Der Gotteskampf gegen Amalek.
Der Schabbat vor Purim wird Schabbat Sachor, „Schabbat der Erinnerung“, genannt. Man nimmt zwei Thorarollen aus dem Schrein. Aus der ersten liest man den Wochenabschnitt und aus der zweiten Deuteronomium 25:17-19[1], den Abschnitt über den Überfall von Amalek. Man liest diesen Abschnitt u.a. deshalb, weil in der Purimgeschichte der Minister Haman ein Nachfahre der Amalekiter war.
Dieser Artikel von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l beschäftigt sich genau mit diesem Thema. Er wurde in der Zeitschrift „Jeschurun“, 7. Jahrgang, Heft 6, im März 1861 veröffentlicht.
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2945657
Für den schnellen Leser habe ich über KI eine Inhaltsangabe des Textes anfertigen lassen.
Inhaltszusammenfassung des Artikels „Der Gotteskampf gegen Amalek“
Der Artikel aus der Zeitschrift „Jeschurun“ ist eine theologische und philosophische Abhandlung über den biblischen Konflikt zwischen Gott und Amalek. Er interpretiert diesen als einen ewigen, göttlichen Kampf gegen das Prinzip der rohen Gewalt und egoistischen Macht, das Amalek symbolisiert. Der Text basiert auf biblischen Zitaten (z. B. aus Exodus 17 und Deuteronomium 25) und verbindet jüdische Geschichte mit universellen moralischen Prinzipien.
Hauptstruktur und zentrale Themen:
1. Einleitung und historischer Kontext: Der Autor erinnert an Moses‘ Altar nach dem Sieg über Amalek und den göttlichen Schwur, Amalek von Generation zu Generation zu bekämpfen. Dieser Krieg wird nicht als physischer Kampf gesehen, sondern als göttliches Gericht in der Weltgeschichte gegen alle Mächte, die Amaleks Erbe – die Verehrung von Macht über Moral – fortsetzen.
2. Amalek als Symbol der Gewalt: Amalek wird als unehelicher Enkel Esaus dargestellt, der das „Schwert“ (Gewalt) erbt, im Gegensatz zu Jakob, der das „Wort“ (göttliches Gesetz) repräsentiert. Der Text kontrastiert dies mit Figuren wie Nimrod, dem „Jäger der Menschen“, der falschen Ruhm und Macht als höchste Tugend etablierte. Abraham und seine Nachkommen stehen für das Prinzip des Rechts, der Pflicht und des Segens, das Gewalt ablehnt und durch sittliches Handeln siegt.
3. Der Antagonismus zwischen Schwert und Wort: Die Weltgeschichte wird als Pendel zwischen diesen Prinzipien beschrieben. Amalek hasst instinktiv das abrahamitische Ideal, da es eine Größe lehrt, die für alle erreichbar ist – durch innere Erhebung, nicht durch Zerstörung. Der Sieg des Rechts über die Gewalt wird als göttliches Versprechen dargestellt, das letztendlich triumphiert.
4. Biblische Beispiele und Lehren:
– Der Kampf in Rephidim: Israels Sieg hängt vom Glauben ab (Moses‘ erhobene Hände symbolisieren Hingabe an Gott). Der Text betont, dass Gottes Präsenz in Israel von moralischer Reinheit abhängt: Keine „Blöße“ (Unwürdigkeit) darf sichtbar sein. Der innere Kampf gegen Zweifel und Erschlaffung führt zu äußeren Siegen.
– Zweiter Konflikt (im Buch Esther impliziert): Amaleks Antagonismus tritt bei Israels Eintritt in die Nationen und in der Diaspora auf, als warnende Leuchttürme.
5. Botschaft an Israel und die Völker: Für Israel bedeutet es, durch sittliches Leben Gottes Präsenz zu verdienen. Für die Welt ist die Geschichte ein fortwährender Gotteskampf gegen Amalek: Keine Hoffnung für Gewalt, da Gott Gerechtigkeit und Liebe auch in Staaten und Nationen durchsetzt. Egoismus und Machtmissbrauch scheitern langfristig; selbst der „Nachruhm“ (irdische Unsterblichkeit) von Tyrannen wird ausgelöscht.
