Von E.

Leider weiß ich nicht wer E., also der Autor dieses Artikels ist. Der Artikel erschien in der Zeitschrift „Der Israelit“ in zwei Ausgaben. Die erste erschien am 24. Dezember 1879 und die zweite am 31. Dezember 1879. Beide Tage sind für uns Juden keine Feiertage!

Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2473033
und
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2473055

וּמֵעֵת הֻדָּחוּ
וְהָלְכוּ עִמּוֹ קֶרִי
הָיוּ הָלוֹךְ וְחָסוֹר
עַד הַחֹדֶשׁ הָעֲשִׂירִי
אֲבוֹתַי כִּי בָטְחוּ
בְּשֵׁם אֱלֹקֵי צוּרִי
גָּדְלוּ וְהִצְלִיחוּ
וְגַם עָשׂוּ פֶרִי

„Meine Väter, — solange sie vertrauten auf den Namen Gottes, der noch mein Hort ist, waren sie groß und waren glücklich und trugen auch Früchte. Seitdem sie aber abgedrängt wur­den und mit Ihm im Zufall wandelten, wurden sie weniger und weniger, bis zum zehnten Monate.“[1]

Es sind tief ergreifende Gedanken und Em­pfindungen, die den denkenden Juden bewegen, wenn er am zehnten des zehnten Monats fastend das Gedächtnis des Tages begeht, an dem der erste Schritt zur Niederwerfung seines Staates und Volkes geschah.

Keinem anderen Menschenstamm auf weitem Erdenrund ist es vergönnt, die Erinnerung eines Geschehnisses zu feiern, das in so grauer Ver­gangenheit liegt, während seine Bedeutung noch in die neueste Gegenwart hineinragt. Hat sich doch bislang noch kein Volk zu der jüdischen Anschauung erhoben, welche die Tage des Niedergangs ver­zeichnet und ihre Erinnerung alljährlich den spä­testen Enkeln aufs Neue zum Bewusstsein bringt. Ihre Freuden- und Siegestage feierten und feiern die außerjüdischen Kreise und vermeiden es ge­flissentlich die Momente ihres Niedergangs auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu verewigen. Und doch sind die Völker, die nur ihre Siege feierten, untergegangen und das einzige Volk, das das Gedächtnis der einzelnen Stadien seines Nie­dergangs noch nach Jahrtausenden fastend begeht, hat sie alle überlebt. Wer will den Anteil er­messen, den gerade die nationalen Fasttage haben, an der ungetrübten Erhaltung des Judentums und der Judenheit; und den Ernst, der daher ihre gewissenhafte Beachtung noch heute, ja gerade heute von jedem Juden fordert?

Welche große sittliche Tat begeht doch der Jude, der mitten in einer dem Dornen- und Distel- fluch verfallenen Welt, welche die Dransetzung des ganzen Wesens so sehr verlangt, um das nackte Dasein zu fristen, dass der weiseste Sterbliche schon vor fast drei Jahrtausenden alle Arbeit und Sorge im Dienste des — Mundes[2] erblickt, wenn in einer solchen Welt der Jude der Einzige ist, der sich dieser zwingenden Sorge freiwillig entschlägt, sich Fasttage stiftet, um einer Idee voll und ganz sich hingeben zu können! Jeder fastende Jude ist doch ein unwiderstehlicher Protest der realistischen oder gar materialistischen Gesinnung, die ihm seine Feinde insinuieren[3]. Dieser Ernst der Hingebung an eine blasse Idee ist doch so etwas spezifisch Jüdisches, allen außerjüdischen Kreisen so gänzlich Fremdes, dass diese Eigenart, seine re­ligiöse Überzeugung zu bekunden allein, alle ver­wandten Geister und Herzen trotz der räumlichen Zerklüftung verbindet und so unsere Fasttage zu [4] צוֹמוֹת geistigen Sammelpunkten macht.  

