Die Tage zwischen Pessach und Schawuoth, die sogenannte Omerzeit, in der die Juden von Ägypten zum Gottesberg wanderten, ist der Aufhänger dieses Aufsatzes von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l. Immer wenn wir meinen, schon fast am Ziel, am Berg Sinai zu sein, fallen wir von dem von Gott uns vorbezeichneten Weg ab, und beginnen wieder unsere Wanderung im Sklavenhaus. — Die Zeit, die Gott uns auf Erden schenkt, richtig nutzen, das bedeutet das „Zählen von Tagen und Wochen“ während dieser Periode.

Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift „Jeschurun“, 2. Jahrgang, Heft 8, Mai 1856. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst, wo nötig mit KI überarbeitet und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:

https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2939783

Mit KI habe ich eine kurze Inhaltsangabe gefertigt:

Der Text beschäftigt sich mit den „Wochen und Tagen der Übergangs-Periode“, mit der Zeit zwischen Pessach und Schawuoth, der sogenannten Omerzeit. In dieser Zeit wanderten die Juden von der Befreiung aus Ägypten bis zum Empfang der Tora am Berg Sinai. Das Zählen von Tagen und Wochen, wie es religiös geboten ist, wird als Sinnbild für das richtige Nutzen der Zeit und als Prüfung dargestellt.

Der Autor beschreibt, wie das Alte vergangen ist und das Neue noch nicht vollendet wurde. Oft scheitert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft an den Prüfungen der Zeit, und alte Missstände kehren in neuen Formen zurück. In dunklen Perioden, in denen die Menschheit den Sinn und Halt verliert, richtet sich das Gebet an Gott, der als einziger unveränderlicher Angelpunkt der Zeiten erscheint. Die Geschichte der Menschheit wird aus göttlicher Perspektive betrachtet: Jahrtausende sind für Gott wie flüchtige Momente, und der Mensch erkennt seine Ohnmacht gegenüber dem göttlichen Willen.

Die zentrale Botschaft ist, dass wahre Weisheit und Seligkeit nicht aus der äußeren Erforschung der Welt, sondern aus der inneren Verbindung zu Gott entstehen. Die Menschheit kann erst dann Frieden und Erfüllung finden, wenn sie ihre Taten im Einklang mit dem göttlichen Gesetz vollbringt und jeden Augenblick bewusst und treu lebt. Solange Menschen versuchen, aus eigener Kraft Recht und Wahrheit zu definieren, bleiben sie gefangen in den Kreisläufen von Macht, Schwäche und Leidenschaft.

Erst wenn die Menschheit ihre Grenzen erkennt und sich nach einem höheren, göttlichen Gesetz sehnt, kann sie wirklichen Frieden und Beständigkeit erlangen. Diese Erkenntnis spiegelt sich im Gebet Mosches (Psalm 90) wider, der um göttliche Führung und Gesetz bittet. Die Geschichte Israels wird als Beispiel genommen: Nur durch Prüfungen, Wüstenwanderungen und Selbsterkenntnis reifte das Volk zur Empfängnis des Gesetzes und zum Gesetzesvolk.

Die Bedeutung der Omerwochen liegt darin, dass Israel gerade in Zeiten der Prüfung und Umwandlung lernen muss, seine Tage und Wochen zu zählen – als Zeichen für die fortwährende Wanderschaft und Entwicklung auf dem Weg zum Ziel. Dabei wird betont, dass nicht nur die Wochen als größere Zeitabschnitte, sondern auch die einzelnen Tage voller Bedeutung sind: Jeder Tag des Ausharrens, der Treue und des Kampfes trägt zur Erfüllung des göttlichen Plans bei.

Abschließend wird deutlich gemacht, dass Gott die Treue und den Zusammenhalt der wenigen Gerechten in Zeiten der allgemeinen Verirrung besonders wertschätzt und das geistige Band zwischen Vergangenheit und Zukunft bewahrt. Die Gedanken und das Gebet der Gottesfürchtigen werden von Gott gehört und in einem „Buch des Gedächtnisses“ festgehalten. So bleibt die Hoffnung bestehen, dass das Ziel – die Versammlung am Sinai und die Ernte der Früchte aus den Mühen der Vorfahren – eines Tages erreicht wird.

Wochen und Tage der Übergangs-Perioden.

מִצְוָה לְמִימְנֵי יוֹמֵי,
וּמִצְוָה לְמִימְנֵי שָׁבוּעֵי[1]

Zählet Tage
Und zählet Wochen!