6. Schluss und prophetische Vision: Der Autor zitiert Psalmen (z. B. Psalm 9) und Propheten, um zu zeigen, dass dasselbe Sittengesetz für Individuen und Nationen gilt. Die Zukunft gehört dem Recht; Amaleks Andenken wird unter dem Himmel vernichtet, und Gottes Thron wird als Richter der Welt errichtet.
Der Text ist stark exegetisch, mit hebräischen Zitaten und rabbinischen Interpretationen (z. B. aus dem Midrasch). Er plädiert für eine moralische Weltsicht, in der Gewalt letztlich unterliegt, und dient als Ermahnung für jüdisches Leben in Haus, Gemeinde und Schule. Die Sprache ist archaisch und philosophisch, mit einem Fokus auf spirituelle Erhebung über materielle Macht.
מִלְחָמָ֥ה לַה‘ בַּֽעֲמָלֵ֑ק
מִדֹּ֖ר דֹּֽר[2]
Mehr als dreißig Jahrhunderte sind verflossen, seitdem Moses einen Altar baute, den er „Gott, mein Banner“ nannte und aussprach, „dass Gott die Hand auf seinen Thron gelegt: Gottes Krieg wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht.“
Führt Gott aber einen unausgesetzten Krieg gegen Amalek, so kann das nicht der besondere, durch Menschen auszuführende Schlachtenkampf sein, der 5. B. M. 25:19 für eine bestimmte Periode Israel aufgetragen, so muss das vielmehr ein Kampf sein, den Gottes Welt-Gericht, das die Menschen Welt-Geschichte nennen, unaufhörlich gegen Amalek führt, und es kann hier wiederum nicht bloß Amalek in seinen konkreten Völkersprossen, sondern in all den Völkermächten begriffen sein, die als die geistigen Amalekssöhne Erben seines Prinzips, Vorträger seiner Fahne sind.
Amalek ist der unechte Enkel Esaus, jenes Zwillingsbruders Jakobs, dem das „Schwert“ zum Versuch des Völkersiegs gereicht war, wie Jakob das „Wort“, nach dem alten Wahlspruch, „הַקֹּל֙ ק֣וֹל יַעֲקֹ֔ב וְהַיָּדַ֖יִם יְדֵ֥י עֵשָֽׂו [3] : Jakob das Wort, Esau die Hand!“
Der Wettkampf dieses Wortes und jenes Schwertes um die Herrschaft der Welt, das ist das wahrhaftige Motiv jener divina Comödia[4], deren Zuschauer und Mitspieler zugleich wir, wie die Geschlechter alle sind, die seit Jahrtausenden über die Bühne der Zeiten wandern.
Gleichzeitig mit Nimrod[5], dem ersten „Jäger der Menschen vor dem Herrn“, der, vorgeblich im Dienste und in Stellvertretung des „Herrn“, die Menschen an die Fessel seiner Macht und an den Wagen seines Ruhmes schmiedete, indem er sie beredete, seine Macht sei ihre Macht und sein Ruhm der ihrige, der überhaupt zuerst jenes, seitdem dominierende, und die Geschlechter der Menschen und Völker so tief gestaltende Prinzip des falschen Ruhmes und der unechten Ehre in die Welt schleuderte, das sich in dem himmelan seinen Turm bauenden: „Wir wollen uns einen Namen machen!“ aussprach, jenes Prinzip, das Macht und Größe nicht als Werkzeuge der „Tugend“, sondern „Tugend“ nur als Werkzeug der Macht und Größe gelten lässt, — gleichzeitig mit dem Schöpfer dieses Prinzips „weckte Gott aus Osten den Mann, der Tugend mit seinem Eintritte verkünden sollte“, der alles, was die Menschen mit dem Schwerte und der machtdienenden Klugheit erobern, Vaterland, Bürgertum und Familienglück, preisgeben, sein „Geburtsrecht und seinen Namen!“ Gott überlassen sollte, und im diametralen Gegensatz zur nimrodischen Welt nur in dem einen: [6] הְיֵ֖ה בְּרָכָֽה „Werde Segen!“ den Hebel und das Ziel seines Lebens und Strebens erblicken sollte.
