Offener Brief an Herrn Rabbiner S. R. Hirsch

Sehr verehrter Herr Rabbiner Hirsch,

ich habe Ihr Kalenderblatt zum Monat Tischri, zuletzt veröffentlicht in Jeschurun.online der Hirschinitiative.de, sehr aufmerksam und mit Spannung gelesen und komme leider nicht umhin Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich seit Ihrer Veröffentlichung des Kalenderblattes im Oktober des Jahres 1855 in ihrer Monatszeitschrift Jeschurun leider nichts zum Besseren verändert hat. Nein, ich muss sogar feststellen, es hat sich vieles zum weitaus Schlechteren verändert, als es ihrerzeit gewesen ist. Daran sind, um es gleich vorwegzunehmen, nicht die Reformjuden Schuld, die für so viel Verirrung und Verwirrung in Ihrer Zeit gesorgt haben, sondern eine Entwicklung hier in Europa, die Sie, verehrter Herr Rabbiner, in Ihren schlimmsten Alpträumen nicht für möglich gehalten hätten.

Ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen, dass es hier nämlich in Europa eine Judenverfolgung schlimmsten Ausmaßes gegeben hat. Diese Judenverfolgung wird heute mit dem Begriff Holocaust oder Shoah bezeichnet. Stellen Sie sich vor, sehr verehrter Herr Rabbiner, es sind mehr als 6 Millionen Juden in Europa bestialisch ermordet worden. Obwohl die Initiative zur Ermordung jüdischen Lebens von Deutschland ausging, haben sich alle europäischen Staaten willentlich und tatkräftig daran beteiligt. Und die außereuropäischen Staaten haben der Ermordung der 6 Millionen weitestgehend tatenlos zugesehen. Dieser Holocaust dauerte von 1941 – 1945. Nur wenige Länder waren den aus Europa flüchtenden Juden bereit die Hand zur Rettung zu reichen.

Aber stellen Sie sich vor, Herr Rabbiner, am Ende dieser Vernichtung, hat sich Gott seines Volkes wieder einmal erbarmt  und hat das Gewissen des Völkerbundes derart geplagt, dass er der Gründung eines jüdischen Staates auf unserem „Heiligen Boden“ zustimmte. Der Staat heißt Israel und wurde am 14. Mai 1948 gegründet. Dieser Gründung ist eine jahrelange Einwanderungswelle, die bereits zu ihrerzeit begann, vorausgegangen. Ich erinnere mich gelesen zu haben, wie Sie gefragt wurden, was Sie von der Einhaltung des Schabbatjahres im damaligen Palästina halten würden, und ob sie es befürworten würden, den Boden für das Schabbatjahr an Nichtjuden zeitweilig zu veräußern. Es stellte immerhin eine Existenzfrage für die dortigen Siedler dar. Sie traten mit aller Entschiedenheit für die strikte Erfüllung der Schmittagesetze auch unter diesen schwierigen Verhältnissen ein. Gleichzeitig aber riefen Sie die Öffentlichkeit in Deutschland und weltweit zu Spenden auf, um die Notleidenden in Palästina zu unterstützen.  – Ach, hätten doch alle Zionisten den Weg der Thora beschritten, und das Land als das „Heilige“ empfunden.

Leider waren die Führer des neugegründeten Staates Israel nicht bereit, den Staat als einen Gottesstaat zu errichten. Sie förderten zwar das Studium unserer „Heiligen Schriften“, sodass es heute so viel Thoragelehrte in Israel und weltweit gibt, wie es sie zuvor nie gegeben hat, aber das Fundament des Staates ist leider ein Säkulares. Geschickt haben es die Führer dieses Staates über die Jahre hinweg verstanden, die mehrheitlich säkulare Bevölkerung gegen das orthodoxe Judentum auszuspielen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die ersten Zerfallserscheinungen dieses Staates bereits sichtbar werden.

