabbi Jochanan erwiderte: „Bist Du nicht König, so wirst du es werden, denn das Haus unseres Gottes kann nur durch einen König fallen, wie der Prophet Jesaja es ver­heißen: „Der Libanon wird durch einen Mäch­tigen fallen.“ Hierauf führte man Rabbi Jo­chanan in ein von jedem Lichtstrahl abgeschlossenes unterirdisches Gemach, wo er Stunden und Tage verbrachte. Bevor man ihn wieder ans Tages­licht ließ, stellten die Römer ihm die Frage, welche Stunde am Tage es sei. Rabbi Jochanan nannte mit überraschender Genauigkeit die Stunde und erklärte diese Treffsicherheit damit, dass er während der ganzen Zeit bestimmte Abschnitte des überlieferten Lehrstoffes wiederholt und nach der für jeden Abschnitt erfahrungsgemäß not­wendigen Zeit genau feststellen konnte, wie viel Stunden des Tages und der Nacht verflossen waren.

Nach kaum drei Tagen langte aus Rom am frühen Morgen die Botschaft ein, dass Kaiser Nero gestorben und Vespasjan zu seinem Nach­folger ausgerufen worden sei. Vespasjan ließ, noch mit dem Ankleiden beschäftigt, den jüdischen Weisen zu sich rufen, um ihm zu sagen, dass seine Prophezeiung sich überraschend schnell er­füllt habe. Dabei stellte sich heraus, dass Vespasjan trotz aller Mühe nicht in die ihm sonst tadellos passenden Schuhe hineingelangen konnte. Rabbi Jochanan ließ auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen, um die in großen wir in kleinen Dingen unerschöpfliche Lebensweisheit, die im jüdischen Schrifttum schlummert, vor den Augen des heidnischen Großen hell leuchten zu lassen. „Eine gute Botschaft lässt das Gebein schwellen„, sagt König Salomo — und „ein gedrücktes Gemüt dörrt die Knochen aus.“ Du brauchst also, Kaiser Vespasjan dich nicht zu wundern, dass in diesem Augenblick höchsten Glückes deine Fußbekleidung nicht mehr passt.“ Nun begannen auch die um Vespasjan versammelten Fürsten in geistvollen Gleichnissen Rabbi Jochanans Schlagfertigkett zu erproben und Vespasjan war von dem Scharfsinn, der Geistesgegenwart und der Seelengröße Rabbi Jochanans in einem tragischen Augenblicke der Geschichte seines Volkes so ergriffen, dass er die Unterhaltung mit den Worten schloss: „Stelle eine Bitte und ich werde sie erfüllen.“ Rabbi Jochanan erwiderte: „Was ich will? Zieh ab mit deinen Herren aus unserem Land und überlasse Jerusalem den Juden.“

„Glaubst du, weiser Rabbi, dass ich deshalb Kaiser ward, um Jerusalem preiszugeben? Du musst schon eine andere Forderung stellen.“

Hierauf Rabbi Jochanan: „Dann bitte ich nur um eins, lasst das Städtchen Jawne un­angetastet, damit dorthin die Thora und ihre Träger flüchten können.“

Diesen Wunsch erfüllte Vespasjan, ohne zu ahnen, dass er damit die Unsterblichkeit des jüdischen Volkes gesichert hatte.

Des Sängers Fluch.

Vor ungefähr 550 Jahren, da Spanien noch ein blühendes, glückliches Land war, lebte in Saragossa Rabbi Salomo ben Gabirol[1], der große Dichter und Denker, dessen Ruhm durch alle Lande ging und bis auf den heutigen Tag in der jüdischen Welt andauert. Zu der Seelen­größe des Dichters gesellte sich auch körperliche Schönheit. In ganz Kastilien würden von Jung und Alt seine herrlichen Lieder gesungen. Auch die spanischen Könige und Fürsten verehrten den jüdischen Dichter und Philosophen ungemein und überhäuften ihn mit Ehren und Geschenken.

Kein Wunder, dass Gabirol viele Neider und bittere Feinde hatte, die ihm nach dem Leben trachteten. Besonders zeichnete sich durch seinen Hass ein in hoher Stellung sich befindender Mohr, namens Haschan aus. Zu dem Neid, der im Herzen des Mohren brannte, kam auch noch die Eifersucht, denn er beschuldigte Gabirol, ihm seine Geliebte, die schöne Sulaima, abspenstig gemacht zu haben.

Damit hatte er aber den Dichter ganz zu Unrecht beschuldigt. Wohl sah Sulaima mit glühendem Entzücken und feurigen Augen zu der Wundergestalt des allbeliebten jüdischen Dichters empor. Er aber, Gabirol, erwiderte diese Liebe nicht und hatte kein Auge für die schmachtenden Blicke des Weibes, das einem anderen und auch einem anderen Volke angehörte.

Allein, je gleichgültiger Gabirol sich zeigte, umso höher und flammender stieg die Liebe der jungen, schönen Araberin. Und eines Tages suchte sie die Nähe des Dichters auf und offen­barte ihm die heißen Gefühle ihres Herzens.

