In der Zeitschrift „Nachalat Zwi“ Jahrgang 1, Heft 3 der „Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft“ aus dem Jahre 1931 habe ich den nachfolgenden Artikel von Rabbiner Raphael Breuer (1881-1932)[1], einem Enkel von Rabbiner Hirsch, gefunden. Es ist die Wiedergabe einer Rede, die Rabbiner Breuer anlässlich der Jahrzeit seines Großvaters gehalten hat. Traurigerweise verstarb Rabbiner Breuer bereits ein Jahr später. Er musste also nicht miterleben, wie Deutschland seinem Untergang zuraste, wie er es bereits ansatzweise in dieser Rede andeutete.
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2551589
Rede gehalten anlässlich der am Vorabend des 27. Teweth 5691 von der Rabbiner-Hirsch-Gesell-schaft in Frankfurt a. M. veranstalteten Jahrzeitgedenkfeier von Rabbiner Dr. Raphael Breuer
Aus den [2]תְּשׁוּבַת הַגְּאוֹנִים berichtet Raschi in Jewamoth 122a , dass schon in ganz alten Zeiten der Todestag eines großen Mannes der Ehrung seines Andenkens gewidmet war:
יוֹם שֶׁמֵּת בּוֹ אָדָם גָּדוֹל קוֹבְעִים אוֹתוֹ לִכְבוֹדוֹ[3]
So haben auch wir uns heute am Vorabend des 27. Teweth hier versammelt, um uns die Frage vorzulegen, was der [4]אָדָם גָּדוֹל, der einst an diesem Tage seine Augen schloss, unserer Zeit zu sagen hat. Je mehr das Bedürfnis und die Notwendigkeit dieser Frage nur aus dem Geiste jenes stillen Zweifels zu erklären ist, der die Herzen unserer nach Klarheit drängenden Jugend erfüllt, umso mehr glauben wir es der [5]כָּבוֹד unseres großen Rabbiners זצ״ל schuldig zu sein, auf diese Frage eine klare Antwort zu geben.
Diese Frage ist schon einmal, vor zwanzig Jahren, aufgeworfen und beantwortet worden. Unter dem Titel „ein Tag, an dem ein großer Mann starb, wird ihm zu Ehren begangen,“ hat damals Joseph Wohlgemuth[6] in Berlin einen der besten seiner Aufsätze geschrieben. In begeisterten Worten schilderte Wohlgemuth in diesem Aufsatz den gewaltigen Eindruck, den vor allem Hirschs „Jeschurun“ auf ihn gemacht, als er in seinem 21. Lebensjahr über die Jahrgänge dieser Zeitschrift geriet. Von der Thischribetrachtung „Des Juden Katechismus ist sein Kalender[7]“ sagte er da: „Ich kenne kein Produkt der nachbiblischen jüdischen Literatur, das in einer einzigen Betrachtung eine solche Fülle von Gedanken, einen so unerschöpflichen Stimmungsgehalt gegeben wie diese Thischribetrachtung.“ Und von der Kislewbetrachtung „Hellenismus und Judentum“: „Unzählige Male habe ich diese Abhandlung gelesen, immer neue Anregungen für pragmatische Geschichtsbetrachtungen aus ihr empfangen.“ Und von Rabbiner Hirschs Schriften in ihrer Gesamtheit: „Die Schriften aber haben Menschen gebildet in ihrer Zeit und werden, das ist ohne Prophetengabe schon jetzt vorauszusehen, auch künftigen Geschlechtern die Wege weisen.“
Es hat seinen tiefen Grund, dass unter allen Schriften Rabbiner Hirschs der „Jeschurun“ es war, der auf die Zeitgenossen den größten Eindruck machte. Denn hier kam gerade das überwältigend zum Ausdruck, worin die große Kraft unseres großen Rabbiners lag: Der gewaltige Trieb zum Reden und Überreden, die flammende Sehnsucht, jüdische Menschenseelen für Thora und Mizwoth im Sturm zu erobern, der unerschütterliche Glaube an die Siegeskraft des Wortes, vor allem aber die tiefe Überzeugung, dass wir es bei unserer Thora weder mit einem Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis noch mit ästhetischen oder mystischen Offenbarungen zu tun haben, sondern mit einer göttlichen Botschaft an die Menschen, die darauf wartet und darauf angewiesen ist, mit Hilfe des vom Gottesgeist beseelten Menschenwortes den Himmel auf die Erde zu pflanzen. Dieses rauschende und berauschende Menschenwort ist niemals sachlich im Sinne unserer neuen Sachlichkeit, sondern subjektiv und persönlich im höchsten und edelsten Sinne. הוּצָא דָּבָר מִתּוֹךְ פִּיךָ„Lasse hervortreten das Wort aus deinem Munde“, bemerkt der Midrasch zu dem Vers כִּי קָרוֹב אֵלֶיךָ הַדָּבָר מְאֹד בְּפִיךָ וּבִלְבָבְךָ לַעֲשֹׂותוֹ. Es soll ein Wort aus deinem Munde sein. Und noch viel eindringlicher dürfte diese Forderung, das Gotteswort mit dem höchst persönlichen Leben einer jeden neuen Gegenwart zu erfüllen, von der Gemara in Chulin 89a erhoben werden:
מָה אוּמָּנוּתוֹ שֶׁל אָדָם בָּעוֹלָם הַזֶּה יָשִׂים עַצְמוֹ כְּאֵלֶם יָכוֹל אַף לְדִבְרֵי תּוֹרָה תַּלְמוּד לוֹמַר צֶדֶק תִּדְבְּרוּן[8]
Beim irdischen Schaffen des Menschen ist es im Allgemeinen so, dass es nur dann als vollkommen gilt, wenn der Schaffende hinter seinem Werk verschwindet, wenn der sachliche Zweck sein Persönliches „verstummen“ lässt. Nun könnte man meinen, dass es auch bei der Thora so wäre. Darum heißt es: Das göttliche Rechtssystem der Thora hat zu seinen Sachwaltern, zu seinen Boten und Verkündigern euch erkoren.
Ist aber das göttliche Rechtssystem der Thora berufen, in einer jeden Gegenwart das Eigene und Persönliche der neuen Generation aufzuwühlen und in immer neuen Formen und Klängen die ewige Wiederkunft seiner selbst zu erleben, dann ist die Frage berechtigt, wie es sich heute mit dem Wort und der Botschaft Rabbiner Hirschs verhält. Erst vier Jahrzehnte sind seit seinem Tod vergangen. Kann und darf man heute beim Anblick seines Werkes von Zeitbedingtheit und Zeitgebundenheit sprechen? Gehört sein Wort und seine Botschaft nur der Vergangenheit an, oder hat Rabbiner Hirsch auch unserer Zeit noch etwas zu sagen?
I.
