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	<title>Hirschinitiative e.V.</title>
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	<description>Rabbiner S. R. Hirsch Plattform zur Wiederbelebung des orthodoxen deutschen Judentums</description>
	<lastBuildDate>Thu, 10 Sep 2026 10:53:22 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Hirschinitiative e.V.</title>
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	<item>
		<title>Willkommen zur 1. Ausgabe des 6. Jahrgangs der Monatszeitschrift</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-1-ausgabe-des-6-jahrgangs-der-monatszeitschrift/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 10:40:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Willkommen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>für den Monat Tischri 5787 Wir wünschen allen unseren Lesern und Förderern, dass sie zu einem guten und gesunden neuen Jahr eingeschrieben werden in das Buch des Lebens. &#160;שנה טובה תכתבו Im Monatsblatt zum Tischri hat Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l sich ein Thema ausgesucht, dass Sie bestimmt interessieren wird. Es geht um die zwei [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2022/08/image.png" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist image.png"/></figure>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>für den Monat Tischri 5787</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wir wünschen allen unseren Lesern und Förderern, dass sie zu einem guten und gesunden neuen Jahr eingeschrieben werden in das Buch des Lebens.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph">&nbsp;<strong>שנה טובה תכתבו</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Monatsblatt zum Tischri hat Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l sich ein Thema ausgesucht, dass Sie bestimmt interessieren wird. Es geht um die zwei Ziegenböcke, die am Jom Kippur zum Tempel gebracht wurden. Das Los bestimmte, welcher von beiden dem Heiligtum zugeführt, und welcher zum Asasel geschickt wurde.<br><strong>Das Monatsblatt für den Monat Tischri finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/tischri-5787/">hier</a>.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen besonderen Dank möchte ich hier Herrn Prof. Dr. Yizhak Ahren aussprechen, der uns wieder mit einen Beitrag beehrt hat. Vielen unserer Leser ist er aus seiner Zeit in München noch in bester Erinnerung. Auch er hat einen Artikel zu Jom Kippur verfasst.<br><strong>Den Artikel über „Sinnvolles Fasten und falsches Fasten“ finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/sinnvolles-fasten-und-falsches-fasten/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinderecke darf nicht fehlen. Eine Geschichte von Hermann Schwab über ein sprechendes Schofar habe ich für diese Ausgabe ausgewählt.<br><strong>Die Kinderecke finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-tischri-5787/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das komplette Magazin für diesen Monat, auch zum herunterladen, steht wieder für Sie bereit.<br><strong>Das Magazin für den Monat Tischri finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-tischri-5787/" data-type="link" data-id="https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-tischri-5787/">hier.</a></strong></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-1-ausgabe-des-6-jahrgangs-der-monatszeitschrift/">Willkommen zur 1. Ausgabe des 6. Jahrgangs der Monatszeitschrift</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Tischri 5787</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-tischri-5787/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 10:20:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das sprechende Schaufor[1]. Aus den „Kinderträumen“, ein Märchenbuch für jüdische Kinder, von Hermann Schwab, stammt diese Geschichte. Das Buch wurde 1921 in Frankfurt am Main veröffentlicht. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/4689894 Es war [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das sprechende Schaufor<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a>.</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Aus den „Kinderträumen“, ein Märchenbuch für jüdische Kinder, von Hermann Schwab, stammt diese Geschichte. Das Buch wurde 1921 in Frankfurt am Main veröffentlicht.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/4689894">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/4689894</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war einmal am Erew Rausch Ha-Schonoh<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schule war geschlossen, und die Kinder halfen den Eltern bei den Vor­bereitungen zum schönen Jaumtauw<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Hause wird geputzt und ge­waschen, denn der Jaumtauw ist ein hoher Gast, und man muss ihn würdig em­pfangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der guten Stube liegt des Vaters Rausch Haschonoh-Staat. Das Sargenes<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> oder der Kittel, der schöne Tallis<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>, mit Seidenfäden durchwirkt, die Machsaurim<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> und ein Schaufor; denn der Vater ist der beste Schauforbläser im Städtchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Stube steht der achtjährige Ernst und sieht sehnsüchtig nach dem schönen Schaufor. Er möchte es to gerne einmal probieren, aber der Vater hat ihm gesagt, dass er erst groß wer­den müsse, bis er blasen könne, und bis dahin ist es noch gar so lange. Heute ist er acht Jahre — in fünf Jahren wird er Barmizwoh<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a>, und dann dauert es immer noch eine lange Zeit, bis er wirklich groß ist. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wäre es, denkt er, wenn ich es doch einmal versuche?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesagt, getan; Ernst geht leise zum Tisch, nimmt das schwere Schaufor in die Hand und führt es zum Mund. Aus Leibes­kräften bläst er in das Mundstück, aber nach einer kurzen Weile lässt er die Hand mit dem Schaufor wieder sinken, denn kein Ton wird hörbar. Der Vater hat recht gehabt, und so wird er doch wohl warten müssen, bis er groß ist. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er legt das Schaufor wieder zu den Machsaurim und dem Tallis und geht schnell zur Tür hinaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er läuft in die Küche, wo die Mutter am Herd steht, von der Küche zum Hof, wo schon die Bretter zum Bau der Sukkoh<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a> stehen, und vom Hof auf die Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst fürchtet sich; denn der Vater hatte ihm nicht nur gesagt, dass er nicht blasen könne — er hatte ihm das Blasen auch verboten. Das aber hatte er ganz vergessen — oder — vielleicht auch nicht? Hat es vielleicht nur vergessen wollen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst fürchtet sich. Er war unge­horsam, heute am Erew Rausch Haschono, wo man doch so ganz besonders gut und gehorsam sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber es hat ja niemand gemerkt,“ tröstet er sich, „ich war ja ganz allein im Zimmer, und sprechen kann das Schaufor doch nicht &#8230;“&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ernst, Ernst&#8220; hört er plötzlich des Vaters Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell läuft er ins Haus zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der guten Stube steht der Vater, das Schaufor in der Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hast mit dem Schaufor gespielt, Ernst?&#8220; fragt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst sieht betroffen zu Boden, wie­so kann es der Vater wissen, denkt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du brauchst es mir nicht zu sagen,&#8220; fährt der Vater fort, „das Schaufor selbst hat es mir erzählt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fassungslos sieht Ernst auf das Schaufor. lst es wahr? Kann es wirklich sprechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nun passe auf,“ spricht der Vater weiter, „und vergiss es nie wieder“. Das Schaufor hat eine Stimme wie ein Mensch und kann vieles erzählen, Gutes und Schönes und auch Trauriges, und wenn du groß bist, wirst du seine Spra­che kennen lernen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich wollte es aber heute schon,“ entfuhr es Ernst unwillkürlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nun höre, ob es Ungehorsam zu strafen weiß. Du kennst doch seine Stimme und hast mich in diesen Tagen oftmals blasen hören. Nun spricht es anders — ganz anders.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vater hatte die letzten Worte beinahe traurig gesprochen und setzte nun das Schaufor an die Lippen. Und wer beschreibt Ernsts Verwunderung und Ent­setzen —, als statt eines langgezogen schönen Tones nur ein Ächzen aus dem Schaufor herauskam. Der Vater setzte nochmals an, aber wieder war nur ein kur­zer, hässlicher Ton zu hören, und Ernst traten vor Bangen Tränen in die Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hörst Du,“ sagte der Vater, „hörst Du das Schaufor? es weiß von meinem Verbot, und Dein Ungehorsam tut ihm weh. Es möchte weinen wie wir Men­schen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich will es nie wieder tun,“ be­teuerte Ernst unter Tränen und legte seine kleine Hand in die Hand seines Vaters. —</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="689" height="1024" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Mann-mit-Schofar-689x1024.jpg" alt="" class="wp-image-5684" srcset="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Mann-mit-Schofar-689x1024.jpg 689w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Mann-mit-Schofar-202x300.jpg 202w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Mann-mit-Schofar-768x1141.jpg 768w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Mann-mit-Schofar-1034x1536.jpg 1034w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Mann-mit-Schofar.jpg 1152w" sizes="(max-width: 689px) 100vw, 689px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bild mit KI generiert</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber nun passe weiter auf“, sagte der Vater. „Auch das Schaufor hört deine Versprechungen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von neuem nahm er es zur Hand, und als er wieder zu blasen begann, kamen die bekannten, reinen, lieben Töne zum Ohr des kleinen Ernst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Schaufor hatte verziehen. — —&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst war glückselig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst ist ein guter Schauforbläser geworden. Das Schaufor hat ihm der Vater nach vielen Jahren zur Er­innerung an diesen Erew Rausch Haschono geschenkt, und als er selber einen klei­nen Sohn hatte, da hat er ihm diese Geschichte erzählt; die Geschichte vom sprechenden Schaufor.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Alte aschkenasische Aussprache für Schofar (Widderhorn, das besonders am Rosch Ha-Schana geblasen wird)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Alte aschkenasische Aussprache für Rosch Haschana (Neujahrsfest)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Alte aschkenasische Aussprache für Jom Tov (Feiertag)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> <strong>Sargenes</strong> (auch <em>Kittel</em> genannt) ist ein traditionelles, weißes Leinen- oder Baumwollgewand im aschkenasischen Judentum, das als religiöse Fest- und gleichzeitig als Sterbekleidung dient</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Gebetsschal</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Alte aschkenasische Aussprache für Machsorim (Gebetsbücher für die Feiertage)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Alte aschkenasische Aussprache für Bar Mizwah</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Alte aschkenasische Aussprache für Sukka (Laubhütte)</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Sinnvolles Fasten und falsches Fasten</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/sinnvolles-fasten-und-falsches-fasten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 10:13:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Betrachtung zu Jom Kippur Von Prof. Dr. Yizhak Ahren Schon vor einem Jahr hat Prof. Dr. Yizhak Ahren uns einen Artikel zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns auch in diesem Jahr ein Dwar Thora von Prof. Dr. Ahren unseren Lesern näherzubringen. Thema dieses Artikel ist die Haftara (Prophetenlesesung) am Jom Kippur Morgengottesdienst. Welchen Haftara-Text [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Betrachtung zu Jom Kippur</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Von Prof. Dr. Yizhak Ahren</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Schon vor einem Jahr hat Prof. Dr. Yizhak Ahren uns einen Artikel zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns auch in diesem Jahr ein Dwar Thora von Prof. Dr. Ahren unseren Lesern näherzubringen. Thema dieses Artikel ist die Haftara (Prophetenlesesung) am Jom Kippur Morgengottesdienst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welchen Haftara-Text jemand im Morgengebet von Jom Kippur vortragen soll, ist schon im Talmud (Megilla 31a) festgelegt worden; verlesen werden Worte des Propheten Jesaja (Kap. 57,14 bis Ende Kap. 58). Warum haben die Weisen gerade diesen Abschnitt ausgewählt? Das ist nicht schwer zu erraten. Denn der Prophet spricht über einen Tag des Fastens, und zur Zeit von Jesaja haben Juden nur am Jom Kippur gefastet. Die übrigen Fasttage, die im heutigen Kalender verzeichnet sind, gab es damals noch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Das Verbot, am Tag der Sühnungen zu essen und zu trinken, steht bereits in der Tora: „Nur am zehnten dieses siebenten Monats ist Tag der Sühnungen, Berufung zum Heiligtum soll er euch sein, und ihr lasset eure Lebensgeister darben“ (3. Buch Mose 23,27).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אַ֡ךְ בֶּעָשׂ֣וֹר לַחֹ֩דֶשׁ֩ הַשְּׁבִיעִ֨י הַזֶּ֜ה י֧וֹם הַכִּפֻּרִ֣ים ה֗וּא מִֽקְרָא־קֹ֙דֶשׁ֙ יִהְיֶ֣ה לָכֶ֔ם וְעִנִּיתֶ֖ם אֶת־נַפְשֹׁתֵיכֶ֑ם וְהִקְרַבְתֶּ֥ם אִשֶּׁ֖ה לַה&#8217;׃</strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Meinung von Maimonides (und ebenso auch nach der Ansicht von Sefer HaChinuch<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>) erfüllen jüdische Menschen, die am Tag der Sühnungen fasten, sogar zwei der 613 Mitzwot der Tora: eine positive Mitzwa und eine negative Mitzwa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was können und sollen wir heute von der Ansprache des Propheten Jesaja über das Fasten lernen? Wer unsere Haftara sorgfältig studiert, wird feststellen können, dass Jesaja verschiedene Formen des Fastens beschreibt und einander gegenüberstellt. Der Prophet warnt vor der rein äußerlichen Form des Fastens, und er empfiehlt, das vorgeschriebene Nichtessen unbedingt mit Reue und Handlungen der Nächstenliebe zu verbinden. Seine Bemerkungen bringen uns bei, wie sinnvolles Fasten aussieht, und wann das Fasten den Zweck der religiösen Übung im Grunde verfehlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Hören der Haftara in der Synagoge ist wichtig und lehrreich, kann aber eine intensive Beschäftigung mit den Gedanken von Jesaja nicht ersetzen. Wie kann ein solches „Lernen“ aussehen? Man kann z.B. Übersetzungen des hebräischen Textes studieren. Bekanntlich ist jede Übersetzung bereits eine Interpretation. Daher ist es aufschlussreich, verschiedene Übertragungen miteinander zu vergleichen. Ohne Zweifel sind Kommentare wesentlich instruktiver, die auf Feinheiten aufmerksam machen. An dieser Stelle möchte ich nur auf die Erläuterungen von Dr. Mendel Hirsch<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> zu den Haftarot (Frankfurt am Main 1896) und auf Rav Shimon Schwabs<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> englischsprachigen Kommentar zu Jesaja&nbsp; (Brooklyn 2009) hinweisen, die mir beim Verständnis des hier behandelten Textes geholfen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir uns nun Kap. 58 etwas näher an, das man als die große Jom Kippur Predigt von Jesaja bezeichnet hat. An welchen Kreis seine Ansprache gerichtet war, teilt uns der Prophet mit. Es waren nicht etwa solche Juden, die Tora-Gesetze missachten; im Gegenteil, er redete zu den Frommen: „Mich suchen sie Tag für Tag auf und wollen Meine Wege erkennen wie ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat. Sie fragen Mich nach den Vorschriften des Rechts, verlangen nach der Nähe Gottes“ (Vers 2). Warum sollen diese Menschen zurechtgewiesen werden? Im ersten Vers heißt es: „Verkünde Meinem Volk seinen Frevel und dem Haus Jaakow seine Sünden.