Einige wenige Überlebende des Holocaust, haben sich nach diesen furchtbaren Ereignissen des 2. Weltkrieges wieder in Deutschland niedergelassen. Sie kamen meist aus osteuropäischen Ländern auf der Flucht vor dem Kommunismus. Manche sind aus gesundheitlichen Gründen auf dem Weg ins Ausland (USA, Lateinamerika, Israel), wohin sich einige ihrer Familienmitglieder retten konnten, in Deutschland stecken geblieben. Oft aber wurden Sie von dem Geld der „Wiedergutmachung“ angelockt, um in diesem Land der Mörder zu verharren. Es entstanden wieder jüdische Gemeinden in Deutschland. Aber anstatt jüdische Schulen, wie nach ihrem Vorbild in Frankfurt am Main zu errichten, wurde das Gemeindegeld für Chanukka- und Purimbälle ausgegeben. Es wurden auch wieder Synagogen mit viel Geld und Pomp errichtet und eingeweiht. Aber man hat ihre Mahnungen aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr im Ohr gehabt. So entstanden „Kirchen“, die nur am Schabbat und Feiertagen geöffnet haben und nicht Synagogen, in denen sich ein Teil des täglichen jüdischen Lebens abspielt. Es wurde jeder noch so dümmlichen Spielart der religiösen Betätigung freien Raum gelassen, solange man in diesem Zusammenhang das Wort „jüdisch“ irgendwie hineininterpretieren konnte.

Ja, und dann  kamen auch nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ im Jahre 1989 jüdische Zuwanderer aus der Sowjetunion nach Europa und Israel. Das Einzige was sie meistens mit dem Judentum verband, war ein „J“ im Ausweis. Durch dieses „J“ im Ausweis, waren Sie den anderen Bürgern der Sowjetunion nicht gleichgestellt, was zu sehr, sehr vielen Benachteiligungen im täglichen Leben führte. Die Älteren unter ihnen hatten noch eine ungefähre Vorstellung vom Judentum, aber es war ihnen nicht möglich, das Judentum in diesen Ländern zu praktizieren noch es ihren Kindern weiterzugeben.

Als diese „Verlorenen“ zu uns kamen bot sich wiederum eine Gelegenheit Juden das Judentum näherzubringen. Das neben sozialen und sprachlichen Angeboten auch Kurse in „Jüdischkeit“, Thorakenntnis, „Jüdisches Leben allgemein“ hätten angeboten werden können, hatte niemand der Gemeindeführer in Israel noch in Deutschland im Sinn. So kam es wie es kommen musste.

Für die meisten Juden ist das Judentum nach wie vor ein „Buch mit 7 Siegeln“. Sie empfinden das Judentum als veraltet, nicht zeitgemäß, überholt. – Aber das kennen Sie ja zur Genüge selbst. –  Nur wenn es darum geht finanzielle Vorteile aus seiner jüdischen Abstammung zu ziehen, erinnert man sich gerne daran, dass man eine jüdische Mutter, einen religiösen Verwandten, oder doch schon hin und wieder eine Synagoge besucht hat.

Sehr verehrter Herr Rabbiner Hirsch, er nähert sich das Jahr 5782. Bald werden wir den Weckruf des Schofars wieder hören. Und die Synagogen füllen sich mit den „Restlichen des Judentums“ hier in Deutschland. Da gedenke ich ihres Monatsblattes zum Tischri 5616:

Thekia ruft:

„Hör‘ mein Volk — Ich mahne dich! Israel, wirst du auf Mich hören?
Nicht sei in dir unheiliger Gott, nicht wirf dich hin dem Gott des Fremden —
Ich sei, Ich dein Gott, der aus Mizrajims Land dich hob —
Dann stelle weit deinen Wunsch — ich erfüll‘ ihn ganz!“

Aber Therua klagt:

„Aber mein Volk — hörte meiner Stimme nicht
Und Israel — fügte mir sich nicht,
Da ließ Ich es fort im Dünkel ihres Herzens,
Mögen sie einmal gehen in ihren selbst geschaffenen Plänen“ —

dennoch ruft Thekia wieder:

„O, möcht‘ mein Volk auch jetzt noch auf mich hören,
Israel mit Ernst in meinen Wegen fortan wandeln
Wie bald beugt‘ Ich ihre Feinde nieder
Hielt über ihre Dränger wieder meine Macht!
Des Göttlichen Feinde würden die Feindschaft ihm verleugnen —
Und auch ihres Glückes Zeit würde ewig dauern.
Und während dieses es das Mark des Weizens mitgenießen ließe
Würd‘ aus dem Fels — mit Honig Ich dich sättigen!“

So verbleibe ich tiefer Zuneigung und den besten Wünschen zum „Neuen Jahr“ ergebenst ihr
Michael Bleiberg

Im Elul 5781

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