In zwei Folgen ist diese nette Geschichte für Kinder über Tu Bi Schewat in der Zeitschrift „Der Israelit“ erschienen. Der erste Teil am 29.01.1920 und der zweite am 05.02.1920.
Über den Autor Max Speier finden sie im Anschluss an dieses Märchen, was ich im Zusammenhang mit der Verlegung der „Stolpersteine“ über ihn gefunden habe.
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2525094
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2525108
Das Neujahrsfest der Bäume.
Ein Märchen von Max Speier.
„Aber natürlich,“ sagte das pausbäckige Äpfelchen und blähte sich breit, „ich bin dabei!“
„Und an mir soll’s auch nicht fehlen,“ zirpte die Grünnase von Birne mit dem länglichen Kinn.
„Ich halt mit,“ kollerte die braunnackige Nuss und schiebelte sich ein Stückchen vorwärts.
„Und ich durchdufte dann das Ganze,“ meinte gelassen die stolze Goldorange.
„Also heut‘ Nacht pünktlich um 12 Uhr draußen im Garten,“ rief errötend die Zwetschke und ließ sich im Vorgeschmack des erwarteten Vergnügens den Saft von den Wangen herunterlaufen.
„Aber wer schließt uns die Türen auf?“ krachte die Mandel auf einmal dazwischen.
„Das ist eine Frage, die wohl bedacht werden muss,“ brummte der behäbige Kürbis.
„Schon gelöst,“ lachte die glutvolle Ananas, die zwar eingemacht, aber doch reichlich süß und frisch gebettet war, „der Nussknacker!“
Der lag faul und steckensteif zwischen den Obstkörben und Konservengläsern, unter denen das heimliche Gespräch stattfand, rührte kein Glied und machte als hörte er nichts.
„Hedda,“ zupfte ihn die bärtige Kastanie, „mach‘ er doch die Ohren auf, er bequemer, unwirscher Geselle.“
„Ich bin so müde“, knarrte der blanke Bursche, zu dem die blaue Traube mit verliebtem Wohlgefallen hinsah, „lass mich in Ruh!“
„Wird nichts draus“, richtete sich die Banane in ihrer ganzen schlanken Größe auf, „wir wollen heut‘ Nacht unsere Väter und Mütter und sonstigen Anverwandten im Freien besuchen und uns mit ihnen über das vergangene Jahr und unsere zukünftigen Hoffnungen unterhalten, da musst du uns beistehen“.
„Meinethalben“, bollerte er heraus, „was ist denn eigentlich los?“
„Chamischo Osor b’schwat[1]„, antwortete kurz das Johannisbrot und rollte ihm einige Kerne an die Rippen, „unser Neujahrsfest“.
„Du brichst die Türen auf, damit wir herauskönnen“, sagte hellstimmig die blanke Kirsche, „und geht’s nicht gutwillig, so krachst du Schloss und Schlüssel entzwei“.
„Gute Nacht, weckt mich dann, wenn’s Zeit ist“.
Der Nussknacker streckte sich, und die geschwätzige Gesellschaft ward auch stumm, weil eben das Töchterlein des Hauses mit der Lampe ins Zimmer trat.
* * *
Der riesige Schneemann starrte mit seinen schwarzen Augen neugierig in den dunklen Hof hinaus. „Was geht denn da vor? Was drängt sich denn da, was schiebt sich denn da, was wackelt denn da und fackelt denn da? Sonst kann man doch wenigstens in Frieden ruhen, wenn man den ganzen Tag das Gelärm von den wilden Buben um sich herum gehört hat, und heut plötzlich zu nachtschlafender Zeit, wenn alle bewaffneten und unbewaffneten Bürger sich beschaulicher Stille hingeben, sowas von Getöse! Bin doch gespannt, was da kommt!“ Er wollte gerade mit dem Stock drohen, als ein leises, süßes Stimmchen ertönte: „Ach bitte, bitte, lieber Herr Schneemann, tue uns doch den Gefallen und kehre uns mit deinem großen Besen einmal den Weg vom Schnee frei, damit wir zu unserer lieben Familie können.