“</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>וְאוֹתִ֗י י֥וֹם יוֹם֙ יִדְרֹשׁ֔וּן וְדַ֥עַת דְּרָכַ֖י יֶחְפָּצ֑וּן כְּג֞וֹי אֲשֶׁר־צְדָקָ֣ה עָשָׂ֗ה וּמִשְׁפַּ֤ט אֱלֹקיו֙ לֹ֣א עָזָ֔ב יִשְׁאָל֙וּנִי֙ מִשְׁפְּטֵי־צֶ֔דֶק קִרְבַ֥ת</strong> <strong>אֱלֹקים יֶחְפָּצֽוּן׃</strong> </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">קְרָ֤א בְגָרוֹן֙ אַל־תַּחְשֹׂ֔ךְ כַּשּׁוֹפָ֖ר הָרֵ֣ם קוֹלֶ֑ךָ <strong>וְהַגֵּ֤ד לְעַמִּי֙ פִּשְׁעָ֔ם וּלְבֵ֥ית יַעֲקֹ֖ב חַטֹּאתָֽם׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die problematische Situation macht eine Frage sichtbar, die von den Frommen gestellt wird: „Warum haben wir gefastet, und Du hast es nicht gesehen; haben uns kasteit, und Du ignorierst es?“ (Vers 3). Noch im selben Vers greift Jesaja den vorgebrachten Einwand auf: „Ja, am Tag eures Fastens findet ihr Wohlgefallen und unterdrückt damit all eure Gewissensbisse!“ Und er fährt fort: „Ja, zum Streit und Hader fastet ihr, um mit frevelhafter Faust zuzuschlagen; ihr fastet aber nicht wie es sich für diesen Tag geziemt, um in der Höhe eure Stimme vernehmen zu lassen. Soll so ein Fasten sein, das Ich erwähle, ein Tag, an dem der Mensch sich kasteie, dass er wie eine Binse sein Haupt neige und Sack und Asche unter sich ausbreite – nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Ewigen wohlgefällig ist? (Verse 4 &amp; 5).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>לָ֤מָּה צַּ֙מְנוּ֙ וְלֹ֣א רָאִ֔יתָ עִנִּ֥ינוּ נַפְשֵׁ֖נוּ וְלֹ֣א תֵדָ֑ע הֵ֣ן בְּי֤וֹם צֹֽמְכֶם֙ תִּמְצְאוּ־חֵ֔פֶץ וְכׇל־עַצְּבֵיכֶ֖ם תִּנְגֹּֽשׂוּ׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֵ֣ן לְרִ֤יב וּמַצָּה֙ תָּצ֔וּמוּ וּלְהַכּ֖וֹת בְּאֶגְרֹ֣ף רֶ֑שַׁע לֹא־תָצ֣וּמוּ כַיּ֔וֹם לְהַשְׁמִ֥יעַ בַּמָּר֖וֹם קוֹלְכֶֽם׃</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֲכָזֶ֗ה יִֽהְיֶה֙ צ֣וֹם אֶבְחָרֵ֔הוּ י֛וֹם עַנּ֥וֹת אָדָ֖ם נַפְשׁ֑וֹ הֲלָכֹ֨ף כְּאַגְמֹ֜ן רֹאשׁ֗וֹ וְשַׂ֤ק וָאֵ֙פֶר֙ יַצִּ֔יעַ הֲלָזֶה֙ תִּקְרָא־צ֔וֹם וְי֥וֹם רָצ֖וֹן לַה&#8217;׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dieser Kritik der falschen Form des Fastens beschreibt Jesaja die erwünschte Form des Fastens: „Ist nicht das ein Fasten, das Ich erwähle: dass man die Fesseln der Bosheit öffne, die Bande des Jochs löse, die Bedrückten in die Freiheit schicke und jedes Joch zertrenne? Solltest du nicht dem Hungrigen dein Brot brechen, herumirrende Arme ins Haus aufnehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zudecken und dich nicht dem entziehen, der von deinem Fleisch ist?“ (Verse 6 &amp; 7).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֲל֣וֹא זֶה֮ צ֣וֹם אֶבְחָרֵ֒הוּ֒ פַּתֵּ֙חַ֙ חַרְצֻבּ֣וֹת רֶ֔שַׁע הַתֵּ֖ר אֲגֻדּ֣וֹת מוֹטָ֑ה וְשַׁלַּ֤ח רְצוּצִים֙ חׇפְשִׁ֔ים וְכׇל־מוֹטָ֖ה תְּנַתֵּֽקוּ׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>הֲל֨וֹא פָרֹ֤ס לָרָעֵב֙ לַחְמֶ֔ךָ וַעֲנִיִּ֥ים מְרוּדִ֖ים תָּ֣בִיא בָ֑יִת כִּֽי־תִרְאֶ֤ה עָרֹם֙ וְכִסִּית֔וֹ וּמִבְּשָׂרְךָ֖ לֹ֥א תִתְעַלָּֽם׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ursprüngliche Frage der Frommen lautete: „Warum haben wir gefastet, und Du hast es nicht gesehen?“ Jesaja erklärt den Fragestellern, sie seien von einer falschen Annahme ausgegangen: Euer Fasten war so verkehrt und unvollständig, dass es nicht geeignet war, eure Stimme in der Höhe vernehmen zu lassen. Hättet ihr am Jom Kippur auch an Beziehungen zu anderen Menschen gedacht und diese zu verbessern gesucht, dann wäre es nie zu eurer Klage gekommen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit den Worten des Propheten Jesaja gesagt: „Dann wird dein Licht wie die Morgenröte anbrechen und deine Wunde rasch verheilen; deine Gerechtigkeit wird dir vorangehen, und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich aufnehmen. Dann wirst du rufen, und der Ewige wird antworten, du flehst, und Er spricht: Hier bin Ich! Wenn du aus deiner Mitte das Joch der Bedrückung fortschaffst, auch das Drohen mit dem Finger und Übles Reden, wenn du dem Hungrigen dein Mitgefühl darbietest und die bedrängte Seele erquickst, dann wird im Dunkeln dein Licht erstrahlen und deine Finsternis zur Mittagshelle werden“ (Verse 8,9 &amp; 10).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אָ֣ז יִבָּקַ֤ע כַּשַּׁ֙חַר֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲרֻֽכָתְךָ֖ מְהֵרָ֣ה תִצְמָ֑ח וְהָלַ֤ךְ לְפָנֶ֙יךָ֙ צִדְקֶ֔ךָ כְּב֥וֹד ה&#8216; יַאַסְפֶֽךָ׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אָ֤ז תִּקְרָא֙ וַה&#8216; יַעֲנֶ֔ה תְּשַׁוַּ֖ע וְיֹאמַ֣ר הִנֵּ֑נִי אִם־תָּסִ֤יר מִתּֽוֹכְךָ֙ מוֹטָ֔ה שְׁלַ֥ח אֶצְבַּ֖ע וְדַבֶּר־אָֽוֶן׃</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>וְתָפֵ֤ק לָֽרָעֵב֙ נַפְשֶׁ֔ךָ וְנֶ֥פֶשׁ נַעֲנָ֖ה תַּשְׂבִּ֑יעַ וְזָרַ֤ח בַּחֹ֙שֶׁךְ֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲפֵלָתְךָ֖ כַּֽצׇּהֳרָֽיִם׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist bemerkenswert, dass Jesaja seine Jom Kippur-Predigt mit einer Bemerkung über die Schabbat-Observanz schließt: „Wenn du vom Schabbat deinen Fuß zurückhältst, um deinen Geschäften nachzugehen an Meinem heiligen Tag, und wenn du den Schabbat &lt;Genuss&gt; nennst zur Heiligung des Ewigen, des Geehrten, und wenn du ihn ehrst, indem du nicht deine Wege gehst, um deine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und (eitle) Worte zu reden. Dann wirst du Wonne finden im Ewigen, und Ich werde dich über die Höhen des Landes reiten und dich das Erbe deines Vaters Jaakow genießen lassen, denn der Mund des Ewigen hat gesprochen“ (Verse 13 &amp; 14).</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אִם־תָּשִׁ֤יב מִשַּׁבָּת֙ רַגְלֶ֔ךָ עֲשׂ֥וֹת חֲפָצֶ֖ךָ בְּי֣וֹם קׇדְשִׁ֑י וְקָרָ֨אתָ לַשַּׁבָּ֜ת עֹ֗נֶג לִקְד֤וֹשׁ ה&#8216; מְכֻבָּ֔ד וְכִבַּדְתּוֹ֙ מֵעֲשׂ֣וֹת דְּרָכֶ֔יךָ מִמְּצ֥וֹא חֶפְצְךָ֖ וְדַבֵּ֥ר דָּבָֽר׃</strong> <strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>אָ֗ז תִּתְעַנַּג֙ עַל־ה&#8216; וְהִרְכַּבְתִּ֖יךָ עַל־[בָּ֣מֳתֵי] (במותי) אָ֑רֶץ וְהַאֲכַלְתִּ֗יךָ נַחֲלַת֙ יַעֲקֹ֣ב אָבִ֔יךָ כִּ֛י פִּ֥י ה&#8216; דִּבֵּֽר׃</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jom Kippur wird in der Tora mehrfach „Schabbat schabbaton“ genannt (3. Buch Mose 16,31 &amp; 23,32). Es erscheint daher an diesem Tag besonders angebracht zu sein, auf die Wichtigkeit der korrekten Schabbat-Observanz hinzuweisen. Rabbiner Shimon Schwab erklärt, Jesaja habe am Ende seiner Predigt den Geist des Schabbat-Hütens zu stärken gesucht, so wie er zuvor dazu aufgerufen hatte, den religiösen Sinn des Fastens in der Lebenspraxis zu berücksichtigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Herrn Prof. Dr. Yzhak Ahren sind u.a. die nachfolgen abgebildeteten Veröffentlichungen erschienen und in der LITERATURHANDLUNG (<a href="https://literaturhandlung.com/">https://literaturhandlung.com/</a>) zu beziehen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="635" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-1024x635.jpg" alt="" class="wp-image-5686" srcset="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-1024x635.jpg 1024w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-300x186.jpg 300w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-768x476.jpg 768w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-1536x952.jpg 1536w, https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2026/09/Buecher-Ahren-2048x1270.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Mendel Hirsch</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipediaeintrag</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mendel Hirsch (* 3. März 1833 in Oldenburg; † 28. März 1900 in Frankfurt am Main) war ein deutsch-jüdischer Pädagoge und Bibelkommentator, trat aber auch als Dichter hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben und beruflicher Werdegang</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mendel Hirsch als ältestes von 11 Kindern der Johanna Jüdel und des Samson Raphael Hirsch studierte an den Universitäten Bonn und Berlin Philosophie, Psychologie, Literatur und Geschichte. Hirsch promovierte 1854 in Tübingen. Im folgenden Jahr wurde er als Lehrer für jüdische und allgemeine Fächer an den von seinem Vater gegründeten jüdischen Mittel- und Volksschulen in Frankfurt am Main tätig. Als Direktor amtierte er an der (1853 gestifteten) israelitischen Realschule und war zudem während 17 Jahren Leiter der jüdischen Volksschule.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Seine Tochter Rahel Hirsch (1870–1953) war die erste Frau, die im Königreich Preußen zur Professorin für Medizin ernannt wurde. (Dafür gab sie das Leben in der Orthodoxie auf. Nach der Machtübernahme verlor sie die Professur und die Möglichkeit als Ärztin zu arbeiten. Sie floh zu ihrer Schwester nach London, wo sie ebenfalls nicht als Ärztin arbeiten konnte, weil ihre Approbation dort nicht anerkannt wurde. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einer Nervenheilanstalt und litt unter Depressionen und Verfolgungsängsten. Anm. M. Bleiberg)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Schriftstellerische Tätigkeit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der monatlich erscheinenden Zeitschrift Jeschurun, die von seinem Vater herausgegeben wurde, veröffentlichte er Artikel über pädagogische Themen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Leserbrief „Der Zionismus“ (1898) stellte sich Hirsch gegen den politischen Zionismus von Theodor Herzl, wobei er ihn gleichzeitig als Zugeständnis an die Tatsache ansah, dass die jüdische Assimilation versagt hätte.</p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Rabbiner Shimon Schwab</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipediaeintrag (Original auf englisch, mit Überarbeitung von M. Bleiberg)</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Shimon (Simon) Schwab war ein orthodoxer Rabbiner und Gemeindeführer in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Er wurde in Frankfurt am Main und in den Jeschivas Litauens ausgebildet und war Rabbiner in Ichenhausen, Bayern, nach der Einwanderung in die Vereinigten Staaten in Baltimore und von 1958 bis zu seinem Tod in Khal Adath Jeshurun in Washington Heights, Manhattan. Er war ein Ideologe von Agudath Israel von Amerika, der speziell die Tora im Derech Eretz-Ansatz für das jüdische Leben verteidigte. Er schrieb mehrere populäre Werke jüdischen Denkens.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Frühes Leben in Frankfurt</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Shimon Schwab wurde am 30. Dezember 1908 geboren. Er wuchs in Frankfurt am Main auf. Seine Familie war langjährig Mitglied der israelitischen Religionsgesellschaft (IRG), der orthodoxen jüdischen Gemeinde, die ihre eigene Unabhängigkeit von der reform-judentums-dominierten allgemeinen Gemeinschaft begründet hatte. Die IRG war bis 1888 von Rabbiner Samson Raphael Hirsch geführt worden und stand dann unter der Leitung von Rabbiner Solomon Breuer, Hirschs Schwiegersohn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Shimon absolvierte die Realschule, die örtliche Schule, die Religionswissenschaft und allgemeine Fächer in Übereinstimmung mit der von Rabbiner Hirsch propagierten Thora im Derech Eretz Ideologie kombinierte. Nach der Realschule war er mehrere Jahre Vollzeitstudent in der Torah Lehranstalt, der von Rabbiner Breuer gegründeten örtlichen Jeschiva.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Studien in Litauen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1926, im Alter von 17 Jahren, schrieb sich Shimon in die Yeshiva-Telsche in Telšiai, Litauen, ein, wo er drei Jahre lang intensiv Talmud studierte, und verbrachte danach eineinhalb Jahre in der Yeshiva in Mir. Es war nicht sehr üblich, dass deutsch-jüdische Studenten in osteuropäischem Jeschiwot studierten, aber zwei von Shimons Brüdern (Moshe und Mordechai) folgten später den gleichen Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühjahr 1930 verbrachte er ein Wochenende mit Rabbiner Yisrael Meir Kagan (dem Chafetz Chaim), dem damaligen Führer des nicht-chassidischen osteuropäischen aschkenasischen Judentums. Der Besuch machte einen starken Eindruck auf ihn, und er bezog sich später oft auf die Begegnung in öffentlichen Reden sein Leben lang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Semicha (rabbinische Ordination) zog Rabbi Schwab nach Deutschland, und im Februar 1931, noch unverheiratet, nahm er die Position des Rabbinatsassessors (&#8222;Assistent Rabbiner&#8220;) in Darmstadt an. Im Oktober 1931 heiratete er Recha Fröhlich aus Gelsenkirchen und setzte dort seinen Posten bis September 1933 fort, woraufhin er den Posten des Gemeinderabbiners in Ichenhausen, Bayern, annahm.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Arbeiten in Ichenhausen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Ichenhausen war Rabbiner Schwab an allgemeinen rabbinischen Pflichten beteiligt, aber er arbeitete auch hart daran, eine traditionelle Jeschiwa zu etablieren, die Mischna und Talmud lehren würde. Er veröffentlichte auch 1934 ein Buch mit dem Titel „Heimkehr ins Judentum“ und ermahnte seine jüdischen Zeitgenossen, mehr Zeit für ein eingehendes Tora-Lernen zu widmen und ihre Faszination für moderne Kultur und sozialen Fortschritt aufzugeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Jeschiwa geriet aber gleich zu Beginn in Schwierigkeiten, als sie durch lokale Nazi-Aktivisten bedroht wurde. Bereits nach einem Tag wurden die Schüler nach Hause geschickt, und dieser Vorfall inspirierte Rabbiner Schwab wahrscheinlich, sich für eine Position im Ausland zu bewerben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Baltimore</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den amerikanisch-orthodoxen Führer Rabbiner Dr. Leo Jung hat er sich mit einer Gemeinde namens Shearith Israel in Baltimore in Verbindung gesetzt. Er reiste in die Vereinigten Staaten, und nach einer Probezeit wählte ihn die Gemeinde als Rabbiner. Die Familie konnte daher Visa beantragen und dem Holocaust entkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Baltimore wurde Schwab als Rabbiner der Gemeinde Shearith Israel ein lokaler Führer der Orthodoxie und veranstaltete die jährliche Konferenz von Agudath Israel einige Jahre nach seiner Ankunft. Er war an der ersten jüdischen Tagesschule für Mädchen, Beis Yaakov, beteiligt und reiste in den späten 1940er Jahren nach San Francisco, um während der frühen Aktivitäten der Vereinten Nationen als Lobbyist zu fungieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während eines Besuchs in Baltimore in den späten 1930er Jahren hatte Rabbiner Elchonon Wasserman vorgeschlagen, dass Schwab ein Werk veröffentlichen sollte, das die traditionelle jüdische Sicht auf die messianischen Zeiten zusammenfasst. Dieses Buch erschien 1941 anonym auf Hebräisch unter dem Titel &#8222;Beis ha-Sho&#8217;eivah&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Washington Heights</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1958 wurde Schwab eingeladen, sich Rabbi Joseph Breuer in der Führung der deutsch-jüdischen Gemeinde in Washington Heights anzuschließen, die sich im oberen Manhattan in New York City befindet; siehe Khal Adath Jeshurun (Washington Heights, Manhattan). Diese Gemeinschaft, die weithin als die spirituelle „Fortsetzung&#8220; der Vorkriegs IRG in Frankfurt angesehen wurde, wuchs Rabbiner Schwab ans Herz, und mit Rabbiner Breuers zunehmendem Alter und Gebrechen übernahm er bis zum Tod des letzteren im Jahr 1980 viele Führungsrollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von da an bis 1993 führte er die Gemeinde allein. Er hielt weiter Vorträge und unterrichtete, aber sein Gesundheitszustand verschlechterte sich und er starb im Alter von 86 Jahren an Purim Katan, 1995. Nach seinem Tod wurde Rabbi Zechariah Gelley, der sich der Kehilla bereits einige Jahre zuvor als zweiter Rav angeschlossen hatte, sein Nachfolger.