Das Alte ist geschwunden — das Neue noch nicht da. Und was noch trüber ist, auch das Neue ist schon alt geworden. Woran die Menschen ihre Hoffnungen für die neue Zukunft geknüpft, es hat die erste Probe nicht bestanden, es war nur in wenigen Gemütern in sittlicher Klarheit und Wahrheit aufgegangen und war den anderen nur eine neue Maske für das alte morsche Unrecht, für den alten morschen Wahn. Darum hat es nicht Stand gehalten in den Geburtswehen der Zeiten und aus seinen Trümmern haben sich die Menschen den Sarg für ihre Hoffnungen gezimmert und haben die Hoffnung begraben und haben gelernt sich ihrer Hoffnung zu schämen.

Und die morgenrotlose Nacht der Gemüter weckt all das Nachtgetier, all das Ungetüm der Nachtgespenster aus ihren kaum verschütteten Gräbern, das alte Unrecht und den alten Wahn und die dumm zutappende Gewalt und die Blindschleichen der Geisterverdumpfung und die kalte schmalstirnige Selbstsucht — auf dem Grabe der Morgenröte beginnen sie ihre nächtlichen Orgien zu feiern, ihnen, den Wiederauferstandenen, meinen sie, sei nun erst recht das Reich ihrer ewigen Herrschaft, gekommen, darum feiern sie schamlos nackt ihre nächtlichen Orgien. Die Erlösungsideen der Wahrheit und des Rechts, der Heiligung und der Sitte, der Menschenwürde und des göttlichen Adels der Menschenseelen sind ja zum Gelächter geworden. Darum verschmähen sie die Hüllen, mit denen sie einst auf ihrem ersten Grabesgang ihre Blößen noch gedeckt, die kindischen Lappen lassen sie den Särgen, zeigen der erschreckten Zeit die alten Schwären[2] und den alten Moder in ihrer ganzen unverhüllten Schreckensgestalt — und sehen nicht in ihrem Taumel, wie sie eben in dieser Verblendung sich das Grab noch tiefer graben, die alte Sehnsucht nach Erlösung nur umso mächtiger wecken und einen Herold mit der Morgenrotbitte an den Thron des Weltenrichters senden, der noch immer Einlass gefunden — die Träne, die die gedrückte, die verkümmerte Menschheit weint.

Eine solche Zeit, in welcher der Genius der Menschheit verzweiflungsvoll in die Nacht ausschaut und vergebens den Schimmerpunkt im Osten sucht, an welchen sich die Hoffnung klammern könnte, es habe schon die Sonne den Nadir[3] überschritten und sende bereits den Dämmerhauch ihres Heranzuges hinter den Rücken der nächtlichen Schläfer voraus — eine solche Zeit, in welcher das Gefühl der Unzulänglichkeit des Bestehenden alle erfüllt, ohne dass einem die Zuversicht inne wohne, die Menschheit werde nun auch fähig sein, aus eigenem Schoße das Neue, das Bessere dauernd zu gebären, — eine solche Angstperiode des Überganges, in welcher die Jahrtausende der Vergangenheit zu versinken scheinen und die Gegenwart verzweiflungsvoll die Hände ringt und sich nicht zu sagen wagt, ob sie als der letzte müde Ausläufer dieser Vergangenheit mit in das Geröll der alten Nacht verschüttet zu werden bestimmt sei, oder die Erschütterungen, die sie fühlt, schon den Geburtswehen einer jungen, frischen Zukunft angehören, vor der sie gleichwohl wie vor jedem Unbekannten nicht minder zittert, weil sie es fühlt, dass, wenn diese Zukunft kommt, sie ohne ihr Zutun nur als Gnadengeschenk einer höheren Macht ihr komme, der sie willenlos wie das Kind im kreisenden Mutterschoß in den Armen liegt — eine solche Zeit war es, in welcher der erste jüdische Seher einst sein Gebet hinaus- betete in die Nacht.