„Potztausend, wer bist du denn“, murmelte der Weißbart und wollte sich niederbeugen. „Ei, Fräulein Rosinchen! Guck mal an, so spät und so wach! Bist wohl aus dem leckeren Geburtstagskuchen herausgekrochen, den die Mutter fürs Nesthäkchen gebacken hat? Der kleine Kerl hat es mir freudestrahlend erzählt.
„Aber wo wollt ihr denn hin, Ihr Nachtschwärmer?“
„O bitte, bitte, nicht böse sein, guter Herr Schneemann“, bettelte das niedliche Rosinchen, „die Apfelsine setzt dir auch ganz gewiss eine schöne rote Kappe auf, wenn du uns durchlässt!“ „Recht also, weil du’s bist, liebes Kind.“ Der Schneemann fegte mit dem alten Besen eine Gasse rein. „Vorwärts marsch!“ kommandierte der Kürbis als Korporal der kleinen Schar, die sich gemächlich und in gleichmäßigem Takt zu den Bäumen des großen Gartens hintrollte. Die hatten’s schon gespürt, dass ihnen was Besonderes bevorstand. „Ich weiß nicht“, hatte schon am Tag der Apfelbaum zu seiner Nachbarin, der grünen Edeltanne, gesagt, „mir ist’s eben so seltsam zu Mut, ich glaub‘, ich hab‘ Wachsschmerzen.“ „Ja“, hatte drauf der Zwetschgenbaum zustimmend genickt, „mir ist’s auch heut auf einmal bei dem starken Schneegestöber so warm und eigen geworden, dass ich meine, der Frühling kommt.“
„Du, Eiche“, rief die wissbegierige Pappel in den benachbarten Wald hinüber, „schau doch mal bei deinen Ringen im Jahreskalender nach, was denn für ein Tag ist.“
„Der vierzehnte Schewat“, brummte die Eiche gravitätisch und vernehmlich. „Also der Chamischo Osor vor der Tür!“ jauchzte das Aprikosenbäumchen, „Kinder, das ist fein!“ „Naseweis“, gaben die Nussbüsche zurück, „weißt viel, was ein Neujahrsfest ist!“
„Heut hat sich die Katze vor mich in den Schnee gesetzt und ihren borstigen Bart geputzt“, erzählte der Birnbaum, „das bedeutet Besuch.“
Da dröhnte auch schon ganz in der Nähe der verschlafenen Ranke vom Weinlaub die Stimme des Kürbisses: „Stillgestanden! Mamsell Birne, melde sie uns!“ „Alle zur Stelle!“ erstattete die Birne gehorsam und militärisch Rapport. Der Jubel kannte keine Grenzen. Die Bäume streckten ihre Zweige ihren Kindern und Freunden zu herzlichem Willkommen entgegen, manche hoben ihre treuen Früchtlein empor und ließen sie auf den Ästen schaukeln, der Wind sang ihnen ein fröhliches Lied dazu, und die Fichte vergoss sogar vor lauter Rührung ein paar dicke Harztränen. Jetzt gab´s ein Fragen und Liebkosen und Berichten ohne Ende, man hatte sich seit Monaten nicht gesehen und war um das Schicksal jedes Einzelnen natürlich aufs ängstlichste besorgt. Der Schneemann spitzte von der Ferne seine Ohren aus Apfelschalen und machte ein immer freundlicheres Gesicht trotz der unerlaubten Störung.