Ein Weh durchzuckt alle, alle belebt eine Hoffnung, alle beklagen sie das tränenreiche Schick­sal, das am zehnten des zehnten Monats seinen verhängnisvollen ersten Anfang genommen und an dessen Folgen wir nun schon länger als achtzehn hundert Jahre in einer Zerstreuung und Verken­nung sondergleichen leiden.

Aber indem die Zerstreuten ihrem Schmerz auf eine und dieselbe herzerhebende Weise Aus­druck geben, indem sie fastend die Tage ihres na­tionalen Unglückes begehen, haben sie bereits ein mächtiges geistiges Band um alle Schicksalsgenos­sen geschlungen. Von ihrer Kraft, die sie frei­willig herabmindern, erwarten sie nichts. Sie blicken hoffend zu ihrem himmlischen Vater empor, dem Einzigen, der ihren Schmerz versteht, dass er, wenn er jede Menschenträne trocknet, auch die Schmach von seinem Volke nehmen möge, und harren fastend der Zeit, in welcher die Fasttage des vierten und fünften, des siebenten und zehnten Monats dem Hause Judas Tage der Freude und Wonne werden.

Wie aber im jüdischen Pflichtleben jede äußere Handlung von dem sie erläuternden, lebendigen Worte begleitet ist, so hat auch der sinnige Brauch der Väter Sinn und Bedeutung der einzelnen Fast­tage in wunderbar ergreifenden Worten dargestellt und sie mit dem täglichen Gebete verwoben. Es ist die Anfangsstrophe einer solchen Darstellung, welche wir an die Spitze dieser Zeilen gestellt, weil sie so recht der treue Dolmetsch alles dessen ist, was Geist und Gemüt des fastenden Juden bewegt, wenn er sein und seines Volkes Geschick am zehnten Teweth durchdenkt.

 !אֲבוֹתַי Seiner Väter Gedächtnis ist das Erste, was dreimal täglich in seinem Gebet[5] und beson­ders an diesem Tage über seine Lippen geht. Der Gedanke an ihre Väter macht die spätesten Enkel noch zu Brüdern und schlingt die zarten Bande der Bruderliebe umso inniger um jeden Einzelnen des verlassenen Bruderstammes, je mehr die nicht­jüdische Welt mit ihrer Menschenliebe knickert, und sie gerade den ältesten Priestern der Humanität hartnäckig versagt. Ein Blick auf ihre Väter, deren Geschick und die Art und Weise wie sie es ertrugen, seit noch die spätesten Enkel, gegen alle Unbill und Böswilligkeit, die ihr Schicksal sie auf ihrem Lebenswege finden lässt.

Nicht geringschätzig denkt der Jude von der Vergangenheit seines Volkes und deren Trägern, seinen Vätern. Die Pietät, mit welcher er zu ihnen aufblickt, ist ebenfalls ein spezifisch jüdisches Charakteristikon, das man vergebens in anderen Kreisen suchen dürfte. Seine Ideale liegen in der Vergangenheit und seine Hoffnung, die er an die Zukunft hat, fasst er in die Bitte [6] חַדֵּשׁ יָמֵינוּ כְּקֶדֶם, diese Vergangenheit wieder neu zu beleben.