Die Zwillingsenkel dieses Mannes (Abraham) wählten zwischen diesen einander bekämpfenden Lebens- und Bestimmungs-Anschauungen. Während der eine sich für den Ausbau der Tugenden entschied, die sich der Menschheit vollenden, erbte der andere den „Nimrodsmantel“ und das Nimrodsschwert, und ein Erbe dieses Schwertes ist Amalek.
Amalek ist Repräsentant jenes Prinzips, das nur in äußerer Machtstellung und Hoheit die Würde des Menschen und der Nationen erblickt, das alles entschuldigt so es zur Macht und Hoheit führt das nichts verzeiht, so es Macht und Hoheit kürzt oder auch nur wagt einer anderen Größe zu huldigen. Es duldet nur, was es fürchten muss oder verachten kann. Es ist instinktmäßig feind allen, was es achten soll ohne es fürchten zu müssen; denn es fühlt: in dieser Achtung ist es selber gerichtet. Es ist instinktmäßig Feind jedem Prinzip, das eine Größe lehrt, zu welcher jeder das Zeug im eigenen Busen trägt, die jeder zu erringen vermag, die nicht in Vernichtung, sondern in möglichst gleicher Erhebung aller zu sich ihre Triumphe feiert; es ist instinktmäßig Feind jedem Prinzip, dem, wenn es zur Herrschaft käme, auch sein Schwert und sein Mantel huldigen, von dem, wenn es zur Herrschaft käme, auch sein Schwert und sein Mantel erst den Ritterschlag der Adelung erhalten, die Berechtigung zu sein sich erst erbitten müsste; es ist instinktmäßig dem Abrahamsprinzip feind, das nicht für „Mantel und Schwert“, das
צֶ֖דֶק יִקְרָאֵ֣הוּ לְרַגְל֑וֹ
יִתֵּ֨ן לְפָנָ֤יו גּוֹיִם֙ וּמְלָכִ֣ים יַ֔רְדְּ
יִתֵּ֤ן כֶּֽעָפָר֙ חַרְבּ֔וֹ כְּקַ֥שׁ נִדָּ֖ף קַשְׁתּֽוֹ
יִרְדְּפֵ֖ם יַעֲב֣וֹר שָׁל֑וֹם
אֹ֥רַח בְּרַגְלָ֖יו לֹ֥א יָבֽוֹא [7]
das, von vornherein bei seinem Eintreten in die Geschichte für „Recht“, für die „Menschenpflicht“, als Herold auftrat, ihm, diesem Rechte, den Sieg über Völker und Könige verhieß, zu seinem Sieg aber Schwert und Bogen verschmäht, im friedlichsten Wandel Völker und Könige besiegt, auf Pfaden selbst, wohin der irdische Fuß seiner Träger nicht kommt — kurz, Amalek ist instinktiv Israel feind. Es fühlt, es gilt einem Entweder-Oder. Entweder das Schwert, und diesem Schwerte, alles andere, Göttliches und Menschliches, Geistiges und Sittliches als nichtsbedeutender Plunder geopfert, höchstens als verbrämende Staffage geduldet — oder das Wort, das an den Menschen und in dem Menschen gesprochene göttliche Wort, und diesem Worte, diesem kategorischen Imperative des gottdienenden Sittengesetzes, alles, auch Geist und Macht, auch Schwert und Mantel als Werkzeug dienen, oder vor seinem Hauche verschwindend. Zwischen diesem Entweder-Oder bewegt sich der Pendelschlag der Geschichte. Dass aber kein Zweifel sei, wo einst der Meister der Zeiten stille stehen wird, dazu hat Gott sein Volk unter die Völker gesendet, hat es als dienende, Ferse haltende, nur auf den Gottessieg harrende — יִשְׂרָ אֵל — Jakobs-Familie dem Schwertgerüsteten Esaugenius vorgeworfen — Alle Nachtjahrhunderte ringt Esau mit Jakob, lässt es nur hinkend seinen Weg auf Erden vollbringen. Allein, wenn die Nacht vorüber, wirft Esau sein Schwert weg und huldigt segnend dem Prinzip, das Jakob-Israel getragen — [8]
Zweimal trat dieser Amalek-Antagonismus in bedeutsamen, gottoffenbarenden Ereignissen hervor. Sie stehen wie warnende und tröstende Leuchttürme am Eingang Israels, als Nation in den Kreis der Nationen, und am Eingang Israels als zerstreute Völkerfamilie unter die Staaten und Familien der Völker.