Machen wir uns zunächst einmal klar, was Rabbiner Hirsch seiner Zeit zu sagen hatte. Seine Botschaft, zu der er auserkoren war, bestand in der Hauptsache darin, seinen Schicksalsgenossen den Glauben an die Thora, der ihnen völlig abhandengekommen war, wiederzugeben. Seine Schicksalsgenossen: das waren die deutschen Juden des vorigen Jahrhunderts, die entweder in ungezählten Scharen vom alten Väterglauben abfielen oder nach einer neuen Form des Judeseins ausspähten, die ihnen den Abfall vom Alten ersparen und den Anschluss an das Neue ermöglichen sollte. Diesen Schwankenden, Zweifelnden, Sehnsüchtigen, die vom Geist der neuen Zeit im innersten ergriffen und erschüttert waren, die wohl auf der einen Seite den Abfall vom Alten als erbärmlichen Verrat durchschauten, aber doch auf der anderen Seite nicht recht wussten, wie sie den Anschluss an das Neue gewinnen sollten, ohne auf den Weg des Verrates abzugleiten: das waren die Menschen, für die Rabbiner Hirsch ein von Gottgesandter Führer und Retter, ein zweiter [9] מוֹרֵה נְבוּכִים wurde.
Die Art und Weise, wie er zu diesen Menschen sprach, musste ihre Seelen zum Klingen bringen, sofern sie nur guten Willens und von ehrlicher Aufnahmebereitschaft waren. Wie er die Thora lehrte und lernte; wie er einen Bibelvers, ein Wort des Talmud und des Midrasch ansah, aussprach und darlegte; wie er die klassischen Quellen der jüdischen Lehre, des jüdischen Denkens und Fühlens in unverfälschter Reinheit und Ursprünglichkeit, aber doch mit solcher originaler Kraft wiederzugeben verstand, dass sie die Menschen seiner Zeit wie neu geschaffen anmuteten: das hat ihm in der schöpferischen Genialität seiner Einmaligkeit keiner seiner Zeitgenossen nachgemacht. Uns mag heute manches selbstverständlich vorkommen, was erst unter dem Einfluss seiner Wirksamkeit zum geistigen Besitztum weiter Kreise wurde. Dass wir es bei Thora und Mizwoth mit weltbewegenden, weltgestaltenden, weltumformenden geistigen Mächten zu tun haben; dass diese Thora der Inbegriff unerhörter philosophischer, politischer, sozialer und wirtschaftlicher Aufschlüsse und Erkenntnisse ist; dass diesen Mizwoth eine erzieherische Gewalt innewohnt, die von keinem modernen Fortschritt der pädagogischen Theorie und Praxis überflügelt werden kann; dass diesem jüdischen Volk mit seinem Zion der Vergangenheit und seinem Zion der Zukunft eine kosmische Aufgabe gestellt ist, deren Lösung das Heil der Menschheit bedingt: die welthistorische Weite dieser Schau, sie mag in den klassischen Zeiten der jüdischen Geschichte Gemeingut aller Wissenden und Verstehenden gewesen sein, sie musste aber vor hundert Jahren vom Verfasser der „Neunzehn Briefe“ und des „Chorew“ wie Neuland entdeckt werden, und sie musste gegenüber dem Hohngelächter eines seichten Aufklärertums und einer beschränkten Wissenschaftlichkeit mit starker Hand verteidigt und befestigt werden.
Im Andenken der Nachwelt lebt Rabbiner Hirsch vielfach als der Schöpfer einer neuen, modernen Orthodoxie fort. Er habe aus dem Thora- und dem Derech-Erez-Ausspruch unserer Weisen das Recht einer Verbindung von jüdischer und nichtjüdischer Kultur hergeleitet. Nichts ist falscher als das. Niemand war von der obersten und heiligsten Pflicht des jüdischen Volkes, die Autonomie und Souveränität seiner Thorakultur aufrecht zu erhalten, tiefer durchdrungen als er. Wie hätte er jemals auf den Gedanken kommen können, die Eigengesetzlichkeit der Thorakultur zu erschüttern, er, der den Gedanken niemals fassen konnte, wie jüdische Menschen, denen an der Erhaltung der Thora als der Seele der jüdischen Gemeinschaft etwas gelegen ist, die Souveränität dieser Thora in jüdischen Gemeinden, Verbänden, Weltorganisationen in die Forderung einer orthodoxen Partei verwandeln konnten, und der das Erlebnis dieser Verwandlung als die schmerzlichste Enttäuschung seines Lebens empfand! Thora und Derech-Erez: das hieß für ihn nichts anderes als Hineinstellen der Thora in den großen Zusammenhang der Welt. Wie sollen denn Thora und Mizwoth zu weltbewegenden, weltgestaltenden, weltumformenden geistigen Mächten werden, wie soll denn das jüdische Volk seine geschichtliche Mission erfüllen können, vor den Augen aller Welt Zeugnis abzulegen für die Ehre Gottes und seiner Lehre, wenn Judesein mit Weltfremdheit und Weltabgeschiedenheit gleichbedeutend wäre! Wie schon der erste Jude als „Vater des Völkergewoges“ die Weltbühne betrat, um der angemaßten politischen Souveränität der Nationen die göttliche Souveränität seines jüdischen Messianismus entgegenzuhalten, wie jedes Wort, das Mosche Rabbenu und all die Propheten, die nach ihm kamen, zu ihrem Volke sprachen, Himmel und Erde zur Zeugenschaft beriefen und eine Botschaft messianischer Weltkultur an die ganze Menschheit war, so und nicht anders hat auch unser großer Rabbiner ז“ל seine Thora- und Derech-Erez-Botschaft verstanden.
II.
Hundert Jahre sind vergangen, seitdem sein mächtiges Wort zum ersten Mal erklang, 42 Jahre, seitdem er seine Kehilla und sein Volk verließ. Wodurch unterscheidet sich unsere Zeit von seiner Zeit? Das entscheidende Erlebnis unserer Tage ist der Weltkrieg und all das, was nach ihm kam. Wir haben in den letzten 16 Jahren etwas gelernt, was den Menschen, die zwischen 1870 und 1914 lebten, nur aus der Überlieferung bekannt war: Wir haben gelernt, was Geschichte ist. Wir haben in diesen 16 Jahren Dinge erlebt und erleben sie noch heute unausgesetzt Tag für Tag, die der vorhergehenden Generation nur aus Geschichtsbüchern bekannt waren. Die haben Geschichte gelesen, wir haben Geschichte erlebt und erleben sie noch heute unausgesetzt Tag für Tag. Und darum möchte ich geradezu behaupten, dass die geistige und politische Botschaft Rabbiner Hirschs, die von historischen Erlebnissen und Erkenntnissen geradezu durchtränkt war, unserer Generation nähersteht und mehr zu sagen hat als der, die der unsrigen unmittelbar vorausgegangen ist.