„Edle Freundin“, sprach Gabirol, „schäumende Empfindungen des Augenblickes lassen Euch ver­gessen, dass wir zwei nicht zueinander gehören. Ich bin Angehöriger des jüdischen Glaubens, ihr aber Araberin und mohammedanischen Bekennt­nisses“. 

„Das soll kein Hindernis sein“, warf Sulaima ein. „Nie darf Glaube der Liebe im Wege stehen. Ich will von heute an Jüdin, deines Glaubens sein“.

Der Dichter gewann es nicht übers Herz, die Bittende barsch zurückzustoßen und bat sie, sie möge sich die Sache doch noch reiflich überlegen, mit sich selber zu Gerichte gehen, Einblick in die Geschichte und das jüdische Gesetz zu gewinnen, um danach ihren Beschluss und ihren geplanten Schritt noch einmal zu prüfen.

Dem Mohr Haschan blieb diese Wandlung im Herzen der Sulaima nicht verschlossen und er schwor, blutige Rache an Gabirol zu nehmen. Äußerlich ließ er aber nichts anmerken. Er stellte sich im Gegenteil sehr freundlich zu Gabirol und lud ihn zu einem Besuch in seine in einsamer Waldgegend gelegene Sommerwohnung ein. Nichts Böses ahnend, nahm Gabirol die Einladung an. Sie ergingen sich in den blühenden Alleen, wie sie schon öfters promeniert und die Natur in poetischen Ergüssen besungen hatten. Denn auch der Mohr erprobte sich zuweilen in der Dichtkunst und hatte sich alle Zeit für die hohen Gedankengänge Gabirols empfänglich gezeigt.

Es war ein lieblicher Frühlingsabend. Ein sanfter Hauch küsste die Blumen und ein Raunen kam von den Wipfeln, als wollten die Bäume der untergehenden Sonne „Gute Nacht“ zu­flüstern. Auf einer breitästigen Akazie sang eine Nachtigall ein Liebeslied zum dunklen Nachthimmel hinauf.

„Wie schön ist doch das Leben“, entrang es sich der Brust Gabirols.

„Ja schön ist das Leben“, sagte Haschan kalt, „umso schmerzlicher, wenn dieses schöne Leben plötzlich mittendrin abgehackt wird, da man glaubt, es noch lange genießen zu dürfen. Siehst du dieses Grab da unter dem Baume?“

„Was soll es mit diesem Grab?“ fragte Gabirol erstaunt.

„In diesem Grab wirst du heute Nacht schon ruhen“, antwortete Haschan in eisiger Ruhe.

„Was soll das heißen, Haschan?“

„Ich denke, jetzt wirst du es endlich begreifen“, schrie Haschan in wilder Wut und stieß den Dolch in des Dichters Herz.

Gabirol stürzte zu Boden. In seinen letzten Zügen stieß er aber noch die Worte aus: „Mörder! Du hast mein Blut vergossen, und keiner sah es, der wider dich zeugen könnte. Aber Gott im Himmel sah es, und er lässt diese Tat nicht un­geahndet. Der Feigenbaum wird reden und seine Frucht wird gegen den Mörder Haschan zeugen.“

Haschan lachte hell aus. „Der Baum wird schweigen, wie dieser tote Dichtermund, und Sulaima wird mein“. Mit diesen höhnischen Worten begrub er die Leiche unter dem Feigen­baum.

Am folgenden Tag herrschte große Aufregung in Saragossa, als man den Dichter am Hofe er­wartete, und er nicht kam. Man suchte ihn über­all und fand ihn nirgends. Man glaubte zuerst, er habe plötzlich eine Reise antreten müssen, als aber Wochen und Monate vergingen, ohne dass er wiederkam, steigerte sich die Unruhe gewaltig. Seine noch lebenden Eltern klagten bitterlich über den Verlust des seltenen Sohnes, und die ganze Gemeinde betrauerte ihren gottbegnadeten Sänger und den Dolmetsch ihrer Wünsche vor dem Throne. Als ein ganzes Jahr ins Land gegangen war, gab man alle Hoffnung auf und stellte das Suchen und Forschen nach dem Dichter ein.

Nur Sulaima gab keine Ruhe und weinte Tag und Nacht um Gabirol, den sie nicht ver­gessen konnte.

Der Winter ging und wieder war es Frühling. Neues Leben erwachte und erblühte aus dem harten Boden. Die Felder legten das neue, grüne Gewand an, die Zitronen-, Orangen-, Öl- und Feigenbäume bedeckten sich mit Blättern und Blüten. Auch der Feigenbaum über dem Grab Gabirols erblühte. Aber wie merkwürdig groß und weiß und üppig standen doch seine Blüten. Es schien, als sauge der Baum aus geheimer Quelle Wunderkraft. Denn kaum zeigten die anderen Bäume die ersten Blättchen, so stand dieser Baum schon in voller Blüte; und wie die anderen zu blühen begangen, reiften an diesem schon die schönsten, edelsten Früchte heran. Alle Welt stand voller Verwunderung vor diesem Baum. Aber Haschan zuckte die Achseln und sagte: „Das Geheimnis dieses Baumes kann ich euch nicht sagen“.

