„Der Israelit“ war die Zeitung für das orthodoxe deutsche Judentum bis zu seiner Auflösung im Jahre 1936 schlechthin. Wie sehr das orthodoxe deutsche Judentum auch mit der deutschen Kultur verwurzelt war, mag dieses Purimgedicht zeigen, das mich sofort an Wilhelm Busch (1832-1908) erinnerte, dessen Verhältnis zu Juden zumindest strittig erscheint[1]. Der Autor dieses Gedichtes heißt nicht Bählam, wie er uns zunächst einreden will — die Verse sind am Ende mit I. C, Hambg. unterzeichnet — sondern sollen eine Anspielung auf Buschs vorletzte Bildergeschichte „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ anspielen.
Bei dem Autor des Gedichtes „I. C. aus Hamburg“ handelt es sich wahrscheinlich um Issak Cohn.[2]
Den Artikel habe ich in der Zeitschrift der „Der Israelit“, 52. Jahrgang, Heft 10, vom 9. März 1911 gefunden
Der Text wurde im Original belassen und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2494541
Ein mißlungener Purimstreich
Von Bählam.
(Nach einer wahren Begebenheit.)
Wenn nach Winters trüben Plagen
Man sich naht den Frühlingstagen,
Jubelt Knab‘ wie Mägdelein:
Bald wirds wieder Purim sein!
Auch im Städtchen Frankenort
Hörte man dies frohe Wort,
Und zumeist im Hause Ruben:
„Pensionat für böse Buben.“
Lehrer Ruben war bekannt
Als ein strenger Mann im Land,
Er erzog zu Sitt‘ und Tugend
Die ihm anvertraute Jugend.
Bei dem Werk, das hart und schwer
Stützt ihn die Frau Ruben sehr.
War er streng und nimmermüde,
So zerfloß sie ganz vor Güte.
Auch im Kochen war sie groß.
Kurz: Frau Ruben hat‘ was los.
Trotz des Taanith Esther[3] steht se
Und backt Kuchen, das versteht se.
Doch die sieben bösen Buben
Aus dem Pensionate Ruben
Sind heut schulfrei und zuhaus —
Und da wird nichts Gutes draus!
Immer Einer hinterm Andern
Sieht man sie zur Küche wandern,
Wo Frau Ruben grad voll Eifer
Ihren Schnee schlägt steif und steifer.
Böses brütend im Gemüt
Stell‘ sie sich in Reih‘ und Glied,
Und voll arger Neugier plagen
Sie die gute Frau mit Fragen,
Ob der Kuchen wie alljährlich
Sei bestimmt dem Lehrer Ehrlich.
Als dies hat bejaht Frau Ruben,
Freuten sich die losen Buben,
Denn es plant ihr Schelmenherz
Einen argen Purimscherz.
Einer holt vom Bord die Tüte,
Voll mit Pfeffer erster Güte:
Tiefen Inhalt werfen sie
In die Masse sonder Müh‘,
Als Frau Ruben sorgsam sehr
Nochmals prüft die Ofenröhr‘,
Ob sie sei genug erhitzt.
Wie es ihrem Kuchen nützt.
Des Gewürzes scharfer Duft
Füllt die warme Küchenluft,
Daß Frau Ruben unbewußt
Dreimal „hazzi“ niesen mußt.
Leider kann sie nicht versuchen.
Weil sie fastet, ihren Kuchen,
Doch die Buben tun’s für sie
Und beteuern: „Gut, wie nie,“
Rührn ihn auch noch einmal um,
Ach, sie wissen wohl, warum.
Ahnungslos in ihren Stuben
Putzt für Purim die Frau Ruben,
Sieht auch mal so nebenher
Nach dem Kuchen in der Röhr‘.
Der geht hoch und bräunt sich schön,
Ein Vergnügen ists zu sehn.
Doch die Buben, die sind heute
Voll von innrer Schadenfreude.
Als der Purim kommt heran,
Sieht man’s ihnen deutlich an.