Israel war auf seinem Zug durch die Wüste. Das einzige Moment, das es unantastbar in die Mitte der Völker hinstellen sollte, jenes geistige sittliche Moment, das alle Völker der Erde gewähren und sich vor ihm fürchten sollten — וְרָאוּ֙ כׇּל־עַמֵּ֣י הָאָ֔רֶץ כִּ֛י שֵׁ֥ם ה‘ נִקְרָ֣א עָלֶ֑יךָ וְיָֽרְא֖וּ מִמֶּֽךָּ[9] — jenes sich der göttlichen Leitung ganz hingebende Vertrauen, noch in seiner schwankenden Entwicklung in ihm begriffen. Sie hatten soeben gezweifelt „הֲיֵ֧שׁ ה‘ בְּקִרְבֵּ֖נוּ אִם־אָֽיִן[10]„ „Ob wohl Gott in unserer Mitte ist oder nicht?“ ,וַיָּבֹ֖א עֲמָלֵ֑ק וַיִּלָּ֥חֶם עִם־יִשְׂרָאֵ֖ל בִּרְפִידִֽם[11] da kam Amalek und stritt mit Israel in רְפִידִֽם, in ihrem [12]רִפְיוֹן יָדַיִם, in ihrer geistig sittlichen Erschlaffung, woraus dem Orte der Name erwuchs, und zeigte ihnen, dass „יֵ֧שׁ ה‘ בְּקִרְבֵּ֖נוּ“, dass Gott in unserer Mitte ist, und unter welchen Bedingungen Er in unserer Mitte sei. וְהָיָ֗ה כַּאֲשֶׁ֨ר יָרִ֥ים מֹשֶׁ֛ה יָד֖וֹ וְגָבַ֣ר יִשְׂרָאֵ֑ל וְכַאֲשֶׁ֥ר יָנִ֛יחַ יָד֖וֹ וְגָבַ֥ר עֲמָלֵֽק [13] „Ob Moses seine Hand erhob siegte Israel, so aber die Moses-Hand erschlaffte siegte Amalek.“ „וְכִי יָדָיו שֶׁל מֹשֶׁה עוֹשׂוֹת מִלְחָמָה אוֹ שׁוֹבְרוֹת אֶלָּא לוֹמַר לָךְ בִּזְמַן שֶׁיִּשְׂרָאֵל מִסְתַּכְּלִין כְּלַפֵּי מַעְלָה וּמְשַׁעְבְּדִין אֶת לִבָּם לַאֲבִיהֶם שֶׁבַּשָּׁמַיִם הָיוּ מִתְגַּבְּרִין וְאִם לָאו הָיוּ נוֹפְלִין [14] „Nicht als ob Moses Hände führten oder brächen den Krieg, sondern dir zu sagen: so oft Israel nach oben blickte und sein Herz dem Dienste seines Vaters im Himmel hingab, so oft siegten sie, so oft dies eben nicht geschah, fielen sie“.