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Philosophie und Ideen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schwab, ein Produkt sowohl der deutschen Tora im Derech-Eretz-Bewegung als auch der osteuropäischen Jeschiwa-Welt, identifizierte sich zunächst stark mit der osteuropäischen Lehrmethode „Only Thora“. In den 1960er Jahren revidierte er jedoch seine Ansicht. So schrieb er seine Broschüre &#8222;These and Those&#8220;, in der er sich für den Ansatz der Tora im Derech Eretz als gleichermaßen gültig einsetzt. (Der Titel der Broschüre ist ein Zitat aus dem Talmud &#8211; &#8222;Diese und Jene [Eilu v&#8217;Eilu] sind die Worte eines lebendigen Gottes&#8220; und betonen, dass beide Ansätze göttlich sanktioniert werden.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rav Schwab widersetzte sich sowohl dem säkularen als auch dem religiösen Zionismus, sowohl in seinen Schriften als auch in seinen Reden. Obwohl er sagte, dass wir, selbst wenn wir diese ketzerischen Ideen ablehnen, immer noch diejenigen lieben müssen, die die Tora uns geboten hat zu lieben. Er betonte auch, dass es &#8222;niemals Kontakt mit organisierter Häresie in welcher Form auch immer geben darf. Wenn es um den Zionismus geht, besonders die Art, die ihn von der Realpolitik in eine prämessianische Religion verwandelt hat, lasst uns fest und mutig sein und allen Kräften trotzen, die dazu neigen, unsere fundamentalistische Loyalität gegenüber dem unverfälschten Erbe zu schwächen, das wir von unseren Vorfahren erhalten haben. Aber all das ohne Hass, ohne Zorn und mit großer Demut.“ Seiner Meinung nach sollten moderne orthodoxe Führer, die den religiösen Zionismus förderten, nicht als Vertreter der Tora öffentlich anerkannt werden.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Das „Sefer Hachinuch“ von Rabbi Aharon Halevi von Barcelona zählt die 613 Mizwoth der Thora auf und kommentiert sie. Das Buch (5 Bände) mit deutscher Übersetzung ist im <strong>Morascha Verlag</strong> erschienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Zu Mendel Hirsch siehe Wikipediaeinantrag am Ende des Artikel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Zu Rabbiner Shimon Schwab siehe Wikipediaeintrag am Ende des Artikels</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Tischri 5787</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/tischri-5787/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 09:59:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Monatsblatt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am Jom Kippur wurden, so hat es Gott angeordnet, zwei Ziegenböcke, die einander völlig gleich auszusehen hatten vor das Stiftzelt gestellt. Es wurde gelost, welcher der beiden als Opfer dem Heiligtum zugeführt, und welcher in einen Abgrund, Le´Asasel, gestürzt werden sollte. Welche Bewandtnis es damit auf sich hatte, klärt Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l in [&#8230;]</p>
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<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Am Jom Kippur wurden, so hat es Gott angeordnet, zwei Ziegenböcke, die einander völlig gleich auszusehen hatten vor das Stiftzelt gestellt. Es wurde gelost, welcher der beiden als Opfer dem Heiligtum zugeführt, und welcher in einen Abgrund, Le´Asasel, gestürzt werden sollte. Welche Bewandtnis es damit auf sich hatte, klärt Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l in diesem Artikel.</p>

<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Artikel erschien in der Zeitschrift „Jeschurun“, 5. Jahrgang, Heft 12, im Oktober 1858.</p>

<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>

<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2942827">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2942827</a></p>

<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph" style="text-align: center;"><strong>Die beiden Lose</strong></p>

<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph" style="text-align: center;"><strong>Ein</strong> <strong>Fragment</strong> <strong>aus</strong> <strong>der</strong> <strong>Abodah</strong> <strong>des</strong>  <strong>י&#8220;כ</strong> <strong> </strong></p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>Inhalt: Der</em> <em>Monat</em> <em>Tischri.</em> <strong><em>.י&#8220;כ</em></strong> <em>Die</em> <em>Abodah</em> <em>am</em> <strong><em>.י׳׳כ</em></strong> <em>Der</em> <em>jüdische</em> <em>Hohepriester ist</em> <em>weder</em> <em>Sühneerteiler noch Sühnevermittler. Paritätische Gleichheit des Volkes und der Priester in</em> <em>der</em> <em>Sühne</em><em>.</em> <em>Die</em> <em>beiden</em> <em> </em><strong><em> שְׂעִירִים</em></strong><em>.</em> <em>Ihre Gleichheit</em> <em>und</em> <em>die</em> <em>Verschiedenheit</em> <em>ihres</em> <em>Geschickes</em><em>.</em> <em>Die beiden</em> <em>Wege. Symbolischer</em> <em>Charakter</em> <em>des</em> <strong><em>שֵׂעִיר</em></strong> <em>im</em> <em>Opfer</em><em>.</em> <em>Israels</em> <em>Hartnäckigkeit</em><em>.</em> <em>Gute</em> <em>und</em> <em>schlechte</em> <em>Konsequenz.</em> <strong><em>.עֲזָאזֵל</em></strong> <em> </em></p>

<p class="wp-block-paragraph">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>

<p class="wp-block-paragraph">Welch ein Monat, dieser Tischri! Welche Gaben sein Angebinde! <strong>כַּפָּרָה — תְּשׁוּבָה — תְּרוּעָה  <a id="_ftnref2" href="#_ftn2"><sup><strong><sup>[2]</sup></strong></sup></a>! שִׂמְחָה —</strong> Wo ist ein Volk, das sich gleicher Zeiten rühmen könnte! Wo, unter allen Veranstaltungen, die die Menschen Glauben, Religionen, Gottesverehrungen, und wie immer nennen, wo eine, die wie das Judentum es verstünde also den Baum des Lebens immer aufs Neue aufzurichten <strong>—</strong> <strong> תְּרוּעָה</strong> die Wurzel, <strong>תְּשׁוּבָה</strong> der Baum, <strong>כַּפָּרָה</strong> die Blüte, <strong>שִׂמְחָה</strong> die Frucht —, die es also verstünde den letzten Funken schlummernder Empfänglichkeit überall zu wecken und ihn nicht loszulassen, bis er sich zum Licht und zum Leben, zur Kraft und zur Freude entfaltet! Wo noch eine Veranstaltung auf Erden, die es so verstünde, den Hauch eines Weihegedenkens über einen ganzen Monat zu verbreiten und während eines ganzen Monats eine ganze Nation bis zu ihrem letzten vereinsamtesten Sprössling in der zersplittersten Zerstreuung durch die Wiederbelebung eines Gedankens von innen heraus in Selbstbearbeitung und Selbsterziehung zu nehmen! Wahrlich, wer das göttliche Gesetz in seinen Triumphen, wer das Judentum in seiner Heilswirksamkeit sehen will, der sehe unseren Tischri, der begleite das Judentum von dem ersten Schofarruf, der noch mit Horebgewalt seine Söhne und Töchter erschüttert der Herrlichkeit Gottes entgegen führt, bis zur letzten Dämmerstunde des unter Gottes Schutz froh voll- brachten Hüttenlebens, das dann mit der stillen Sammlung des Azerethtages<a id="_ftnref3" href="#_ftn3"><sup>[3]</sup></a> und der lauten Freude um das Gottesgesetz<a id="_ftnref4" href="#_ftn4">[4]</a> sich krönt, das so in ewiger Jugendfrische das Füllhorn seiner Segnungen uns zu spenden versteht.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Den Mittelpunkt dieses großen Gottesmonats bildet unstreitig der <strong>יוֹם הַכִּפּוּרִים</strong>, an welchem die mit dem<strong>יוֹם הַזִּכָּרוֹן</strong> , dem Tag der „Besinnung“, mit dem <strong>,יוֹם תְּרוּעָה</strong> mit dem Tag des erschütternden Aufrufs geweckte Umkehr zur Erneuung des Lebens<a id="_ftnref5" href="#_ftn5">[5]</a> ihre Blüten zur <strong>כַּפָּרָה</strong> und <strong>,טָהֳרָה</strong> zur Sühne der Vergangenheit und zur Wiedergewinnung eines reinen Gefäßes für die Zukunft reifen soll, damit darin die Hüttenwoche dann die beglückende Frucht des Vertrauens und der Freude<strong>אֱמוּנָה —</strong>   <strong>וְשִׂמְחָה</strong> <strong>—</strong> vollenden könne.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser Tag brachte einst den Vätern die neuen Tafeln des alten Gesetzes zum Unterpfand des erneuten Gottesbundes wieder. Ihn bestimmte Gottes Gnade für ewige Zeiten<strong>, חֻקַּת עוֹלָם ,</strong> zu einem Tag der erneuten Gottesgnade, zu einem Tag ewiger Bundeserneuerung mit Gott durch Erneuerung unseres Bundes mit seinem Gesetz und seinem Heiligtum, und verhieß uns für ewige Zeiten an ihm <strong>כַּפָּרָה</strong>  <strong>,וְטָהֳרָה</strong> d.h. das höchste Gnadengeschenk seiner Wunderallmacht, die völlige Erneuerung unseres ganzen inneren und äußeren Lebens durch Tilgung der Vergangenheit und Verleihung eines reinen Geistes und reinen Herzens für ein gotttreues Leben der Zukunft.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Den Mittelpunkt der Betrachtungen, die uns an diesem Tag unserer Lebenserneuerung beschäftigen, bildet die <strong>&#8222;<a id="_ftnref6" href="#_ftn6"><sup><strong><sup>[6]</sup></strong></sup></a>עֲבוֹדָה&#8220; </strong> die Erinnerung an jene Reihe bedeutungstiefer Handlungen, vermittelst welcher, als Israel noch einen sichtbaren Mittelpunkt hatte, in Jerusalem, diesem Herzen der Nation, die erneute „Hingebung an den Dienst Gottes und seines heiligen Gesetzes&#8220; durch Wiederanknüpfung an alle die Momente des Heiligtums ihren Ausdruck fand, in deren Verwirklichung dieser Dienst seine Aufgabe findet. Es war der <strong>,כֹּהֵן הַגָּדוֹל</strong> Israels Hohepriester, der sie vollbrachte. Aber nicht als den Sühneerteiler, nicht einmal als den Sühnevermittler, als den ersten, selbst der Sühne Bedürftigen sehen wir ihn zuerst seine und seines Hauses und seines priesterlichen Stammes Sünden vor Gott, dem einen, einzigen, wirklichen und wahrhaftigen Sühne und Gnade Spendenden bekennen, sehen ihn sein, seines Hauses, seines Stammes, ebenso aber auch des Volkes „Blut<a id="_ftnref7" href="#_ftn7"><sup>[7]</sup></a>&#8220; abwechselnd im Allerheiligsten<strong>,בֵּין הַבַּדִּים<a id="_ftnref8" href="#_ftn8"><sup><strong><sup>[8]</sup></strong></sup></a></strong>  und im Heiligen<strong>,עַל הַפָּרֹכֶת<a id="_ftnref9" href="#_ftn9"><sup><strong><sup>[9]</sup></strong></sup></a></strong>  somit Priester <strong>und</strong> Volk in ebenbürtiger Gleichheit mit jedem Tropfen ihres Blutes erneut jeden für sich zu besonderen „<strong>Trägern</strong>&#8220; und „<strong>Beschützern</strong>&#8220; des göttlichen Gesetzes sich weihen, und dann <strong>דַּם הַפָּר וְדָם הַשָּׂעִיר<a id="_ftnref10" href="#_ftn10"><sup><strong><sup>[10]</sup></strong></sup></a></strong> Priester und Volk <strong>zusammen</strong>, <strong>עַל <a id="_ftnref11" href="#_ftn11"><strong>[11]</strong></a>מִזְבֵּחַ הַזָּהָב</strong> im innigen Zusammen- und Ineinanderwirken, der <strong>Verwirklichung</strong> des göttlichen Gesetzes zum gemeinsamen Aufbau eines zum „göttlichen Wohlgefallen&#8220; sich vollendenden „materiellen&#8220; und „geistigen&#8220; Gesamtlebens erneut hingegeben, wie es im <strong>הֵיכָל</strong> durch <strong>שֻׁלְחָן ,מִזְבֵּחַ הַזָּהָב</strong> und <strong><a id="_ftnref12" href="#_ftn12"><sup><strong><sup>[12]</sup></strong></sup></a>מְנוֹרָה</strong>  zum ewigen Ideal vergegenwärtigt wird.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Unter den heiligen Handlungen, die an diesem Tag zu vollziehen waren, ist eine einerseits so mit den soeben angedeuteten Handlungen der erneuten Hingebung Israels an Gott, sein Gesetz und sein Heiligtum verwebt, bildet andererseits ebenso den Mittelpunkt für die Sühne des wirklichen Lebens wie die eben angedeuteten Handlungen für die Beziehungen zu den ewig ungetrübten Idealen des Heiligtums, und scheint zugleich in allen ihren Stadien eine so tief ergreifende „Volkspredigt&#8220; allgemeinster Verständlichkeit zu sein: dass wir einmal versuchen möchten sie uns hier zu vergegenwärtigen und die Gedanken zu verlautbaren, die, wie wir meinen, sie in jedem angeregt haben müsste, der ihrer Vollziehung beigewohnt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">„Und von der Gemeinde der Söhne Israels&#8220;, so ordnet das göttliche Wort, „empfängt er zwei <strong>שְׂעִירֵי עִזִּים</strong> (zwei Ziegenböcke) zum Sühnopfer und einen Widder zum Ganzopfer. Seinen Sühnestier führt Aharon zuerst hin und ersteht Sühne für sich und sein Haus. Dann nimmt man die beiden <strong>שְׂעִירִים<a id="_ftnref13" href="#_ftn13"><sup><strong><sup>[13]</sup></strong></sup></a></strong> und stellt sie vor Gott an den Eingang des Stiftzeltes. Und Aharon gibt für die beiden <strong>שְׂעִירִים</strong> Lose, ein Los zu Gott ein Los zu Asasel. Den <strong>,שֵׂעִיר</strong> für welchen das Los zu Gott ergangen, führt Aharon hin und weiht ihn zum Sühnopfer. Aber der <strong>שֵׂעִיר</strong> für welchen das Los zu Asasel ergangen, bleibe lebend vor Gott gestellt, auf ihm Sühne zu erflehen, ihn dann zu Asasel in die Wüste zu schicken. Seinen Sühnestier führt dann Aharon nochmals hin und erfleht Sühne für sich und sein Haus und tötet seinen Sühnestier und nimmt usw. Sodann tötet er den Sühne- <strong>שֵׂעִיר</strong> des Volkes und bringt sein Blut in das Innere hinter den Vorhang und handhabt sein Blut wie er mit dem Blute des Stieres verfahren und sprengt es hinauf gegen den Deckel (der Bundeslade) und vor den Deckel und sühnt das Heiligtum von den Unlauterkeiten der Söhne Israels und von dem Sündhaften aller ihrer Vergehen, und so auch vollbringt er für das Stiftszelt, das bei ihnen, mitten unter ihren Unlauterkeiten, weilt usw. Und hat er dann die Sühne des Heiligtums, des Stiftzeltes und des Altars vollzogen, so führt er den lebenden <strong>שֵׂעִיר</strong> hin und seine beiden Hände stützt Aharon auf das Haupt des lebenden<strong>,שֵׂעִיר</strong>  bekennt darauf alle Sünden der Söhne Israels und alles Sündhafte aller ihrer Vergehen, legt sie auf das Haupt des<strong>&#8218;שֵׂעִיר</strong> s und schickt ihn durch einen dazu bereiten Mann zur Wüste. Der <strong>שֵׂעִיר</strong> trägt auf sich alle ihre Sünden zu einem abgeschiedenen Lande und er schickt den <strong>שֵׂעִיר</strong> in die Wüste —&#8220; <a id="_ftnref14" href="#_ftn14"><sup>[14]</sup></a></p>