Und Frau Ruben meinet weise:
Sehr in Sorgen um se sei se,
Denn sie lächeln so versteckt.
Als ob sie was ausgeheckt.
Doch ihr Mißtraun rasch verfleucht sich,
Als Herr Ruben sagt, sie täuscht sich,
Weils doch einmal Purim heute,
Gönn‘ er Jedem seine Freude,
Allerdings, worum er bitte.
In den Grenzen guter Sitte.
Drauf, so sieht man diese Knaben
Nach Herrn Ehrlichs Hause traben
Mit dem Kuchen in den Händen,
Den zu Purim Rubens senden
Dem Kollegen Meier Ehrlich
Als Schelach-Monaus[4] wie alljährlich.
Und es sagt der gute Lehrer,
Sehr zu Dank gerühret wär‘ er.
So gelang der böse Scherz —
Ach ihr loses Bubenherz
Fühlt von Reue keine Spur
Und sie denken: „Iß du nur!“
Als am selben Nachmittage
Von des Purims Küchenplage
Ruhet grad Frau Ruben aus,
Tritt Herr Ehrlich in ihr Haus.
Fürs Schelach-Monaus danken möcht‘ er
Und es wär‘ das Beste, dächt‘ er,
Kämen Herr und Madame Ruben
Heut zu ihm mit ihren Buben.
Als mans diesen anvertraut,
Sind sie nicht davon erbaut.
Und mit Zittern nur und Zagen
Abends den Besuch sie wagen,
Und sie tuscheln sich ins Ohr:
„Du, mir ist recht mies davor!“
Ihr Gewissen mächtig drückt se,
Doch Herr Ehrlich kaum erblickt se,
Als er spricht voll Freundlichkeit:
„Was Besondres gibt es heut.
Jedes Jahr, zum Purimfeste
Hab‘ allein ich, ohne Gäste
Solches Kunstwerk schon verzehrt,
Wies Frau Ruben mir verehrt.
Heut jedoch tat ich versuchen
Nur ein Stückchen von dem Kuchen,
Als dann faßt‘ ich den Beschluß,
Daß ich diesen Hochgenuß
Auch verschaffen müßt‘ den Buben
Aus dem Pensionate Ruben,
Weil sie sichtlich so voll Freude
Mir den Kuchen brachten heute.“
Tiefe drückt’s Gewissen heiß.
Ach, kein Zweifel, daß er’s weiß,
Ihr Gesicht wird lang und länger,
Und ihr Herz schlägt bang und bänger.
„Nun, langt zu und laßts Euch schmecken.“
Doch für seine andren Gäste
Holt herbei er’s Allerbeste,
Zwischendurch dann nötigt er:
„Jungens, esset doch noch mehr!“
Und sie essen voller Grauen,
Wagen kaum mehr aufzuschauen.
Und mit unterdrücktem Pusten.
Denn der Kuchen reizt zum Husten.
Drauf recht würdig spricht Herr Ruben:
„Ich versteh‘ nicht diese Buben,
Schwärmen sonst für Kuchen sehr.
Und am Purim gehts so schwer!“
Seine Frau voll Freundlichkeit
Sagt: „Das ist nur Schüchternheit!“
Als der Kuchen geht zu Ende.
Reibt Herr Ehrlich sich die Hände
Und dann spricht er voll Gemüt:
„Ihr habt Mut, soviel man sieht!“
Als die Kuchenplatte leer.
Plagt ein Durstgefühl sie sehr.
Ehrlich fragt infolgedessen:
„Habt Ihr heut wohl scharf gegessen?“
Was nach ihrem besten Wissen
Rubens glatt verneinen müssen.
Und er spricht noch salbungsvoll,
Er sei gegen Alkohol
Bei der ihm vertrauten Jugend.
Nur im Wasser läg‘ die Tugend.
Magenbrennen ist nicht schön,
Sich die Buben still gestehn.
Einer immer hinterm Andern
Sieht man sie zur Küche wandern.
Zu der Leitung edlem Naß!
