Jüdische Fasttagsgedanken
Über die Bedeutung des Fastens macht sich hier in diesem Artikel Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l Gedanken. Warum gleich vier Fastentage wegen der Zerstörung des Tempels – hätte einer nicht genügt??!!
Der Artikel stammt aus der Zeitschrift „Jeschurun“, 6. Jahrgang, Heft 4, Januar 1860.
Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2944349
Für den schnellen Leser habe ich über KI eine Inhaltsangabe des Textes anfertigen lassen.
Inhaltsangabe des Artikels „Tewet“ von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1860)
Der Text ist ein klassischer Aufsatz von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l aus der Zeitschrift „Jeschurun“ (Januar 1860), der die tiefere Bedeutung der vier historischen jüdischen Fasttage (10. Tewet, 17. Tammus, 9. Aw und 3. Tischri) erklärt. Hirsch wendet sich gegen ein weit verbreitetes Missverständnis und zeigt, dass diese Fasttage keineswegs dazu dienen, das jüdische Volk in ewiger Trauer, Selbstverachtung oder Verzagtheit zu halten.
Kernaussage: Nicht Übermut und Stolz haben zum Verlust des Tempels und zur Zerstörung des jüdischen Staates geführt, sondern genau das Gegenteil: chronischer Kleinmut, Mangel an jüdischem Selbstbewusstsein und ein tiefes Misstrauen in die eigene göttliche Bestimmung sowie in Gottes Allmacht und Führung.
Hirsch stützt sich dabei vor allem auf drei zentrale Tora- und Prophetentexte:
- Sacharja 8,19 – Die vier Fasttage sollen einst „לְשָׂשׂוֹן וּלְשִׂמְחָה“ (zu Freude und Frohlocken) werden, wenn Israel nur Wahrheit und Frieden liebt.
- Deuteronomium 28,47 – Das eigentliche Verhängnis kam, „weil du dem Ewigen, deinem Gott, nicht mit Freude und mit frohem Herzen gedient hast bei all der Fülle“.
- Die Kundschafter-Episode (Numeri 13–14) – Das Volk fühlte sich „wie Heuschrecken“ in eigenen Augen und wurde deshalb auch in den Augen der Völker zu Heuschrecken („וַנְּהִי בְעֵינֵינוּ כַּחֲגָבִים וְכֵן הָיִינוּ בְּעֵינֵיהֶם“).
Hauptgedankengang:
- Die eigentliche Ursache des Exils war nicht Hybris(Hochmut,Überheblichkeit), sondern ständige Selbstunterschätzung und Gotteszweifel.
- Das Volk wollte immer „wie alle Völker“ sein: einen sichtbaren König, fremde Bündnisse, fremde Kulte, fremde Lebensweise – weil es seinem eigenen, rein gottzentrierten Weg nicht traute und ihn nicht mit Freude lebte.
- Diese innere Haltung („es genügt uns nicht, nur Juden zu sein und nur auf Gottes Wohlgefallen zu vertrauen“) führte dazu, dass Israel sich selbst und Gott verachtete und deshalb auch von den Völkern verachtet wurde.
- Der Churban (Zerstörung) und das Exil sollten genau diese falschen Götzen (menschliche Macht, äußere Pracht, fremde Kulturen) zertrümmern und Israel zwingen, endlich allein mit Gott und seinem Torah-Weg zufrieden und glücklich zu sein.
Die positive Bestimmung der Fasttage (צוֹם, nicht תַּעֲנִית!):
Hirsch betont den sprachlichen Unterschied:
- Jom Kippur heißt „עִנּוּי נֶפֶשׁ“ – bewusste Selbsterniedrigung, um die eigene völlige Abhängigkeit von Gottes Gnade zu spüren.
- Die vier historischen Fasttage heißen jedoch „צוֹם“ = sich sammeln, sich auf das Wesentliche konzentrieren, sich auf den inneren Kern des Judentums zurückbesinnen.
Deshalb sollen diese Tage bewirken:
- Ein freudiges, stolzes Genügen an dem einen Satz: „´אִם חָפֵץ בָּנוּ ה “ – „Wenn Gott nur seine Freude an uns hat!“ – das ist die einzige Sorge, die wir haben dürfen.