<p class="wp-block-paragraph">So das göttliche Wort. Begleiten wir nun im Geiste die Vollziehung dieser göttlichen Anordnung, welche Gedanken weckt sie in uns am Tage der Sühne und Läuterung, am Tage der Neugeburt unseres ganzen Wesens und der Erneuerung des Bundes mit Gott und seinem heiligen Gesetz?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir treten zum Heiligtum. Das Morgenopfer, das allgemeine Festopfer ist vollbracht. Die besonderen Sühnopfer des Sühnetages haben begonnen. Es hat der Hohepriester bereits sein und seines Hauses Sünden auf das Haupt seines Sühnestiers neben dem Eingang zum <strong>הֵיכָל</strong> bekannt. Er tritt jetzt zurück bis zu dem Portal der Volkshalle <strong>.(עֲזָרָה)</strong> Dort, am Eingang warten zwei Tiere seiner, deren Bestimmung wir verfolgen.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zwei Tiere</strong> sehen wir, <strong>beide</strong> in den Eingang des Heiligtums gestellt, <strong>beide</strong> das Haupt dem Allerheiligsten zugewendet, <strong>beide</strong> auf der mitternächtlichen Altarseite<a id="_ftnref15" href="#_ftn15"><sup>[15]</sup></a> stehend, wo das Opfer der allerheiligsten Opfer vollzogen wird, — <strong>beide sich einander völlig</strong> <strong>gleich</strong> an Ansehen, an Größe, an Wert <strong>— שָׁוִין בְּמַרְאֶה וּבְקוֹמָה וּבְדָמִים<a id="_ftnref16" href="#_ftn16"><sup><strong><sup>[16]</sup></strong></sup></a> —</strong>  beide auch in <strong>einem</strong> <strong>Moment</strong> zugleich für das Heiligtum erworben <strong>— וּבִלְקִיחָתָן כְּאֶחָד<a id="_ftnref17" href="#_ftn17"><sup><strong><sup>[17]</sup></strong></sup></a> —</strong>  <strong>und</strong> <strong>doch,</strong> <strong>welch einer verschiedenen Zukunft gehen sie beide entgegen!</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">Eine Urne steht vor ihnen — zwei Lose liegen darin — beide ununterscheidbar an Stoff und an Größe.— Ein Los <strong>!לה&#8216;</strong> Ein Los<strong>—<a id="_ftnref18" href="#_ftn18"><sup><strong><sup>[18]</sup></strong></sup></a> ! לַעֲזָאזֵל</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Hohepriester tritt an sie hinan — greift in die Urne — zieht für das eine das Los: <strong>לה&#8216; !</strong> für das andere das Los: <strong>לַעֲזָאזֵל !</strong> — und die Zukunft dieser beiden, in einer Zeit, auf einem Boden, in einer Richtung stehenden, ganz gleichen Wesen ist bis zum vollendetsten Gegensatz verschieden!</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das</strong> <strong>לה&#8216;</strong> <strong>Bestimmte</strong> <strong>wird</strong> <strong>geopfert</strong> <strong>—</strong> aber, sobald es geopfert, geht sein Blut ein in die Reihe der Sühne und Weihe — wird vom Gefäß des Heiligtums in Empfang genommen — wird in das Allerheiligste getragen — wird im Allerheiligsten der Bundeslade des Gesetzes, im Heiligen dem Vorhang und dem Altar sprengend geweiht und findet für diese höchsten Ziele seinen Boden im Grund des Opferaltars.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das</strong> <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> <strong>Bestimmte</strong> <strong>wird</strong> <strong>nicht</strong> <strong>geopfert</strong> <strong>—</strong> in unversehrter Lebensfülle<strong>,יַעֲמֹד חַי<a id="_ftnref19" href="#_ftn19"><sup><strong><sup>[19]</sup></strong></sup></a></strong>  bleibt es aufrecht <strong>,</strong>unangetastet, während sein ihm ganz gleicher Genosse den Opfertod leidet und alle die Wandlungen des Sühneprozesses durchgeht <strong>— .יַעֲמֹד חַי —</strong> Aber schon ist <strong>אִישׁ עִתִּי<a id="_ftnref20" href="#_ftn20"><sup><strong><sup>[20]</sup></strong></sup></a></strong> sein „Schicksalsmann“ im Voraus „bereit“. Ihm wird es — das Nichtgeopferte, — wenn seines geopferten Genossen Sühne vollbracht ist <strong>,חַי — </strong> in unversehrter Lebensfülle, übergeben — er führt es hinaus — weit hinaus — ins Freie — bergan — auf Felsenhöhe — da steht es — fernab von dem Messer, das ihm, wie dem Genossen den Opfertod gedroht — lebend, frei, hoch — da stürzt er es rücklings in den Abgrund, den es hinter seinem Rücken nicht gewahrt, und an den Felsenzacken zerschellt liegt es zertrümmert in der Tiefe —</p>

<p class="wp-block-paragraph">Sind das nicht die beiden Wege, die einem jeden von uns offenstehen? Ist das nicht die lauteste, feierlichste, eindringlichste Proklamation des großen Grundsatzes, mit welchem das ganze göttliche Gesetz und unsere Heiligung steht und fällt, des großen Grundsatzes der <strong>,בְּחִירָה<a id="_ftnref21" href="#_ftn21"><sup><strong><sup>[21]</sup></strong></sup></a></strong> der Freiheit, mit welchem einem jeden von uns die eigene Zukunft in Händen gelegt ist, mit welchem wir selber uns <strong>לה&#8216;</strong> oder <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> bestimmen?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Und wenn es dies ist, welche inhaltschwere Wahrheiten werden uns dann mit einem jeden Schritt dieser Handlung und mit jedem Satz ihrer Bestimmungen gepredigt!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Zwei Wege sind vor uns offen, der eine heißt <strong>לה&#8216;</strong> der andere<strong>  — לַעֲזָאזֵל</strong> Der Weg <strong>לה&#8216; </strong> beginnt mit Selbstopferung, mit Aufgebung aller Selbstständigkeit, mit Verzichtleistung auf jedes eigenwillige, selbstsüchtige Sein, mit freiwilliger Dahingebung eines jeden Blutstropfens, eines jeden Pulsschlages an Gott und das Heiligtum Seines Gesetzes. Es scheint ein Sterben und ist der Eingang zum ewigen Leben, es scheint ein Verlorengehen und ist der Eintritt in ein höheres, reineres, wahreres Sein, es scheint ein Verzichten und ist die Gewinnung der höchsten Güter, es scheint eine Knechtung und ist die Erringung der wahrhaftigsten Freiheit — das tierische, gebundene Leben stirbt, aber es stirbt für die Aufnahme in das Heiligtum des göttlichen Gesetzes, und vom göttlichen Gesetzesheiligtum empfangen, lernt es sich zum „Träger&#8220;, „Wahrer&#8220; und „Vollbringer&#8220; des göttlichen Willens auf Erden hinzugeben, lernt es, im Gesamtverein aller seiner Mitgenossen, alles „geistige&#8220; und „leibliche&#8220; Leben in die Vollendung zum „göttlichen Wohlgefallen&#8220; aufgehen zu lassen!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Weg <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> beginnt mit Erhaltung der Selbstständigkeit, mit Wahrung des tierischen Seins, mit starrer Verneinung aller Aufopferung und Hingebung, mit ängstlichem Meiden alles Verlierens und Sterbens, mit hartnäckiger Verleugnung aller Ansprüche eines Höheren, Heiligen, — mit spöttischem Belächeln aller derer, die, sich versagen was sie zu gewinnen, die sich versagen was sie zu genießen vermöchten, die bereit sind Güter und Kräfte, Gut und Blut hinzugeben für Zwecke, die ihnen nicht wuchern, die den Weg der scheinbaren Verkümmerung mit Entbehrung und Entsagung, mit Selbstbekämpfung und Hinopferung wandeln — — es scheint Klugheit und ist Wahnsinn, es scheint der Weg zum Leben und ist der Weg zu kläglichem Tode, es scheint der Weg zur Freiheit, zur Freude, bürgerlichem Glück und Lebensgenuss, und ist der Weg vom Heiligtum zur Wüste, von Gottes Opferungsstätte — zum Hinabsturz in die vernichtende Tiefe der Öde. Je ferner von Gottes-Heiligtum umso freier, um so höher scheint der Lebensweg zu werden; triumphierend steht der dem opfervollen Heiligtum Entronnene auf schwindelnder Höhe, schaut mit siegreichem Lächeln auf die Stätte hin, wo die „blinden&#8220; Genossen „verbluten&#8220;, und „sieht den Abgrund nicht&#8220;, der sich hinter seinem Rücken jählings öffnet und ihn im nächsten Augenblick rettungslos begräbt. (Fußnote von Rabbiner Hirsch s“l:<strong>מגיע עמו לצוק־דחפו לאחוריו והוא מתגלגל ויורד וכו&#8216;.</strong> Siehe über das Ganze: Joma 37. 39f. 62f. Für diejenigen, welche in der dem <strong>שעיר המשתלח</strong> bereiteten Katastrophe nichts als eine krasse Sühnehandlung stellvertretender Vernichtung erblicken möchten, halten wir es nicht für überflüssig hier wenigstens in der Note zu bemerken, dass nur <strong>שילוח ודחייתו לצוק ,הגרלה מעכבת</strong>  ist aber <strong>לכ״ע</strong> nur <strong>,מצוה</strong> und nicht <strong>מעכב</strong> siehe Joma 60.65.40.)</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das sind die Wege, für die wir uns alle frei zu entscheiden haben. Vor jedem steht die Urne. Bis zur Ununterscheidbarkeit gleich ist für jeden die Möglichkeit gegeben, das eine oder das andere Los sich aufzulegen. In unserer eigenen Hand liegt die Wahl. Für jeden gleich möglich der Weg<strong>לה&#8216;</strong> , der Weg<strong>לַעֲזָאזֵל</strong> . Es klage keiner sein Ansehen, keiner seine Gestalt, keiner sein Vermögensverhältnis, keiner seine Zeit, keiner seine Stellung an, wenn er den Weg <strong> לַעֲזָאזֵל</strong> gewandelt. Ob schön oder hässlich, ob groß oder klein, ob stark oder schwach, ob reich oder arm, ob in dieser oder jener Zeit lebend, ob an diesen oder jenen Ort gestellt: kein äußeres Verhältnis hat zwingende Macht den freien Willen des Menschen so oder so zu bestimmen. Mit jedem Maß der Kraft und der Schwäche, des Vermögens und Unvermögens, unter jeder Konstellation des Himmels und der Erde, wird jeder von uns in den Eingang des Heiligtums gestellt, den Blick zum Heiligtum gewandt, und beide Lose jedem in die Hand gegeben. Siehe die beiden, wovon der eine <strong>לה&#8216;</strong> der andere <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> gewandelt! Beide waren sie gleich  <strong>,<a id="_ftnref22" href="#_ftn22"><sup><strong><sup>[22]</sup></strong></sup></a>בַּמַּרְאֶה וּבַקּוֹמָה וּבַדָּמִים, וּלְקִיחָתָן כְּאֶחָת</strong> beide <a id="_ftnref23" href="#_ftn23"><sup>[23]</sup></a><strong>תּוֹךְ חֲלַל הָעֲזָרָה לִפְנֵי ה&#8216;</strong> gestellt, beide <strong>,<a id="_ftnref24" href="#_ftn24"><sup><strong><sup>[24]</sup></strong></sup></a>בְּצָפוֹן</strong> beide <strong>,<a id="_ftnref25" href="#_ftn25"><sup><strong><sup>[25]</sup></strong></sup></a>פְּנֵיהֶם לַמַּעֲרָב וְאַחֲרֵיהֶם לַמִּזְרָח</strong>  für beide lag das Los in der Urne, und zu so entgegengesetzten Zielen sind sie gelangt!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Und da klage keiner die Umstände an, das Werkzeug, das Mittel, womit er das Los sich bereitet<strong>גּוֹרָלוֹת שֶׁל כָּל דָּבָר<a id="_ftnref26" href="#_ftn26"><sup><strong><sup>[26]</sup></strong></sup></a> :</strong> gleichgültig war der Stoff, aus welchem die Lose gebildet, nur gleich sollten sie sein <strong>;שֶׁיִּהְיוּ שָׁוִין, שֶׁלֹּא יַעֲשֶׂה אֶחָד שֶׁל זָהָב וְאֶחָד שֶׁל כֶּסֶף, אֶחָד גָּדוֹל וְאֶחָד קָטָן<a id="_ftnref27" href="#_ftn27"><sup><strong><sup>[27]</sup></strong></sup></a></strong> denn mit demselben Guten, mit welchem der eine sich dem <strong>עֲזָאזֵל</strong> geweiht, hat der andere den Weg <strong>לה&#8216;</strong> gefunden!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber vor allem es klage keiner diese Möglichkeit selber an! Es klage der <strong>לה&#8216;</strong> Hinstrebende nicht über die jeden Augenblick drohende Gefahr, sich auf den Weg <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> zu verlieren, nicht über den Kampf, dem jeder siegende Fortschritt <strong>לה&#8216;</strong> abgerungen werden muss, nicht über die Versuchungen und Reize die jenseits locken! Und es klage der <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> Wandelnde den Schöpfer nicht an, dass er den Weg <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> nicht mit Dornen verhauen, dass er auch auf diesem Wege Blumen gepflanzt, dass er dem Laster den Reiz und dem Menschen die Möglichkeit zu sündigen verliehen! Siehe: <strong>אֵין גּוֹרָל קוֹבֵעַ לַעֲזָאזֵל אֶלָּא בְּדָבָר הָרָאוּי לַשֵּׁם<a id="_ftnref28" href="#_ftn28"><sup><strong><sup>[28]</sup></strong></sup></a></strong> siehe, es wäre nicht Sünde, wäre nicht die Möglichkeit zur Tugend vorhanden, aber <strong>,הַגְרָלָה מְעַכֶּבֶת<a id="_ftnref29" href="#_ftn29"><sup><strong><sup>[29]</sup></strong></sup></a></strong> es wäre auch nicht Tugend hätte das Laster keinen Reiz! Was hätte dein Wandel <strong>לה&#8216;</strong> für Bedeutung stünde dir der Weg <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> nicht offen? Ja, wäre der Wandel <strong> לה&#8216;</strong><strong>dein</strong> Wandel, wäre es <strong>dein</strong> Entschluss, <strong>dein</strong> Wille, <strong>deine</strong> Tat, wenn du mit irrelosem Trieb, tiergleich nur den einen Weg zu wandeln vermöchtest, nur in ihm Lust und Befriedigung fändest, was aber hüben und drüben blüht keinen Duft und keinen Reiz für dich hätte? Du ziehst nur das <a id="_ftnref30" href="#_ftn30"><strong><sup><strong><sup>[30]</sup></strong></sup></strong></a> <strong>גּוֹרָל לַהּ&#8216;</strong> wenn du zugleich das <strong>גּוֹרָל לַעֲזָאזֵל<a id="_ftnref31" href="#_ftn31"><sup><strong><sup>[31]</sup></strong></sup></a></strong> hättest ziehen können und der Weg <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> führt nur darum in den Abgrund, weil du in jedem Augenblick <strong>רָאוּי לַשֵּׁם<a id="_ftnref32" href="#_ftn32"><sup><strong><sup>[32]</sup></strong></sup></a></strong>  gewesen wärest <strong>— —</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">Das scheint uns ein nicht unwahrscheinliches Fragment aus der großen<strong>&#8211; יוֹם הַכִּפּוּרִים</strong>  Predigt zu sein, die der jüdische Hohepriester am großen Tag der Sühne sich und dem Volk durch die inhaltstiefen Handlungen der <strong>עֲבוֹדָה<a id="_ftnref33" href="#_ftn33"><sup><strong><sup>[33]</sup></strong></sup></a></strong> zu halten hatte. Am Tage der Sühne, an welchem wir durch einen großen Entschluss eine ganz neue Zukunft gewinnen sollen, zeigte uns dieses Fragment die beiden Wege, die uns bevorstehen und lehrte uns der Folgen gedenkend den rechten zu wählen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Verweilen wir nur noch mit Wenigem bei Betrachtung der Tiere, mit welchen dieser Teil der <strong>עֲבוֹדָה</strong> zu vollziehen war und befragen wir den Namen <strong>לַעֲזָאזֵל</strong> ob nicht vielleicht auch er uns noch eine Lehre zu bringen hätte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir werden so Gott will anderweit Gelegenheit haben, die verschiedenen für die verschiedenen Opfer bestimmten Tierarten zu betrachten und hoffen dort nachzuweisen, wie sie sämtlich verschiedene Charaktere und Beziehungen der Menschen- und der Volkspersönlichkeit ausdrücken und in genauem Verhältnis zu der besonderen Art der Persönlichkeit und deren Beziehungen stehen, die durch das jemalige Opfer zum läuternden, befestigenden, weihenden und hingebenden Bewusstsein gebracht werden sollen. Eine auch nur flüchtige Vergegenwärtigung der verschiedenen Opfer zeigt, wie das Ziegengeschlecht, insbesondere <strong>שֵׂעִיר</strong> und <strong>שְׂעִירַת עִזִּים</strong> als das für das Sünde- und Sühnopfer, <strong>חַטָּאת</strong>, als das vorzüglichst Bestimmte erscheint. Drückt nun, wie wir glauben, jedes <strong>חַטָּאת</strong> die Aufgabe aus, die hätte gelöst werden müssen wenn nicht gesündigt worden wäre, und die in Zukunft zur Lösung kommen muss, wenn für die Vergangenheit Sühne gewonnen werden soll: so dürfte das Entsprechende der <strong>עֵז<a id="_ftnref34" href="#_ftn34"><sup><strong><sup>[34]</sup></strong></sup></a></strong>  im Allgemeinen und des <strong>שֵׂעִיר <sup><a id="_ftnref35" href="#_ftn35"><strong><sup>[35]</sup></strong></a></sup></strong> insbesondere zum Ausdruck einer solchen Aufgabe einem jeden auf den ersten Blick klar sein. Gehört doch<strong>עֵז</strong> , die Ziege, im Allgemeinen zu jener Tiergruppe, <a id="_ftnref36" href="#_ftn36"><sup>[36]</sup></a> <strong>צֹאן</strong>, deren Eigentümlichkeit der Herden-Charakter bildet, die daher in der Rede und im Symbol zur Bezeichnung unserer Beziehung zu unserem Hirten, zum <strong>רוֹעֵה יִשְׂרָאֵל נוֹהֵג כַּצֹּאן</strong>  <strong>יוֹסֵף <a id="_ftnref37" href="#_ftn37"><sup><strong><sup>[37]</sup></strong></sup></a></strong> so hervortretend sich eignet. Drückt aber <strong>צֹאן</strong> im Allgemeinen unsere folgsame Hingebung an die Leitung und Führung unseres Hirten aus, so bringt <strong>עֵז</strong> diesem allgemeinen Charakter noch eine sehr bezeichnende Eigentümlichkeit. Die Ziegenart ist nur ihrem Hirten gefügig und leitsam, jedem anderen ist sie starr und störrig, und gerade diese untraktable<a id="_ftnref38" href="#_ftn38"><sup>[38]</sup></a> Widerstandsgeneigtheit bildet ihre spezifische Charakterunterscheidung von dem nach allen Seiten hin gefügigen Schaf. Sie heißt ja auch <strong>עֵז</strong> von <strong>,עָזָז</strong> die Harte, Feste, Widerstand Leistende; denn eben schwer zu überwindende Widerstandsfähigkeit ist jene Art Kraft, für welche die Radix <strong>עזז</strong> den Ausdruck bildet. In noch höherem Grade tritt dieser Charakter im<strong>שֵׂעִיר</strong>  hervor, den schon, wie sein Name, „der Haarichte<a id="_ftnref39" href="#_ftn39"><sup>[39]</sup></a>&#8222;, „Struppige&#8220;, es ausdrückt, seine äußere Erscheinung als den Abstoßenden, zum Widerstand Gerüsteten bezeichnet. Kaum lässt sich nun das Entschiedene, Ausschließliche, somit für jede Hinüberlockung in andere Bahnen Unzugängliche der von uns geforderten Hingebung an die Leitung unseres einen, einzigen „Hirten&#8220; prägnanter, als durch den <strong>שֵׂעִיר</strong> -Charakter ausdrücken, kaum treffender die Aufgabe aussprechen: Gott treu zu sein, als:<strong>! שֵׂעִיר לה&#8216;</strong>  Denn Treue setzt Festigkeit, Beharrlichkeit und eben daher Widerstand gegen Verlockung, Verführung, Entfremdung voraus. Nicht umsonst hat sich Gott das<strong>,עַם קְשֵׁה עוֹרֵף</strong>  das hartnäckigste Volk, dessen Gehorsam und Treue schwer zu gewinnen war, zu Trägern seines Gesetzes für die Erlösung der Menschheit erwählt. Dieselbe Hartnäckigkeit, die es zuerst der Leitung seines Gottes entgegenkehrte, hat es nachher in unbezwinglichem Widerstand gegen jede mit allen Schrecken des Todes und allen Süßigkeiten des Lohnes gerüstete Verführung in einem tausendjährigen Märtyrergang sondergleichen glänzend bewährt. Nur das hartnäckigste Volk konnte solche Proben der Treue bestehen. Und nur die Feuerkraft des göttlichen Gesetzes konnte das hartnäckigste zu solcher Treue umwandeln. Das hat schon die Weisheit der Weisen gelehrt:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>תנא משמיה דרבי מאיר מפני מה ניתנה תורה לישראל מפני שהן עזין שנאמר מימינו אש דת למו תנא דבי רבי ישמעאל ראוין הללו שניתן להן דת אש. ואיבעית אימא דתיהן של אלו אש היא שאלמלא לא ניתנה תורה לישראל אין כל בריה יכולה לעמוד מפניהם היינו דאמר ריש לקיש שלשה עזין הן ישראל באומות כלב בחיות תרנגול בעופות שור בבהמה במתניתא תנא עז בבהמה דקה ויש אומרים אף עלף באילנות (ביצה כה׳ב. כפי גירס&#8216; הילקוט .)