• 4. Maimonides‘ und Mendelssohns Prinzip

Aber gemach! rufen uns die Freunde der „religiösen Wirren“ zu, gemach, stehen denn nicht bedeutende Autoritäten auf Seiten „der Religion im Bunde mit dem Fortschritt?“ Zählt nicht der Verfasser Mendelssohn zu den seinen „gegen den im vorigen Jahrhunderte unsere pharisäischen Gesinnungsgenossen gewütet“? Zählt er nicht sogar Maimonides zu den seinen, „der auch die Religion im Bunde mit dem Fortschritt gewollt und gar mit dem Fortschritt durch griechische Philosophie, darum auch orthodoxe Rabbiner seiner Zeit sein Meisterwerk, den „Wegweiser der Verirrten“ verbrannt und ihn selbst verketzert“? —

Meint ihr im Ernst, wenn Maimonides und Mendelssohn in eure Mitte träten, sie würden euch als die ihrigen erkennen? Wenn sie eure Gotteshäuser und Schulen besuchten, wenn sie eure Erziehung, eure Ehen, eure Mahlzeiten, eure an Sabbath und Feiertag geöffneten Büros und Läden, eure Jünglinge und Jungfrauen sähen, die vom Nibelungenlied mehr wissen, als von Moses und den Propheten, wenn sie eure Predigten und Pamphlets, eure Raisonnements[1] und Prinzipien hörten, die Thora und Mizwoth als antiquierte und zu antiquierende Formen bezeichnen — wenn sie euer ganzes „fortgeschrittenes und fortschreitendes“ Treiben sähen, meint ihr im Ernst, sie würden euch freundlich auf die Schulter klopfen, würden sich freuen über euren Fortschritt, und eueren Fortschritt wirklich als „Fortschritt“ anerkennen?

„Klar und deutlich ist es aus der Thora, dass sie für ewige Zeiten unabänderlich geboten, denn also heißt es: Alles, was ich Euch gebiete, das haltet sorgfältig, tut nichts hinzu, nichts ab! und ferner: Was aber offenbar ist, das ist, dass uns und unsern Kindern für immer obliegt, alle Gebote dieser Thora zu erfüllen. Du hörst hier also, dass wir alle Worte der Thora für alle Zeit zu erfüllen verpflichtet sind, so heißt es ja auch: „ewiges Gesetz für eure Nachkommen“, und: „nicht im Himmel ist sie mehr“ heißt es ferner und dies soll dir sagen, dass selbst ein Prophet nichts Neues mehr bringen dürfe.“[2]

Würde daher unter Juden oder Nichtjuden irgendjemand aufstehen, täte Wunder und spräche: Gott habe ihn gesandt, ein Gebot durch Ab- oder Zutun zu verändern, oder irgend ein Gebot anders, als nach dem uns von Moses überlieferten Sinn zu kommentieren, oder der sagen würde: die Israel gewordenen Gebote seien nicht für immer und für alle Zeiten, sondern wären nur für ihre Zeit gewesen, für die sie gepasst — so ist das ein Lügenprophet, denn er widerspricht Moses Sendung, und hat den Tod verdient, weil er sich erkühnt, im Namen Gottes etwas zu lehren, was ihm nicht aufgetragen worden, da Gott dem Moses aufgetragen, dass dieses Gesetz uns und unseren Kindern eine ewige Verpflichtung bleibe, und Gott ist kein Mensch, dass er seinen Sinn ändere.

„Jeder, der an Moses und seine Sendung glaubt, hat sich in Erfüllung des Gesetzes an die Lehre und Überlieferung der hohen Gerichtsbehörde in Jerusalem zu halten. Sie waren die Hauptträger der mündlichen Lehre, sie die Säulen des Gesetzes und ihr Ausspruch hat als Gesetz und Recht für ganz Israel zu gelten. Auf sie weist die Thora hin, indem sie spricht: nach der Lehre, die sie dich lehren! Wer ihre Anweisungen nicht befolgt, übertritt das göttliche Verbot: „Weiche nicht von allem, was sie dir überliefern, rechts und links!“ Jeder Lehrer in Israel, der ihren Worten widerspricht, hat den Tod verdient. Sei es in Dingen, die sie aus Überlieferung hatten, sei es, was sie aus eigener, nach den überlieferten Regeln angestellten Forschung feststellten, sei es, was sie als Gesetz schützenden Zaun oder nach Zeitbedürfnis angeordnet, Gseroth[3], Thekanoth[4], Minhagoth[5], in allen diesen ist es Gottesgebot ihnen zu gehorchen und von Gott verboten, ihnen zuwider zu handeln.“ [6]

„Keinen Teil an Olam Habba[7] haben — — — Offenbarungsleugner, Messiasleugner, Mumrim[8], Volksverführer, die vom jüdischen Gemeindeleben sich Absondernden, die öffentlich mit kecker Stirn wie Jehojakim[9] das Gesetz übertreten und die, die die Gemeinde Gott missfällig tyrannisieren. Drei aber sind Offenbarungsleugner: ob einer die ganze Offenbarung oder nur einen Vers oder ein Wort der Thora leugne und behaupte, das habe Moses aus sich selbst gesagt, oder er leugne die Wahrhaftigkeit der Tradition und ihrer Überlieferer, oder behaupte die Abrogierung[10] und Antiquierung eines Gesetzes oder der ganzen Thora — in jedem Falle ist er ein Offenbarungsleugner.