Sein Abraham, Jizchak und Jacob sind ihm keine mythischen Gestalten, trotz der Jahrtausende, die zwischen ihnen und der Gegenwart liegen. Aus der Geschichte dieser seiner Väter hat er Gottes Waltung kennen gelernt, wie sie sich in dem Leben eines jeden Einzelnen als אֱלֹקֵי אַבְרָהָם א‘ יִצְחָק וֵאלֹקֵי יַעֲקֹב [7] bekundete, wie [8] הָאָבוֹת הֵן הֵן הַמֶּרְכָּבָה das Leben der Väter die greifbarste Offenbarung des göttlichen Eingreifens in menschliche Geschicke zum Ausdruck bringt, weil eben seine Väter jeden Schritt ihres prüfungsreichen Lebens von Gottes Willen beherrschen ließen. Sie vertrauten keiner Zeit und fürchteten keine Zeit, sie fürchteten und vertrauten Gott. Diese unbedingte Unterstellung seines ganzen Lebens, diesen fortgesetzten Gottes­dienst hebt einen Abraham berghoch über das Ni­veau seiner Zeit, lässt einen Jizchak freudig die Isolierung von einer ganzen Umgebung ertragen und in Gottes freier Naturwelt die Anregung zu seinem Gottesdienst finden, lässt einen Jakob sich auf den Kreis seines Hauses beschränken, wenn er Gottes Herrlichkeit schauen und verehren will. (אַבְרָהָם קָרְאוּ הַר,  [9] יִצְחָק שָׂדֶה, יַעֲקֹב בַּיִת).

Wenn wir daher vor unseren himmlischen Vater treten, und betend das Wort [10] אֱלֹוקֵנוּ sich aus unserem Herzen zu ihm emporringt, so ist der [11] א‘ אֲבוֹתֵינוּ, dem wir uns unterstellen, wie es die Väter getan, dem wir damit geloben, dem leuchtenden Beispiel der Väter entsprechend unser ganzes Denken und Empfinden, unser Tun und Lassen huldigend zu Füßen zu legen, und uns dann un­bekümmert um alles andere von seiner fürsorgen­den Liebe tragen zu lassen. Dieser Gedanke macht den א‘ אֲבוֹתֵינוּ jederzeit zu אֱלֹוקֵנוּ. Und wenn wir auch nicht dem Ideal der Väter entsprächen, wenn wir weit ab wären von der sittlichen Höhe, aus der die leuchtenden Gestalten der Ahnen zu uns herniederschauen, gerade das [12] זְכוּת אָבוֹת steht uns bei, zu ringen und zu kämpfen und das Ziel sicher zu erreichen.[13] חַזְדֵי אָבוֹת  וְזוֹכֵר. Jede Liebestat die sie geübt, kommt noch dem spätesten Sprössling zugute, der bloße Aufblick zu ihnen gereicht ihm zum Segen.

Je rauer uns daher die Gegenwart umfängt, je herzloser sie durch ihre Zurückweisung uns an den Ernst und die Bedeutung unserer Fasttage erinnert, um so sehnsüchtiger flüchtet sich der Jude zu seinen Vätern, lernt von ihnen hoffen und ver­trauen, und findet auf diesem Weg seinen alten Gott wieder als seinen Hort, als den einzig, festen Punkt unseres dem Wechsel und Wandel unterworfenen Lebens, אֲבוֹתַי כִּי בָטְחוּ בְּשֵׁם אֱלֹקֵי צוּרִי.

So führt der Gedanke an Gott über das Gedächtnis an die Väter, weil wir von ihnen erst Gott kennen und verehren lernen. „Einen Weinstock ließest Du aus Ägypten emporranken.“ (Ps. 89.) „Warum“, erläutert Rabbi Tamchuma im Midrasch, „ist Israel dem Weinstocke ver­glichen?“ Wenn ein Weinstock veredelt werden soll, reißt ihn sein Herr aus seinem Boden und verpflanzt ihn in ein anderes Erdreich, das hat seine Veredlung zu Folge. Dasselbe ist bei Is­rael der Fall. Wie ferner der lebenskräftige Wein­stock sich an abgestorbene Pfähle lehnt, so wird das ewig lebende Israel von seinen Toten, seinen Vätern getragen. So sandte Elijahu am Karmel­berg viele Gebete empor, dass Feuer vom Himmel falle, wie es heißt: Erhöre mich, o Gott, erhöre mich; aber die Erhörung wurde ihm erst als er die Toten erwähnte, und Gott als den Gott Abrahams, Jizchaks und Israels anrief. Da wurde er sofort erhört, da heißt es: das Feuer Gottes fiel herab. Ebenso bei Mosche. Vierzig Tage und vierzig Nächte plädierte er zu Gunsten Israels, als es jene Tat begangen hatte[14] und fand keine Erhörung. Sie wurde ihm erst gewährt, als er der Toten gedachte. Denn erst als er gebetet hatte: Gedenke Abrahams, Jizchaks und Israels, heißt es: und es ließ sich Gott erflehen, sich zu erbarmen. (Schemoth Rabbah 44.)

