Alles hat uns Gott gegeben, Land, Heimat, Eigenständigkeit – all dies haben wir verloren, weil wir seine Gebote missachtet.

Diesen leidenschaftlichen Apell von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l habe ich in der Zeitung Jeschurun, 5. Jahrgang, Heft 11, August 1859 gefunden.

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2932875

Warum ging Juda ins Exil?

Ins Exil ging Juda aus Armuth
Und aus zu vielem Dienste;
Es saß unter den Völkern
Und fand keine Ruhe;
Alle seine Verfolger trafen es stets zwischen den Grenzen![1]



Warum ging Juda ins Exil? Diese Frage dürfte keinem denkenden Juden als eine müßige erscheinen.

Lebt in ihm noch das edle jüdische Bewusstsein, das selbst in einer Entknechtung der gesamten Judenheit auf dem ganzen Erdboden noch nicht die Erlösung erblickte, das sich jüdisches Heil ohne jüdische Heiligung und ohne die jüdischen Heiligtümer nicht zu denken vermag und dem die Erlösung nicht da ist, so lange es nicht alle Juden wieder um das eine göttliche Gesetzesheiligtum auf ureigenem, diesem Gesetze heiligem Boden vereinigt und dieses Gesetz in ihrem Gesamtleben verwirklicht findet: so ist diese Frage für ihn die erste und die letzte. Er sagt sich: die Ursachen, die das Exil gebracht, das sind dieselben Ursachen, die das Exil verlängern, das sind dieselben Ursachen, die beseitigt sein müssen, wenn die Erlösung kommen soll, das sind dieselben Ursachen, deren Heilung und endliche Beseitigung Zweck und Ziel des Galuth sein müssen, deren Erkenntnis ihm somit die eigene Aufgabe und die Aufgabe seiner Brudergesamtheit in jeder Zeit das Galuth erkennen lässt.

Aber auch wenn er in der modernen Täuschung befangen ist, die in vollendeter bürgerlicher Gleichstellung mit den Völkern und unter den Völkern der Erde das Ende des Galuth erblickt[2], auch dann — und wenn er denkt, dann zuerst — müsste diese Frage ihn aufs lebhafteste interessieren. Israel war ja schon einmal gleichgestellt, ja mehr als das, war selbstständig, bildete eine eigene große Nation, bildete einen eigenen großen Staat, die Hauptstadt seines Reiches war רַבָּ֣תִי עָ֔ם, war רַבָּ֣תִי בַגּוֹיִ֗ם שָׂרָ֙תִי֙ בַּמְּדִינ֔וֹת und dennoch — הָיְתָ֖ה לָמַֽס![3] Sollte ein Glück, das notdürftig zusammengebettelt worden an den Pforten der Parlamente, an den Türen der Stände, dessen Gewährung und Dauer bedingt ist von der Dauer so vieler anderen Beziehungen, deren Barometerstand von heute auf morgen nicht verbürgt werden kann, ein Glück, das von den zufälligsten Kombinationen abhängig ist, in welchen die zufällige Majorität einer zufälligen Versammlung das Recht der Juden vereinbar oder nicht vereinbar, notwendig oder unmöglich denkt mit ihren Rechten und ihren Interessen, ein Glück, das wir schon siebenmal auf dem Papier bewilligt und ebenso oft in der Wirklichkeit wieder verkümmert gesehen[4]: sollte denn dieses Glück je einmal stabiler und gegen alle Wechselfälle gesicherter sein können, als ein Glück, das auf einheitlichem Boden in einheitlicher Selbstständigkeit unter dem Schutz des einen Einzigen gegründet war, sollte es je die Gefahren nicht zu fürchten haben, an welchen selbst dieses gescheitert?

Warum ging nun Juda ins Exil?

