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	<title>Kinderecke Archive | Hirschinitiative e.V.</title>
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	<description>Rabbiner S. R. Hirsch Plattform zur Wiederbelebung des orthodoxen deutschen Judentums</description>
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	<title>Kinderecke Archive | Hirschinitiative e.V.</title>
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		<title>Kinderecke Elul 5786</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 08:49:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Lehre zur rechten Zeit. Von Heinrich Einstädter. Diese Kinderecke erschien als Feuilleton-Beilage in der Zeitschrift „Der Israelit“ am 22.09.1921. Der Autor, Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-elul-5786/">Kinderecke Elul 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Lehre zur rechten Zeit.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Von Heinrich Einstädter.</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diese Kinderecke erschien als Feuilleton-Beilage in der Zeitschrift „Der Israelit“ am 22.09.1921.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Autor, Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter Verlagen wie Kauffmann oder Sänger &amp; Friedberg.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Darüber hinaus verfasste er regelmäßig pädagogische und religiöse Beiträge für jüdische Zeitschriften und Periodika, wie etwa Essays zur Gestaltung von jüdischen Feiertagen und Trauertagen (z. B. über die jüdische Trauerzeit im Monat Aw) im familiären Umfeld.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Nach 1935 verliert sich seine Spur in den öffentlich zugänglichen Publikationsorganen. Mit dem Schulbesuchsverbot für jüdische Kinder im Juni 1942 und der systematischen Schließung und Liquidierung aller jüdischen Schulen und Verlage durch die Nationalsozialisten endete auch das gedruckte Erbe seiner pädagogischen Arbeit in Deutschland.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526408">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526408</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bankier Hamm genießt mit seiner Familie die schönen Augusttage in einem Badeort. Da keiner seiner Angehörigen krank und kurbedürftig ist, sind sie in der Lage, fast ihre volle Zeit zum Aufenthalt im Freien zu verwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An einem Nachmittag wandern sie nach einem der vielen reizvollen Ausflugsorte, die das Bad um­geben. Hamm, der während des ganzen Jahres von seinem Geschäft so in Anspruch genommen wird, dass er sich seiner Familie nur recht wenig widmen kann, benutzt die Wochen der Erholung gern dazu, im engen Verkehr mit seinen Kindern das nachzuholen, was er nur ungern versäumt hat. Er plaudert munter mit ihnen, beteiligt sich an manchem ihrer fröhlichen Spiele, beantwortet ohne Ungeduld ihre zahlreichen Fragen und freut sich, Gelegenheit zu haben, ihre Eigenarten, ihre Wünsche und ihre Fähigkeiten kennen zu lernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber manches, was er an ihnen beobachtet, muss er bemängeln. Seine Kinder sprechen viel zu oft vom lieben Gott! Von ihm glauben sie, dass er ihnen alles Gute schickt. Ihm vertrauen sie, dass er sie und alle braven Menschen in seinen Schutz nimmt. Alle ihre kindlichen Hoffnungen und Befürchtungen bringen sie in Verbindung mit Gott.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das haben sie sicher von der Mutter und aus der Schule&#8220;, denkt Hamm, und er nimmt sich vor, bei er ersten Gelegenheit dem Einhalt zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er erinnert sich noch der Armut, unter der er in seiner Jugend gelitten, und wie er sich mit Fleiß und zäher Ausdauer aus ihr emporgerungen hat. „Was ich bin, das bin ich durch mich selbst geworden&#8220;, spricht er, „und meine Kinder sollen auch lernen, sich nur auf ihre eigene Kraft zu verlassen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Sinne spricht Hamm mit seiner Frau und dem Kinderfräulein, als sie an einem Nachmittag im Garten einer feinen Wirtschaft am Kaffeetisch sitzen. Der Garten liegt auf einer Anhöhe. Man überblickt von ihm aus einen hübschen Wiesengrund, den die Eisenbahn durchzieht, und über diesem hinweg sanft aufsteigende Höhen, die von schattigen Wal­dungen bekleidet und von einem stolzen Schloss ge­krönt werden. Die Kinder ergötzen sich an der Schaukel, die nebst einigen Turngeräten in einer Ecke des weitläufigen Gartens angebracht ist, indes die Er­wachsenen an einem der Tische ernste Aussprache pflegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Hamm ist unangenehm berührt von dem, was ihr Gatte äußert. Sie gehört ja nicht zu jenen Menschen, die am liebsten müßig in den Tag leben und Gott alles überlassen wollen. Nein, sie selbst nimmt ihre Pflichten sehr ernst und besitze auch große Achtung vor der geschäftlichen Tüchtigkeit und dem unermüdlichen Fleiß ihres Mannes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß&#8220;, spricht sie langsam, „dass man sich auf Wunder nicht verlassen darf. Aber ich bin davon überzeugt, dass täglich welche geschehen. Nicht auf na­türliche Weise können wir uns erhalten und mannig­fachen Gefahren entgehen, die unser Leben stets be­drohen. Das habe ich schon so oft erfahren. Man scheut sich, darüber zu sprechen. Aber meinen Kindern möchte ich gern das Gottvertrauen weitergeben, das ich daraus geschöpft habe.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hamm hat aufmerksam seiner Gattin zugehört. Seine Tätigkeit hat ihm bisher noch Zeit gelassen, die Vorkommnisse des Lebens nach dieser Seite hin zu prüfen. Ernst und sinnend schickt er seinen Blick in die Weite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch plötzlich springt er empor. Seine Augen schei­nen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Ein Zittern läuft durch seinen ganzen Körper. Erschreckt folgen die andern seinem Blick. Ein Schrei entflieht ihrem Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort unten jagt ihr kleiner Paul einem Schmetter­ling nach und will ihm über das Bahngeleise folgen, ohne zu bemerken, dass soeben der Eisenbahnzug naht. Er achtet nicht der Rufe oder hört sie nicht. Nur ein paar Meter trennen ihn noch von den Schienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sieh! Ein Stein liegt ihm im Weg. Er schaut nur auf den Schmetterling und fällt. Bevor er sich wieder erhoben hat, ist der Zug an ihm vorbeigebraust.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weinend kehrt er zurück. Seine Eltern kommen ihm schon entgegen und umarmen ihn unter Tränen. Staunend schaut das Kind, das die Gefahr gar nicht begriffen hat, von einem zum anderen, und sagt endlich:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, so weh hat&#8217;s gar nicht getan.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber hast du denn nicht gesehen, dass du fast überfahren worden wärst? Wir haben Todesangst ausgestanden!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da lächelt der Knabe:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Habt ihr denn gar nicht an den lieben Gott ge­dacht?&#8220;</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die alte Tefilloh<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a>.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Aus Hermann Schwabs „Kinderträume“</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die „Kinderträume“ von Hermann Schwab erschienen 1911. Die Kurzbiografie von Hermann Schwab habe ich dieser Erzählung angehängt.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/pagetext/4689961">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/pagetext/4689961</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mutter, sieh &#8218;mal die alte Tefilloh<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>“, rief der kleine Max, „sieh &#8218;mal, wie verstaubt und zerrissen sie ist; auf der Bodenkammer, unter altem Gerümpel, habe ich sie gefunden; wem mag die wohl schon gehört haben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Küsse sie doch,&#8220; sagte die Mutter; „denn es schmerzt sie, wenn sie gefallen, gerade wie dich; und wie dein Schmerz vorbei ist, wenn ich dich küsse, so ist’s auch mit dem ihren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da küsste Max in scheuer Ehrfurcht die alte Tefilloh, und plötzlich — er er­schrak und fuhr bestürzt zurück — begannen die zerfetzten Blätter eigen­tümlich zu rascheln, zu flüstern und schließlich zu sprechen. Müde und traurig kamen die Worte aus den Blättern hervor; zuerst ganz leise und langsam, dann laut und deutlich und schließlich beinahe froh! Es war, als ob ein Mensch, der lange hatte schweigen müssen, endlich einen anderen Menschen trifft, dem er von sich und seinem Weh erzählen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ungefähr so mag die alte Tefilloh gesprochen haben: „Mein liebes Kind! Seit vielen Jahren lag ich vergessen und allein in der dunklen Kammer; niemand dachte noch meiner, und wenn Du mich nicht gefunden hättest, wer weiß, ob ich jemals wieder ans Tages­licht gekommen wäre; und dabei sehn­te ich mich doch so sehr nach dem Sonnenschein am Himmel und den strahlenden Kinderaugen auf der Erde. Und weil Du Dich meiner liebevoll an­nahmst, und weil Du mich küsstest, trotz meines hässlichen Aussehens, drum will ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir von meinem Lehen erzählen; Du sollst alles wissen, bis zu dem Tage, da mich lieblose Hände in die Trödelkammer brachten und man meiner vergaß.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tefilloh hielt einen Augenblick im Sprechen inne, als ob sie sich besinnen wollte; dann begann sie mit ihrer Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es mögen wohl fünfzig Jahre her sein, dass ich in einer kleinen Druckerei entstanden bin; ich kam allein aus der Presse und freute mich meines schönen schwarzen Druckes, der sich von dem weißen glänzenden Papier so deutlich abhob; und als ich noch einen Einband aus rotem Plüsch mit silberbeschlagenen Ecken bekam, fing ich an, beinahe stolz zu werden. Meine Kameraden, die kein so prächtiges Kleid bekamen, beneideten mich, aber nur im Stillen; mir selbst machten sie Komplimente und erzählten mir immer aufs Neue wie schön ich sei. In der Werkstatt gab es mancherlei Bücher, große und kleine und auch ganz große, vor denen wir Kleinen uns fast fürchteten, denn die waren nicht allein groß, sondern auch klug. Sie sprachen sehr wenig mit uns, und wir waren stets froh, wenn wir aus ihrer Nähe kamen. Ich sollte nicht lange bei ihnen bleiben; ein Bräutigam mit lachendem Mund und strahlenden Augen kaufte mich nach ein paar Tagen und brachte mich seiner Braut, einem schönen Mädchen mit blauen Augen. „Vielen, vielen Dank“, sagte sie und bewunderte mich von allen Seiten: den Einband, das Papier mit dem goldenen Schnitt, den Druck und dann die silbernen Ecken; aber sie spiegelte sich nicht darin, wie die ande­ren alle, denn sie wusste, dass sie schön sei, und der Spiegel brauchte es ihr nicht zu sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am anderen Tage war die Hochzeit, und vor der Trauung betete die Braut in mir; ich wurde sehr ernst gestimmt, und als die blauen Augen sich mit Trä­nen füllen wollten, da hatte auch ich beinahe zu weinen begonnen. — Dann kam die Trauung und das Hochzeitsmahl, und alles sah und hörte ich. Das waren schöne Stunden, die ich nie ver­gessen werde. Bei der Tafel gab es Musik, es wurden Reden gehalten und Lieder gesungen, und der ganze Saal erglänzte im Schein unzähliger Lichter. Die Gläser klangen zusammen, so hell wie kleine Silberglöckchen, und man stieß mit ihnen an auf das Wohl des Brautpaares.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich aus der dunklen Kiste, in der man mich nach der Hochzeit ein­gepackt hatte, wieder ans Tageslicht kam, fand ich mich in einem schönen Zimmer. Ich erhielt einen Ehrenplatz im Bücherschrank, und wenn Gäste kamen, wurde ich häufig hervorgeholt und gezeigt. Dreimal des Tages nahm mich die junge Frau zur Hand und nach kurzer Zeit wusste ich schon, was sie beten wollte und schlug ihr die Stelle auf; und dann freute sie sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Wochen und Monate waren vergangen, als es im stillen Hause lebendig ward. Ein kleiner Knabe war angekommen. Er ward größer und grösser, ich sah wie er sprechen und gehen lernte, wie er lachte und spielte, und wie glücklich seine Eltern mit ihm waren. Als er sechs Jahre alt war, lernte er lesen; wenn es zuerst auch langsam ging, in kurzer Zeit wurden aus den Buchstaben Worte, aus den Worten Sätze, und schließlich konnte er es. Außer ihm waren noch zwei Knaben und ein Mädchen zu uns gekommen, die fröhlich im Hause herumtollten; es waren gute Kinder, aber von mir bekamen sie nichts zu sehen, denn meine schöne Samthülle hatte im Laufe der Jahre schon sehr gelitten, und die Mutter wollte mich gern schonen. So führte ich ein stilles Leben, und ich muss gestehen, dass mir das auf die Dauer nicht behagte. Ich dachte oft daran, dass doch jeder im Leben Freunde und Genossen findet, während ich allein stand, wie alle Großen, die höher gestellt sind als ihre Brüder. Ja, es gab Stunden, in denen ich meine geringen Kollegen benei­dete; die standen mitten im Leben, wurden zur Schule und zum Gottes­haus hinausgetragen, lernten Welt und Menschen kennen, während ich zu Hause bleiben musste. Aber dann freute ich mich wieder des Vertrauens und der Freundschaft, die man mir schenkte, denn auf der Rückseite meines Titel­blattes hatte die Hausfrau all das auf­geschrieben, was ihr das Wichtigste im Leben war. Da standen die Geburtstage ihrer vier Kinder; da stand auch der Geburts- und Todestag eines fünften Kindes, das nur wenige Jahre alt ge­worden war. Es hatte blonde Haare und blaue Augen gehabt, wie die Mutter, und der liebe Gott hatte es zu sich ge­nommen, ein Engel im Himmel zu wer­den. Da standen ferner die Sterbetage ihrer Eltern, da stand ihr Hochzeitstag und der ihrer Geschwister und manch anderes, was ich inzwischen vergessen habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So blieb ich ruhig in meinem Schrank, bis mein eintöniges Leben eines Tages unterbrochen werden sollte. Ich kam zu einem Buchbinder, um mein schönes Aus­sehen von Neuem zu erhalten, und machte unter dem Arm des kleinen Martin — das war der Name des klein­sten Jungen im Hause — einen großen Weg durch die Straßen der Stadt. Der Buchbinder war ein roher Mann, der mich nicht so sanft anfasste, wie ich es gewohnt war; er riss mir den Samteinband mit den Silberbeschlägen und das Titelblatt ab, bestrich mich mit hässlich riechendem Kleister und legte mich zum Trocknen unter eine Presse. Da lag ich nun zusammen mit manchem Kollegen und langweilte mich; die Presse drückte mich fürchterlich, so dass mir schon nach wenigen Stunden angst und bange wurde. Einen Tag und eine Nacht mochte ich wohl so zugebracht haben, als mich der Buchbinder von meinen Qualen befreite, und daran ging, mich wieder einzubinden. Jedoch, was musste ich erleben! Entweder hatte er meine vornehme Herkunft vergessen, oder er verwechselte mich mit einer anderen Tefilloh, denn ich bekam weder meinen alten Einband noch mein Titelblatt zu­rück, sondern wurde in gewöhnliche Pappe gesteckt, wie alle anderen. Ich raschelte unwillig mit meinen Blättern, ich schlug die Seiten um, die er gerade haben wollte, ich entzog mich immer wieder seinen Fingern, aber es nützte alles nichts. Er hielt mich eisenfest und legte mich nochmals unter die Presse, sodass ich mich nicht rühren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und nun kam das Schlimmste! Ich blinzelte unter der Presse hervor und musste mit ansehen, wie der Meister eine ganz fremde Tefilloh in meinen alten Einband hineinpasste, und ich glaubte damals, dass dies die größte Enttäuschung sei, die mir das Leben jemals bringen könne. Aber ändern konnte ich nichts daran, und musste schweigen; auch dann als nach einigen Tagen unser kleiner Martin in die Werkstatt des Buchbinders kam, um mich abzuholen. Wie aber nun der Meister die fremde Teffilloh in mei­nen alten Einband für den kleinen Jun­gen einzupacken begann, da konnte ich nicht länger an mich halten, und sprang mit Gepolter von dem Büchergestell auf die Erde herab. „Oh“, sagte der kleine Martin, „da ist ja eine Teffilloh gefallen“ hob mich auf und küsste mich. Der liebe kleine Kerl, wie hatte ich ihn so gern, und wie wohl tat mir sein Kuss. Es war ein Abschiedskuss wie ihn sich Freunde geben, wenn sie auseinander gehen, und ich wusste ja, dass ich ihn nie wieder­sehen würde. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich nun mehrere Wochen auf meinem Regal stand, ging mit mir eine große und heilsame Ver­änderung vor. Ich hatte Zeit, über mich nachzudenken, und da merkte ich, dass ich eigentlich recht hochmütig und albern sei; bis jetzt hatte ich nur auf mein schönes Kleid geachtet und hatte nie daran gedacht, dass dies Kleid doch nichts, als die Hülle sei, in der so viel des Schönen und Guten verborgen läge. Und als ich mir darüber klar geworden, da hatte die Sehnsucht nach meiner früheren Schönheit ein Ende; ja, ich freute mich jetzt, dass ich in die Werk­statt des Buchbinders gekommen war, und versprach es mir, von nun an ver­ständiger und besser zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Meister hatte mich zum Ver­kauf ausgelegt, und eines Tages kam ein herumziehender Hausierer vorüber, der mich für billiges Geld erstand. Mein neuer Herr war ein armer Mann; wie ich bald beobachten konnte, war er die ganze Woche unterwegs, um seine Waren zu verkaufen, und nur am Schabbos<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> zu Hause. Er wanderte von einem Dorf zum anderen; mochte die Sonne noch so heiß herunterbrennen, oder ein weißes Schneetuch alles be­decken, oder der Regen in Strömen herabgießen, er zog munter weiter. Ich lag zuoberst in seinem Korb, den er stets auf dem Rücken trug, und dieser Rücken tat mir leid, denn er war krumm geworden von dem schweren Packen, den er schleppen musste. Des Hausierers Mühe war groß. Ich war Zeuge von den vielen Widerwärtigkeiten, die ihm sein Beruf brachte; ich hörte mit Mitleid, wie die Leute ihn ver­spotteten und ihm auf der Straße „Jud“ nachriefen, aber er ließ sich nicht entmutigen. Wusste er doch, dass man ihm mit diesem Namen eine große Ehre antat, und dass die Geschichte seines Volkes die älteste und wunder­barste aller Völker sei. —Auf unseren Wanderungen lernte ich Welt und Men­schen kennen und sammelte manche Erfahrung. Ich kam in die Gesellschaft guter und böser Leute; ich hörte kluge Menschen sprechen und törichte, und ich lernte von beiden: von den Klugen, was man zu sagen habe, und von den Dummen, was man ver­schweigen soll. Weichherzige und harte Menschen sah ich, Geizhälse und Ver­schwender, und ich sah, dass so viele nur an sich und ihr eigenes Wohl dachten, aber ich traf auch Menschen mit großen und guten Herzen, die stets für andere sorgten und erst zu­letzt für sich. Ja, das waren meine Wanderjahre, an die ich gern denke, obgleich sie beschwerlich und mühevoll waren. Ein jeder muss wandern, in der Welt sich umschauen, und Menschen und Dinge kennen lernen und das, was ihm Not tut. — Wie ich bereits er­zählte, kam mein Herr an jedem Schabbos von der Wanderschaft zurück, und da sah ich auch sein Heim, seine Frau und seine Kinder. Es war ein bescheidenes Heim, aber dennoch, die Freitagabende und besonders die der Wintermonate werde ich nimmer vergessen. Im kleinen Wohnzimmer stand dann der Tisch mit weißem Linnen bedeckt; es war nicht aus der besten Leinwand gefertigt, aber es glänzte von Sauber­keit und spiegelte beinahe den hellen Schein der siebenarmigen Schabboslampe wider, die von der niederen Decke herabhing. Die alte Wanduhr tickte leise, im kleinen Ofen brannte ein behagliches Feuer, und der Frost malte Eisblumen an die Fenster. Es war so still und friedlich in dem kleinen Zimmer, und die Augen des Hausierers und seiner Frau leuchteten. Wenn die bescheidene Mahlzeit vorüber war, dann wurde ich von einem der Kinder herbei­geholt, und dann sangen sie alle die Smiraus<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>, die am Freitagabend den Schabbos begrüßen; der Schabbos ist ja der Freund des Menschen; er kommt ungerufen zu ihnen; die Freude bringt er mit sich, und Sorgen und Leid schwinden, wenn er ins Zimmer tritt. — Es war ein merkwürdiger Gesang, den ich an jedem Freitagabend zu hören bekam: der Eltern Stimmen, die voll und tief waren, vermischten sich mit den dünnen Kinderstimmchen; oft sang der eine höher als der andere oder schneller, oder nicht im Takt, aber trotz alledem hatte ich meine helle Freude an ihrem Singen; es lag so viel Liebe und Vertrauen zu Gott und so viel Freude an seinem Schabbos darin, dass ich das unmelodische Singen bald überhörte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tefilloh hatte bei diesen Worten plötzlich zu sprechen aufgehört; die alten Erinnerungen schienen sie übermannt zu haben, und durch die zer­rissenen Blätter ging es wie ein leises Seufzen; langsam sprach sie weiter:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich mochte wohl eine Reihe von Jahren in dem Besitz des Hausierers gewesen sein, als in meinem Leben wiederum ein Wechsel eintrat. Es war in tiefem Winter, und wir hatten am späten Abend in einer Herberge Quartier erhalten. Trotz der vorgerückten Stunde herrschte dort noch reges Leben, denn gleich uns, suchten viele hier Unterkunft vor der grimmigen Kälte. Wie an jedem Abend sprach mein Herr auch dieses Mal sogleich nach seiner An­kunft das Mariwgebet<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>, vergaß aber dann, mich wie stets in seinen Packen zu tun, sondern legte mich neben diesen. Und als er am anderen Morgen noch in tiefer Dunkelheit wieder aufbrach, dachte er nicht meiner und ließ mich liegen. Bei dem matten Schein eines Öllichtes sah ich, wie der krumme Rücken sich ächzend noch tiefer neigte, die gewohnte Last zu empfangen, und wie die abgearbeitete Hand sich hob, die Mesusoh<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> zu berühren; dann schlug die Tür krachend hinter ihm zu, und sein Schritt, der den frisch gefallenen Schnee knirschen machte, war nach wenigen Minuten nicht mehr zu hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So hatte ich auch meinen zweiten Herrn verloren, aber ans Verzweifeln dachte ich drum doch nicht. Die Tor­heiten meiner Kinderjahre hatte ich völlig abgelegt, und erwartete getrost den Morgen und das, was er bringen würde. — Nach kurzer Zeit wurde es im Gasthaus lebendig; der Tag war angebrochen, und die Leute zogen mit ihren Bündeln wieder fort bis auf einen, der es nicht eilig zu haben schien. Er ging gemächlich in der Gaststube auf und nieder, beschaute sich dies und jenes, und so kam er auch zu mir, die ich ganz verlassen auf einer Bank im Winkel lag. „Dich hat gewiss einer verloren,“ meinte er, „und ich könnte dich gerade jetzt so gut für meinen Jungen gebrauchen“. Darauf ging er aus dem Zimmer, um bald mit dem Wirt zurückzukommen, der ihm ver­sicherte, dass die Tefilloh nicht ins Haus gehöre, und dass er sie mit sich nehmen könne, wenn sie niemand zurückverlange. So blieb ich noch einige Tage in der Gaststube, und da mein Herr nicht mehr nach mir gefragt hatte, gehörte ich dem Finder, der mich in seiner tiefen Manteltasche vergnügt nach Hause brachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort gab er mich seinem kleinen Sohn, einem jungen von etwa sechs Jahren, der mit mir zur Schule ging und lesen und übersetzen lernte; so kam ich in meinem Alter noch in die Schule. Das Schulzimmer war ziemlich groß, und auf niedrigen Bänken saßen viele Kinder, während der Lehrer einen erhöhten Platz hatte. Er war noch ein junger Mann, der zu den Kindern sehr gut und freundlich war, und diese hatten ihn auch bald liebgewonnen. Der kleine Theodor, auf dessen Pult ich lag, war ein aufmerksamer und braver Schüler; was er in der Schule lernte, nahm er zu Hause nochmals genau durch, und wenn man am an­deren Tag das gestern gelernte wieder­holte, so konnte der Lehrer sicher sein, dass Theodor die Prüfung am besten bestehen würde. Mir machte der Eifer des kleinen Jungen jedes Mal eine große Freude, und ich hätte mich sicherlich noch mehr gefreut, wenn ich nicht zu meinem Schrecken gemerkt hätte, dass mein schon recht gebrechlicher Körper dem Lerneifer des lieben Jungen nicht gewachsen war. Meine Blätter fingen an alt und brüchig zu werden, und als Theodors Vater dies eines Tages ent­deckte, da gab er ihm eine andere Tefilloh und behielt mich, denn er meinte mit Recht, ich könne dies Leben nicht mehr lange ertragen. Er reparierte mich not­dürftig und brachte mich dann in die Synagoge, wo ich bei anderen Tefillaus<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> einen Platz in seinem Pult fand<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>. Viele Jahre habe ich da zugebracht. Mein Besitzer kam nicht jeden Tag zur Synagoge, denn er war ja im Laufe der Woche verreist, und nur an Freitagabenden und am Schabbos nahm er mich zur Hand. Er betete stets, aber wie ich bald bemerken konnte, mit wenig Andacht. Das Gebet kam bei­nahe gewohnheitsmäßig über seine Lippen, und ich muss gestehen, dass ich mich eigentlich gekränkt fühlte. Ich wusste doch, dass die Menschen in der Tefilloh für jede Stunde das richtige Wort finden können, und es tat mir leid, dass mein Herr es nicht zu wissen schien. Denn die Tefilloh soll den Men­schen zu jeder Zeit begleiten und auf seine Fragen Antwort geben; Freude und Leid versteht sie, sie kennt das Menschenherz mit seinen Wünschen und Hoffnungen, mit seinem Glück und seinem Kummer, und keiner ist je be­drückt zu ihr gekommen, ohne dass sie ihn getröstet hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich fügte mich bald darein und wunderte mich nur, dass nach nicht allzu langer Zeit mein Besitzer immer seltener zur Synagoge kam, bis er ganz fortblieb, und als ich eines Tages wieder aus dem Pult genommen wurde, da sah ich mich in der Hand meines jungen Freundes Theodor. Er machte ein trauriges Gesicht und schlug das Kaddisch-Gebet<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a> auf, und da wusste ich, dass ich meinen Herrn nie mehr wieder­sehen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der arme Junge trat mit mir vor die Stufen des Oraun-Hakaudesch<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a> und sagte Kaddisch. Seine Stimme klang leise und traurig, und als er geendet, ging er mit unsicheren Schritten auf seinen Platz zurück. An diesen Kaddisch muss ich immer noch denken; ein Gebet für die Toten und doch in ihm kein Wort von Tod und Trauer, sondern nur von dem Ruhm des Schöpfers. Und das ist eben das Schöne an ihm: Gott gibt dem Men­schen das Leben und nimmt es ihm, und der Mensch geht von dannen, wenn sein Herr ihn ruft. Und wenn ein Vater gestorben ist und eine Mutter, dann tritt der Sohn in seinem Schmerze vor die Gemeinde und preist den Schöpfer, der es gut meint mit seinen Menschen im Nehmen und Geben, er spricht es aus, und die Gemeinde spricht ihr Omen<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a>, und der Vater oder die Mutter droben freuen sich ihres Kindes. — Theodor kam alle Tage zur Synagoge, aber mit Erstaunen sah ich, dass er das Pult, in dem ich lag, nach und nach zu leeren begann. Es hatten darin Tefillaus und Chumoschim und Machsaurim<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a> gele­gen und zwischen ihnen ein alter Tallis<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a>; den größten Teil nahm er mit sich und ließ nur mich und ein paar alte Tefillaus zurück. Eines nachmittags, es war im Sommer, und man ging erst am späten Nachmittag zu Minchoh<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a>, hörte ich, wie er sich bei seinen Nachbarn verabschie­dete; von einer Reise nach Amerika sprachen sie, und ich horchte auf, um kein Wort des Gesprächs zu verlieren. Ich freute mich schon auf die Abwechs­lung, die mir bevorstand, denn ich hatte das Meer noch nie gesehen und nur gehört, wie groß und mächtig es sei. Aber meine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Kaddisch<a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a> hielt mich Theodor noch eine kleine Weile in der Hand; er durchblätterte meine Seiten, seine Finger strichen liebkosend über das Papier und er sagte: Ja, du liebe Tefilloh, du bist alt geworden, und ich kann dich nicht mitnehmen; in dir habe ich lesen gelernt, in dir Vater Kaddisch nachgesagt, leb’ wohl! magst du hierbleiben, und mancher wird noch in dir beten können.“ Ich fühlte seine Lippen die mich küssten; dann legte er mich in das Pult und ging eilends davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeit verging, niemand kümmerte sich um mich, bis der Pultdeckel eines Tages geöffnet wurde, und ein fremdes Gesicht über ihm erschien. Es war ein junger Mann, den ich noch niemals gese­hen hatte, denn der Platz war in andere Hände gekommen<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a>. Es war Erew Jom­kippur<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>, und mein neuer Besitzer war ausnahmsweise zur Synagoge gekommen. Ich schien ihm sehr zu missfallen, denn er nahm mich mit zwei Fingern — als ob er mich anzufassen scheute — aus dem Pulte heraus und verglich mich mit einem neuen Machsor in Goldschnitt, das er in der Hand hielt. Das sah freilich schöner aus. Dann brachte er mich dem Schammes<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a>, der mich erstaunt betrachtete. „Behalten Sie sie nur,“ sagte er, und „die hat Theodor gewiss vergessen,“ meinte er für sich. Ich wusste es besser; ich wusste, dass er mich nicht vergessen hatte, und dass er gehofft, ich würde gute Menschen finden, die sich meiner annähmen; aber er hatte sich geirrt; ich war alt und hässlich geworden, und es ist einmal der Welten Lauf, was alt und hässlich geworden ist, muss fortgehen, um dem Jungen und Schönen Platz zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Synagoge zu Ende war, wickelte mich der junge Mann in eine Zeitung, und zu Hause ließ er mich in eine Bodenkammer bringen; „ich brauche sie doch nicht,“ sagte er, „und dann ist sie auch furchtbar schmutzig.