- Die Erkenntnis, dass wir als Juden in jeder Lage (auch in größter äußerer Beschränkung und Isolation) vollständig glücklich und erfüllt sein können, wenn wir unser Judentum mit Freude und ganzem Herzen leben.
- Die Umwandlung der Trauer in zukünftige Freude (Sacharja), weil wir endlich gelernt haben, Gott „בְּשִׂמְחָה וּבְטוּב לֵבָב“ zu dienen.
Schlussfolgerung: Die Fasttage sind keine Tage der Selbstzerknirschung und Schwermut, sondern pädagogische Gedächtnistage, die uns zu selbstbewussten, freudigen und Gott allein ergebenen Juden erziehen sollen. Nur wenn wir aufhören, uns selbst wie Heuschrecken zu fühlen und stattdessen mit Josua und Kaleb rufen: „Wenn Gott Freude an uns hat, dann fürchten wir weder Riesen noch Tod!“, werden diese Fasttage sich, wie verheißen, in Feste der Freude verwandeln.
Der Text ist ein leidenschaftliches Plädoyer für jüdisches Selbstbewusstsein, innere Unabhängigkeit und freudigen Gottesdienst – und gehört zu den zentralen programmatischen Schriften der Torah im Derech Eretz-Bewegung bzw. der Neo-Orthodoxie Hirschs.
אַתֶּם בְּכִיתֶם בְּכִיָּה שֶׁל חִנָּם —[1]
Wer das jüdische Volk mit seinen jährlichen geschichtlichen Fasten betrachtet, wer gewahrt, wie es ihm nicht genügt den Untergang seiner staatlichen Größe durch einen Fasttag alljährlich in Erinnerung zu begehen, sondern ihm die eine Katastrophe noch dazu in ihren einzelnen Stadien vorgeführt wird und der Belagerungs-Anfang, die Einnahme der Stadt, die Einäscherung des Tempels, der Satrapenmord[2] ihm Veranlassung zu vier Fasttagen wurden, mit welchen es das eine Unglück beweint — dem dürfte der Gedanke nahe treten: Fasten und Weinen sei vor allem diesem Volk von Nöten, Übermut und Selbstüberhebung habe das Grab seines nationalen Glückes gegraben und nun sei der Weisheit seiner es erziehenden Institutionen eine jede Veranlassung willkommen, es durch Fasten und Weinen zur Demütigung und Zerknirschung zu führen, sei diese Weisheit vor allem darauf bedacht, den Geist der Verzagtheit und der Schwäche, den Geist des Schmerzes und der Trauer, den Geist der Betrübnis und der Verstimmung, den Geist der Mutlosigkeit und der Selbstverachtung durch diese ewigen Fasten in ihm groß zu ziehen, auf dass es durch diesen Charakter der selbstpeinigenden und selbstverachtenden Herabstimmung sich einst eines besseren Loses würdig und fähig mache sein künftiges Glück bescheidener und demutsvoller zu ertragen.
Und doch liegt der Wahrheit nichts ferner als dies; und doch dürfte unserem geschichtlichen Fasten nichts weniger als ein solches Ziel gesteckt sein!
Nicht weil wir in den Tagen unseres Glückes zu viel gelacht und zu wenig geweint: weil wir zu wenig gelacht und zu viel geweint, ward uns das tränenreichste Geschick beschieden. Nicht weil wir zu übermütig, weil wir zu verzagt gewesen, weil wir zu wenig Vertrauen zu unserem jüdischen Geschick und unserer jüdischen Bestimmung gehabt, weil wir uns zu gering geschätzt den Völker-Riesen gegenüber, mit denen wir geschichtlich in Berührung kamen, darum gingen wir im Wirbel der Geschichte zu Grunde und die Tage unserer geschichtlichen Fasten kommen nicht uns den Geist der Verzagtheit und Zerknirschung zu bringen, sondern uns mitten aus den Tiefen unseres nationalen Unterganges, und mitten aus dem Gefühl unseres nationalen Missgeschicks heraus, den Weg zum freudigsten Selbstbewusstsein, zur heitersten Ermannung und zur fröhlichsten, ungetrübtesten Blüte in Gott finden zu lassen.