„Siehste wohl, das kommt von das!“
Als man dann vom Tische geht,
Weils Herr Ruben findet spät.
Dankt man, wie das heischt die Pflicht,
Die Gefühle sind gemischt.
Herzlich dankt Familie Ruben,
Schändlich findens ihre Buben,
Daß man schließlich trotz Verdruß
Auch noch höflich danken muß.
Lehrer Ehrlich gibts Geleite,
Draußen nimmt er sie beiseite —
Während heimwärts lenkt die Wege
Mit der Gattin der College —
Spricht er: „Seht ihrs nun, ihr Buben,
Grabt ihr Andern solche Gruben,
Fallt wie Haman[5] ihr hinein;
Laßt euch dies ’ne Lehre sein!
Zwar nicht an den Galgen müßt ‚r.
Wie Achaschweroschs Minister,
Doch es gibt zu unserem Glücke
Auch für solche Galgenstricke
Einen Pranger, weit zu sehn,
Dran sollt Ihr zur Strafe stehn:
Fort mit Euch, zu Nutz‘ und Schrecke
In die Purim-Kinder-Ecke!
I. C, Hambg.
Wilhelm Busch Antisemitismusvorwurf (aus Wikipedia)
Der sogenannte Gründerkrach von 1873 führte zu einer wachsenden Kritik an der Hochfinanz, verbunden mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung in den Meinungen und Einstellungen der Deutschen wurde. Antisemitische Agitatoren wie Theodor Fritsch unterschieden zwischen „raffendem“ Finanzkapital und „schaffendem“ Produktionskapital, zwischen den „guten“, „bodenständigen“ „deutschen“ Fabrikanten und den „raffenden“, „gierigen“, „blutsaugenden“ „jüdischen“ Finanzkapitalisten, die als „Plutokraten“ und „Wucherer“ bezeichnet wurden. Antisemitismusvorwurf
Der sogenannte Gründerkrach von 1873 führte zu einer wachsenden Kritik an der Hochfinanz, verbunden mit einer Ausbreitung und Radikalisierung des modernen Antisemitismus, der in den 1880er Jahren zu einer starken Unterströmung in den Meinungen und Einstellungen der Deutschen wurde.
Auch Wilhelm Busch wird vorgeworfen, diese antisemitischen Klischees bedient zu haben. Als Beleg werden dafür meist zwei Stellen herangezogen. In der frommen Helene heißt es:
Einleitung zum 5. Kapitel von Plisch und Plum
Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas’ und krummer Hos’
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tiefverderbt und seelenlos.
Der Dichter und Busch-Verehrer Robert Gernhardt weist darauf hin, dass diese Stelle, im Kontext gelesen, nicht Buschs eigene Sichtweise wiedergibt, sondern diejenige der Dörfler karikiert, unter denen Helene lebt. Denn im Weiteren malt der liberale, antiklerikale und dem Alkohol nicht abgeneigte Busch weitere angebliche Gefahren des Stadtlebens in ironisch schwarzen Farben aus:
Schweigen will ich von Lokalen,
Wo der Böse nächtlich praßt,
Wo im Kreis der Liberalen
Man den Heilgen Vater haßt.
Ebenso ironisch karikiert Busch das ländliche Gegenbild als falsches Idyll:
Komm’ auf’s Land, wo sanfte Schafe
Und die frommen Lämmer sind.
Die zweite, noch deutlichere Karikierung „des Juden“ findet sich in der Erzählung Plisch und Plum:
Kurz die Hose, lang der Rock
Krumm die Nase und der Stock
Augen schwarz und Seele grau,
Hut nach hinten, Miene schlau –
So ist Schmulchen Schiefelbeiner
(Schöner ist doch unsereiner!)
Nach Ansicht des Busch-Biografen Joseph Kraus könnten diese Verse auch in einem antisemitischen Hetzblatt stehen. Die Biographin Eva Weissweiler sieht in ihnen eines der einprägsamsten und hässlichsten Porträts eines Ostjuden, das die deutsche Satirelandschaft zu bieten habe.