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Synagoge rüsteten sie sich, den Jomkippur zu empfangen, und ich lag verlassen in einem staubigen Win­kel. Wie hässlich hatte man an mir gehandelt, und wer weiß, was dem jungen Mann einstmals eine Tefilloh bedeutet hatte, wie er sie liebevoll geküsst, und wie er sich gefreut, in ihr beten zu können, und nun heute! es muss schon Jomkippur sein, wenn er zur Synagoge kommt, und eine alte Tefilloh lässt er zum Gerümpel legen; und es tat mir weh; nicht allein um meinetwillen, son­dern auch für ihn, der mit den Kinder­kleidern auch die Treue für die ewigen Gesetze seines Volkes abgelegt hatte, und heute war doch Jomkippur, und in der Synagoge standen sie in Sterbe­kleidern<a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a> und beteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lange lag ich in der finsteren Ecke, bis ich eines Tages von rohen Fäusten mit schmutzigem Trödlerkram zusam­men eingepackt wurde, um in eine andere Kammer geworfen zu werden. Ich war von dem Fall betäubt, und nur langsam kam ich wieder zu mir. In der Kammer war es still und nur selten hörte ich Schritte, die aber stets an der Türe vorübergingen. — Was ich geduldet, vermag ich nicht zu sagen; manches Jahr habe ich dort oben ge­legen; der Staub bedeckte mich, und Spinnen krochen über mich hinweg. Draußen ward es Sommer und Winter, allein ich merkte nichts davon. Da wurde es vor kurzer Zeit hier lebendig; ich hörte oft Dein Lachen, kleiner Max; ich sah, wie Du begierig die Rumpel­kammer durchstöberst, und ich begann zu hoffen, dass ich doch noch einmal den schönen Sonnenschein sehen würde. Und ich habe mich ja nicht getäuscht. Du fandest mich, Du warfst mich nicht bei Seite, Du brachtest mich behutsam Dei­ner Mutter, und Du gabst mir die Sprache da Du mich küsstest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wehmütig verklingendes Frohlocken kam es aus dem zerrissenen Buch, als die Tefilloh jetzt merklich schwächer fort­fuhr: „Du bist ein guter Knabe, kleiner Max, und ich danke Dir für Deine Lie­be; sei immer folgsam gegen die Eltern, gut zu den Geschwistern und freundlich zu allen Menschen, dann wird Dich ein jeder gerne haben. Und nun erfülle meine letzte Bitte: begrabe mich; wenn ein Mensch müde geworden ist vom Leben, und er ist gestorben, dann legt man ihn in die Erde, damit er dort schlafen möge; ich bin kein Mensch, aber der Menschen Freund, ich bin alt und müde geworden, gleich ihnen und ich möchte in der Erde schlafen wie sie.<a href="#_ftn20" id="_ftnref20"><sup>[20]</sup></a>“ — Noch einmal bewegten sich die zer­rissenen Blätter leise und langsam, dann waren sie still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da nahm der kleine Max die alte Tefilloh und trug sie in den Garten hin­aus; mit seinen kleinen Händen grub er die Erde auf, küsste die Teffilloh noch einmal und legte sie in ihr kleines Grab. Dann bedeckte er es mit grünem Moos und merkte sich den Platz, da sie be­graben lag, und wenn die Sonne auf den kleinen Hügel schien, da freute er sich, denn den Sonnenschein hatte sie ja so gerngehabt, die alte Tefilloh.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manches Jahr ist seitdem vergangen; der kleine Max ist groß geworden, er hat manches erlebt und vieles gesehen und gehört, aber die Tefilloh und ihre Geschichte wird er nimmer vergessen.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Hermann Schwab</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hermann Schwab (geboren 7. April 1879 in Frankfurt am Main; gestorben 1. Juli 1962 in London) war ein deutscher Journalist und Begründer des Mitteldeutschen Presse- und Bilderdienstes. „Zweimal baute sich Schwab eine aussichtsreiche Pressekorrespondenz bzw. einen Bilderdienst aus kleinsten Anfängen auf, erst zerstörte ihm Hitlers Machtergreifung, dann Englands Eintritt in den Zweiten Weltkrieg das mühsam Aufgebaute.“ (Guy Stern, 2000)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst im reiferen Alter von 46 Jahren begann Hermann Schwab seine Karriere in der Journalistik. Auslöser war die durch die Deflation bedingte Schwächung der Halberstädter Metallhandelsfirma Aron Hirsch &amp; Söhne, die deren Verlegung nach Berlin zur Folge hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hermann Schwab war inzwischen in Halberstadt verwurzelt und entschied sich deshalb gegen einen Umzug nach Berlin. Da Schwab schon als Lehrling begonnen hatte, für Zeitungen zu schreiben und auch während seiner Tätigkeit bei der Firma Hirsch als Theaterrezensent u. a. für die renommierte Frankfurter Zeitung tätig war, wagte er die Gründung des Mitteldeutschen Presse- und Bilderdienstes. Seine Artikel waren populär und deshalb verfasste er auf Drängen des Stadtrates einen literarisch-kulturellen Halberstädter Reiseführer, der es auf eine Auflage von 30.000 Exemplaren brachte. „Glücklich das Halberstadt, das solchen Führer hat&#8220;, hieß es in einer im Gleimhaus vorgetragenen Laudatio auf Hermann Schwab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald nach seiner Gründung erhielt Schwabs Pressedienst einen buchstäblich raketenhaften Auftrieb. In der Nähe von Blankenburg sollte das erste Raketenauto vorgeführt werden. Spektakulär durchlief das Vehikel seine Schienenbahn, explodierte aber dann und löste sich in seine Bestandteile auf. Schwab eilte zur Post und berichtete telefonisch an die Hauptorgane des deutschen Blätterwalds. Als er sich einige Wochen später bei den führenden Zeitungsverlegern in Berlin vorstellte und man in ihm den „Raketenautor&#8220; erkannte, wurden sowohl der Ullstein Verlag wie auch Mosse Abnehmer seines Pressedienstes. Er verstärkte seine Verbindungen zur Auslandspresse, etwa zu AP in Berlin, zu Reuters sowie zu Schweizer und Londoner Blättern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 1934 erhielt Schwab Berufsverbot, im März reiste Schwab nach London aus. Dort im Exil verfasste er ein Tagebuch, in dem er rückblickend seine Erfahrungen im Jahr 1933 in Halberstadt schilderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im englischen Exil führte Schwab seine journalistische Tätigkeit fort und begann gleich wieder mit dem Aufbau eines Pressedienstes. Es gelang ihm 58 Zeitungen und Zeitschriften als Abnehmer zu gewinnen, vom Londoner Daily Telegraph bis zu Fachzeitschriften. Allerdings musste sich Schwab in der Regel mit kleineren Aufträgen begnügen. Die journalistische Arbeit begleitete Schwab bis ins hohe Alter, sein Pressedienst jedoch führte seit Ausbruch des Weltkriegs nur noch ein Schattendasein. Der Enthusiasmus und die Freude mit denen Schwab über seine Wahlheimat Halberstadt und den Harz berichtet hatte, waren in England einem angemessenen Ernst und Wertschätzung seines Asyllandes gewichen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Das alte Gebetsbuch (Sidur)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Tefilah (Gebet hier: Gebetsbuch)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Schabbat</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Semirot (Lieder)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Abendgebet</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Mesusa</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Mehrzahl von Tefilloh</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> In den meisten Synagogen ist dem jeweiligen Synagogenplatz ein Fach für private Gebetsbücher zugeordnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Gebet zur Erinnerung an einen Verstorbenen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Aron-Hakodesch (Schrank in der Synagoge in der die Thorarollen aufbewahrt werden)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Amen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Chumaschim und Machsorim (Pentateuch und Gebetsbuch für die Feiertage)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Talith (Gebetsschal)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Mincha (Nachmittagsgebet)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Das Kaddischgebet nach dem Tod der Eltern wird 11 Monate täglich gesagt</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Ein Synagogenplatz muss jährlich käuflich erworben werden, um die Ausgaben der Synagoge zu decken</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Der Vorabend des Versöhnungsfestes</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Synagogendiener</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Man bekleidet sich am Jom Kippur mit einen weißen Kittel (Sterbegewand)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Gebetsbücher und alle Schriften die den Namen Gottes enthalten werden nach jüdischem Gesetz beerdigt</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Aw</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-aw/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:31:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5625</guid>

					<description><![CDATA[<p>Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av. Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden. [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Da sich die zweite Geschichte auf den Rabbiner Salomo Ibn Gabriol s“l bezieht, befindet sich eine ausführliche Personenbeschreibung (Wikipedia) dieses Dichters, Sängers und Philosophen im Anhang zu dieser Geschichte.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270</a></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Aus Jerusalems letzten Tagen.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">(Nach dem Midrasch Echo und Talmud Gittin.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dreieinhalb Jahre belagerte Vespasjan Je­rusalem, und vier fürstliche Heerführer unterstanden seinem Befehl, die Fürsten von Arabien, Afrika, Alexandrien und Palästina. In Jerusalem aber standen an der Spitze der Bevölkerung vier reichbegüterte Männer: Ben <strong>Zijis</strong>, Ben <strong>Gu­rton</strong>, Ben <strong>Nakdimon</strong> und Ben <strong>Kalba Sabua</strong>. Jeder von ihnen hatte so reiche Mittel, dass er eine ganze Provinz zehn Jahre lang hätte ernähren können. Da war aber an der Spitze einer zum äußersten Kampf entschlossenen gewaffneten Mannschaft, der <strong>Barjonim</strong>, Ben <strong>Batiach</strong>, der Schwestersohn Rabbi Jochanan ben Sackais. Dieser Kraftmensch, der vor keiner Gewalt zurückscheute, hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Jerusalemer Mannschaft zum Aus­fall aus der Festung zu zwingen und auf Leben und Tod eine Entscheidung herbeizuführen. Un­glücklicherweise war ihm die Bewachung der Lebensmittelvorräte in der Festung anvertraut. Mit trotziger Entschlossenheit steckte er diese seiner Obhut anvertrauten Schätze an Nahrung in Brand, um den Ausfall aus der Festung und die militärische Entscheidung zu erzwingen. Als Rabbi <strong>Jochanan ben Sackai</strong> von diesem Verzweiflungsakt hörte, rief er tieferschüttert aus: „Wehe (<strong>ווי</strong>) über Jerusalem!&#8220; Ben Batiah wurde diese Gefühlsäußerung seines Oheims so­fort hinterbracht, er ließ den Greis zu sich ent­bieten, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Warum hast du Wehe gerufen&#8220;, herrschte er ihn an. Rabbi Jochanan, der in all seiner Be­scheidenheit wusste, wie bitter nötig seine weitere Wirksamkeit dem schwergeprüften jüdischen Volke noch sein werde, antwortete, um sein Leben zu retten: „Nicht <strong>ווי</strong> habe ich gerufen, sondern „Wo<strong>ווה</strong><strong> </strong>.&#8220; („Wo&#8220;, ist im Aramäischen ein Ausdruck der Freude.) Warum dies? fragte Ben Batiach. „Ich freute mich, dass du alle Vorräte verbrannt hast, denn solange sie vorhanden waren, würde das Volk in der Tat sein Leben nicht hingeopfert haben, um den Kampf mit der Belagerungsarmee aufzunehmen.&#8220; So wurde Rabbi Jochanan durch den haarscharfen Unterschied zwischen <strong>י</strong> und <strong>ה</strong> vom sicheren Tode errettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei Tage später ging Rabbi Jochanan ben Sackai auf den Markt hinaus und sah, wie dort bereits hungernde Menschen Stroh kochten und den ausgekochten Strohsaft als Nahrung schlürften. Da sagte sich Rabbi Jochanan: „Wo sollen Menschen, die von ausgekochtem Strohsaft leben, den Heeren eines Vespasjan widerstehen können, hier bleibt keine Rettung, als die An­knüpfung von Verhandlungen mit dem Belagerer.&#8220; Rabbi Jochanan überlegte! Sollte er nicht seinen Neffen Ben Batiach trotz dem furchtbaren Zu­sammenstoß der letzten Tage durch ein Wort der Liebe zu gewinnen, suchen? Er glaubte auf Ben Batiachs guten Kern vertrauen zu dürfen und war sicher, dass dieser nur unter dem Druck seiner fanatisierten Genossen so schroff gegen den Oheim ausgetreten war. So ließ er denn Ben Batiach bitten, ihm den Austritt aus der Festung zu gestatten. Ben Batiach ließ erwidern, dass das Militär beschlossen habe, niemand aus den Mauern Jerusalems herauszulassen, solange er lebe; nur <strong>Leichen</strong> könnten die Torwachen pas­sieren. Kurz entschlossen ließ sich Rabbi Jochanan, als sei er gestorben, in ein Leintuch gehüllt, von seinen Schülern Rabbi Elieser und Rabbi Josua zum Stadttor tragen, während der in die List eingeweihte Ben Batiach als Begleitender dem Leichenzug voranschritt. Die Torwächter wollten zunächst, wie sie gewohnt waren, die Leiche mit dem Schwerte durchbohren, allein Ben Batiach wehrte ab. „Wollt Ihr — so rief er — vor dem Feinde die Schmach auf den jüdischen Namen laden, dass jüdische Soldaten die tote Hülle ihres allverehrten Lehrers und Meisters schänden?&#8220; So konnte denn der Leichenzug ungestört das Tor passieren und Rabbi Jochanan wurde in eine benachbarte Grabhöhle gebracht, während die Begleiter zur Stadt zurückkehrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaum hatten die Begleiter das Grabgewölbe verlassen, als Rabbi Jochanan sich in das Haupt­quartier der Belagerungsarmee begab, um bei deren Oberbefehlshaber Vespasjan Zutritt zu erbitten. „<strong>Wo ist der König</strong>?&#8220; fragte er den diensttuenden Offizier. Dieser meldete, ohne zu antworten, die imposante Erscheinung und die seltsame Frage dem römischen Feldherrn. „Du hast mich&#8220;, so empfing Vespasjan den jüdischen Weisen, „als König begrüßt, ohne dass mir diese Würde zukommt. Wenn die Tatsache dem Kaiser in Rom bekannt wird, kann sie mich das Leben kosten.&#8220; Rabbi Jochanan erwiderte: „Bist Du nicht König, so wirst du es werden, denn das Haus unseres Gottes kann nur durch einen König fallen, wie der Prophet Jesaja es ver­heißen: „Der Libanon wird durch einen Mäch­tigen fallen.&#8220; Hierauf führte man Rabbi Jo­chanan in ein von jedem Lichtstrahl abgeschlossenes unterirdisches Gemach, wo er Stunden und Tage verbrachte. Bevor man ihn wieder ans Tages­licht ließ, stellten die Römer ihm die Frage, welche Stunde am Tage es sei. Rabbi Jochanan nannte mit überraschender Genauigkeit die Stunde und erklärte diese Treffsicherheit damit, dass er während der ganzen Zeit bestimmte Abschnitte des überlieferten Lehrstoffes wiederholt und nach der für jeden Abschnitt erfahrungsgemäß not­wendigen Zeit genau feststellen konnte, wie viel Stunden des Tages und der Nacht verflossen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach kaum drei Tagen langte aus Rom am frühen Morgen die Botschaft ein, dass Kaiser Nero gestorben und Vespasjan zu seinem Nach­folger ausgerufen worden sei. Vespasjan ließ, noch mit dem Ankleiden beschäftigt, den jüdischen Weisen zu sich rufen, um ihm zu sagen, dass seine Prophezeiung sich überraschend schnell er­füllt habe. Dabei stellte sich heraus, dass Vespasjan trotz aller Mühe nicht in die ihm sonst tadellos passenden Schuhe hineingelangen konnte. Rabbi Jochanan ließ auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen, um die in großen wir in kleinen Dingen unerschöpfliche Lebensweisheit, die im jüdischen Schrifttum schlummert, vor den Augen des heidnischen Großen hell leuchten zu lassen. „<strong>Eine gute Botschaft lässt das Gebein schwellen</strong>&#8222;, sagt König Salomo — und „ein gedrücktes Gemüt dörrt die Knochen aus.&#8220; Du brauchst also, Kaiser Vespasjan dich nicht zu wundern, dass in diesem Augenblick höchsten Glückes deine Fußbekleidung nicht mehr passt.&#8220; Nun begannen auch die um Vespasjan versammelten Fürsten in geistvollen Gleichnissen Rabbi Jochanans Schlagfertigkett zu erproben und Vespasjan war von dem Scharfsinn, der Geistesgegenwart und der Seelengröße Rabbi Jochanans in einem tragischen Augenblicke der Geschichte seines Volkes so ergriffen, dass er die Unterhaltung mit den Worten schloss: „Stelle eine Bitte und ich werde sie erfüllen.&#8220; Rabbi Jochanan erwiderte: „Was ich will? Zieh ab mit deinen Herren aus unserem Land und überlasse Jerusalem den Juden.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Glaubst du, weiser Rabbi, dass ich deshalb Kaiser ward, um Jerusalem preiszugeben? Du musst schon eine andere Forderung stellen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hierauf Rabbi Jochanan: „Dann bitte ich nur um eins, lasst das Städtchen Jawne un­angetastet, <strong>damit dorthin die Thora und ihre Träger flüchten können</strong>.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Wunsch erfüllte Vespasjan, ohne zu ahnen, dass er damit die <strong>Unsterblichkeit des jüdischen Volkes gesichert hatte.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Des Sängers Fluch.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor ungefähr 550 Jahren, da Spanien noch ein blühendes, glückliches Land war, lebte in Saragossa Rabbi <strong>Salomo ben Gabirol</strong><a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>, der große Dichter und Denker, dessen Ruhm durch alle Lande ging und bis auf den heutigen Tag in der jüdischen Welt andauert. Zu der Seelen­größe des Dichters gesellte sich auch körperliche Schönheit. In ganz Kastilien würden von Jung und Alt seine herrlichen Lieder gesungen. Auch die spanischen Könige und Fürsten verehrten den jüdischen Dichter und Philosophen ungemein und überhäuften ihn mit Ehren und Geschenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Wunder, dass Gabirol viele Neider und bittere Feinde hatte, die ihm nach dem Leben trachteten. Besonders zeichnete sich durch seinen Hass ein in hoher Stellung sich befindender Mohr, namens <strong>Haschan</strong> aus. Zu dem Neid, der im Herzen des Mohren brannte, kam auch noch die Eifersucht, denn er beschuldigte Gabirol, ihm seine Geliebte, die schöne Sulaima, abspenstig gemacht zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit hatte er aber den Dichter ganz zu Unrecht beschuldigt. Wohl sah Sulaima mit glühendem Entzücken und feurigen Augen zu der Wundergestalt des allbeliebten jüdischen Dichters empor. Er aber, Gabirol, erwiderte diese Liebe nicht und hatte kein Auge für die schmachtenden Blicke des Weibes, das einem anderen und auch einem anderen Volke angehörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allein, je gleichgültiger Gabirol sich zeigte, umso höher und flammender stieg die Liebe der jungen, schönen Araberin. Und eines Tages suchte sie die Nähe des Dichters auf und offen­barte ihm die heißen Gefühle ihres Herzens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edle Freundin&#8220;, sprach Gabirol, „schäumende Empfindungen des Augenblickes lassen Euch ver­gessen, dass wir zwei nicht zueinander gehören. Ich bin Angehöriger des jüdischen Glaubens, ihr aber Araberin und mohammedanischen Bekennt­nisses&#8220;.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das soll kein Hindernis sein&#8220;, warf Sulaima ein. „Nie darf Glaube der Liebe im Wege stehen. Ich will von heute an Jüdin, deines Glaubens sein&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter gewann es nicht übers Herz, die Bittende barsch zurückzustoßen und bat sie, sie möge sich die Sache doch noch reiflich überlegen, mit sich selber zu Gerichte gehen, Einblick in die Geschichte und das jüdische Gesetz zu gewinnen, um danach ihren Beschluss und ihren geplanten Schritt noch einmal zu prüfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Mohr Haschan blieb diese Wandlung im Herzen der Sulaima nicht verschlossen und er schwor, blutige Rache an Gabirol zu nehmen. Äußerlich ließ er aber nichts anmerken. Er stellte sich im Gegenteil sehr freundlich zu Gabirol und lud ihn zu einem Besuch in seine in einsamer Waldgegend gelegene Sommerwohnung ein. Nichts Böses ahnend, nahm Gabirol die Einladung an. Sie ergingen sich in den blühenden Alleen, wie sie schon öfters promeniert und die Natur in poetischen Ergüssen besungen hatten. Denn auch der Mohr erprobte sich zuweilen in der Dichtkunst und hatte sich alle Zeit für die hohen Gedankengänge Gabirols empfänglich gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein lieblicher Frühlingsabend. Ein sanfter Hauch küsste die Blumen und ein Raunen kam von den Wipfeln, als wollten die Bäume der untergehenden Sonne „Gute Nacht&#8220; zu­flüstern. Auf einer breitästigen Akazie sang eine Nachtigall ein Liebeslied zum dunklen Nachthimmel hinauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie schön ist doch das Leben&#8220;, entrang es sich der Brust Gabirols.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja schön ist das Leben&#8220;, sagte Haschan kalt, „umso schmerzlicher, wenn dieses schöne Leben plötzlich mittendrin abgehackt wird, da man glaubt, es noch lange genießen zu dürfen. Siehst du dieses Grab da unter dem Baume?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll es mit diesem Grab?&#8220; fragte Gabirol erstaunt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In diesem Grab wirst du heute Nacht schon ruhen&#8220;, antwortete Haschan in eisiger Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll das heißen, Haschan?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich denke, jetzt wirst du es endlich begreifen&#8220;, schrie Haschan in wilder Wut und stieß den Dolch in des Dichters Herz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gabirol stürzte zu Boden. In seinen letzten Zügen stieß er aber noch die Worte aus: „Mörder! Du hast mein Blut vergossen, und keiner sah es, der wider dich zeugen könnte. Aber Gott im Himmel sah es, und er lässt diese Tat nicht un­geahndet. Der Feigenbaum wird reden und seine Frucht wird gegen den Mörder Haschan zeugen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan lachte hell aus. „Der Baum wird <strong>schweigen</strong>, wie dieser tote Dichtermund, und Sulaima wird mein&#8220;. Mit diesen höhnischen Worten begrub er die Leiche unter dem Feigen­baum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am folgenden Tag herrschte große Aufregung in Saragossa, als man den Dichter am Hofe er­wartete, und er nicht kam. Man suchte ihn über­all und fand ihn nirgends. Man glaubte zuerst, er habe plötzlich eine Reise antreten müssen, als aber Wochen und Monate vergingen, ohne dass er wiederkam, steigerte sich die Unruhe gewaltig. Seine noch lebenden Eltern klagten bitterlich über den Verlust des seltenen Sohnes, und die ganze Gemeinde betrauerte ihren gottbegnadeten Sänger und den Dolmetsch ihrer Wünsche vor dem Throne. Als ein ganzes Jahr ins Land gegangen war, gab man alle Hoffnung auf und stellte das Suchen und Forschen nach dem Dichter ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur Sulaima gab keine Ruhe und weinte Tag und Nacht um Gabirol, den sie nicht ver­gessen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Winter ging und wieder war es Frühling. Neues Leben erwachte und erblühte aus dem harten Boden. Die Felder legten das neue, grüne Gewand an, die Zitronen-, Orangen-, Öl- und Feigenbäume bedeckten sich mit Blättern und Blüten. Auch der Feigenbaum über dem Grab Gabirols erblühte. Aber wie merkwürdig groß und weiß und üppig standen doch seine Blüten. Es schien, als sauge der Baum aus geheimer Quelle Wunderkraft. Denn kaum zeigten die anderen Bäume die ersten Blättchen, so stand dieser Baum schon in voller Blüte; und wie die anderen zu blühen begangen, reiften an diesem schon die schönsten, edelsten Früchte heran. Alle Welt stand voller Verwunderung vor diesem Baum. Aber Haschan zuckte die Achseln und sagte: „Das Geheimnis dieses Baumes kann ich euch nicht sagen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ganzen Gegend sprach alles Volk von diesem Wunderbaum. Man hielt Haschan für einen Zauberer, der mit geheimen Mächten Verbindungen pflegte. Die Nachricht gelangte auch endlich bis zum Königspalast, und eines Tages kam der König mit seinem ganzen Hofstaat in den Garten Haschans, um den Baum zu be­wundern. Haschan erzitterte beim Anblick des Königs am ganzen Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum erbleichst du, Haschan?&#8220; fragte der König: ,,Ich werde dir die Früchte nicht nehmen, nur ansehen möchte ich mir den wunderlichen Baum.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Still und bleich führte Haschan den König an den Baum. Da sprach der König: „Nun muss ich selber daran glauben, dass du dich ge­heimer Zaubermittel bedienst. Sage, Haschan, welche Bewandtnis es mit diesem Baume hat.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan verwickelte sich in Widersprüche und sprach ohne Zusammenhang von allen möglichen Dingen, über die er gar nicht gefragt wurde. Das verletzte den König und er ließ Haschan ins Gefängnis werfen, wo er durch Folter zu Ge­ständnissen gezwungen wurde. Da schien es Haschan, als öffnete sich das Grab unter dem Feigenbaum und eine Stimme rief: „Gott im Himmel sieht es und wird es ahnden, die Früchte des Baumes werden wider dich zeugen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan wurde an den Feigenbaum gehängt. Hof und Garten Haschans wurden verwüstet, nur der Baum blieb mitten in der Öde, um zu zeugen, dass Gott ein Verbrechen gesehen und geahndet hat.</p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Solomon ibn Gabirol</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia: </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol"><strong>https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solomon ben Jehuda ibn Gabirol, kurz Solomon (Salomo) ibn Gabirol oder Schlomo ibn Gevirol (geboren 1021 oder 1022 in Málaga; gestorben um 1070 in Valencia), war ein jüdischer Philosoph und Dichter im muslimischen Spanien (al-Andalus). In der lateinischsprachigen christlichen Gelehrtenwelt war er unter den latinisierten Namensformen „Avicebron“ und „Avencebrol“ bekannt; arabisch hieß er <strong>أبي أيوب سليمان بن يحيي بن جبيرول</strong> / Abū Ayyūb Sulaimān b. Yaḥyā b. Ǧabīrūl. Seine großenteils von einer pessimistischen, weltflüchtigen Stimmung geprägte hebräische Lyrik in arabischen Versmaßen erfreute sich schon im Mittelalter bei jüdischen Lesern hoher Wertschätzung. Sie galt als meisterhaft und fand Eingang in Gebetbücher. Seine philosophischen Lehren hingegen fanden bei seinen jüdischen Zeitgenossen nur geringe, bei den Muslimen keine Beachtung. Stark war jedoch die Resonanz auf sein philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“, von dem ab der Mitte des 12. Jahrhunderts eine lateinische Übersetzung vorlag, in der christlichen Welt. Dort trug sein neuplatonisches Weltbild zur Stärkung der neuplatonischen Strömung in der Philosophie der Scholastik bei, doch bei aristotelisch orientierten Philosophen stieß seine neuplatonische Anthropologie auf heftigen Widerspruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Über ibn Gabirols Leben ist wenig bekannt; manche Angaben stammen von ihm selbst und geben seine Sicht in literarisch stilisierter Form wieder. Seine Familie stammte ursprünglich aus Córdoba (daher sein arabischer Beiname al-Qurṭūbī); wohl wegen der dortigen militärischen Auseinandersetzungen flohen seine Eltern nach Málaga, wo er 1021/1022 geboren wurde. Dann übersiedelten sie nach Saragossa, wo er aufwuchs. Er erhielt eine gründliche Ausbildung und zeigte schon als Jugendlicher, spätestens im Alter von sechzehn Jahren, eine außerordentliche Begabung als Dichter in seiner hebräischen Muttersprache. Sein Vater starb früh, was ihn zur Abfassung von Trauergedichten veranlasste. 