„aus Armut und aus zu vielem Dienst[5]“ lautet die erste Antwort des Propheten. Wenn aber Juda nach Aufschluss des Propheten aus Armut und aus zu vielem Dienste ins Exil gewandert, so kann das nicht die Armut und der Dienst, das Elend und die Abhängigkeit sein, die Judas Los in Folge des Exils geworden. Es war ja eine Armut und ein Übermaß des Dienstes, die die Ursache, nicht die die Folge des Exils gewesen. Wenn aber die „Volkreiche“, die „Große“, die „Fürstin unter den Nationen“ aus Armut und aus zu vielem Dienste ins Unglück gekommen, so muss dies eine Armut sein, die mitten im Reichtum, eine Dienstbarkeit, die trotz aller Herrlichkeit vorhanden sein konnte, ja, es mag dieser Reichtum und diese Herrlichkeit unter den Nationen im tieferen Grund die Armut und Dienstbarkeit selbst gewesen sein oder dieselbe erzeugt haben, um welche Juda ins Exil gewandert.

Wohl sollte Juda reich, — volkreich und güterreich — dastehen; das Gesetz, das Gott ihm gegeben, sollte eben seine segensreiche Kraft und seine göttliche Wahrheit bereits in der Blüte des diesseitigen Lebens bewähren. Es sprach und spricht nicht zu seinen Bekennern, — was ja auch dem erstbesten Impostoren[6] der Menschheit möglich — lernt meine Worte und erfüllet sie, dann mache ich euch jenseits glücklich, jenseits, von wo keiner zurückzuerwarten ist, der den betrügenden oder mitbetrogenen Betrüger des Betrugs zeihe. Es ist das einzige Wort auf Erden, das die ganze diesseitige Wirklichkeit und die ganze diesseitige Zeitentwicklung als Bürgen seiner Beglaubigung einsetzt und keiner beschämenden Widerlegung gewärtig ist. Es spricht zu seinen Bekennern: erfüllet mich, erfüllet mich ganz, so wird der Himmel und die Erde euch schon hinieden[7] zulächeln und ihr werdet meine Wahrheit spüren in dem zeitigen Regentropfen von oben, und in der reichen Blüte eurer Äcker und Herden unten, in der Gesundheit und Blüte eurer Kinder, in dem Segen eurer Händewerke und in dem Frieden, den die achtende Scheu des Waldtiers und des Erobererschwerts euch zollt. Allein Lohn nicht Sorge, Mittel nicht Zweck, am allerwenigsten Ziel sollte diese ganze reiche Fülle Juda werden, sollte ihm nur durchs Gesetz und fürs Gesetz erblühen. „Er gab ihnen die Länder der Völker, das Mühen der Nationen sollten sie erben, damit sie seine Gesetze hüten und seine Lehren bewahren sollten![8]“ Diese Gesetze, diese Lehren sollten Judas Nationalschatz und den Reichtum seiner Söhne und Töchter bilden. Aller Segen des Himmels und der Erde sollte ihnen zusammenströmen, um durch das Gesetz in dem Lichte ihrer Geister, in dem Adel ihrer Gemüter, in der Reinheit ihrer Leiber, in der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Milde und Liebe ihrer Worte und Taten, der Heiligung und Beseligung ihres ganzen Einzel- und Gesamtlebens die höchste Blüte und Vollendung des Menschlichen im Menschen zu feiern. Sie aber berauschten sich an der Fülle, ließen sich blenden vom Glanze, hatten nur den materiellen Wohlstand und die herrlichen Genüsse die er bietet im Auge und blieben dabei stehen, und als ihnen das Land blühte und ihnen seine Frucht und seine Fülle zu spenden bereit war, וַתָּבֹ֙אוּ֙ וַתְּטַמְּא֣וּ אֶת־אַרְצִ֔י וְנַחֲלָתִ֥י שַׂמְתֶּ֖ם לְתוֹעֵבָֽה׃ הַכֹּהֲנִ֗ים לֹ֤א אָֽמְרוּ֙ אַיֵּ֣ה ה‘ וְתֹפְשֵׂ֤י הַתּוֹרָה֙ לֹ֣א יְדָע֔וּנִי וְהָרֹעִ֖ים פָּ֣שְׁעוּ בִ֑י וְהַנְּבִאִים֙ [9]נִבְּא֣וּ בַבַּ֔עַל וְאַחֲרֵ֥י לֹֽא־יוֹעִ֖לוּ הָלָֽכוּ׃, da, vergaßen sie des Zweckes für welchen, und der Bedingung unter welcher ihnen dieses Land der Fülle und des Segens verheißen war; in Sinnlichkeit und Gewalt ging ihnen die Fülle und der Reichtum auf, „den Gott heiligen Boden gaben sie sinnlicher Unlauterkeit, das Gotteserbe einer von Gott verworfenen Lebensweise preis“, sahen nichts weiter und wollten nichts weiter, „die Priester sprachen nicht: wo ist denn Gott?! Die Träger der Lehre kannten ihn nicht, die Führer waren von ihm abgefallen und die Prediger begeisterten sich für den Baal und so wandelten sie alle dem nichts Nützenden nach“, so wurde Juda arm, arm mitten in der reichsten Fülle, arm eben durch die reichste Fülle, arm an seinem einzigen wahren Reichtum, der die Dauer aller seiner anderen Errungenschaften und den Besitz des Gottesbodens bedingt. Denn weder dies Land noch Israel erträgt diese materielle, sinnliche Richtung. Geistig sittlich will in diesem Land alles materiell Sinnliche gewonnen, geistig sittlich dort alles materiell Sinnliche verwendet werden. Geistig sittlich soll Israel alles materiell Sinnliche gewinnen, geistig sittlich alles materiell Sinnliche verwenden und Gottes Gesetz enthält die geistig sittlichen Bedingungen und Bestimmungen alles materiell Sinnlichen auf Erden. So, aber auch nur so, gehört Israel dem Land und Israel das Land. Achtet es die Bedingungen, erfüllt es die Bestimmungen, so lächelt ihm der Himmel von oben und es blüht der Boden unter seinen Füßen und Gottes Cherubim lagern den Frieden um seinen Kreis. Wirft es aber Gottes Gesetz hinter seinen Rücken, will es das Materielle nur materiell erwerben und nur materiell verwenden, will es reich sein, dann macht es sich arm, will es Reichtum mit Reichtum erwerben und für Reichtum verwenden, dann schneidet es die Wurzel seines Wohlstandes entzwei, dann wird der Himmel eisern über seinem Haupt, und der Boden unter seinen Füßen wird ehern, es weicht der Gottesschutz von ihm und der Boden seines Wohlstandes wirft die ihm fremd gewordenen Besitzer aus. Juda wandert ins Exil aus Armut, weil es arm geworden an den Gütern, die die einzigen Bedingungen und Bestimmungen seines Wohlstandes sind, die somit seinen einzigen wahren Reichtum bilden — גָּֽלְתָ֨ה יְהוּדָ֤ה מֵעֹ֙נִי֙[10]