In einer Zeit wie die unsrige, die das „Hilf Dir selbst“ zu ihrer Devise gemacht hat, den Menschen und die Menschheit auf sich selbst und nur auf sich selber stellen möchte, die Wissenschaft, Fortschritt, Bildung und wie die Schlagwörter alle heißen, fast ausnahmslos nur im Munde führt, in der Wirklichkeit des Lebens sie aber verleugnet oder was vielleicht noch schlimmer ist, sie in den Dienst des raffiniertesten Selbstinteresses stellt, in einer solchen Zeit, in welcher das Vertrauen der Menschen zu den Menschen und zu Gott von Tag zu Tag mehr schwindet, und in dieser Vertrauenslosigkeit, Rat- und Haltlosigkeit das ganze jam­mervolle soziale Elend wurzelt und gipfelt, das uns allenthalben entgegengrinst, in einer solchen Zeit mögen wir Juden es unsern Altvorderen aus der tiefsten Tiefe unseres Herzens danken, dass sie uns Tage der Besinnung und Sammlung gestiftet, und uns dabei in erster Reihe auf unsere Väter verweisen[15]. Diese hatten noch Vertrauen, diese hatten noch einen Hort, der sie trug, weil sie sich gern und freudig von ihm tragen ließen. Und trotz aller Zerfahrenheit, ja gerade in der größten Zerfahrenheit will Er noch unser Hort sein, will Er auch die spätesten Sprösslinge dieser vertrauens­voll seiner Leitung sich hingebenden Väter, gleich­wie auf Adlerflügeln hoch über alle Fahrnisse des Lebens tragen, aber wir wollen uns nicht mehr tragen und leiten lassen. Wir haben das Vertrauen in diese Leitung verloren, weil wir überhaupt die Fä­higkeit zu vertrauen verloren haben. Wohl ahnen selbst diejenigen, die unter dem Fluch eines von Gott abgewandten Lebens leiden, das Glück und den Frieden, der in einem vertrauensvollen Wandel mit Gott liegt, aber sie haben den Mut nicht, sich, ihre Familie, ihren Beruf, ihre Sorgen und Freuden dem Willen des einen Allmächtigen zu unterstellen, sie haben den Mut nicht die Verhältnisse zu brechen, die Fäden zu zerreißen, die sie an ihr ungöttliches Leben knüpfen. Mit der Ahnung eines reinen, ungetrübten Glückes im Her­zen, und mit dem schreienden Weh eines rastlos keuchenden, in ungöttlichen Bahnen sich windenden Lebens, steigern sie noch die Zerfahrenheit, der sie Herr werden wollen.

Da ruft uns der zehnte des zehnten Monats das Gedächtnis der Väter in die Seele, ihre Größe und ihren Fall mit deren Ursachen, und lädt stillschweigend die späten Enkel zur Prüfung ihrer eigenen Lage nach dem untrüglichen Maßstab, den ihnen das Geschick der Väter bietet.

אֲבוֹתַי כִּי בָטְחוּ בְּשֵׁם אֱלֹקֵי צוּרִי גָּדְלוּ וְהִצְלִיחוּ וְגַם עָשׂוּ פֶרִי

„Solange die Väter auf Gott vertrauten, waren sie groß und waren sie glücklich, und trugen auch Früchte!“

Groß und glücklich!

Wie ist doch diese Vereinigung so selten geworden in unserer fortgeschrittenen Zeit, dass der Blick unwillkürlich gefesselt wird, wenn er sie in unserer Selichoth findet!