1045 verlor er auch seine Mutter. Aus seinen Gedichten geht hervor, dass er von Kindheit an oft krank und von schwächlicher Konstitution war, dazu klein und von hässlichem Aussehen; insbesondere litt er an einer schweren Hautkrankheit, die ihn entstellte. Diese Umstände trugen wohl dazu bei, dass er unverheiratet und ohne Nachkommen blieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da er sich nur der Philosophie und der Dichtkunst widmen wollte, war er stets auf Förderung durch wohlhabende Gönner angewiesen. Sein heftiges Temperament, seine Neigung zu schonungsloser Kritik und seine unkonventionellen Ansichten brachten ihn jedoch oft in Konflikt mit einflussreichen Persönlichkeiten und führten zu Spannungen mit der jüdischen Gemeinde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Saragossa erlangte ibn Gabirol die Unterstützung von Jekutiel (Yequthiel) ben Isaak ibn Ḥassan, einem Juden, der am Hof des dortigen muslimischen Herrschers offenbar eine prominente Stellung einnahm. Im Jahr 1039 wurde Jekutiel nach einem gewaltsamen Machtwechsel als Anhänger des gestürzten und ermordeten Machthabers von dessen Nachfolger hingerichtet, angeblich in seinem hundertsten Lebensjahr. Für ibn Gabirol war der Verlust seines Gönners ein schwerer Schlag. In den folgenden Jahren verschärfte sich sein Streit mit der jüdischen Gemeinde von Saragossa, die ihn daher bei den muslimischen Behörden denunzierte. Um 1045 verließ er die Stadt im Zorn. Er erwog auszuwandern und sich in den Nahen Osten zu begeben, doch kam es dazu nicht. Möglicherweise führte er ein Wanderleben. Jedenfalls hielt er sich längere Zeit in Granada auf. Der jüdische Großwesir des dortigen muslimischen Herrschers, Schmuel (Samuel) ha-Nagid, der selbst ein bedeutender Dichter war, wurde sein neuer Förderer. Zeitweilig kam es zur Entfremdung zwischen ihnen; ibn Gabirol kritisierte die Gedichte seines Gönners und griff ihn satirisch an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sicher ist, dass ibn Gabirol noch relativ jung war, als er in Valencia starb. Der Zeitpunkt und die Umstände seines Todes sind jedoch unklar. Eine späte Legende über seine angebliche Ermordung ist unglaubwürdig. Einer Behauptung des Schriftstellers Moses ibn Esra zufolge war er bei seinem Tod erst etwa dreißigjährig. Das kann aber ebenfalls nicht zutreffen, da aus Bemerkungen ibn Gabirols hervorgeht, dass er das Jahr 1068 noch erlebte. Daher ist auch die in vielen Nachschlagewerken übernommene Angabe von ibn Saʿīd al-Andalusī, ibn Gabirol sei 1057/1058 gestorben, falsch. Josef ibn Zaddik, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte, setzte seinen Tod ins Jahr 1070; das kann ungefähr stimmen, denn in der Folgezeit ist er nicht mehr als lebend bezeugt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Werke</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem seiner Gedichte behauptet ibn Gabirol, zwanzig Bücher geschrieben zu haben. Seine Autorschaft ist aber abgesehen von seiner ausschließlich hebräischen Dichtung nur für zwei ursprünglich arabisch abgefasste philosophische Prosaschriften gesichert, nämlich sein Hauptwerk „Die Lebensquelle“ und die ethische Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dichtung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von ibn Gabirol sind etwa 400 lyrische Gedichte überliefert. Man unterteilt sie traditionell in „weltliche“ und „religiöse“. Eine solche Aufteilung wird jedoch seinem Anliegen (und generell der mittelalterlichen hebräischen Lyrik) nicht gerecht, denn hinsichtlich der sprachlichen Form bestehen kaum wesentliche Unterschiede und inhaltlich finden sich auch in „weltlichen“ Gedichten religiöse Bezüge. Sinnvoller ist daher eine Aufteilung nach dem jeweiligen Anlass in liturgische (für den Gottesdienst geeignete) und nichtliturgische „soziale“ Dichtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen großen Teil der nichtliturgischen Lyrik machen Lob- und Freundschaftsgedichte zu Ehren von Wohltätern aus. Relativ gering ist die Zahl der Trink- und Liebeslieder, die ibn Gabirol schon als Jugendlicher zu verfassen begann. Daneben stehen Klagen anlässlich des Todes von ihm nahestehenden Personen, Rätsel sowie Beschreibungen von Natur und Bauwerken (darunter eine Beschreibung der Alhambra). Mit zunehmendem Lebensalter treten pessimistische Motive in den Vordergrund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese hebräische Lyrik ist formal und in ihrer Thematik an arabischen Vorbildern orientiert. Die Behandlung der Stoffe ist jedoch sehr individuell; sie ist von der eigenwilligen Persönlichkeit des Dichters, seiner Unzufriedenheit mit seinem unerfreulichen Schicksal, seinen wechselhaften Stimmungen und den schweren Spannungen mit seiner Umgebung geprägt. Des Öfteren ist von seiner Erwartung eines frühen Todes die Rede; er befürchtet, sein philosophisches Werk nicht vollenden zu können. Sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und seine damit zusammenhängende soziale Isolation kommen deutlich zum Ausdruck. Häufig äußert er sich verächtlich und spöttisch über Dichter, von deren Fähigkeiten er wenig hält. Bitter und satirisch sind seine Bemerkungen über Personen, denen er Verständnislosigkeit vorwirft und deren Verhalten er missbilligt. Er klagt über die Nichtigkeit des Lebens und die Wertlosigkeit der irdischen Genüsse. Die meist trübsinnigen Inhalte vermittelt er sprachlich meisterhaft, und auch im Umgang mit schwierigen Versformen erweist er sich als souverän. Als besonders gelungen gilt eines seiner beiden Klagegedichte auf den Tod seines hingerichteten Wohltäters Jekutiel. Eine Reihe von Gedichten, in denen er sich über Schmuel ha-Nagid äußert, dokumentiert die Wechselhaftigkeit des Verhältnisses der beiden, das zwischen einer Beziehung zwischen Gönner und Gefördertem und bitterer Rivalität schwankte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine hebräische Grammatik in poetischer Form bietet das Lehrgedicht „Die Halskette“ (ha-ʿanāq), das ibn Gabirol als Neunzehnjähriger verfasste. Er preist darin die Überlegenheit der hebräischen Sprache über alle anderen und beklagt ihre Vernachlässigung durch seine Zeitgenossen. Von den 400 Doppelversen ist nur rund ein Viertel erhalten geblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den religiösen Hymnen drückt er seine leidenschaftliche Frömmigkeit aus. Sein berühmtester Hymnus ist die „Krone des Königreichs“ (hebräisch Keter malchūt). Er war ursprünglich nicht für den Gottesdienst bestimmt, wurde aber in die Liturgie des jüdischen Versöhnungstages aufgenommen. Der Form nach ist die Krone rhythmische Reimprosa ohne Anlehnung an arabische Vorbilder. Ibn Gabirol präsentiert darin eine zusammenfassende Darstellung seiner Kosmologie und seiner religiösen Überzeugungen. Er beklagt die Unvollkommenheit, von der sich die menschliche Seele nicht selbst befreien könne.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Philosophische Schriften</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirols philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“ (arabisch Yanbuʾ al-ḥayat, hebräisch Sēfer Meqōr Ḥajjim) ist meist unter dem Titel der lateinischen Übersetzung „Fons vitae“ bekannt. Der Titel spielt auf das Gotteslob in Ps 36:10 an. Das arabische Original ist verloren; erhalten ist außer der lateinischen Übersetzung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts nur eine auszugsweise hebräische aus dem 13. Jahrhundert, die von Schem Tov ibn Falaquera stammt. Es handelt sich um einen Dialog zwischen einem Meister und seinem Schüler; der Schüler fragt und lernt, er trägt nicht zur Argumentation bei. In dem Werk werden Kosmogonie, Kosmologie, Erkenntnistheorie und das Verhältnis zwischen Gott und der Welt rein philosophisch erörtert, ohne Berücksichtigung biblischer und theologischer Gesichtspunkte. Die Gedankenwelt ist neuplatonisch, das terminologische Instrumentarium teilweise aristotelisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Seelentheorie befasst sich ibn Gabirol unter ethischem Aspekt in seiner Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“. Die arabische Originalfassung heißt Kitāb ʾiṣlāḥ al-aḫlāq, die hebräische Übersetzung, die Jehuda ibn Tibbon im 12. Jahrhundert anfertigte, Sēfer Tiqqūn Middōt ha-Nefeš. Hier zitiert ibn Gabirol auch aus dem Tanach, wendet sich also an religiöse jüdische Leser. Derselben Thematik gewidmet ist die Schrift Perlenauslese (arabisch Muḫtār al-Ǧawāhir, hebräisch Mivḥār ha-Penīnīm), eine Sammlung ethischer Sprüche, die aber möglicherweise ibn Gabirol zu Unrecht zugeschrieben wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lehre</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirols Lehre macht nicht den Eindruck eines fertig ausgearbeiteten, in sich geschlossenen und in jeder Hinsicht stimmigen Systems. Einzelne Unklarheiten und Widersprüche haben zu unterschiedlichen Deutungen in der Forschung geführt. Möglicherweise spiegeln sich darin verschiedene Stadien einer geistigen Entwicklung. Da das philosophische Hauptwerk nicht im Originaltext erhalten ist, kommen auch Übersetzungsmängel als Erklärung von Unstimmigkeiten in Betracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Metaphysik und Kosmologie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Hauptmerkmal von ibn Gabirols Philosophie ist die Verbindung der neuplatonischen Emanationslehre mit einer durchgängig konsequenten Anwendung des aristotelischen Konzepts von Form und Materie auf die Gesamtheit der geschaffenen Dinge (Hylemorphismus). Er übernimmt den neuplatonischen Grundgedanken der Emanation, wonach die Welt hierarchisch in Seinsstufen (Hypostasen) gegliedert ist, von denen eine aus der anderen hervorgeht. Die erste und höchste Hypostase der Schöpfung ist unmittelbar aus Gott (dem Einen der Neuplatoniker) herausgeflossen bzw. nach jüdischer Vorstellung von ihm aus dem Nichts geschaffen. Die übrigen Hypostasen sind der jeweils nächsthöheren Stufe entsprungen und haben somit ihren Ursprung nur mittelbar in Gott. Je niedriger eine Hypostase in der Entstehungs- und Rangordnung ist, desto komplexer ist sie. Die oberen Bereiche dieser Stufenordnung sind rein geistiger Natur, nur in der untersten Region der Gesamtwirklichkeit existiert physische Materie. Diese Materie ist an sich reine Potenz. Da sie aber durch ihre stets gegebene Verbindung mit einzelnen Formen immer aktualisiert (in den Akt übergegangen) ist, existiert sie als Potenz nur theoretisch. Nur durch diese Verbindung spezifischer Formen mit Materie entstehen die sinnlich wahrnehmbaren Objekte. Form und Materie können nie getrennt voneinander existieren, sondern werden nur zum Zweck der Analyse gedanklich getrennt. Ibn Gabirol verwirft die Auffassung, wonach die Materie gequantelt ist, vielmehr betrachtet er sie als ein Kontinuum. Die reale Existenz kleinster, nicht mehr teilbarer Einheiten hält er für unmöglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol übernimmt auch das neuplatonische Konzept der Weltseele, in der die Einzelseelen ihren Ursprung haben. Die Weltseele ist aus dem universellen Intellekt, dem Nous<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> der antiken Neuplatoniker, hervorgegangen. Sie besteht ebenso wie die menschlichen Einzelseelen aus Vernunftseele, sinnlich wahrnehmender Seele und vegetativer Seele. Unterhalb der vegetativen Seele des Kosmos befindet sich als nächstniedrige Hypostase die Natur, unter der Natur folgt die Welt der physischen Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Strittig war unter den mittelalterlichen Denkern, die verschiedene Varianten dieses Modells vertraten, ob die Seinsstufen der rein geistigen („intelligiblen“) Welt ebenfalls Verbindungen von Formen mit (in diesem Fall geistiger) Materie darstellen oder ob sie als reine Formen ohne materielles Substrat zu denken sind. In dieser Frage ist ibn Gabirol ein früher Vorkämpfer der aus dem antiken Neuplatonismus stammenden Auffassung, dass die geistigen Substanzen – insbesondere auch die menschliche Seele – analog zu den physischen zusammengesetzt sind. Mit Ausnahme von Gott besteht somit alles, was existiert, aus Form und Materie. Dabei stellt die universelle Materie das Prinzip des Bleibenden dar, während die Einzelformen in der physischen Welt, die Aspekte der primären universellen Form sind, entstehen und vergehen und sich unablässig wandeln, womit sie zur Weltwirklichkeit das Prinzip der Veränderung beisteuern. Gott ist die einzige Substanz, die nicht zusammengesetzt ist, sondern absolut einfach und einheitlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im spätantiken Neuplatonismus steht die physische Materie als ontologisch niedrigster, vom Göttlichen am weitesten entfernter Teil der kosmischen Ordnung in scharfem Gegensatz zum Geistigen (samt der geistigen Materie). Diesbezüglich weicht ibn Gabirol von der Tradition ab. Zwar betrachtet auch er die sinnlich wahrnehmbare Welt als untersten und ungeistigsten Teil des Kosmos, doch betont er, dass ein und dieselbe Materie das ganze Universum durchströme, von den höchsten Regionen des Geistes bis zum niedrigsten Bereich des Physischen. Für ihn ist somit der Unterschied zwischen geistiger und physischer Materie nur graduell; im Prinzip ist das materielle Substrat überall das gleiche. Damit wird die physische Materie als Aspekt der universellen Urmaterie in der ontologischen Rangordnung sogar nahe an Gott herangerückt, da Urform und Urmaterie als die primären Wesenheiten der Schöpfung erscheinen, ohne die nichts außerhalb von Gott existieren kann. Mit diesem Materiebegriff wird die neuplatonische Stufenordnung faktisch durchbrochen. Eine ähnliche Ansicht über Urform und Urmaterie hatte schon Isaak Israeli vertreten. Auch in Schriften, die im Mittelalter zu Unrecht teils dem antiken Philosophen Empedokles, teils Aristoteles zugeschrieben wurden, tauchen solche Gedanken auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol betont den Wert der Selbsterkenntnis. Wie schon Isaak Israeli meint er, eine Erkenntnis der eigenen Seele impliziere eine Erkenntnis des ganzen Universums, da alles in der menschlichen Seele enthalten sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Grundfrage der neuplatonischen Ontologie lautet, wie der Hervorgang der Vielheit aus der absoluten Einheit zu erklären ist, wenn Vielheit und Einheit radikal wesensverschieden sind. Hier nimmt ibn Gabirol – auf die Schöpfungsvorstellung der jüdischen Religion zurückgreifend – den göttlichen Willen als vermittelnde Instanz an. Indem er diesem Willen eine zentrale Rolle in der Schöpfung zuweist, entgeht er einer deterministischen Deutung der Weltentstehung. Einerseits hält er den göttlichen Willen für eins mit dem göttlichen Wesen und ordnet ihn damit der Unendlichkeit zu, andererseits schreibt er ihm aber auch die Eigenschaft zu, im Bereich des Endlichen schöpferisch zu wirken, die geschaffenen Dinge zu durchdringen und sich so mit der Endlichkeit zu verbinden. Dieser Doppelaspekt des Willens wird für den Menschen zur Chance. Indem nämlich der Mensch in der begrenzten Welt, in der er lebt, durch Hingabe einen Zugang zum dort in der Endlichkeit wirkenden Gotteswillen erlangt, kann er sich mit diesem Willen verbinden und damit letztlich auch dessen unendlichem Aspekt, der Gottheit, nähern. Mit dem Tod befreit sich dann die Seele vom Körper. Damit beendet sie ihre Verbannung in die irdische Welt und kehrt in die geistige Welt zurück. Allerdings besteht immer eine unüberschreitbare Grenzlinie zwischen dem einfachen und prinzipiell unerkennbaren göttlichen Wesen und den aus Materie und Form zusammengesetzten Geschöpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der schöpferische Charakter des göttlichen Willens äußert sich in der Formgebung. Aus dem Willen Gottes geht die Form hervor, aus seinem Wesen die Materie. So lässt sich die Dualität von Form und Materie bis zur Gottheit zurückverfolgen, unbeschadet der absoluten Einheit Gottes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Offen bleibt die in der Forschung diskutierte Frage, inwieweit es ibn Gabirol gelungen ist, mit seinem Verständnis des göttlichen Willens eine Brücke zwischen Vielheit und Einheit, Endlichkeit und Unendlichkeit zu schlagen und damit zugleich eine stimmige Harmonisierung zwischen neuplatonischer Emanationsphilosophie und jüdischer Schöpfungstheologie zu erreichen. Damit hängt die Frage zusammen, ob er in erster Linie neuplatonischer Metaphysiker oder jüdischer Theologe war und inwieweit er die Bruchstellen zwischen diesen beiden Elementen seiner Weltdeutung erkannt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ethik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“ bietet einen originellen Versuch, ethische Verhaltensweisen auf naturphilosophischer Grundlage zu beschreiben und zu klassifizieren. Dabei verzichtet ibn Gabirol auf das in islamischer und christlicher Ethikliteratur beliebte Schema der vier Kardinaltugenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol geht von zwanzig Charaktereigenschaften aus (zehn Tugenden und zehn Laster), die er den fünf Sinnen zuordnet. Jedes Sinnesorgan hängt mit zwei Tugenden und zwei Lastern zusammen, indem es durch seine besondere Art der Wahrnehmung zum Werkzeug für deren Betätigung wird. Außerdem postuliert er einen Zusammenhang zwischen den Tugenden und den vier Eigenschaften Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit, den vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und den vier Säften der Humoralpathologie, denen seit der Antike traditionell die vier Temperamente zugeordnet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rezeption</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die philosophischen Lehren ibn Gabirols wurden von seinen jüdischen Zeitgenossen weitgehend und von den Muslimen gänzlich ignoriert. Stark und anhaltend war hingegen die Rezeption bei den christlichen Scholastikern des Mittelalters. Als Dichter in hebräischer Sprache fand er im mittelalterlichen Judentum Anerkennung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jüdische Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im mittelalterlichen Judentum fand das philosophische Vermächtnis ibn Gabirols wenig Anklang. Da er in der „Lebensquelle“ weder Bibelstellen anführt noch sich auf theologische Autoritäten beruft, wirkte sein Hauptwerk auf konservative Juden nicht ansprechend, und die Vereinbarkeit seines Neuplatonismus mit der religiösen Überlieferung des Judentums schien zumindest zweifelhaft. Außerdem wurde die neuplatonische Strömung im Spätmittelalter von der aristotelischen verdrängt. Seine poetische Leistung hingegen wurde geschätzt, und der liturgische Teil seiner Dichtung erwies sich als zur Verwendung im Gottesdienst geeignet. Dadurch blieben auch seine philosophischen Ideen unter den Juden zumindest ansatzweise bekannt, denn der berühmte, liturgisch verwendete Hymnus „Krone des Königreichs“ stellt seine Gedankenwelt umrisshaft dar. Dieser Hymnus steht noch heute in Gebetbüchern für den Versöhnungstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter und Philosoph Moses ibn Esra ist der erste jüdische Schriftsteller, der ibn Gabirol erwähnt. Er lobt seinen Charakter sowie seine poetischen und philosophischen Leistungen überschwänglich und zitiert die „Lebensquelle“ oft in seiner Abhandlung „Arugat ha-Bosem“. Auch der neuplatonisch orientierte Denker Josef ibn Zaddik benutzt diese Schrift. Der gelehrte Schriftsteller Abraham ibn Esra ist offenbar von der „Lebensquelle“ beeinflusst, nimmt aber nur selten ausdrücklich auf ibn Gabirol Bezug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spuren von ibn Gabirols Denken sind in Werken der spätmittelalterlichen kabbalistischen Literatur zu finden. Er wird dort aber gewöhnlich nicht namentlich genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste prominente jüdische Kritiker von ibn Gabirols philosophischen Ideen ist Abraham ibn Daud, ein Aristoteliker. 1144 greift er die „Lebensquelle“ in seiner arabisch geschriebenen Abhandlung „Der erhabene Glaube“ an, die später, im 14. Jahrhundert, unter dem Titel „Ha-Emunah ha-Ramah“ ins Hebräische übersetzt wird. Darin behauptet er unter anderem, ibn Gabirols Behandlung des Themas sei weitschweifig und seine Argumentation weise Mängel in der Logik auf. Maimonides erwähnt ibn Gabirol überhaupt nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Renaissance bekennt sich der Neuplatoniker Leone Ebreo (Jehuda Abravanel, Judah Abrabanel) zur Lehre ibn Gabirols.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Christliche Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im lateinischsprachigen christlichen Europa wurde ibn Gabirol ab der Mitte des 12. Jahrhunderts durch die lateinische Übersetzung der „Lebensquelle“ unter dem Titel „Fons vitae“ bekannt. Diese Übersetzung stammte von Johannes Hispanus und Dominicus Gundissalinus. Gundissalinus trug auch in seinen eigenen Werken zur Verbreitung von ibn Gabirols Lehre bei. Man nannte ibn Gabirol „Avicebron“ oder „Avencebrol“; seine jüdische Religionszugehörigkeit war unbekannt, manche sahen in ihm einen christlichen Philosophen. Ein eifriger Anhänger ibn Gabirols war der Philosoph Wilhelm von Auvergne, der ihn für einen arabischen Christen und für den „edelsten aller Philosophen“ hielt und besonders seine Lehre vom göttlichen Willen schätzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Spätmittelalter wurde ibn Gabirols Lehre von Form und Materie zum Ausgangspunkt einer langanhaltenden Kontroverse. Seine Hypothese der Existenz einer geistigen Materie und der Zusammengesetztheit der geistigen Substanzen aus Form und Materie wurde unter Berufung auf ihn von der „Franziskanerschule“ (Alexander von Hales, Bonaventura, Johannes Duns Scotus) vertreten. Diese Position der mehr oder weniger neuplatonisch orientierten Franziskaner wurde von der aristotelischen Richtung unter den Dominikanern bekämpft, deren Hauptvertreter Thomas von Aquin war (Thomismus). Schon der Dominikaner Albertus Magnus hatte in diesem Sinn Stellung genommen. Der Konflikt bezog sich zum einen auf die Frage, ob die Seele eine eigene geistige Materie hat, zum anderen auf die Frage, ob die Seele die einzige Form des Körpers ist, wie die Thomisten meinten, oder ob der Körper auch über eine eigene „Form der Körperlichkeit“ verfügt und somit eine Mehrzahl von Formen in ihm vorhanden ist. Auch die Lehre von der Formenpluralität im Körper war von ibn Gabirol vertreten worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Autoren, die ibn Gabirols „Lebensquelle“ studierten und zustimmend daraus zitierten, gehörte Meister Eckhart.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Legenden</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Legende aus dem 16. Jahrhundert über ibn Gabirols Tod besagt, dass ihn ein neidischer Feind in seinen Garten lockte, dort ermordete und unter einem Feigenbaum begrub. Der Baum trug daraufhin so außergewöhnlich schöne und süße Früchte, dass dies allgemeines Staunen erregte. Sogar der König wurde darauf aufmerksam gemacht. Er fragte den Besitzer nach dem Grund dieser auffallenden Erscheinung. Der Befragte verwickelte sich in Widersprüche, es kam zu einer Untersuchung. Das Verbrechen wurde aufgedeckt, der Mörder gestand unter Folter und wurde hingerichtet; man hängte ihn an dem Feigenbaum auf. Einer anderen Legende zufolge schuf ibn Gabirol aus Holz einen Golem, die Gestalt einer Frau, die ihm dann diente (wie ein Roboter); als er deswegen angezeigt wurde, zerlegte er sie wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Moderne Forschung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1846 veröffentlichte Salomon Munk eine bahnbrechende Erkenntnis. Er hatte in der Pariser Nationalbibliothek eine von Šem-Tob ben Josef ibn Falāqīra im 13. Jahrhundert angefertigte hebräische Übersetzung von Auszügen aus der arabischen Originalfassung der „Lebensquelle“ gefunden. Dank dieses Fundes erkannte er die Identität des jüdischen Autors ibn Gabirol mit dem seit dem Mittelalter als Avicebron oder Avencebrol bekannten Verfasser des „Fons vitae“, den man zuvor für einen christlichen Scholastiker gehalten hatte. Erst diese Einsicht verschaffte der Forschung einen Gesamteindruck von dieser Schriftstellerpersönlichkeit. Jakob Guttmann trug wesentlich zur Erhellung des neuplatonischen Hintergrundes bei. Die im 20. Jahrhundert von David Neumark und später von Ernst Bloch vorgetragene Ansicht, ibn Gabirol sei eigentlich kein Neuplatoniker gewesen – Bloch reiht ihn in die aristotelische Tradition ein –, wird heute nicht mehr vertreten.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zu seinem Leben siehe S. 23</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> griechisch für Geist oder Intellekt</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-aw/">Kinderecke Aw</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Thamus 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-thamus-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:32:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5581</guid>

					<description><![CDATA[<p>Meine Sommerferien. Diesen Kinderecken-Aufsatz, wahrscheinlich von Heinrich Einstädter[1] verfasst, habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.9.1906 gefunden. Ein jüdisches Mädchen beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall. Im ersten Teil des Aufsatzes beschreibt sie die Bahnfahrt, vorbei an Ortschaften, Tälern und Bergen. Im zweiten Teil ihre Erlebnisse in Bad Reichenhall. Hier kommt [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-thamus-5786/">Kinderecke Thamus 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Meine Sommerferien.</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diesen Kinderecken-Aufsatz, wahrscheinlich von Heinrich Einstädter<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> verfasst, habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.9.1906 gefunden. Ein jüdisches Mädchen beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall. Im ersten Teil des Aufsatzes beschreibt sie die Bahnfahrt, vorbei an Ortschaften, Tälern und Bergen. Im zweiten Teil ihre Erlebnisse in Bad Reichenhall.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Hier kommt eine große Verbundenheit, ja Liebe, zu Deutschland zum Ausdruck. Es wird klar – für die Juden, ob orthodox oder liberal war Deutschland Heimat.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/7375181">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/7375181</a></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">Tagebuchblätter Juli 1906</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Reichenhall!</strong> Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich freue. Aber ich gebe mir Mühe, ruhig und gesetzt zu erscheinen. Und während in mir alles singt und klingt und der wunderbaren Bergwelt entgegenjauchst, bekümmere ich mich um Gepäck, Billet usw., um zu zeigen, dass ich schon ein großes Mädchen bin und mitgenommen werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben uns einige Tage in München aufgehalten, und nun soll es weiter gehen. Tefillat Haderech<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> ist gesagt, und am Ostbahnhof steigen wir zur Weiterfahrt ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Freilassing!</strong> Im Coupé halte ich´s nicht aus, ich stehe auf der Plattform und schaue, schaue, schaue! Schon bei Prien war ich außen. Da ist ja der wunderbare Chiemsee und auf der Herren-Insel eines der Prachtschlösser König Ludwigs II. von Bayern<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a>. Ist&#8217;s Wahrheit, ist´s Sage, was sich an diesen Namen knüpft? —&nbsp; Die Eltern erzählen´s, und doch — man glaubt sich in eine Märchenwelt versetzt, es war einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie mich der Wind zerzaust, der frisch, kräftige Bergwind! Und da sind sie auch, der Staufen, der Zwiesel, der Untersberg, die Reitalp, ich kenne sie nicht alle. Ich fragte nach den Watzmann, weiß aber nicht, ob der Herr und König sich gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hammerau, Piding</strong> , langsamer fährt der Zug, enger wird das Tal, es weitet sich wieder — <strong>Reichenhall</strong>. Ein sonniger, wonniger, herrlicher Tag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber glaube nur nicht, dass sie alle so sind, die Tage in diesem Eden. Weißt Du, wie die Winde heulen von den Bergen herab, aus den Schlünden hervor, wie es stürmt und tobt, wie die Blitze zucken und zünden, der Donner rollt, lang hingezogen, im Echo widerhallend von Bergwand zu Bergwand wie der Regen in Fluten herabstürzt! — Kennst Du es? — Ja, es ist ein anderes, ein Wetter in den Bergen oder eines in der Ebene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hoch zurück zum Bahnhof! Du mein liebes Buch sollst ja später meinem Gedächtnis nachhelfen, selbst eine Art Gedächtnis sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies Sprachgewirr! Natürlich deutsch vor allem, dabei auch die schwer verständliche Mundart der Einheimischen, dann französisch, englisch, rumänisch, serbisch, bulgarisch, russisch, polnisch, spanisch, italienisch, auch das jüdisch-deutsche<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> fehlt nicht, und ich weiß nicht, was noch. Neugierig bin ich nicht, aber wenn rings um Dich die angeregteste Unterhaltung ist, und Du verstehst nichts davon, ist&#8217;s doch ärgerlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Else und Paula sind mit ihren Eltern hier, wir wollen viel zusammen sein. Heute, während wir im Kurgarten der Musik zuhören, haben wir Pläne gemacht — Pläne!&nbsp; ja, wenn wir die ausführen dürfen, sind wir jeden Tag auf dem Gipfel eines anderen Berges. Schade, dass es in der Nähe keine gefährlichen Gletschertouren gibt. Es muss doch einzig sein, später zu erzählen, wie man angeseilt ganz mutig über Schnee und Eisberge geklettert, wie man schon einmal beinahe in eine Spalte gefallen. Hu, wie gruselig!</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">— — — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rauschender Bergstrom, liebliches Tal,<br>Behüte Gott Dich, mein Reichenhall!</p>