וּמֵרֹ֣ב עֲבֹדָ֔ה  [11], und aus zu vielem Dienst! Wohl ist Juda der Begriff: Dienst nicht fremd. Sein ganzes Dasein, die ganze Gestaltung und Entwicklung seines Einzel-, Familien- und Gemeindelebens soll ja eine fortlaufende עֲבֹדָ֔ה, einen fortlaufenden Dienst bilden. Überall und mit allem steht es im Dienst eines Höheren, steht nirgends in eigener Machtvollkommenheit da, beginnt nichts im eigenen Namen, vollendet nichts in eigenem Namen, setzt nirgends seinen Willen als Maßstab und Richtschnur für sein Denken und Fühlen, sein Wort und seine Tat. Sein ganzes Leben heißt dienen und das Ideal seiner Menschenwürde heißt: Dienst. Aber es ist der Dienst eines Einzigen, es ist der Dienst des einen Einzigen, in den es aufgehen soll, es ist der Dienst des einen einzigen wahrhaftigen Herrn und Meisters alles Seienden und Werdenden, des einen einzigen wahrhaftigen Herrn und Meisters der Natur und Geschichte, der die, die seinem Dienst sich ganz und ausschließend hingeben, zu sich heraufhebt in den Bereich seiner Freiheit, ihr Wesen frei macht von den Banden der Natur und ihr Geschick loslöst von den Wechselfällen der Geschichte. Dem einen Einzigen sollte Juda dienen und dieser Dienst sollte Juda frei machen, sollte es als das freieste Volk und seine Söhne als die freiesten Menschen auf Erden hinstellen. Ihm aber genügte nicht der Dienst dieses Einen, es hielt sich nicht sicher unter dieses Einen Fittig. Schutz-Herren suchte es sich, suchte sie in menschlichen Hoheiten unter seinen Söhnen, suchte sie in gebietenden Mächten unter den Naturgewalten, suchte sie in gefürchteten Schwertern unter den Völkergeißeln, schuf sich „Könige und Fürsten“ zu seiner Verteidigung, „Gottes-Anhöhen“ zu seinem Schutz, „Bundesgenossenschaften“ zu seiner Stütze, und sah nicht, dass es mit diesem Dienst der „Vielen“ den Schutz des einen Einzigen preisgab, der allein seine Verteidigung, sein Schutz und seine Stütze ist, und dessen Schutz ihm der Beistand der ganzen Welt nicht zu ersetzen vermag. Denn Juda hat keine Wahl. Es gibt sich dem Einen, Einzigen, einzig hin und steht dann gehoben über alle feindliche Macht der Natur und der Geschichte, oder es verlässt diesen Einen und geht dann in Natur und Geschichte unrettbar verloren. Denn nicht naturwüchsig und nicht geschichtsmäßig ist Juda geworden. An der Wiege seiner Entstehung sprachen die Konstellationen der Natur und Geschichte „Nein“! und nur der eine Einzige war’s, der mit seinem „Ja“! sein Dasein schuf, und nur der eine Einzige ist’s, der mit seinem „Ja!“ sein Dasein trotz Natur und Geschichte erhält. Das vergaß Juda, vergaß, dass wenn ihm der Eine nicht genügt, ihm nichts mehr genügen könne, wenn es den Einen nicht fürchtet, es alles zu fürchten habe, und als es um den Dienst der Vielen den Dienst des Einen gekündigt hatte, gruben seine Könige und Fürsten selbst sein Verderben, die Gewalten des Himmels und der Erde, um deren Gunst es vergötternd gebuhlt, schauten es mit starrem Fluch an und die Völker, um deren Schutzfreundschaft es sich erniedrigend gebettelt, trieben es mit Hohngelächter in die Fremde. „Es rief nach seinen Freunden, die hatten es betrogen, und da sitzt es nun und weint und weint in die Nacht hinaus und die Träne versiegt nicht auf seiner Wange. Keinen Trost hat es von allen seinen Freunden, alle seine Genossen sind ihm treulos, sind ihm die Feinde geworden. Juda geht ins Exil aus Armut und aus zu vielem Dienst גָּֽלְתָ֨ה יְהוּדָ֤ה מֵעֹ֙נִי֙ וּמֵרֹ֣ב עֲבֹדָ֔ה

