Zu Chanukka zwei Geschichten für die jüngeren Leser unserer Zeitschrift — oder ihren Eltern. Die erste Geschichte „Die Chanukkalichter“ ist aus dem Märchenbuch für jüdische Kinder „Kinderträume“ von Hermann Schwab. Diese Geschichte ist hier zu finden:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/pagetext/4689916
Die zweite Geschichte „Lichter“ von Heinrich Einstädter ist aus der Zeitschrift „Der Israelit“ von 20.12.1923 und ist hier zu finden:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2528207
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Die Originale finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main.
Die Chanukkalichter.
Die Chanukkalichter brannten langsam nieder.
In dem Zimmer war es still geworden, denn alle waren fortgegangen bis auf die beiden Kleinen, Hanna und Julius, die an ihrem Tische mit dem neuen Baukasten spielten. Der Baukasten war ein Cha-nukkageschenk und kein kleines, und die vielen bunten Holzstücke lagen in wirrem Durcheinander auf dem Tische.
Die Kinder versuchten Häuser zu bauen und Burgen und Schlösser, aber es ging nicht gut, und nach einer kurzen Weile warfen sie ihr Bauwerk zusammen, um es wieder aufs Neue zu beginnen. —
Die Chanukkalichter hatten sie dabei ganz vergessen. Ihre Wangen glühten vor Eifer, und so sahen sie auch nicht, wie ein Licht nach dem anderen langsam erlosch.
Es ist der letzte Chanukkatag, und morgen wird Chanukka vorüber sein.
— Nun brannten nur noch zwei Lichter. Die sechs anderen und der Schames waren schon ausgegangen. Die Lichtchen zitterten hin und her, die kleinen Flammen zuckten, und sie ließen dabei einen traurigen Ton hören, weil sie im Erlöschen waren.
Da sahen die Kinder vom Spielen auf.
Sie liefen zum Fenster, und teils aus Übermut und auch, weil das Knistern sie beim Spielen störte, bliesen sie die beiden Lichtchen mit einen Zug aus. —
Nun waren sie erloschen, und die Kinder wollten zu ihrem Tische zurück, um weiterzuspielen. Doch erstaunt und stumm blieben sie stehen. Wie durch Geisterhand waren die Lichter plötzlich wieder entzündet. Und nicht nur die beiden, die sie ausgeblasen — auch alle anderen brannten heller als zuvor. Und der Leuchter selbst — auch mit ihm war eine große und wundersame Veränderung vorgegangen.
Er ward größer und größer, und die Lichter wurden zu leuchtenden Fackeln, die bis zur Decke des Zimmers aufflammten.
Und plötzlich kam ein seltsamer Ton aus den Flammen. Er klang traurig und leise und eine Stimme sprach zu den Kindern: „ Wir sind die Chanukkalichter“, sagten sie, „die ersten Chanukkalichter, die man einst im Tempel angezündet hat, a!s er wieder erobert war und man das Krüglein Öl gefunden hatte. Wir hüten und wachen über alle Lichtlein, die am Chanukka entzündet werden.“
Furchtsam blickten die Kinder zu Boden. Sie hatten ja die beiden letzten Lichtlein ausgeblasen.
Und die Stimme sprach weiter: „Lasset die Lichtlein zu Ende brennen, die schönen Chanukkalichter, und löschet sie nimmer aus. Sie erzählen von den Kämpfen und Siegen der Makkabäer und von Gottes Liebe zu seinem Volke Jisroel. Lasset sie ruhig zu Ende erzählen, bis sie selber aufhören.“
„Und wenn ihr sie ansehet, so denkt auch an uns und vergesset uns nicht“.
Wieder flammten die Lichter auf, und als sie erloschen waren, da war alles verschwunden.
Aber die beiden Lichtchen brannten wieder. Sie zitterten hin und her und zuckten auf und nieder und knisterten leise.
Und die beiden Kinder standen Hand in Hand vor ihnen und warteten, bis sie ganz erloschen waren.
Lichter.
Von Heinrich Einstädter.
In der Fensterecke eines Wagenabteils sitzt seit vier Stunden der kleine Junge und schaut fast ohne Unterbrechung durch die Scheiben in die winterliche Landschaft, die der Eisenbahnzug durcheilt. Er fährt mit der Mutter zu den Großeltern, um bei ihnen einen Teil der Winterferien zu verbleiben. Schon seit vielen Wochen hat er sich darauf gefreut, so stark, wie eben nur ein glückliches Kind sich freuen kann. Er hat sich schon ganz unsagbar auf die Eisenbahnfahrt gefreut, die manchem Erwachsenen wie eine Marter deucht, und ganz beglückt ist er gewesen, als sich gar ein Fensterplatz für ihn gefunden hat. Ungern wendet er den Blick, wenn einer der Mitfahrenden eine Frage an ihn richtet. Fürchtet er doch, inzwischen etwas zu versäumen! Die beschneiten Felder, die kahlen Bäume, die einsamen Dörfer mit ihren rauchenden Schornsteinen, die Fuhrwerke auf den Landstraßen, das scheue Wild am Waldessaum, die Raben auf den Wiesen — alles zieht ihn an und gibt ihm zu denken. Und als endlich die Tageshelle in Dämmerung und bald darauf der Dämmer in Dunkelheit übergeht, da schaut der Knabe nicht weniger aufmerksam hinaus, und was sein Auge nicht sieht, das sucht seine Einbildungskraft zu ergänzen.