Für uns bedeutet doch jede Größe einen Ver­zicht, eine mehr oder weniger schmerzvolle Ent­sagung des Glückes. Unsere Staaten erlangen und erhalten ihre Größe durch Waffengewalt, das heißt, indem sie gezwungen sind, in das Lebens­glück ihrer Familien einzugreifen, ihnen die edel­sten, kräftig-sten Träger zu entziehen, um so auf Kosten des Familienglücks die Größe des Staates zu ermöglichen. Nicht anders ist es im kleinen, täglichen Leben. Die Großen, die beneideten Großen wissen es am besten, wie viel Sorge und Entbehrung ihrer Größe anhaftet, auf wie vieles sie verzichten müssen, um groß zu sein, groß zu bleiben, ja oft nur groß zu scheinen. Reichtum und Ehre, Würden und Auszeichnungen können den Menschen groß, aber nicht glücklich machen. Glück­lich ist doch nur derjenige, dem es leichtfällt, auf Anerkennung und Größe zu verzichten, der sich zufrieden fühlt in dem bescheidenen Kreis, in welchem sich sein Leben bewegt; sie vereinen sich nur schwer, die Prädikate: גָּדְלוּ וְהִצְלִיחוּ

Die Riesenfortschritte, die der Menschengeist gemacht hat, haben dem Menschen nur neue schwere Sorgen, aber das Glück nicht gebracht, das unsere Väter neben ihrer Größe aus ihrem Gottvertrauen zu gewinnen verstanden. Ihr Glück war ja nicht ihr Glück, sie konnten sich gar kein Glück denken, das sich nur auf sich beschränkt. Wie sie den Vater aller Güte den [16] טוֹב וּמֵטִיב nannten, so gab’s für sie kein הִצְלִיחוּ ohne לַעֲשׂוֹת פֶּרִי, ohne dieses Glück Früchte tragen und so auch andere an ihrem Glücke teilnehmen zu lassen.

וְגַם עָשׂוּ פֶּרִי Ja, sie haben auch Früchte ge­tragen!

Groß dünkt sich unsere Zeit und schaut verächtlich auf die Alten und ihr Glück nieder, das sie doch nicht einmal zu begreifen, geschweige denn zu erreichen vermag. Sie ist groß und reich an Worten und schönen Phrasen, dagegen so arm an Taten, an wirklich edlen Taten, an Früchten, durch welche man sie erkennen und anerkennen könnte, dass wahrlich die Söhne unserer Zeit keinen vernünftig zu begründenden Anlass haben, gering­schätzig auf die Väter und ihre Zeit herabzu­blicken.

Die Institutionen, Stiftungen, Vermächtnisse und Legate —  [17]דְּבָרִים טוֹבִים nannte man dies alles bescheidener einfacher Weise, weil ihre Stifter noch nicht so leicht mit dem „Worte“ spielten, weil ihnen jedes Wort eine Tat bedeutete, eine gute Tat aber sie nicht mehr als ein gutes Wort kostete — die Anstalten, die aus der Väter Zeit in die Gegenwart reichen, bezeugen doch, wie ihnen am Herzen lag, noch über ihr Grab hinaus die Früchte ihres Glückes denjenigen zu überlassen, die sich daran laben wollen.

Warum werden diese דְּבָרִים טוֹבִים so selten und immer seltener in unserer Zeit? Weil selbst die­jenigen שֶׁגָּדְלוּ וְהִצְלִיחוּ nicht das Bedürfnis empfin­den לַעֲשׂוֹת פְּרִי.