הִ֚יא יָשְׁבָ֣ה בַגּוֹיִ֔ם לֹ֥א מָצְאָ֖ה מָנ֑וֹחַ [12] Juda saß unter den Völkern, ja, Juda saß unter den Völkern, הִ֚יא יָשְׁבָ֣ה בַגּוֹיִ֔ם es, gerade es war unter allen Völkern eben dasjenige, das seinen Sitz gefunden haben sollte das ruhig „sitzen“ konnte und „sitzen“ sollte, das, hinsichtlich seines äußeren Geschicks und seiner ganzen staatlichen Entfaltung bereits gefunden haben sollte, was alle, alle anderen Nationen auf Erden noch erst zu suchen haben, den gesicherten Kreis und eine blüten- und segensreiche Entfaltung und die über allen Zweifel und alle Täuschung erhabene Form und Norm der Entfaltung; das nichts zu erobern, nichts zu erkämpfen, nichts zu erfinden haben, dessen Fortschritt in ganz anderen Gebieten liegen sollte; dem das, was den anderen Völkern als anzustrebendes Ziel vorschwebt, gegeben ward und das Gegebene sein sollte, auf dass dies Gegebene ihm Mittel werde, auf diesem gegebenen und gesicherten Boden das höchste Ideal eines Gott dienenden Menschen- und Volks-Daseins zu verwirklichen. Alle Völker hatten zu werden, Juda sollte sein, sein, wie der fremde Seher[13] von Felsenhöhen es sah und von Hügeln herab es schaute, „ein Volk, das gesondert ruht und unter die Völker sich nicht zählt[14]„, „dessen Häuser wie Bäche geleitet, wie Gärten an dem Strom, wie Bäume die Gott gepflanzt, wie Zedern am Gewässer. Das Wasser fließt aus Gottes Eimern, seine Saat ists an reichen Wassern, darum wird höher als Agag sein König, darum erhebt sich sein Reich[15],“ oder, wie sein erster Prophet[16] es schaute: „Nichts Gott gleich, Jeschurun! Er lenkt Himmel in deiner Hilfe und in seiner Hoheit Wolken. Du wohnst unter dem Gott der Vorzeit, getragen von den Armen der Ewigkeit, während er den Feind vor dir vertrieb und „Vernichtung!“ sprach. Israel ruht, — sicher, gesondert, Jakobs Quell, für ein Land voll Korn und Most, auch seine Himmel triefen Tau. Heil dir, Israel, was gleicht dir, Volk, siegreich durch Gott, den Schild deiner Hilfe, und der das Schwert ist deiner Größe. Deine Feinde verleugnen sich dir — ihre Höhen besteigst du![17]“ Das sollte Jeschurun sein, מְעוֹנָה, den Boden für jeden Moment seines zeitlichen Daseins sollte es in Gott, dem Gott aller Ewigkeiten, und somit sich schon hinieden auf Erden, מִתַּחַת, getragen fühlen von den alle Zeiten tragenden Armen ewiger Allmacht[18]; in diesem Bewusstsein sollte es fest und ruhig und sicher ruhen mitten in allen es umkreisenden Wechseln wandelnder Völkergeschicke — es aber verkannte seinen Hort, und als ob es noch zu suchen hätte was ihm längst gegeben war, und für dessen ewige unwandelbare Dauer es die Bedingung nur in sich trug, glaubte es seinen Halt auch in politischen Kombinationen und in Freundschaft der Menschen finden zu können, stürzte es sich hinein in den Strudel der Völkerbewegung und Juda, das wandellos wie der Pol ruhen sollte —  הִ֚יא יָשְׁבָ֣ה בַגּוֹיִ֔ם — ward das ruhelose, rastlose, heimatlose Wandervolk auf Erden, das alle Katastrophen der Menschheit mit durchzumachen hatte und über das noch heute nach Jahrtausenden die Völker beraten ob und wie weit ihm Daseinsberechtigung zuzuerkennen wäre, לֹ֥א מָצְאָ֖ה מָנ֑וֹחַ — —