In der ganzen Gegend sprach alles Volk von diesem Wunderbaum. Man hielt Haschan für einen Zauberer, der mit geheimen Mächten Verbindungen pflegte. Die Nachricht gelangte auch endlich bis zum Königspalast, und eines Tages kam der König mit seinem ganzen Hofstaat in den Garten Haschans, um den Baum zu be­wundern. Haschan erzitterte beim Anblick des Königs am ganzen Körper.

„Warum erbleichst du, Haschan?“ fragte der König: ,,Ich werde dir die Früchte nicht nehmen, nur ansehen möchte ich mir den wunderlichen Baum.“

Still und bleich führte Haschan den König an den Baum. Da sprach der König: „Nun muss ich selber daran glauben, dass du dich ge­heimer Zaubermittel bedienst. Sage, Haschan, welche Bewandtnis es mit diesem Baume hat.“

Haschan verwickelte sich in Widersprüche und sprach ohne Zusammenhang von allen möglichen Dingen, über die er gar nicht gefragt wurde. Das verletzte den König und er ließ Haschan ins Gefängnis werfen, wo er durch Folter zu Ge­ständnissen gezwungen wurde. Da schien es Haschan, als öffnete sich das Grab unter dem Feigenbaum und eine Stimme rief: „Gott im Himmel sieht es und wird es ahnden, die Früchte des Baumes werden wider dich zeugen.“

Haschan wurde an den Feigenbaum gehängt. Hof und Garten Haschans wurden verwüstet, nur der Baum blieb mitten in der Öde, um zu zeugen, dass Gott ein Verbrechen gesehen und geahndet hat.

Solomon ibn Gabirol

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol

Solomon ben Jehuda ibn Gabirol, kurz Solomon (Salomo) ibn Gabirol oder Schlomo ibn Gevirol (geboren 1021 oder 1022 in Málaga; gestorben um 1070 in Valencia), war ein jüdischer Philosoph und Dichter im muslimischen Spanien (al-Andalus). In der lateinischsprachigen christlichen Gelehrtenwelt war er unter den latinisierten Namensformen „Avicebron“ und „Avencebrol“ bekannt; arabisch hieß er أبي أيوب سليمان بن يحيي بن جبيرول / Abū Ayyūb Sulaimān b. Yaḥyā b. Ǧabīrūl. Seine großenteils von einer pessimistischen, weltflüchtigen Stimmung geprägte hebräische Lyrik in arabischen Versmaßen erfreute sich schon im Mittelalter bei jüdischen Lesern hoher Wertschätzung. Sie galt als meisterhaft und fand Eingang in Gebetbücher. Seine philosophischen Lehren hingegen fanden bei seinen jüdischen Zeitgenossen nur geringe, bei den Muslimen keine Beachtung. Stark war jedoch die Resonanz auf sein philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“, von dem ab der Mitte des 12. Jahrhunderts eine lateinische Übersetzung vorlag, in der christlichen Welt. Dort trug sein neuplatonisches Weltbild zur Stärkung der neuplatonischen Strömung in der Philosophie der Scholastik bei, doch bei aristotelisch orientierten Philosophen stieß seine neuplatonische Anthropologie auf heftigen Widerspruch.

Leben

Über ibn Gabirols Leben ist wenig bekannt; manche Angaben stammen von ihm selbst und geben seine Sicht in literarisch stilisierter Form wieder. Seine Familie stammte ursprünglich aus Córdoba (daher sein arabischer Beiname al-Qurṭūbī); wohl wegen der dortigen militärischen Auseinandersetzungen flohen seine Eltern nach Málaga, wo er 1021/1022 geboren wurde. Dann übersiedelten sie nach Saragossa, wo er aufwuchs. Er erhielt eine gründliche Ausbildung und zeigte schon als Jugendlicher, spätestens im Alter von sechzehn Jahren, eine außerordentliche Begabung als Dichter in seiner hebräischen Muttersprache. Sein Vater starb früh, was ihn zur Abfassung von Trauergedichten veranlasste. 1045 verlor er auch seine Mutter. Aus seinen Gedichten geht hervor, dass er von Kindheit an oft krank und von schwächlicher Konstitution war, dazu klein und von hässlichem Aussehen; insbesondere litt er an einer schweren Hautkrankheit, die ihn entstellte. Diese Umstände trugen wohl dazu bei, dass er unverheiratet und ohne Nachkommen blieb.

Da er sich nur der Philosophie und der Dichtkunst widmen wollte, war er stets auf Förderung durch wohlhabende Gönner angewiesen. Sein heftiges Temperament, seine Neigung zu schonungsloser Kritik und seine unkonventionellen Ansichten brachten ihn jedoch oft in Konflikt mit einflussreichen Persönlichkeiten und führten zu Spannungen mit der jüdischen Gemeinde.