Aber in das Geplauder hinein, das wohl ein halbes Stündchen gewährt haben mochte, rauschte unvermutet der Apfelbaum mit feierlichem Klang und sprach in gehaltenem Ernst: „Liebe Genossen, Nachbarn und Freunde! Liebe Kinder, Brüder und Schwestern! Vergesst über der Freude des Wiedersehens nicht, dass heute unser Rausch-haschonoh[2] ist, der Tag, an dem wir uns erinnern sollen, was wir im vergangenen Jahr an Gutem und Schönem erfüllt haben und was wir im kommenden Jahr reicher und trefflicher vollbringen wollen. Nichts auf der Welt kann aus eigener Kraft gedeihen und groß werden, auch wir nicht. Alles wird stark und groß, trägt Blüte und Frucht, spendet Schatten und Segen auf Gottes Geheiß und nach Gottes Willen. Und was den Menschen der erste Tischri ist, das ist für uns der fünfzehnte Schewat. So wollen wir uns denn erzählen, wie wir das Jahr verbracht und ob wir es wert sind, weiter lustig zu grünen und zu blühen und uns des lieben Sonnenscheins zu erfreuen und des befruchtenden Regens. Wohlan denn, du Weinranke, beginne, deine Beeren sind vor allen wertgeschätzt!“
Die Rebe summte: „Ende August war’s. Ich war üppig voll behängt und meine Trauben waren von einem Saft und von einer Süßigkeit, dass ich selbst ganz entzückt davon war. Und die Sonne brannte mir immer weiter auf den Rücken, ich kochte einfach. Doch ging eines Mittags ein kleines, schwaches Kind durch meine Reihen. Es schlich langsam auf einen Krückstock gestützt, und ein zartes, feines Mädchen führte es. Die kleine Begleiterin war wie Rosenrot und Himmelsblau, von duftig überhauchten Bäcklein und schimmernden Äuglein. Sie beugte sich so sanft und freundlich zu der armen Freundin nieder, sie reichte ihr so zierlich und behände die Ärmchen, ich war außer mir vor Seligkeit, soviel Liebe walten zu sehen. Das kranke Mädchen sandte warme, verlangende Blicke nach meinen Früchten, die wie schwere, dunkle Perlen aufgeschnürt waren. Ich hielt mit meinen Ranken das Kind aus Rosenrot und Himmelsblau fest. Man konnte fast meinen, dass es mich verstand. „Da, brich meine Trauben“, wollte ich ihm sagen, „da, schichte sie auf zu dichtem, fröhlichem Haufen und erquicke deine arme Freundin“. Das Mägdelein sah mich lange an. „Ich möcht‘ schon gerne,“ sagte sie silberstimmig, „aber ich weiß nicht recht, ob ich darf. Die Trauben werden doch gebraucht. Man macht doch so klaren, köstlichen Wein daraus, mit dem dann der Vater den Sabbath segnet. . . . doch es gibt ja noch mehr“, rief sie plötzlich beherzt, pflückte die besten meiner Sprösslinge vom Laub und reichte sie der Kleinen. Das arme Kind tat sich gütlich. Ich aber bat unseren Herrn droben, er solle meiner lieblichen Freundin lohnen, was sie Gutes getan, und solle mit diesem Sinne und mit diesem Herzen sie weiter emporblühen lassen.“
„Ich mische mich lieber unter die kichernde gesunde Gesellschaft“ rief der Nussbaum fidel von seiner Höhe herab. „Mir knackts in allen Gliedern, wenn ich so eine Kinderschar hier herumtollen sehe. Pardauz — mach‘ ich und fall‘ ihnen vor die Füße? Vielmehr, ich bleibe grad und aufrecht, nur meine Nüsse schick ich ihnen, dass sie damit in der Sukkoh[3] Häuflein spielen und sich deshalb noch einmal so gern an das liebe, lustige Laubhüttenfest erinnern. So geht’s bei mir ein Jahr um das andere, ich erleb‘ nicht viel Neues, aber ich freue mich meines Daseins und werde mich freuen, solange es Gott gefällt.“