כׇּל־רֹדְפֶ֥יהָ הִשִּׂיג֖וּהָ בֵּ֥ין הַמְּצָרִֽים [19], alle seine Verfolger erreichten es zwischen den Grenzen, בֵּ֥ין הַמְּצָרִֽים, „zwischen den Grenzen!“ Das ist der verhängnisvollste Vorwurf, das ist die Klage, die den ganzen Jammer enthält. Fragt nicht, woran ein Mensch, ein Haus, eine Familie, eine Gemeinde, ein Volk, woran eine Menschheit zu Grunde gegangen, wenn ihr sie überall und darum nirgends findet, wenn sie alles sein wollen und darum Nichts sind, wenn sie die Ganzheit, die eben in der Beschränktheit liegt, nicht kennen, wenn sie nicht den Mut und nicht die Kraft, nicht die Weisheit und die Besonnenheit nicht haben, die im vollendeten Ausleben des kleinsten, bescheidensten, heimischen Daseins ein Genüge und eine Seligkeit fühlt und eine Unzerstörbarkeit findet, die man vergebens durch Millionen glanzvollster Halbheiten sich zusammen zu betteln versucht. Warum Juda ins Exil musste? Weil es längst mit seinem Geist im Exil war, weil es auf heimischem Boden nicht heimisch gewesen, weil es mit seinen Wünschen, seinen Ansichten, seinen Bestrebungen längst ins Exil gegangen, weil es ihm nicht genügte Jude zu sein, es wollte auch Syrer und Assyrer, wollte auch Chaldäer und Ägypter sein, wollte auch mit allen Nachbarvölkern in dem Schein ihrer Größe wetteifern, und so hörte es auf Jude zu sein und Syrer und Assyrer, Chaldäer und Ägypter wurde es doch nicht, es gab die heimische Größe auf und die fremde wurde ihm doch nicht heimisch, alle seine Feinde trafen es zwischen den Grenzen, darum konnten sie es erreichen und zertrümmern. 