Versuchen wir´s doch einmal, uns in die Jugendzeit Rabbiner Hirschs zurückzuversetzen. Das große Erlebnis seiner Jugend waren die politischen, sozialen und kulturellen Nachwirkungen der französischen Revolution und der napoleonischen Zeit. Wer seine Rede kennt, die er 50 Jahre nach der Leipziger Völkerschlacht im Beth Hakneset[10] unserer „Adas Jeschurun[11]“ gehalten hat, eine Rede, die man nicht lesen kann, ohne sich vom Hauch des Gottes der Geschichte angeweht zu fühlen, eine Rede, die mit unerhörter Leidenschaft und Ergriffenheit „eine von jenen Stunden“ gefeiert hat, „in welchen Gott einzieht in die Geschichte“, wer diese Rede kennt, — eine politische Mussar-Rede, die das Walten des ewigen Rechtes im Völkerleben besingt — [12]צֶדֶק לְפָנָיו יְהַלֵּךְ Recht geht vor seinem Angesichte her, wo das Recht siegreich einzieht in die Zeiten, da kannst du wissen: [13]וְיָשֵׂ֖ם לְדֶ֣רֶךְ פְּעָמָֽיו, da ist der Eintritt der Gotteswege auf Erden — wer diese wundervolle Rede Rabbiner Hirschs kennt, der weiß, dass die Ehrfurcht vor dem Walten Gottes in der Geschichte und der Glaube an den endlichen Sieg des Rechtes auf Erden das Grundgefühl seines Innenlebens und die alles beherrschende Richtlinie seiner Botschaft war.
Schulter an Schulter mit dem deutschen Bürgertum haben im vorigen Jahrhundert Deutschlands Juden für den Sieg des Rechtes gekämpft. Die Befreiung des deutschen Bürgers aus den Fesseln des alten Feudalstaates hat auch dem deutschen Juden die Gleichberechtigung gebracht. So tief Rabbiner Hirsch die religiösen Gefahren der Emanzipation durchschaut hat, so hat er sie doch allezeit als einen Triumph des Rechtes über die Gewalt empfunden und in begeisterten Worten gefeiert. Und wenn er heute wieder auferstände und es erlebte, wie dieses deutsche Bürgertum, dem er sich im Kampf ums Recht als deutscher Jude schicksalsmäßig verbunden fühlte, im Zeitalter des Nationalsozialismus und Bolschewismus Gefahr läuft, von den Wogen eines völkischen oder proletarischen Lebensgefühls verschlungen zu werden; wenn er heute sähe, wie es der völkischen Bewegung immer mehr und mehr gelingt, ihren Geistestypus am ausgeprägtesten auf das deutsche Bürgertum zu übertragen, und die größte politische Gefahr unserer Gegenwart, die Zerstörung des Rechtsgedankens, bedrohlicher wird von Tag zu Tag: dann wäre seine Mahnung an uns, die klassischen Ideale des deutschen Bürgertums von der Freiheit und Gleichberechtigung der Menschen im Interesse des Deutschtums und des Judentums für die Zukunft retten zu helfen! Denn was er damals an jenem 18. Oktober 1863 in seinem Beth Hakneset gesprochen, das hat ja für unsere Zeit eine Resonanz von ungeahnter Kraft gewonnen. War es damals eine Wahrheit, dass man mit dem Rechtsgedanken nicht spielen darf, dass סָמָא דֶּחְיִי לְמַיְימִינִים בָּהּ סָמָא דְּמוּתָא לְמַשְׂמְאִילִים בָּהּ, dass das missbrauchte Recht die Gewalt, die missbrauchte Freiheit die Tyrannei zu ihrem Rächer setzt, dass darin eben die göttliche Allmacht des gottgesandten Rechtes sich offenbart, dass es über Menschen und Völker, Hütten und Paläste zertrümmernd dahinschreitet, bis es in seiner Reinheit und Glorie begriffen und ihm in Aufrichtigkeit gehuldigt wird: dann hat diese Wahrheit, weiß Gott, in unseren Tagen von ihrer erschütternden Wucht nichts verloren. Der Schrei nach der Diktatur, der heute im politischen Leben von rechts und von links ertönt, er versetzt uns zurück in die Zeit der französischen Revolution, in der die Völker zeigten, wie unreif sie waren für die Freiheit und das Recht und wie aus dieser Unreife der Tyrann emporwachsen musste, der ihnen den Fuß der Gewalt auf den geknechteten Nacken setzte. An jenem 18. Oktober 1863 schien diese Zeit endgültig vorbei zu sein, und in ergreifenden Worten hat ihr Rabbiner Hirsch das Totenlied gesungen. Heute ist der Tyrann in zwiefacher Verkleidung, in faschistischem und bolschewistischem Gewand, zu neuem Leben erwacht. Und da hätte Rabbiner Hirsch uns nichts mehr zu sagen?
III.
Wir haben in den letzten 16 Jahren gelernt, was Geschichte ist, und haben dabei am eigenen Leib erfahren, wie sehr das persönliche Schicksal jedes Einzelnen, seine wirtschaftliche Existenz und gesellschaftliche Stellung, durch den Gang der politischen Ereignisse wesentlich und nachhaltig bestimmt wird. Wir alle werden heute durch Fragen der Wirtschaft, der Sozialpolitik und des gesellschaftlichen Lebens im innersten aufgewühlt. Wir suchen nach einer Deutung dieser Fragen, nach einem Verständnis all des Bedrückenden und Zermürbenden, unter dem die wirtschaftlichen Opfer des Weltkrieges so schwer zu leiden haben, wir spähen aus nach dem Sinn jener Wirtschaftsnot, jener Weltwirtschaftskrise, die unsere Zeit zu einer so schweren, so unfrohen, so unglücklichen gestaltet. Bei allem, was uns bedrückt, sind wir gewohnt, eine Schaaloh[14] zu machen. Was liegt darum näher, als nach dem Sinn unserer wirtschaftlichen Not unsere Thora zu befragen? Wer aber unter den berufenen Wortführern der Thora, wer unter den großen Rabbinen der Vergangenheit und Gegenwart hat die sozialpolitische und wirtschaftspolitische Botschaft unserer Thora so tief durchschaut und mit solch zündenden Worten wiedergegeben wie Rabbiner Hirsch? Wer hat es so verstanden, den Sabbath, das Pessachopfer, das Lechem Happanim , den Schulchan, die Symbole des Suckothfestes, das Zinsverbot, die Vorschriften über Zedakah und Gemiluth Chessed, Schemitta, Jobel usw. in den Zusammenhang der Welt hineinzustellen wie er? Wer hat die weltgestaltenden, weltumformenden Wirkungen dieser Gesetze so ahnungsvoll erkannt wie er? Und wenn er heute käme und sähe den wirtschaftlichen Zusammenbruch, unter dem auch seine Kehilla[15] so schwer zu leiden hat — darf ich’s versuchen, darf ich’s wagen, es auszusprechen, was wohl er dazu zu sagen hätte?