„Unter mir haben ein Vater und eine Mutter lange, ernste und nachdenkliche Rast gehalten, zu der ich lindernden und kühlenden Schatten gespendet habe“, hub der Kastanienbaum langsam an. „Ich hab‘ von schweren, herzbrechenden Sorgen und von tiefer, zehrender Kümmernis gehört. Sie haben zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Und sie haben immer ihr Trachten darauf gerichtet, sie in Gottesfurcht und in Gottesliebe großzuziehen. Und sie hatten gejauchzt bei jedem Keim und Reis, das sie entdeckt, und sie hatten gejubelt bei jeder Blüte, die ihrer Obhut entsprossen war. Nun sind die Blüten vernichtet und abgefallen, denn die Kinder sind in die Fremde gegangen und haben Gottes Wort und der Eltern Lehren schnell vergessen. Und nun saßen die alten Leute traurig zusammen und haben sich mit bitteren Tränen gefragt, wozu sie auf der Welt noch nütze seien. Das Mitleid hat mich gepackt, als ich das hörte, dass durch mich ein Rauschen ging, wie vom tiefsten eigenen Herzeleid.“
„Papperlapapp, nicht immer so sentimental!“ fuhr hitzig der Kirschbaum in die schwermütige Stimmung, die die ganze Versammlung ergriffen hatte. „Mich hat ein Mädchen angefasst, ein Mädchen mit Lippen, so rot wie meine Kirschen, und hat mich gerüttelt und sich daraus einen Kranz in ihr schwarzes Haar gemacht aus meinen roten Früchten und ist hin und her getanzt und hat übermütig dazu gerufen: Starmatz[4], pfeif‘ mal, jetzt gib’s bald Hochzeit! Kirschbaum, guck mal, was ich schön bin! Und ich — hab gewackelt vor lauter Lachen über die Munterkeit!“
„Leichtfuß“, sprach gemessen der Apfelbaum, und der Rosenstrauch reichte ihm verstohlen die dornige Hand. „Bist nicht gut beraten, wenn du meinst, der Übermut und die Schönheit allein tun’s. Schön ist das Lachen, beim Himmel, wer möcht es missen? Und herrlich ist die Schönheit, wer möcht ihr Prangen entbehren? Aber Schönheit und Lachen können schnell vorübergehen — des Herzens Reinheit und der Seele heitere Freude, sie sollen uns durchs ganze Leben geleiten. Wie ich unter den Bäumen des Waldes, wie die Rose unter den Dornen — so sollte Israels Jugend blühen unter den Völkern. Still blüht die Rose und möchte schamhaft ihren Kelch vor Menschenaugen schließen, den Kelch, den sie nur Gott und Seinem blauen Himmel frei zuwendet. Und, mit zarten, rosigen Blüten übersäet, bin ich ein Wohlgefallen dem klaren Blick und mit meinen leckeren Früchten feine, duftige Labe dem Kranken, dem Genesenden, den Geheilten. Klar aber muss der Blick sein, der mich anschaut, und nur mit reinen Lippen wollen meine Früchte berührt sein.“
„Aus der Jugendzeit — aus der Jugendzeit — klingt ein Lied mir immerdar. — O, wie liegt so weit, o wie liegt so weit — was mein einst war![5]“ zwitscherte eine muntere Stimme. Es war gar nicht so traurig und hoffnungslos, wie’s die Worte hätten vermuten lassen, was der Esrog[6] sang. „Ich bin allerdings eingemacht in sauer und süß“, unterbrach’s sich, wie um Entschuldigung bittend, „es ist mir auch manchmal recht bitter zu Mut, wenn ich so künstlich und übermütig verzuckert werde. Doch das geht halt so und muss ertragen werden. Ja, ich hab‘ mal in ganzen Wäldern geblüht und geleuchtet, dort weit überm Meer, im heiligen Lande, woher man mich geholt hat. Mein Stamm hat stolze Juden gesehen und aufrechte Gottesdiener und hat den Scharen fröhlichen Gruß entboten, die hingewallt[7] sind zum Tempel und sich dort Befreiung geholt von Sorgen und von Sünden. Und dann, viele Jahrhunderte lang, ist mein Stamm fast verdorrt von all der Einöde, die ihn umgab, und von dem schweren Weh das er erlitt, weil er, trotz allem sehnlichen Auslugen[8], nichts wahrnehmen, konnte, als Trümmer und Wüstenei. Nun wächst er erfrischt und erfreut neu empor, weil er wieder fröhliche Lieder hört von heimischen Zungen, und weil sich wieder rührige Hände regen und zu ackern beginnen und zu pflügen, zu pflanzen und zu jäten, um die Wüstenei mit Gottes Hilfe wieder urbar zu machen und die Einöde mit seinem Beistand umzuwandeln in geselligen jüdischen Menschenboden, bis Gottes ganzer Segen sich ausgießt über unser Heimatland und Gottes ganzer Segen uns dort versammelt. Ach, Kinder, ich bin so glücklich darüber und bin so selig, dass man mich hätschelt und hochträgt mit starken Armen am heiligen Sukkothfest!“