לֵ֤ךְ עַמִּי֙ בֹּ֣א בַחֲדָרֶ֔יךָ  [20] Geh‘ mein Volk, gehe ein in deine Kammern, umschränke dich in deinem heimischen Kreis, lebe dich in deiner heimischen Umschränkung aus, sei Jude und weiter nichts, [21]עַד יַעֲבוֹר זָֽעַם, bis die Zeiten um dich ausgebraust, hatte Gott zu Juda gesprochen, und hatte ihm damit das einzige Prinzip gereicht, auf dem es glücklich und ungestört und unangefochten von allen geschichtlichen Stürmen hätte ausharren sollen, bis durch alle geschichtlichen Stürme hindurch die Menschheit zu der Besinnung und dem Bewusstsein und zu dem einzigen wahrhaftigen Ruhepunkt in Gott gekommen, der auch ihr am Ziel aller geschichtlichen Völkerentwicklung die Erlösung und das Heil gewähren wird, die Israel bereits beim Eintritt in das geschichtliche Dasein verliehen. Dann, erst dann  [22]  הַבָּאִים֙ יַשְׁרֵ֣שׁ יַֽעֲקֹ֔ב יָצִ֥יץ וּפָרַ֖ח יִשְׂרָאֵ֑ל וּמָלְא֥וּ פְנֵי־תֵבֵ֖ל תְּנוּבָֽה, erst dann wird Jakob-Israel sein Blüteziel in Mitte der Völker erreichen; es wird aber dann nicht die fremden Keime in seinem Schoß zur Entfaltung bringen, sondern an dem Baum seiner Erkenntnis und seines Lebens wird die Menschheit ihre Heiles-Ernte feiern.


[1] Klagelieder 1:3

[2] Assimilation

[3] Klagelieder 1:1; אֵיכָ֣ה יָשְׁבָ֣ה בָדָ֗ד הָעִיר֙ רַבָּ֣תִי עָ֔ם הָיְתָ֖ה כְּאַלְמָנָ֑ה רַבָּ֣תִי בַגּוֹיִ֗ם שָׂרָ֙תִי֙ בַּמְּדִינ֔וֹת הָיְתָ֖ה לָמַֽסAch, wie einsam sitzt sie da die Stadt [Jerusalem] reich an Volk, sie wurde wie eine Witwe. Die Große unter den Völkern, die Fürstin unter den Provinzen zu Zwangsabgaben gezwungen. (Übersetzung Igor Itkin)

[4] KI:

1.  Französische Revolution & Napoleon-Zeit (1791/1808): Volle Bürgerrechte in Frankreich und eroberten Gebieten (z. B. Rheinbundstaaten, Westfalen). Nach Napoleons Niederlage und dem Wiener Kongress 1815 weitgehend zurückgenommen.

2.  Wiener Kongress & Restauration (1815–1820er): Hoffnung auf einheitliche Emanzipation im Deutschen Bund zerschlagen. Viele Staaten (z. B. Preußen, Bayern, Baden) schränkten Rechte wieder ein oder machten sie von „Verbesserung“ abhängig. Juden blieben oft ohne volles Bürgerrecht, mit Berufs- und Wohnbeschränkungen.