צ֣וֹם הָרְבִיעִ֡י וְצ֣וֹם הַחֲמִישִׁי֩ וְצ֨וֹם הַשְּׁבִיעִ֜י וְצ֣וֹם הָעֲשִׂירִ֗י יִהְיֶ֤ה לְבֵית־יְהוּדָה֙ לְשָׂשׂ֣וֹן וּלְשִׂמְחָ֔ה וּֽלְמֹעֲדִ֖ים טוֹבִ֑ים וְהָאֱמֶ֥ת וְהַשָּׁל֖וֹם אֱהָֽבוּ[3]
heißt es wohl in tieferem Grunde auch nach dieser Seite hin: „das Fasten des vierten und das Fasten des fünften und das Fasten des siebten und das Fasten des zehnten Monats soll dem Hause Juda zur Wonne und zur Freude und zu fröhlichen Zeiten werden, liebet nur die Wahrheit und den Frieden.“
[4]תַּ֗חַת אֲשֶׁ֤ר לֹא־עָבַ֙דְתָּ֙ אֶת־יְהֹוָ֣ה אֱלֹהֶ֔יךָ בְּשִׂמְחָ֖ה וּבְט֣וּב לֵבָ֑ב מֵרֹ֖ב כֹּֽל — „Weil du dem Herrn deinem Gotte nicht gedient hast mit Freuden und mit fröhlichem Herzen in allseitiger Fülle!“ mahnt die das Verhängnis antizipierende Gottesrede, und der Moment, in welchem dies tränenreiche jüdische Verhängnis im Gottesbuch der Zukunft verzeichnet wurde, war nicht ein Sonnentag des Übermuts und kecker Selbstüberhebung, war eine Nacht trostloser Verzweiflung, war eine Nacht gottvergessener Verzagtheit, war jene Nacht, in welcher, bis auf Joschua und Kaleb, das ganze Volk an dem Sieg der göttlichen Allmacht über die Riesenmacht der Sterblichen und an der Heilskraft der göttlichen Führung, wäre es selbst auf einem Tod brütenden Boden, verzweifelten und sich und ihre Kinder beweinten, deren Schicksal und Leben lediglich dieser Gottes-Allmacht und dieser göttlichen Heilsführung anvertraut sein sollten!
Wie die Väter das Land nicht erhielten und im Anblick des Landes ihr Grab in der Wüste fanden, weil sie die Träne des Kleinmuts geweint, so verloren die Enkel das Land und mussten wieder hinaus in die Wüste, weil sie fort und fort diesen Geist des Kleinmuts gehegt, weil sie sich nimmer im Ganzen und dauernd zur Höhe des jüdischen Selbstbewusstseins und der jüdischen Selbstachtung erhoben, die, mit Gott im Bunde, keine Riesen unter den Menschen und keinen Tod unter den Naturgewalten fürchten, die mit Josua und Kaleb nur die eine Sorge kennen: [5] !’אִם חָפֵ֥ץ בָּ֙נוּ֙ ה „wenn nur Gott seine Freude an uns hat!“ und in dieser einen Sorge alle andere Sorge und Bekümmernis begrabe.
War es denn nicht dieses kleinmütige Misstrauen in die eigene jüdische Bestimmung, in das eigene jüdische Geschick und in die Gottesweisheit und Gottesallmacht, die jenes bestimmt und dieses leitet, war es denn dieses nicht, das sofort die Söhne dieser Väter die Besitznahme dieses Landes nicht vollenden ließ und den Kanaaniter mit seinem polytheistischen Wahn und seiner zur „Religion“ erhobenen Unsittlichkeit mitten unter dem Gottesvolk bundesfreundlich hegte? War es denn nicht diese stets unbefriedigte Halbheit, die sie fort und fort hinüberschielen ließ nach der Sitte und den Gebräuchen und den Einrichtungen der Fremden? War es denn nicht die völlige Unterschätzung ihres ganzen gottgeordneten und gottgetragenen Verhältnisses, nicht die völlige, die innere Hohlheit verkennende Überschätzung des in Macht und Glanz und Königshoheit erscheinenden Völker-Elends, die sie an Gottes Leitung kein Genüge finden und sie den „König“ vermissen und fordern ließ, in welchem sie „wie die andern Völker ringsum“ doch auch die jüdische Gesamtgröße in einer menschlichen Majestät konzentriert erblicken wollten, die vor ihnen herziehe und sie heimführe und ihre Kriege führe und ihre Siege erstreite, — und sollte doch nur Gott ihr Mittelpunkt sein, in dem unsichtbaren Zusammenfinden in Gott und in dem einheitlichen Erfüllen seines Dienstes auf Erden und in der daraus hervorsprießenden Blüte und Heilsentwicklung aller Einzelnen ihre Nationalgröße glänzen, und nur Gott vor ihnen herziehen, Gott sie heimführen, Gott ihre Kriege führen, Gott ihnen ihre Siege erstreben?! War es denn nicht diese jämmerliche Selbst- und Gottesverachtung, nicht diese traurige Verkennung des einzigen jüdischen Palladiums: „!’