Die Mandel sprengte ihre Schale vor Lust über das Bekenntnis des Esrogs. „Brüderlein, ich umarme dich! Aus leblosem Holz, das nicht meines Stammes war, bin ich emporgeblüht in Ahrons Tagen als Zeichen der Wunderwaltung und der Liebe des Herrn[9]. An geweihtester Stätte hat man mit meinem Abbild die goldene Menauroh[10] verziert, die dem Glück Israels leuchtete und ihm Geist und Herz erhellte.
Der Leuchter in Sacharjas Vision (Buchmalerei von Josef Asarfati, Biblia de Cervera, um 1300, Biblioteca Nacional de Portugal)
Nun sind wir und unsere Lieblinge in der Fremde. Dieses Jahr hier — in Schnee und Winter. Im kommenden Jahre in Jerusalem — in Sonne und ewigem Frühling!“ Ehrfürchtig neigten alle Bäume ihre Häupter und stimmten einträchtig an:
„Führet der Herr heim
Zions Gefangene,
Füllt sich mit Lachen
Wieder der Mund.
Füllt sich mit Jubel
Unsere Zunge
Sprechen die Völker:
Großes wirkt Gott!“ — — —[11]
Der Schneemann wartete keine Aufforderung ab. Er sputete sich von selbst, um schleunigst die neuverwehten Pfade zu säubern, damit die Schar heimkehren konnte.
Und der Garten lag wieder in tiefer Stille im Schein des Vollmonds.
Max Speier
Dies ist ein Auszug aus einem Bericht von Gudrun Schmidt vom Verein „Stolpersteine in Kassel e.V.“ den Sie unter https://www.kassel-stolper.com/biografien/olga-max-u-lieselotte-speier-ida-wertheim/ komplett lesen können.
geb. am 23. Juni 1897, stammt aus einer bekannten Hoofer Familie. Seine Eltern, der Handelsmann Julius und Jettchen Speier, geb. Rosenbach wohnten mit Sohn Simon Speier, geb. 1888, Schwiegertochter Selma und Enkelin Brunhilde (geb. 1920) in der Hoofer Fuckelgasse, jetzt Herkulesstraße. Max Speier wurde mit 18 Jahren Soldat und nahm von 1915 bis 1918 wie viele aus dem Dorf am 1. Weltkrieg teil. Später war er als Vertreter tätig. Mit 26 Jahren heiratete er.
Hoof
Früher zum adligen Gericht Schauenburg gehörig, ist Hoof mit etwa 3.000 Einwohnern seit 1972 eines der fünf Dörfer der Gemeinde Schauenburg. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus 1250 n. Ch. Im späten 16. Jh. ließen sich sogenannte Schutzjuden unter der Ortsherrschaft der Familie von Dalwigk nieder. Sie trieben Kleinhandel und etwas Landwirtschaft. Platz für den gemeinsamen Friedhof – den ältesten jüdischen in Hessen – überließ ihnen die Herrscherfamilie im nahen Breitenbach. Die jüdische Gemeinde entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur größten Gemeinde im Landkreis Kassel mit bis zu 230 Mitgliedern. 1840 wurden eine Synagoge, eine Mikwe und ein Schulraum mit Lehrerwohnung eingerichtet. Die jüdische Elementarschule, deren Lehrer in Kassel ausgebildet wurden, bestand seit 1827, um 1890 mit bis zu 60 Schülern. Nach dem Tod des letzten Lehrers wurde sie 1934 geschlossen. Das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit war weitgehend unproblematisch. Jüdische Bürger waren im Gemeinderat, den Vereinen, der Feuerwehr, selbst in dem stramm nationalen Kyffhäuser Bund usw. Die Gaststätte des Juden Meinhard Gumpert war Treffpunkt für alle.