3.  Hep-Hep-Pogrome 1819: Gewalttätige Ausschreitungen in vielen deutschen Städten als Reaktion auf frühe Emanzipationsfortschritte; begleitet von rechtlicher Rücknahme.

4.  Nach 1830/1830er Jahre: In manchen Staaten (z. B. Sachsen, Hannover) vorübergehende Erleichterungen, die nach politischen Unruhen wieder beschnitten wurden.

5.  Revolution von 1848/49: Im Frankfurter Parlament (Paulskirche) wurde die volle Gleichstellung beschlossen (Riesser-Rede). Nach Scheitern der Revolution in den Einzelstaaten größtenteils zurückgenommen oder ignoriert.

6.  1850er Jahre (Reaktionszeit): In Preußen, Österreich und anderen Staaten weitere Einschränkungen (z. B. bei Beamtenlaufbahnen, Landerwerb, Gemeindemitgliedschaft). Fortschritte blieben auf dem Papier.

7.  Vor 1860er Jahren in verschiedenen Kleinstaaten: Zahlreiche partielle Edikte (z. B. Baden 1809/1862, Bayern 1813, Württemberg 1828), die immer wieder revidiert oder verzögert wurden, bis zur endgültigen Reichseinigung 1869/1871.

[5] Unter „Dienst“ ist der Dienst für und an Gott zu verstehen, wie z.B. Gottesdienst

[6] Hochstaplern

[7] jetzt und gleich

[8] Psalm 105:44-45

[9] Jeremija 2:7-8; “…. Ihr aber kamt und verunreinigtet Mein Land und Mein Erbe machtet ihr zum Abscheu. Die Priester, sie sprachen nicht, wo ist denn Gott, und die Handhaber der Thora, sie kannten mich nicht (mehr), die Hirten sind von Mir abgefallen, und die Propheten prophezeiten dem Baal — da gingen sie dem nach, was nichts nützt.” (Übersetzung Rabbiner Dr. Joseph Breuer)

[10] Klagelieder 1:3; „Jehuda ging in die Verbannung aus Elend…“ (Übersetzung Igor Itkin)

[11] w.v.; „…. und schwerer Arbeit.“ (Rabbiner Hirsch übersetzt  „Arbeit“ mit „Dienst“ für und an Gott, dieses „Dienen“ ist ihnen zu schwer geworden)

[12] Klagelieder 1:3; „Sie [Jehuda] sitzt unter den Völkern, Ruhe findet sie nicht.“ (Übersetzung Igor Itkin)

[13] Bileam

[14] Numeri 23:9

[15] Numeri 24:6-7

[16] Moses

[17] Deuteronomium 33:26-29

[18] Deuteronomium 33:27; מְעֹנָהֿ֙ אֱלֹ֣הֵי קֶ֔דֶם וּמִתַּ֖חַת זְרֹעֹ֣ת עוֹלָ֑ם וַיְגָ֧רֶשׁ מִפָּנֶ֛יךָ אוֹיֵ֖ב וַיֹּ֥אמֶר הַשְׁמֵֽד ; Träger jedes verrinnenden Zeitmomentes ist der Gott der Vorzeit, und Er ist aus der Tiefe herauf der ewig alles tragende Halt. Er hat vor dich her den Feind vertrieben, Er Vernichtung gesprochen. (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)

[19] Klagelieder 1:3; „Alle ihre Verfolger holten sie ein, zwischen den engen [Gassen].“ (Übersetzung Igor Itkin)

[20] Jesaja 26:20; „Gehe mein Volk, begib dich in deine Gemächer …“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)

[21] Ebenda; „…bis vorüber ist der Grimm.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)

[22] Jesaja 27:6; „Dann schlüge Jakob in Zukunft Wurzel, dann knospt und blühte Israel auf, und sie erfüllten des Erdballs Fläche mit Pflanzentrieb.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)

  • Beitrags-Kategorie:Monatsblatt