In Saragossa erlangte ibn Gabirol die Unterstützung von Jekutiel (Yequthiel) ben Isaak ibn Ḥassan, einem Juden, der am Hof des dortigen muslimischen Herrschers offenbar eine prominente Stellung einnahm. Im Jahr 1039 wurde Jekutiel nach einem gewaltsamen Machtwechsel als Anhänger des gestürzten und ermordeten Machthabers von dessen Nachfolger hingerichtet, angeblich in seinem hundertsten Lebensjahr. Für ibn Gabirol war der Verlust seines Gönners ein schwerer Schlag. In den folgenden Jahren verschärfte sich sein Streit mit der jüdischen Gemeinde von Saragossa, die ihn daher bei den muslimischen Behörden denunzierte. Um 1045 verließ er die Stadt im Zorn. Er erwog auszuwandern und sich in den Nahen Osten zu begeben, doch kam es dazu nicht. Möglicherweise führte er ein Wanderleben. Jedenfalls hielt er sich längere Zeit in Granada auf. Der jüdische Großwesir des dortigen muslimischen Herrschers, Schmuel (Samuel) ha-Nagid, der selbst ein bedeutender Dichter war, wurde sein neuer Förderer. Zeitweilig kam es zur Entfremdung zwischen ihnen; ibn Gabirol kritisierte die Gedichte seines Gönners und griff ihn satirisch an.

Sicher ist, dass ibn Gabirol noch relativ jung war, als er in Valencia starb. Der Zeitpunkt und die Umstände seines Todes sind jedoch unklar. Eine späte Legende über seine angebliche Ermordung ist unglaubwürdig. Einer Behauptung des Schriftstellers Moses ibn Esra zufolge war er bei seinem Tod erst etwa dreißigjährig. Das kann aber ebenfalls nicht zutreffen, da aus Bemerkungen ibn Gabirols hervorgeht, dass er das Jahr 1068 noch erlebte. Daher ist auch die in vielen Nachschlagewerken übernommene Angabe von ibn Saʿīd al-Andalusī, ibn Gabirol sei 1057/1058 gestorben, falsch. Josef ibn Zaddik, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte, setzte seinen Tod ins Jahr 1070; das kann ungefähr stimmen, denn in der Folgezeit ist er nicht mehr als lebend bezeugt.

Werke

In einem seiner Gedichte behauptet ibn Gabirol, zwanzig Bücher geschrieben zu haben. Seine Autorschaft ist aber abgesehen von seiner ausschließlich hebräischen Dichtung nur für zwei ursprünglich arabisch abgefasste philosophische Prosaschriften gesichert, nämlich sein Hauptwerk „Die Lebensquelle“ und die ethische Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“.

Dichtung

Von ibn Gabirol sind etwa 400 lyrische Gedichte überliefert. Man unterteilt sie traditionell in „weltliche“ und „religiöse“. Eine solche Aufteilung wird jedoch seinem Anliegen (und generell der mittelalterlichen hebräischen Lyrik) nicht gerecht, denn hinsichtlich der sprachlichen Form bestehen kaum wesentliche Unterschiede und inhaltlich finden sich auch in „weltlichen“ Gedichten religiöse Bezüge. Sinnvoller ist daher eine Aufteilung nach dem jeweiligen Anlass in liturgische (für den Gottesdienst geeignete) und nichtliturgische „soziale“ Dichtung.

Einen großen Teil der nichtliturgischen Lyrik machen Lob- und Freundschaftsgedichte zu Ehren von Wohltätern aus. Relativ gering ist die Zahl der Trink- und Liebeslieder, die ibn Gabirol schon als Jugendlicher zu verfassen begann. Daneben stehen Klagen anlässlich des Todes von ihm nahestehenden Personen, Rätsel sowie Beschreibungen von Natur und Bauwerken (darunter eine Beschreibung der Alhambra). Mit zunehmendem Lebensalter treten pessimistische Motive in den Vordergrund.

Diese hebräische Lyrik ist formal und in ihrer Thematik an arabischen Vorbildern orientiert. Die Behandlung der Stoffe ist jedoch sehr individuell; sie ist von der eigenwilligen Persönlichkeit des Dichters, seiner Unzufriedenheit mit seinem unerfreulichen Schicksal, seinen wechselhaften Stimmungen und den schweren Spannungen mit seiner Umgebung geprägt. Des Öfteren ist von seiner Erwartung eines frühen Todes die Rede; er befürchtet, sein philosophisches Werk nicht vollenden zu können. Sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und seine damit zusammenhängende soziale Isolation kommen deutlich zum Ausdruck. Häufig äußert er sich verächtlich und spöttisch über Dichter, von deren Fähigkeiten er wenig hält. Bitter und satirisch sind seine Bemerkungen über Personen, denen er Verständnislosigkeit vorwirft und deren Verhalten er missbilligt. Er klagt über die Nichtigkeit des Lebens und die Wertlosigkeit der irdischen Genüsse. Die meist trübsinnigen Inhalte vermittelt er sprachlich meisterhaft, und auch im Umgang mit schwierigen Versformen erweist er sich als souverän. Als besonders gelungen gilt eines seiner beiden Klagegedichte auf den Tod seines hingerichteten Wohltäters Jekutiel. Eine Reihe von Gedichten, in denen er sich über Schmuel ha-Nagid äußert, dokumentiert die Wechselhaftigkeit des Verhältnisses der beiden, das zwischen einer Beziehung zwischen Gönner und Gefördertem und bitterer Rivalität schwankte.