</strong> (Original Hirsch)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong> תָּנָא מִשְּׁמֵיהּ דְּרַבִּי מֵאִיר: מִפְּנֵי מַה נִּתְּנָה תּוֹרָה לְיִשְׂרָאֵל? מִפְּנֵי שֶׁעַזִּין הֵן. שֶׁנֶּאֱמַר:</strong> <strong>(דברים לג)</strong> <strong>&#8222;מִימִינוֹ אֵשׁ דָּת לָמוֹ&#8220; תָנָא דְּבֵי רַבִּי יִשְׁמָעֵאל</strong> <strong>: &#8222;מִימִינוֹ, אֵשׁ דָּת לָמוֹ&#8220;, רְאוּיִין הַלָּלוּ לִתֵּן לָהֶם דָּת שֶׁל אֵשׁ. ואיבעית אימא דָּתֵיהֶן שֶׁל אֵלּוּ, אֵשׁ, שֶׁאִלְמָלֵא (לא) נִתְּנָה תּוֹרָה לְיִשְׂרָאֵל, אֵין כָּל (בריה) [אֻמָּה וְלָשׁוֹן] יְכוֹלָה לַעֲמֹד בִּפְנֵיהֶם. הַיְנוּ דְּאָמַר רַבִּי שִׁמְעוֹן בֶּן לָקִישׁ: שְׁלֹשָׁה עַזִּין הֵן; יִשְׂרָאֵל בָּאֻמּוֹת. כֶּלֶב בַּחַיּוֹת. תַּרְנְגוֹל בָּעוֹפוֹת. שור בבהמה בְּמַתְנִיתָא תָּנָא: אַף עֵז בִּבְהֵמָה דַּקָּה. וְיֵשׁ אוֹמְרִים: אַף צָלָף בָּאִילָנוֹת.</strong> (<a id="_ftnref40" href="#_ftn40"><sup><strong><sup>[40]</sup></strong></sup></a>(<strong>Ein Yaakov, Beizah 3,3</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">Nichts entsprechender daher zur Bezeichnung der Festigkeit, die der Sünde hätte Widerstand leisten sollen, so wie der Festigkeit, die die in Zukunft zu bewährende reine Treue zu betätigen haben wird, als <strong>שֵׂעִיר</strong> zum <strong>.חַטָּאת</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">Wie es aber einen <strong>שֵׂעִיר לה&#8216;</strong> gibt, so gibt es auch einen <strong>.שֵׂעִיר לַעֲזָאזֵל</strong> Es kommt auf das Ziel an, dem wir unsere beharrende Festigkeit zuwenden. Konsequenz, so nennen wir ja gemeinhin die sich immer gleichbleibende Beharrlichkeit, das feste Ausharren in dem begonnenen Weg, Konsequenz ist gut und schlecht, je nachdem der Weg ist in welchem, und das Prinzip ist, bei welchem sie beharrt. Konsequenz in Gutem ist<strong>שֵׂעִיר לה&#8216;</strong> , Konsequenz in Schlechtem ist<strong>— שֵׂעִיר לַעֲזָאזֵל</strong>  bezeichnet vielleicht <strong>=</strong> <strong>:עֲזָאזֵל</strong> die verwerfliche Festigkeit, die verwerfliche Beharrlichkeit, die verwerfliche Konsequenz, die Starrheit, die <strong>,עֵז</strong> die <strong>,אָזַל<a id="_ftnref41" href="#_ftn41"><sup><strong><sup>[41]</sup></strong></sup></a></strong> die weichen muss, die keine Stätte findet, weder im Heiligtum noch in der bürgerlichen Gesellschaft, die in die Wüste zu verweisen ist, und in ihrem letzten Ziel auch dorthin gelangt und da ihren Untergang findet?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls sind wir am <strong>יוֹם הַכִּפּוּרִים</strong> zwischen diese beide <strong>שְׂעִירִים</strong> gestellt. Glücklich, wer sich für den rechten entscheidet, glücklich wer sich im Geiste dem hohepriesterlichen Bekenntnis anschließt, „dass wir gefehlt, dass wir gesündigt, dass wir gefrevelt&#8220;, und mit ihm jeden seiner Fehler, jede seiner Sünden und was immer er gefrevelt auf das Haupt des <strong>שָׂעִיר הַמִּשְׁתַּלֵּחַ<a id="_ftnref42" href="#_ftn42"><sup><strong><sup>[42]</sup></strong></sup></a></strong> mit dem Bewusstsein niederlegt, dass der größte Fluch der Sünde die Beharrlichkeit im Sündigen, der Wahn ist, fortsündigen zu müssen weil man einmal gesündigt; glücklich, wer es begreift, dass nicht der kleinste Leichtsinn, der kleinste Mutwille, der kleinste Frevel gleichgültig ist, dass das kleinste Unrecht, so wir darin verharren, uns unfehlbar dem Heiligtum, der bürgerlichen Gesellschaft entfremdet, uns isolierend in die Wüste führt, und wie scheinbar frisch und froh wir auch auf dem Weg der Sünde emporkommen, hinter jeder, Gott, seinem Heiligtum und seinem heiligen Gesetz entfremdeten Größe der Abgrund lauert, der uns jählings begräbt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Glücklich, wer mit der ganzen Festigkeit seines Charakters sich Gott und seinem heiligen Gesetz hingibt, wer am <strong>יוֹם הַכִּפּוּרִים</strong> die<strong>-שֵׂעִיר</strong> gleiche Festigkeit gewinnt, nicht eine andächtige Zähre<a id="_ftnref43" href="#_ftn43"><sup>[43]</sup></a>, eine Träne der Zerknirschung in nur vorüberrauschender Erregung seinem Gott zuzuweinen, sondern im Anblick Gottes den männlichen Entschluss zu gewinnen weiß: fortan bin ich dein, dein mit der ganzen Festigkeit meines Willens, dein mit der ganzen Beharrlichkeit meiner Kraft, dein mit jedem Pulsschlag meines Herzens, unzugänglich wie der <strong>שֵׂעִיר</strong> für alles andere, was nicht du bist, was nicht dein Wille ist, was nicht in deinem Namen mich aufruft und deiner heiligen Nähe mich näher bringt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Glücklich, wer für das <strong>גּוֹרָל ה&#8216;</strong> sich entscheidet, wie viel Hingebung, Hinopferung auch sofort an der Schwelle dieses Weges ihn empfängt. Glücklich, wer mit beharrlichem Entschluss sein Blut dem Heiligtum seines Gottes hingibt, und jeden Pulsschlag seines Herzens weiht, Mitträger seines heiligen Gesetzes, Mitbeschützer seines heiligen Gesetzes und vor allem Mitvollbringer dieses heiligen Gesetzes zu sein, das unser ganzes geistiges und leibliches Dasein zu einem Opferduft göttlichen Wohlgefallens verklärt, und für dieses eine einzige Ziel die ganze Summe seiner Lebenskraft auf den Boden des göttlichen Altares stellt, auf welchem täglich und stündlich das Sinai-Feuer des göttlichen Gesetzes leuchtet und unserer unausgesetzten Läuterung und Hingebung wartet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ihm wird der <a id="_ftnref44" href="#_ftn44"><sup>[44]</sup></a><strong>יוֹם כִּפּוּר</strong> ein <a id="_ftnref45" href="#_ftn45"><sup>[45]</sup></a><strong>יוֹם הַכִּפּוּרִים</strong> sein, ihm wird Gott sein <strong>&#8222;<a id="_ftnref46" href="#_ftn46"><sup><strong><sup>[46]</sup></strong></sup></a>סָלַחְתִּי!&#8220;</strong> sprechen, und wie er aufs Neue mit den wiedergewonnenen Tafeln seines Gesetzes vor ihm gestanden, und mit unverbrüchlicher Treue den alten Bund aufs neue geschlossen, so wird er ihm für die Lösung dieser Treue, für die Erfüllung dieses Bundes sein bescheidenes Plätzchen auf Erden umfriedigen, auf welchem das Vertrauen die „gottgeschützte Hütte&#8220; des Lebens erbaut und die „gottgewährten Güter&#8220; des Daseins genießt.</p>
<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity" />
<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn1" href="#_ftnref1">[1]</a> Ein Fragment aus dem Tempeldienst am Jom Kippur</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn2" href="#_ftnref2">[2]</a> Schofarton – Umkehr – Vergebung – Freude; Schofarton schon im Elul – Umkehr zu Rosch Ha´Schana – Vergebung zu Jom Kippur – Freude zum Laubhüttenfest</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn3" href="#_ftnref3">[3]</a> Abschlussfest nach Sukkoth</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn4" href="#_ftnref4">[4]</a> Simchat Thora</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn5" href="#_ftnref5">[5]</a> <strong>יוֹם</strong> <strong>הַזִּכָּרוֹן</strong> und <strong>יוֹם</strong> <strong>תְּרוּעָה</strong> sind Bezeichnungen für Rosch Haschana</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn6" href="#_ftnref6">[6]</a> Die priesterlichen Handlungen im Tempel</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn7" href="#_ftnref7">[7]</a> Im übertragenen Sinn ist das Tierblut das „Blut“ des Volkes</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn8" href="#_ftnref8">[8]</a> Zwischen den Stangen der Bundeslade, auf den Deckel der Bundeslade</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn9" href="#_ftnref9">[9]</a> An den Vorhang zwischen dem Allerheiligsten und dem Heiligsten</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn10" href="#_ftnref10">[10]</a> Das Blut des Opferstieres und des Ziegenbockes wurden vermengt und auf den goldenen Altar gesprengt.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn11" href="#_ftnref11">[11]</a> Der goldene Altar (Räucheraltar)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn12" href="#_ftnref12">[12]</a> …. wie es im Tempel durch den goldenen Altar, den Schaubrodtisch und den siebenarmigen Leuchter ….</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn13" href="#_ftnref13">[13]</a> Ziegenböcke</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn14" href="#_ftnref14">[14]</a> Siehe Levitikus 16:5-22</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn15" href="#_ftnref15">[15]</a> Nordseite</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn16" href="#_ftnref16">[16]</a> Mischna Yoma 6:1</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn17" href="#_ftnref17">[17]</a> ebenda</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn18" href="#_ftnref18">[18]</a> Ein Los zu Gott, ein Los zu Asasel (zu Asasel siehe w.u.)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn19" href="#_ftnref19">[19]</a> Bleibt es am Leben</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn20" href="#_ftnref20">[20]</a> Levitikus 16:21</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn21" href="#_ftnref21">[21]</a> Wahlfreiheit</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn22" href="#_ftnref22">[22]</a> Mishna Yoma 62a:8; DIE BEIDEN BÖCKE DES VERSÖHNUNGSTAGES SOLLEN GEBOTSMÄSSIG EINANDER GLEICHEN IN IHREM AUSSEHEN, IHREM WUCHSE UND IHREM PREISE (Übersetzung L. Goldschmidt)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn23" href="#_ftnref23">[23]</a> Im inneren Hofbereich gegenüber Gott gestellt</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn24" href="#_ftnref24">[24]</a> Im nördlichen Bereich</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn25" href="#_ftnref25">[25]</a> Die Vorderteile nach Westen und die Hinterteile nach Osten ausgerichtet</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn26" href="#_ftnref26">[26]</a> Voraus sollten die Lose sein?</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn27" href="#_ftnref27">[27]</a> Sie müssen beide egal sein; man darf nicht eines aus Gold und das andere aus Silber oder eines groß und das andere klein machen. (Übersetzung L. Goldschmidt)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn28" href="#_ftnref28">[28]</a> Chullin 11b; so ist ja das Los nur dann für A͑zazel bestimmend, wenn auch das für den Herrn bestimmte verwendbar ist.(Übersetzung L. Goldschmidt)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn29" href="#_ftnref29">[29]</a> Von der Auslosung hängt es ab</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn30" href="#_ftnref30">[30]</a> Los für Gott</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn31" href="#_ftnref31">[31]</a> Los für Asasel</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn32" href="#_ftnref32">[32]</a> Gott würdig</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn33" href="#_ftnref33">[33]</a> Siehe Fußnote 3</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn34" href="#_ftnref34">[34]</a> Die Ziege</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn35" href="#_ftnref35">[35]</a> Der Ziegenbock</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn36" href="#_ftnref36">[36]</a> Herdentier (Kleintierherde: Schafe, Ziegen im Gegensatz zu <strong>בקר</strong> Großtierherde: Rinder</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn37" href="#_ftnref37">[37]</a> Aus Psalm 80:2; Hirte Israels, der Du wie eine Herde Josef (Israel) führtest</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn38" href="#_ftnref38">[38]</a> schwer zu handhaben</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn39" href="#_ftnref39">[39]</a> <strong>שֵׂעִיר</strong> Verwandt mit <strong>שֵׂעַר</strong> = Haar</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn40" href="#_ftnref40">[40]</a> Im Namen von R. Meir wurde gelehrt: „Warum wurde Israel das Gesetz gegeben? Weil sie (Israel) ungestüm sind (schwer zu bezwingen), wie es heißt (5. Mose 33,2): ‚Aus seiner Rechten gab Er ihnen ein feuriges Gesetz‘; und im Lehrhaus des R. Ismael wurde dies folgendermaßen erklärt: ‚Aus seiner Rechten gab Er ihnen ein feuriges Gesetz‘ – das heißt: ‚Die Israeliten verdienten es aufgrund ihres ungestümen Wesens, dass ihnen ein feuriges Gesetz gegeben wurde.‘“ Anderen zufolge: „Die Art und Weise dieses Volkes gleicht dem Feuer; wäre ihnen ein solches Gesetz nicht gegeben worden, hätte kein Geschöpf ihnen standhalten können.“ Und dies entspricht dem, was R. Simeon ben Lakisch sagte: „Das kühnste aller Völker ist Israel.“</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn41" href="#_ftnref41">[41]</a> Die Verlorengegangene (die verlorengegangene Ziege: <strong>עז אזל</strong>)</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn42" href="#_ftnref42">[42]</a> Des fortzuschickenden Ziegenbockes</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn43" href="#_ftnref43">[43]</a> Träne</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn44" href="#_ftnref44">[44]</a> Der Tag der Sühne</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn45" href="#_ftnref45">[45]</a> Versöhnungstag</p>

<p class="wp-block-paragraph"><a id="_ftn46" href="#_ftnref46">[46]</a> Ich vergebe dir</p>
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		<title>Magazin für den Monat Tischri 5787</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-tischri-5787/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 09:00:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-tischri-5787/">Magazin für den Monat Tischri 5787</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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<div class="_df_book df-lite" id="df_5672"  _slug="magazin-tischri-5787" data-title="magazin-tischri-5787" wpoptions="true" thumbtype="" ></div><script class="df-shortcode-script" nowprocket type="application/javascript">window.option_df_5672 = {"outline":[],"autoEnableOutline":"false","autoEnableThumbnail":"false","overwritePDFOutline":"false","direction":"1","pageSize":"0","source":"https:\/\/hirschinitiative.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Magazin-Tischri-5787.pdf","wpOptions":"true"}; if(window.DFLIP && window.DFLIP.parseBooks){window.DFLIP.parseBooks();}</script>