<p class="wp-block-paragraph">So steht an einer hübschen Villa angeschrieben, in der Bahnhofstraße nahe beim Bismarck-Denkmal<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>. Das Bismarck-Denkmal, nein, ich will nicht Kritik üben, sonst heißt&#8217;s, ich sei ungebildet, verstehe nichts von der Bildhauerkunst, aber ich kann es nicht schön finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei fällt mir unsere Literaturstunde ein. Wir hatten „Prinz Friedrich von Homburg<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a>“ von Heinrich von Kleist gelesen und der Herr Professor fragte, wie er uns gefalle. Er hatte uns nicht gefallen, doch wollten wir&#8217;s nicht sagen. Da rief eine von uns: „Es steht so oft gleichviel drin“. Der Herr Professor tat uns etwas deutlich seine Meinung kund, und zwischen den Lippen zerdrückte er ein Wort, es war keine Schmeichelei, es war etwas Zoologisches, ein Vogelname im Plural, wir verstanden ihn wohl, und unser Selbstbewusstsein fiel, fiel unter den Gefrierpunkt. Denn der Herr Professor, entzückend sind seine Stunden, man wird mit „Fräulein&#8220; und „Sie&#8220; angeredet und um seine Meinung gefragt. Um zwölf Uhr warteten wir auch, ob er uns noch grüße, oder ob wir zu sehr in seiner Achtung gesunken. Aber er zog den Hut und lachte sogar. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren in der Saline, unendlich belehrend und interessant ist es dort. Dankt doch Reichenhall seine Bedeutung den reichen Salzquellen der Tiefe. Und hier tief im Dunkeln der Erde, wie auf freien Bergeshöhn, im rauschenden Wald, am jäh abspringenden Fels drängt sich es uns überwältigend auf: „Wie groß sind Deine Werke, o Herr, alle hast Du sie mit Weisheit ausgeführt, voll ist die Erde Deiner Güter.“<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nett sahen wir aus als wir in grobe, weite, weiße Mäntel gehüllt, ein Filzhütchen auf dem Kopf, ein Grubenlicht in der Hand, hinabstiegen. Zweiundsiebzig ziemlich hohe Stufen gings hinunter ins Erdinnere, dann durch stockdunkle Schächte, spärlich beleuchtet von unserem Grubenlicht, zum Quellenbau, einer natürlichen großen nasskalten Felsenhöhle. Hier entspringen die meisten Quellen, ich glaube vierzehn, teils sprudeln sie von selbst hervor, teils werden sie herausgepumpt. Selbstverständlich habe ich von allen gekostet. Große Maschinen treiben diese Solequellen<strong> </strong>nach<strong> </strong>oben, doch<strong> </strong>nur<strong> </strong>die<strong> </strong>minderwertigen werden zum Kurgebrauch, am Gradierhaus, zu Bädern, zum Inhalieren usw. verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir kehrten zurück, legten unsere schöne Maskerade ab. — Schon fertig? — Noch hatten wir nicht ein Körnchen Salz gesehen. Da, aus dem Hintergrund eine Stimme: „Wollen die Herrschaften mir ins Sudhaus folgen?&#8220; Das wollten wir gerne. Aber war&#8217;s da heiß!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein hübsches Pfännchen von einigen Metern Durchmesser steht mit dem Wasser der Salzquellen gefüllt auf einer Höllenglut. Das Wasser siedet, es verdampft im Laufe dreier Stunden, das reine Salz bleibt zurück, wird mit großen Krücken in Holzkisten geschoben und dann auf den Trockenherd gebracht. Was liegen da Berge von Salz! Noch lange keine Not beim Fleisch koscher machen! Ein Teil des Salzes wird gemahlen und kommt als Tischsalz in den Handel, das grobe, das Kochsalz wird &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; in Zentnersäcke verpackt, plombiert usw. — Etwas Sole bleibt stehts beim Verdunsten zurück und wird als Mutterlauge zu Bädern verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren entlassen, nahmen noch jede ein Stückchen Pfannenstein mit, ihn den Freundinnen bei Gelegenheit als Zucker zu reichen, und gingen frohgemut.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> KI: Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter Verlagen wie Kauffmann oder Sänger &amp; Friedberg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus verfasste er regelmäßig pädagogische und religiöse Beiträge für jüdische Zeitschriften und Periodika, wie etwa Essays zur Gestaltung von jüdischen Feiertagen und Trauertagen (z. B. über die jüdische Trauerzeit im Monat Aw) im familiären Umfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach 1935 verliert sich seine Spur in den öffentlich zugänglichen Publikationsorganen. Mit dem Schulbesuchsverbot für jüdische Kinder im Juni 1942 und der systematischen Schließung und Liquidierung aller jüdischen Schulen und Verlage durch die Nationalsozialisten endete auch das gedruckte Erbe seiner pädagogischen Arbeit in Deutschland.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Ein Gebet vor Antritt einer Reise</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Wikipedia: Ludwig II. Otto Friedrich Wilhelm von Bayern (* 25. August 1845 auf Schloss Nymphenburg, Nymphenburg, heute München; † 13. Juni 1886 im Starnberger See (damals Würmsee) bei Schloss Berg), aus dem Haus Wittelsbach stammend, war vom 10. März 1864 bis zu seinem Tod König von Bayern. Nach seiner Entmündigung am 9. Juni 1886 übernahm sein Onkel Luitpold als Prinzregent die Regierungsgeschäfte im Königreich Bayern, da Ludwigs jüngerer Bruder Otto wegen einer Geisteskrankheit regierungsunfähig war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ludwig II. hat sich in der Geschichte Bayerns als leidenschaftlicher Schlossbauherr, vor allem der Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, ein Denkmal gesetzt; er wird auch als Märchenkönig bezeichnet. Mit seinem Namen untrennbar verbunden ist auch die großzügige Förderung Richard Wagners. Während Ludwigs Regentschaft verlor Bayern als Verbündeter Österreichs 1866 den Preußisch-Österreichischen Krieg und vollzog nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Eintritt in das Deutsche Kaiserreich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Jiddisch</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Bismarck-Brunnen – steht heute unter Denkmalschutz</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: Prinz Friedrich von Homburg ist ein 1809/1810 von Heinrich von Kleist verfasstes Drama, das erst nach dem Tod des Autors 1821 in Wien uraufgeführt werden konnte. Eine Aufführung zu Lebzeiten scheiterte, denn Prinzessin Marianne von Preußen (geborene Hessen-Homburg), der Kleist das Werk mit Widmung überreichte, sah dadurch die Familienehre gekränkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Psalm 104:24</p>
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		<item>
		<title>Kinderecke Schawuoth</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-schawuoth/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2026 10:36:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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		<title>Kinderecke Ijar 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-ijar-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 17:21:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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		<title>Kinderecke Nissan 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-nissan-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Mar 2026 15:07:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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		<title>Kinderecke Purim 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-purim-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Feb 2026 09:13:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Der Israelit“ war die Zeitung für das orthodoxe deutsche Judentum bis zu seiner Auflösung im Jahre 1936 schlechthin. Wie sehr das orthodoxe deutsche Judentum auch mit der deutschen Kultur verwurzelt war, mag dieses Purimgedicht zeigen, das mich sofort an Wilhelm Busch (1832-1908) erinnerte, dessen Verhältnis zu Juden zumindest strittig erscheint[1]. Der Autor dieses Gedichtes heißt [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">„Der Israelit“ war die Zeitung für das orthodoxe deutsche Judentum bis zu seiner Auflösung im Jahre 1936 schlechthin. Wie sehr das orthodoxe deutsche Judentum auch mit der deutschen Kultur verwurzelt war, mag dieses Purimgedicht zeigen, das mich sofort an Wilhelm Busch (1832-1908) erinnerte, dessen Verhältnis zu Juden zumindest strittig erscheint<a id="_ftnref1" href="#_ftn1"><sup>[1]</sup></a>. Der Autor dieses Gedichtes heißt nicht Bählam, wie er uns zunächst einreden will — die Verse sind am Ende mit I. C, Hambg. unterzeichnet — sondern sollen eine Anspielung auf Buschs vorletzte Bildergeschichte „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ anspielen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Bei dem Autor des Gedichtes „I. C. aus Hamburg“ handelt es sich wahrscheinlich um Issak Cohn.<a id="_ftnref2" href="#_ftn2">[2]</a></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Den Artikel habe ich in der Zeitschrift der „Der Israelit“, 52. Jahrgang, Heft 10, vom 9. März 1911 gefunden</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde <strong>im Original belassen</strong> und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><p><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2494541">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2494541</a></p></p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><p><strong>Ein mißlungener Purimstreich</strong></p></p>
</div></div>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><p><strong>Von Bählam.</strong></p></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><p>(Nach einer wahren Begebenheit.)</p></p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Wenn nach Winters trüben Plagen<br>Man sich naht den Frühlingstagen,<br>Jubelt Knab&#8216; wie Mägdelein:<br>Bald wirds wieder Purim sein!<br>Auch im Städtchen Frankenort<br>Hörte man dies frohe Wort,<br>Und zumeist im Hause Ruben:<br><strong>„Pensionat für böse Buben.&#8220;</strong><br><strong>Lehrer Ruben</strong> war bekannt<br>Als ein strenger Mann im Land,<br>Er erzog zu Sitt&#8216; und Tugend<br>Die ihm anvertraute Jugend.<br>Bei dem Werk, das hart und schwer<br>Stützt ihn die <strong>Frau Ruben</strong> sehr.<br>War er streng und nimmermüde,<br>So zerfloß sie ganz vor Güte.<br>Auch im Kochen war sie groß.<br>Kurz: Frau Ruben hat&#8216; was los.</p>
</div></div>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Trotz des Taanith Esther<a id="_ftnref3" href="#_ftn3">[3]</a> steht se<br>Und backt Kuchen, das versteht se.<br>Doch die sieben bösen Buben<br>Aus dem Pensionate Ruben<br>Sind heut schulfrei und zuhaus —<br>Und da wird nichts Gutes draus!<br>Immer Einer hinterm Andern<br>Sieht man sie zur Küche wandern,<br>Wo Frau Ruben grad voll Eifer<br>Ihren Schnee schlägt steif und steifer.<br>Böses brütend im Gemüt<br>Stell&#8216; sie sich in Reih&#8216; und Glied,<br>Und voll arger Neugier plagen<br>Sie die gute Frau mit Fragen,<br>Ob der Kuchen wie alljährlich<br>Sei bestimmt dem Lehrer <strong>Ehrlich</strong>.<br>Als dies hat bejaht Frau Ruben,<br>Freuten sich die losen Buben,<br>Denn es plant ihr Schelmenherz<br>Einen argen Purimscherz.<br>Einer holt vom Bord die Tüte,<br>Voll mit Pfeffer erster Güte:<br>Tiefen Inhalt werfen sie<br>In die Masse sonder Müh&#8216;,<br>Als Frau Ruben sorgsam sehr<br>Nochmals prüft die Ofenröhr&#8216;,<br>Ob sie sei genug erhitzt.<br>Wie es ihrem Kuchen nützt.<br>Des Gewürzes scharfer Duft<br>Füllt die warme Küchenluft,<br>Daß Frau Ruben unbewußt<br>Dreimal „hazzi&#8220; niesen mußt.<br>Leider kann sie nicht versuchen.<br>Weil sie fastet, ihren Kuchen,<br>Doch die Buben tun&#8217;s für sie<br>Und beteuern: „Gut, wie nie,&#8220;<br>Rührn ihn auch noch einmal um,<br>Ach, sie wissen wohl, warum.</p>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Ahnungslos in ihren Stuben<br>Putzt für Purim die Frau Ruben,<br>Sieht auch mal so nebenher<br>Nach dem Kuchen in der Röhr&#8216;.<br>Der geht hoch und bräunt sich schön,<br>Ein Vergnügen ists zu sehn.<br>Doch die Buben, die sind heute<br>Voll von innrer Schadenfreude.<br>Als der Purim kommt heran,<br>Sieht man&#8217;s ihnen deutlich an.<br>Und Frau Ruben meinet weise:<br>Sehr in Sorgen um se sei se,<br>Denn sie lächeln so versteckt.<br>Als ob sie was ausgeheckt.<br>Doch ihr Mißtraun rasch verfleucht sich,<br>Als Herr Ruben sagt, sie täuscht sich,<br>Weils doch einmal Purim heute,<br>Gönn&#8216; er Jedem seine Freude,<br>Allerdings, worum er bitte.<br>In den Grenzen guter Sitte.<br>Drauf, so sieht man diese Knaben<br>Nach Herrn Ehrlichs Hause traben<br>Mit dem Kuchen in den Händen,<br>Den zu Purim Rubens senden<br>Dem Kollegen Meier Ehrlich<br>Als Schelach-Monaus<a id="_ftnref4" href="#_ftn4">[4]</a> wie alljährlich.<br>Und es sagt der gute Lehrer,<br>Sehr zu Dank gerühret wär&#8216; er.<br>So gelang der böse Scherz —<br>Ach ihr loses Bubenherz<br>Fühlt von Reue keine Spur<br>Und sie denken: „Iß du nur!&#8220;</p>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-block-paragraph">Als am selben Nachmittage<br>Von des Purims Küchenplage<br>Ruhet grad Frau Ruben aus,<br>Tritt Herr Ehrlich in ihr Haus.<br>Fürs Schelach-Monaus danken möcht&#8216; er<br>Und es wär&#8216; das Beste, dächt&#8216; er,<br>Kämen Herr und Madame Ruben<br>Heut zu ihm mit ihren Buben.<br>Als mans diesen anvertraut,<br>Sind sie nicht davon erbaut.<br>Und mit Zittern nur und Zagen<br>Abends den Besuch sie wagen,<br>Und sie tuscheln sich ins Ohr:<br>„Du, mir ist recht mies davor!&#8220;<br>Ihr Gewissen mächtig drückt se,<br>Doch Herr Ehrlich kaum erblickt se,<br>Als er spricht voll Freundlichkeit:<br>„Was Besondres gibt es heut.<br>Jedes Jahr, zum Purimfeste<br>Hab&#8216; allein ich, ohne Gäste<br>Solches Kunstwerk schon verzehrt,<br>Wies Frau Ruben mir verehrt.<br>Heut jedoch tat ich versuchen<br>Nur ein Stückchen von dem Kuchen,<br>Als dann faßt&#8216; ich den Beschluß,<br>Daß ich diesen Hochgenuß<br>Auch verschaffen müßt&#8216; den Buben<br>Aus dem Pensionate Ruben,<br>Weil sie sichtlich so voll Freude<br>Mir den Kuchen brachten heute.&#8220;<br>Tiefe drückt&#8217;s Gewissen heiß.<br>Ach, kein Zweifel, daß er&#8217;s weiß,<br>Ihr Gesicht wird lang und länger,<br>Und ihr Herz schlägt bang und bänger.<br>„Nun, langt zu und laßts Euch schmecken.&#8220;<br>Doch für seine andren Gäste<br>Holt herbei er&#8217;s Allerbeste,<br>Zwischendurch dann nötigt er:<br>„Jungens, esset doch noch mehr!&#8220;<br>Und sie essen voller Grauen,<br>Wagen kaum mehr aufzuschauen.<br>Und mit unterdrücktem Pusten.<br>Denn der Kuchen reizt zum Husten.<br>Drauf recht würdig spricht Herr Ruben:<br>„Ich versteh&#8216; nicht diese Buben,<br>Schwärmen sonst für Kuchen sehr.<br>Und am Purim gehts so schwer!&#8220;<br>Seine Frau voll Freundlichkeit<br>Sagt: „Das ist nur Schüchternheit!&#8220;<br>Als der Kuchen geht zu Ende.<br>Reibt Herr Ehrlich sich die Hände<br>Und dann spricht er voll Gemüt:<br>„Ihr habt Mut, soviel man sieht!&#8220;<br>Als die Kuchenplatte leer.<br>Plagt ein Durstgefühl sie sehr.<br>Ehrlich fragt infolgedessen:<br>„Habt Ihr heut wohl scharf gegessen?&#8220;<br>Was nach ihrem besten Wissen<br>Rubens glatt verneinen müssen.<br>Und er spricht noch salbungsvoll,<br>Er sei gegen Alkohol<br>Bei der ihm vertrauten Jugend.<br>Nur im Wasser läg&#8216; die Tugend.</p>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Magenbrennen ist nicht schön,<br>Sich die Buben still gestehn.<br>Einer immer hinterm Andern<br>Sieht man sie zur Küche wandern.<br>Zu der Leitung edlem Naß!<br>„Siehste wohl, das kommt von das!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als man dann vom Tische geht,<br>Weils Herr Ruben findet spät.<br>Dankt man, wie das heischt die Pflicht,<br>Die Gefühle sind gemischt.<br>Herzlich dankt Familie Ruben,<br>Schändlich findens ihre Buben,<br>Daß man schließlich trotz Verdruß<br>Auch noch höflich danken muß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lehrer Ehrlich gibts Geleite,<br>Draußen nimmt er sie beiseite —<br>Während heimwärts lenkt die Wege<br>Mit der Gattin der College —<br>Spricht er: „Seht ihrs nun, ihr Buben,<br>Grabt ihr Andern solche Gruben,<br>Fallt wie Haman<a id="_ftnref5" href="#_ftn5">[5]</a> ihr hinein;<br>Laßt euch dies &#8217;ne Lehre sein!<br>Zwar nicht an den Galgen müßt &#8218;r.<br>Wie Achaschweroschs Minister,<br>Doch es gibt zu unserem Glücke<br>Auch für solche Galgenstricke<br>Einen Pranger, weit zu sehn,<br>Dran sollt Ihr zur Strafe stehn:<br>Fort mit Euch, zu Nutz&#8216; und Schrecke<br>In die Purim-Kinder-Ecke!</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">I. C, Hambg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wilhelm Busch Antisemitismusvorwurf </strong> (aus Wikipedia)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sogenannte Gründerkrach von 1873 führte zu einer wachsenden Kritik an der Hochfinanz, verbunden mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung in den Meinungen und Einstellungen der Deutschen wurde. Antisemitische Agitatoren wie Theodor Fritsch unterschieden zwischen „raffendem“ Finanzkapital und „schaffendem“ Produktionskapital, zwischen den „guten“, „bodenständigen“ „deutschen“ Fabrikanten und den „raffenden“, „gierigen“, „blutsaugenden“ „jüdischen“ Finanzkapitalisten, die als „Plutokraten“ und „Wucherer“ bezeichnet wurden. Antisemitismusvorwurf</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sogenannte Gründerkrach von 1873 führte zu einer wachsenden Kritik an der Hochfinanz, verbunden mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung in den Meinungen und Einstellungen der Deutschen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Wilhelm Busch wird vorgeworfen, diese antisemitischen Klischees bedient zu haben. Als Beleg werden dafür meist zwei Stellen herangezogen. In der frommen Helene heißt es:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einleitung zum 5. Kapitel von Plisch und Plum</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Jud mit krummer Ferse,<br>Krummer Nas’ und krummer Hos’<br>Schlängelt sich zur hohen Börse<br>Tiefverderbt und seelenlos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter und Busch-Verehrer Robert Gernhardt weist darauf hin, dass diese Stelle, im Kontext gelesen, nicht Buschs eigene Sichtweise wiedergibt, sondern diejenige der Dörfler karikiert, unter denen Helene lebt. Denn im Weiteren malt der liberale, antiklerikale und dem Alkohol nicht abgeneigte Busch weitere angebliche Gefahren des Stadtlebens in ironisch schwarzen Farben aus:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schweigen will ich von Lokalen,<br>Wo der Böse nächtlich praßt,<br>Wo im Kreis der Liberalen<br>Man den Heilgen Vater haßt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso ironisch karikiert Busch das ländliche Gegenbild als falsches Idyll:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Komm’ auf’s Land, wo sanfte Schafe<br>Und die frommen Lämmer sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite, noch deutlichere Karikierung „des Juden“ findet sich in der Erzählung Plisch und Plum:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz die Hose, lang der Rock<br>Krumm die Nase und der Stock<br>Augen schwarz und Seele grau,<br>Hut nach hinten, Miene schlau –<br>So ist Schmulchen Schiefelbeiner<br>(Schöner ist doch unsereiner!)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Ansicht des Busch-Biografen Joseph Kraus könnten diese Verse auch in einem antisemitischen Hetzblatt stehen. Die Biographin Eva Weissweiler sieht in ihnen eines der einprägsamsten und hässlichsten Porträts eines Ostjuden, das die deutsche Satirelandschaft zu bieten habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch hier zeigt der Kontext, insbesondere der ironische letzte Vers der zitierten Passage – „Schöner ist doch unsereiner!“ –, dass Busch die Nichtjuden keineswegs als die edlere Sorte Mensch betrachtete. Robert Gernhardt weist darauf hin, wie überaus selten Karikaturen von Juden in Buschs Werk zu finden sind. Insgesamt gibt es außer den genannten nur noch eine weitere Zeichnung in den Fliegenden Blättern von 1860, die überdies den Text eines anderen Autors illustrierte. Nach Gernhardts Ansicht sind die jüdischen Figuren Wilhelm Buschs nichts anderes als Stereotype wie der beschränkte bayerische Bauer oder der preußische Tourist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Ansicht teilt auch Joseph Kraus: Wilhelm Busch habe sich gegen gerissene Geschäftemacher überhaupt gewendet und dafür in einigen Bildergeschichten Karikaturen von Juden, aber nicht nur von ihnen, genutzt. Das zeigt sich an einem Zweizeiler aus der Bildergeschichte</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Haarbeutel. Danach sind gewinnsüchtige Mitmenschen</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vornehmlich Juden, Weiber, Christen,<br>Die dich ganz schrecklich überlisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erik de Smedt spricht von einer „gewissen ambivalenten Haltung Buschs den Juden gegenüber“. In Eduards Traum beispielsweise legt er dem Titelhelden den Satz in den Mund: „Das Geschäft steht in Blüte, der Israelit gleichfalls. Schlau ist er wie nur was, und wo’s was zu verdienen gibt, da läßt er nichts aus …“ Dagegen ist in der vorangehenden Textpassage über das Haus und die Mieter eines „antisemitischen Bauunternehmers“ von Lastern aller Art die Rede, z. B. von Mordversuch, Neid, Hass, Betrug und Ehestreit. Vorurteile Buschs zeigen sich wiederum dort, wo Eduard den Tierkreiszeichen begegnet:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht weit davon in seiner Butike saß der schlaue krummnasige ‚Wassermann‘ – Juden gibt’s doch allerwärts! – und regulierte die ‚Waage‘ zu seinen Gunsten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Joseph Kraus meint, Busch habe – wie die meisten seiner Zeitgenossen – Juden als Fremdkörper empfunden und einige ihrer antisemitischen Denkmuster geteilt. Dies habe aber enge Freundschaften mit Juden, etwa mit dem Dirigenten Hermann Levi, nicht ausgeschlossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Biografische Details zu Isaak Cohn </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus historischen Quellen (u. a. Stolpersteine-Datenbank Hamburg, Holocaust-Opfer-Listen und genealogischen Aufzeichnungen) lässt sich ein prominenter Träger dieses Namens identifizieren:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Geboren</strong>: 19. März 1862 in Altona (damals Preußen/Dänemark, später Hamburg).</li>



<li><strong>Beruf/Hintergrund</strong>: Mitglied der jüdischen Gemeinde Hamburg-Altona; er war Teil der deutsch-jüdischen Orthodoxie, die in Hamburg eine starke Präsenz hatte (u. a. Israelitische Gemeinde, später getrennte orthodoxe Strömungen).</li>



<li><strong>Schicksal</strong>: Als Opfer des Nationalsozialismus deportiert – er wurde am 16. Juli 1942 von Hamburg nach Theresienstadt transportiert und starb dort am 7. Dezember 1942 im Alter von 80 Jahren.</li>
</ul>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn1" href="#_ftnref1">[1]</a> Siehe Anhang zu diesen Artikel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn2" href="#_ftnref2">[2]</a> Was ich mit „Grok“ über ihn ermitteln konnte, finde Sie ebenfalls im Anhang</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn3" href="#_ftnref3">[3]</a> Ein Fastentag vor dem Purimfest</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn4" href="#_ftnref4">[4]</a> <strong>שלח מנות</strong> Schelach Manot; hier die jiddische Aussprache; zu Purin werden kleine Lebensmittelpakete an Freunde und Verwandte mit Boten verschickt</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn5" href="#_ftnref5">[5]</a> Minister unter dem w.u. genannten König Achaschwerosch, Figuren aus der Megilat Ester</p>



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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Schwat</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-schwat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jan 2026 19:09:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5407</guid>

					<description><![CDATA[<p>In zwei Folgen ist diese nette Geschichte für Kinder über Tu Bi Schewat in der Zeitschrift „Der Israelit“ erschienen. Der erste Teil am 29.01.1920 und der zweite am 05.02.1920. Über den Autor Max Speier finden sie im Anschluss an dieses Märchen, was ich im Zusammenhang mit der Verlegung der „Stolpersteine“ über ihn gefunden habe. Der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">In zwei Folgen ist diese nette Geschichte für Kinder über Tu Bi Schewat in der Zeitschrift „Der Israelit“ erschienen. Der erste Teil am 29.01.1920 und der zweite am 05.02.1920.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Über den Autor Max Speier finden sie im Anschluss an dieses Märchen, was ich im Zusammenhang mit der Verlegung der „Stolpersteine“ über ihn gefunden habe.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2525094">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2525094</a></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2525108">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2525108</a></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das Neujahrsfest der Bäume.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Ein Märchen von Max Speier.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber natürlich,&#8220; sagte das pausbäckige Äpfelchen und blähte sich breit, „ich bin dabei!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und an mir soll&#8217;s auch nicht fehlen,&#8220; zirpte die Grünnase von Birne mit dem länglichen Kinn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich halt mit,&#8220; kollerte die braunnackige Nuss und schiebelte sich ein Stückchen vorwärts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und ich durchdufte dann das Ganze,&#8220; meinte gelassen die stolze Goldorange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also heut&#8216; Nacht pünktlich um 12 Uhr draußen im Garten,&#8220; rief errötend die Zwetschke und ließ sich im Vorgeschmack des erwarteten Vergnügens den Saft von den Wangen her­unterlaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber wer schließt uns die Türen auf?&#8220; krachte die Mandel auf einmal dazwischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist eine Frage, die wohl bedacht werden muss,&#8220; brummte der behäbige Kürbis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schon gelöst,&#8220; lachte die glutvolle Ananas, die zwar eingemacht, aber doch reichlich süß und frisch gebettet war, „der Nussknacker!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der lag faul und steckensteif zwischen den Obstkörben und Konservengläsern, unter denen das heimliche Gespräch stattfand, rührte kein Glied und machte als hörte er nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hedda,&#8220; zupfte ihn die bärtige Kastanie, „mach&#8216; er doch die Ohren auf, er bequemer, unwirscher Geselle.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin so müde&#8220;, knarrte der blanke Bursche, zu dem die blaue Traube mit verliebtem Wohl­gefallen hinsah, „lass mich in Ruh!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wird nichts draus&#8220;, richtete sich die Banane in ihrer ganzen schlanken Größe auf, „wir wollen heut&#8216; Nacht unsere Väter und Mütter und son­stigen Anverwandten im Freien besuchen und uns mit ihnen über das vergangene Jahr und unsere zukünftigen Hoffnungen unterhalten, da musst du uns beistehen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinethalben&#8220;, bollerte er heraus, „was ist denn eigentlich los?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Chamischo Osor b&#8217;schwat<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>&#8222;, antwortete kurz das Johannisbrot und rollte ihm einige Kerne an die Rippen, „unser Neujahrsfest&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du brichst die Türen auf, damit wir heraus­können&#8220;, sagte hellstimmig die blanke Kirsche, „und geht&#8217;s nicht gutwillig, so krachst du Schloss und Schlüssel entzwei&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gute Nacht, weckt mich dann, wenn&#8217;s Zeit ist&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Nussknacker streckte sich, und die geschwätzige Gesellschaft ward auch stumm, weil eben das Töchterlein des Hauses mit der Lampe ins Zimmer trat.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>* * *</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der riesige Schneemann starrte mit seinen schwarzen Augen neugierig in den dunklen Hof hinaus. „Was geht denn da vor? Was drängt sich denn da, was schiebt sich denn da, was wackelt denn da und fackelt denn da? Sonst kann man doch wenigstens in Frieden ruhen, wenn man den ganzen Tag das Gelärm von den wilden Buben um sich herum gehört hat, und heut plötzlich zu nachtschlafender Zeit, wenn alle bewaffneten und unbewaffneten Bürger sich be­schaulicher Stille hingeben, sowas von Getöse! Bin doch gespannt, was da kommt!&#8220; Er wollte gerade mit dem Stock drohen, als ein leises, süßes Stimmchen ertönte: „Ach bitte, bitte, lieber Herr Schneemann, tue uns doch den Gefallen und kehre uns mit deinem großen Besen einmal den Weg vom Schnee frei, damit wir zu unserer lieben Familie können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Potztausend, wer bist du denn&#8220;, murmelte der Weißbart und wollte sich niederbeugen. „Ei, Fräulein Rosinchen! Guck mal an, so spät und so wach! Bist wohl aus dem leckeren Geburtstags­kuchen herausgekrochen, den die Mutter fürs Nesthäkchen gebacken hat? Der kleine Kerl hat es mir freudestrahlend erzählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber wo wollt ihr denn hin, Ihr Nacht­schwärmer?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„O bitte, bitte, nicht böse sein, guter Herr Schneemann&#8220;, bettelte das niedliche Rosinchen, „die Apfelsine setzt dir auch ganz gewiss eine schöne rote Kappe auf, wenn du uns durchlässt!&#8220; „Recht also, weil du&#8217;s bist, liebes Kind.&#8220; Der Schneemann fegte mit dem alten Besen eine Gasse rein. „Vorwärts marsch!&#8220; kommandierte der Kürbis als Korporal der kleinen Schar, die sich gemächlich und in gleichmäßigem Takt zu den Bäumen des großen Gartens hintrollte. Die hatten&#8217;s schon gespürt, dass ihnen was Besonderes bevorstand. „Ich weiß nicht&#8220;, hatte schon am Tag der Apfelbaum zu seiner Nachbarin, der grünen Edeltanne, gesagt, „mir ist’s eben so seltsam zu Mut, ich glaub&#8216;, ich hab&#8216; Wachs­schmerzen.&#8220; „Ja&#8220;, hatte drauf der Zwetschgenbaum zustimmend genickt, „mir ist&#8217;s auch heut auf einmal bei dem starken Schneegestöber so warm und eigen geworden, dass ich meine, der Frühling kommt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du, Eiche&#8220;, rief die wissbegierige Pappel in den benachbarten Wald hinüber, „schau doch mal bei deinen Ringen im Jahreskalender nach, was denn für ein Tag ist.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der vierzehnte Schewat&#8220;, brummte die Eiche gravitätisch und vernehmlich. „Also der Chamischo Osor vor der Tür!&#8220; jauchzte das Aprikosen­bäumchen, „Kinder, das ist fein!&#8220; „Naseweis&#8220;, gaben die Nussbüsche zurück, „weißt viel, was ein Neujahrsfest ist!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Heut hat sich die Katze vor mich in den Schnee gesetzt und ihren borstigen Bart geputzt&#8220;, erzählte der Birnbaum, „das bedeutet Besuch.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da dröhnte auch schon ganz in der Nähe der verschlafenen Ranke vom Weinlaub die Stimme des Kürbisses: „Stillgestanden! Mamsell Birne, melde sie uns!&#8220; „Alle zur Stelle!&#8220; erstattete die Birne gehorsam und militärisch Rapport. Der Jubel kannte keine Grenzen. Die Bäume streckten ihre Zweige ihren Kindern und Freunden zu herzlichem Willkommen entgegen, manche hoben ihre treuen Früchtlein empor und ließen sie auf den Ästen schaukeln, der Wind sang ihnen ein fröhliches Lied dazu, und die Fichte vergoss sogar vor lauter Rührung ein paar dicke Harztränen. Jetzt gab´s ein Fragen und Liebkosen und Berichten ohne Ende, man hatte sich seit Monaten nicht gesehen und war um das Schicksal jedes Einzelnen natürlich aufs ängstlichste besorgt. Der Schnee­mann spitzte von der Ferne seine Ohren aus Apfelschalen und machte ein immer freundlicheres Gesicht trotz der unerlaubten Störung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber in das Geplauder hinein, das wohl ein halbes Stündchen gewährt haben mochte, rauschte unvermutet der Apfelbaum mit feierlichem Klang und sprach in gehaltenem Ernst: „Liebe Genossen, Nachbarn und Freunde! Liebe Kinder, Brüder und Schwestern! Vergesst über der Freude des Wiedersehens nicht, dass heute unser Rausch-haschonoh<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> ist, der Tag, an dem wir uns erinnern sollen, was wir im vergangenen Jahr an Gutem und Schönem erfüllt haben und was wir im kommenden Jahr reicher und trefflicher voll­bringen wollen. Nichts auf der Welt kann aus eigener Kraft gedeihen und groß werden, auch wir nicht. Alles wird stark und groß, trägt Blüte und Frucht, spendet Schatten und Segen auf Gottes Geheiß und nach Gottes Willen. Und was den Menschen der erste Tischri ist, das ist für uns der fünfzehnte Schewat. So wollen wir uns denn erzählen, wie wir das Jahr verbracht und ob wir es wert sind, weiter lustig zu grünen und zu blühen und uns des lieben Sonnenscheins zu erfreuen und des befruchtenden Regens. Wohlan denn, du Weinranke, beginne, deine Beeren sind vor allen wertgeschätzt!