Wenn wir es heute in der Weltwirtschaft glücklich so weit gebracht haben, dass für Millionen Menschen die Existenzfrage, die Frage einer auf redlicher Arbeit beruhenden Existenz zu einem unlösbaren Rätsel geworden ist, dann ist es sehr bequem, hierfür das zeitweilige Versagen der Weltpolitik verantwortlich zu machen. Man muss schon etwas tiefer schauen, wenn man hier die Wahrheit finden will, denn es könnte doch wohl sein, dass jenes zeitweilige Versagen der Weltpolitik, aus dem der Weltkrieg und die Ereignisse der Nachkriegszeit hervorgegangen sind, selbst nur der Ausfluss einer weltwirtschaftlichen Notwendigkeit war. Und dem ist in der Tat so. Die ungeheure Krise, aus der die Welt gar nicht mehr herauskommen will, in der sie so unlösbar verstrickt scheint, dass das Gespenst des Krieges wieder aufgetaucht ist und wieder umgeht in der Welt — sie ist mit ihren tiefen Wurzeln lediglich darauf zurückzuführen, dass der sogenannte Kapitalismus in der ganzen Menschheit eine Wirtschaftsgesinnung erzeugte, die sich in unseren Tagen moralisch und politisch selbst ad absurdum zu führen beginnt.
[16]רֵאשׁ וָעֹשֶׁר אַל תִּתֶּן לִי הַטְרִיפֵנִי לֶחֶם חֻקִּי„Armut und Reichtum gib mir nicht, gib mir Brot nach meinem Bedarf!“ Wie kindlich, wie naiv mutet dieses Gebet den an, der im modernen Wirtschaftsleben steht! Wie fern, wie weltenfern ist doch der Geist, der aus diesem Gebet spricht, von jener kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung, die uns alle erfüllt! Wer von uns möchte nicht reich sein? Wer von uns betet zu Gott, ihn vor dem Reichtum und seinen sittlichen Gefahren zu schützen? Obwohl doch derselbe Salomo in einem anderen Kapitel seiner Sprüche das große Wort gesprochen: נִבֳהָל לַהוֹן אִישׁ רַע [17]עָיִן וְלֹא יֵדַע כִּי חֶסֶר יְבֹאֶנּוּ „Mit Hast will sich bereichern der missgünstige Mensch, und er bedenkt nicht, dass ihn der Mangel treffen wird.“ Die Weisen des Midrasch beziehen diesen Vers auf vier Kategorien von Menschen: Auf Kajin, auf Efron, auf הַמְּלַוֶּה מְעוֹתָיו בְּרִבִּית, auf den, der sein Geld gegen Zinsen herleiht und auf סוֹחֲרֵי שְׁבִיעִית auf die, die im siebenten Erlassjahr mit den Früchten des Feldes Handel treiben. Wenn wir diese Midraschbemerkung richtig verstehen, dann dürfte darin die tiefste nationalökonomische Erkenntnis unserer Weisen enthalten sein. Wer war Kajin, und wer war Efron?
Kajin, der Bauer, war der erste, der die bäuerliche Wirtschaftsverfassung durchbrach. Das abgegrenzte Besitztum des Bauern war ihm zu eng. Die Erwerbsidee erwacht in ihm, die Sehnsucht nach jener unbegrenzten Vermehrung der Produktenmenge, wie sie nur die Herdenwirtschaft seines Bruders Hewel zu gewähren vermag. Und diese Sehnsucht ist so stark, dass der Gedanke an das Lebensrecht des Bruders in ihm völlig versinkt. Kajin erschlägt seinen Bruder Hewel. Der erste Kapitalist, von dem die Geschichte erzählt, ist zugleich der erste Mörder, von dem wir hören.
Während uns die Thora in Kajin den Typ des beginnenden Kapitalismus zeichnet, der noch mit bäuerlicher Urwüchsigkeit das Fundament einer neuen Wirtschaftsverfassung legt, zeichnet sie uns in Efron schon den vollendeten Typ eines gerissenen Händlers, der mit dem ganzen Raffinement kapitalistischer Zweckbedachtheit die Zwangslage Abrahams ausnützt, um ihn bei seinem Verkauf der Machpela-Höhle — selbstredend in den Formen kulantester Höflichkeit — ganz gehörig übers Ohr zu hauen. Seine erste Frage und sein erster Gedanke ist: Warum? Wozu? Was trägt’s? Was nützt’s? Efron ist der erste Kapitalist in Reinkultur, der erste „Tachlis “ – Mensch[18], von dem die Geschichte erzählt, der erste, in dem die Idee des Erwerbs die Idee der Nahrung bereits völlig verdrängt hat.
Als Kajin und Efron lebten, da gab es noch kein jüdisches Volk. Die kapitalistische Wirtschaftsgesinnung ist älter als das jüdische Volk. Ja, die Thora ist nicht zuletzt zu dem Zweck geoffenbart worden, um mit Hilfe des Sabbaths, der Schemita- und Jobeleinrichtung und mit Hilfe des Zinsverbotes den Geist des Kapitalismus zu bekämpfen und zu verdrängen. Allein das jüdische Volk hat schon in den Tagen seiner staatlichen Selbständigkeit seine soziale und politische Mission nicht begriffen. Daher wurden wir in das Galuth hinausgetrieben, um den Fluch des Kapitalismus an unserem eigenen Leibe zu erfahren. Und wie haben wir ihn erfahren! Die Welt sieht uns seit 2000 Jahren im Bilde Efrons, dieses Urbildes der Shylockfigur[19], des schachernden Händlers. Kapitalismus ist für die Welt identisch mit Judaismus. Wir, die wir im Namen יִשְׂרָאֵל den Gedanken der Gottesherrschaft verkünden, stehen seit 2000 Jahren in der Welt da als typisches Urbild jenes hässlichen Mammongötzendienstes, der jeden Feinfühligen mit Abscheu erfüllt. Und es lastet auf uns der Fluch, der Kajin traf. נָע וָנָד unstet und flüchtig geht der ewige Jude über die Erde. Wir sind zerstäubt und atomisiert, äußerlich und innerlich zerbrochen, unfähig zu einer Gesamtorganisation, die uns so bitter nottäte. Niemals aber hätte der Galuth-Prozess der Zerstäubung des jüdischen Volkes solch furchtbare Formen angenommen, wenn nicht schon zur Zeit des jüdischen Staates die סוֹחֲרֵי שְׁבִיעִית und מַלְוֵי בְּרִבִּית gekommen wären, um die Wirtschaftsgesinnung des jüdischen Volkes mit den Giftbazillen des Kapitalismus zu durchsetzen. Nur dadurch, dass wir zu einem Volk von Händlern und Krämern geworden sind, zu einem Volk des Geldes, des rollenden, transportablen Geldes, sind wir selbst ins Rollen geraten — und nur dadurch, dass jüdisches Kapital von altersher einseitig in Anlagewerten festgelegt wurde, die von Finanzkrisen immer leicht erfasst werden konnten, hatten wir seit je unter dem Fluch des Kapitalismus ganz besonders schwer zu leiden. Und wenn in unseren Tagen der jüdische Mittelstand so gut wie vernichtet ist, so hat das König Salomo längst vorausgesehen: נִבֳהָל לַהוֹן אִישׁ רַע עָיִן וְלֹא יֵדַע כִּי חֶסֶר יְבֹאֶנּוּ. —
Gibt es eine Befreiung von diesem Fluch? Mit schwerem Herzen schauen wir seit Jahr und Tag zu Gott um Hilfe empor. Ob und wie Gott helfen wird, das ist und bleibt sein ewiges Geheimnis. Dass aber die Menschen einander nicht helfen, dass auch in jüdischen Kreisen nur wenig geschieht, um auf dem Wege einer planmäßig organisierten jüdischen Wirtschaftspolitik die so oft geforderte wirtschaftliche Umstellung der deutschen Judenheit einzuleiten, das beweist wieder einmal, wie tief jene Weisen geschaut haben, die einst zu König David kamen und sprachen: אֲדוֹנֵנוּ הַמֶּלֶךְ עַמְּךָ יִשְׂרָאֵל צְרִיכִין פַּרְנָסָה „unser Herr und König, dein Volk Israel ist פַּרְנָסָה-bedürftig“, und als der König zu ihnen sprach: לְכוּ וְהִתְפַּרְנְסוּ זֶה מִזֶּה„geht doch hin und helft doch einander“, da sprachen sie: אֵין הַקּוֹמֶץ מַשְׂבִּיעַ אֶת הָאֲרִי וְאֵין הַבּוֹר מִתְמַלֵּא מֵחֻלְיָתוֹ „ein kleiner Bissen sättigt keinen Löwen, und eine hohle Grube kann ihre Füllung niemals in sich selber finden.“ So groß sind die Ansprüche, die wir alle, auch die Ärmsten unter uns, an das Leben stellen; so tief, so fest, so unentrinnbar ist die Welt in den Fluch der wirtschaftlichen Zwangsläufigkeit eingesponnen, dass eine durchgreifende Hilfe aus uns selbst heraus — leider, wie es scheint — unmöglich ist.