אִם חָפֵ֥ץ בָּ֙נוּ֙ ה„ die sie auf dem erschütterten Welttheater immer nur nach Bundesgenossen unter den Völkern ausblicken, um ihre Gunst buhlen, und Gott, ihren einzigen Bundesfreund hinter den Rücken werfen ließ, auf dessen Adlerflügeln sie hoch über der allgemeinsten Welterschütterung ruhig im Sonnenglanz Seines Schutzes und Seines Segens heiter ruhen und der staunenden Welt zeigen sollten, welche Kraft und welche Macht in dem einzigen „אִם חָפֵ֥ץ בָּ֙נוּ֙ ה‘!„ liegt, wenn es allein und ausschließlich und ganz und wahrhaft und aufrichtig und mit freudigster Hingebung der Leitstern des Einzelnen und der Gesamtheit wird? War es denn nicht diese traurige Selbst- und Gottes-Verkennung, der es nicht genügte, nicht freudig genügte, Gott ihre Häuser zu erbauen, Gott ihre Kinder zu zeugen und zu erziehen, Gott ihre Äcker zu bestellen und ihre Herden zu warten, Gott ihren Staat und ihren Tempel zu weihen, die weder ihre Häuser, noch ihre Kinder, ihre Äcker nicht und ihre Herden, Staat und Tempel nicht sicher glaubten, nicht hinreichend dem Segen und der Blüte, des und der Erhaltung geöffnet glaubten, wenn sie nicht neben Gott auch allen Göttern der Völker die Altäre erbauten, ihre Kinder dem „Einzigen!“ und dem Moloch[6] zugleich weihten, an der Türe die Mesusa hatten und auf den Dächern „allem Heere des Himmels“ dienten — war es nicht die Ungenügsamkeit, die Unzufriedenheit mit dem eigenen gottgeordneten und gottgetragenen jüdischen Geschick und Leben, die Israel immer in den Völkererscheinungen die Riesen und in seinen ureigenen göttlichen Veranstaltungen die Pygmäen erblicken ließ, Israel immer dazu brachte, dass [7] וַנְּהִ֤י בְעֵינֵ֙ינוּ֙ כַּֽחֲגָבִ֔ים, dass es sich den Völkern gegenüber immer wie Heuschrecken vorkam, und es darum auch jederzeit von den Völkern also geachtet wurde, [8] וְכֵ֥ן הָיִ֖ינוּ בְּעֵינֵיהֶֽם?
Und wie sollte es auch anders! Wenn der Jude sein Judentum — und dieses umfasst das ganze jüdische Wesen, sein gottgeordnetes Leben und sein gottgeleitetes Geschick — wenn der Jude sein Judentum nicht achtet; wenn es ihn nicht mit seligster Freude, mit beglückendstem Selbstbewusstsein erfüllt; wenn es sein Auge nicht stählt, in den scheinenden Glanz und in die täuschende Strahlenumgebung menschlicher Macht und vergänglicher Riesenhoheit ohne geblendet zu werden drein zu schauen; wenn das Judentum den Juden nicht also erhebt, dass der Jude sein Judentum über alles erhebt: wie sollten die Fremden es tun, wie sollten die Fremden es schätzen, denen ja das Judentum, dessen Wert sich nur dem Erfüller eben in der Erfüllung enthält, immer seinem geistigen beseligenden Inhalte nach eine fremde, unbekannte Erscheinung bleiben muss, die ja das Judentum nur nach der Beschränkung seiner Lebensordnung und nach dem Herben seines Geschickes, aber die lohnende, beglückende Seligkeit nicht kennen, die aus allem diesem sprießt, — [9] מַתַּן שְׂכָרָהּ לָא עֲבִידָא לְאִגַּלּוֹיֵי — wie sollten die Fremden Jud´ und Judentum schätzen, wenn der Jude sein Judentum nur unwillig trägt, seinem Gott nicht mit Freuden und heileren Herzens dient, stets bereit ist sein Judentümliches gegen Unjüdisches zu vermäkeln, stets bemüht ist, seinem Judentümlichen Unjüdisches beizufügen! Nein! Nein! Nein! So lange „וַנְּהִ֤י בְעֵינֵ֙ינוּ֙ כַּֽחֲגָבִ֔ים“ wir in unseren Augen wie Heuschrecken sind, solange „וְכֵ֥ן הָיִ֖ינוּ בְּעֵינֵיהֶֽם“ so lange werden wir es auch in ihren Augen sein!!!