Ab 1933 machten die Juden Hoofs zwiespältige Erfahrungen. Auf der einen Seite gab es offenkundig Nichtjuden, die an der im Dorf gelebten Integration der jüdischen Bevölkerung in das Vereins- und auch Gemeindeleben keine Abstriche machten, was die Aufmerksamkeit des antisemitischen Hetzblattes der Nationalsozialisten „Der Stürmer“ im Jahr 1934 erregte, in dem ein Hetzartikel über das Dorfleben in Hoof erschien.
Auf der anderen Seite standen Erfahrungen von Diskriminierung, vor allem auch bei Kindern, Aufforderungen zum Boykott, 1935 sogar von gewalttätigen Ausschreitungen. Bis 1935 emigrierten deshalb bereits einige Familien ins Ausland, andere verließen danach den Heimatort oder konnten vor allem 1938 ihre Kinder mit Hilfe der Kindertransporte ins sichere Ausland bringen. Am 8. November 1938 wüteten aus anderen Dörfern angereiste SA-Leute in Hoof, fanden dort aber auch Mittäter aus dem Ort. Nach dem Pogrom hatten die Hoofer Juden innerhalb kurzer Zeit die Gemeinde zu verlassen, Hauseigentümer unter ihnen ihr Eigentum zu verkaufen. Eine Erfassungsstelle in Kassel wies sie in Häuser im Bereich zwischen Altmarkt und Grünem Weg ein.
Max Speier war mit Frau und Tochter sowie den Schwiegereltern Wertheim noch vor dem Pogrom im Sommer 1938 nach Kassel gezogen. Am 10. November 1938 wurde er zusammen mit etwa 250 jüdischen Männern in Kassel verhaftet und anschließend in einem Sonderlager innerhalb des KZ Buchenwald bis zum 16.12.1938 unter Bedingungen inhaftiert, die noch schrecklicher waren, als es in Buchenwald ohnehin der Fall war.
Laut Hausstandsbuch war die Familie zwar in der Moltkestraße registriert, tatsächlich war Max Speier dann aber wie seine Frau und seine verwitwete Schwiegermutter ab dem 11. April 1941 im „Arbeitserziehungslager Breitenau“. Statt eines Fotos fanden wir im Gestapo-Aufnahmebuch Nr. 412 des „Arbeitserziehungslagers Breitenau“ diese Personalbeschreibung des Schutzhäftlings: 1,73 m groß, dunkle Haare und Augenbrauen, Stutzbart, Kinn normal, Gesicht voll, Farbe braun, 6 Goldzähne, Statur kräftig, keine besonderen Merkmale.“ Und im Hinterlegeblatt heißt es: „je 1 Mütze, Mantel, Weste, je 2 Hemden, Unterhosen, Handtücher, 1 Uhr mit Kette“. Zurück in der Moltkestr. 10, wurde er am 1. Juni 1942 – also vor 80 Jahren – nach Majdanek deportiert und am 29. Juli 1942 dort ermordet. Max Speier wurde 45 Jahre alt.