Zu dem einen Einzigen flüchtete er sich hinaus, der „der einzige feste unwandelbare Angelpunkt ist in dem wechselnden Gang der dahin rollenden Zeiten! Wie die Erde, so lässt Er auch die Menschenwelt kreisen, wenn neue Bergeshöhen sich in ihr erzeugen sollen, — sei immer dunkel die Vergangenheit, dunkel die Zukunft, von verhülltem Zeitanfang bis zum verhüllten Zeitenende ist Er allein die alles bewegende Kraft, die alles tragende Macht, ist Er allein — Gott! Bis zur Vernichtung lässt Er die alternde Menschheit schwinden wenn Er gesprochen: kehret wieder als neue Adamssöhne. Tage und Jahre zählt der kurzatmige Mensch; aber von Gottes Augen überschaut gruppiert sich die Geschichte nach Jahrtausenden, und da sind tausend Jahre oft nur wie der Wendepunkt, der den gestrigen Tag von dem heutigen scheidet, sind oft nur eine Nachtwache in der Nacht! Er lässt sie dahin strömen — ihre Bedeutung ist: Schlaf — der Morgen kommt und es steht erfrischt auf wie Kraut — am Morgen blüht es und treibts — es geht zum Abend wieder, dann bricht man die Frucht ab — und wieder dorrt es hin. Wenn es aber mit einem Geschlechte zu Ende geht und es sich ratlos unterm göttlichen Unwillen fühlt, dann sind seine Verkehrtheiten vor Gott getreten, zugleich aber auch die in ihm schlummernde bessere Zukunft vor das Licht seines Angesichts gekommen. Denn wenn erst unsere Tage nichts mehr bedeuten, dann vollenden wir auch unsere Jahre wie einen Traum. Wenn unsere Tage in unsere Jahre und unsere Jahre in jene Jahrtausende aufgehen, wir siebzig und wenn es hoch geht achtzig Jahre in diesen Ozean der Zeiten zählen, Jahre, deren Kern Elend und Unrecht ist, Unrecht ist das wir leiden, oder Unrecht das wir üben, dann — wenn dann die rasche Eile uns abmäht — dann freilich fliegen wir dahin! Wer aber,“ so betete vor mehr als dreitausend Jahren der Seher, „wer aber begreift die stärkende Kraft deines Zornes und dass du nur so viel zürnst, als du verehrt sein willst! Unsere Tage zählen, das mögen wir lernen, und dann ein weises Herz mit heimbringen; dann wende dich wieder o Gott, und gib andere Zeiten deinen Dienern. Lasse, wenn es dann wiederum tagt, uns im Bewusstsein deiner Liebe unsere Befriedigung finden, dann werden wir an jedem Tage unserer Tage fröhlich sein und froh. Wie du uns Tage gabst, in denen du uns unser Elend fühlen ließest, Jahre, in denen wir nur Unglück kannten, so gib Du uns Freude wieder. Lasse deinen Dienern sich dein Werk erschließen und deine Herrlichkeit über ihre Kinder sich offenbaren, dass an uns die Seligkeit, die du Gott, unser Gott, allein verleihst, sich bewähre: Begründe unserer Hände Werk auf uns, und das Wirken unserer Hände bestimme du es!“ [4]

Es ist das Gebet Mosches, des göttlichen Mannes, das wir in schwach nachlallenden Worten wiederzugeben versucht, es ist das Gebet, dessen Kommentar die Weltgeschichte bildet und dessen gottgehobener Blick auf das letzte Ziel aller Menschheitsentwicklung hinweist, aber auch Geist und Gemüt mit einer Weisheit zu rüsten vermag, die die dunkelsten Perioden des Übergangs zu dem einst lichtig tagenden Ziel heiteren Mutes zu bestehen lehrt.