Der Zug schlängelt sich den Abhang eines Berges hinan. Links unten lässt er ein Dörfchen zurück, dessen Gassen sich wie helle Streifen zwischen den dunklen Hauswänden und Dächern abheben. In einem Häuschen erglänzt gerade ein Lichtpünktchen am Fenster. „Ein Chanukkalicht!“ denkt der Knabe. Er sieht einen Schatten dahinter vorbeistreifen. „Das ist der Vater!“ denkt er sich. „Der tritt jetzt zurück, und nun entzünden die Kinder[1]. Die Mutter steht unter ihnen. Sie lächelt so glücklich, weil der Kleine die Brocho[2] so schön sprechen kann. Jetzt singen alle Moaus zur[3].“ Und die Räder und Achsen stimmen mit ein, und nimmer enden will das Lied Moaus zur jeschuosi.
Das Dunkel nimmt zu. Selten kann man noch ein Haus erkennen. Nur die Gebäude, die nahe der Bahn stehen, gleiten gleich Schatten vorüber. Oberlichter tauchen auf, bald nah, bald weit, bald hoch oben, bald tief unten in der Nähe des Bodens. Dort erglänzt eines ganz fern, dadurch bleibt es auch länger sichtbar. Es bleibt allein; gewiss brennt es in einem einsam stehenden Hause. Da wohnt eine Familie fern von der Welt, Vater, Mutter und Kind. Das Kind kann im Winter oft nicht zur Schule. Der Weg ist zu weit, der Schnee zu tief. Auch heute hat es zu Hause bleiben müssen. Den ganzen Tag über ist es mit der Mutter allein gewesen und hat ihr geholfen. Vor einer halben Stunde ist endlich der Vater nach Hause gekommen. Jetzt sitzt er am Tische und lernt mit seinem Jungen. Sie haben hebräische Bücher vor sich. Die Mutter sitzt mit einer Handarbeit dabei und hört zu. Sie sagt, dass man beim Thoralernen immer etwas Neues höre.
Bei einer Bahnkurve entschwindet das Licht. Eine Zeitlang bleibt es ganz finster da draußen. Der Zug rattert weiter. Eintönig rollen die Räder im gleichen Tempo, als wollten sie dem fleißigen Jungen helfen, seine Aufgabe auswendig zu lernen. Da erscheinen auf einmal drei Lichter ganz nahe beisammen. Sie brennen im Oberstock eines Hauses. Das Erdgeschoß liegt ganz finster. Dort ist ein Kaufladen. Der ist jetzt geschlossen, weil der Schabbos[4] begonnen hat. Der Vater und die Großen sind in der Synagoge. Die Mutter hat indessen die Kerzen entzündet. So feierstill ist es im Zimmer. Alles ist bereitgestellt für den Schabbos. Alles wartet. Der Lehnstuhl oben an der Stirnseite des Tisches wartet auf den Vater. Das Sofa dort hinten auch: es hat aber noch ein paar Stunden länger zu warten. Die große Schüssel auf dem Tisch wartet auf die Suppe, der silberne Becher auf den Wein. Die Schabbosbrote gucken neugierig unter dem Deckchen hervor; der Geruch des Mohns und der knusperigen Rinde ist schon etwas weiter gekrochen. Warum soll er auch länger warten, nachdem sich aus dem großen Ofen schon längst andere Gerüche hervorgewagt haben, die den munteren Knaben bereits am Nachmittag die ihnen bevorstehenden Genüsse vorgezaubert haben? Ja, ja. Dort im Ofen wartet Vieles. Wenn man genau hinhorcht, kann man hören, wie es sich leis miteinander bespricht, sprudelnd, knurrend, brummend. Und doch alles in allem ein munteres Geplauder. Die Mutter betet. Der Lehnstuhl breitet die Arme: „Komme in Frieden“.
Der Zug hält auf einer Station. Der Knabe erwacht aus seinem Traum. Er schaut gegen den Himmel und sieht die vielen Sterne, mit denen der besäet ist. Und jeder Stern ist eine Welt, so groß, so fern. O, wenn man da hineinschauen könnte! O, da könnte man erst begreifen, wie groß Gott ist, der mit seinem bloßen Wort die Abende dämmern lässt und all die vielen Tore am Himmel öffnet, aus denen Licht sich ergießt durch das unendliche Dunkel. Und Licht bereitet er auch durch die Worte seiner Lehre, ohne die wir ja das Leben nicht begreifen können. Woher auch das Licht strömt, ob von dem Leuchter der Weihe, ob aus dem einsamen Hause, in dem Thora gelernt wird, ob aus dem sabbatlichen Zimmer, ob von den weltfernen Himmelskörpern, es kommt von Gott und bringt Freude am Leben, an den Geboten und Lehren. Und ein Lichtstrahl ergießt sich bei diesem Gedanken über die Züge des klugen Knaben.
Erstaunt bemerkt es die Mutter.
„Woran denkst du denn, mein Kind? Du siehst ja ganz verklärt aus!“
Da reckt der Knabe die Arme, und mit einem nochmaligen Blick in die Winternacht lispelt er die Worte des Abendgebetes:
„Wir wollen uns freuen mit den Worten deiner Lehre und mit deinen Geboten immer und ewig.“
[1] Jeder Knabe hat nach orthodoxem Brauch seine eigene Chanukkia zu zünden
[2] Den Segenspruch beim Entzünden der Kerzen
[3] Ein Chanukkalied aus dem 13. Jahrundert über die Siege der Juden über ihre Feinde durch die Jahrtausende
[4] Schabbat