„Zwei aber sind Mumrim[11], Mummor in Beziehung auf eine spezielle Sünde, oder Mummor in Betreff der ganzen Thora. Mummor in Betreff einer Sünde ist der, der es sich zum Prinzip gemacht, irgendeine Sünde mutwillig zu begehen und sich daran offenkundig gewöhnt hat, und wären dies auch nur die Sünden leichteren Ranges, es hätte sich zum Beispiel einer zum Prinzip gemacht, Schatnes[12] zu tragen oder sich die Bartecke abzurasieren und er benimmt sich, als wäre für ihn ein solches Gebot gar nicht mehr vorhanden, ein solcher heißt Mummor in spezieller Sünde, sobald er aus Prinzip so handelt.“

„Wer von dem jüdischen Gemeindeleben sich absondert, auch wenn er keine Sünde begeht, aber er übt seine Pflicht nicht in jüdischer Gemeinschaft, teilt nicht ihre Leiden, fastet ihre Fasten nicht, sondern geht seinen Weg für sich, wie einer der anderen Völker und als gehörte er zu den Juden nicht — oder wer mit kecker Stirn wie Jehojakim das Gesetz übertritt, sei es in leichter oder schwerer Sünde, hat keinen Teil am Olam Habba.“[13]

„Wohl geziemt es dem Menschen, über die Gesetze der heiligen Lehre nachzudenken, und nach Kräften Zweck und Bedeutung ihrer Bestimmungen zu erforschen. Aber auch wovon er keinen Grund zu entdecken und keinen Zweck zu erkennen vermag, das achte er darum nicht gering und überschreite die Schranken der Bescheidenheit nicht, die ihm Gott gegenüber geziemen, sonst eilt er in sein Verderben; nicht wie er über profane Sätze nachdenkt, denke er über Gottes Wort.“

„Siehe, welchen Ernst die Lehre bei Versündigungen gegen Geweihtes an den Tag legt! Selbst Holz und Stein, Staub und Asche wird heilig, sobald auch nur mit bloßem Wort der Name des Herrn der Welt darüber ausgesprochen worden, und wer sie sodann auf profane Weise gebraucht, hat sich daran versündigt, und bedarf jedenfalls Sühne, wenn es auch aus Irrtum geschehen — und du willst Gebote, die der allheilige Gott selber uns vorgeschrieben, geringschätzen, weil du ihren Grund nicht einsiehst, willst mit nichtigem Gerede deinem Gott kommen, und über seine Worte denken, wie du über Menschenworte denkst?“

„Siehe die Lehre spricht: „Achtet alle meine Gesetze (Chuckim) und alle meine Rechte (Mischpatim) und erfüllt sie, und hat damit, wie die Weisen lehren, Achtung und Erfüllung den Chuckim, wie den Mischpatim zugesprochen. Was „erfüllen“ heißt, ist bekannt, wir sollen die Chuckim erfüllen. „Achten“ aber will, dass wir sie mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit beachten und nicht etwa glauben sollen, sie stünden den Mischpatim nach.“

„Mischpatim aber sind eben solche Gebote, deren Grund offenliegt und deren Erfüllung erkennbare Heilsfolgen im zeitlichen Leben hat, wie: Du sollst nicht stehlen, nicht morden, sollst Vater und Mutter ehren.“

„Chuckim aber sind gerade diejenigen Gebote, deren Grund nicht offenbar ist, von denen, wie die Weisen sich ausdrücken, Gott spricht: es sind Gesetze, die Ich dir festgesetzt und die du darum nicht bekritteln darfst, an welchen daher die Sinnlichkeit Anstoß nimmt und mit denen die Ansicht der Nichtjuden sich nicht zu befreunden vermag, wie das Verbot des Schweinefleisches, der Fleisch- und Milchmischung usw. usw.“

„Hatte doch schon David unendlich von leichtsinnigen Juden und von Nichtjuden durch Bekrittelung dieser Chuckim zu leiden. So viel sie ihm aber auch mit den lügenhaften Einreden, die man gewöhnlich nach kurzsichtiger menschlichen Einsicht dagegen einbringt, zusetzten, um so inniger und fester schloss er sich an die Lehre an und sprach: „Wie fein auch Mutwillige Lüge gegen mich kombinieren, ich bewahre doch mit ganzem Herzen deine Befehle!“ „Alle Deine Gebote fordern vertrauensvolle Treue — mit Lüge setzt man mir zu, stehe Du mir bei!“

„Der ganze Opferdienst z. B. gehört zu den Chuckim, und um des Opferdienstes willen, sprechen die Weisen, besteht die Welt. Denn durch Erfüllung der Chuckim und der Mischpatim erreichen die Braven das ewige Leben, und voran stellt die Thora die Verpflichtung zu den Chuckim und spricht: Achtet meine Chuckim und Mischpatim, die der Mensch erfüllen, und darin leben soll!“[14]

Da habt Ihr Euren Maimonides!