Das war die Erfahrung für Israel, das war die Antwort auf ihren Zweifel, ob Gott wohl in ihrer Mitte sei. Er ist in ihrer Mitte, so oft sie an seiner Gegenwart nicht zweifeln, so oft sie diese Gegenwart durch ihre tätige Hingebung, durch Bereitstellung ihres ganzen Wesens zu seinem Dienste verdienen; Er ist „unter ihnen“ und „wandelt in ihrer Mitte“ und „begleitet sie“, und verteidigt sie und schützt sie und segnet sie, und segnet all ihr Tun mit der Blüte der Vollendung, wenn er kein דִּבֵּר רַע, wenn er kein „böses Wort“, wenn er keine עֶרְוַת דָּבָר, wenn er in keiner Beziehung menschenunwürdige Blöße an ihnen erblickt. Er ist in ihrem Kreis, wenn ihr Kreis ein durch und durch sittlich heiliger ist, wenn sie die Heroldschaft Abrahams forttragen und durch ihren ganzen Wandel nur den Sieg des „Rechten und Pflichtgemäßen“ verkünden wollen, wie er es verheißen und gewarnt: „ה‘ dein Gott wandelt in der Mitte deines Lagers dich zu retten und deine Feinde vor dich hinzugeben, darum seien deine Lager heilig, dass Er keinerlei Blöße an dir schaue und dich nicht ferner begleite.“ Er ist unter ihnen, so sie Gott nicht nur in äußeren Wunderzeichen suchen, so sie vor allem zuerst in den eignen Busen greifen, dort nach der Würdigkeit für die Gottes-Gegenwart fragen. So oft sie ihr Herz dem Dienst ihres Vaters im Himmel weihen, ist auch Er ihnen mit seiner Wundermacht nahe, sie alles ihnen Feindliche bezwingen zu lassen. Nicht durch äußere Kämpfe, durch den Kampf im eigenen Innern, durch den Sieg über sich selbst erstreiten sie die äußern Siege. Indem sie sich Gott unterwerfen, unterwerfen sie sich die Welt. Diesen Sieg der wehrlosen Sittlichkeit über die schwertgegürtete Gewalt in Mitte der Völker durch ihr Leben und ihr Geschick zu verkünden, das ist ja die Bedeutung dieser, „Gott“ durch den Sieg des Rechts auf Erden zu verkünden gesandte Abrahamsfamilie — die ganze freud- und tränenreiche Geschichte ihrer Jahrtausende: כַּאֲשֶׁ֨ר יָרִ֥ים מֹשֶׁ֛ה יָד֖וֹ וְגָבַ֣ר יִשְׂרָאֵ֑ל וְכַאֲשֶׁ֥ר יָנִ֛יחַ יָד֖וֹ וְגָבַ֥ר עֲמָלֵֽק, da habt ihr ihr Bild und den Schlüssel zu ihrem pragmatischen Verständnis.
So der Wahrspruch aus diesem Amalekkampfe für Israel. Den Völkern aber zugewandt lautet er also: מִלְחָמָ֥ה לה‘ בַּֽעֲמָלֵ֑ק מִדֹּ֖ר דֹּֽר [15] , die ganze, von Gott gelenkte Weltgeschichte ist ein fortgesetzter Gotteskampf wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht.
Wären die Welt und alle die Geschlechter in der Welt nur das Ergebnis mechanisch physischer Wechselwirkung, gäbe es keinen Gott, der frei über diese Welt und ihre Geschlechter gebietet und deren Gänge zu seinem Ziele hin leitet: es gäbe eine Hoffnung für Amalek; des Gewaltigsten und Listigsten wäre die Welt; dem vollendeten, rücksichtslosen, alles nach seinem Interesse berechnenden, und für sein Interesse ausbeutenden, egoistischen Kalkül winkte die Hoffnung des Sieges; man brauchte nur die Welt und ihre Erscheinungen, die Menschen in ihren Leidenschaften sich dienstbar zu machen, könnte seine Weltverrichtungspläne fertig rechnen ohne Gott — Amalek hätte recht.
Und wiederum, wäre dieser Gott nur der Gewaltige, etwa der Gewaltigste unter allen Gewaltigen, der Amalek über allen Amaleks, dessen Wesen nur Kraft und Macht und Gewalt, nicht in erster Linie Gerechtigkeit und Liebe bedeutete; es blühte wiederum den kleinen Amaleks einige Hoffnung auf Erden; es dürften dem Gewaltigen dort oben vor allem die Gewaltigen auf Erden gefallen, er dürfte in ihnen ihr Ebenbild erblicken und fördern; es dürfte ein Nimrod sich einbilden, „er triebe die Menschenjagd vor dem Angesichte des Herrn“, und es wäre der Gewaltigste der Göttlichste auf Erden.
Und selbst wenn der Herr in der Höhe ein Gott der Gerechtigkeit und Liebe wäre für den Einzelmenschen, für das Einzel- und Familien-Leben; so aber die Menschen ihre Kräfte vereinten, als Völker, Nationen, Staaten und deren Repräsentanten: Regierungen und Reiche, kurz für die Menschen in ihren Gesamtbeziehungen gegen den Einzelnen und in ihren Gesamtbeziehungen gegen einander verloren Gerechtigkeit und Liebe ihren Wert, hätten die sittlichen Mächte nur untergeordneten Wert, träten egoistische Macht und Gewalt in ihr Recht ein; nur der schwache Einzelne hätte „brav“ zu sein, der starken Gesamtheit aber wäre alles erlaubt; nur im Kreis des Einzelnen und des Familienlebens wäre der Sittliche der Brave, aber die Wahrheit der Völker und Staaten bedeutete Schwertschlag und Gewalt — auch dann wäre für Amalek eine Hoffnung auf Erden; die Gewalt, aus dem Privatleben gebannt, dürfte ihre lorbeerbekränzte Siege in der Blutbahn der Staaten und Völker feiern.