[1] Deutsch-jüdische Aussprache für „Chamischa Esre be Schwat“ כמישע עזרי בשבט, der 15. Schewat
[2] Rosch-Ha´schana ראש השנה deutsch-jüdische Aussprache
[3] Sukkah סוכה
[4] (im Käfig gehaltener) Star
[5] „O, wie liegt so weit“ ist ein berühmter Vers aus dem Gedicht „Aus der Jugendzeit“ von Friedrich Rückert, das oft als volkstümliches Lied (oder Kunstlied) vertont wurde, das die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und der Kindheit ausdrückt, wo die Schwalben immer noch singen, aber das Herz leer geblieben ist. Der komplette Vers lautet meist: „O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war! Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang“.
[6] Etrog, אֶתְרוֹג, zitronenähnliche Frucht, eine der 4 Arten am Sukkotfest.
[7] gepilgert
[8] Umherschauen
[9] Numeri 17:17-25. Aus dem Kommentar von Rabbiner Hirsch zu Exodus 25:39: משוקדים, mandelförmig oder mandelartig werden die Kelche der Menora wiederholt charakterisiert, und ist, …, die Überlieferung schwankend, ob nicht Schmot 25, 34 — wie auch die Akzentstellung zeigt — dies משוקדים auch zum Charakter der כפתורים und פרהים gehört. Nun ist aber שקד, sowohl sprachlich als Verbum, als sachlich, Mandel, im symbolischen Gebrauch, der spezifische Ausdruck für die intensivste Richtung und Dahingebung der Geistestätigkeit an einen Gegenstand oder einen Zweck. Sowie der Mandelbaum am frühesten blüht (bei uns schon im März) und früher Blüten als Blätter hat, so ist שקד, sein Name, überhaupt Ausdruck für eifrige, rastlose, rasch zum Ziele strebende, wache und fleißige Geistesanstrengung, Ausdruck für das, was wir Fleiß und Studium nennen würden. „Wenn Gott die Stadt nicht schützt, vergebens שקד, wacht der Wächter“ (Ps. 127, 1). „Glücklich der Mensch“, spricht Prov. 8, 34 die Weisheit, „der mir zuhört, לשקוד, emsig an meinen Türen Tag für Tag zu wachen“: „Wie ich שקדתי עליהם, über sie mit Eifer, rastlos zu zertrümmern und zu zerstören gestrebt“, heißt es Jerem. 31, 28, „so אשקד עליהם לבנות ולנטוע, so werde ich rastlos, mit Eifer, über sie streben zu bauen und zu pflanzen“. „Was siehst du“, wurde Jirmijahu Kap. 1, 11 gleich bei seiner ersten Berufung gefragt, „מקל שקד, einen Mandelstab sehe ich“, lautete die Antwort. „Du hast gut geschaut“, erwiderte Gott, „denn שקד אני על דברי לעשתו, eifrig betreibe ich mein Wort zu erfüllen“: Bamidbar 17, 16 ff. sollte der Stammesfürst als der geistig Erwählte von Gott bezeichnet sein, dessen Stab blühen werde, und dieser Stab sollte als ewiges Denkmal vor dem Zeugnis bewahrt bleiben. Aarons Stab nun, durch dessen Blühen der Stamm Levi und in diesem Stamm das Haus Aaron als die für das Priestertum geistig Erwählten dokumentiert sein sollten, ויצא פרח ויצץ ציץ ויגמל ,“שקד“ „!brachte Blumen, trieb Staubfäden und reifte Mandeln!“ שקדים die ernste, rastlose, eifrige, tätige und erfolgreiche Hingebung an den Beruf sehen wir also hier als denjenigen Charakter bezeichnet, der den Stamm der Aaroniden für die Erwählung zu dem hohen geistigen Berufe des jüdischen Priestertums befähigt zeigte, und glauben wir hierin eine nicht geringe Bestätigung für unsere Auffassung der mandelartigen Blütengebilde an der Menora zu finden. Tragen ja Schaft und Arme des Leuchters eben dieselben Symbole, die den vor dem Zeugnis ruhenden Aaronsstab als Priesterstamm charakterisierten. Hier wie dort Mandeln reifende Blüten!
[10] Menora
[11] Psalm 126