Wohl ist es tröstlich beruhigend, die Jahre der Menschheit aus der göttlichen Himmelsperspektive zu beschauen, in welcher Jahrtausende zu einzelnen Übergangsmomenten in dem großen Entwicklungsdrama der Menschheitsbestimmung zusammenschwinden, wohl ist es tröstlich beruhigend sich sagen zu können: „die Gänge der Zeiten sind sein!“, sein allmächtiger Wille trägt die Welt und seine ewige Weisheit führt alles herrlich zum Ziel, aus der Nacht zum Tag, aus dem Moder zur Blüte, aus dem Tod zum Leben, wohl mag unser Kleinmut beschämt verstummen, wenn wir auch in der kurzen Spanne unserer siebzig, achtzig Jahre nur so wenig Erfüllung der heißesten Wünsche für das Heil der Menschheit zu erspähen vermögen, indem wir bedenken, wie das, was uns in unserer Beschränktheit nur als Misston erscheint, sich in harmonischen Einklang im Akkord der Äonen[5] auflöst, und was wir als Grabesgang der Vernichtung betrauern, als Vorbereitung ihrer Auferstehung von unseren Urenkeln begrüßt werden werde, und wohl mag hohe Seligkeit den Sterblichen durchschauern, dem es vergönnt wäre, diesen „Gängen Gottes in dem Heiligtum“ der Zeiten denkend, anbetend, zu folgen — allein die Menschheit erlösende Weisheit ist dieser Jahrtausende umspannende Gedanke — nicht. So lange das Heute seinen Trost im „Morgen“ und der morgende Tag nur in dem sich zu versprechen vermag, was ihm der folgende bringen könne, so lange werden Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende dahinschwinden, und Geschlechter vergehen — und haben den Trost nicht gefunden. Erst wenn wir die Weisheit gefunden, die uns Tage zählen lehrt, erst wenn jeder treu erfüllte Augenblick unseres Daseins in sich uns seine volle Seligkeit zu bringen vermag, wenn wir das Bewusstsein gefunden, das in jeden dahinschwindenden Augenblick die ganze Wonne aller Ewigkeiten zu legen versteht, erst dann wird in jedem Augenblick die ewige Seligkeit reifen und nicht Jahrtausende erst zu sühnen haben, was Jahrtausende gefehlt. Das ist aber die Weisheit, die sich nicht erst aus der Wissenschaft des Himmels und der Erde, nicht aus dem in den Lineamenten[6] des Erdballs, in dem Adergeflecht der Wanzen und Tiere und Menschen erspähten Leben, nicht aus den durchforschten Geheimnissen der Sphären in den Höhen, der Schachten in der Tiefe, der mikroskopischen Wunder im Reich der Lebendigen und der Toten mühsam zusammenbuchstabiert, das ist überall die Weisheit nicht, die dem Menschen erst aus dem sich in die Ferne der Zeiten und Räume verlierenden Blick erwächst, das ist die Weisheit, die dem Menschen aus dem Blick in das eigene Innere erblüht, wenn ihm dort das Gottesbewusstsein aufgegangen, und ihm die Welt als Gotteswelt und ihn sich als Gotteskind und Diener gelehrt und er die Frage hinaus ruft an seinen und aller Welten, aller Zeiten Gott: was willst du, dass ich in meiner Spanne Zeit, auf meiner Spanne Raum, mit meiner Spanne Mitteln vollbringe, und er die Stimme Gottes vernimmt, und er der Stimme Gottes gehorcht. Das ist die Weisheit, die in die Sehnsucht nach dem göttlichen Gesetz aufgeht, die die großen Gänge der Zeiten Gott überlässt, und dem Menschen die Seligkeit, die frohe ungetrübte Heiterkeit bringt, die selbst die kurze Spanne eines Eintagslebens durch das Bewusstsein voll zu verleihen vermag: an dieser Stelle, in dieser Zeit, mit diesem kurzen Maß von Kräften den Willen Gottes erfüllt, seiner Bestimmung genügt zu haben. Das ist die Weisheit, die der alte Seher in den einen Wunsch zusammenfasst: Gründe unsere Taten auf uns, mache uns selbstständig, mache uns frei, mache uns unabhängig von der Willkür, von dem Zwang der Gewalten und Mächte und von dem erst im Laufe der Zeiten reifenden Erfolg, lege die Bedingung unseres Handels und den Wert unserer Taten in uns, gründe unsere Taten auf uns, aber das Tun unserer Hände bestimme du, gib du uns das Gesetz für unsere Taten, auf dass jeder einzelne Moment unseres Schaffens und Tuns uns die Beruhigung, uns die Überzeugung, die Gewissheit verleihe, mit jedem Kleinsten und Größten unserer Lebensäußerungen im Einklang mit deinem Willen, deinen großen und ewigen Zwecken und unserer heiligen, ewigen Bestimmung zu stehen und so    נוֹעָם „, die süße Melodie des harmonischen Einklangs unser ganzes Wesen und Leben durchdringe und wir die Seligkeit ganz empfinden, in dem verschwindendsten Augenblick der Tage den uns zugewiesenen Ton gewissenhaft und treu, rein und klar in das große Konzert der Jahrhunderte gespendet zu haben —