Nur eine völlige Umwandlung der Welt, ihrer Wirtschaftsverfassung und Wirtschaftsgesinnung könnte helfen. Nur die göttliche Botschaft des Jobel-Schofars — [20] וּקְרָאתֶם דְּרוֹר בָּאָרֶץ לְכָל יֹושְׁבֶיהָ — könnte uns und der ganzen Menschheit die Erlösung bringen, indem sie gegenüber der Diktatur der faschistischen oder proletarischen Gemeinschaft — dieser unseligen Frucht des kapitalistischen Geistes — das unveräußerliche Recht des Einzelmenschen auf Eigenwert und persönliches Lebensglück proklamiert.
Bis dahin aber darf und kann es für uns nur eine Sorge geben. Ist es einmal von Gott uns auferlegt, die Last der [21]דִּקְדּוּקֵי עֲנִיּוּת auf unsere Schultern zu nehmen, dann müssen wir zeigen, dass wir stärker sind als unser Schicksal. Armut ist eine Frage an die Menschheit, ob sie ihr standzuhalten vermag, oder ob sie [22]מַעֲבִיר אֶת הָאָדָם ist [23]עַל דַּעְתּוֹ וְדַעַת קוֹנוֹ. Zu einer Schmach wird die Armut erst dann, wenn sie zu einem Nährboden wird, auf dem die Sumpfblumen proletarischer Verzweiflung und Verkommenheit wuchern; zu einer Schmach wird die Armut, wenn sie uns aus [24]בְּנֵי חוֹרִין zu [25]עֲבָדִים macht, wenn sie uns die religiösen Pflichten vergessen lässt, die wir in einer solchen schlimmen Zeit mit doppeltem Ernst zu erfüllen haben, wenn sie uns den Satz des R. Akibas vergessen lässt: אֲפִילּוּ עֲנִיִּים שֶׁבְּיִשְׂרָאֵל רוֹאִין אוֹתָם כְּאִילּוּ הֵם בְּנֵי חוֹרִין שֶׁיָּרְדוּ מִנִּכְסֵיהֶם שֶׁהֵם בְּנֵי אַבְרָהָם יִצְחָק וְיַעֲקֹב[26]
Bleibt darum stark und aufrecht! Bewahrt euch den jüdischenבְּנֵי חוֹרִין -Stolz, der zu allen Zeiten die [27] בְּנֵי אַבְרָהָם יִצְחָק וְיַעֲקֹב mitten in Armut und Elend zu Großtaten des Geistes und Willens beflügelte! Zeigt im Gegensatz zu den Proletariern aller Länder, dass jüdisches Proletariat die gefährlichste Form der Assimilation ist, die schon Jecheskel, der Prophet, als die tiefste Schmach der Armut bezeichnet hat: [28]לְמַעַן אֲשֶׁר לֹא תִיקְחוּ עוֹד חֶרְפַּת רָעָב בַּגּוֹיִם. —
So ungefähr stelle ich mir die soziale und wirtschaftspolitische Botschaft vor, die unser großer Rabbiner זצ״ל dieser unserer Zeit zu überbringen hätte.
IV.
Wer die Schriften Rabbiner Hirschs wirklich kennt, wer sie nicht bloß oberflächlich gelesen, sondern gründlich studiert hat, der findet auf Schritt und Tritt bestätigt, was ich vorhin als das Grundgefühl seines Innenlebens und als die alles beherrschende Richtlinie seiner Botschaft bezeichnet habe: die Ehrfurcht vor dem Walten Gottes in der Geschichte und den Glauben an den endlichen Sieg des Rechtes auf Erden. Im Recht stieg ihm die Gottheit auf die Erde nieder, das im Thoragesetz geoffenbarte Recht war ihm der oberste Souverän, dem sich alles auf Erden zu unterordnen hat: die Politik und Wirtschaft aller Völker und Staaten und ihnen allen beispielgebend voranschreitend — Israel, das Gottesvolk. Und als vor hundert Jahren das deutsche Judentum die ersten Schritte unternahm, um das Recht der Thora aus der Verfassung des jüdischen Volkes zu streichen, um an die Stelle des Thorawillens den Volkswillen zu setzen, da hat sich, als Rabbiner Hirsch diese Umkehrung aller jüdischen Werte erlebte, dagegen sein Rechtsgefühl aufgelehnt. Er sah, dass Unrecht geschah. Er sah, wie man auf dem Wege der Gewalt dem überlieferten Judentum nach dem Leben trachtete. Das durfte nicht geschehen, selbst wenn man von der Reformbedürftigkeit des Judentums überzeugt war. Dass die Führer der Reform das alte Judentum, wie es in den „Neunzehn Briefen“ heißt, nur eines Axtstreiches für wert befanden; dass sie es auf eine Kraftprobe gar nicht ankommen ließen und damit nur das Gefühl der eigenen Schwäche verrieten: das war die große Ungerechtigkeit, die vor 100 Jahren Rabbiner Hirsch als Anwalt des Thorarechtes auf den Plan gerufen hat. Und als es 40 Jahre später gelang, diesem Thorarecht in der Frankfurter „Adas Jeschurun“ eine staatlich anerkannte Heimstätte zu erobern und als nun die Reform dazu überging, im wohlverstandenen eigenen Interesse die gewalttätige Willkür von dazumal in entgegenkommendes Wohlwollen zu verwandeln, da bedurfte es schon eines Rechtsgefühls, wie es in der Seele unseres großen Rabbiners זצ“ל lebte, um es einzusehen, dass Wohlwollen nur eine besondere Form der Willkür ist. Was die Thora von einer jüdischen Gemeinde zu fordern hat, das ist nicht Wohlwollen, das ist nicht Duldung und Gnade, sondern ihr Recht. Dem Recht der Thora als ihrem alleinigen Souverän haben sich die Pforten der jüdischen Gemeinde zu öffnen. Und wie es ein Hohn ist auf das Recht eines unschuldig verurteilten Menschen, einerlei ob man ihn nach der Teufelsinsel verbannt, oder ob man ihn zu lebenslänglicher Duldung begnadigt, so ist es ein Hohn auf das Recht der Thora, einerlei ob ihr die Willkür das Recht zum Leben versagt, oder ob sie ihre Begnadigung zum Leben dem Wohlwollen dieser Willkür verdankt.