Und diesem Mann, „mit der starken Hand,“ wollt ihr im Ernst eure „Religion im Bunde mit dem Fortschritt“ zur Approbation vorlegen und wollt nicht sehen, wie er euer Pygmäenjudentum mit seiner Riesenhand zürnend in Scherben trümmert?!

Und Mendelssohn?

Ruhig in seiner mild bedächtigen Weise träte er an eure Trümmer hinan, und spräche:

In der Tat sehe ich nicht, wie diejenigen, die in dem Hause Jacobs geboren sind, sich auf irgendeine gewissenhafte Weise vom Gesetz entledigen können[15]. Es ist uns erlaubt, über das Gesetz nachzudenken, seinen Geist zu erforschen, hier und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, einen Grund zu vermuten, der vielleicht an Zeit und Ort und Umstände gebunden, vielleicht mit Zeit und Ort und Umständen verändert werden kann — wenn es dem allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen Willen darüber zu erkennen zu geben, so laut, so öffentlich, so über alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu erkennen zu geben, als Er das Gesetz selbst gegeben hat. Solange dieses nicht geschieht, solange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetz aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, den wir dem Gesetz schuldig sind, und die Ehrfurcht vor Gott zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf.“ „Darf ich doch in menschlichen Dingen mich nicht erdreisten, aus eigner Vermutung und Gesetzdeutelei, ohne Autorität des Gesetzgebers oder Gesetzverwesers, dem Gesetz zuwiderzuhandeln; um wie viel weniger in göttlichen Dingen? Gesetze, die mit Landeigentum und Landeseinrichtung in notwendiger Verbindung stehen, führen ihre Befreiung mit sich. Ohne Tempel und Priestertum und außerhalb Judäa, finden weder Opfer noch Reinigungsgesetz, noch priesterliche Abgabe statt, insoweit sie vom Landeigentum abhängen. Aber persönliche Gebote, Pflichten, die dem Sohne Israels, ohne Rücksicht auf Tempeldienst und Landeigentum in Palästina, auferlegt worden sind, müssen, so viel wir einsehen können, strengstens nach den Worten des Gesetzes beobachtet werden, bis es dem Allerhöchsten gefallen wird, unser Gewissen zu beruhigen, und die Abstellung derselben laut und öffentlich bekannt zu machen.“ „Hier heißt es offenbar: Was Gott gebunden hat, kann der Mensch nicht lösen.“ „Und noch jetzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden als eben dieser: Schickt euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Tragt beider Lasten, so gut ihr könnt! Man erschwert euch zwar von der einen Seite die Bürde des bürgerlichen Lebens, um der Religion willen, der ihr treu bleibt, und von der anderen Seite macht das Klima und die Zeiten, die Beobachtung eurer Religionsgesetze, in mancher Betrachtung, lästiger als sie sind. Haltet nichtsdestoweniger aus, steht unerschüttert auf dem Standort, den euch die Vorsehung angewiesen, und lasst alles über euch ergehen, wie euch euer Gesetzgeber lange vorher verkündet hat.“

So Maimonides und Mendelssohn, Mendelssohn und Maimonides — und Maimonides und Mendelssohn ständen auf Seiten der „Religion im Bunde mit dem Fortschritt?“ Freilich haben sie Maimonides‘ Moreh[16] verbrannt. Aber Maimonides selbst wäre der Erste gewesen, sein Buch ins Feuer zu werfen, hätte er den Missbrauch erlebt, der mit diesem Buch getrieben ward — und wird!

Fortsetzung folgt


[1] Vernunftvolle Überlegung

[2] Maimonides, Grundsätze der Thora, Kap. 9 (Anmerkung von Rabbiner Hirsch)

[3] Urteile, Regelungen

[4] Verpflichtende Verordnungen

[5] Gebräuche

[6] Maimonides von den Ungehorsamen, Kap. 1. (Anmerkung Rabbiner S.R. Hirsch)

[7] Zukünftige Welt, (Paradies)

[8] weisungswidrig Handelnde

[9] Wikipedia: Jojakim (hebräisch יְהֹויָקִים; * 634; † 598 v. Chr.) war einer der letzten Könige des Königreichs Juda vor dem babylonischen Exil

[10] Außer Kraft setzen

[11] Aus dem Judentum ausgetretene

[12] Verbot Kleidung zu tragen, die aus einem Gemisch von pflanzlichen (Baumwolle) und tierischen (Wolle) Stoffen bestehen

[13] Maimonides von der Rückkehr, Kap. 3. (Anmerkung von Rabbiner S.R. Hirsch)

[14] Maimonides von der Veruntreuung, Kap. 8. (Anmerkung von Rabbiner S.R. Hirsch)

[15] Mendelssohn, Jerusalem. Ausg. i. E. B. S. 286,287 (Anmerkung von Rabbiner S.R. Hirsch)

[16] Wikipedia: More nevuchim, „Lehrer der Beschämten – oder: der Unschlüssigen, Verwirrten“

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