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		<title>Willkommen zur 12. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-12-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 09:02:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Willkommen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>für den Monat Elul 5786 Wir nähern uns den „Hohen Feiertagen“. Der Monat Elul soll uns darauf vorbereiten. Deswegen wird nach dem Morgengottesdienst, ab dem 1. Elul das Schofar geblasen. Was hat es damit auf sich. Dieser Frage geht Herr Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l in seinem Monatsblatt nach.Das Monatsblatt für den Monat Elul finden [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-12-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/">Willkommen zur 12. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2022/08/image.png" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist image.png"/></figure>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>für den Monat Elul 5786</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir nähern uns den „Hohen Feiertagen“. Der Monat Elul soll uns darauf vorbereiten. Deswegen wird nach dem Morgengottesdienst, ab dem 1. Elul das Schofar geblasen. Was hat es damit auf sich. Dieser Frage geht Herr Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l in seinem Monatsblatt nach.<br><strong>Das Monatsblatt für den Monat Elul finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/elul-5786/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Artikel über die Einwanderung aus Deutschland und Holland vor dem 2. Weltkrieg gibt uns einen Einblick in die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen im damaligen Palästina. Fritz Fraenkel hat damals in Palästina gelebt und hat recherchiert.<br><strong>Den Artikel „Deutsche Juden im Alten Jeschuw“ finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/deutsche-juden-im-alten-jischuw/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinderecke darf nicht fehlen. Gleich zwei Geschichten nicht nur für unsere Jüngsten.<br><strong>Die Kinderecke finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-elul-5786/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das komplette Magazin für diesen Monat, auch zum herunterladen, steht wieder für Sie bereit.<br><strong>Das Magazin für den Monat Elul finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-elul-5786/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-12-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/">Willkommen zur 12. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Elul 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-elul-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 08:49:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Lehre zur rechten Zeit. Von Heinrich Einstädter. Diese Kinderecke erschien als Feuilleton-Beilage in der Zeitschrift „Der Israelit“ am 22.09.1921. Der Autor, Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Lehre zur rechten Zeit.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Von Heinrich Einstädter.</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diese Kinderecke erschien als Feuilleton-Beilage in der Zeitschrift „Der Israelit“ am 22.09.1921.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Autor, Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter Verlagen wie Kauffmann oder Sänger &amp; Friedberg.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Darüber hinaus verfasste er regelmäßig pädagogische und religiöse Beiträge für jüdische Zeitschriften und Periodika, wie etwa Essays zur Gestaltung von jüdischen Feiertagen und Trauertagen (z. B. über die jüdische Trauerzeit im Monat Aw) im familiären Umfeld.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Nach 1935 verliert sich seine Spur in den öffentlich zugänglichen Publikationsorganen. Mit dem Schulbesuchsverbot für jüdische Kinder im Juni 1942 und der systematischen Schließung und Liquidierung aller jüdischen Schulen und Verlage durch die Nationalsozialisten endete auch das gedruckte Erbe seiner pädagogischen Arbeit in Deutschland.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526408">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526408</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bankier Hamm genießt mit seiner Familie die schönen Augusttage in einem Badeort. Da keiner seiner Angehörigen krank und kurbedürftig ist, sind sie in der Lage, fast ihre volle Zeit zum Aufenthalt im Freien zu verwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An einem Nachmittag wandern sie nach einem der vielen reizvollen Ausflugsorte, die das Bad um­geben. Hamm, der während des ganzen Jahres von seinem Geschäft so in Anspruch genommen wird, dass er sich seiner Familie nur recht wenig widmen kann, benutzt die Wochen der Erholung gern dazu, im engen Verkehr mit seinen Kindern das nachzuholen, was er nur ungern versäumt hat. Er plaudert munter mit ihnen, beteiligt sich an manchem ihrer fröhlichen Spiele, beantwortet ohne Ungeduld ihre zahlreichen Fragen und freut sich, Gelegenheit zu haben, ihre Eigenarten, ihre Wünsche und ihre Fähigkeiten kennen zu lernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber manches, was er an ihnen beobachtet, muss er bemängeln. Seine Kinder sprechen viel zu oft vom lieben Gott! Von ihm glauben sie, dass er ihnen alles Gute schickt. Ihm vertrauen sie, dass er sie und alle braven Menschen in seinen Schutz nimmt. Alle ihre kindlichen Hoffnungen und Befürchtungen bringen sie in Verbindung mit Gott.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das haben sie sicher von der Mutter und aus der Schule&#8220;, denkt Hamm, und er nimmt sich vor, bei er ersten Gelegenheit dem Einhalt zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er erinnert sich noch der Armut, unter der er in seiner Jugend gelitten, und wie er sich mit Fleiß und zäher Ausdauer aus ihr emporgerungen hat. „Was ich bin, das bin ich durch mich selbst geworden&#8220;, spricht er, „und meine Kinder sollen auch lernen, sich nur auf ihre eigene Kraft zu verlassen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Sinne spricht Hamm mit seiner Frau und dem Kinderfräulein, als sie an einem Nachmittag im Garten einer feinen Wirtschaft am Kaffeetisch sitzen. Der Garten liegt auf einer Anhöhe. Man überblickt von ihm aus einen hübschen Wiesengrund, den die Eisenbahn durchzieht, und über diesem hinweg sanft aufsteigende Höhen, die von schattigen Wal­dungen bekleidet und von einem stolzen Schloss ge­krönt werden. Die Kinder ergötzen sich an der Schaukel, die nebst einigen Turngeräten in einer Ecke des weitläufigen Gartens angebracht ist, indes die Er­wachsenen an einem der Tische ernste Aussprache pflegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Hamm ist unangenehm berührt von dem, was ihr Gatte äußert. Sie gehört ja nicht zu jenen Menschen, die am liebsten müßig in den Tag leben und Gott alles überlassen wollen. Nein, sie selbst nimmt ihre Pflichten sehr ernst und besitze auch große Achtung vor der geschäftlichen Tüchtigkeit und dem unermüdlichen Fleiß ihres Mannes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß&#8220;, spricht sie langsam, „dass man sich auf Wunder nicht verlassen darf. Aber ich bin davon überzeugt, dass täglich welche geschehen. Nicht auf na­türliche Weise können wir uns erhalten und mannig­fachen Gefahren entgehen, die unser Leben stets be­drohen. Das habe ich schon so oft erfahren. Man scheut sich, darüber zu sprechen. Aber meinen Kindern möchte ich gern das Gottvertrauen weitergeben, das ich daraus geschöpft habe.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hamm hat aufmerksam seiner Gattin zugehört. Seine Tätigkeit hat ihm bisher noch Zeit gelassen, die Vorkommnisse des Lebens nach dieser Seite hin zu prüfen. Ernst und sinnend schickt er seinen Blick in die Weite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch plötzlich springt er empor. Seine Augen schei­nen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Ein Zittern läuft durch seinen ganzen Körper. Erschreckt folgen die andern seinem Blick. Ein Schrei entflieht ihrem Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort unten jagt ihr kleiner Paul einem Schmetter­ling nach und will ihm über das Bahngeleise folgen, ohne zu bemerken, dass soeben der Eisenbahnzug naht. Er achtet nicht der Rufe oder hört sie nicht. Nur ein paar Meter trennen ihn noch von den Schienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sieh! Ein Stein liegt ihm im Weg. Er schaut nur auf den Schmetterling und fällt. Bevor er sich wieder erhoben hat, ist der Zug an ihm vorbeigebraust.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weinend kehrt er zurück. Seine Eltern kommen ihm schon entgegen und umarmen ihn unter Tränen. Staunend schaut das Kind, das die Gefahr gar nicht begriffen hat, von einem zum anderen, und sagt endlich:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, so weh hat&#8217;s gar nicht getan.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber hast du denn nicht gesehen, dass du fast überfahren worden wärst? Wir haben Todesangst ausgestanden!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da lächelt der Knabe:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Habt ihr denn gar nicht an den lieben Gott ge­dacht?&#8220;</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die alte Tefilloh<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a>.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Aus Hermann Schwabs „Kinderträume“</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die „Kinderträume“ von Hermann Schwab erschienen 1911. Die Kurzbiografie von Hermann Schwab habe ich dieser Erzählung angehängt.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/pagetext/4689961">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/pagetext/4689961</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mutter, sieh &#8218;mal die alte Tefilloh<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>“, rief der kleine Max, „sieh &#8218;mal, wie verstaubt und zerrissen sie ist; auf der Bodenkammer, unter altem Gerümpel, habe ich sie gefunden; wem mag die wohl schon gehört haben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Küsse sie doch,&#8220; sagte die Mutter; „denn es schmerzt sie, wenn sie gefallen, gerade wie dich; und wie dein Schmerz vorbei ist, wenn ich dich küsse, so ist’s auch mit dem ihren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da küsste Max in scheuer Ehrfurcht die alte Tefilloh, und plötzlich — er er­schrak und fuhr bestürzt zurück — begannen die zerfetzten Blätter eigen­tümlich zu rascheln, zu flüstern und schließlich zu sprechen. Müde und traurig kamen die Worte aus den Blättern hervor; zuerst ganz leise und langsam, dann laut und deutlich und schließlich beinahe froh! Es war, als ob ein Mensch, der lange hatte schweigen müssen, endlich einen anderen Menschen trifft, dem er von sich und seinem Weh erzählen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ungefähr so mag die alte Tefilloh gesprochen haben: „Mein liebes Kind! Seit vielen Jahren lag ich vergessen und allein in der dunklen Kammer; niemand dachte noch meiner, und wenn Du mich nicht gefunden hättest, wer weiß, ob ich jemals wieder ans Tages­licht gekommen wäre; und dabei sehn­te ich mich doch so sehr nach dem Sonnenschein am Himmel und den strahlenden Kinderaugen auf der Erde. Und weil Du Dich meiner liebevoll an­nahmst, und weil Du mich küsstest, trotz meines hässlichen Aussehens, drum will ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir von meinem Lehen erzählen; Du sollst alles wissen, bis zu dem Tage, da mich lieblose Hände in die Trödelkammer brachten und man meiner vergaß.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tefilloh hielt einen Augenblick im Sprechen inne, als ob sie sich besinnen wollte; dann begann sie mit ihrer Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es mögen wohl fünfzig Jahre her sein, dass ich in einer kleinen Druckerei entstanden bin; ich kam allein aus der Presse und freute mich meines schönen schwarzen Druckes, der sich von dem weißen glänzenden Papier so deutlich abhob; und als ich noch einen Einband aus rotem Plüsch mit silberbeschlagenen Ecken bekam, fing ich an, beinahe stolz zu werden. Meine Kameraden, die kein so prächtiges Kleid bekamen, beneideten mich, aber nur im Stillen; mir selbst machten sie Komplimente und erzählten mir immer aufs Neue wie schön ich sei. In der Werkstatt gab es mancherlei Bücher, große und kleine und auch ganz große, vor denen wir Kleinen uns fast fürchteten, denn die waren nicht allein groß, sondern auch klug. Sie sprachen sehr wenig mit uns, und wir waren stets froh, wenn wir aus ihrer Nähe kamen. Ich sollte nicht lange bei ihnen bleiben; ein Bräutigam mit lachendem Mund und strahlenden Augen kaufte mich nach ein paar Tagen und brachte mich seiner Braut, einem schönen Mädchen mit blauen Augen. „Vielen, vielen Dank“, sagte sie und bewunderte mich von allen Seiten: den Einband, das Papier mit dem goldenen Schnitt, den Druck und dann die silbernen Ecken; aber sie spiegelte sich nicht darin, wie die ande­ren alle, denn sie wusste, dass sie schön sei, und der Spiegel brauchte es ihr nicht zu sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am anderen Tage war die Hochzeit, und vor der Trauung betete die Braut in mir; ich wurde sehr ernst gestimmt, und als die blauen Augen sich mit Trä­nen füllen wollten, da hatte auch ich beinahe zu weinen begonnen. — Dann kam die Trauung und das Hochzeitsmahl, und alles sah und hörte ich. Das waren schöne Stunden, die ich nie ver­gessen werde. Bei der Tafel gab es Musik, es wurden Reden gehalten und Lieder gesungen, und der ganze Saal erglänzte im Schein unzähliger Lichter. Die Gläser klangen zusammen, so hell wie kleine Silberglöckchen, und man stieß mit ihnen an auf das Wohl des Brautpaares.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich aus der dunklen Kiste, in der man mich nach der Hochzeit ein­gepackt hatte, wieder ans Tageslicht kam, fand ich mich in einem schönen Zimmer. Ich erhielt einen Ehrenplatz im Bücherschrank, und wenn Gäste kamen, wurde ich häufig hervorgeholt und gezeigt. Dreimal des Tages nahm mich die junge Frau zur Hand und nach kurzer Zeit wusste ich schon, was sie beten wollte und schlug ihr die Stelle auf; und dann freute sie sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Wochen und Monate waren vergangen, als es im stillen Hause lebendig ward. Ein kleiner Knabe war angekommen. Er ward größer und grösser, ich sah wie er sprechen und gehen lernte, wie er lachte und spielte, und wie glücklich seine Eltern mit ihm waren. Als er sechs Jahre alt war, lernte er lesen; wenn es zuerst auch langsam ging, in kurzer Zeit wurden aus den Buchstaben Worte, aus den Worten Sätze, und schließlich konnte er es. Außer ihm waren noch zwei Knaben und ein Mädchen zu uns gekommen, die fröhlich im Hause herumtollten; es waren gute Kinder, aber von mir bekamen sie nichts zu sehen, denn meine schöne Samthülle hatte im Laufe der Jahre schon sehr gelitten, und die Mutter wollte mich gern schonen. So führte ich ein stilles Leben, und ich muss gestehen, dass mir das auf die Dauer nicht behagte. Ich dachte oft daran, dass doch jeder im Leben Freunde und Genossen findet, während ich allein stand, wie alle Großen, die höher gestellt sind als ihre Brüder. Ja, es gab Stunden, in denen ich meine geringen Kollegen benei­dete; die standen mitten im Leben, wurden zur Schule und zum Gottes­haus hinausgetragen, lernten Welt und Menschen kennen, während ich zu Hause bleiben musste. Aber dann freute ich mich wieder des Vertrauens und der Freundschaft, die man mir schenkte, denn auf der Rückseite meines Titel­blattes hatte die Hausfrau all das auf­geschrieben, was ihr das Wichtigste im Leben war. Da standen die Geburtstage ihrer vier Kinder; da stand auch der Geburts- und Todestag eines fünften Kindes, das nur wenige Jahre alt ge­worden war. Es hatte blonde Haare und blaue Augen gehabt, wie die Mutter, und der liebe Gott hatte es zu sich ge­nommen, ein Engel im Himmel zu wer­den. Da standen ferner die Sterbetage ihrer Eltern, da stand ihr Hochzeitstag und der ihrer Geschwister und manch anderes, was ich inzwischen vergessen habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So blieb ich ruhig in meinem Schrank, bis mein eintöniges Leben eines Tages unterbrochen werden sollte. Ich kam zu einem Buchbinder, um mein schönes Aus­sehen von Neuem zu erhalten, und machte unter dem Arm des kleinen Martin — das war der Name des klein­sten Jungen im Hause — einen großen Weg durch die Straßen der Stadt. Der Buchbinder war ein roher Mann, der mich nicht so sanft anfasste, wie ich es gewohnt war; er riss mir den Samteinband mit den Silberbeschlägen und das Titelblatt ab, bestrich mich mit hässlich riechendem Kleister und legte mich zum Trocknen unter eine Presse. Da lag ich nun zusammen mit manchem Kollegen und langweilte mich; die Presse drückte mich fürchterlich, so dass mir schon nach wenigen Stunden angst und bange wurde. Einen Tag und eine Nacht mochte ich wohl so zugebracht haben, als mich der Buchbinder von meinen Qualen befreite, und daran ging, mich wieder einzubinden. Jedoch, was musste ich erleben! Entweder hatte er meine vornehme Herkunft vergessen, oder er verwechselte mich mit einer anderen Tefilloh, denn ich bekam weder meinen alten Einband noch mein Titelblatt zu­rück, sondern wurde in gewöhnliche Pappe gesteckt, wie alle anderen. Ich raschelte unwillig mit meinen Blättern, ich schlug die Seiten um, die er gerade haben wollte, ich entzog mich immer wieder seinen Fingern, aber es nützte alles nichts. Er hielt mich eisenfest und legte mich nochmals unter die Presse, sodass ich mich nicht rühren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und nun kam das Schlimmste! Ich blinzelte unter der Presse hervor und musste mit ansehen, wie der Meister eine ganz fremde Tefilloh in meinen alten Einband hineinpasste, und ich glaubte damals, dass dies die größte Enttäuschung sei, die mir das Leben jemals bringen könne. Aber ändern konnte ich nichts daran, und musste schweigen; auch dann als nach einigen Tagen unser kleiner Martin in die Werkstatt des Buchbinders kam, um mich abzuholen. Wie aber nun der Meister die fremde Teffilloh in mei­nen alten Einband für den kleinen Jun­gen einzupacken begann, da konnte ich nicht länger an mich halten, und sprang mit Gepolter von dem Büchergestell auf die Erde herab. „Oh“, sagte der kleine Martin, „da ist ja eine Teffilloh gefallen“ hob mich auf und küsste mich. Der liebe kleine Kerl, wie hatte ich ihn so gern, und wie wohl tat mir sein Kuss. Es war ein Abschiedskuss wie ihn sich Freunde geben, wenn sie auseinander gehen, und ich wusste ja, dass ich ihn nie wieder­sehen würde. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich nun mehrere Wochen auf meinem Regal stand, ging mit mir eine große und heilsame Ver­änderung vor. Ich hatte Zeit, über mich nachzudenken, und da merkte ich, dass ich eigentlich recht hochmütig und albern sei; bis jetzt hatte ich nur auf mein schönes Kleid geachtet und hatte nie daran gedacht, dass dies Kleid doch nichts, als die Hülle sei, in der so viel des Schönen und Guten verborgen läge. Und als ich mir darüber klar geworden, da hatte die Sehnsucht nach meiner früheren Schönheit ein Ende; ja, ich freute mich jetzt, dass ich in die Werk­statt des Buchbinders gekommen war, und versprach es mir, von nun an ver­ständiger und besser zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Meister hatte mich zum Ver­kauf ausgelegt, und eines Tages kam ein herumziehender Hausierer vorüber, der mich für billiges Geld erstand. Mein neuer Herr war ein armer Mann; wie ich bald beobachten konnte, war er die ganze Woche unterwegs, um seine Waren zu verkaufen, und nur am Schabbos<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> zu Hause. Er wanderte von einem Dorf zum anderen; mochte die Sonne noch so heiß herunterbrennen, oder ein weißes Schneetuch alles be­decken, oder der Regen in Strömen herabgießen, er zog munter weiter. Ich lag zuoberst in seinem Korb, den er stets auf dem Rücken trug, und dieser Rücken tat mir leid, denn er war krumm geworden von dem schweren Packen, den er schleppen musste. Des Hausierers Mühe war groß. Ich war Zeuge von den vielen Widerwärtigkeiten, die ihm sein Beruf brachte; ich hörte mit Mitleid, wie die Leute ihn ver­spotteten und ihm auf der Straße „Jud“ nachriefen, aber er ließ sich nicht entmutigen. Wusste er doch, dass man ihm mit diesem Namen eine große Ehre antat, und dass die Geschichte seines Volkes die älteste und wunder­barste aller Völker sei. —Auf unseren Wanderungen lernte ich Welt und Men­schen kennen und sammelte manche Erfahrung. Ich kam in die Gesellschaft guter und böser Leute; ich hörte kluge Menschen sprechen und törichte, und ich lernte von beiden: von den Klugen, was man zu sagen habe, und von den Dummen, was man ver­schweigen soll. Weichherzige und harte Menschen sah ich, Geizhälse und Ver­schwender, und ich sah, dass so viele nur an sich und ihr eigenes Wohl dachten, aber ich traf auch Menschen mit großen und guten Herzen, die stets für andere sorgten und erst zu­letzt für sich. Ja, das waren meine Wanderjahre, an die ich gern denke, obgleich sie beschwerlich und mühevoll waren. Ein jeder muss wandern, in der Welt sich umschauen, und Menschen und Dinge kennen lernen und das, was ihm Not tut. — Wie ich bereits er­zählte, kam mein Herr an jedem Schabbos von der Wanderschaft zurück, und da sah ich auch sein Heim, seine Frau und seine Kinder. Es war ein bescheidenes Heim, aber dennoch, die Freitagabende und besonders die der Wintermonate werde ich nimmer vergessen. Im kleinen Wohnzimmer stand dann der Tisch mit weißem Linnen bedeckt; es war nicht aus der besten Leinwand gefertigt, aber es glänzte von Sauber­keit und spiegelte beinahe den hellen Schein der siebenarmigen Schabboslampe wider, die von der niederen Decke herabhing. Die alte Wanduhr tickte leise, im kleinen Ofen brannte ein behagliches Feuer, und der Frost malte Eisblumen an die Fenster. Es war so still und friedlich in dem kleinen Zimmer, und die Augen des Hausierers und seiner Frau leuchteten. Wenn die bescheidene Mahlzeit vorüber war, dann wurde ich von einem der Kinder herbei­geholt, und dann sangen sie alle die Smiraus<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>, die am Freitagabend den Schabbos begrüßen; der Schabbos ist ja der Freund des Menschen; er kommt ungerufen zu ihnen; die Freude bringt er mit sich, und Sorgen und Leid schwinden, wenn er ins Zimmer tritt. — Es war ein merkwürdiger Gesang, den ich an jedem Freitagabend zu hören bekam: der Eltern Stimmen, die voll und tief waren, vermischten sich mit den dünnen Kinderstimmchen; oft sang der eine höher als der andere oder schneller, oder nicht im Takt, aber trotz alledem hatte ich meine helle Freude an ihrem Singen; es lag so viel Liebe und Vertrauen zu Gott und so viel Freude an seinem Schabbos darin, dass ich das unmelodische Singen bald überhörte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tefilloh hatte bei diesen Worten plötzlich zu sprechen aufgehört; die alten Erinnerungen schienen sie übermannt zu haben, und durch die zer­rissenen Blätter ging es wie ein leises Seufzen; langsam sprach sie weiter:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich mochte wohl eine Reihe von Jahren in dem Besitz des Hausierers gewesen sein, als in meinem Leben wiederum ein Wechsel eintrat. Es war in tiefem Winter, und wir hatten am späten Abend in einer Herberge Quartier erhalten. Trotz der vorgerückten Stunde herrschte dort noch reges Leben, denn gleich uns, suchten viele hier Unterkunft vor der grimmigen Kälte. Wie an jedem Abend sprach mein Herr auch dieses Mal sogleich nach seiner An­kunft das Mariwgebet<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>, vergaß aber dann, mich wie stets in seinen Packen zu tun, sondern legte mich neben diesen. Und als er am anderen Morgen noch in tiefer Dunkelheit wieder aufbrach, dachte er nicht meiner und ließ mich liegen. Bei dem matten Schein eines Öllichtes sah ich, wie der krumme Rücken sich ächzend noch tiefer neigte, die gewohnte Last zu empfangen, und wie die abgearbeitete Hand sich hob, die Mesusoh<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> zu berühren; dann schlug die Tür krachend hinter ihm zu, und sein Schritt, der den frisch gefallenen Schnee knirschen machte, war nach wenigen Minuten nicht mehr zu hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So hatte ich auch meinen zweiten Herrn verloren, aber ans Verzweifeln dachte ich drum doch nicht. Die Tor­heiten meiner Kinderjahre hatte ich völlig abgelegt, und erwartete getrost den Morgen und das, was er bringen würde. — Nach kurzer Zeit wurde es im Gasthaus lebendig; der Tag war angebrochen, und die Leute zogen mit ihren Bündeln wieder fort bis auf einen, der es nicht eilig zu haben schien. Er ging gemächlich in der Gaststube auf und nieder, beschaute sich dies und jenes, und so kam er auch zu mir, die ich ganz verlassen auf einer Bank im Winkel lag. „Dich hat gewiss einer verloren,“ meinte er, „und ich könnte dich gerade jetzt so gut für meinen Jungen gebrauchen“. Darauf ging er aus dem Zimmer, um bald mit dem Wirt zurückzukommen, der ihm ver­sicherte, dass die Tefilloh nicht ins Haus gehöre, und dass er sie mit sich nehmen könne, wenn sie niemand zurückverlange. So blieb ich noch einige Tage in der Gaststube, und da mein Herr nicht mehr nach mir gefragt hatte, gehörte ich dem Finder, der mich in seiner tiefen Manteltasche vergnügt nach Hause brachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort gab er mich seinem kleinen Sohn, einem jungen von etwa sechs Jahren, der mit mir zur Schule ging und lesen und übersetzen lernte; so kam ich in meinem Alter noch in die Schule. Das Schulzimmer war ziemlich groß, und auf niedrigen Bänken saßen viele Kinder, während der Lehrer einen erhöhten Platz hatte. Er war noch ein junger Mann, der zu den Kindern sehr gut und freundlich war, und diese hatten ihn auch bald liebgewonnen. Der kleine Theodor, auf dessen Pult ich lag, war ein aufmerksamer und braver Schüler; was er in der Schule lernte, nahm er zu Hause nochmals genau durch, und wenn man am an­deren Tag das gestern gelernte wieder­holte, so konnte der Lehrer sicher sein, dass Theodor die Prüfung am besten bestehen würde. Mir machte der Eifer des kleinen Jungen jedes Mal eine große Freude, und ich hätte mich sicherlich noch mehr gefreut, wenn ich nicht zu meinem Schrecken gemerkt hätte, dass mein schon recht gebrechlicher Körper dem Lerneifer des lieben Jungen nicht gewachsen war. Meine Blätter fingen an alt und brüchig zu werden, und als Theodors Vater dies eines Tages ent­deckte, da gab er ihm eine andere Tefilloh und behielt mich, denn er meinte mit Recht, ich könne dies Leben nicht mehr lange ertragen. Er reparierte mich not­dürftig und brachte mich dann in die Synagoge, wo ich bei anderen Tefillaus<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> einen Platz in seinem Pult fand<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>. Viele Jahre habe ich da zugebracht. Mein Besitzer kam nicht jeden Tag zur Synagoge, denn er war ja im Laufe der Woche verreist, und nur an Freitagabenden und am Schabbos nahm er mich zur Hand. Er betete stets, aber wie ich bald bemerken konnte, mit wenig Andacht. Das Gebet kam bei­nahe gewohnheitsmäßig über seine Lippen, und ich muss gestehen, dass ich mich eigentlich gekränkt fühlte. Ich wusste doch, dass die Menschen in der Tefilloh für jede Stunde das richtige Wort finden können, und es tat mir leid, dass mein Herr es nicht zu wissen schien. Denn die Tefilloh soll den Men­schen zu jeder Zeit begleiten und auf seine Fragen Antwort geben; Freude und Leid versteht sie, sie kennt das Menschenherz mit seinen Wünschen und Hoffnungen, mit seinem Glück und seinem Kummer, und keiner ist je be­drückt zu ihr gekommen, ohne dass sie ihn getröstet hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich fügte mich bald darein und wunderte mich nur, dass nach nicht allzu langer Zeit mein Besitzer immer seltener zur Synagoge kam, bis er ganz fortblieb, und als ich eines Tages wieder aus dem Pult genommen wurde, da sah ich mich in der Hand meines jungen Freundes Theodor. Er machte ein trauriges Gesicht und schlug das Kaddisch-Gebet<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a> auf, und da wusste ich, dass ich meinen Herrn nie mehr wieder­sehen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der arme Junge trat mit mir vor die Stufen des Oraun-Hakaudesch<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a> und sagte Kaddisch. Seine Stimme klang leise und traurig, und als er geendet, ging er mit unsicheren Schritten auf seinen Platz zurück. An diesen Kaddisch muss ich immer noch denken; ein Gebet für die Toten und doch in ihm kein Wort von Tod und Trauer, sondern nur von dem Ruhm des Schöpfers. Und das ist eben das Schöne an ihm: Gott gibt dem Men­schen das Leben und nimmt es ihm, und der Mensch geht von dannen, wenn sein Herr ihn ruft. Und wenn ein Vater gestorben ist und eine Mutter, dann tritt der Sohn in seinem Schmerze vor die Gemeinde und preist den Schöpfer, der es gut meint mit seinen Menschen im Nehmen und Geben, er spricht es aus, und die Gemeinde spricht ihr Omen<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a>, und der Vater oder die Mutter droben freuen sich ihres Kindes. — Theodor kam alle Tage zur Synagoge, aber mit Erstaunen sah ich, dass er das Pult, in dem ich lag, nach und nach zu leeren begann. Es hatten darin Tefillaus und Chumoschim und Machsaurim<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a> gele­gen und zwischen ihnen ein alter Tallis<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a>; den größten Teil nahm er mit sich und ließ nur mich und ein paar alte Tefillaus zurück. Eines nachmittags, es war im Sommer, und man ging erst am späten Nachmittag zu Minchoh<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a>, hörte ich, wie er sich bei seinen Nachbarn verabschie­dete; von einer Reise nach Amerika sprachen sie, und ich horchte auf, um kein Wort des Gesprächs zu verlieren. Ich freute mich schon auf die Abwechs­lung, die mir bevorstand, denn ich hatte das Meer noch nie gesehen und nur gehört, wie groß und mächtig es sei. Aber meine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Kaddisch<a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a> hielt mich Theodor noch eine kleine Weile in der Hand; er durchblätterte meine Seiten, seine Finger strichen liebkosend über das Papier und er sagte: Ja, du liebe Tefilloh, du bist alt geworden, und ich kann dich nicht mitnehmen; in dir habe ich lesen gelernt, in dir Vater Kaddisch nachgesagt, leb’ wohl! magst du hierbleiben, und mancher wird noch in dir beten können.“ Ich fühlte seine Lippen die mich küssten; dann legte er mich in das Pult und ging eilends davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeit verging, niemand kümmerte sich um mich, bis der Pultdeckel eines Tages geöffnet wurde, und ein fremdes Gesicht über ihm erschien. Es war ein junger Mann, den ich noch niemals gese­hen hatte, denn der Platz war in andere Hände gekommen<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a>. Es war Erew Jom­kippur<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>, und mein neuer Besitzer war ausnahmsweise zur Synagoge gekommen. Ich schien ihm sehr zu missfallen, denn er nahm mich mit zwei Fingern — als ob er mich anzufassen scheute — aus dem Pulte heraus und verglich mich mit einem neuen Machsor in Goldschnitt, das er in der Hand hielt. Das sah freilich schöner aus. Dann brachte er mich dem Schammes<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a>, der mich erstaunt betrachtete. „Behalten Sie sie nur,“ sagte er, und „die hat Theodor gewiss vergessen,“ meinte er für sich. Ich wusste es besser; ich wusste, dass er mich nicht vergessen hatte, und dass er gehofft, ich würde gute Menschen finden, die sich meiner annähmen; aber er hatte sich geirrt; ich war alt und hässlich geworden, und es ist einmal der Welten Lauf, was alt und hässlich geworden ist, muss fortgehen, um dem Jungen und Schönen Platz zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Synagoge zu Ende war, wickelte mich der junge Mann in eine Zeitung, und zu Hause ließ er mich in eine Bodenkammer bringen; „ich brauche sie doch nicht,“ sagte er, „und dann ist sie auch furchtbar schmutzig.