Diese Botschaft Rabbiner Hirschs von dem unveräußerlichen Recht der Thora im jüdischen Gemeinschaftsleben ist in unseren Tagen aktueller und zeitgemäßer als je. Denn es ist ja gar nicht wahr, was man heute so oft zu behaupten pflegt, dass die neologe[29] Willkür und das neologe Wohlwollen sich zu Gunsten des Thorarechtes irgendwie geändert habe. Im Gegenteil. Mit Recht heißt es in der Festausgabe für Claude G. Montefiore[30], die anlässlich der Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum überreicht wurde, auf S. 98: „In der Frühzeit des Liberalismus erschien es als eine kühne Neuerung, wenn man es wagte, am hebräischen Gebettext geringfügige Änderungen vorzunehmen, eine Anzahl Piutim[31] fortzulassen und einige deutsche Gebete einzufügen. Die Grundform des überlieferten Gottesdienstes blieb unangetastet. Der Liberalismus der Gegenwart aber stellt die Forderung nach einer völligen Neugestaltung der Andacht auf. Er verlangt einen Gottesdienst, der aus dem Leben der Gegenwart entstehen und der religiösen Sehnsucht unserer Zeit Ausdruck geben soll.“ Die heutige Neologie gibt sich mit Kleinigkeiten nicht mehr ab. Sie lässt die Orthodoxen ruhig ihre Piutim sagen und an die himmlische Herkunft der Thora glauben — diese Dinge, die einst hüben und drüben die Gemüter erhitzten, stehen heute nicht mehr zur Debatte, heute gehts ums Ganze. Und wie die Neologie im Vertrauen auf das Heimatrecht, das ihr von den Gegnern Rabbiner Hirschs im Judentum gewährt wurde, sich intensiv verstärkt und vertieft hat, so ist sie auch extensiv umfangreicher geworden: sie hat mittlerweile auch Erez Israel in den Bereich ihrer Willkür und ihres Wohlwollens gezogen. In den Tagen Rabbiner Hirschs hat die Neologie die Erez-Israel-Idee ignoriert, im schlimmsten Falle negiert. In der Hand der heutigen Neologie hat die Erez-Israel-Idee eine förmliche und sachliche Umgestaltung erfahren, und die Umgestaltung hat den Begriff des Judentums, des jüdischen Volkes, der jüdischen Nation als Ganzes auf den Kopf gestellt.
Für den wahrhaft prophetischen Geist, der unseren großen Rabbiner זצ״ל beseelte, ist nichts so bezeichnend, wie die erstaunliche Tatsache, dass er in einer Zeit, in der es noch lange keinen Zionismus gab, den Begriff des jüdischen Staates und der jüdischen Nation, des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes gegen Säkularisationstendenzen in Schutz nahm, die damals noch im Schoße der Zeiten schlummerten. Seine flammenden Jeschurun-Aufsätze über die Botschaft des 10. Tebeth, des 17. Tammus und des 9. Aw, sie haben die Erez-Israel-Idee vor dem Schicksal der Verweltlichung bewahren wollen, und sie sind darum erst im Zeitalter Weizmanns[32] und Jabotinskys[33] modern und aktuell geworden. Mit welch eindringlicher Wucht haben diese politischen Aufsätze Rabbiner Hirschs auf die zentrale Stellung des „Bet Hamikdasch“[34] und der „Awoda “[35] im Leben des jüdischen Volkes hingewiesen, zu einer Zeit, als schon weite Kreise des deutschen Judentums den heiligen Opferhandlungen der „Awoda“ sich innerlich entfremdet hatten. Denn sagen wir es nur offen heraus: Dass ein Gottesdienst, in dessen Mittelpunkt — um jenes verhängnisvolle Schlagwort zu gebrauchen — ein „blutiger Opferkultus“ stand, einmal ein ganzes Volk in einen Zustand tiefster religiöser Ergriffenheit versetzen konnte, sodass sie alle im Augenblick, als dieser Opferkultus seinen Höhepunkt erreichte und der Hohepriester bei seinem Opfertier stehend das Sündenbekenntnis ablegte, niederknieten, sich hinwarfen und so laut riefen, dass die Luft erzitterte: gesegnet sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig —: Dafür hat nicht bloß die moderne Neologie kein Verständnis, das ging schon in den Tagen Rabbiner Hirschs über das Begriffsvermögen der Neologie hinaus. Hier ist der Punkt, wo sich Weizmann und Jabotinsky mit Geiger[36] und Holdheim[37] berühren. Hier ist aber auch der Punkt, wo auch wir zuweilen eine Unsicherheit der seelischen Einstellung verraten, und ich möchte glauben, dass es im Zeitalter der nationalsozialistischen Angriffe gegen den „blutigen“ Kultus der Schechita dem ganzen deutschen Judentum bitter nottäte, den Aufsatz Rabbiner Hirschs über den blutigen Opferkultus sich geistig und seelisch anzueignen, um ein für alle Mal gegen jede Konzessionsbereitschaft in diesen Belangen gefeit zu sein. Wenn man diesen Aufsatz heute liest und sich von seinen stürmenden Worten belehren lässt, wie die erhabensten Momente in Israels Geschichte, von Abraham angefangen bis zum Untergang des Tempels auf Moria, durch den heiligen Akt der Schechita geweiht und geadelt waren, dann ahnt man erst, worum es sich beim Kampf um die Schechita handelt. Denn wahrlich, wer das Wort „blutiger Opferkultus“ zum ersten Mal in den Mund genommen hat, der hat mit diesem Worte nicht nur den biblischen Opfergottesdienst auf die Stufe kannibalischer Rohheit und Verworfenheit herabgedrückt, der hat mit diesem Worte auch der Schechita selbst in den Augen der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit den ersten Stoß versetzt, der hat schon vor hundert Jahren eine verhängnisvolle Stimmung vorbereitet, aus der heraus in unseren Tagen die meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands die Schechita nicht als ein Kriterium des Judentums, sondern als ein Sonderpostulat der Orthodoxie betrachten. Auch hier hat man an die Stelle des Thorarechtes das Wohlwollen der Willkür gesetzt. Und da hätte Rabbiner Hirsch unserer Zeit nichts mehr zu sagen?