So aber nicht. Nicht nur wenn im Kreise des bürgerlichen Einzellebens wir vor jeglichem Unrecht und jeder Gewalt gewarnt und gemahnt werden sollen, dass תוֹעֲבַ֛ת ה‘ אֱלֹקיךָ כׇּל־עֹ֣שֵׂה אֵ֑לֶּה כֹּ֖ל עֹ֥שֵׂה עָֽוֶל [16] , dass von unserem Gott jeder verabscheut sei, der solches tut, jeder, der Gewalt ausübt, nicht nur dann werden wir erinnert: זָכ֕וֹר אֵ֛ת אֲשֶׁר־עָשָׂ֥ה לְךָ֖ עֲמָלֵ֑ק [17] „gedenke was dir Amalek getan!“ und hüte dich selber ein Amalek in deinem Kreise zu sein; sondern מָחֹ֤ה אֶמְחֶה֙ אֶת־זֵ֣כֶר עֲמָלֵ֔ק מִתַּ֖חַת הַשָּׁמָֽיִם [18], sprach Gott nach dem ersten Mosessieg über Amalek, „unterm ganzen Himmel vernichte ich Amaleks Andenken“ — „זכר“ Andenken, Nachruhm, Namenverehrung, irdische Unsterblichkeit, das ist ja zuletzt das Letzte, das die schwertgegürtete Amalekgewalt von der mit ihren Trümmern bedeckten Erde erwartet; und dieser Nachruhm, diese Verewigung, diese Lorbeeren, die noch die späteste Nachwelt in ihrer Blindheit dem bluttriefenden Menschenwürger im Großen flicht, diese Verehrung der Gewalt, sie ist es ganz eigentlich, die die Gewaltherrschaft verewigt, die zur Nachfolge auf solchem Wege auffordert, die schon den Gemütern junger aufblühender Seelen einen über hunderttausend Trümmer- und Leichenzügen sein Schwert schwingenden Helden nicht als einen Gegenstand des Abscheus, sondern als einen Gegenstand ehrender Bewunderung zeigt, und jedem kommenden Geschlecht von früh an das Bewusstsein einprägt: es gebe eine Größe der Gewalttat, vor welcher selbst die Stimme der Sittlichkeit schweigt, und das Verbrechen verliere sein Verbrecherisches in je größerem Umfange man es übe und in je größere, weitere Kreise es den Fluch seiner Taten streut. ,זֵכֶר עֲמָלֵק der Nachruhm Amaleks, der macht erst recht eigentlich die Amalekstat zum Menschheitsfluch. Erst wenn [19] , שֵׁ֖ם רְשָׁעִ֣ים יִרְקָֽב wenn mit der Leiche des Bösewichts auch sein Name eingescharrt wird, wenn keines Bösewichts Name mehr im Andenken der Menschen blüht, erst dann kann das Reich gottdienender Sittlichkeit auf Erden beginnen. Solange ist, wie es das sinnigtiefe Wort des Weisen ausdrückt, weder [20] שְׁמוֹ שֶׁל ה‘ שָׁלֵם noch כִּסְאוֹ שָׁלֵם ist weder die Anerkennung Gottes, noch sein Reich auf Erden zur Vollendung gebracht. So lange ist sein Name nicht der alles belebende, jeden Moment des Daseins durchhauchende, so lange ist sein Name nur die von Zeit zu Zeit durchblitzende, in seltenen, großen welterschütternden Ereignissen den Menschen zum Bewusstsein kommende Macht, und so lange ist sein Reich, das der alles beherrschende, einzige Weltenthron sein soll, nur — ein