Am 19.01.1885 wurde dieser Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit“ veröffentlicht. Er ist mit J. unterzeichnet. Ich konnte leider nicht eruieren wer das war.

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2511094

Prag, Ende Tebeth.

In der Monde rollendem Kreislauf naht jetzt der Schewat. Keines der wichtigen und bedeutungs­vollen Ereignisse unserer inhaltsreichen Geschichte fällt in denselben, und doch ist er geeignet zur Be­trachtung aufzufordern, zu einer Betrachtung eigener Art, zur Frühlingsbetrachtung im Winter, Winters­zeit ist, wenn der Schewat seinen Einzug hält. Ein weißes Leichentuch bedeckt die Erdoberfläche, die Natur feiert in tiefer Pause, alles Leben und Streben er­scheint wie ausgestorben, entblößt von allem Schmuck sind Feld und Flur und entblättert, gesenkten Hauptes stehen die Bäume. Alles predigt in eindringlicher Sprache die ernste Mahnung, dass der Mensch ist wie der Baum des Feldes, wie die Blume, die hinwelkt und hinstirbt, wenn der Winter des Lebens kommt. Allein nur dem oberflächlichen Betrachter erscheint die Natur wie ausgestorben, der denkende Mensch weiß, dass im Inneren der Erde sich neue Säfte und Kräfte sammeln, dass es nicht lange dauert und neue Blüten sprießen empor, dass die Natur ihre eisigen Fesseln sprengen wird, um sich aus der rauhen Umarmung des Winters loszureißen. Dann wird die Erde wieder im neuen Schmucke prangen, neues Leben wird sich regen und frisches Grün Aug‘ und Herz erfreuen. Und diese Hoffnung kündigt unser Monat an. In demselben feiern wir den Jahres­anfang im Leben der Natur.בשבט ר“ה לאילן[1] ט“ו der 15. Tag im Schewat kündigt das leise Wehen des erwachenden Lenzes an, das geheimnisvolle Weben in der großen Werkstatt der Natur und das neue Leben im Adergeflecht der frostgekräftigten Bäume. Der 15. Schewat bringt uns den ersten Gruß des kommenden Frühlings, den ernsten auch, indem er leise mahnt, dass auch der innere Mensch in seiner Entwicklung dem Baume gleicht. Nichts als kahle, traurige Winterlandschaften erblickt unser Auge, wenn wir uns jetzt der Naturbetrachtung hingeben. Allein der 15. Schewat flüstert uns zu: Sehet die entblätterten Bäume, sie feiern heute das Erwachen des heitergeschmückten Lenzes, denn unter der starren eisigen Rinde erwacht frisches, warmes Leben. Sie prangten in köstlichem Fruchtschmuck und wurden der Früchte beraubt, sie strebten him­melan und die Stürme des Herbstes knickten sie, sie hatten blütenreiche Zweige und weitrei­chende Äste und die Wetter des Winters bra­chen ihnen Zweig nach Zweig, Ast nach Ast. Und dennoch sind sie nicht gebrochen und werden in nicht langer Zeit neu erstarken und frisch erblühen, weil ihr Halt nicht äußerer Schmuck, nicht Fruchtschmuck und Krone ist, sondern weil ihre treibende Kraft in den Wurzeln ruht, die im Innern der Erde weithin sich erstrecken und dort unberührt von den äußeren Einflüssen zu neuem, frischem, kräftigem Leben sich verbinden. Und so soll auch die Kraft des Menschen in dem eigenen Innern wurzeln. Sein Gemüt soll durch religiösen Glauben ge­läutert, sein Geist mit wissenschaftlicher Erkenntnis getränkt sein. Im Gemüte, im Geiste ruhen die Wurzeln, die einst Blüten edler Menschlichkeit treiben sollen und darum müssen Geist und Gemüt geläutert und genährt werden durch den befruchten­den Tau göttlicher Lehre. Denn nur dann ver­mögen Stürme und Wetter nichts über uns. Viele, sehr viele gibt es unter den Menschen, welche die Sorge erdrückt und beugt, an deren Herzen Kummer und Schmerz nagen. Sie waren einst reich, ange­sehen; frei und weithin reichend war die Macht ihres Einflusses. Da kamen die Stürme des Lebens und haben die Blüten ihrer Hoffnungen geknickt, den Schmuck ihres Lebens vernichtet und die Macht ihres Vermögens gebrochen. Nichts ist ihnen ge­blieben als was der Mensch im eigenen Innern trägt. Wehe ihnen, wenn ihnen auch das abgeht, wohl ihnen, wenn die Wurzeln ihres Daseins im gläubigen Gemüte ruhen. Mögen die Stürme draußen sie noch so sehr umtosen, aus dem Innern schöpfen sie Kraft und Mut zu neuer, frischer Tätigkeit. Und das ist der Frühlingsruf im Winter, das die ernste Mahnung des 15. Schewat.


[1] Der 15. Schewat ist Neujahr der Bäume

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