Eine hebräische Grammatik in poetischer Form bietet das Lehrgedicht „Die Halskette“ (ha-ʿanāq), das ibn Gabirol als Neunzehnjähriger verfasste. Er preist darin die Überlegenheit der hebräischen Sprache über alle anderen und beklagt ihre Vernachlässigung durch seine Zeitgenossen. Von den 400 Doppelversen ist nur rund ein Viertel erhalten geblieben.

In den religiösen Hymnen drückt er seine leidenschaftliche Frömmigkeit aus. Sein berühmtester Hymnus ist die „Krone des Königreichs“ (hebräisch Keter malchūt). Er war ursprünglich nicht für den Gottesdienst bestimmt, wurde aber in die Liturgie des jüdischen Versöhnungstages aufgenommen. Der Form nach ist die Krone rhythmische Reimprosa ohne Anlehnung an arabische Vorbilder. Ibn Gabirol präsentiert darin eine zusammenfassende Darstellung seiner Kosmologie und seiner religiösen Überzeugungen. Er beklagt die Unvollkommenheit, von der sich die menschliche Seele nicht selbst befreien könne.

Philosophische Schriften

Ibn Gabirols philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“ (arabisch Yanbuʾ al-ḥayat, hebräisch Sēfer Meqōr Ḥajjim) ist meist unter dem Titel der lateinischen Übersetzung „Fons vitae“ bekannt. Der Titel spielt auf das Gotteslob in Ps 36:10 an. Das arabische Original ist verloren; erhalten ist außer der lateinischen Übersetzung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts nur eine auszugsweise hebräische aus dem 13. Jahrhundert, die von Schem Tov ibn Falaquera stammt. Es handelt sich um einen Dialog zwischen einem Meister und seinem Schüler; der Schüler fragt und lernt, er trägt nicht zur Argumentation bei. In dem Werk werden Kosmogonie, Kosmologie, Erkenntnistheorie und das Verhältnis zwischen Gott und der Welt rein philosophisch erörtert, ohne Berücksichtigung biblischer und theologischer Gesichtspunkte. Die Gedankenwelt ist neuplatonisch, das terminologische Instrumentarium teilweise aristotelisch.

Mit der Seelentheorie befasst sich ibn Gabirol unter ethischem Aspekt in seiner Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“. Die arabische Originalfassung heißt Kitāb ʾiṣlāḥ al-aḫlāq, die hebräische Übersetzung, die Jehuda ibn Tibbon im 12. Jahrhundert anfertigte, Sēfer Tiqqūn Middōt ha-Nefeš. Hier zitiert ibn Gabirol auch aus dem Tanach, wendet sich also an religiöse jüdische Leser. Derselben Thematik gewidmet ist die Schrift Perlenauslese (arabisch Muḫtār al-Ǧawāhir, hebräisch Mivḥār ha-Penīnīm), eine Sammlung ethischer Sprüche, die aber möglicherweise ibn Gabirol zu Unrecht zugeschrieben wird.

Lehre

Ibn Gabirols Lehre macht nicht den Eindruck eines fertig ausgearbeiteten, in sich geschlossenen und in jeder Hinsicht stimmigen Systems. Einzelne Unklarheiten und Widersprüche haben zu unterschiedlichen Deutungen in der Forschung geführt. Möglicherweise spiegeln sich darin verschiedene Stadien einer geistigen Entwicklung. Da das philosophische Hauptwerk nicht im Originaltext erhalten ist, kommen auch Übersetzungsmängel als Erklärung von Unstimmigkeiten in Betracht.

Metaphysik und Kosmologie

Ein Hauptmerkmal von ibn Gabirols Philosophie ist die Verbindung der neuplatonischen Emanationslehre mit einer durchgängig konsequenten Anwendung des aristotelischen Konzepts von Form und Materie auf die Gesamtheit der geschaffenen Dinge (Hylemorphismus). Er übernimmt den neuplatonischen Grundgedanken der Emanation, wonach die Welt hierarchisch in Seinsstufen (Hypostasen) gegliedert ist, von denen eine aus der anderen hervorgeht. Die erste und höchste Hypostase der Schöpfung ist unmittelbar aus Gott (dem Einen der Neuplatoniker) herausgeflossen bzw. nach jüdischer Vorstellung von ihm aus dem Nichts geschaffen. Die übrigen Hypostasen sind der jeweils nächsthöheren Stufe entsprungen und haben somit ihren Ursprung nur mittelbar in Gott. Je niedriger eine Hypostase in der Entstehungs- und Rangordnung ist, desto komplexer ist sie. Die oberen Bereiche dieser Stufenordnung sind rein geistiger Natur, nur in der untersten Region der Gesamtwirklichkeit existiert physische Materie. Diese Materie ist an sich reine Potenz. Da sie aber durch ihre stets gegebene Verbindung mit einzelnen Formen immer aktualisiert (in den Akt übergegangen) ist, existiert sie als Potenz nur theoretisch. Nur durch diese Verbindung spezifischer Formen mit Materie entstehen die sinnlich wahrnehmbaren Objekte. Form und Materie können nie getrennt voneinander existieren, sondern werden nur zum Zweck der Analyse gedanklich getrennt. Ibn Gabirol verwirft die Auffassung, wonach die Materie gequantelt ist, vielmehr betrachtet er sie als ein Kontinuum. Die reale Existenz kleinster, nicht mehr teilbarer Einheiten hält er für unmöglich.