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rebe summte: „Ende August war’s. Ich war üppig voll behängt und meine Trauben waren von einem Saft und von einer Süßigkeit, dass ich selbst ganz entzückt davon war. Und die Sonne brannte mir immer weiter auf den Rücken, ich kochte einfach. Doch ging eines Mittags ein kleines, schwaches Kind durch meine Reihen. Es schlich langsam auf einen Krückstock gestützt, und ein zartes, feines Mädchen führte es. Die kleine Begleiterin war wie Rosenrot und Himmelsblau, von duftig überhauchten Bäcklein und schimmernden Äuglein. Sie beugte sich so sanft und freundlich zu der armen Freundin nieder, sie reichte ihr so zierlich und behände die Ärmchen, ich war außer mir vor Seligkeit, soviel Liebe walten zu sehen. Das kranke Mädchen sandte warme, verlangende Blicke nach meinen Früchten, die wie schwere, dunkle Perlen aufgeschnürt waren. Ich hielt mit meinen Ranken das Kind aus Rosenrot und Himmelsblau fest. Man konnte fast meinen, dass es mich verstand. „Da, brich meine Trauben“, wollte ich ihm sagen, „da, schichte sie auf zu dichtem, fröhlichem Haufen und erquicke deine arme Freundin“. Das Mägdelein sah mich lange an. „Ich möcht&#8216; schon gerne,&#8220; sagte sie silberstimmig, „aber ich weiß nicht recht, ob ich darf. Die Trauben werden doch gebraucht. Man macht doch so klaren, köstlichen Wein daraus, mit dem dann der Vater den Sabbath segnet. . . . doch es gibt ja noch mehr&#8220;, rief sie plötzlich beherzt, pflückte die besten meiner Sprösslinge vom Laub und reichte sie der Kleinen. Das arme Kind tat sich gütlich. Ich aber bat unseren Herrn droben, er solle meiner lieblichen Freundin lohnen, was sie Gutes getan, und solle mit diesem Sinne und mit diesem Herzen sie weiter emporblühen lassen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich mische mich lieber unter die kichernde gesunde Gesellschaft&#8220; rief der Nussbaum fidel von seiner Höhe herab. „Mir knackts in allen Gliedern, wenn ich so eine Kinderschar hier herumtollen sehe. Pardauz — mach&#8216; ich und fall&#8216; ihnen vor die Füße? Vielmehr, ich bleibe grad und aufrecht, nur meine Nüsse schick ich ihnen, dass sie damit in der Sukkoh<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Häuflein spielen und sich deshalb noch einmal so gern an das liebe, lustige Laub­hüttenfest erinnern. So geht&#8217;s bei mir ein Jahr um das andere, ich erleb&#8216; nicht viel Neues, aber ich freue mich meines Daseins und werde mich freuen, solange es Gott gefällt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Unter mir haben ein Vater und eine Mutter lange, ernste und nachdenkliche Rast gehalten, zu der ich lindernden und kühlenden Schatten ge­spendet habe&#8220;, hub der Kastanienbaum langsam an. „Ich hab&#8216; von schweren, herzbrechenden Sorgen und von tiefer, zehrender Kümmernis gehört. Sie haben zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Und sie haben immer ihr Trachten darauf gerichtet, sie in Gottesfurcht und in Gottesliebe großzuziehen. Und sie hatten gejauchzt bei jedem Keim und Reis, das sie ent­deckt, und sie hatten gejubelt bei jeder Blüte, die ihrer Obhut entsprossen war. Nun sind die Blüten vernichtet und abgefallen, denn die Kinder sind in die Fremde gegangen und haben Gottes Wort und der Eltern Lehren schnell vergessen. Und nun saßen die alten Leute traurig zusammen und haben sich mit bitteren Tränen gefragt, wozu sie auf der Welt noch nütze seien. Das Mitleid hat mich gepackt, als ich das hörte, dass durch mich ein Rauschen ging, wie vom tiefsten eigenen Herzeleid.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Papperlapapp, nicht immer so sentimental!&#8220; fuhr hitzig der Kirschbaum in die schwermütige Stimmung, die die ganze Versammlung ergriffen hatte. „Mich hat ein Mädchen angefasst, ein Mädchen mit Lippen, so rot wie meine Kirschen, und hat mich gerüttelt und sich daraus einen Kranz in ihr schwarzes Haar gemacht aus meinen roten Früchten und ist hin und her getanzt und hat übermütig dazu gerufen: Starmatz<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>, pfeif&#8216; mal, jetzt gib&#8217;s bald Hochzeit! Kirschbaum, guck mal, was ich schön bin! Und ich — hab gewackelt vor lauter Lachen über die Munterkeit!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Leichtfuß&#8220;, sprach gemessen der Apfelbaum, und der Rosenstrauch reichte ihm verstohlen die dornige Hand. „Bist nicht gut beraten, wenn du meinst, der Übermut und die Schönheit allein tun&#8217;s. Schön ist das Lachen, beim Himmel, wer möcht es missen? Und herrlich ist die Schön­heit, wer möcht ihr Prangen entbehren? Aber Schönheit und Lachen können schnell vorüber­gehen — des Herzens Reinheit und der Seele heitere Freude, sie sollen uns durchs ganze Leben geleiten. Wie ich unter den Bäumen des Waldes, wie die Rose unter den Dornen — so sollte Israels Jugend blühen unter den Völkern. Still blüht die Rose und möchte schamhaft ihren Kelch vor Menschenaugen schließen, den Kelch, den sie nur Gott und Seinem blauen Himmel frei zu­wendet. Und, mit zarten, rosigen Blüten übersäet, bin ich ein Wohlgefallen dem klaren Blick und mit meinen leckeren Früchten feine, duftige Labe dem Kranken, dem Genesenden, den Ge­heilten. Klar aber muss der Blick sein, der mich anschaut, und nur mit reinen Lippen wollen meine Früchte berührt sein.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aus der Jugendzeit — aus der Jugendzeit — klingt ein Lied mir immerdar. — O, wie liegt so weit, o wie liegt so weit — was mein einst war!<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>&#8220; zwitscherte eine muntere Stimme. Es war gar nicht so traurig und hoffnungslos, wie&#8217;s die Worte hätten vermuten lassen, was der Esrog<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> sang. „Ich bin allerdings eingemacht in sauer und süß&#8220;, unterbrach&#8217;s sich, wie um Entschul­digung bittend, „es ist mir auch manchmal recht bitter zu Mut, wenn ich so künstlich und über­mütig verzuckert werde. Doch das geht halt so und muss ertragen werden. Ja, ich hab&#8216; mal in ganzen Wäldern geblüht und geleuchtet, dort weit überm Meer, im heiligen Lande, woher man mich geholt hat. Mein Stamm hat stolze Juden ge­sehen und aufrechte Gottesdiener und hat den Scharen fröhlichen Gruß entboten, die hingewallt<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> sind zum Tempel und sich dort Befreiung geholt von Sorgen und von Sünden. Und dann, viele Jahrhunderte lang, ist mein Stamm fast verdorrt von all der Einöde, die ihn umgab, und von dem schweren Weh das er erlitt, weil er, trotz allem sehnlichen Auslugen<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>, nichts wahrnehmen, konnte, als Trümmer und Wüstenei. Nun wächst er erfrischt und erfreut neu empor, weil er wieder fröhliche Lieder hört von heimischen Zungen, und weil sich wieder rührige Hände regen und zu ackern beginnen und zu pflügen, zu pflanzen und zu jäten, um die Wüstenei mit Gottes Hilfe wieder urbar zu machen und die Einöde mit seinem Beistand umzuwandeln in geselligen jüdischen Menschenboden, bis Gottes ganzer Segen sich ausgießt über unser Heimatland und Gottes ganzer Segen uns dort versammelt. Ach, Kinder, ich bin so glücklich darüber und bin so selig, dass man mich hätschelt und hochträgt mit starken Armen am heiligen Sukkothfest!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mandel sprengte ihre Schale vor Lust über das Bekenntnis des Esrogs. „Brüderlein, ich umarme dich! Aus leblosem Holz, das nicht meines Stammes war, bin ich emporgeblüht in Ahrons Tagen als Zeichen der Wunderwaltung und der Liebe des Herrn<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a>. An geweihtester Stätte hat man mit meinem Abbild die goldene Menauroh<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a> verziert, die dem Glück Israels leuchtete und ihm Geist und Herz erhellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leuchter in Sacharjas Vision (Buchmalerei von Josef Asarfati, Biblia de Cervera, um 1300, Biblioteca Nacional de Portugal)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun sind wir und unsere Lieblinge in der Fremde. Dieses Jahr hier — in Schnee und Winter. Im kommenden Jahre in Jerusalem — in Sonne und ewigem Frühling!&#8220; Ehrfürchtig neigten alle Bäume ihre Häupter und stimmten einträchtig an:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Führet der Herr heim<br>Zions Gefangene,<br>Füllt sich mit Lachen<br>Wieder der Mund.<br>Füllt sich mit Jubel<br>Unsere Zunge<br>Sprechen die Völker:<br>Großes wirkt Gott!&#8220; — — —<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schneemann wartete keine Aufforderung ab. Er sputete sich von selbst, um schleunigst die neuverwehten Pfade zu säubern, damit die Schar heimkehren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Garten lag wieder in tiefer Stille im Schein des Vollmonds.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Max Speier</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dies ist ein Auszug aus einem Bericht von Gudrun Schmidt vom Verein „Stolpersteine in Kassel e.V.“ den Sie unter <a href="https://www.kassel-stolper.com/biografien/olga-max-u-lieselotte-speier-ida-wertheim/"><strong>https://www.kassel-stolper.com/biografien/olga-max-u-lieselotte-speier-ida-wertheim/</strong></a> komplett lesen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">geb. am 23. Juni 1897, stammt aus einer bekannten Hoofer Familie. Seine Eltern, der Handelsmann Julius und Jettchen Speier, geb. Rosenbach wohnten mit Sohn Simon Speier, geb. 1888, Schwiegertochter Selma und Enkelin Brunhilde (geb. 1920) in der Hoofer Fuckelgasse, jetzt Herkulesstraße. Max Speier wurde mit 18 Jahren Soldat und nahm von 1915 bis 1918 wie viele aus dem Dorf am 1. Weltkrieg teil. Später war er als Vertreter tätig. Mit 26 Jahren heiratete er.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Hoof</em></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Früher zum adligen Gericht Schauenburg gehörig, ist Hoof mit etwa 3.000 Einwohnern seit 1972 eines der fünf Dörfer der Gemeinde Schauenburg. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus 1250 n. Ch. Im späten 16. Jh. ließen sich sogenannte Schutzjuden unter der Ortsherrschaft der Familie von Dalwigk nieder. Sie trieben Kleinhandel und etwas Landwirtschaft. Platz für den gemeinsamen Friedhof – den ältesten jüdischen in Hessen – überließ ihnen die Herrscherfamilie im nahen Breitenbach. Die jüdische Gemeinde entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur größten Gemeinde im Landkreis Kassel mit bis zu 230 Mitgliedern. 1840 wurden eine Synagoge, eine Mikwe und ein Schulraum mit Lehrerwohnung eingerichtet. Die jüdische Elementarschule, deren Lehrer in Kassel ausgebildet wurden, bestand seit 1827, um 1890 mit bis zu 60 Schülern. Nach dem Tod des letzten Lehrers wurde sie 1934 geschlossen. Das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit war weitgehend unproblematisch. Jüdische Bürger waren im Gemeinderat, den Vereinen, der Feuerwehr, selbst in dem stramm nationalen Kyffhäuser Bund usw. Die Gaststätte des Juden Meinhard Gumpert war Treffpunkt für alle.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab 1933 machten die Juden Hoofs zwiespältige Erfahrungen. Auf der einen Seite gab es offenkundig Nichtjuden, die an der im Dorf gelebten Integration der jüdischen Bevölkerung in das Vereins- und auch Gemeindeleben keine Abstriche machten, was die Aufmerksamkeit des antisemitischen Hetzblattes der Nationalsozialisten „Der Stürmer“ im Jahr 1934 erregte, in dem ein Hetzartikel über das Dorfleben in Hoof erschien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Auf der anderen Seite standen Erfahrungen von Diskriminierung, vor allem auch bei Kindern, Aufforderungen zum Boykott, 1935 sogar von gewalttätigen Ausschreitungen. Bis 1935 emigrierten deshalb bereits einige Familien ins Ausland, andere verließen danach den Heimatort oder konnten vor allem 1938 ihre Kinder mit Hilfe der Kindertransporte ins sichere Ausland bringen. Am 8. November 1938 wüteten aus anderen Dörfern angereiste SA-Leute in Hoof, fanden dort aber auch Mittäter aus dem Ort. Nach dem Pogrom hatten die Hoofer Juden innerhalb kurzer Zeit die Gemeinde zu verlassen, Hauseigentümer unter ihnen ihr Eigentum zu verkaufen. Eine Erfassungsstelle in Kassel wies sie in Häuser im Bereich zwischen Altmarkt und Grünem Weg ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Max Speier war mit Frau und Tochter sowie den Schwiegereltern Wertheim noch vor dem Pogrom im Sommer 1938 nach Kassel gezogen. Am 10. November 1938 wurde er zusammen mit etwa 250 jüdischen Männern in Kassel verhaftet und anschließend in einem Sonderlager innerhalb des KZ Buchenwald bis zum 16.12.1938 unter Bedingungen inhaftiert, die noch schrecklicher waren, als es in Buchenwald ohnehin der Fall war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Hausstandsbuch war die Familie zwar in der Moltkestraße registriert, tatsächlich war Max Speier dann aber wie seine Frau und seine verwitwete Schwiegermutter ab dem 11. April 1941 im „Arbeitserziehungslager Breitenau“. Statt eines Fotos fanden wir im Gestapo-Aufnahmebuch Nr. 412 des „Arbeitserziehungslagers Breitenau“ diese Personalbeschreibung des Schutzhäftlings: 1,73 m groß, dunkle Haare und Augenbrauen, Stutzbart, Kinn normal, Gesicht voll, Farbe braun, 6 Goldzähne, Statur kräftig, keine besonderen Merkmale.“ Und im Hinterlegeblatt heißt es: „je 1 Mütze, Mantel, Weste, je 2 Hemden, Unterhosen, Handtücher, 1 Uhr mit Kette“. Zurück in der Moltkestr. 10, wurde er am 1. Juni 1942 – also vor 80 Jahren &#8211; nach Majdanek deportiert und am 29. Juli 1942 dort ermordet. Max Speier wurde 45 Jahre alt.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Deutsch-jüdische Aussprache für „Chamischa Esre be Schwat“ <strong>כמישע עזרי בשבט</strong><strong>, </strong>der 15. Schewat</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Rosch-Ha´schana <strong>ראש השנה </strong><strong>&nbsp;</strong>deutsch-jüdische Aussprache</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Sukkah <strong>סוכה</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> (im Käfig gehaltener) Star</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &#8222;O, wie liegt so weit&#8220; ist ein berühmter Vers aus dem Gedicht &#8222;Aus der Jugendzeit&#8220; von Friedrich Rückert, das oft als volkstümliches Lied (oder Kunstlied) vertont wurde, das die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und der Kindheit ausdrückt, wo die Schwalben immer noch singen, aber das Herz leer geblieben ist. Der komplette Vers lautet meist: &#8222;O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war! Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Etrog, <strong>אֶתְרוֹג</strong>, zitronenähnliche Frucht, eine der 4 Arten am Sukkotfest.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> gepilgert</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Umherschauen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Numeri 17:17-25. Aus dem Kommentar von Rabbiner Hirsch zu Exodus 25:39: <strong>משוקדים</strong>, mandelförmig oder mandelartig werden die Kelche der Menora wiederholt charakterisiert, und ist, …, die Überlieferung schwankend, ob nicht Schmot 25, 34 — wie auch die Akzentstellung zeigt — dies <strong>משוקדים</strong> auch zum Charakter der <strong>כפתורים</strong> und <strong>פרהים</strong> gehört. Nun ist aber <strong>שקד</strong>, sowohl sprachlich als Verbum, als sachlich, Mandel, im symbolischen Gebrauch, der <em>spezifische Ausdruck für die intensivste Richtung und Dahingebung der Geistestätigkeit an einen Gegenstand oder einen Zweck</em>. Sowie der Mandelbaum am frühesten blüht (bei uns schon im März) und früher Blüten als Blätter hat, so ist <strong>שקד</strong>, sein Name, überhaupt Ausdruck für eifrige, rastlose, rasch zum Ziele strebende, wache und fleißige Geistesanstrengung, Ausdruck für das, was wir Fleiß und Studium nennen würden. &#8222;Wenn Gott die Stadt nicht schützt, vergebens <strong>שקד</strong>, wacht der Wächter&#8220; (Ps. 127, 1). &#8222;Glücklich der Mensch&#8220;, spricht Prov. 8, 34 die Weisheit, &#8222;der mir zuhört, <strong>לשקוד</strong>, emsig an meinen Türen Tag für Tag zu wachen&#8220;: &#8222;Wie ich <strong>שקדתי</strong> <strong>עליהם</strong>, über sie mit Eifer, rastlos zu zertrümmern und zu zerstören gestrebt&#8220;, heißt es Jerem. 31, 28, &#8222;so <strong>אשקד עליהם לבנות ולנטוע</strong>, so werde ich rastlos, mit Eifer, über sie streben zu bauen und zu pflanzen&#8220;. &#8222;Was siehst du&#8220;, wurde Jirmijahu Kap. 1, 11 gleich bei seiner ersten Berufung gefragt, &#8222;<strong>מקל שקד</strong>, einen Mandelstab sehe ich&#8220;, lautete die Antwort. &#8222;Du hast gut geschaut&#8220;, erwiderte Gott, &#8222;denn <strong>שקד אני על דברי לעשתו</strong>, eifrig betreibe ich mein Wort zu erfüllen&#8220;: Bamidbar 17, 16 ff. sollte der Stammesfürst als der geistig Erwählte von Gott bezeichnet sein, dessen Stab blühen werde, und dieser Stab sollte als ewiges Denkmal vor dem Zeugnis bewahrt bleiben. Aarons Stab nun, durch dessen Blühen der Stamm Levi und in diesem Stamm das Haus Aaron als die für das Priestertum geistig Erwählten dokumentiert sein sollten, <strong>ויצא פרח ויצץ ציץ ויגמל ,&#8220;שקד</strong><strong>&#8220; </strong>&#8222;<em>!brachte Blumen, trieb Staubfäden und reifte Mandeln!</em>&#8220; <strong>שקדים</strong> die ernste, rastlose, eifrige, tätige und erfolgreiche Hingebung an den Beruf sehen wir also hier als denjenigen Charakter bezeichnet, der den Stamm der Aaroniden für die Erwählung zu dem hohen geistigen Berufe des jüdischen Priestertums befähigt zeigte, und glauben wir hierin eine nicht geringe Bestätigung für unsere Auffassung der mandelartigen Blütengebilde an der Menora zu finden. Tragen ja Schaft und Arme des Leuchters eben dieselben Symbole, die den vor dem Zeugnis ruhenden Aaronsstab als Priesterstamm charakterisierten. Hier wie dort Mandeln reifende Blüten!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Menora</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Psalm 126</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Teweth</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-teweth/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Dec 2025 20:35:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 31.01.1935 erschien diese „Kinderecke“ in der Zeitschrift „Der Israelit“. Ein Junge träumt vom bewegenden Auf und Ab in der jüdischen Geschichte. „Beinahe die ganze Jüdische Geschichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epochen, die ungemein schwere Prüfungen für das jüdische Volk darstellen.“ Die schwerste Prüfung hatte er noch vor sich. Der Text wurde [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Am 31.01.1935 erschien diese „Kinderecke“ in der Zeitschrift „Der Israelit“. Ein Junge träumt vom bewegenden Auf und Ab in der jüdischen Geschichte. „Beinahe die ganze Jüdische Geschichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epochen, die ungemein schwere Prüfungen für das jüdische Volk darstellen.“ Die schwerste Prüfung hatte er noch vor sich.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter: &nbsp;</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2538883">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2538883</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das ewige Feuer</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Erzählung von den Sabbatlichtern<br>Von Siegfried Geller</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war im Winter an einem „langen&#8220; Freitag­abend. Tiefer Schnee hüllte das Städtchen mit sei­nen kleinen, niedrigen Häuschen in eine einzige weiße Decke. In den engen Gässchen war kein Laut zu ver­nehmen; äußerste Stille beherrschte den Umkreis. Kein Wunder auch, denn über die Hälfte der gesam­ten Einwohner waren Juden, und wenn der Sabbat seinen Einzug hielt oder sonst irgendein jüdischer Feiertag, dann ruhte auch die Arbeit der nichtjüdi­schen Bevölkerung, weil einer vom andern abhängig war. Es war übrigens ein sehr harmonisches Zusam­menleben zwischen Juden und Christen, sowohl wirt­schaftlich als auch gesellschaftlich. Man half sich gegenseitig, und man teilte gemeinsam Freud und Leid. Nicht Hass und Neid trennten die beiden Grup­pen, sondern wahres Menschentum vereinte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Fenstern konnte man noch den Schein der Sabbatlichter bemerken, und aus manch einer Tür noch die Semiroth-Gesänge hören, aber allmäh­lich verstummten die heiligen Melodien, denn es war schon spät am Abend. Nur ab und zu unterbrach ein Wachhund durch sein schallendes Gebell die feierliche Sabbatstimmung. Der Sabbat hat eine so heilige Kraft in sich, die man nicht schildern, sondern die man nur fühlen und empfinden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Hause des alten Raws hatte sich soeben alles zur Ruhe begeben. Eine schöne, echt jüdische Freitagabendfeier nach alter überlieferter Tradition war beendet. Das Familienoberhaupt verstand es sehr gut, durch allerlei interessante Vorträge über die hohe sittliche Idee des Sabbats die Kinder die Heiligkeit dieses Tages unmittelbar spüren zu lassen, so dass sie beim Zubettgehen noch ganz in seinem Bann standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der bald vierzehnjährige Uri und sein jüngerer Bruder Wolf schliefen gemeinsam in einem Zimmer, das an das Esszimmer angrenzte. Bevor Uri schlafen ging, ließ er die Tür des Esszimmers offen, damit sein Schlafraum durch den Schein der Sabbatlichter, die noch ungefähr eine gute halbe Stunde brennen durf­ten, etwas erhellt wird; denn Uri schlief immer lieber bei Licht ein. Sein Brüderchen Wolf lag schon in tiefem Schlaf und träumte sicher schon von all den schönen Erlebnissen des Freitagabends.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur Uri konnte heute nicht so schnell Schlaf finden; und so dachte er über alles Mögliche nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich aber blieben seine Blicke an den beiden Sabbatkerzen haften. Starr und gebannt von ihrem heiligen Schein beobachtete Uri genau ihre Flammen. Manchmal, da brannten sie ganz ruhig und strebten in die Höhe, und manchmal wieder begannen die Flammen unruhig hin und her zu flackern, als hätte sie jemand aus ihrer Ruhe gestört &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri hatte diesen Vorgang genau beobachtet. Nicht ein einziges Mal waren seine Blicke von den Kerzen gewichen. Ihn überkam ein seltsames Gefühl; er wurde ängstlich. Warum — das wusste er eigentlich nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lichter waren nun schon allmählich dem Er­löschen nahe. Für einige Sekunden wurde es ganz dunkel, so dass Uri glaubte, die Lichter wären schon erloschen. Aber nein! Sofort entstieg wieder den zwei silbernen Leuchtern eine große Flamme, viel größer als zuerst und erhellte das Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri wurde es jetzt noch viel unheimlicher zumute. Denn als er so die zwei Lichter betrachtete, wie sie gleichermaßen mit dem Tode rangen, da musste er unwillkürlich an seine Großmutter denken, die vor einem halben Jahre starb. Er war dabei, als die alte Frau im Todeskampf lag, und er musste zusehen, wie man ihr dann die Augen zudrückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri wurde aber allmählich doch müde. Wieder sah er, mal aus dem einen, mal aus dem andern Leuchter eine solch große Flamme, man möchte sagen heilige Flamme auflodern; und das immer, wenn er glaubte, die Lichter wären erloschen. Uri staunte, wie lange sie brannten; er wollte nun noch nicht ein­schlafen, weil er jetzt neugierig wurde, wie lange die Sabbatlichter wohl brennen würden, bis sie vollstän­dig erloschen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Uri war schon so müde, dass ihm die Augen zufielen. Ab und zu raffte er sich mit Gewalt aus seinem Dösen auf — aber wieder entrollte sich vor seinen Augen dasselbe Bild: die große Flamme…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri schlief ein, aber die Lichter brannten immer noch &#8230;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein solches Erlebnis kurz vor dem Einschlafen spiegelt sich meistens im Traum wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri träumte von den beiden Sabbatlichtern. Er sah sie weit schöner, als sie in der Wirklichkeit aussahen. Sie steckten in zwei riesigen silbernen Leuchtern, wie Uri ähnliche noch nie gesehen hatte; die Lichter selbst, die gleichfalls sehr groß waren, brannten mit einer Flamme, die Uri an eine lodernde Fackel erinnerte. Uri fühlte sich sehr wohl in ihrer Umgebung; denn die Sphäre, die die Lichter umgab, war äußerst lieblich und harmonisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unerwartet aber wurden die herrlich glänzenden Leuchter immer größer und größer, bis sie eine so riesige Form annahmen, dass sie im Nichts aufgingen . . . Gleich danach ereignete sich etwas Seltsames: Vor Uri begann die ganze jüdische Geschichte ab­zulaufen! Ja, nicht nur abzurollen, sondern Uri er­lebt nun selber die großen Geschichtsepochen des Judentums, weil er mitten in sie hineingestellt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri erlebt das Zeitalter unserer großen Patriar­chen Abraham, Isaak und Jakob. Er sieht sie alle wie sie bemüht sind, in ihrem Leben die hohen g´tt­lichen Ideale zu verwirklichen. Uri durchwandert all die Begebenheiten, die wir alle aus der Thora her kennen. Alles vollzieht sich aber in einem ungeheuren Tempo. Schon ist unser Uri dabei, wie die Kinder Israel trockenen Fußes durch das Rote Meer schrei­ten, nachdem er vorher die Wunder G&#8217;ttes in Ägypten mitansehen durfte. Aber der Zug durchs Meer, erschüttert ihn ganz besonders; er erkennt erst jetzt so richtig die Allmacht G&#8217;ttes. Kein Wunder, dass dieses weltgeschichtliche Ereignis später in den ver­schiedensten Gebeten erwähnt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das, was seit Bestehen der Welt einzig da­steht, das Ereignis, in dessen Bann die ganze Mensch­heit stand und stehen wird, auch das erlebt Uri: die Offenbarung am Sinai. Israel, das auserwählte Volk G&#8217;ttes, wird beauftragt, nach dem g&#8217;ttlichen Ge­setz zu leben, um so als leuchtendes Vorbild der gan­zen Menschheit voranzugehen. „Liebe deinen Näch­sten wie dich selbst!&#8220; Das ist der große Befehl G&#8217;ttes an Israel und an die Menschheit. Im Mittelpunkt steht das Gesetz der Sabbatheiligung. Der Sabbat, der nicht nur an G&#8217;tt erinnern soll, der in sechs Tagen Himmel und Erde geschaffen hat, sondern auch an die Be­freiung aus der Knechtschaft. Israel soll nicht mehr Sklave seiner Arbeit sein, sondern Herr seiner Ar­beit! Um das zu zeigen, soll er sich am siebenten Tage seines freien Menschentums im Ebenbilde G&#8217;ttes freuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Höhepunkt der Reise durch die jüdische Ge­schichte hatte Uri erreicht; etwas Höheres erleben, konnte er gar nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem noch schnelleren Tempo als bisher, durch­eilte Uri in seinem Traum das weitere Schicksal des jüdischen Volkes. Er sieht es, nach vielen unsäg­lichen Mühen und Leiden das jüdische Land erobern, er sieht es, ein eigenes staatliches Leben führen, er erlebt aber auch die große Katastrophe des jü­dischen Volkes: die Zerstörung seines Heiligtums und somit den Untergang des jüdischen Staates. Grässlichen Szenen wohnt Uri bei während der Kämpfe der Römer gegen die Juden. Doch das Allerschrecklichste, was Uri sieht, ist die Entweihung und Ver­brennung des Beth-Hamikdasch, des heiligsten Hauses des Erdenrunds, in der heiligsten Stadt im heiligsten Land.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri fühlt im Traum, dass er sehr erregt ist, er verspürt deutlich ein starkes Herzklopfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun beginnen für das jüdische Volk wieder harte, schwere Zeiten: die Golusleiden. Jeder von uns weiß, was mit diesem Wort alles gemeint ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri wandert mit den trauernden jüdischen Massen in die Verbannung und muss all die Leiden mitansehen, die die Juden in den verschiedensten Ländern zu den verschiedensten Zeiten zu ertragen haben. Sei es das dunkle Mittelalter mit seinen unmenschlichen, ungerechten Judenverfolgungen oder sei es die Neu­zeit und neueste Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch einen Tischa be Aw erlebt Uri in seinem großen Traum. Nun erst erfasst er so recht die Be­deutung dieses Tages, nachdem er das jüdische Volk auf seinem großen Leidensweg begleitet hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri befindet sich in einem kleinen Gebetsstübel des Ostens. Der Raum ist nur sehr spärlich beleuchtet; alle Beter sitzen zum Zeichen der Trauer auf dem Fußboden und sagen in einer sehr traurigen Melodie die Klagelieder. Lange hat sich Uri zurückgehalten, aber er kann es nicht mehr und beginnt jämmerlich zu weinen, — — — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit erwachte Uri aus seinem Traum. Man merkte es ihm an, dass er sehr erregt war. Uri sah sogar so aus, als hätte er wirklich geweint. Er schwitzte am ganzen Körper. „So einen Traum,&#8220; sagte er zu sich selbst, „gibt es wohl nicht ein zweites Mal, und außerdem noch in der Sabbatnacht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Uri sich im Bett aufsetzte, sah er, dass sein Bruder Wolf schon aufgestanden war. Er wunderte sich zuerst, weil er wusste, dass Wolf am Sabbat län­ger schlief. Doch als Uri auf die Uhr blickte, da war es schon — bald acht Uhr, und um acht begann der G&#8217;ttesdienst! Die ganze Familie war bereits in die Synagoge gegangen. In aller Eile kleidete sich Uri an und rannte in das Bethaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber an den Traum musste Uri den ganzen Tag denken, er ließ ihn nicht in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleich nach dem Mittagessen machte Uri allein einen Spaziergang durch das ruhige Städtchen, um das in der Nacht Erlebte einmal genauer zu durch­denken. Ihm drängte sich nie so eindringlich die Frage auf, warum nämlich das jüdische Volk so viel leiden muss wie jetzt, nachdem er die ganze jüdische Geschichte so plastisch, wie man das eben nur im Traum sehen kann, erlebt hatte. Uri lernte sehr gern und sehr fleißig jüdische Geschichte, aber er konnte sich in viele Kapitel innerlich nicht so einfühlen. Er wuchs in dieser Kleinstadt auf und kam bisher noch nie über ihre Grenzen hinaus. Den Antisemitismus hatte er bisher niemals praktisch kennenlernen können, weil ja in seiner Geburtsstadt das Leben zwischen Juden und Nichtjuden so glücklich war, wie man es sich nur denken konnte. Was Uri über den Judenhass wusste, das hatte er nur in der Zeitung gelesen. Doch auch mit Zeitungslektüre gab er sich sehr selten ab, da sein Vater ihn immer ermahnte, die Zeit lieber mit Lernen zu verbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein herrlicher Wintertag. Der Schnee glitzerte in der hellstrahlenden Sonne und knirschte nur so unter den Füßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Uri war schon fast bis an das Ende der Stadt spaziert. Er musste aber Kehrt machen, um nicht die vorgeschriebene Sabbatgrenze zu verletzen. Auf dem ganzen Weg hatte ihn sein Traum stark beschäftigt. Dann fiel es Uri auf einmal ein, dass er gestern vor dem Einschlafen die Flammen der Sabbatkerzen so genau beobachtete. Und auch später im Traum er­schienen ihm wieder die beiden Lichter, jedoch viel viel größer und schöner. Dasselbe Spiel der Flammen aber konnte er abermals beobachten. Mal brannten sie ruhig, mal flackerten sie wild hin und her; und glaubte er, sie wären erloschen, da leuchtete sofort wieder eine große, helle Flamme auf. Uri erinnert sich auch, dass er einschlief, ohne die Lichter aus­gehen zu sehen … Auch im Traume sah er die Flammen nicht erlöschen &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun hatte Uri den Zusammenhang erfasst. Die Deutung liegt auf der Hand: das jüdische Schicksal. Kurzen, ruhigen Zeiten folgten ebenso lange, stürmisch bewegte Epochen. Beinahe die ganze Jüdische Ge­schichte bis auf den heutigen Tag bilden solche Epo­chen, die ungemein schwere Prüfungen für das jü­dische Volk darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Indessen war Uri wieder in die Nähe seines Hau­ses gekommen. Er wollte aber noch nicht hinein­gehen; und so ging er weiter, am Torweg vorüber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und je weiter er ging und nachdachte, umso klarer wurde ihm der Sinn des Lichtraumes.</p>