So lange ferner es uns nicht genügt „אִם חָפֵ֥ץ בָּ֙נוּ֙ ה‘ „ , so lange wir außer dem göttlichen Wohlgefallen auch noch des Wohlgefallens der Völker zu unserer Zufriedenheit bedürfen, so lange wir außer dem göttlichen Wohlgefallen auch noch in gleicher Linie um das Wohlgefallen der Menschen buhlen und alle Seligkeit des göttlichen Wohlgefallens uns verscherzt scheint, sobald es auch nur dem ersten besten jüdischen oder nichtjüdischen — Jungen einfiele, den Kopf über unser Leben zu schütteln — so lange dies Bewusstsein des göttlichen Wohlgefallens uns nicht eine solche Freudigkeit gewährt, die keines anderen Zusatzes bedarf und alles andere ersetzt: so lange werden wir immer wieder und wieder dieses göttlichen Wohlgefallens verlustig gehen, werden seiner nicht würdig bleiben. Es geht nicht. Gott hat sich uns gegenüber nicht umsonst [10] א‘ קַנָּ֔א genannt. Er fordert uns ganz und ausschließlich. Wir können ihm nur ganz oder gar nicht angehören, und noch heute, und jederzeit unentschiedener Halbheit und sich selbst verachtender Verquickung unjüdischen und jüdischen Wesens würde Elijahu sein:
עַד מָתַ֞י אַתֶּ֣ם פֹּסְחִים֮ עַל שְׁתֵּ֣י הַסְּעִפִּים֒ אִם ה‘ הָאֱלֹקים֙ לְכ֣וּ אַחֲרָ֔יו וְאִם הַבַּ֖עַל לְכ֣וּ אַחֲרָ֑יו [11]
entgegenrufen.
Wer zu seiner Lebensfreudigkeit außer dem göttlichen Wohlgefallen noch anderes bedarf, wer nicht alles andere nur durch das göttliche Wohlgefallen und von ihm erwartet, der wird bald um dieses anderen willen göttliches Wohlgefallen verscherzen und was er an Scheinfreuden gewinnt an dem Quell der einzigen wahren untrübbaren Lebensfreude einbüßen.
Was sollen daher die Gedächtnistage des jüdischen Unterganges? Nichts anders als dieser Untergang selber. Dieser Untergang sollte uns ja nicht niederwerfen und beugen, nicht von Gott entfernen und zum Selbstaufgeben bringen, sollte uns ja aufrichten und erheben, sollte uns ja umso inniger mit Gott und unserer Bestimmung vermählen, indem er alle Güter, die wir vergötterten und Gottes Thron in uns teilen ließen, darnieder warf, und uns für Jahrhunderte hinaus nichts anders übrig ließ, als „Gott und sein Wohlgefallen“, als „die Freude an seinem Dienst“ und „die Wertschätzung der Wahrheit und des Friedens“. Das sollte der Untergang, das war von Anfang seine Bestimmung und daran hat er Jahrhundert nach Jahrhundert an unserm Innern gearbeitet. „Als Gott Israel hinaussandte, da griffen die Nationen dies im Doppelmaß zum Kampf wider es auf. Gott aber sprach bei seinem schwer-sten Verhängnis am Tage des Oststurmes: darum sei es, damit hierdurch Jakobs Sünde gesühnt werde und das sei die ganze Furcht, dass, was es zum Abfall gebracht entfernt werde: denn wenn Gott selbst alle Steine des Altars wie zerstreute Kiesel sein lässt, werden keine Glückshaine und Sonnenbilder mehr aufkommen.“ Indem Jerusalem zusammenbrach, ward Zion frei [12]צִיּ֖וֹן בְּמִשְׁפָּ֣ט תִּפָּדֶ֑ה — das von all dem unjüdischen Treiben im Staat und im Tempel wie eine feindliche Stadt umlagert war [13] כְּעִ֥יר נְצוּרָֽה