Ibn Gabirol übernimmt auch das neuplatonische Konzept der Weltseele, in der die Einzelseelen ihren Ursprung haben. Die Weltseele ist aus dem universellen Intellekt, dem Nous[2] der antiken Neuplatoniker, hervorgegangen. Sie besteht ebenso wie die menschlichen Einzelseelen aus Vernunftseele, sinnlich wahrnehmender Seele und vegetativer Seele. Unterhalb der vegetativen Seele des Kosmos befindet sich als nächstniedrige Hypostase die Natur, unter der Natur folgt die Welt der physischen Körper.

Strittig war unter den mittelalterlichen Denkern, die verschiedene Varianten dieses Modells vertraten, ob die Seinsstufen der rein geistigen („intelligiblen“) Welt ebenfalls Verbindungen von Formen mit (in diesem Fall geistiger) Materie darstellen oder ob sie als reine Formen ohne materielles Substrat zu denken sind. In dieser Frage ist ibn Gabirol ein früher Vorkämpfer der aus dem antiken Neuplatonismus stammenden Auffassung, dass die geistigen Substanzen – insbesondere auch die menschliche Seele – analog zu den physischen zusammengesetzt sind. Mit Ausnahme von Gott besteht somit alles, was existiert, aus Form und Materie. Dabei stellt die universelle Materie das Prinzip des Bleibenden dar, während die Einzelformen in der physischen Welt, die Aspekte der primären universellen Form sind, entstehen und vergehen und sich unablässig wandeln, womit sie zur Weltwirklichkeit das Prinzip der Veränderung beisteuern. Gott ist die einzige Substanz, die nicht zusammengesetzt ist, sondern absolut einfach und einheitlich.

Im spätantiken Neuplatonismus steht die physische Materie als ontologisch niedrigster, vom Göttlichen am weitesten entfernter Teil der kosmischen Ordnung in scharfem Gegensatz zum Geistigen (samt der geistigen Materie). Diesbezüglich weicht ibn Gabirol von der Tradition ab. Zwar betrachtet auch er die sinnlich wahrnehmbare Welt als untersten und ungeistigsten Teil des Kosmos, doch betont er, dass ein und dieselbe Materie das ganze Universum durchströme, von den höchsten Regionen des Geistes bis zum niedrigsten Bereich des Physischen. Für ihn ist somit der Unterschied zwischen geistiger und physischer Materie nur graduell; im Prinzip ist das materielle Substrat überall das gleiche. Damit wird die physische Materie als Aspekt der universellen Urmaterie in der ontologischen Rangordnung sogar nahe an Gott herangerückt, da Urform und Urmaterie als die primären Wesenheiten der Schöpfung erscheinen, ohne die nichts außerhalb von Gott existieren kann. Mit diesem Materiebegriff wird die neuplatonische Stufenordnung faktisch durchbrochen. Eine ähnliche Ansicht über Urform und Urmaterie hatte schon Isaak Israeli vertreten. Auch in Schriften, die im Mittelalter zu Unrecht teils dem antiken Philosophen Empedokles, teils Aristoteles zugeschrieben wurden, tauchen solche Gedanken auf.

Ibn Gabirol betont den Wert der Selbsterkenntnis. Wie schon Isaak Israeli meint er, eine Erkenntnis der eigenen Seele impliziere eine Erkenntnis des ganzen Universums, da alles in der menschlichen Seele enthalten sei.

Eine Grundfrage der neuplatonischen Ontologie lautet, wie der Hervorgang der Vielheit aus der absoluten Einheit zu erklären ist, wenn Vielheit und Einheit radikal wesensverschieden sind. Hier nimmt ibn Gabirol – auf die Schöpfungsvorstellung der jüdischen Religion zurückgreifend – den göttlichen Willen als vermittelnde Instanz an. Indem er diesem Willen eine zentrale Rolle in der Schöpfung zuweist, entgeht er einer deterministischen Deutung der Weltentstehung. Einerseits hält er den göttlichen Willen für eins mit dem göttlichen Wesen und ordnet ihn damit der Unendlichkeit zu, andererseits schreibt er ihm aber auch die Eigenschaft zu, im Bereich des Endlichen schöpferisch zu wirken, die geschaffenen Dinge zu durchdringen und sich so mit der Endlichkeit zu verbinden. Dieser Doppelaspekt des Willens wird für den Menschen zur Chance. Indem nämlich der Mensch in der begrenzten Welt, in der er lebt, durch Hingabe einen Zugang zum dort in der Endlichkeit wirkenden Gotteswillen erlangt, kann er sich mit diesem Willen verbinden und damit letztlich auch dessen unendlichem Aspekt, der Gottheit, nähern. Mit dem Tod befreit sich dann die Seele vom Körper. Damit beendet sie ihre Verbannung in die irdische Welt und kehrt in die geistige Welt zurück. Allerdings besteht immer eine unüberschreitbare Grenzlinie zwischen dem einfachen und prinzipiell unerkennbaren göttlichen Wesen und den aus Materie und Form zusammengesetzten Geschöpfen.

