Das sprechende Schaufor[1].
Aus den „Kinderträumen“, ein Märchenbuch für jüdische Kinder, von Hermann Schwab, stammt diese Geschichte. Das Buch wurde 1921 in Frankfurt am Main veröffentlicht.
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/4689894
Es war einmal am Erew Rausch Ha-Schonoh[2].
Die Schule war geschlossen, und die Kinder halfen den Eltern bei den Vorbereitungen zum schönen Jaumtauw[3].
Im Hause wird geputzt und gewaschen, denn der Jaumtauw ist ein hoher Gast, und man muss ihn würdig empfangen.
In der guten Stube liegt des Vaters Rausch Haschonoh-Staat. Das Sargenes[4] oder der Kittel, der schöne Tallis[5], mit Seidenfäden durchwirkt, die Machsaurim[6] und ein Schaufor; denn der Vater ist der beste Schauforbläser im Städtchen.
In der Stube steht der achtjährige Ernst und sieht sehnsüchtig nach dem schönen Schaufor. Er möchte es to gerne einmal probieren, aber der Vater hat ihm gesagt, dass er erst groß werden müsse, bis er blasen könne, und bis dahin ist es noch gar so lange. Heute ist er acht Jahre — in fünf Jahren wird er Barmizwoh[7], und dann dauert es immer noch eine lange Zeit, bis er wirklich groß ist. —
Wie wäre es, denkt er, wenn ich es doch einmal versuche?
Gesagt, getan; Ernst geht leise zum Tisch, nimmt das schwere Schaufor in die Hand und führt es zum Mund. Aus Leibeskräften bläst er in das Mundstück, aber nach einer kurzen Weile lässt er die Hand mit dem Schaufor wieder sinken, denn kein Ton wird hörbar. Der Vater hat recht gehabt, und so wird er doch wohl warten müssen, bis er groß ist. —
Er legt das Schaufor wieder zu den Machsaurim und dem Tallis und geht schnell zur Tür hinaus.
Er läuft in die Küche, wo die Mutter am Herd steht, von der Küche zum Hof, wo schon die Bretter zum Bau der Sukkoh[8] stehen, und vom Hof auf die Straße.
Ernst fürchtet sich; denn der Vater hatte ihm nicht nur gesagt, dass er nicht blasen könne — er hatte ihm das Blasen auch verboten. Das aber hatte er ganz vergessen — oder — vielleicht auch nicht? Hat es vielleicht nur vergessen wollen?
Ernst fürchtet sich. Er war ungehorsam, heute am Erew Rausch Haschono, wo man doch so ganz besonders gut und gehorsam sein soll.
„Aber es hat ja niemand gemerkt,“ tröstet er sich, „ich war ja ganz allein im Zimmer, und sprechen kann das Schaufor doch nicht …“
„Ernst, Ernst“ hört er plötzlich des Vaters Stimme.
Schnell läuft er ins Haus zurück.
In der guten Stube steht der Vater, das Schaufor in der Hand.
„Du hast mit dem Schaufor gespielt, Ernst?“ fragt er.
Ernst sieht betroffen zu Boden, wieso kann es der Vater wissen, denkt er.
„Du brauchst es mir nicht zu sagen,“ fährt der Vater fort, „das Schaufor selbst hat es mir erzählt.“
Fassungslos sieht Ernst auf das Schaufor. lst es wahr? Kann es wirklich sprechen?
„Nun passe auf,“ spricht der Vater weiter, „und vergiss es nie wieder“. Das Schaufor hat eine Stimme wie ein Mensch und kann vieles erzählen, Gutes und Schönes und auch Trauriges, und wenn du groß bist, wirst du seine Sprache kennen lernen.“
„Ich wollte es aber heute schon,“ entfuhr es Ernst unwillkürlich.
„Nun höre, ob es Ungehorsam zu strafen weiß. Du kennst doch seine Stimme und hast mich in diesen Tagen oftmals blasen hören. Nun spricht es anders — ganz anders.“
Der Vater hatte die letzten Worte beinahe traurig gesprochen und setzte nun das Schaufor an die Lippen. Und wer beschreibt Ernsts Verwunderung und Entsetzen —, als statt eines langgezogen schönen Tones nur ein Ächzen aus dem Schaufor herauskam. Der Vater setzte nochmals an, aber wieder war nur ein kurzer, hässlicher Ton zu hören, und Ernst traten vor Bangen Tränen in die Augen.
„Hörst Du,“ sagte der Vater, „hörst Du das Schaufor? es weiß von meinem Verbot, und Dein Ungehorsam tut ihm weh. Es möchte weinen wie wir Menschen.“
„Ich will es nie wieder tun,“ beteuerte Ernst unter Tränen und legte seine kleine Hand in die Hand seines Vaters. —

„Aber nun passe weiter auf“, sagte der Vater. „Auch das Schaufor hört deine Versprechungen.“
Von neuem nahm er es zur Hand, und als er wieder zu blasen begann, kamen die bekannten, reinen, lieben Töne zum Ohr des kleinen Ernst.
Das Schaufor hatte verziehen. — —
Ernst war glückselig.
Ernst ist ein guter Schauforbläser geworden. Das Schaufor hat ihm der Vater nach vielen Jahren zur Erinnerung an diesen Erew Rausch Haschono geschenkt, und als er selber einen kleinen Sohn hatte, da hat er ihm diese Geschichte erzählt; die Geschichte vom sprechenden Schaufor.
[1] Alte aschkenasische Aussprache für Schofar (Widderhorn, das besonders am Rosch Ha-Schana geblasen wird)
[2] Alte aschkenasische Aussprache für Rosch Haschana (Neujahrsfest)
[3] Alte aschkenasische Aussprache für Jom Tov (Feiertag)
[4] Sargenes (auch Kittel genannt) ist ein traditionelles, weißes Leinen- oder Baumwollgewand im aschkenasischen Judentum, das als religiöse Fest- und gleichzeitig als Sterbekleidung dient
[5] Gebetsschal
[6] Alte aschkenasische Aussprache für Machsorim (Gebetsbücher für die Feiertage)
[7] Alte aschkenasische Aussprache für Bar Mizwah
[8] Alte aschkenasische Aussprache für Sukka (Laubhütte)