Das ist aber auch die Weisheit, in der allein einst der in immer wiederkehrenden Stürmen bewegte Wellenschlag der Gesellschaft zur Ruhe kommen wird. So lange die Freiheit und das Recht, die Selbstständigkeit und die alle gleich adelnde Menschenwürde nur von Menschen und aus dem Menschen heraus gelehrt, demonstriert und verfochten werden wird, so lange wird dies alles immer wieder und wieder, — und oft von denselben Menschen in anderer Glückslage — von Menschen und aus dem Menschen, aus der natürlichen äußerlichen Verschiedenheit der Menschen heraus, bestritten und geleugnet, bekämpft und vernichtet werden, so lange wird immer wieder und wieder der Stärkere zu dem Schwachen, der Herr zu dem Diener sprechen: ich bin mehr als du; sonst wäre ich nicht dein Herr! Und so lange von Menschen das Gesetz für den Menschen gefunden werden soll, so lange die ganze Arbeit der Menschheit noch darin aufgehen soll erst festzustellen, was denn das Wahre und das Rechte, das Edle und das Gute sei, durch welche Formel denn endgültig das Maß für die Tätigkeit und die Bestrebungen der Einzelnen und der Gesamtheit zum dauernden Heile der Gesamtheit und der Einzelnen zu suchen wäre, so lange wird jeder Tag ein anderes Recht und eine andere Wahrheit statuieren, so lange wird der morgende Tag — und oft von denselben Menschen in inzwischen veränderter Stellung — das in Frage gestellt finden, was der gestrige geheiligt, so lange werden Einseitigkeit und Schwäche, Beschränktheit und Leidenschaft, Selbstsucht und Interesse die Gesetze der Menschheit diktieren, so lange wird sich immer wieder und wieder der Blick der Menschen trüben, und ihnen nur das Recht heilig sein, das sie fordern und genießen, in ganz anderem Licht aber ihnen das Recht erscheinen, das sie zu zollen hätten und zu üben — so lange werden die Annalen der Menschheit mit Tränen und Blut geschrieben werden, so lange wird der Kern ihrer Geschichte in  עָמָל וָאָוֶן, in Elend oder Gewalt aufgehen, und der Friede nur in der Brust des Vereinsamten wohnen. Und so lange noch die Menschen an ihre Zulänglichkeit und ihren Beruf glauben, aus sich heraus die Gesellschaft und den Staat, die Welt und die Gottheit zu gebären und auf ihren Kinderarm den Atlas des Weltalls zu tragen, so lange wird ihre Welt, die Welt des Menschen auf einem feuerdurchglühten Vulkan stehen, und Leidenschaft und Schwäche die umwälzenden Faktoren der Weltgeschichte bleiben. So lange ferner die Erforschung der Wunder der Natur den Menschen immer wieder und wieder zur Anbetung seiner selbst führt, und er vor der Majestät des eignen Geistes kniet, der die Sterne in den Höhen und den Keim in der Tiefe in ihren Gängen und Entwicklungen belauscht, und ihn der Glanz des eigenen Geistes blendet, die überwältigende Strahlenglorie des Geistes nicht zu schauen, dessen Gedanken eben in diesen Wundern sich offenbaren, und dessen Größe und Allmacht und Weisheit und Herrlichkeit und Waltung und Herrschaft in diesen Wundern und in dem Wunder aller Wunder: in dem erkennenden Menschengeist und in dem empfindenden Menschengemüt strahlt und dessen Geist zu unserem Geist aus den Wundern seiner Schöpfung spricht — so lange werden die Angelegenheiten der Menschen jenem Spiel der Leidenschaften, jenem Kampf der Interessen und jenem Gaukelspiel wechselnden Wahnes unrettbar verfallen bleiben, weil ihnen der ewige, feste, unwandelbare Angelpunkt außerhalb und über der Menschheit fehlt, dessen allmächtiger Wille was wahr ist und recht, was rein ist und gut, unantastbar festsetzt, und dessen allmächtige Weisheit und Güte immer bereit ist, das Reich der Weisheit und des Rechts, der Reinheit und Güte auf Erden segnend und schirmend zu fördern, sobald die Menschen sich dem Dienst dieses Reiches mit Aufrichtigkeit und Treue weihen.

Wenn aber einst die Menschen an das Ende ihrer vergeblichen „weltschaffenden“ Versuche angelangt, und ihrer Schwäche und Ohnmacht inne sie die Sehnsucht nach einem über ihren Leidenschaften und Schwächen, über ihren Verirrungen und Irrtümern weit hinaus stehenden festen Höhepunkt fassen wird, an welchen sie die Angelegenheiten ihrer kleinen und doch so großen Welt sicher knüpfen könnten — und ihnen gleichzeitig die Schuppen von den Augen fallen und ihnen aus der immer wachsenden Erkenntnis der Welt und ihrer Gesetze endlich, endlich der Gesetzgeber in seiner Glorie entgegenstrahlen wird, dann werden sie ihm anbetend entgegenjauchzen, und es wird sie die Sehnsucht nach der Seligkeit einer Ephemeride[7] fassen, die, vom Gesetz des großen Einzigen getragen, selig in seinem Dienst ihr Eintagsleben verlebt, und sie werden hinausbeten zu dem Weltschöpfer und Gesetzgeber: Lasse uns Teil haben an deiner, deiner Welt verliehenen Seligkeit, das Werk unserer Hände gründe auf uns, aber unserer Hände Werk stelle du fest, — gib uns dein Gesetz, auf dass wir teilhaben an deinem Frieden: [8]וִיהִ֤י נֹ֤עַם אֲדֹנָ֥י אֱלֹקינוּ עָ֫לֵ֥ינוּ וּמַעֲשֵׂ֣ה יָ֭דֵינוּ כּוֹנְנָ֥ה עָלֵ֑ינוּ וּֽמַעֲשֵׂ֥ה יָ֝דֵ֗ינוּ כּוֹנְנֵֽהוּ, und dann wird Gott das Gebet seiner Kinder erhören, wie er einst das Gebet seines Dieners Mosche erhört, ja durch ihn schon im Voraus auch ihrem einstigen Gebet Erfüllung bereitete.