Und die ersten Mitarbeiter an diesem Befreiungswerk des jüdischen Unterganges sollen die Gedächtnistage desselben für unser Inneres werden. [14] צוֹם, nicht [15] תַּעֲנִית , nicht [16] יוֹם עֲנוֹת נֶפֶשׁ nennt sie das Gotteswort. [17]עִינּוּי נֶפֶשׁ nennt es nur das Fasten des [18] יוֹם הַכִּפּוּרִים. Der Tag, der uns das Höchste wiederbringen soll, [19] כַּפָּרָה וְטָהֳרָה aus Gottes allmächtiger Gnade, der Tag soll uns unsere vollendete Armut fühlen lassen, fühlen lassen, wie ohne diese Gnade mit ihrem allmächtigen Erneuerungswunder wie bis auf den letzten Anspruch auf fortzuspinnendes Dasein und Leben alles durch die Fehler unserer Vergangenheit verloren, und nur mit diesem Armutsbewusstsein, tatlos und genußlos wie wir ihn begehen, stehen wir an den Pforten der göttlichen Gnadenallmacht, Recht zu neuem Dasein und Kraft zu neuem Leben zu erstehen. Dort heißt das Fasten: [20] וְעִנִּיתֶם אֶת נַפְשׁוֹתֵיכֶם ! Unsere geschichtlichen Fasten heißen aber צוֹם, und צוֹם heißt sich sammeln, sich in sich zusammenziehen, sich auf sich beschränken, und das sollen diese geschichtlichen Fasten an uns bewirken.
Sie sollen uns sammeln, in den Mittelpunkt unseres jüdischen Bewusstseins uns sammeln. Und könnten wir auch nichts anderes als Juden, und wären alle anderen Beziehungen des bürgerlichen und Staatslebens abgebrochen, vollzöge die Wirklichkeit “ בְּסַאסְּאָ֖ה [21]„, im Doppelmaß, was der jüdische Untergang begonnen, und wiese den Juden zurück von allen Bahnen menschlich bürgerlicher Entfaltung, isolierte ihn auf sich, auf sein Haus, seine Brüder, die Genossen seiner Bestimmung und seines Geschickes — lernen wir an unseren צוֹם, an unseren geschichtlichen Fasten, ein Genüge, ein freudiges Genüge, ein freudig stolzes Genüge darin zu finden: Jude zu sein. Die Geschichte unserer Vergangenheit mahnt uns: wir sind nur untergegangen, weil es uns nicht genügte „Jude“ sein, weil wir Jude, aber auch Syrer und Tyrier[22], Ägypter und Assyrer sein wollten, weil wir nicht alle unsere innersten und äußeren Beziehungen rein nur als Ausfluss und Verwirklichung unseres Judentums begriffen, unser „Jude sein“ auf den Tempel beschränken, unser staatliches und bürgerliches Leben aber thyrischen und babylonischen, ägyptischen und assyrischen Einflüssen unterstellen wollten.