Die zionistische Verweltlichung des Judentums, die Rabbiner Hirsch prophetischen Geistes vorrausgeahnt hat, sie schreitet heute von Sieg zu Sieg. Denn auch der Einzug des Frauenwahlrechtes in die meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands ist ja im tiefsten Grunde nichts anderes als eine Folge der unaufhaltsamen Säkularisation dieser Gemeinden. Die Orgel war das Schiboleth[38] des neologen Konfessionalismus, das Frauenwahlrecht ist das Schiboleth des neologen Politizismus. Dieser neologe Politizismus übersieht, dass die jüdische Gemeinde geschichtlich aus ganz anderen Voraussetzungen hervorgegangen ist als irgendeine Kulturgemeinschaft auf Erden. In einem nach römischem Muster aufgebauten Staate, der nur eine Tugend kennt, die virtus des vir[39], die Männertugend im öffentlichen Leben, da können die Frauen ihre Gleichwertigkeit nur durch Gleichberechtigung im öffentlichen Leben erreichen. Das Judentum aber hat die römische Hochschätzung des öffentlichen Lebens grundsätzlich niemals mitgemacht, das Judentum weiß nichts davon, dass politische Tätigkeit zu den angeborenen Menschenrechten zählt. Das Judentum betrachtet als die wichtigsten Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft jene geistig-sittlichen Werte, die der Begriff des Hauses, der Ehe und der Familie umschließt. Und weil die jüdische Gemeinschaft ihren Schwerpunkt nicht im öffentlichen Leben, sondern im Leben des Hauses erblickt, darum ist im Sinne des Judentums die Ausschaltung der Frau aus der Politik keine Zurücksetzung der Frau, sondern eine Zurücksetzung der Politik. Und nur auf dieser Zurückhaltung der Frau im öffentlichen Leben beruht die Kraft unserer Frauen. Stark sind unsere Frauen, solange sie Frauen sind und Frauen bleiben. Doch weh ihnen und weh uns, wenn sie die Hoheit ihres Frauentums dadurch selbst degradieren, dass sie die modernen Tendenzen der Vermännlichung der Frau sklavisch nachahmen, ohne zu bedenken, dass die Kulturmission der jüdischen Frau nur dem Wesen der jüdischen Gemeinschaft entspricht und dass sie nur im Rahmen unserer Thora ihres Lebens Kreise vollenden dürfen!
So ungefähr stelle ich mir die Botschaft vor, die unser großer Rabbiner ז“ל den Frauen unserer Zeit zu überbringen hätte.[40]
V.
Ich möchte schließen mit einem Worte des Midrasch Tanchuma[41] zu Emor. Da ist von den Zadikim[42] die Rede, die das Glück haben, ihrer Umwelt das Gepräge ihres Geistes aufzudrücken, die nicht nur מְטִיבִין לְעַצְמָןsondern auch עוֹשִׂין פֵּרוֹת וּמְטִיבִין לַאֲחֵרִים [43] sind. Sie werden verglichen לַפַּעֲמוֹן שֶׁל זָהָב וְהַגּוֹל שֶׁלּוֹ שֶׁל מַרְגָּלִיּוֹת „mit einer Glocke aus Gold, deren Klöppel aus Edelsteinen ist“. Die Tonhöhe und Reichweite einer Glocke ist vor allem bedingt durch die Beschaffenheit der Wandungen, an die der Klöppel schlägt: von der Qualität ihres Stoffes, von ihrer Größe und Stärke und nicht zuletzt von der Art ihrer Mischung. — Wenn es Rabbiner Hirsch vergönnt war, zu jenen Zadikim zu gehören, die das Glück haben עוֹשָׂה פֵּרוֹת וּמְטִיבִין לַאֲחֵרִים zu sein, wenn die Stimme seiner Glockenbotschaft rein und voll erklang, so hatte auch die Beschaffenheit der Wandungen, an die seine Stimme schlug, so hatte auch die Kehilla, der seine Botschaft zuallererst gegolten, ihren redlichen Teil daran. Weil die Mischung ihres Metalls rein vom Schaum war, darum konnte auch seine Stimme rein und voll erschallen. Was diese Stimme sprach, es gilt auch uns und wird auch denen gelten, die nach uns kommen werden. „Noch dauern wirds in späten Tagen und rühren vieler Menschen Ohr “.[44] —
Um es aber weithin hörbar zum Ausdruck zu bringen, dass das, was Rabbiner Hirsch uns noch heute zu sagen hat, nicht bloß seiner Kehilla, sondern der jüdischen Gesamtheit gilt, zu diesem Zweck haben wir die Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft ins Leben gerufen. Wir fühlen uns bei diesem Streben, die Botschaft Rabbiner Hirschs für [45]כְּלַל יִשְׂרָאֵל zu reklamieren und zu popularisieren, mit seiner Kehilla aufs innigste verbunden. Solange seine Kehilla seine Kehilla bleibt, solange werden beide, — unsere Religionsgesellschaft[46] und unsere Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft — die beiden פַּעֲמוֹנֵי זָהָבsein, die mit ihrem Geläut den hohepriesterlichen Gang unseres großen Rabbiners ז“ל durch die Geschichte begleiten werden. Im Namen des Vorstandes richte ich darum an Sie alle die Bitte: Treten Sie unserer Gesellschaft als Mitglieder bei!
Scharen wir uns friedlich und einmütig zusammen um das, was uns ja allen als Kindern der „Kehal Adas Jeschurun“ teuer und kostbar ist! Vergessen wir, was uns vielleicht in nebensächlichen Dingen trennt, denken wir an das große Gemeinsame, das uns verbindet! Dann wird der Jahrzeitstag dieses 27. Tebeth für uns alle ein יוֹם הִלּוּלׇאsein und ein קוֹרַת רוּחַsein לְנִשְׁמַת אֲדוֹנֵינוּ מוֹרֵינוּ וְרַבֵּנוּ בְּגַן עֵדֶן [47]
אמן!
[1] Siehe Wikipediaeinatrag am Ende des Artikels Seite 29
[2] Antworten der Geonim; Responsa der Geonim sind Responsa, die von Rabbinern der Geonischen Zeit als Antwort auf an sie gerichtete Fragen geschrieben wurden.
[3] Ein Tag, an dem ein großer Mann starb, wird ihm zu Ehren begangen.
[4] dieser großartige Mann
[5] Ehre
[6] Talmud.de: Dr. phil. Joseph Wohlgemuth, geboren in Memel 1867, starb 1942 in Frankfurt am Main. Rabbiner Dr. Wohlgemuth studierte am Rabbinerseminar Berlin und an der Friedrichs-Wilhelm-Universität Berlin. In Berlin unterrichtete er auch in der Schule von Adass Jisroel und lehrte später selber am Rabbinerseminar. Von 1914 bis 1930 war er Herausgeber der Zeitschrift Jeschurun. Erst nach seinem Ruhestand ging er nach Frankfurt am Main. Unter anderem übersetzte Dr. Wohlgemuth die Torah ins Deutsche (gemeinsam mit Isidor Bleichrode).