Denn Mosches Sehnsucht nach dem Gesetz und nach dem ,,Frieden auf Erden durch das Gesetz aus der Höhe“ ward erhört. Ihn selber erwählte Gott zum Werkzeug der Erfüllung seines Gebets. Er ward gesendet die שְׁנֵי אַלְפֵי תֹּוהוּ , die zwei Jahrtausende chaotischer Geschichtsnacht abzuschließen, die שְׁנֵי אַלְפֵי תּוֹרָה , die zwei Jahrtausende der Pflanzung des Gesetzes in den Schoß eines Volkes zu begründen, das dann, hinausgestreut in alle Welt, die שְׁנֵי אַלְפֵי יְמוֹת הַמָּשִׁיחַ ; die zwei Jahrtausende der Vorbereitung der Erlösung aller Völker durch dies Gesetz vermittelnd durchzuleben bestimmt sein sollte.

Aber nur durch lange und bange Prüfungsnächte der Selbsterkenntnis reift die Menschheit der Sehnsucht und dem Licht Gottes entgegen.

Nur in bangen Prüfungsnächten reifte auch Israel zur Empfängnis des Gesetzes empor. Nur in bangen Prüfungsnächten erstarkte es und erstarkt es in dem göttlichen Beruf, das Gesetzes-Volk zu sein.

Nur durch die Wüste ging — und geht der Weg zum Sinai. Es genügte nicht, im einzig hervorragenden Rettungsmoment die „starke Gotteshand“ zu schauen, die dem Ross und dem Mann und dem Weltmeer gebietet, es genügte nicht sie „fürchten“ und ihr „vertrauen“ gelernt zu haben, — in der Wüste und durch die Wüste musste Mosche das Volk zum Sinai führen, in „Marah“, dort, wo die Wüste starrt und das Wasser bitter, und nur durch den „von Gott gelehrten Baum“ süß geworden, dort, wo Israel die eigene Ohnmacht und die Kraft des göttlichen Wortes, und die diesem Worte ewig Nahe Bundesallmacht Gottes kennen gelernt — dort, [9]שָׁ֣ם שָׂ֥ם ל֛וֹ חֹ֥ק וּמִשְׁפָּ֖ט וְשָׁ֥ם נִסָּֽהוּ, dort legte Gott den Grund, dort gründete er ihm Gesetz und Recht und dort führte Er es in die Prüfungsschule und sprach: „Wirst du der Stimme Gottes, deines Gottes horchen und was in seinen Augen das Rechte ist üben , seinen Geboten dein Ohr entgegen bringen und alle seine Gesetze hüten: so werde ich all das Siechtum, das ich in Mizrajim gegeben, über dich nicht verhängen; denn Ich, Gott, bin dein Arzt.[10]

Und so oft Israel an der Kraft dieses göttlichen Wortes irre geworden und das gesetzlose Siechtum der Völker als ungebundene Fülle der Gesundheit beneidete, führte Gott es immer wieder und wieder in die Wüste, zerstreute es zuletzt hin in die מִדְבַּר הָעַמִּים , in „die Wüste der Völker“, ließ es kennen lernen die von ihm beneideten siechen Zustände der Völker, ließ es die öden Jahrhunderte der Völkergeschichte durchwandern und in der Wüste der Zeiten, am Bitterbrunnen, stets die wunderbar erhaltende und beseligende Kraft des Gesetzes erfahren, das es trug.

Die Wochen vor allem, in welchen es von Mizrajim durch die Wüste zu dem Sinai gewandert und am Schilfmeer, am Bitterbrunnen, bei Manna und Wachteln, am Haderfels und unterm Amaleks- schwert die immer nahe Wundermacht Gottes — aber auch die eigene Ohnmacht, und den eigenen Ungehorsam und den eigenen Kleinmut erfuhr, der immer noch zweifelnd sich fragte: ob wohl Gott bei mir ist oder nicht? — diese sieben Wochen waren es vor allem, in welchen es noch nach Jahrtausenden stets die höchsten Prüfungen zu bestehen hatte, so oft es das Banner seines Gesetzes verloren hatte und erst wieder durch die Wüste — zum Sinai wandern sollte.