Aber auch hier zeigt der Kontext, insbesondere der ironische letzte Vers der zitierten Passage – „Schöner ist doch unsereiner!“ –, dass Busch die Nichtjuden keineswegs als die edlere Sorte Mensch betrachtete. Robert Gernhardt weist darauf hin, wie überaus selten Karikaturen von Juden in Buschs Werk zu finden sind. Insgesamt gibt es außer den genannten nur noch eine weitere Zeichnung in den Fliegenden Blättern von 1860, die überdies den Text eines anderen Autors illustrierte. Nach Gernhardts Ansicht sind die jüdischen Figuren Wilhelm Buschs nichts anderes als Stereotype wie der beschränkte bayerische Bauer oder der preußische Tourist.
Diese Ansicht teilt auch Joseph Kraus: Wilhelm Busch habe sich gegen gerissene Geschäftemacher überhaupt gewendet und dafür in einigen Bildergeschichten Karikaturen von Juden, aber nicht nur von ihnen, genutzt. Das zeigt sich an einem Zweizeiler aus der Bildergeschichte
Die Haarbeutel. Danach sind gewinnsüchtige Mitmenschen
Vornehmlich Juden, Weiber, Christen,
Die dich ganz schrecklich überlisten.
Erik de Smedt spricht von einer „gewissen ambivalenten Haltung Buschs den Juden gegenüber“. In Eduards Traum beispielsweise legt er dem Titelhelden den Satz in den Mund: „Das Geschäft steht in Blüte, der Israelit gleichfalls. Schlau ist er wie nur was, und wo’s was zu verdienen gibt, da läßt er nichts aus …“ Dagegen ist in der vorangehenden Textpassage über das Haus und die Mieter eines „antisemitischen Bauunternehmers“ von Lastern aller Art die Rede, z. B. von Mordversuch, Neid, Hass, Betrug und Ehestreit. Vorurteile Buschs zeigen sich wiederum dort, wo Eduard den Tierkreiszeichen begegnet:
„Nicht weit davon in seiner Butike saß der schlaue krummnasige ‚Wassermann‘ – Juden gibt’s doch allerwärts! – und regulierte die ‚Waage‘ zu seinen Gunsten.“
Joseph Kraus meint, Busch habe – wie die meisten seiner Zeitgenossen – Juden als Fremdkörper empfunden und einige ihrer antisemitischen Denkmuster geteilt. Dies habe aber enge Freundschaften mit Juden, etwa mit dem Dirigenten Hermann Levi, nicht ausgeschlossen.
Biografische Details zu Isaak Cohn
Aus historischen Quellen (u. a. Stolpersteine-Datenbank Hamburg, Holocaust-Opfer-Listen und genealogischen Aufzeichnungen) lässt sich ein prominenter Träger dieses Namens identifizieren:
- Geboren: 19. März 1862 in Altona (damals Preußen/Dänemark, später Hamburg).
- Beruf/Hintergrund: Mitglied der jüdischen Gemeinde Hamburg-Altona; er war Teil der deutsch-jüdischen Orthodoxie, die in Hamburg eine starke Präsenz hatte (u. a. Israelitische Gemeinde, später getrennte orthodoxe Strömungen).
- Schicksal: Als Opfer des Nationalsozialismus deportiert – er wurde am 16. Juli 1942 von Hamburg nach Theresienstadt transportiert und starb dort am 7. Dezember 1942 im Alter von 80 Jahren.
[1] Siehe Anhang zu diesen Artikel
[2] Was ich mit „Grok“ über ihn ermitteln konnte, finde Sie ebenfalls im Anhang
[3] Ein Fastentag vor dem Purimfest
[4] שלח מנות Schelach Manot; hier die jiddische Aussprache; zu Purin werden kleine Lebensmittelpakete an Freunde und Verwandte mit Boten verschickt
[5] Minister unter dem w.u. genannten König Achaschwerosch, Figuren aus der Megilat Ester