[7] In „Jeschurun.online“ veröffentlicht in Ausgabe 1, 3. Jahrgang
[8] Was sei die Beschäftigung des Menschen in dieser Welt? Er stelle sich stumm. Man könnte glauben, auch in Bezug auf Worte der Tora, so heißt es: Gerechtigkeit zu sprechen. (Übersetzung L. Goldschmidt)
[9] Führer der Unschlüssigen; “Führer der Unschlüssigen” ist ein Buch von Maimonides
[10] Synagoge, eigentlich „Haus der Versammlung“
[11] Das ist der Name der Frankfurter Austrittsgemeinde
[12] Psalm 85:14
[13] ebenda
[14] Eine Frage zu stellen
[15] Gemeinde
[16] Sprüche Salomons 30:8
[17] Sprüche Salomons 28:22
[18] Geschäftsmann
[19] Jüdischer Kaufmann in Shakepieres „Der Kaufmann von Venedig“
[20] Levitikus 25:10; „dass ihr Freiheit ausruft durch das Land all seinen Bewohnern“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)
[21] Drückende Armut
[22] In Anlehunug an Sforno zu Genesis 28:20; Die Armut führt den Menschen zu seiner Erkenntnis und zur Erkenntnis seines Schöpfers.
[23] ebenda
[24] Freien Menschen
[25] Sklaven
[26] Mishna Bava Kama 8; „Selbst die Ärmsten in Israel betrachtet man so, als wären sie adelige Söhne, die von ihrem Vermögen herabgekommen, da sie doch Söhne von Abraham, Isaak und Jakob sind. (Übersetzung: Mischnajot mit deutscher Übersetzung und Erklärung. Berlin 1887-1933)
[27] Die Nachfahren Abrahams, Isaak und Jaakobs
[28] Jecheskel 36:30; „damit ihr nicht mehr die Schande des Hungers unter den Völkern hinzunehmen habt.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. Joseph Breuer)
[29] Neologie: Neuerung, besonders auf religiösem oder sprachlichem Gebiet
[30] Wikipedia: Claude Joseph Goldsmid-Montefiore, auch C. G. Montefiori (geb. 6. Juni 1858 in London; gest. 9. Juli 1938 in London) war ein Mitbegründer des britischen Reformjudentums. Er wirkte unter anderem als Vorsitzender der „World Union for Progressive Judaism“ (1926–1938) und als Gründer und Herausgeber der „Jewish Quarterly Review“.
[31] Wikipedia: Unter Pijjut (Plural: Pijjutim, hebräisch: פִּיּוּט) wird die für den liturgischen Gebrauch bestimmte Dichtung verstanden, die im jüdischen Gottesdienst gesungen bzw. vorgetragen wird.
[32] Wikipedia: Chaim Weizmann (hebräisch חיים ווייצמן; auch Chaijim Weizmann oder Haim Weizmann; geboren am 27. November 1874 in Motal bei Pinsk, heute Belarus; gestorben am 9. November 1952 in Rechovot, Israel) war Chemiker, Präsident der Zionistischen Weltorganisation, israelischer Politiker und zionistischer Führer sowie von 1949 bis zu seinem Tod erster israelischer Staatspräsident.
[33] Wikipedia: Wladimir Zeev Jabotinsky (hebräisch זְאֵב וְלַדִימִיר זַ’בּוֹטִינְסְקי Sə’ev Wladīmīr Ʒabōṭīnsqī, jiddisch וואלף זשאַבאָטינסקי Wolf Ʒabōṭīnsqī, russisch Владимир (Зеэв) Евгеньевич Жаботинский [vɫɐˈdʲiˑmʲɪr ʒəbɐˈtʲiˑnskʲɪj], deutsche Umschrift: Wladimir (Seew) Jewgenjewitsch Schabotinski, wissenschaftliche Umschrift: Vladimir Evgenevič (Zeėv) Žabotinskij; geboren am 5. Oktoberjul. / 17. Oktober 1880greg. in Odessa; gestorben am 4. August 1940 in Hunter,[1] USA) war ein russischer Zionist und Schriftsteller aschkenasischer Abstammung. Er war Gründer der Jüdischen Legion im Ersten Weltkrieg sowie der Begründer des nationalistischen und insbesondere des revisionistischen Zionismus. Die von ihm 1923 verwendete Metapher einer „Eisernen Mauer aus jüdischen Bajonetten“, die zwischen Arabern und Juden errichtet werden müsse, charakterisiert nach Meinung der sogenannten Neuen Historiker immer noch Elemente israelischer Politik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung.
[34] Tempel
[35] Tempeldienst
[36] Wikipedia: Abraham Geiger (hebräisch אברהם גייגער; geboren am 24. Mai 1810 in Frankfurt am Main; gestorben am 23. Oktober 1874 in Berlin) war ein preußischer Rabbiner. Er war einer der ersten und wichtigsten Vordenker des Reformjudentums sowie ein bedeutender jüdischer Gelehrter im Bereich der Wissenschaft des Judentums.
[37] Wikipedia: Samuel Holdheim (geboren 1806 in Kempen (Südpreußen); gestorben am 22. August 1860 in Berlin) war ein jüdischer Gelehrter und Rabbiner des Reformjudentums.
[38] Strömung, Merkzeichen
[39] Mut, Tapferkeit des Mannes
[40] Anmerkung: Im Judentum gibt es unterschiedliche Haltungen und Praktiken bezüglich des Frauenwahlrechts, was sich historisch und je nach Strömung stark unterscheidet. Während in vielen modernen und liberalen Gemeinden Frauen das Wahlrecht sowie das Recht, in Ämter gewählt zu werden, uneingeschränkt haben, gibt es in orthodoxen Gemeinden oft Einschränkungen, die traditionelle Interpretationen des religiösen Gesetzes widerspiegeln.
[41] Sefaria: Der Midrasch Tanchuma ist ein Midrasch zu den fünf Büchern der Tora, der als Predigten zu den Anfangsversen jedes Toraabschnitts aufgebaut ist. Benannt nach dem talmudischen Gelehrten Rabbi Tanchuma, der im Text eine zentrale Rolle spielt… Datierung und Entstehungsgeschichte des Tanchuma sind Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.
[42] Gerechten
[43] Die nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind, sondern auch „Früchte“ für andere hervorbringen
[44] Zitat aus Schillers „Die Glocke“
[45] Die Judenheit
[46] Die „Israelitische Religionsgesellschaft“ Frankfurt am Main
[47] Dann wird der Jahrzeitstag dieses 27. Tebeth für uns alle ein Festtag der Seligkeit zum ewigen Angedenken der Seele des Verstorbenen im Himmel sein.