Stuhl, den man auch der göttlichen Macht, als auch einer, nicht ganz außer Rücksicht zu lassenden Potenz einräumt, neben welcher man aber noch gar viel anderen Menschen, und vor allem der eigenen Macht und der eigenen Klugheit den Sitz der Hoheit bereitet. Darum hat Gott die ganze Heilszukunft der Menschheit und sein eigenes Reich auf Erden an die Verheißung geknüpft, dass Er „das Andenken Amaleks bis zur Vernichtung verlöschen werde unter dem ganzen Himmel“, hat es verheißen, dass „auf den noch unausgebauten Thron seiner nur erst unvollkommen erkannten Gottheit „der Gottesschwur niedergelegt ist: Gotteskrieg wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!“ כִּֽי־יָד֙ עַל־כֵּ֣ס יָ֔‘ מִלְחָמָ֥ה לַה‘ בַּֽעֲמָלֵ֑ק מִדֹּ֖ר דֹּֽר[21]
Und darum wollen die von Gottes Geist diktierten Worte unserer Sänger und Propheten vor allem den Gedanken zum lebendigsten Bewusstsein bringen, dass nicht nur derselbe Gott, der die Gesetze der Natur geschrieben und handhabt, auch dem Menschen sein Gesetz gegeben — מַגִּ֣יד דְּבָרָ֣יו לְיַעֲקֹ֑ב וגו‘[22] = הַשֹּׁלֵ֣חַ אִמְרָת֣וֹ אָ֑רֶץ עַד־מְ֝הֵרָ֗ה יָר֥וּץ דְּבָרֽוֹ[23] וגו‘ וגו‘ sondern, dass auch dieses Sittengesetz, das Gesetz des Rechts und der Heiligung und der Liebe, für jede Menschengesamtheit dasselbe wie für den Einzelnen sei, dass es nicht zwei verschiedene Moralkodizes, den einen für das Privatleben und den andern für das öffentliche Leben gebe, sondern die Rechtschaffenheit des Völkerlebens auf derselben Waage wie die des Privatlebens gewogen werde, und dass dem Unrecht und der Gewalt im Völker- und Staatenleben ebenso der Stab gebrochen, ebenso jede Zukunft versagt sei, wie im Familien- und Einzel-Leben.
So singt David — [24] עַל־מ֥וּת לַבֵּ֗ן — in Erinnerung an den Tod seines Kindes, womit Gott sein, des Königs, Frevel gegen das Familienglück eines Untertanen gestraft hatte —
Ich huldige Gott mit meinem ganzen Herzen,
Möchte deine Wunder alle erzählen,
Möchte mich freuen, möchte fröhlich sein in dir,
Möchte deinen Namen singend verkünden, Höchster!
Wenn meine Feinde zurückweichen,
Straucheln sie ja nur und gehen verloren vor deinem Angesicht.
Wenn du mein Urteil und mein Recht ausgeführt,
Hast du ja zum Throne dich hingesetzt als gerechter Richter,
Hast ja damit Völkern gedroht, Vernichtung für jeden Bösen ausgesprochen,
Hast damit ihren Nachruhm verlöscht für alle Ewigkeit.
Ja, Feind! In jener endlosen Zukunft ist es zu Ende mit Trümmern,
Und deiner Städte-Zerstörungen, man denkt ihrer nicht mehr und damit sind sie selber vernichtet.
Gott aber thront dann für immer,
Stellt jetzt nur erst zum Gerichte seinen Thron.