Der schöpferische Charakter des göttlichen Willens äußert sich in der Formgebung. Aus dem Willen Gottes geht die Form hervor, aus seinem Wesen die Materie. So lässt sich die Dualität von Form und Materie bis zur Gottheit zurückverfolgen, unbeschadet der absoluten Einheit Gottes.

Offen bleibt die in der Forschung diskutierte Frage, inwieweit es ibn Gabirol gelungen ist, mit seinem Verständnis des göttlichen Willens eine Brücke zwischen Vielheit und Einheit, Endlichkeit und Unendlichkeit zu schlagen und damit zugleich eine stimmige Harmonisierung zwischen neuplatonischer Emanationsphilosophie und jüdischer Schöpfungstheologie zu erreichen. Damit hängt die Frage zusammen, ob er in erster Linie neuplatonischer Metaphysiker oder jüdischer Theologe war und inwieweit er die Bruchstellen zwischen diesen beiden Elementen seiner Weltdeutung erkannt hat.

Ethik

„Das Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“ bietet einen originellen Versuch, ethische Verhaltensweisen auf naturphilosophischer Grundlage zu beschreiben und zu klassifizieren. Dabei verzichtet ibn Gabirol auf das in islamischer und christlicher Ethikliteratur beliebte Schema der vier Kardinaltugenden.

Ibn Gabirol geht von zwanzig Charaktereigenschaften aus (zehn Tugenden und zehn Laster), die er den fünf Sinnen zuordnet. Jedes Sinnesorgan hängt mit zwei Tugenden und zwei Lastern zusammen, indem es durch seine besondere Art der Wahrnehmung zum Werkzeug für deren Betätigung wird. Außerdem postuliert er einen Zusammenhang zwischen den Tugenden und den vier Eigenschaften Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit, den vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und den vier Säften der Humoralpathologie, denen seit der Antike traditionell die vier Temperamente zugeordnet wurden.

Rezeption

Die philosophischen Lehren ibn Gabirols wurden von seinen jüdischen Zeitgenossen weitgehend und von den Muslimen gänzlich ignoriert. Stark und anhaltend war hingegen die Rezeption bei den christlichen Scholastikern des Mittelalters. Als Dichter in hebräischer Sprache fand er im mittelalterlichen Judentum Anerkennung.

Jüdische Philosophie

Im mittelalterlichen Judentum fand das philosophische Vermächtnis ibn Gabirols wenig Anklang. Da er in der „Lebensquelle“ weder Bibelstellen anführt noch sich auf theologische Autoritäten beruft, wirkte sein Hauptwerk auf konservative Juden nicht ansprechend, und die Vereinbarkeit seines Neuplatonismus mit der religiösen Überlieferung des Judentums schien zumindest zweifelhaft. Außerdem wurde die neuplatonische Strömung im Spätmittelalter von der aristotelischen verdrängt. Seine poetische Leistung hingegen wurde geschätzt, und der liturgische Teil seiner Dichtung erwies sich als zur Verwendung im Gottesdienst geeignet. Dadurch blieben auch seine philosophischen Ideen unter den Juden zumindest ansatzweise bekannt, denn der berühmte, liturgisch verwendete Hymnus „Krone des Königreichs“ stellt seine Gedankenwelt umrisshaft dar. Dieser Hymnus steht noch heute in Gebetbüchern für den Versöhnungstag.

Der Dichter und Philosoph Moses ibn Esra ist der erste jüdische Schriftsteller, der ibn Gabirol erwähnt. Er lobt seinen Charakter sowie seine poetischen und philosophischen Leistungen überschwänglich und zitiert die „Lebensquelle“ oft in seiner Abhandlung „Arugat ha-Bosem“. Auch der neuplatonisch orientierte Denker Josef ibn Zaddik benutzt diese Schrift. Der gelehrte Schriftsteller Abraham ibn Esra ist offenbar von der „Lebensquelle“ beeinflusst, nimmt aber nur selten ausdrücklich auf ibn Gabirol Bezug.

Spuren von ibn Gabirols Denken sind in Werken der spätmittelalterlichen kabbalistischen Literatur zu finden. Er wird dort aber gewöhnlich nicht namentlich genannt.