Dagegen hat das zeitgenössische Geschlecht die Keime des Verfalles, die schon in den Tagen der Väter zu Tage getreten waren, in sich aufgenom­men und in so erschreckender Weise bei sich aus­gebildet, dass schon eine zweite Generation für die Wahrheit der Worte eintritt:

וּמֵעֵת הֻדָּחוּ וְהָלְכוּ עִמּוֹ קֶרִי הָיוּ הָלוֹךְ וְחָסוֹר עַד הַחֹדֶשׁ הָעֲשִׂירִי

Abdrängen von dem von Gott gewiesenen Pfad ließen sich ganze Gemeinden mit ihren Füh­rern, gaben dasjenige, was sie vom Judentum übrig behielten, dem Ungefähr und dem Zufall Preis, oder behielten vielmehr vom Judentum nur so viel übrig, als der Zufall eben wollte, rech­neten mit ihrem Judentum nicht als mit einem Faktor, der das ganze Leben gestalten und be­herrschen müsse, sondern ließen sich ihr Leben von ganz anderen Rücksichten und Ansichten bestimmen, und ließen dem Judentum in diesem ihrem Lebens­plan nur so viel Raum, als eben zufällig übrig blieb, kurz: sie gaben ihr ganzes Judentum dem blinden Zufall Preis, und hofften dennoch, ja hofften erst recht, auf diesem Weg, groß zu wer­den und glücklich!

Wie haben sich doch die Bundesbrüchigen verrechnet! Sie haben mit ihrem Hort gebrochen und sich in nichtjüdische Kreise gedrängt, haben eine jüdische Sitte nach der anderen abgestreift um nur nicht mehr als Juden erkannt und zurück­gewiesen zu werden. Was haben Sie erreicht?

הָיוּ הָלוֹךְ וְחָסוֹר, sie sind noch verächtlicher in den Augen ihrer Verächter geworden und mussten es werden. Warum sollen die Scheelsucht[18] und der Hass das Judentum achten, wenn ihm seine eigenen Söhne verächtlich den Rücken kehren? Sie haben geglaubt mit dem Judentum auch aller Vorurteile ledig zu sein, unter denen der Jude zu leiden hat, und haben nun ihr Judentum eingebüßt, aber die Vorurteile sind geblieben.

Sollten diesen wirklich Bemitleidenswerten die neueste Judenhetze nicht die Binde von den Augen reißen, und sie lehren, dass auf diesem Weg ihnen kein Heil erblühe?

Aber von den Fahnenflüchtigen abgesehen, es tut uns alle Not, uns zu sammeln und zu be­sinnen. Es gibt hierzu aber keine geeignetere In­stitution als die Fasttage und die Gedanken, welche sie in jeder empfindenden jüdischen Brust wecken.

Der zehnte Teweth ist der erste in diesem ernsten Zyklus. Möge seine Bedeutung uns so erfassen, dass dem Niedergang Israels, den er uns in die Seele ruft, endlich wieder der Aufschwung folgen könne, so dass mit dem חֹדֶשׁ הָעֲשִׂירִי das הָלוֹךְ וְחָסוֹר  sein Ende erreiche.


[1] So beginnt eins der Selichot-Gebete für den 10. Tischri

[2] Des Broterwerbs

[3] unterstellen

[4] Siehe hierzu auch die Erklärung von Rabbiner Hirsch zu צוֹם im vorherigen Artikel S. 8: sich sammeln, sich in sich zusammenziehen, sich auf sich beschränken

[5] Schmone Esre

[6] Erneuere unsere Tage wie ehedem

[7] Gott Abrahams, Gott Jizchaks und Gott Jakobs

[8] Die Patriachen sind der göttliche Wagen

[9] Siehe Raschi zu Genesis 28:17

[10] Unser Gott

[11] Gott unserer Väter

[12] Der Verdienst unserer Väter

[13] Und Er gedenkt der Verdienste der Väter

[14] Den Tanz um das goldene Kalb

[15] Kaum zu glauben, dass diese Zeilen vor fast 150 Jahren geschrieben wurden!!!

[16] Der Gute, der Gutes vergütet

[17] Gute Taten

[18] Neid und Missgunst

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