Und durch diese Wochen des Überganges, der Wanderung und Prüfung geleitet uns das Gebot: Wochen und Tage zu zählen.

Wir zählen Wochen und sagen uns, wie glücklich auch die äußeren Zustände sich zu gestalten scheinen mögen, — mögen sie uns nimmer blenden! Nur auf den Höhen des Gesetzes winkt uns das Ziel, bedeutungslos sind unsere Tage, so wie noch fernab vom Sinai. Und wenn auch Äcker blühen und Sicheln sich regen, für Israel blüht kein Acker, für Israel grünt keine Saat, „Israels Händewerk steht nimmer selbstständig und fest auf seine freie Kraft gegründet, so ihm Gott nicht dies Händewerk begründet,“ so ihm Gottes Gesetz nicht feststellt das Wirken seiner Hand, so es Gott nicht dient mit seinem Wirken und Schaffen. Israel hat sein Ziel nicht erreicht bis es seine Prüfungswochen durchgezählt und einmütig wieder um den im Gesetzesfeuer leuchtenden Sinai-Gipfel lagert.

Wir zählen Wochen und sagen uns, wie trübe sich auch die Zeiten gestalten und wenn auch Druck und Hohn, Verkennung und Gewalt uns die Tage unserer Wanderschaft umdüstern — Tage runden sich zu Wochen, — vorwärts liegt unser Ziel, — vollenden wir nur mutig und stark die Wochen der eigenen Umwandlung, der eigenen Prüfung und Läuterung, wandern wir nur mitten durch die Wüste zu den Höhen des Sinai heran, auf dem Gipfel des Gottesberges wohnt das Gesetz und die Freiheit, — die Hand, die das Werk unserer Hände festigt, festigt auch die Hand für das Werk.

Wochen zählen wir. Lasst den Kleinmut am Kummertuch der Gegenwart nagen, lasst den Kleinmut über die trüben Gestaltungen des Tages an der lichteren Zukunft verzweifeln, lasst die Ungeduld in dem langsamen Fortschritt der Zeiten die Hoffnung verlieren, jeder Tag bringt uns dennoch vorwärts! Und wenn auch derer immer weniger werden, die den Tag ihrer Wanderung nach ihrer Entfernung vom Sinai zählen und schätzen, immer weniger derer, die sich nach der Sinai-Höhe sehnen und von dem leuchtenden Sinai-Gipfel Licht und Wärme, Glut und Leben erhoffen, und immer stärker wird die Zahl derer, die die durch die Wüste zum Sinai wandernde Jakobsfamilie verlassen, und seitabwärts zu Ammon und Moab, Amalek und Edom pilgern, oder sich eine Oase in der Wüste erwählen, oder sich in den Irrgängen der Einöde verlieren — wir wissen es, Wochen des Übergangs, der Prüfung und Läuterung zählen wir, die Periode der Nacht und der Nichtigkeit geht herum, es kommt das Ende, es winkt das Ziel, die Enkel, die Urenkel finden sich einst alle wieder am Sinai zusammen und ernten in Freuden die Garben, die die Väter in Tränen und Seufzen gesät.

Aber wir zählen auch Tage! Mögen auch erst Enkel, Urenkel erst sich der heiteren, besseren, glücklicheren Zeit in Israel erfreuen, mögen erst ihnen die Saaten reifen, für die die Väter den Boden erst unter Tränen und Seufzern erkämpfen, auch die Tage der Tränen und des Seufzens, auch die Tage des Kämpfens und Ringens, die Tage des mutigen Ausharrens und der vereinsamten Festigkeit, auch die nur im Hinzählen zur Woche ihre Bedeutung suchenden und erst im Abschluss der Woche ihre Bedeutung findenden Tage sind bedeutungsvoll und wiegen inhaltsschwer auf der gerechten Wage des ewigen Zeitenrichters. [11] יָ֭קָר בְּעֵינֵ֣י ה‘ הַ֝מָּ֗וְתָה לַחֲסִידָֽיו  „auch ein solcher Tod der Gott-Treuen wiegt schwer in Gottes Augen“, er zählt nicht nur die schaffende Tat, das vollendende Wirken, den verwirklichenden Aufbau seines Reiches auf Erden — in Zeiten des Überganges, wo das Schaffen so schwer, das Wirken so gehemmt, der vollendende Aufbau und Ausbau fast unmöglich, gilt ihm auch die Treue der Gesinnung, die Wahrheit der Gedanken, die Kraft des Beharrens, der Sieg des Gewissens, und auch die haben ihm gelebt, die in Zeiten des Leichtsinns und des Abfalls, des Irrtums und des Wahns, die Gedanken des Ernstes und der Treue, der Wahrheit und des in Gott zu vollendenden Lebens und damit das geistige Band gerettet, das einst die bessere, erleuchtetere Zukunft mit dem von Gott gelegten Boden der Vergangenheit zu verknüpfen vermag, aus welchem dann das richtigere, vollere Heil den Urenkeln erblühen wird. An dem stillen, geistigen, sich gegenseitig weckenden und ermutigenden Zusammenhalten weniger Treuen spinnt Gott in Zeiten allgemeiner Verirrung das Band seiner Geschichte fort,