Der erste prominente jüdische Kritiker von ibn Gabirols philosophischen Ideen ist Abraham ibn Daud, ein Aristoteliker. 1144 greift er die „Lebensquelle“ in seiner arabisch geschriebenen Abhandlung „Der erhabene Glaube“ an, die später, im 14. Jahrhundert, unter dem Titel „Ha-Emunah ha-Ramah“ ins Hebräische übersetzt wird. Darin behauptet er unter anderem, ibn Gabirols Behandlung des Themas sei weitschweifig und seine Argumentation weise Mängel in der Logik auf. Maimonides erwähnt ibn Gabirol überhaupt nicht.

In der Renaissance bekennt sich der Neuplatoniker Leone Ebreo (Jehuda Abravanel, Judah Abrabanel) zur Lehre ibn Gabirols.

Christliche Philosophie

Im lateinischsprachigen christlichen Europa wurde ibn Gabirol ab der Mitte des 12. Jahrhunderts durch die lateinische Übersetzung der „Lebensquelle“ unter dem Titel „Fons vitae“ bekannt. Diese Übersetzung stammte von Johannes Hispanus und Dominicus Gundissalinus. Gundissalinus trug auch in seinen eigenen Werken zur Verbreitung von ibn Gabirols Lehre bei. Man nannte ibn Gabirol „Avicebron“ oder „Avencebrol“; seine jüdische Religionszugehörigkeit war unbekannt, manche sahen in ihm einen christlichen Philosophen. Ein eifriger Anhänger ibn Gabirols war der Philosoph Wilhelm von Auvergne, der ihn für einen arabischen Christen und für den „edelsten aller Philosophen“ hielt und besonders seine Lehre vom göttlichen Willen schätzte.

Im Spätmittelalter wurde ibn Gabirols Lehre von Form und Materie zum Ausgangspunkt einer langanhaltenden Kontroverse. Seine Hypothese der Existenz einer geistigen Materie und der Zusammengesetztheit der geistigen Substanzen aus Form und Materie wurde unter Berufung auf ihn von der „Franziskanerschule“ (Alexander von Hales, Bonaventura, Johannes Duns Scotus) vertreten. Diese Position der mehr oder weniger neuplatonisch orientierten Franziskaner wurde von der aristotelischen Richtung unter den Dominikanern bekämpft, deren Hauptvertreter Thomas von Aquin war (Thomismus). Schon der Dominikaner Albertus Magnus hatte in diesem Sinn Stellung genommen. Der Konflikt bezog sich zum einen auf die Frage, ob die Seele eine eigene geistige Materie hat, zum anderen auf die Frage, ob die Seele die einzige Form des Körpers ist, wie die Thomisten meinten, oder ob der Körper auch über eine eigene „Form der Körperlichkeit“ verfügt und somit eine Mehrzahl von Formen in ihm vorhanden ist. Auch die Lehre von der Formenpluralität im Körper war von ibn Gabirol vertreten worden.

Zu den Autoren, die ibn Gabirols „Lebensquelle“ studierten und zustimmend daraus zitierten, gehörte Meister Eckhart.

Legenden

Eine Legende aus dem 16. Jahrhundert über ibn Gabirols Tod besagt, dass ihn ein neidischer Feind in seinen Garten lockte, dort ermordete und unter einem Feigenbaum begrub. Der Baum trug daraufhin so außergewöhnlich schöne und süße Früchte, dass dies allgemeines Staunen erregte. Sogar der König wurde darauf aufmerksam gemacht. Er fragte den Besitzer nach dem Grund dieser auffallenden Erscheinung. Der Befragte verwickelte sich in Widersprüche, es kam zu einer Untersuchung. Das Verbrechen wurde aufgedeckt, der Mörder gestand unter Folter und wurde hingerichtet; man hängte ihn an dem Feigenbaum auf. Einer anderen Legende zufolge schuf ibn Gabirol aus Holz einen Golem, die Gestalt einer Frau, die ihm dann diente (wie ein Roboter); als er deswegen angezeigt wurde, zerlegte er sie wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile.

Moderne Forschung

Im Jahr 1846 veröffentlichte Salomon Munk eine bahnbrechende Erkenntnis. Er hatte in der Pariser Nationalbibliothek eine von Šem-Tob ben Josef ibn Falāqīra im 13. Jahrhundert angefertigte hebräische Übersetzung von Auszügen aus der arabischen Originalfassung der „Lebensquelle“ gefunden. Dank dieses Fundes erkannte er die Identität des jüdischen Autors ibn Gabirol mit dem seit dem Mittelalter als Avicebron oder Avencebrol bekannten Verfasser des „Fons vitae“, den man zuvor für einen christlichen Scholastiker gehalten hatte. Erst diese Einsicht verschaffte der Forschung einen Gesamteindruck von dieser Schriftstellerpersönlichkeit. Jakob Guttmann trug wesentlich zur Erhellung des neuplatonischen Hintergrundes bei. Die im 20. Jahrhundert von David Neumark und später von Ernst Bloch vorgetragene Ansicht, ibn Gabirol sei eigentlich kein Neuplatoniker gewesen – Bloch reiht ihn in die aristotelische Tradition ein –, wird heute nicht mehr vertreten.


[1] Zu seinem Leben siehe S. 23

[2] griechisch für Geist oder Intellekt