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		<title>Kinderecke Kislew</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-kislew/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2025 09:52:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zwei Gedichte zu Chanukka für diesmal in der Kinderecke. Sie stammen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 21.12.1911. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405 Schabbos-Lampe und Menauroh.[1] In traulichter Freitag-Abend-StubeSitzen zwei Kleine, ein Mädel, [&#8230;]</p>
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<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Zwei Gedichte zu Chanukka für diesmal in der Kinderecke. Sie stammen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 21.12.1911.</p>

<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>

<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405</a></p>

<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong><em>Schabbos-Lampe und Menauroh</em></strong><strong>.<a id="_ftnref1" href="#_ftn1"><strong>[1]</strong></a></strong><strong><br /></strong></p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>In traulichter Freitag-Abend-Stube<br />Sitzen zwei Kleine, ein Mädel, ein Bube,<br />Ein gar niedlich Geschwisterpaar,<br />Zählen beide fünf und ein halbes Jahr;<br />Er lebendig, pausbäckig und sehr couragiert;<br />Sie sittsam, bescheiden, wies Mädelchens ziert;<br />Sind ihrer Eltern einzige Sprossen,<br />Haben alles bisher gemeinsam genossen,<br />Lernten zählen sogar schon spielender Weis&#8216;<br />Und wissen beide den Anfang vom Alef-Beis<a id="_ftnref2" href="#_ftn2"><sup><strong><sup>[2]</sup></strong></sup></a>;<br />Kein Apfel, den sie nicht redlich geteilt,<br />Wo das Eine ist, stets auch das Andere weilt.<br />Aber jetzt hört nur, was heute geschehen:<br />Die Beiden können sich nicht verstehen;<br />Und was sie bisher noch niemals taten,<br />Heut sind die Kleinen in Streit geraten.<br />Drum sitzen in der Freitag-Abend-Stube<br />Durch Stühle getrennt heut&#8216; Mädel und Bube;<br />Sprechen kein Wörtchen, die beiden Tröpfchen,<br />Und senken gramgebeugt ihre Köpfchen.<br />Aber der Zank war auch wirklich zu schwer.<br />„Gretel ist neidisch&#8220;, — denkt grimmig er;<br />„Benno will alles haben allein&#8220;,<br />Sinnt sie, — und hüllt sich in Kummer ein.<br />Wer hätte das heute Morgen gedacht,<br />Als man in Freitag-Stimmung erwacht!<br />Wie waren sie noch in den Morgenstunden<br />Durch fröhliche Arbeit doppelt verbunden!<br />Wie trippelten Beide so sauber und lecker,<br />Händchen in Händchen zum Kuchenbäcker! —<br />Aber— — dann kam der Vater nachhaus&#8216;, —<br />Packte ein glitzerndes Etwas aus:<br />Ein Leuchter war´s, was da blinkte und blitzte,<br />Grad so einer, wie ihn Vater benützte,<br />Wenn er alljährlich acht Abende lang<br />Die schönen Chanukoh-Verse sang.<br />Das wussten sie gleich die beiden Kleinen,<br />Wir sind keine Dummchens, das will ich wohl meinen;<br />Zwar ist dieser nur klein und von zierlichem Maß,<br />Als sei er bestimmt nur zu Spiel und zu Spaß;<br />Ganz sicher hat Vater dies, gebet nur acht,<br />Seinen beiden Kleinen zum Spielen gebracht.— —<br />— — Ein Irrtum war´s, fürs Bübchen allein<br />Sollte der niedliche Leuchter sein,<br />Und was zuvor noch niemals geschehn,<br />Das Schwesterlein musste zurücke stehn,<br />Was half´s, daß der Vater sie tröstet: „mein Gretel,<br />Bist halt nur ein kleines Mädel,<br />Und nur für die Jungens besteht die Pflicht<br />Zu entzünden alljährlich das Chanukah-Licht!&#8220;<br />Ja, ja ich muss es gestehen leider,<br />Gretelchen grämt sich im Stillen noch weiter,<br />Und als Benno sieghaft die Brochoh<a id="_ftnref3" href="#_ftn3"><sup><strong><sup>[3]</sup></strong></sup></a> sang,<br />Die sie selbst mitgeprobt hatte Tage lang,<br />Hielt sie´s für ein Unglück ganz offenbar,<br />Daß sie nur eben ein Mädelchen war.<br />So saß sie am Tisch und härmt sich gar sehr.<br />Da wurden die kleinen Äugelein schwer,<br />Und Gretel mit samt ihrem Kummer schlief ein;<br />Da erlebt sie ein wundersam Träumelein:<br />Sieh da, die zierliche, kleine Frau,<br />Sieht aus wie Gretel ganz genau,<br />Hat nur noch ein Häubchen auf den Löckchen kraus,<br />Zu possierlich und niedlich nimmt sich das aus.<br />Auf geht dann die Tür: ihm Zylinderhut,<br />Tritt Benno herein, wie steht ihm das gut;<br />Wie so ein richtiger kleiner Mann<br />Guckt er vergnüglich das Frauchen an,<br />Und Arm in Arm stehen Mädel und Bube<br />In der friedlichen Freitag-Abend-Stube,<br />Wo auf dem Tischchen abseits getrennt<br />Vaters und Bennos Lichtchen brennt,<br />Und wo gerad überm gedeckten Tisch<br />Erstrahlet Mütterchen Schabbos-Licht<a id="_ftnref4" href="#_ftn4"><sup><strong><sup>[4]</sup></strong></sup></a>. —<br />Sieh da, was trippelt vom Tischchen herab,<br />Der Chanukah-Leuchter, er setzt sich in Trab,<br />Nein, hat man so was wohl je schon gesehn,<br />Der kleine Leuchter kann wirklich gehn,<br />Die neue kleine Menauroh, seht,<br />Mit einem Knix vor den Kindern steht.<br />Und schon begibt sich ein neues Wunder,<br />Die Schabbos-Lamp&#8216; kommt von der Decke<br />herunter,<br />Als hätt&#8216; sie das täglich bisher getan,<br />Kommt trippelnd sie bei den Kleinen an.<br />Heut&#8216; scheinen ja lauter Wunder zu walten,<br />Der Leuchter will gar eine Rede halten,<br />Doch sagt er, es falle ihm gerade noch ein,<br />Die Schabbos-Lamp&#8216; müsse die Erste sein,<br />„Nach Ihnen, Frau Lampe, Sie sind älter wie ich<br />Auch sind Sie hier öfter wie ich zu Tisch.&#8220;<br />Da verbeugt sich die Lampe vor dem kleinen<br />Frauchen,<br />Und während die Kinder staunen und lauschen,<br />Sagt sie, sie wolle vor allen Dingen<br />Gretelchen heut&#8216; eine Huldigung bringen,<br />Denn sie sei bestimmt ja, in künftigen Tagen<br />Die Lichter zum Sabbath zu entfachen.<br />Die schönen Flammen so klar und rein,<br />Die sollten dereinst ja ihr Erbteil sein,<br />Drum hätt&#8216; sie auch gar keinen Grund zum Klagen<br />Das wolle sie ihr nur in Güte sagen,<br />Ja freuen müsste sie sich, die Gretel,<br />Daß eben sie ein kleines Mädel.<br />Sie hätte hoch oben sich fast geschämt,<br />Daß Gretelchen sich so gegrämt,<br />Und fast gebühr&#8216; ihr drum ein Tadel. —<br />Sie sei ja doch vom ältstem Adel<br />Und sei allwöchentlich zu Gast,<br />So oft die Menschen hielten Rast<br />Von Arbeit, Sorg und Wochenpflicht,<br />Und wundertätig sei ihr Licht.<br />Da fiel der Leuchter ihr ins Wort,<br />Hier sei zum Streiten zwar kein Ort,<br />Doch wenn von Wundern sei die Sprache,<br />Hätt&#8216; er den Vorrang ohne Frage.<br />Denn stets von neuem künde immer<br />Der kleinen Lichtchen Freudenschimmer,<br />Wie wundervoll geführt zum Ziele<br />Gott einst die Wenigen gegen Viele,<br />Und es erzähl&#8216; der Lichtchen Reihe<br />Von Kampfesend&#8216; und Tempelweihe.<br />Und du legst den Knaben schon ans Herz,<br />Aufrecht zu stehen allerwärts,<br />Und freudig sie bekennen sollten,<br />Daß sie Mackabim werden wollen. — —<br />Hier erwachte die Kleine und rieb sich die Augen,<br />Verschwunden die Lampe, der Leuchter, das<br />Frauchen,<br />Und Benno sitzt ohne Zylinder<br />Und reicht ihr das Händchen: Komm, sei wieder gut!<br />Der Vater aber meint: „Das ist doch schade,<br />Während Du schliefst am Tisch hier gerade,<br />Hab&#8216; ich Menauroh und Lampe verglichen,&#8220;— —<br />„Ach, sagt Gretel, „das hab&#8216; ich inzwischen<br />Alles im Schlafe gehört, und gesehn,<br />Die Beiden können ja sprechen und gehn.&#8220;<br />Sie erguckt sich Menauroh und Lamp&#8216; in der Näh&#8216;<br />Wie selten, die sind so schweigsam wie je;<br />Sie sucht auf den Löckchen nach ihrer Mütze<br />Und greift nur in Haare, verschwunden die Spitze.<br />Das sind doch zu unbegreifliche Sachen!<br />Und sie lacht ihr fröhlichstes Kinderlachen —<br />Und reicht dem Brüderchen lustig die Hände.<br />„Ist Euer Streit nun glücklich zu Ende?&#8220;<br />Spricht Mütterchen, „na, dann ist&#8217;s ja gut,<br />Wenn anders nie Ihr hadern tut,<br />Das schafft kein großes Herzeleid,<br />Wo nur um Pflichten geht der Streit.&#8220;<br />—— Und die noch Stühle vorhin trennten,<br />Die wandern nun mit verschlungenen Händen,<br />Gar würdig hinter den Eltern her,<br />In Chanukah-Stimmung sie und er,<br />Und freudig singen er wie sie<br />Das „Moaus zur jeschuosi<a id="_ftnref5" href="#_ftn5"><sup><strong><sup>[5]</sup></strong></sup></a>“.<br />Nie sah die Freitag-Abend-Stube<br />So froh und herzig Mädel und Bube,<br />Die kleinen Herzen so voll Freude,<br />Weil eben Schabbos </em><strong><em>und</em></strong><em> Chanukoh heute!</em></p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>B. 0.</strong><strong><br /></strong><strong><br /></strong></p>
<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity" />
<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn1" href="#_ftnref1">[1]</a> Deutsch-hebräische Aussprache für: Schabbatleuchter und Menora</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn2" href="#_ftnref2">[2]</a> Alphabet</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn3" href="#_ftnref3">[3]</a> Beracha; Segenspruch</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn4" href="#_ftnref4">[4]</a> Der Schabbatleuchter</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn5" href="#_ftnref5">[5]</a> Ein Chanukkalied</p>

<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Chanukkalied</strong><strong><br /></strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">Mein liebes Kind<br />Und weißt Du es nicht,<br />Was kündet<br />Das herrliche Chanukalicht!<br />Es spricht von Helden<br />Hehr und schlicht,<br />Die ließen das Leben<br />Für ihre Pflicht;<br />Die willig litten<br />Marter und Not,<br />Um nicht zu sterben<br />Den ewigen Tod, —<br />Die unverzagt,<br />Ohn&#8216; geklagt<br />Ihr ganzes Sein<br />Froh gewagt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mein liebes Kind<br />Erzähle mir doch<br />Was flammen die Lichtlein<br />So hell, so hoch? —<br />Sie künden das Wunder<br />Das Gott vollbracht.<br />Der Schwache<br />Hat zu Sieger gemacht.<br />Der Frevler gab<br />Den Gerechten preis<br />Und siegreich ließ stürzen<br />Des Übermuts Weis&#8216;;<br />Der Tempel ward geweihet<br />Bei Jubelklang<br />Ein Krüglein Öl<br />Brannt&#8216; acht Tage lang.<br />Und willst Du wissen.<br />Mein liebes Kind,<br />was die Lichtlein lehren<br />So ernst, so lind:<br />Auf Gott vertrau<br />Zu jeder Zeit,<br />Denn Seine Hilfe<br />Ist stets bereit.<br />Die Eltern ehre<br />Folg´ ihrem Gebot<br />und hilf dem Armen,<br />brich ihm dein Brot!<br />Getreu den Lehren,<br />Die er gegeben<br />So richte ein<br />dein <strong>ganzes</strong> Leben!</p>
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Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;align\&#8220;:\&#8220;center\&#8220;,\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;small\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-text-align-center has-small-font-size\&#8220;&gt;&lt;a href=\&#8220;https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405\&#8220;&gt;https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;align\&#8220;:\&#8220;center\&#8220;,\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;medium\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-text-align-center has-medium-font-size\&#8220;&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Schabbos-Lampe und Menauroh&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;.&lt;a id=\&#8220;_ftnref1\&#8220; 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Benno herein, wie steht ihm das gut;&lt;br /&gt;Wie so ein richtiger kleiner Mann&lt;br /&gt;Guckt er vergnüglich das Frauchen an,&lt;br /&gt;Und Arm in Arm stehen Mädel und Bube&lt;br /&gt;In der friedlichen Freitag-Abend-Stube,&lt;br /&gt;Wo auf dem Tischchen abseits getrennt&lt;br /&gt;Vaters und Bennos Lichtchen brennt,&lt;br /&gt;Und wo gerad überm gedeckten Tisch&lt;br /&gt;Erstrahlet Mütterchen Schabbos-Licht&lt;a id=\&#8220;_ftnref4\&#8220; href=\&#8220;#_ftn4\&#8220;&gt;&lt;sup&gt;&lt;strong&gt;&lt;sup&gt;[4]&lt;/sup&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;. —&lt;br /&gt;Sieh da, was trippelt vom Tischchen herab,&lt;br /&gt;Der Chanukah-Leuchter, er setzt sich in Trab,&lt;br /&gt;Nein, hat man so was wohl je schon gesehn,&lt;br /&gt;Der kleine Leuchter kann wirklich gehn,&lt;br /&gt;Die neue kleine Menauroh, seht,&lt;br /&gt;Mit einem Knix vor den Kindern steht.&lt;br /&gt;Und schon begibt sich ein neues Wunder,&lt;br /&gt;Die Schabbos-Lamp&#8216; kommt von der Decke&lt;br /&gt;herunter,&lt;br /&gt;Als hätt&#8216; sie das täglich bisher getan,&lt;br /&gt;Kommt trippelnd sie bei den Kleinen an.&lt;br /&gt;Heut&#8216; scheinen ja lauter Wunder zu walten,&lt;br /&gt;Der Leuchter will gar eine Rede halten,&lt;br /&gt;Doch sagt er, es falle ihm gerade noch ein,&lt;br /&gt;Die Schabbos-Lamp&#8216; müsse die Erste sein,&lt;br /&gt;„Nach Ihnen, Frau Lampe, Sie sind älter wie ich&lt;br /&gt;Auch sind Sie hier öfter wie ich zu Tisch.\&#8220;&lt;br /&gt;Da verbeugt sich die Lampe vor dem kleinen&lt;br /&gt;Frauchen,&lt;br /&gt;Und während die Kinder staunen und lauschen,&lt;br /&gt;Sagt sie, sie wolle vor allen Dingen&lt;br /&gt;Gretelchen heut&#8216; eine Huldigung bringen,&lt;br /&gt;Denn sie sei bestimmt ja, in künftigen Tagen&lt;br /&gt;Die Lichter zum Sabbath zu entfachen.&lt;br /&gt;Die schönen Flammen so klar und rein,&lt;br /&gt;Die sollten dereinst ja ihr Erbteil sein,&lt;br /&gt;Drum hätt&#8216; sie auch gar keinen Grund zum Klagen&lt;br /&gt;Das wolle sie ihr nur in Güte sagen,&lt;br /&gt;Ja freuen müsste sie sich, die Gretel,&lt;br /&gt;Daß eben sie ein kleines Mädel.&lt;br /&gt;Sie hätte hoch oben sich fast geschämt,&lt;br /&gt;Daß Gretelchen sich so gegrämt,&lt;br /&gt;Und fast gebühr&#8216; ihr drum ein Tadel. —&lt;br /&gt;Sie sei ja doch vom ältstem Adel&lt;br /&gt;Und sei allwöchentlich zu Gast,&lt;br /&gt;So oft die Menschen hielten Rast&lt;br /&gt;Von Arbeit, Sorg und Wochenpflicht,&lt;br /&gt;Und wundertätig sei ihr Licht.&lt;br /&gt;Da fiel der Leuchter ihr ins Wort,&lt;br /&gt;Hier sei zum Streiten zwar kein Ort,&lt;br /&gt;Doch wenn von Wundern sei die Sprache,&lt;br /&gt;Hätt&#8216; er den Vorrang ohne Frage.&lt;br /&gt;Denn stets von neuem künde immer&lt;br /&gt;Der kleinen Lichtchen Freudenschimmer,&lt;br /&gt;Wie wundervoll geführt zum Ziele&lt;br /&gt;Gott einst die Wenigen gegen Viele,&lt;br /&gt;Und es erzähl&#8216; der Lichtchen Reihe&lt;br /&gt;Von Kampfesend&#8216; und Tempelweihe.&lt;br /&gt;Und du legst den Knaben schon ans Herz,&lt;br /&gt;Aufrecht zu stehen allerwärts,&lt;br /&gt;Und freudig sie bekennen sollten,&lt;br /&gt;Daß sie Mackabim werden wollen. — —&lt;br /&gt;Hier erwachte die Kleine und rieb sich die Augen,&lt;br /&gt;Verschwunden die Lampe, der Leuchter, das&lt;br /&gt;Frauchen,&lt;br /&gt;Und Benno sitzt ohne Zylinder&lt;br /&gt;Und reicht ihr das Händchen: Komm, sei wieder gut!&lt;br /&gt;Der Vater aber meint: „Das ist doch schade,&lt;br /&gt;Während Du schliefst am Tisch hier gerade,&lt;br /&gt;Hab&#8216; ich Menauroh und Lampe verglichen,\&#8220;— —&lt;br /&gt;„Ach, sagt Gretel, „das hab&#8216; ich inzwischen&lt;br /&gt;Alles im Schlafe gehört, und gesehn,&lt;br /&gt;Die Beiden können ja sprechen und gehn.\&#8220;&lt;br /&gt;Sie erguckt sich Menauroh und Lamp&#8216; in der Näh'&lt;br /&gt;Wie selten, die sind so schweigsam wie je;&lt;br /&gt;Sie sucht auf den Löckchen nach ihrer Mütze&lt;br /&gt;Und greift nur in Haare, verschwunden die Spitze.&lt;br /&gt;Das sind doch zu unbegreifliche Sachen!&lt;br /&gt;Und sie lacht ihr fröhlichstes Kinderlachen —&lt;br /&gt;Und reicht dem Brüderchen lustig die Hände.&lt;br /&gt;„Ist Euer Streit nun glücklich zu Ende?\&#8220;&lt;br /&gt;Spricht Mütterchen, „na, dann ist&#8217;s ja gut,&lt;br /&gt;Wenn anders nie Ihr hadern tut,&lt;br /&gt;Das schafft kein großes Herzeleid,&lt;br /&gt;Wo nur um Pflichten geht der Streit.\&#8220;&lt;br /&gt;—— Und die noch Stühle vorhin trennten,&lt;br /&gt;Die wandern nun mit verschlungenen Händen,&lt;br /&gt;Gar würdig hinter den Eltern her,&lt;br /&gt;In Chanukah-Stimmung sie und er,&lt;br /&gt;Und freudig singen er wie sie&lt;br /&gt;Das „Moaus zur jeschuosi&lt;a id=\&#8220;_ftnref5\&#8220; href=\&#8220;#_ftn5\&#8220;&gt;&lt;sup&gt;&lt;strong&gt;&lt;sup&gt;[5]&lt;/sup&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;“.&lt;br /&gt;Nie sah die Freitag-Abend-Stube&lt;br /&gt;So froh und herzig Mädel und Bube,&lt;br /&gt;Die kleinen Herzen so voll Freude,&lt;br /&gt;Weil eben Schabbos &lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;und&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt; Chanukoh heute!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;strong&gt;B. 0.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:separator &#8211;&gt;&lt;hr class=\&#8220;wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\&#8220; /&gt;&lt;!&#8211; /wp:separator &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn1\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref1\&#8220;&gt;[1]&lt;/a&gt; Deutsch-hebräische Aussprache für: Schabbatleuchter und Menora&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn2\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref2\&#8220;&gt;[2]&lt;/a&gt; Alphabet&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn3\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref3\&#8220;&gt;[3]&lt;/a&gt; Beracha; Segenspruch&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn4\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref4\&#8220;&gt;[4]&lt;/a&gt; Der Schabbatleuchter&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn5\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref5\&#8220;&gt;[5]&lt;/a&gt; Ein Chanukkalied&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;align\&#8220;:\&#8220;center\&#8220;,\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;large\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-text-align-center has-large-font-size\&#8220;&gt;&lt;strong&gt;Chanukkalied&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;Mein liebes Kind&lt;br /&gt;Und weißt Du es nicht,&lt;br /&gt;Was kündet&lt;br /&gt;Das herrliche Chanukalicht!&lt;br /&gt;Es spricht von Helden&lt;br /&gt;Hehr und schlicht,&lt;br /&gt;Die ließen das Leben&lt;br /&gt;Für ihre Pflicht;&lt;br /&gt;Die willig litten&lt;br /&gt;Marter und Not,&lt;br /&gt;Um nicht zu sterben&lt;br /&gt;Den ewigen Tod, —&lt;br /&gt;Die unverzagt,&lt;br /&gt;Ohn&#8216; geklagt&lt;br /&gt;Ihr ganzes Sein&lt;br /&gt;Froh gewagt.&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;Mein liebes Kind&lt;br /&gt;Erzähle mir doch&lt;br /&gt;Was flammen die Lichtlein&lt;br /&gt;So hell, so hoch? —&lt;br /&gt;Sie künden das Wunder&lt;br /&gt;Das Gott vollbracht.&lt;br /&gt;Der Schwache&lt;br /&gt;Hat zu Sieger gemacht.&lt;br /&gt;Der Frevler gab&lt;br /&gt;Den Gerechten preis&lt;br /&gt;Und siegreich ließ stürzen&lt;br /&gt;Des Übermuts Weis&#8216;;&lt;br /&gt;Der Tempel ward geweihet&lt;br /&gt;Bei Jubelklang&lt;br /&gt;Ein Krüglein Öl&lt;br /&gt;Brannt&#8216; acht Tage lang.&lt;br /&gt;Und willst Du wissen.&lt;br /&gt;Mein liebes Kind,&lt;br /&gt;was die Lichtlein lehren&lt;br /&gt;So ernst, so lind:&lt;br /&gt;Auf Gott vertrau&lt;br /&gt;Zu jeder Zeit,&lt;br /&gt;Denn Seine Hilfe&lt;br /&gt;Ist stets bereit.&lt;br /&gt;Die Eltern ehre&lt;br /&gt;Folg´ ihrem Gebot&lt;br /&gt;und hilf dem Armen,&lt;br /&gt;brich ihm dein Brot!&lt;br /&gt;Getreu den Lehren,&lt;br /&gt;Die er gegeben&lt;br /&gt;So richte ein&lt;br /&gt;dein &lt;strong&gt;ganzes&lt;/strong&gt; Leben!&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph 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class=\&#8220;elementor-widget-container\&#8220;&gt;\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t&lt;div class=\&#8220;elementor-text-editor elementor-clearfix elementor-inline-editing\&#8220; data-elementor-setting-key=\&#8220;editor\&#8220; data-elementor-inline-editing-toolbar=\&#8220;advanced\&#8220;&gt;\n\t\t\t\t&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;small\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-small-font-size\&#8220;&gt;Zwei Gedichte zu Chanukka für diesmal in der Kinderecke. Sie stammen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 21.12.1911.&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;small\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-small-font-size\&#8220;&gt;Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;align\&#8220;:\&#8220;center\&#8220;,\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;small\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-text-align-center has-small-font-size\&#8220;&gt;&lt;a href=\&#8220;https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405\&#8220;&gt;https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2495405&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;align\&#8220;:\&#8220;center\&#8220;,\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;medium\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-text-align-center has-medium-font-size\&#8220;&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Schabbos-Lampe und Menauroh&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;.&lt;a id=\&#8220;_ftnref1\&#8220; href=\&#8220;#_ftn1\&#8220;&gt;&lt;strong&gt;[1]&lt;/strong&gt;&lt;/a&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;em&gt;In traulichter Freitag-Abend-Stube&lt;br /&gt;Sitzen zwei Kleine, ein Mädel, ein Bube,&lt;br /&gt;Ein gar niedlich Geschwisterpaar,&lt;br /&gt;Zählen beide fünf und ein halbes Jahr;&lt;br /&gt;Er lebendig, pausbäckig und sehr couragiert;&lt;br /&gt;Sie sittsam, bescheiden, wies Mädelchens ziert;&lt;br /&gt;Sind ihrer Eltern einzige Sprossen,&lt;br /&gt;Haben alles bisher gemeinsam genossen,&lt;br /&gt;Lernten zählen sogar schon spielender Weis&amp;#8216;&lt;br /&gt;Und wissen beide den Anfang vom Alef-Beis&lt;a id=\&#8220;_ftnref2\&#8220; href=\&#8220;#_ftn2\&#8220;&gt;&lt;sup&gt;&lt;strong&gt;&lt;sup&gt;[2]&lt;/sup&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;;&lt;br /&gt;Kein Apfel, den sie nicht redlich geteilt,&lt;br /&gt;Wo das Eine ist, stets auch das Andere weilt.&lt;br /&gt;Aber jetzt hört nur, was heute geschehen:&lt;br /&gt;Die Beiden können sich nicht verstehen;&lt;br /&gt;Und was sie bisher noch niemals taten,&lt;br /&gt;Heut sind die Kleinen in Streit geraten.&lt;br /&gt;Drum sitzen in der Freitag-Abend-Stube&lt;br /&gt;Durch Stühle getrennt heut&amp;#8216; Mädel und Bube;&lt;br /&gt;Sprechen kein Wörtchen, die beiden Tröpfchen,&lt;br /&gt;Und senken gramgebeugt ihre Köpfchen.&lt;br /&gt;Aber der Zank war auch wirklich zu schwer.&lt;br /&gt;„Gretel ist neidisch&amp;#8220;, — denkt grimmig er;&lt;br /&gt;„Benno will alles haben allein&amp;#8220;,&lt;br /&gt;Sinnt sie, — und hüllt sich in Kummer ein.&lt;br /&gt;Wer hätte das heute Morgen gedacht,&lt;br /&gt;Als man in Freitag-Stimmung erwacht!&lt;br /&gt;Wie waren sie noch in den Morgenstunden&lt;br /&gt;Durch fröhliche Arbeit doppelt verbunden!&lt;br /&gt;Wie trippelten Beide so sauber und lecker,&lt;br /&gt;Händchen in Händchen zum Kuchenbäcker! —&lt;br /&gt;Aber— — dann kam der Vater nachhaus&amp;#8216;, —&lt;br /&gt;Packte ein glitzerndes Etwas aus:&lt;br /&gt;Ein Leuchter war´s, was da blinkte und blitzte,&lt;br /&gt;Grad so einer, wie ihn Vater benützte,&lt;br /&gt;Wenn er alljährlich acht Abende lang&lt;br /&gt;Die schönen Chanukoh-Verse sang.&lt;br /&gt;Das wussten sie gleich die beiden Kleinen,&lt;br /&gt;Wir sind keine Dummchens, das will ich wohl meinen;&lt;br /&gt;Zwar ist dieser nur klein und von zierlichem Maß,&lt;br /&gt;Als sei er bestimmt nur zu Spiel und zu Spaß;&lt;br /&gt;Ganz sicher hat Vater dies, gebet nur acht,&lt;br /&gt;Seinen beiden Kleinen zum Spielen gebracht.— —&lt;br /&gt;— — Ein Irrtum war´s, fürs Bübchen allein&lt;br /&gt;Sollte der niedliche Leuchter sein,&lt;br /&gt;Und was zuvor noch niemals geschehn,&lt;br /&gt;Das Schwesterlein musste zurücke stehn,&lt;br /&gt;Was half´s, daß der Vater sie tröstet: „mein Gretel,&lt;br /&gt;Bist halt nur ein kleines Mädel,&lt;br /&gt;Und nur für die Jungens besteht die Pflicht&lt;br /&gt;Zu entzünden alljährlich das Chanukah-Licht!&amp;#8220;&lt;br /&gt;Ja, ja ich muss es gestehen leider,&lt;br /&gt;Gretelchen grämt sich im Stillen noch weiter,&lt;br /&gt;Und als Benno sieghaft die Brochoh&lt;a id=\&#8220;_ftnref3\&#8220; href=\&#8220;#_ftn3\&#8220;&gt;&lt;sup&gt;&lt;strong&gt;&lt;sup&gt;[3]&lt;/sup&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; sang,&lt;br /&gt;Die sie selbst mitgeprobt hatte Tage lang,&lt;br /&gt;Hielt sie´s für ein Unglück ganz offenbar,&lt;br /&gt;Daß sie nur eben ein Mädelchen war.&lt;br /&gt;So saß sie am Tisch und härmt sich gar sehr.&lt;br /&gt;Da wurden die kleinen Äugelein schwer,&lt;br /&gt;Und Gretel mit samt ihrem Kummer schlief ein;&lt;br /&gt;Da erlebt sie ein wundersam Träumelein:&lt;br /&gt;Sieh da, die zierliche, kleine Frau,&lt;br /&gt;Sieht aus wie Gretel ganz genau,&lt;br /&gt;Hat nur noch ein Häubchen auf den Löckchen kraus,&lt;br /&gt;Zu possierlich und niedlich nimmt sich das aus.&lt;br /&gt;Auf geht dann die Tür: ihm Zylinderhut,&lt;br /&gt;Tritt Benno herein, wie steht ihm das gut;&lt;br /&gt;Wie so ein richtiger kleiner Mann&lt;br /&gt;Guckt er vergnüglich das Frauchen an,&lt;br /&gt;Und Arm in Arm stehen Mädel und Bube&lt;br /&gt;In der friedlichen Freitag-Abend-Stube,&lt;br /&gt;Wo auf dem Tischchen abseits getrennt&lt;br /&gt;Vaters und Bennos Lichtchen brennt,&lt;br /&gt;Und wo gerad überm gedeckten Tisch&lt;br /&gt;Erstrahlet Mütterchen Schabbos-Licht&lt;a id=\&#8220;_ftnref4\&#8220; href=\&#8220;#_ftn4\&#8220;&gt;&lt;sup&gt;&lt;strong&gt;&lt;sup&gt;[4]&lt;/sup&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;. —&lt;br /&gt;Sieh da, was trippelt vom Tischchen herab,&lt;br /&gt;Der Chanukah-Leuchter, er setzt sich in Trab,&lt;br /&gt;Nein, hat man so was wohl je schon gesehn,&lt;br /&gt;Der kleine Leuchter kann wirklich gehn,&lt;br /&gt;Die neue kleine Menauroh, seht,&lt;br /&gt;Mit einem Knix vor den Kindern steht.&lt;br /&gt;Und schon begibt sich ein neues Wunder,&lt;br /&gt;Die Schabbos-Lamp&amp;#8216; kommt von der Decke&lt;br /&gt;herunter,&lt;br /&gt;Als hätt&amp;#8216; sie das täglich bisher getan,&lt;br /&gt;Kommt trippelnd sie bei den Kleinen an.&lt;br /&gt;Heut&amp;#8216; scheinen ja lauter Wunder zu walten,&lt;br /&gt;Der Leuchter will gar eine Rede halten,&lt;br /&gt;Doch sagt er, es falle ihm gerade noch ein,&lt;br /&gt;Die Schabbos-Lamp&amp;#8216; müsse die Erste sein,&lt;br /&gt;„Nach Ihnen, Frau Lampe, Sie sind älter wie ich&lt;br /&gt;Auch sind Sie hier öfter wie ich zu Tisch.&amp;#8220;&lt;br /&gt;Da verbeugt sich die Lampe vor dem kleinen&lt;br /&gt;Frauchen,&lt;br /&gt;Und während die Kinder staunen und lauschen,&lt;br /&gt;Sagt sie, sie wolle vor allen Dingen&lt;br /&gt;Gretelchen heut&amp;#8216; eine Huldigung bringen,&lt;br /&gt;Denn sie sei bestimmt ja, in künftigen Tagen&lt;br /&gt;Die Lichter zum Sabbath zu entfachen.&lt;br /&gt;Die schönen Flammen so klar und rein,&lt;br /&gt;Die sollten dereinst ja ihr Erbteil sein,&lt;br /&gt;Drum hätt&amp;#8216; sie auch gar keinen Grund zum Klagen&lt;br /&gt;Das wolle sie ihr nur in Güte sagen,&lt;br /&gt;Ja freuen müsste sie sich, die Gretel,&lt;br /&gt;Daß eben sie ein kleines Mädel.&lt;br /&gt;Sie hätte hoch oben sich fast geschämt,&lt;br /&gt;Daß Gretelchen sich so gegrämt,&lt;br /&gt;Und fast gebühr&amp;#8216; ihr drum ein Tadel. —&lt;br /&gt;Sie sei ja doch vom ältstem Adel&lt;br /&gt;Und sei allwöchentlich zu Gast,&lt;br /&gt;So oft die Menschen hielten Rast&lt;br /&gt;Von Arbeit, Sorg und Wochenpflicht,&lt;br /&gt;Und wundertätig sei ihr Licht.&lt;br /&gt;Da fiel der Leuchter ihr ins Wort,&lt;br /&gt;Hier sei zum Streiten zwar kein Ort,&lt;br /&gt;Doch wenn von Wundern sei die Sprache,&lt;br /&gt;Hätt&amp;#8216; er den Vorrang ohne Frage.&lt;br /&gt;Denn stets von neuem künde immer&lt;br /&gt;Der kleinen Lichtchen Freudenschimmer,&lt;br /&gt;Wie wundervoll geführt zum Ziele&lt;br /&gt;Gott einst die Wenigen gegen Viele,&lt;br /&gt;Und es erzähl&amp;#8216; der Lichtchen Reihe&lt;br /&gt;Von Kampfesend&amp;#8216; und Tempelweihe.