Sie sollen uns in den Sammelpunkt unseres menschlich sittlichen Bewusstseins zurückführen. Fastend, schwach und hungernd, und doch vor Gott, sollen wir lernen, sollen wir uns entschließen: unser Dasein vor Gott, unser Beharren vor Gott, unser Leben vor Gott, unser freudig heiteres Leben und Weben in Gott, von keinem Maß des äußern Habens und Genusses abhängig zu machen. „אִם חָפֵ֥ץ בָּ֙נוּ֙ ה‘ wenn nur Gott seine Freude an uns hat!“ Diese Sorge endlich nicht unsere angelegentlichste, sondern unsere einzige Sorge werden zu lassen, mit allen unseren anderen Sorgen und mit allen unseren anderen Sorgen nur die Lösung dieser einzigen Sorge zu suchen: als Mensch, als Jude, als Familienvater, als Bürger, — und wie die verschiedenen Erscheinungen alle heißen mögen, in die wir unser einheitliches Dasein spalten und die gespaltenen Teile wahnumfangen einander gegenüber stellen, — als Mensch, als Jude, als Familienvater, als Bürger, eben nichts anderes sein zu wollen als „Jude“, als Gottes Willen in all diesen Beziehungen, zu erfüllen und sein Wohlgefallen mit all diesen Bestrebungen zu erzielen, und darum das Maß der Mittel und das Maß des Gelingens Ihm, ganz ausschließlich Ihm, und uns nur die ganze Energie des reinen entschiedenen Willens zu vindizieren, das Gott Wohlgefällige zu wollen, darin unser ganzes eigenes Wohlgefallen aufgehen zu lassen, und darum, unbeirrt von den Gestalten des äußeren Lebens, im Hunger und in der Fülle, in der Schwäche und in der Kraft, in der Krankheit wie in gesunden Tagen, im Schmerze der Entsagung wie im Jubel des Erlangens, in allem und mit allem, freudvoll und leidvoll, doch heiter im Lebensdienst vor Gott zu stehen, — das dünkt uns, müsse die Frucht unserer geschichtlichen Fasten werden.
Sie müssten uns zu wahren Juden, zu glücklicheren Juden, zu Menschen machen, die ihrem Gott mit Freuden und fröhlichen Herzen dienen, die in diesem Dienst alle ihre Freudigkeit und all ihre Fröhlichkeit finden, die darum kein anderes Ziel kennen, als die von ihm geoffenbarte Wahrheit zu erkennen und sie zum Heil und Frieden der Menschen zu verwirklichen, die darum keine andere Sorge haben als dass Gott seine Freude an ihnen habe und die tief von der Überzeugung durchdrungen sind, dass אִם חָפֵ֥ץ בָּ֙נוּ֙ ה‘ ,dass wenn Gott seine Freude an ihnen hat, sie dann selbst in winzigster äußerer Erscheinung die riesigste gottmissfällige Macht überragen und, von den Fittigen des göttlichen Wohlgefallens getragen, keine Riesengewalt und keine Todesmacht zu fürchten haben.
אִם חָפֵ֥ץ בָּ֨נוּ֙ ה‘ וְהֵבִ֤יא אֹתָ֨נוּ֙ אֶל הָאָ֣רֶץ הַזֹּ֔את וּנְתָנָ֖הּ לָ֑נוּ אֶ֕רֶץ אֲשֶׁר הִ֛וא זָבַ֥ת חָלָ֖ב וּדְבָֽשׁ [23]
[1] Taanit 29a; “Ihr habt ohne Anlass gejammert“ (Übersetzung L. Goldschmidt)
[2] Ermordung Gedaljas
[3] Zecharia 8:19
[4] Deuteronomium 28:47
[5] Numeri 14:8
[6] Altbiblicher Götze, dem Kinderopfer dargebracht wurden.
[7] Numeri 13:33
[8] ebenda
[9] Beitza 16a; “Dessen Belohnung würde nicht bekannt geworden sein.” (Übersetzung L. Goldschmidt)
[10] Exodus 20:5; „bin ein sein ausschließendes Recht fordernder Gott“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[11] 1. Buch Könige 18:21; “Wie lange noch wollt ihr hüpfen auf die beiden Zweige [wollt ihr schwanken]? Ist der Herr euer Gott, so dienet ihm, und wenn der Baal [euer Gott it], so dienet ihm.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)
[12] Jesaja 1:27; „Zijon wird durch Gerechtigkeit erlöst“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)
[13] Jesaja 1:8; „wie eine belagerte Stadt“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)
[14] Fasten
[15] Quälendes Fasten (Foltern)
[16] Ein Tag, an dem die Seele gequält wird
[17] Die Seele quälen
[18] Jom Kippur
[19] Wiederherstellung der Reinheit durch Sühne
[20] Levitikus 23:27; „und ihr lasset eure Lebensgeister darben“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
[21] Jesaja 27:8; „Im vollem Maße …“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)
[22] Bewohner von Tyros. Tyros war im Altertum eine griechische Metropole
[23] Numeri 14:8; „Wenn Gott Wohlgefallen an uns findet, so wird er uns in dies Land bringen und es uns geben, ein Land, das in Wahrheit von Milch und Honig fließt.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)