 אָ֧ז נִדְבְּר֛וּ יִרְאֵ֥י ה‘ אִ֣ישׁ אֶל־רֵעֵ֑הוּ וַיַּקְשֵׁ֤ב ה‘ וַיִּשְׁמָ֔ע וַ֠יִּכָּתֵ֠ב סֵ֣פֶר זִכָּר֤וֹן לְפָנָיו֙ לְיִרְאֵ֣י ה‘ וּלְחֹשְׁבֵ֖י שְׁמֽוֹ׃

וְהָ֣יוּ לִ֗י אָמַר֙ ה‘ צְבָא֔וֹ‘ לַיּ֕וֹם אֲשֶׁ֥ר אֲנִ֖י עֹשֶׂ֣ה סְגֻלָּ֑ה וְחָמַלְתִּ֣י עֲלֵיהֶ֔ם כַּֽאֲשֶׁר֙ יַחְמֹ֣ל אִ֔ישׁ עַל־בְּנ֖וֹ הָעֹבֵ֥ד אֹתֽוֹ׃

im still trauten Verkehr tauschen die Gottesfürchtigen dann ihre Gedanken aus einer gegen den anderen, und Gott merket auf und hört es und daraus schreibt sich das Buch des Gedächtnisses vor ihm für die, die ihn fürchten und seinen Namen denken. ״Das sind die Meinen!“ spricht Gott, „für die Zeit, die ich mir zubilde, und ich schone ihrer, wie der Vater seines Sohnes schont, der ihm dient.“[12]


[1] Menachot 66a;

[2] eiterndes Geschwür

[3] KI: Der Nadir (aus dem Arabischen für „Gegenstück“) bezeichnet astronomisch den Punkt senkrecht unter einem Beobachter, entgegengesetzt zum Zenit. ….und figürlich … einen absoluten Tiefpunkt.

[4] Psalm 90

[5] KI: Äonen (Plural von Äon, griech. aiṓn = Ewigkeit/Zeitalter) bezeichnet extrem lange Zeiträume, oft verwendet für geologische Zeitalter (Hunderte Millionen bis Milliarden Jahre). Es bedeutet Weltalter, Unendlichkeit oder eine Ära. Synonyme sind Zeitalter, Ära, Epoche, Ewigkeit, Weltalter

[6] Wikipedia: Ein Lineament ist eine gerade oder leicht gebogene, linienhafte Struktur, an der eine Oberfläche oder ein Körper charakteristische Merkmale aufweist oder an der sich der Aufbau ändert. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird als Lineament auch ein Charakterzug bezeichnet. Früher bezeichnete man auch den Umriss, den Gesichtszug oder auch die Linien der Hand als Lineament.

[7] KI: Eine Ephemeride (Plural: Ephemeriden) ist eine Tabelle, die die vorausberechneten Positionen von Himmelskörpern (Sonne, Mond, Planeten, Satelliten) zu bestimmten Zeitpunkten angibt.

[8] Psalm 90:17

[9] Exodus 15:24

[10] Exodus 15:25

[11] Psalm 115:15; „Selten lässt der Herr seine Frommen [frühzeitig] sterben.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld); „Wertvoll ist in Gottes Augen auch dies hinsterbende Geschick, das den Ihm sich Weihenden geworden.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)

[12] Melachi 3: 16-17; „Da sprachen sich die Gottesfürchtigen einer gegen den anderen aus und Gott horschte hin und hörte auf sie und das schrieb sich zusammen zu einem Buch des Gedächtnisses vor Ihm für die, die Gott fürchten und Seinen Namen hochhalten. Und die bleiben Mein sprach Gott der Schöpfungsscharen, für den Tag, da Ich ein ausschließlich Mir Angehöriges bilde und Ich sorge schonen für sie, wie ein Mann schonend sorgt für seinen Sohn, der ihm dient.“ (Übersetzung Dr. Mendel Hirsch)

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