&lt;br /&gt;Und du legst den Knaben schon ans Herz,&lt;br /&gt;Aufrecht zu stehen allerwärts,&lt;br /&gt;Und freudig sie bekennen sollten,&lt;br /&gt;Daß sie Mackabim werden wollen. — —&lt;br /&gt;Hier erwachte die Kleine und rieb sich die Augen,&lt;br /&gt;Verschwunden die Lampe, der Leuchter, das&lt;br /&gt;Frauchen,&lt;br /&gt;Und Benno sitzt ohne Zylinder&lt;br /&gt;Und reicht ihr das Händchen: Komm, sei wieder gut!&lt;br /&gt;Der Vater aber meint: „Das ist doch schade,&lt;br /&gt;Während Du schliefst am Tisch hier gerade,&lt;br /&gt;Hab&amp;#8216; ich Menauroh und Lampe verglichen,&amp;#8220;— —&lt;br /&gt;„Ach, sagt Gretel, „das hab&amp;#8216; ich inzwischen&lt;br /&gt;Alles im Schlafe gehört, und gesehn,&lt;br /&gt;Die Beiden können ja sprechen und gehn.&amp;#8220;&lt;br /&gt;Sie erguckt sich Menauroh und Lamp&amp;#8216; in der Näh&amp;#8216;&lt;br /&gt;Wie selten, die sind so schweigsam wie je;&lt;br /&gt;Sie sucht auf den Löckchen nach ihrer Mütze&lt;br /&gt;Und greift nur in Haare, verschwunden die Spitze.&lt;br /&gt;Das sind doch zu unbegreifliche Sachen!&lt;br /&gt;Und sie lacht ihr fröhlichstes Kinderlachen —&lt;br /&gt;Und reicht dem Brüderchen lustig die Hände.&lt;br /&gt;„Ist Euer Streit nun glücklich zu Ende?&amp;#8220;&lt;br /&gt;Spricht Mütterchen, „na, dann ist&amp;#8217;s ja gut,&lt;br /&gt;Wenn anders nie Ihr hadern tut,&lt;br /&gt;Das schafft kein großes Herzeleid,&lt;br /&gt;Wo nur um Pflichten geht der Streit.&amp;#8220;&lt;br /&gt;—— Und die noch Stühle vorhin trennten,&lt;br /&gt;Die wandern nun mit verschlungenen Händen,&lt;br /&gt;Gar würdig hinter den Eltern her,&lt;br /&gt;In Chanukah-Stimmung sie und er,&lt;br /&gt;Und freudig singen er wie sie&lt;br /&gt;Das „Moaus zur jeschuosi&lt;a id=\&#8220;_ftnref5\&#8220; href=\&#8220;#_ftn5\&#8220;&gt;&lt;sup&gt;&lt;strong&gt;&lt;sup&gt;[5]&lt;/sup&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;“.&lt;br /&gt;Nie sah die Freitag-Abend-Stube&lt;br /&gt;So froh und herzig Mädel und Bube,&lt;br /&gt;Die kleinen Herzen so voll Freude,&lt;br /&gt;Weil eben Schabbos &lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;und&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt; Chanukoh heute!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;strong&gt;B. 0.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:separator &#8211;&gt;&lt;hr class=\&#8220;wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\&#8220; /&gt;&lt;!&#8211; /wp:separator &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn1\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref1\&#8220;&gt;[1]&lt;/a&gt; Deutsch-hebräische Aussprache für: Schabbatleuchter und Menora&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn2\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref2\&#8220;&gt;[2]&lt;/a&gt; Alphabet&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn3\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref3\&#8220;&gt;[3]&lt;/a&gt; Beracha; Segenspruch&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn4\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref4\&#8220;&gt;[4]&lt;/a&gt; Der Schabbatleuchter&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a id=\&#8220;_ftn5\&#8220; href=\&#8220;#_ftnref5\&#8220;&gt;[5]&lt;/a&gt; Ein Chanukkalied&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph {\&#8220;align\&#8220;:\&#8220;center\&#8220;,\&#8220;fontSize\&#8220;:\&#8220;large\&#8220;} &#8211;&gt;\n&lt;p class=\&#8220;has-text-align-center has-large-font-size\&#8220;&gt;&lt;strong&gt;Chanukkalied&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;Mein liebes Kind&lt;br /&gt;Und weißt Du es nicht,&lt;br /&gt;Was kündet&lt;br /&gt;Das herrliche Chanukalicht!&lt;br /&gt;Es spricht von Helden&lt;br /&gt;Hehr und schlicht,&lt;br /&gt;Die ließen das Leben&lt;br /&gt;Für ihre Pflicht;&lt;br /&gt;Die willig litten&lt;br /&gt;Marter und Not,&lt;br /&gt;Um nicht zu sterben&lt;br /&gt;Den ewigen Tod, —&lt;br /&gt;Die unverzagt,&lt;br /&gt;Ohn&amp;#8216; geklagt&lt;br /&gt;Ihr ganzes Sein&lt;br /&gt;Froh gewagt.&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;&lt;!&#8211; wp:paragraph &#8211;&gt;\n&lt;p&gt;Mein liebes Kind&lt;br /&gt;Erzähle mir doch&lt;br /&gt;Was flammen die Lichtlein&lt;br /&gt;So hell, so hoch? —&lt;br /&gt;Sie künden das Wunder&lt;br /&gt;Das Gott vollbracht.&lt;br /&gt;Der Schwache&lt;br /&gt;Hat zu Sieger gemacht.&lt;br /&gt;Der Frevler gab&lt;br /&gt;Den Gerechten preis&lt;br /&gt;Und siegreich ließ stürzen&lt;br /&gt;Des Übermuts Weis&amp;#8216;;&lt;br /&gt;Der Tempel ward geweihet&lt;br /&gt;Bei Jubelklang&lt;br /&gt;Ein Krüglein Öl&lt;br /&gt;Brannt&amp;#8216; acht Tage lang.&lt;br /&gt;Und willst Du wissen.&lt;br /&gt;Mein liebes Kind,&lt;br /&gt;was die Lichtlein lehren&lt;br /&gt;So ernst, so lind:&lt;br /&gt;Auf Gott vertrau&lt;br /&gt;Zu jeder Zeit,&lt;br /&gt;Denn Seine Hilfe&lt;br /&gt;Ist stets bereit.&lt;br /&gt;Die Eltern ehre&lt;br /&gt;Folg´ ihrem Gebot&lt;br /&gt;und hilf dem Armen,&lt;br /&gt;brich ihm dein Brot!&lt;br /&gt;Getreu den Lehren,&lt;br /&gt;Die er gegeben&lt;br /&gt;So richte ein&lt;br /&gt;dein &lt;strong&gt;ganzes&lt;/strong&gt; Leben!&lt;/p&gt;\n&lt;!&#8211; /wp:paragraph &#8211;&gt;\t\t\t\t\t&lt;/div&gt;\n\t\t\t\t\t\t\t\t&lt;/div&gt;\n\t\t&#8220;,&#8220;editSettings&#8220;:{&#8222;defaultEditRoute&#8220;:&#8220;content&#8220;,&#8220;panel&#8220;:{&#8222;activeTab&#8220;:&#8220;content&#8220;,&#8220;activeSection&#8220;:&#8220;section_editor&#8220;}}}]}Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. 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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-3/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Oct 2025 10:08:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5302</guid>

					<description><![CDATA[<p>Diese „Kinderecke“ ist der Zeitschrift „Der Israelit“ Heft 50, vom 25.05.1909 entnommen. Die Geschichte von Abraham und den Götzen ist hinlänglich bekannt. Nicht so bekannt ist der Tyrann „Nimrod“, der am Ende der Geschichte sich beschämt von Abraham abwendet — in anderen Fassungen dieser Erzählung, Abraham ins Feuer werfen lässt aus dem er, Abraham, durch [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-3/">Kinderecke</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diese „Kinderecke“ ist der Zeitschrift „Der Israelit“ Heft 50, vom 25.05.1909 entnommen. Die Geschichte von Abraham und den Götzen ist hinlänglich bekannt. Nicht so bekannt ist der Tyrann „Nimrod“, der am Ende der Geschichte sich beschämt von Abraham abwendet — in anderen Fassungen dieser Erzählung, Abraham ins Feuer werfen lässt aus dem er, Abraham, durch Gottes einwirken gerettet wird.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dieser Geschichte habe ich neben einen Wikipediaeintrag über die Gestalt „Nimrod“ noch einen Auszug aus dem Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch hinzugefügt, der dann für die etwas größeren Kinder gedacht ist.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2508216">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2508216</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Abraham und die Götzen</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Büchlein von Leo Tolstoi<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><strong>[1]</strong></a>, „Jüdische Legenden“, Deutsch von Eman. Mischnajewski-Runin</strong><br><strong> </strong>(Verlag: Kurt Wigand, Berlin, Leipzig.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terach,der Vater Abrahams, war selbst Götzendiener und trieb dazu einen ausgebreiteten Handel mit Götzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages musste er sich vom Hause ent­fernen und übergab die Leitung seines Geschäftes dem Abraham, der dazumal noch sehr jung war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald trat ein Götzendiener ein, der sich ein Bild zu kaufen wünschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie alt bist du?&#8220; fragte ihn Abraham.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fünfzig!&#8220; antwortete der Götzendiener.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und so ein Greis bückt sich vor einem Bilde, das erst gestern fertiggestellt worden? — Überlege es dir!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Same der Wahrheit war hiermit aus dem Herzensgrund des Götzendieners gefallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein anderes Mal, ebenfalls in Abwesenheit Terachs, kommt eine Frau und stellt vor die Götzen eine Schale Mehl als Opfergabe hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaum war die Frau fort, als Abraham einen Stock nahm und alle Götzen zertrümmerte. Nur einen — den größten — ließ er unversehrt. Diesem Götzen schob Abraham einen Stock in die Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei seiner Rückkehr sah Terach die angerich­tete Verheerung und warf sich auf Abraham:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer hat das gemacht?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Höre, Vater und staune!&#8220; antwortete Abraham in aller Seelenruhe. „Kam da eine Frau und brachte den Götzen eine volle Schale Mehl. Ich legte die Schale den Götzen zu Füßen. Sofort entstand ein mörderischer Streit unter ihnen. Jeder wollte das Mehl für sich haben. Während alle zankten und sich rauften, nahm der größte, um Ordnung zu schaffen, einen Stock zur Hand und da siehst du: alle tot!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nichtswürdiger!&#8220; schrie der Vater auf, „als ob Götzen sich zu zanken und zu raufen vermögen! Können denn die Götzen sprechen oder Worte vernehmen?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vater, Vater! Eine heilige Wahrheit birgt sich in deinen Worten!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was für Worte, was?! Du willst mich unterweisen? Ich töte dich!&#8220; &#8230;.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">* * *</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gerücht kam Nimrod<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> zu Ohren und er ließ Abraham vor sich rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nimrod heftete seine Blicke auf ihn und sagte gebieterisch:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier Feuer! Bete unseren Gott an.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Herr!&#8220; erwiderte Abraham unerschrocken, „käme es mir nicht eher zu, das Wasser an­zubeten, sintemal<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> dies das Feuer löscht?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es sei wie du willst: bete das Wasser an!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Darf ich denn den Wolken Unrecht tun? Spenden Sie doch alles Wasser, das auf der Erde ist.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wohlan denn, so bete die Wolken an!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was bedeuten aber die Wolken im Ver­gleiche mit dem Winde, der sie doch zu zer­streuen vermag?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So bete denn den Wind an!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Den Wind? Was wird der dazu sagen, der Feuer, Wasser und Wind lenkt&#8230;. Blinder! Du siehst nicht die große Hand, die die Welt leitet.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der König wandte sich beschämt ab und ließ den jungen Abraham in Ruh.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rabbiner Samson Raphael Hirsch zu Nimrod (Genesis 10:8-</strong><strong>10</strong><strong>)</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>וְכ֖וּשׁ יָלַ֣ד אֶת־נִמְרֹ֑ד ה֣וּא הֵחֵ֔ל לִֽהְי֥וֹת גִּבֹּ֖ר בָּאָֽרֶץ׃</strong> <strong>הֽוּא־הָיָ֥ה גִבֹּֽר־צַ֖יִד לִפְנֵ֣י ה&#8216; עַל־כֵּן֙ יֵֽאָמַ֔ר כְּנִמְרֹ֛ד גִּבּ֥וֹר צַ֖יִד לִפְנֵ֥י ה&#8217;׃ וַתְּהִ֨י רֵאשִׁ֤ית מַמְלַכְתּוֹ֙ בָּבֶ֔ל וְאֶ֖רֶךְ וְאַכַּ֣ד וְכַלְנֵ֑ה בְּאֶ֖רֶץ שִׁנְעָֽר׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kusch zeugte den Nimrod; der fing an ein Held zu sein auf Erden.<strong> </strong>Er war ein verschlagener Held vor <em>Gott</em>: darum sagt man: ein Nimrod gleich verschlagener Held vor <em>Gott</em>. Der Anfang seines Königtums war Babel, Erech, Akad und Kalne im Lande Schinear.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Kommentar zu 10:9</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Obgleich <strong>צַיִד</strong> gewöhnlich <em>von der Tierjagd</em> gebraucht wird, so kommt doch der Begriff<strong> &#8222;צוד&#8220; </strong><em>sehr häufig</em> von der <em>Menschenjagd</em> vor; so <strong>חָמַ֣ד רָ֭שָׁע מְצ֣וֹד רָעִ֑ים</strong> (Mischle 12,12) und sonst. <strong>מְצוּדָה</strong>, die Festung, dient ja ganz nur der Einhegung und Einschließung von Menschen. Verwandt sind die Wurzeln <strong>,&#8220;זוד&#8220;,&#8220;צוד&#8220; </strong>&nbsp;<strong>&nbsp;&#8222;זוד&#8220; .&#8220;סוד&#8220;</strong>ist der <em>versteckte Vorsatz</em> zur Tat, nicht die Tat selbst, der Entschluss dazu, der bis zur Ausführung verborgen bleibt. Ist überhaupt nur erst der vorgefasst, der noch lange an sich gehalten werden, oder der in seinen Motiven nie offenbar werden soll, so wird <strong>סוֹד</strong>, das <em>Geheimnis</em>, daraus. — <strong>סוֹד</strong>, das Geheimnis, ist eigentlich im Menschenkreise nichts Gehöriges. Nur Gottes <strong>סוֹד</strong> ist gut. Muss beim Menschen etwas <strong>בְּסוֹד</strong> gehalten werden, so ist entweder er, oder das zu Verheimlichende, oder seine Umgebung schlecht. Insbesondere das öffentliche Leben, das Walten der Regierenden — und wir stehen ja hier an der Wiege des Königtums — ehrt sich nimmer durch <strong>סוֹד</strong>. <em>Geheime Politik ist nach jüdischem Begriff schlechte Politik</em>. <strong>כְּבוֹד מְלָכִים</strong>, heißt es (Mischle 25, 2), die Ehre der Könige ist´s <strong>הַקֹּר דָּבָר</strong>, wenn jede ihrer Handlungen so klar und durchsichtig ist,&nbsp; dass jeder sie ergründen könne. Öffentlichkeit ist der Probierstein der Regentenhandlungen. Nur von Gott heißt es <strong>כְּבֹד אֱלֹקִים הַסְתֵּר דָּבָר</strong>, das Unerforschliche seines Waltens ist dem Menschen gegenüber das Siegel seiner Größe. — <strong>&#8222;צוד&#8220;</strong> ist nun ein <strong>&#8222;זוד&#8220;</strong>, das <strong>בְּזָדוֹן</strong> gefasst, <strong>בְּסוֹד</strong> gehalten, im rechten Augenblick mit Gewalt (<strong>צ</strong>) hervorbricht. Das ist auch <strong>מְצוּדָה</strong>, <em>Burgen</em>, ursprünglich Raub- und Fangnester, isolierte Räume, in welchen sich der Gewaltherr sicher einpferchte und zu gelegener Zeit hervorbrach, um seinen Raub zu vollbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nimrod fing an, ein <strong>גִּבּוֹר צַיִד</strong> zu sein, <em>ein Held der Menschenjagd</em>, ein Gewaltiger, der seine Gewalt mit List vermählte, Menschen für seine Pläne zu fangen. Nichts sollte einen solchen Gegensatz bilden, wie <strong>גְּבוּרָה</strong> und <strong>סוֹד</strong>. Die Macht im Dienste des Rechts und des Rechten verschmäht Geheimnis und List, bedarf ihrer nicht. Dazu kommt noch, dass <strong>צַיִד</strong> selbst den Begriff des <em>Selbstsüchtigen</em> eines Zweckes involvieren muss, denn <strong>צֵידָה</strong> heißt <em>Mundvorrat</em>. Während <strong>לֶחֶם</strong> das zum sofortigen Gebrauch Errungene bedeutet, ist <strong>צֵידָה</strong> <em>das klug vorbereitete</em> Nahrungsmittel, das man gleichsam einfängt, um es zur bestimmten Zeit zur Hand zu haben. <strong>&#8222;צוד&#8220;</strong> und <strong>&#8222;ציד&#8220;</strong> ist somit nicht ein Fangen zur Vernichtung …., sondern zum Gebrauche, es ist also die Ausführung eines egoistischen Planes im eigenen Interesse. Hierin liegt die Gefahr der mit <strong>צַיִד</strong> gepaarten Gewalt, oder vielmehr der <em>in den Dienst des </em><strong><em>צַיִד</em></strong><em> </em><em>getretenen</em> Macht, die den <strong>גִּבּוֹר צַיִד</strong> schafft. Denn dass <strong>גִּבּוֹרִים</strong>, die ,&#8220;Überlegenen&#8220; voranstehen und die anderen sich ihnen fügen, ist eine Naturordnung des Heiles. Wie? Wenn der Starke seine Stärke im Interesse des anderen betätigt, Beschützer und Verteidiger des Rechts der Schwächeren ist. Das diametrale Gegenteil hiervon aber ist: <strong>גְּבוּרַת צַיִד</strong>, die Macht des Mächtigen, der seine Macht missbraucht, Menschen für <em>seine</em> egoistischen Zwecke zu umgarnen und zu fangen. Und eben Nimrod war der erste, der im Gefühle seiner materiellen, vielleicht auch geistigen, seine Zeitgenossen überragenden Überlegenheit, die minder Starken und Einsichtsvollen unterjochte und sie gleichsam gefangen hielt, bis zur Zeit, wo er sie für seine Zwecke gebrauchen wollte. Hier wird somit die schlimme Seite der Gewaltherrschaft gezeigt, die sich fortan in der Geschichte der Völker so unheilvoll bewährte, und zwar wird hier gezeigt, dass sie ihrem Ursprung nach durch Gewalt und List von oben und nicht durch freiwillige Unterordnung von unten eingeführt worden.&nbsp; Dass aber hier überhaupt von Menschenjagd, und nicht, wie man gewöhnlich meint, von einem gewaltigen Tierjäger die Rede ist, beweist das unmittelbar darauf folgende: <strong>וַתְּהִ֨י רֵאשִׁ֤ית מַמְלַכְתּוֹ֙</strong>, woraus evident, dass ein <strong>גִּבּוֹר צַיִד</strong> eine <strong>מַמְלָכָה</strong> gehabt haben müsse, oder überhaupt&nbsp; dass <strong>גִּבּוֹר צַיִד</strong> hier identisch mit <strong>מֶלֶךְ</strong> ist; <strong>נִמְרֹד</strong> war der erste Dynast. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun folgen noch zwei bedeutungsvolle Worte: <strong>&nbsp;לִפְנֵ֥י ה׳ . גִּבּ֥וֹר צַ֖יִד לִפְנֵ֥י ה&#8216;</strong>bezeichnet in <strong>תנ&#8220;ך</strong> nie,&nbsp; dass etwas gegen Gottes Willen geschehen sei, vielmehr drückt es gerade dasjenige aus, was zur Erfüllung des göttlichen Willens geschieht; so wiederholt in der <strong>פָּרָשַׁת בְּנֵי רְאוּבֵן וּבְנֵי גָּד</strong> (Bamidbar 32, 20 ff.) zur Bezeichnung der im Dienste Gottes zu entwickelnden kriegsbereiten Tapferkeit, <strong>אִם תֵּחָ֥לְצ֛וּ לִפְנֵ֥י ה&#8216; לַמִּלְחָמָֽה</strong> usw. Es dürfte daher auch hier das<strong>לִפְנֵ֥י ה׳ </strong>&nbsp;nichts anderes, als &#8222;im Namen Gottes&#8220;, in ganz &#8222;frommer&#8220;, Gott wohlgefälliger Weise bedeuten, und hierin das Verderbliche dieser Erscheinung gipfeln. Der Name <strong>&nbsp;ה&#8216;</strong>war noch nicht entschwunden, der Name, der, recht begriffen, alle Menschen gleich und frei macht, und Barmherzigkeit und Liebe in dem Verhältnis aller zu allen walten lässt. <strong>נִמְרֹד</strong>&nbsp; fing nun an, &#8222;<em>im Namen Gottes</em>&#8220; seine Mitmenschen zu unterdrücken, er war der erste, der den Namen Gottes missbrauchte, die Gewalt durch den heiligen Schein des göttlichen Wohlgefallens zu verhüllen, oder vielmehr die Anerkennung der Gewalt im Namen Gottes zu fordern. Ging dies doch dann später im Altertume so weit, dass die Könige nicht bloß im Namen Gottes dastanden und die Nimrode sich mit dem Abglanz der göttlichen Majestät schmückten, sie wurden vielmehr selbst Götter, und gerade in Chams Geschlecht sehen wir vor ihrem eigenen Götterbilde knieende Pharaone. Dadurch ward Nimrod der Prototyp aller sich mit dem Heiligenschein verschlagen krönenden Dynasten, deren Macht, Politik und Heiligenschein man mit dem Worte kennzeichnete: <strong>כְּנִמְרֹד גִּבּוֹר צַיִד לִפְנֵי ה׳</strong>.<strong></strong></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Wikipedia: Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (russisch Лев Николаевич Толстой, wissenschaftliche Transliteration Lev Nikolaevič Tolstoj, deutsch häufig auch Leo Tolstoi; * 28. August 1828 in Jasnaja Poljana bei Tula; † 7. November 1910 in Astapowo, Gouvernement Rjasan, heute Lew Tolstoi, Oblast Lipezk) war ein russischer Schriftsteller. Seine Hauptwerke „Krieg und Frieden” und „Anna Karenina“ sind Klassiker des realistischen Romans.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Wikipedia: Nimrod ist ein altorientalischer, im Tanach bzw. der Bibel und im Koran erwähnter Held und König. Von manchen Forschern wird angenommen, Nimrod sei eine historische Person gewesen. In der Regel geht man jedoch davon aus, dass in dieser Figur unterschiedliche Mythen und historische Reminiszenzen verschmolzen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Etymologie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Personenname <strong>נִמְרוֹד</strong> nimrôd, deutsch ‚Nimrod‘ wird im Hebräischen von der Wurzel <strong>מרד</strong> mrd, deutsch ‚sich widersetzen, rebellieren abgeleitet. Der seinem Namen nach starke Held rebelliert gemäß Flavius Josephus und anderen Darstellungen der frühen jüdischen Literatur gegen Gott. Es handelt sich aber wohl nicht um einen ursprünglich hebräischen Namen, sondern um eine Wiedergabe des akkadischen Götternamens Ninurta. Die Septuaginta gibt den Namen als Νεβρωδ „Nebrōd“ wieder, die Vulgata als Nemrod.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Bibel</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Bibel ist Nimrod in der Abstammungslinie über Noachs Sohn Ham und dessen Sohn Kusch ein Urenkel Noachs. Nach der biblischen Erzählung Gen 10,8–10 und 1 Chr 1,10 war Nimrod „der Erste, der Macht gewann auf Erden“, also der erste Mensch, der zur Königswürde gelangte. Er wird außerdem als „gewaltiger Jäger vor dem Herrn“ charakterisiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bibel zufolge führte Nimrod vom Kerngebiet seines Reiches, „Babel, Erech, Akkad und Kalne im Land Schinar“ (Gen 10,10), Eroberungszüge „nach Assur aus und erbaute Ninive, Rehobot-Ir, Kelach sowie Resen zwischen Ninive und Kelach“ (Gen 10,11–12 ).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Prophet Micha setzt in späterer Zeit Nimrod mit dem „Land Assur“ gleich (Mi 5,5). Die Versuche, ihn mit einer realen Herrscherperson zu identifizieren, waren jedoch erfolglos, so etwa mit Amenophis III., der als großer Jäger galt und sein Reich bis nach Mesopotamien ausdehnte. Édouard Lipiński identifiziert Nimrod mit dem babylonischen Hauptgott Marduk, Otto Procksch mit dessen Vorbild, dem Jagd- und Kriegsgott Ninurta, der dem Sternbild des Orion entspricht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jüdische Tradition</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach jüdischer Überlieferung war Nimrod der Gründer des assyrischen und babylonischen Reiches. Nach ihm soll die Stadt Nimrud am Tigris benannt worden sein. Nimrod gilt gewöhnlich als derjenige, der den Bau des Turmes von Babel anregte, ein Sinnbild dafür, dass die Selbstüberschätzung des Menschen gegenüber Gott zum Niedergang führt. Die Frau des Nimrod ist in der rabbinischen Tradition Semiramis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der rabbinischen Tradition ist Semiramis die Frau Nimrods und erhielt ihren Namen, weil sie im Donner geboren war. Sie ist eine der vier Frauen, die die Welt beherrschten, zusammen mit Isebel und Atalja in Israel und Waschti in Persien.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> &#8222;Sintemal&#8220; ist ein veraltetes, mittelhochdeutsches Wort, das seitdem, weil oder zumal bedeutet.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-3/">Kinderecke</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Tischri</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-tischri/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Sep 2025 17:18:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Solachti[1] Dieser Test wurde der Zeitschrift „Der Israelit“ Heft 39 vom 24.09.1908 und Heft 40 vom 01.10.1908 entnommen. Der Autor zeichnet leider nur mit seinen Initialen E.W. Ich weiß leider nicht, wer sich dahinter verbirgt. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Solachti<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a></strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dieser Test wurde der Zeitschrift „Der Israelit“ Heft 39 vom 24.09.1908 und Heft 40 vom 01.10.1908 entnommen. Der Autor zeichnet leider nur mit seinen Initialen E.W. Ich weiß leider nicht, wer sich dahinter verbirgt.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2507513">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2507513</a></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2507537">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2507537</a></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Von E. W.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Erev Rosch-Haschonoh<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> ist es. Jomtof-Stimmung<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> herrscht in jedem Winkel des festlich hergerichteten Zimmers. Geschäftig eilen die bei­den Töchter des Hauses, die 17-jährige Sarah und die 12-jährige Ruth hin und her, um die letzten Vorbereitungen für die Festtafel zu treffen. Die blitzblanken silbernen Leuchter sind schon mit brennenden Kerzen versehen. Bevor die Mut­ter in „Schul&#8220;<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> gegangen ist, hat sie Licht gebenscht<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>. „Schnell, Ruth, die Geschenke herbei!&#8220;<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> Sarah stellt eiligst die bis jetzt versteckt gehal­tenen Blumen in Vasen, stellt sie mitten auf den Tisch und legt nun Ruths hebräisch geschrie­benen Neujahrswunsch unter die Barchesdecke<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a>. In­dessen kommt Ruth atemlos zurück. Behutsam entnimmt sie ihrer Schürze ihr Rosch-Haschano-Geschenk für die Eltern. Ein Barchesdeckchen ist es. Sie selbst fand ihre Arbeit wunderschön; jetzt aber erfasst sie doch Zweifel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du, Sarah, sag mal, aber ehrlich, gefällt es dir wirklich?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wünscht eine bejahende Antwort, die ihr auch wird. „Sehr sauber gestickt; Mutter wird sich freuen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit stolzem Lächeln betrachtet Ruth ihr Werk. Von dem roten Samt heben sich, wir­kungsvoll die in goldgelber Seide gestickten hebräischen Lettern ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ruth, Ruth, beeile dich! Wo ist Davids Geschenk?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier, Sarah, wunderschön ist das Eßrog-Kästchen<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a> ausgefallen!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sarah stellt es auf den Tisch. „Dein Misrach<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a> ist aber unser Glanzstück! Wenn ich doch auch malen könnte!&#8220; „Halt!“ ruft Ruth plötzlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sarah fährt erschrocken zusammen. „Wo fehlt&#8217;s, Wildfang?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf dem Tisch, nämlich das Obst, der Süßapfel,<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a>&#8220; lacht Ruth.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Richtig! Hole es flink; dann wollen wir beten!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mädchen lassen sich an dem herrlich dekorierten Tisch nieder. Vorher haben sie an Flur- und Küchenlampe „Licht gebentscht<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a>&#8222;. Feierliche Stille lagert im ganzen Haus. Andächtig beten die beiden. Die besonnene Sarah bleibt in stiller Betrachtung an ihrem Platz. Ruth hat rasch Hut und Mantel geholt. „Ich hole die Eltern und David&#8220;, ruft sie der Schwester zu. Und schon ist sie draußen die Treppe hin­unter gesaust und in wenigen Minuten bei der nahen Synagoge angelangt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade strömen aus der Synagoge die An­dächtigen heraus. Ruth eilt auf Bekannte zu, ihnen gratulierend. Mit freudig pochendem Her­zen führt sie ihre Lieben nach Hause. Sie kann den Moment gar nicht abwarten, da Vater und Mutter Neujahrswunsch und Geschenke anstau­nen werden. Endlich, endlich ist er da, der große Augenblick. Mit strahlendem Gesicht heimst sie das reichlich gespendete Lob ein. Jetzt macht Vater Kiddusch<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a>. Dann bespricht er eingehend den Ernst dieses Festtages, fordert seine Kin­der auf, nachzudenken über die begangenen Fehler, sie zu bereuen, Verzeihung zu erbitten von den Gekränkten, damit auch Gott uns vergebe. Ein ernster Blick trifft Ruth, deren Streitlust oft genug den Eltern Verdruss machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin mit niemandem böse!&#8220; beteuerte sie lebhaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was nicht ist, kann noch werden,&#8220; mur­melte David.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon will sie schnippisch antworten, da be­sinnt sie sich rechtzeitig, schluckt die heftige Be­merkung hinunter, die sie bereits auf der Zunge hatte und wendet sich achselzuckend von dem Bruder ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 1. Tage Rosch-Haschono nach dem Minchagebet<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a> holt Ruth ihre Freundin Recha zum „Taschlichgebete<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a>&#8220; ab. Auf dem Weg zu dem Fluss treffen die beiden Unzertrennlichen eine Schulfreundin, die in gleicher Absicht zu dem fließenden Wasser pilgert. Die drei Kin­der unterhalten sich über diese Vorschrift. Ab­wechselnd erklären Recha und Ruth die sinnige Bedeutung des Taschlichbrauches, so gut sie es von der Religionsstunde her wussten. Wie das Wasser die Flüchtigkeit unseres Daseins ver­sinnbildliche, die Fische uns daran erinnern, wie oft nach Israel<a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a> die Netze des Verderbens ausgeworfen wurden, ohne dass es gelungen ist, es zu fangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zornesröte steigt in Ruths Wangen, als Klara bei dieser schönen Auslegung hell und dumm auflacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mit dir Amhoorez<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a> will ich nichts zu tun haben; geh fort von uns?&#8220; schreit sie wütend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Tränen in den Augen entfernt sich Klara. Ruth ist bestürzt über ihre Heftigkeit. An Rechas Kälte merkt sie wie sehr diese ihr liebloses Vorgehen verurteilte. Sie erinnert sich des Verbotes, andere zu beschämen und an den herannahenden Versöhnungstag<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>. Tief schämt sie sich vor Recha und konnte es ihrer Gewohnheit gemäß nicht unterlassen, die Scham durch neue Zornesausbrüche zu ver­decken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du`s mit Klara hältst, brauche ich dich nicht zur Freundin,&#8220; erbost sich Ruth.