Er richtet dann die Menschenwelt nach dem Recht,
Spricht Urteil über Staaten nach Geradheit —
[1] Gedenke, was dir Amalek getan auf dem Wege bei eurem Auszuge aus Ägypten. Der dich traf auf dem Wege, und deinen Nachtrab erschlug, all die Schwachen hinter dir — du aber warst matt und müde; — und fürchtete Gott nicht. Es soll nun geschehen, wenn der Herr, dein Gott, dir Ruhe schafft von all deinen Feinden rings herum in dem Lande, das der Herr, dein Gott, dir als Besitz gibt, es einzunehmen, sollst du auslöschen das Gedächtnis Amaleks unter dem Himmel. Vergiß nicht! (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[2] Exodus 17:16; „Krieg des Herrn wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!” (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[3] Genesis 27:22; „Die Stimme ist Jaakobs Stimme, und die Hände sind Esaws Hände.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[4] „Göttlichen Komödie“ siehe hierzu Kommentar von Rabbiner Hirsch zu Genesis 27:1
[5] Zu Nimrod siehe Hirschkommentar zu Genesis 10:8-18
[6] Genesis 12:2
[7] Jesaja 41:2-3; „(Wer hat [Cyrus] von Osten herbeigerufen?) Wer ihn mit Sieg in seinem Gefolge berufen, Völker vor ihm niederzuwerfen und Könige zu unterjochen. Zu Staub macht alles sein Schwert, zu wehenden Stoppeln sein Bogen. Er verfolgt sie, er ziehet hin unversehrt einen Pfad, den sein Fuß nie betreten.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)
[8] Siehe hierzu Hirschkommentar zu Genesis 32:25
[9] Deuteronomium 28:10; „und es sehen es alle Nationen der Erde, daß Gottes Name über dich genannt ist, und fürchten sich vor dir.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[10] Exodus 17:7; „Ob wohl Gott in unserer Mitte ist, oder nicht?“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[11] Exodus 17:8; „Es kam Amalek und kämpfte mit Jisrael in Refidim. (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[12] Ohnmacht, Schwäche
[13] Exodus 17:11; „Und es war, wenn Mosche seine Hand in der Höhe hielt, siegte Jisrael, und wenn er seine Hand ruhen ließ, siegte Amalek.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[14] Sefat Emet (Kommentar von Rabbiner Aryeh Leib Alter), Exodus, Parashat Sachor;
Sefaria.org: Yehudah Aryeh Leib Alter, bekannt als „Sefat Emet“ (nach seinem bekanntesten Werk), war ein polnischer Rabbiner, chassidischer Meister und Rebbe der Gerer Chassidim. Sein Vater starb, als er noch ein Junge war, und er wurde von seinem Großvater, Yitzchak Meir Rotenberg-Alter, bekannt als „Chiddushei HaRim“ (nach seinem berühmtesten Werk), erzogen. Dieser leitete auch das Rabbinatsgericht der Stadt. Nach dem Tod seines Großvaters im Jahr 1866 lehnte er dessen Amt ab und unterstellte sich stattdessen der Führung von Rabbi Chanoch Henoch von Alexander. Als der Rebbe von Alexander 1870 starb, übernahm er widerwillig die Führung der Gerer Chassidim. Unter seiner Leitung entwickelte sich Ger zum größten und einflussreichsten chassidischen Hof in Polen. Seine zahlreichen Werke wurden posthum unter dem Titel „Sefat Emet“ veröffentlicht. Sie umfassen eine bedeutende Sammlung chassidischer Einsichten und Lehren, basierend auf dem wöchentlichen Toraabschnitt, sowie einen gelehrten Kommentar zum Talmud. Diese Werke werden bis heute in der jüdischen Welt eingehend studiert. Anders als viele chassidische Meister lehnte er freiwilliges Geld seiner Anhänger ab und bestritt seinen Lebensunterhalt mit einem kleinen Laden, den seine Frau betrieb. Obwohl er den Aufbau und die Besiedlung des Landes Israel förderte, war er ein Gegner der aufkeimenden zionistischen Bewegung. Er starb 1905 und wurde von seinem ältesten Sohn Avraham Mordechai, bekannt als „Imrei Emet“, beerbt.
[15] Exodus 17:16; „Krieg für Gott wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[16] Deuteronomium 25:16; „ein Abscheu Gottes, deines Gottes ist jeder, der solche Dinge tut, jeder, der Unrecht tut.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[17] Deuteronomium 25:17; „Gedenke dessen, was dir Amalek getan“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[18] Exodus 17:14; „(daß) ich Amaleks Gedächtnis gänzlich von unter dem Himmel forttilgen werde.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[19] Mischle 10:7; „der Name der Gesetzlosen vermodert”
[20] Der Name Gottes noch sein Thron vollendet; d.h. Gottes Schöpfung wartet noch immer der Vollendung
[21] Exodus 17:16; „denn die Waltung auf Gottes Thron heißt: Krieg für Gott wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[22] Psalm 147:19; “Er kündigt Sein einheitlich manigfaltiges Wort Jakow“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[23] Psalm 147:15; „Denn Er, der Seine Weisung zur Erde schickt, — gar rasch eilt Sein Wort! —“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[24] Psalm 9:1