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du mich entbehren kannst,&#8220; ist die ruhige Antwort Rechas, „dann gehe ich eben.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ruth bleibt allein am Fluss zurück. Noch gesteht sie sich ihre Schuld an dem Zerwürfnis nicht ein. „Ich habe recht!&#8220; murmelte sie trotzig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem kann sie diese Nacht nicht gleich einschlafen. Am Morgen weicht sie der Freundin aus, die gleich ihr während des Schofarblasens im Tempel ist. Jetzt hätte sie abbitten können wären beide in ihrer Nähe gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Fest ist vorüber. In der Schule reiht sich Ruth, von den anderen gemieden, Mit­schülerinnen an, die gerade nicht zu den bravsten gehörten. Am Nachmittag ist Zeichenstunde. „Du, Ruth,&#8220; rufen ihr die neuen Freundinnen zu, „heute haben wir uns was Feines ausge­dacht. Die langweilige Zeichenstunde soll wun­derschön werden!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Widerstandslos lässt Ruth in den Plan sich einweihen und schlägt ein, ohne recht den Sinn begriffen zu haben. Der Unterricht beginnt. Ruth beugt sich tief über ihr Heft. Bleistift und Gummi werden fleißig in Tätigkeit gesetzt. Plötzlich fliegt ein Briefchen auf ihr Heft. Aha! Der Bund kündigt seine Arbeit an. Verstohlen schaut sie hinein. Da erblickt sie die Karikatur, des Zeichenlehrers. Wenn Herr Bär sie sähe! Das Blättchen entfällt ihren Händen. Sie bückt sich darnach. Gerade hat sie sich aufgerichtet, da fragt der Lehrer, welcher sie beobachtet hat: „Was hast du da in der Hand?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ruth erschrickt heftig. Auf Befehl des Leh­rers geht sie zitternd und wankenden Schrittes ans Katheder, reicht den Zettel hin und bleibt stehen. Es ist ihr, als müsse die Diele des Schulzimmers sich öffnen und sie tief, tief hin­unterstürzen in das Erdreich. Sie wartet auf diese Erlösung. Nichts von alledem geschieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Setzen!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe sie weiß, wie es zugeht, sitzt sie wieder auf ihrem Platz und kann nun über die Art der Strafe Nachdenken, die ihr werden wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hab&#8217;s doch nicht getan!&#8220; denkt sie ver­zweiflungsvoll. „Aber verraten darf ich doch auch nichts.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Minuten schleichen langsam dahin. Ein würgendes Schluchzen sitzt ihr in der Kehle. Da! Ein Glockenschlag. Die Stunde ist aus. — Jetzt wird die Strafe kommen. Doch nein! Herr Bär entfernt sich, ohne ein Wort an sie zu richten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ruth ist am Ende ihrer Kraft. Morgen wird das Strafgericht einbrechen. Herr Bär wird dem Herrn Rektor die Zeichnung vorlegen und dann — —. Laut aufschluchzend schlägt sie die Hände vor das Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mach&#8216; dir nichts draus!&#8220; ruft die Verfertigerin der Karikatur. „Wie dumm, dass die anderen sie nun nicht sehen können! Schneidig war sie! Ob Herr Bär sie wohl einrahmen wird?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter schallendem Gelächter stürzt die An­stifterin des Unheils aus dem Zimmer, von ihren Trabanten gefolgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pfui!&#8220; ruft ihr Recha nach, „wie kannst du nur so unehrlich und feige sein! Du musst morgen sagen, dass du die Zeichnung gemacht hast.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fällt mir nicht im Traume ein,&#8220; tönt es zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Recha wandte sich an Ruth. „Komm Ruth!&#8220; Still gehen die Kinder nach Hause. Recha schüttelt die Hand der Freundin beim Auseinandergehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke!&#8220; flüstert Ruth.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unbemerkt gelangt sie in ihr Stübchen. Die Schularbeiten für den kommenden Tag sind ihr eine willkommene Ablenkung. Vor dem Zubettgehen „leint&#8220;<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a> sie das „Krias Schema<a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a>&#8220; mit besonde­rer Innigkeit. „Lieber Gott, lasse alles gut wer­den!&#8220; flüsterte sie vor dem Einschlafen“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am anderen Morgen tritt die treue Recha gemeinsam mit ihr den Schulgang an. Der Un­terricht nimmt seinen Anfang. Ängstlich beob­achtet Ruth die Tür. Es klopft! Gleich wird der Herr Rektor eintreten. Spannung liegt auf den Gesichtern der Mitschülerinnen. Nein, er ist es nicht! Eine Langschläferin tritt verlegen auf das laute „Herein“ des Klassenlehrers ein. — In der Zehnuhrpause ist die übermütige Schul­dige ganz aus dem Häuschen vor Freude über das Ausbleiben des Rektors. „Na, Ruth, steck&#8216; deine saure Miene ein, du Angsthase!&#8220; ruft sie dem geängstigten Kind zu. „Komm zu uns, wir nehmen dich Unschuldslämmchen wieder in Gnaden auf!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ruth wendet sich von ihr ab. Hand in Hand geht sie mit der Freundin dem Spielplatz zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich glaube auch,&#8220; sagt jetzt Recha, „dass Herr Bär die Sache ganz vergessen hat.&#8220; Ruth schüttelt den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die Freundin abzulenken, fragt Recha: „Wirst du diesen Jom Kippur ausfasten?&#8220;<a href="#_ftn20" id="_ftnref20"><sup>[20]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Natürlich!&#8220; bejaht Ruth, „ich bin ja schon zwölf durch.<a href="#_ftn21" id="_ftnref21"><sup>[21]</sup></a>&#8222;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich faste schon zum zweitenmal ganz aus,&#8220; bemerkte erstere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Freust du dich drauf?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ruth nickt eifrig. Wie hatte sie doch Schwester und Bruder beneidet, die schon so oft zu den Großen gerechnet wurden. Nun soll die Freude des ersten Fastens durch einen solchen Kummer beeinträchtigt werden? Da gedenkt sie des Vaters Ermahnung, die Zeit vor dem Versöhnungstag richtig zu benutzen. Sie fasst einen Entschluss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich gehe zu Herrn Bär,&#8220; sagt sie aus ihrem Denken heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Nachmittag, gleich nach der Schule, wandern Ruth und Recha der Wohnung des Zeichenlehrers zu. Mit Herzklopfen steht Ruth vor der Tür. Hätte die treue Begleiterin nicht rasch die Glocke gezogen, sie wäre wohl wieder fortgelaufen. Die Türe wird geöffnet. Recha tritt beiseite. Leise klopft Ruth an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nur herein, mein Kind,&#8220; ertönt es von innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verlegen nähert sich Ruth dem Schreibtisch vor dem Herr Bär sitzt. Hilfesuchend lasst sie die Augen herumschweifen. Da, oh Entsetzen! erblickt sie die Karikatur auf dem Schreibtisch. Sie kann den Blick nicht davon abwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nun, Ruth,&#8220; ermuntert sie der freundliche Lehrer, „was wünschst du?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der milde Ton bringt sie zum Weinen. „Ich, ich hab&#8217;s nicht getan!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So! du kommst also, um andere anzu­klagen!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, ich verrate niemand; aber ich — ich —&#8220; Erneutes Schluchzen. „Ich, bi — bitte um Verzeihung, weil ich so ungezogen war — und — und — der Versöhnungstag ist über­morgen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dass du die schöne Zeichnung nicht gemacht hast, wusste ich sofort,&#8220; sagte der Lehrer mild. „Kenne ich doch deine wenig kunstgeübte Hand, dass du die Übeltäterin nicht nanntest, gefiel mir. Darum verzeihe ich dir dein ungehöriges Betragen von gestern. Aber sage, Kind, was war mit dir vorgegangen, wie konntest du dich den Wildesten angesellen? Ich erkannte dich nicht wieder.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter anfänglichem Stottern kommt der Sachverhalt heraus. Ruth schont sich nicht. Ernst hört Herr Bär zu. „Siehst du, Kind,&#8220; sagt er dann ernst, „da hast du schon in jungen Jahren die Wahrheit des Schillerschen Wortes kennen gelernt: „Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, nur Böses kann gebären.&#8220;<a href="#_ftn22" id="_ftnref22"><sup>[22]</sup></a> Du hast eine heilsame Lehre erhal­ten. Vergiss sie nicht.&#8220;</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Verzeihe mir; ein Gebet aus der Rosch-Haschana-Liturgie</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Der Vorabend von Rosch Haschana, dem Neujahrsfest</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Feiertagsstimmung</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Synagoge</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Die Feiertagskerzen gesegnet</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Den Brauch, sich zu Rosch-Haschana zu beschenken kenne ich nicht</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Barches = Challa, die Decke mit der das Brot zu Feiertagen zugedeckt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Etrog, eine zitrononenartige Frucht, die zu Sukkot einen Teil des Festtagsstrauches ausmacht. Zur Aufbewahrung dieser Frucht hier ein Kästchen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Ein Bild vom Tempel in Jerusalem</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Nach dem Segen über Wein, folgt der Segen über die Challabrote und danach wird zu Rosch-Haschana ein Stück Apfel in Honig getaucht und mit dem Segenswunsch verbunden gegessen, dass das kommende Jahr so süß wie der Apfel werden solle.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Den Segenspruch über das Licht gesagt. Man kann nicht nur den Segenspruch über die Feiertagskerzen sprechen, sondern auch generell über andere Lichtquellen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Er spricht den Segenspruch über Wein</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Nachmittagsgebet</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Es ist Brauch am 1. Tag Rosch Haschana nach dem Nachmittagsgebet an einen Fluß zu gehen um dort Gebete zu sprechen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Gemeint ist hier das Volk Israel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Einfach, dümmliche Person</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Jom Kippur – die Tage von Rosch Haschana bis Jom Kippur werden auch als die 10 Bußtage bezeichnet, an denen u. a. durch Umkehr von bösen Taten das Los für das kommende Jahr beeinflusst wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> leinen = lesen, jiddisch</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Das Schema-Gebet, das morgens und abends zu sprechen ist</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Jom Kippur ist ein strenger Fastentag. Kinder sind davon befreit – möchten aber den Erwachsenen nicht nachstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> Mädchen werden mit 12 Jahren religionsmündig, Jungs mit 13. Damit ist sie zum Fasten verpflichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref22" id="_ftn22">[22]</a> Aus „Wallenstein“</p>
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		<title>Kinderecke</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Aug 2025 10:08:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Hawdolohkerze[1] In der Zeitung „Der Israelit“ vom 04.03.1909 habe ich diese Geschichte gefunden. Der Autor zeichnet am Ende der Geschichte leider nur mit den Initialen R.L. Deshalb kann ich leider nichts über ihn in Erfahrung bringen. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die Hawdolohkerze<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a></strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">In der Zeitung „Der Israelit“ vom 04.03.1909 habe ich diese Geschichte gefunden. Der Autor zeichnet am Ende der Geschichte leider nur mit den Initialen R.L. Deshalb kann ich leider nichts über ihn in Erfahrung bringen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2507978">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2507978</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Lange war die Hawdolohkerze so von Stadt zu Stadt und Haus zu Haus gezogen und war da­rüber alt und runzelig geworden<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>. Es war ihr ein hartes Lebenslos beschieden. Nirgends war ihres Bleibens mehr als wenige Augenblicke; dann hieß es wieder: wandere. Aber es waren ernste feierliche Minuten; der Abschied von Sabbat­frieden und -Freude hinein in sechs lange, schwere Wochentage mit ihren Mühen und Nöten. Und wo gabs die nicht? Weder Seide noch Purpur schrecken sie (die Mühen und Nöte) zurück; weder die hohen massiven Tore prunkvoller Paläste noch die goldbetreßten<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Diener und Lakaien in den langen, teppichbelegten Gängen vermögen Frau Sorge den Eingang zu den ahnungslosen unglücklichen Menschen zu ver­wehren. Hawdolohkerze aber hatte nicht nur helle, scharfe Augen, sondern auch ein weiches fühlendes Herz; und mit großen Tränentropfen in den langen schwarzen Wimpern und einem tiefen Seufzer pflegte sie dann immer Abschied zu nehmen nach ihrem kurzen Besuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun war das Ende ihrer Tage gekommen, und sie wünschte sich so sehnlichst aus der Tiefe ihres Herzens, noch einmal einen Menschen recht, recht glücklich zu machen. Dann wollte sie gerne sterben. — — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war tief im Winter. Am Fuß der Rhön liegt einsam und im Schnee vergraben ein kleines Dorf. Ganz draußen, von allen Seiten schon von weißen Feldern umgeben, steht, etwas erhöht, noch ein letztes Häuschen. Hoch hinauf sind seine Fenster mit Schnee verweht und die gefrorenen Scheiben blicken wie große trübe Augen in die Dämmerung. Drinnen aber ist ein warmes, freund­liches Stübchen im Sabbatkleid, und die stür­menden Schneemassen, die vor dem Fenster wirbeln, und das Pfeifen des Windes machen das Zwielicht nur noch heimlicher und die Sabbat­ruhe noch tiefer und inniger. Im Ofen knistert das Feuer und spielt mit tanzenden Lichtern auf den zinnernen Tellern und Kannen gegenüber auf der alten Kommode aus Kirschbaum. Die große Standuhr tickt gleichmäßig und schwermütig. Sonst aber ist&#8217;s still im sonst so munteren Kreise. In der Ecke beim Fenster nämlich steht ein Krankenbett. Schier eine Woche schon liegt klein Rachelchen im Fieber. Umsonst hofft man von Tag zu Tag auf Besserung und mit Bangen sieht man dem Abend entgegen; denn schon be­ginnt langsam die Fieberhitze wieder anzusteigen. Die Mutter legt kalte Tücher auf die brennende Stirn; der Vater sitzt am Bettrand, während das Kind, mit geschlossenen Augen, wie im Schlaf daliegend, mit seinen heißen Händchen ihn krampf­haft bei der Hand hielt. „Gelt Vater,&#8220; begann es da leise zu stöhnen, während die Fieberglut mehr und mehr das schmale, zarte Gesichtchen zu bedecken begann, „du gehst heute nicht fort von mir; nur heute nicht; ach nein, bleib doch; nur diesmal noch!&#8220; und fröstelnd schauderte es zu­sammen. „Ja mein Kind, ich bin ja bei dir&#8220;, erwiderte der Vater mit seiner tiefen weichen Stimme, dann ward&#8217;s wieder still wie zuvor; nur die Atemzüge tönten rascher und schwerer aus den Kissen.— — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatte das Kind geahnt, daß es umsonst bat? Gleich nach Hawdoloh mußte der Vater ja fort. Drei Stunden nächtliche Fahrt mit der Post zur nächsten Bahnstation, um morgen früh an Ort und Stelle zu sein. In wenigen Tagen wollte er wieder zurückkommen. Aber fort mußte er, ohne Aufschub. Es stand zu viel auf dem Spiel. Selbst die Mutter hatte nicht mehr den Mut, um Verschub zu bitten. Und düstere Gedanken drängten sich in dem übervollen Herzen des schwer geprüften Mannes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vater, Vater, sieh dort die langen, schwarzen Männer! jetzt, jetzt fassen sie mich<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>; nein, nein, bleib! ach, du gehst — fort — von mir.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, mein Kind, nur Hawdoloh will ich ja machen; du weißt doch, mit der schönen leuch­tenden Kerze,&#8220; erwiderte sanft und bewegt der gequälte Mann, und machte sich sanft aus der zitternden Hand seines Lieblings los. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Traumverloren blickte der Vater ohne Unter­laß noch immer in die brennende Kerze, als ge­traute er sich nicht, sie auszulöschen. Im Geiste mochte er wohl die angeschirrten Postpferde sehen, wie sie auf dem dürftig erleuchteten Marktplatz ungeduldig im Schnee scharrten; und nur die Kerze brauchte zu verlöschen, dann mußte er von seinem Liebling Abschied nehmen. Und ein banges, wehes Gefühl sagte ihm ganz leise: — vielleicht für immer. Und sie, die gute Hawdolohkerze, nahm heut wirk­lich ihre ganze trauliche Schönheit zusammen und leuchtete so freundlich und friedlich, als ob sie sagen wollte: „Bringst du&#8217;s übers Herz, mir was zu Leide zu tun?&#8220; Und wirklich fand heut niemand den Mut dazu, und eine stille Träne rollte dem Vater in den graumelierten Bart. Da plötzlich — ein Peitschenknallen drüben vom Postgarten her! und rasch, wie jäh erwachend, drückt der Vater das brennende Wachslicht in den weinbenetzten Teller, daß es laut aufschluchzt. Die Mutter wankt zur Tür, hilft dem Vater in Pelz und Überschuhe; jetzt noch ein feuchter Blick nach dem Bett und — da dröhnt von der eisernen hartgefrorenen Brücke her der gleichmäßige Huf­schlag der Postpferde, die im gewohnten gleich­mäßigen Trabe das Dorf verlassen. — Eine Möglichkeit zur Reise gabs heute nicht mehr. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am anderen Morgen lag das Kind in tiefem, wohltuenden Schlafe an der Brust des Vaters. Die Nacht hatte die Krise und damit die Wendung zur Besserung herbeigeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als man dann am nächsten Sabbat-Abend wieder Hawdoloh machte, saß klein Rachelchen am Tisch und blickte verklärten Auges in das Licht, als ob es wüßte, was es ihm schuldig wäre. Aber auch der Vater und der ganze Kreis rings­um blickte sinnend und innig hin, wie auf einen lieben alten Bekannten, der so traut zu einem sprach. Und wieder dachte keiner dran, die Kerze zu verlöschen. Die aber war nach ihrer letzten Anstrengung so klein geworden, daß man sie heute schon auf ein Hölzchen stellen mußte, um sie nur halten zu können. Und doch kam allen heut ihr Licht so freudig und glänzend vor wie noch nie. Da — mit einem Mal ein Aufflammen — und aufgelöst sank sie in sich zusammen. Sie starb einen leisen Tod, umgeben von glücklichen, dank­baren Geistern, gerade so wie sie sich´s gewünscht hatte. Zum ersten Mal, daß sie beim Verlöschen nicht geseufzt hatte. R. L.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Man beendet den Schabbat mit der Hawdala, der Unterscheidung zwischen der Heiligkeit des Schabbats und den nun beginnenden gewöhnlichen Wochentag. Dazu wird u.a. eine mehrfach geflochtene Kerze angezündet und am Ende der kleinen Zeremonie mit Wein ausgelöscht. Diese Kerze brennt nur wenige Minuten – doch trotzdem ist auch sie einmal zu Ende. Von dieser Kerze handelt diese Geschichte. Hawdoloh ist die aschkenasische Aussprache von Hawdala.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Natürlich hat jede Familie ihre eigene Kerze – nur in der Geschichte geht sie halt auf Reisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Wikipedia: „Eine Tresse (aus dem Französischen) ist ein aus Gold- und Silberfäden oder auch mit Seide, Lahn und Kantille gewebter Bandstreifen oder eine Borte zum Besatz von Kleidungsstücken,”</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Eine Anspielung an den Erlkönig von Goethe: „Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an“</p>
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		<title>Kinderecke</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Jul 2025 09:20:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 03.07.1924 habe ich die für Kinder geschriebene Fabel gefunden. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2528698 Igel und Fuchs Von Bero Berlinger Heller Sonnenschein lag über den Gefilden Moabs. [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">In der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 03.07.1924 habe ich die für Kinder geschriebene Fabel gefunden.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2528698">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2528698</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Igel und Fuchs</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Von Bero Berlinger</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heller Sonnenschein lag über den Gefilden Moabs. Auf einem Acker dicht neben einem Zedernwäldchen saß gemütlich Familie Igel, den Geburtstag des Jüngsten, des kleinen Bileam, feiernd. Der war ein niedlicher Kerl, rund, fett, immer hungrig, immer frech, immer lustig, der Stolz der Alten, die Plage der Geschwister.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit erlesenen Genüssen war die Tafel ver­sehen. Es gab Feldmäuse, Regenwürmer, Frösche, Schnecken, Vögel, Blindschleichen, Ottern; Äpfel und Birnen zum Nachtisch. Vater Igel brachte auf den kleinen Bileam einen regel­rechten Trinkspruch aus und wünschte ihm ein langes, gesundes Igelleben, eine gemütliche, mit Stroh und Heu gepolsterte Wohnung und erfolg­reiche Jagd. Die Mutter wischte sich vor Rührung die ewig feuchte Nase, die Kinder taten desgleichen. Bileamchen aber, der Held des Tages, würgte unaufhörlich Stücke einer Otter hinunter. Schließlich sangen alle das Lied: „Freue dich, Jüngling, deiner Jugend.&#8220;<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch jäh brach der Gesang ab. Der Alte hatte einen Warnungsruf ausgestoßen und sich schnell zu einer Kugel zusammengerollt. Im Augenblicke wurde die ganze Familie kugelrund, starrte vor Stacheln und blieb bewegungslos liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Fuchs war gekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ei, guten Tag! Friede mit euch! Störe ich etwa? Das sollte mir leidtun. Hm, der Tisch gedeckt, wohl Feiertag heute? Seltene Leckerbissen sehe ich. Würmer — pfui, Schnecken — pfui. Ottern — pfui! Ich begreife nicht, wie aus alledem fettes, schmackhaftes Igelfleisch wird. Darüber muss ich einmal den alten Uhu be­fragen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was knurrt ihr da in euren Rüssel, Herr Igel? Ich verstehe euch nicht. Ihr verkehrt in seltsamen Formen mit eurem Gaste, das muss man sagen. Nicht eines Blickes würdigt ihr ihn. Bin ich denn euer Feind? Gewiss habe ich euch zum Fressen gern, aber bis heute habe ich euch doch noch nicht gefressen. Bedenket, ein Fuchs will auch leben. Lebt ihr denn nicht, indem ihr tötet? Täglich bringt ihr Schnecken und Vögel und Würmer und Frösche um und wollt, dass man euch gutmütige Tiere nennt. Ich aber, der ich mich auf ähnliche Art ernähre, bin der böse, grausame Fuchs. Dabei habe ich ein gutes Herz. Die Tränen sitzen mir locker im Auge. Ein Freund bin ich dem Freunde.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haha,&#8220; lachte der Igel, „ihr Freundschaft! Freundschaft zwischen Hund und Katze, zwischen Moab und Midian<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a>!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lachet nicht,&#8220; grollte der Fuchs, „ich weiß wahre Freundschaft zu würdigen und zu halten. Das Leben ist ernst. Ich habe auch meine Sorgen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schert euch fort&#8220;, sagte der Igel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum eigentlich so schlechter Laune, Herr Igel? Ich bin doch an einem festlichen Tage gekommen. Ja, ja, ich habe auch meine Sorgen. Die Jäger pirschen im Walde. Oh, diese moabitischen Jäger! Man ist seines Lebens nicht sicher. Wir sind überhaupt in einer schrecklichen Welt. Gäbe es keine grausamen Moabiter, wie schön wäre das Leben! Vor Tieren des Waldes fürchte ich mich nicht, der Mensch nur ist mein furchtbarer Feind. Man hat mir erzählt, dort drüben im Hebräerlande wohnten barmherzige Menschen. Dort kenne man keine Jägerei. Dort erbarme man sich des Esels, der unter seiner Last zusammenbricht<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> und binde dem Ochsen das Maul nicht zu, wenn er drischt<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>; dort füttere der Hebräer die Haustiere früh am Morgen, dann erst esse er selber.<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schade, dass ich kein Ochse bin im Hebräer­lande&#8220;, seufzte der Igel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber hier in Moab,&#8220; fuhr der Fuchs klagend fort, „hier warten die Unmenschen nicht einmal, bis man verendet ist. Vom zuckenden Leibe noch schneiden sie sich ihre Happen<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a>. Ich gehe zu den Hebräern. Dort gilt meine Art zwar als unrein die eurige übrigens auch. Herr Igel — aber das schadet nichts. Dort isst man mich nicht, dort jagt man mich nicht, dort kann ich in Ruhe meinem Berufe nachgehen und ein ehrenvolles Fuchsenalter erreichen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuchs, da täuschst du dich,&#8220; brummte der Igel, „man kennt auch dort, den Verderber der Weinberge<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a>. Ertappt man dich auf dem Hühner- und Gänseraub, lässt dir auch der He­bräer den Knüppel um den Kopf sausen. Und mit Recht.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Rauben, rauben! Wer spricht von Raub und Diebstahl! Ich nicht. Denke ich des heiligen Landes, in das ich wandern will — der Ge­danke schon veredelt mich. Misstraut mir nicht. Wer sich bessern will, dem helfe man. Ich will mich bessern. Wandert mit mir hinüber nach Kanaan! Ich habe mir sagen lassen, dort stimme auch der Fuchs ein in den Lobgesang zu Ehren des Schöpfers der Welt. Himmel und Erde, Paradies und Hölle, Sonne und Mond, die eilenden Wolken und zuckenden Blitze singen, Meere und Flüsse rauschen ihr Lied, in Ehrfurcht neigen sich Bäume und Sträucher und Ähren und singen dem Schöpfer; der gewaltige Le­viathan lobsingt, es singen die Löwen und Bären, die Adler in den Lüften wie Skorpione und Ameise und Wiesel auf der Erde<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>. Wie schön muss es in einem solchen Lande sein!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bist ein Heuchler, ein Scheinheiliger&#8220;, sagte entrüstet der Igel. „Wer mag dir trauen? Wo du auch sein magst, du bleibst immer der Fuchs, der Schlaue, der Hinterlistige. Du dich bessern? Du schleppst deine Sünde auch ins Hebräerland hinein. Deinesgleichen sollte hei­ligen Boden meiden. Mit dir wandere ich nicht. Ich bin auf der Hut.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr seid grob und unverschämt und beleidigt einen Bußfertigen. Ihr seid dumm und unge­bildet. Ihr wisset nicht, dass selbst Gerechte sich nicht mit einem Büßenden messen können. Übrigens — den Igel wird man vergebens im Chor der Kreaturen suchen, die ihren Schöpfer preisen. Ihr seid dieser Gnade nicht gewürdigt worden. Ich will von euch nichts mehr wissen. So lebt denn wohl. Ich habe Eile. Immer näher kommen die Pfeilschützen. Ich bin in Gefahr.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schlaue entfernte sich einige Schritte. Da schwirrte ein Pfeil durch die Luft. „Ich bin ge­troffen,&#8220; jammerte der Fuchs. „Ich sterbe. Seid barmherzig, helft mir, helft mir!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eilig entrollte sich die Igelfamilie. Der Jüngste war zuerst zur Stelle. „Du armer, armer Fuchs&#8220;, rief er. Doch dieser, der sich nur verstellt hatte, sprang empor und tötete den Kleinen mit einem furchtbaren Biss. Hastig ver­zehrte er ihn. Die Igel aber jammerten herz­zerreißend und vergossen bittere Tränen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen kamen die Jäger immer näher. Pfeil um Pfeil durchschwirrte die Luft. Plötz­lich machte der Fuchs einen Sprung und brach zusammen. Er war tot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam näherten sich die Igel. Sie sahen den toten Räuber, sie sahen das tote Igelchen. Freudiger Anblick dort, jammervoller hier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sagte der Alte: „Ach, es gibt auf Erden keine reine Freude. Wie hätten wir Igel ge­jauchzt beim Tode des Feindes, nun ist dieser Tag zur Trauer geworden. Und mich will bedünken, daß kein Glück so erfreuen, als ein Un­glück schmerzen kann.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am anderen Tage wollten die Igel nach dem Judäerlande pilgern. Als sie aber Füchse auf der Lauer sahen, beschlossen sie, zu bleiben, wo sie waren.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Kohelet 11:9; „Freue dich, Jüngling, deiner Kindheit und sei frohen Herzens in den Tagen deiner Jugend, wandle, wohin dich dein Herz zieht, und nach dem, was deine Augen schauen, aber wisse, dass nach all diesem dich Gott ins Gericht führen wird.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Dieses Beispiel hinkt: Zwischen Moab und Midian gab es weitestgehende Übereinkunft gegen die Bene Israel. Man denke bitte an Paraschat Balak.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Exodus 23:5; „Wenn du den Esel deines Hassers unter seiner Last liegen siehest, so sollst du dir nicht gestatten, es ihm zu überlassen; vielmehr alles fahren lassen und ihm beispringen.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Deuteronomium 25:4; „Du sollst einem Ochsen nicht den Mund schließen, wenn er drischt. (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> ein Gebot der Thora nach „Magen Avraham 271:12“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Eine große Sünde. Es ist dem Menschen nach Genesis 9:4 (Jedoch Fleisch, dessen Blut noch in seiner Seele ist, sollt ihr nicht essen) verboten, Fleisch aus dem lebenden Tier herauszuschneiden, um es zu essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Hohelied 2:15; “Fangt Füchse, die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben, da unsere Weinberge blühen.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Alles Anspielungen auf Psalmen; die erwähnten Tiere sind alle im Alten Testament erwähnt.</p>
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