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Synagoge rüsteten sie sich, den Jomkippur zu empfangen, und ich lag verlassen in einem staubigen Win­kel. Wie hässlich hatte man an mir gehandelt, und wer weiß, was dem jungen Mann einstmals eine Tefilloh bedeutet hatte, wie er sie liebevoll geküsst, und wie er sich gefreut, in ihr beten zu können, und nun heute! es muss schon Jomkippur sein, wenn er zur Synagoge kommt, und eine alte Tefilloh lässt er zum Gerümpel legen; und es tat mir weh; nicht allein um meinetwillen, son­dern auch für ihn, der mit den Kinder­kleidern auch die Treue für die ewigen Gesetze seines Volkes abgelegt hatte, und heute war doch Jomkippur, und in der Synagoge standen sie in Sterbe­kleidern<a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a> und beteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lange lag ich in der finsteren Ecke, bis ich eines Tages von rohen Fäusten mit schmutzigem Trödlerkram zusam­men eingepackt wurde, um in eine andere Kammer geworfen zu werden. Ich war von dem Fall betäubt, und nur langsam kam ich wieder zu mir. In der Kammer war es still und nur selten hörte ich Schritte, die aber stets an der Türe vorübergingen. — Was ich geduldet, vermag ich nicht zu sagen; manches Jahr habe ich dort oben ge­legen; der Staub bedeckte mich, und Spinnen krochen über mich hinweg. Draußen ward es Sommer und Winter, allein ich merkte nichts davon. Da wurde es vor kurzer Zeit hier lebendig; ich hörte oft Dein Lachen, kleiner Max; ich sah, wie Du begierig die Rumpel­kammer durchstöberst, und ich begann zu hoffen, dass ich doch noch einmal den schönen Sonnenschein sehen würde. Und ich habe mich ja nicht getäuscht. Du fandest mich, Du warfst mich nicht bei Seite, Du brachtest mich behutsam Dei­ner Mutter, und Du gabst mir die Sprache da Du mich küsstest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wehmütig verklingendes Frohlocken kam es aus dem zerrissenen Buch, als die Tefilloh jetzt merklich schwächer fort­fuhr: „Du bist ein guter Knabe, kleiner Max, und ich danke Dir für Deine Lie­be; sei immer folgsam gegen die Eltern, gut zu den Geschwistern und freundlich zu allen Menschen, dann wird Dich ein jeder gerne haben. Und nun erfülle meine letzte Bitte: begrabe mich; wenn ein Mensch müde geworden ist vom Leben, und er ist gestorben, dann legt man ihn in die Erde, damit er dort schlafen möge; ich bin kein Mensch, aber der Menschen Freund, ich bin alt und müde geworden, gleich ihnen und ich möchte in der Erde schlafen wie sie.<a href="#_ftn20" id="_ftnref20"><sup>[20]</sup></a>“ — Noch einmal bewegten sich die zer­rissenen Blätter leise und langsam, dann waren sie still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da nahm der kleine Max die alte Tefilloh und trug sie in den Garten hin­aus; mit seinen kleinen Händen grub er die Erde auf, küsste die Teffilloh noch einmal und legte sie in ihr kleines Grab. Dann bedeckte er es mit grünem Moos und merkte sich den Platz, da sie be­graben lag, und wenn die Sonne auf den kleinen Hügel schien, da freute er sich, denn den Sonnenschein hatte sie ja so gerngehabt, die alte Tefilloh.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manches Jahr ist seitdem vergangen; der kleine Max ist groß geworden, er hat manches erlebt und vieles gesehen und gehört, aber die Tefilloh und ihre Geschichte wird er nimmer vergessen.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Hermann Schwab</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hermann Schwab (geboren 7. April 1879 in Frankfurt am Main; gestorben 1. Juli 1962 in London) war ein deutscher Journalist und Begründer des Mitteldeutschen Presse- und Bilderdienstes. „Zweimal baute sich Schwab eine aussichtsreiche Pressekorrespondenz bzw. einen Bilderdienst aus kleinsten Anfängen auf, erst zerstörte ihm Hitlers Machtergreifung, dann Englands Eintritt in den Zweiten Weltkrieg das mühsam Aufgebaute.“ (Guy Stern, 2000)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst im reiferen Alter von 46 Jahren begann Hermann Schwab seine Karriere in der Journalistik. Auslöser war die durch die Deflation bedingte Schwächung der Halberstädter Metallhandelsfirma Aron Hirsch &amp; Söhne, die deren Verlegung nach Berlin zur Folge hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hermann Schwab war inzwischen in Halberstadt verwurzelt und entschied sich deshalb gegen einen Umzug nach Berlin. Da Schwab schon als Lehrling begonnen hatte, für Zeitungen zu schreiben und auch während seiner Tätigkeit bei der Firma Hirsch als Theaterrezensent u. a. für die renommierte Frankfurter Zeitung tätig war, wagte er die Gründung des Mitteldeutschen Presse- und Bilderdienstes. Seine Artikel waren populär und deshalb verfasste er auf Drängen des Stadtrates einen literarisch-kulturellen Halberstädter Reiseführer, der es auf eine Auflage von 30.000 Exemplaren brachte. „Glücklich das Halberstadt, das solchen Führer hat&#8220;, hieß es in einer im Gleimhaus vorgetragenen Laudatio auf Hermann Schwab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald nach seiner Gründung erhielt Schwabs Pressedienst einen buchstäblich raketenhaften Auftrieb. In der Nähe von Blankenburg sollte das erste Raketenauto vorgeführt werden. Spektakulär durchlief das Vehikel seine Schienenbahn, explodierte aber dann und löste sich in seine Bestandteile auf. Schwab eilte zur Post und berichtete telefonisch an die Hauptorgane des deutschen Blätterwalds. Als er sich einige Wochen später bei den führenden Zeitungsverlegern in Berlin vorstellte und man in ihm den „Raketenautor&#8220; erkannte, wurden sowohl der Ullstein Verlag wie auch Mosse Abnehmer seines Pressedienstes. Er verstärkte seine Verbindungen zur Auslandspresse, etwa zu AP in Berlin, zu Reuters sowie zu Schweizer und Londoner Blättern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 1934 erhielt Schwab Berufsverbot, im März reiste Schwab nach London aus. Dort im Exil verfasste er ein Tagebuch, in dem er rückblickend seine Erfahrungen im Jahr 1933 in Halberstadt schilderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im englischen Exil führte Schwab seine journalistische Tätigkeit fort und begann gleich wieder mit dem Aufbau eines Pressedienstes. Es gelang ihm 58 Zeitungen und Zeitschriften als Abnehmer zu gewinnen, vom Londoner Daily Telegraph bis zu Fachzeitschriften. Allerdings musste sich Schwab in der Regel mit kleineren Aufträgen begnügen. Die journalistische Arbeit begleitete Schwab bis ins hohe Alter, sein Pressedienst jedoch führte seit Ausbruch des Weltkriegs nur noch ein Schattendasein. Der Enthusiasmus und die Freude mit denen Schwab über seine Wahlheimat Halberstadt und den Harz berichtet hatte, waren in England einem angemessenen Ernst und Wertschätzung seines Asyllandes gewichen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Das alte Gebetsbuch (Sidur)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Tefilah (Gebet hier: Gebetsbuch)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Schabbat</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Semirot (Lieder)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Abendgebet</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Mesusa</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Mehrzahl von Tefilloh</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> In den meisten Synagogen ist dem jeweiligen Synagogenplatz ein Fach für private Gebetsbücher zugeordnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Gebet zur Erinnerung an einen Verstorbenen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Aron-Hakodesch (Schrank in der Synagoge in der die Thorarollen aufbewahrt werden)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Amen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Chumaschim und Machsorim (Pentateuch und Gebetsbuch für die Feiertage)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Talith (Gebetsschal)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Deutsch-Aschkenasische Aussprache für Mincha (Nachmittagsgebet)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Das Kaddischgebet nach dem Tod der Eltern wird 11 Monate täglich gesagt</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Ein Synagogenplatz muss jährlich käuflich erworben werden, um die Ausgaben der Synagoge zu decken</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Der Vorabend des Versöhnungsfestes</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Synagogendiener</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Man bekleidet sich am Jom Kippur mit einen weißen Kittel (Sterbegewand)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Gebetsbücher und alle Schriften die den Namen Gottes enthalten werden nach jüdischem Gesetz beerdigt</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Deutsche Juden im Alten Jischuw</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/deutsche-juden-im-alten-jischuw/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 08:43:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5657</guid>

					<description><![CDATA[<p>Von Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem. Zur Geschichte des Kolel Holland und Deutschland. Ich wundere mich, wie der hier widergegebene Bericht in die „Monatsschrift für Judentum und Lehre“ – Nachalath Z´wi – gelangen konnte. Weder der Autor, Fritz Fraenkel (zu seiner Biografie s.w.u.), noch das Thema stehen in einem orthodox jüdischen Zusammenhang. Fritz Fraenkel lebte seit [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Von Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem.</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Zur Geschichte des Kolel Holland und Deutschland.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Ich wundere mich, wie der hier widergegebene Bericht in die „Monatsschrift für Judentum und Lehre“ – Nach<em>a</em>lath Z´wi – gelangen konnte. Weder der Autor, Fritz Fraenkel (zu seiner Biografie s.w.u.), noch das Thema stehen in einem orthodox jüdischen Zusammenhang. Fritz Fraenkel lebte seit 1933 in Palästina – dieser Artikel erschien Ende 1937. Das <strong>כולל הו&#8220;ד</strong> Kollel Hod, die „Jüdische Gesellschaft von Holland und Deutschland“ war Teil des „Alten Jeschuw“. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie Erklärungen zu den Begriffen „Alter Jeschuw“, „Neuer Jeschuw“ und „Kollel Hod“ sowie das Verhältnis der „Agudisten“ und der „Zionisten“ zu diesen Gruppierungen. Also nochmals die Frage, warum hat dieser Bericht es in diese Zeitung geschafft? Meine Erklärung dafür ist: Er sollte den deutschen Juden Mut zur Auswanderung nach Palästina machen. Er sollte ihnen zeigen, dass es eine lange Tradition der Auswanderung gab und dass, wenn sie den Schritt wagen würden, sie dort durchaus auf ein Umfeld treffen würden, das ihnen nicht fremd wäre.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die Zeitung Nach<em>a</em>lat Z´wi wurde ein halbes Jahr nach Erscheinen dieses Berichtes im Juni 1938 verboten.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2554315">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2554315</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei manchen Menschen, die mit dem Einwanderungsstrom der letzten Jahre aus Deutschland nach Palästina kamen, gilt die irrtümliche Meinung, <strong>diese</strong> Einwanderung wäre auch die <strong>erste</strong> Einwanderung deutscher Juden nach Erez Israel. Selbst alte Zionisten verfallen diesem Fehler und bringen zumindest das Kommen deutscher Juden hierher in einen ursächlichen und zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der zionistischen Bewegung. Man kennt persönlich oder vom Hörensagen Menschen dieses Einwanderungskreises, wie <strong>Dr. Arthur Ruppin, Ing. Treidel, Dr. Elias Auerbach, Frl. Vera Pinschawer, Dr. Schlesinger, Dr. Josef Carlebach, Dr. Albert Feuchtwanger</strong>, das sind Menschen, die vor dem Kriege<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> und vor dem Beginn der dritten Alijah<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> hierherkamen, bekannt sind auch die Namen zweier hervorragenden Repräsentanten der Orthodoxie in Deutschland, <strong>Dr. Moritz Wallach</strong> vom „Schaare- Zedek-Hospital“ in Jerusalem, und Rabbiner <strong>Dr. Moses Auerbach</strong> in Petach-Tikwah. Es ist nicht ohne Interesse, festzustellen, dass diese deutschen Juden ihrer Berufsstruktur ein anderes Element darstellten als die anderen Einwanderer dieser Zeit, sie waren weder Kaufleute noch Landwirte oder Arbeiter, fast durchweg sind sie leitende Personen verschiedener Institutionen, Lehrer oder Direktoren von Schulen (z. B. des Hilfsvereins der deutschen Juden u.a.), Menschen, wie sie für die Massenalijah von Chaluzim<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> und Mittellosen charakteristisch sind, waren es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es bestehen Institutionen in Jerusalem, deren Name mit dem deutschen Judentum und dessen palästinensischen Vertretern eng verbunden ist. Ein Ausflug in die Altstadt von Jerusalem führt uns vor die Tore eines großen Hofes mit folgender Inschrift: <strong>„Israelitische Armen- und Pilger-Wohnungen auf Zion“</strong>, die nebenstehende hebräische Inschrift lautet: „Bate Machasseh wehachnassath Orechim al Har Zion T. W. B. B.“. Im Kalender von Luncz<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> vom Jahre 1913 finden wir folgende Angaben über die Tätigkeit der „Nediwe Aschkenas“ — deutschjüdischer Spender:</p>



<p class="wp-block-paragraph">1879/5639 Gründung des Waisenhauses,</p>



<p class="wp-block-paragraph">1902/5662 Eröffnung des Krankenhauses „Schaare Zedek“, auch das Bikkur-Cholim-Hospital wird „Allg. Deutsch-Israelitisches Bikkur-Cholim-Hospital Jerusalem“ genannt. Auch die Schulen des „Hilfsvereins der Deutschen Juden“ weisen auf den Kontakt zwischen dem deutschen Judentum und Palästina hin, der „Sprachenkampf“, der um die Schulen des Hilfsvereins kurz vor Ausbruch des Weltkrieges entbrannte, hat ja für das Schulwesen Erez Israels und für die hebräische Bewegung weittragende Folgen gehabt<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht der Vergessenheit anheimfallen darf auch der Name von <strong>Dr. Wilhelm Herzberg</strong>, des Gründers des ersten Waisenhauses in Jerusalem. Dr. Herzberg ist bekannt als der Verfasser der <strong>„Jüdischen Familienpapiere“</strong>, ein Buch, das zu seiner Zeit großen Eindruck auf die jüdische Öffentlichkeit machte. (Das Buch wurde von <strong>Rabbi Binjamin</strong> ins Hebräische übersetzt).</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Memoirenliteratur<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a>, die von Menschen palästinensischer Geburt geschrieben wurde, eine Gattung der hebräischen Literatur, die leider viel zu wenig beachtet und bekannt ist, finden wir eine ganze Reihe von Angaben und Beschreibungen von Personen, die zu diesen früheren Einwanderungsströmen deutscher Juden nach Erez Israel zu rechnen sind. Da ist das Buch von <strong>Ephraim Cohn-Reiss</strong>, dem ehemaligen Leiter der Hilfsvereinsschule: <strong>Sichronoth Isch Jeruschalaim</strong>, dem wir eine Reihe von interessanten Einzelheiten zu verdanken haben. So erzählt er von einer Abordnung der in Jerusalem wohnenden preußischen Staatsangehörigen des <strong>Kolel</strong> <strong>„Hod“</strong> (Abkürzung des Sammelnamens Holland und Deutschland) an den preußischen König, der damals eine Pilgerfahrt ins Heilige Land machte, und dabei eine amüsante Episode zwischen dem König und <strong>R. Arje Markus aus Keidan.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das Buch Jehoschua Jellins, David Jellins Vater: „Sichronoth Ben Jeruschalaim“, enthält eine Fülle hochinteressanter Erinnerungen, besonders zur Entstehungsgeschichte des Kolel Hod liefert er manchen Beitrag. Er schildert das Bankhaus der Gebrüder Lehren in Amsterdam, ihre Frömmigkeit und Liebe zu Erez Israel. Die Brüder Zwi Hirschl und Akiba Lehren waren die Organisatoren der Chalukka<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> in den west- und nord- europäischen Ländern (Holland, Deutschland, England, Dänemark, Frankreich, Belgien usw.), eine Organisation, die unter dem Namen der „Pekidim weamavkalim de amsterdam“ und „Deutsch-Holländische Palästinaverwaltung“ bekannt war und auch heute noch besteht. In den Aufsätzen Abraham Mosche Luncz´ sind als Förderer der „Pekidim und Amarkalim<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>“ u.a. angegeben: <strong>R. Josef Ettlinger, R. Meir Lehmann, R. Esriel Hildesheimer</strong>, (die Familie H. soll noch heute eine „Chasaka“, Vorzugsrecht, auf eine Wohnung in den Bate Machasseh der Jerusalemer Altstadt haben), R. Schlomo Salman <strong>Breuer</strong>, R. Jizchak Dow <strong>Bamberger</strong>, R. Ascher<strong> Lemmel</strong>, <strong>Dr. Salvendi</strong>, <strong>Dürckheim</strong> u.a. Über die Familie <strong>Lehren</strong> erzählt Jehoschua Jellin, die Beamten der Bank Lehren lernten jeden Tag gemeinsam Gemore<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a>, d.h. die Bank diene gleichzeitig als Jeschiwa, selbst in Russland konnte man keine solche fromme Jeschiwa wie die des Zwi Hirschl Lehren finden. Angriffe heftiger Art finden wir in alten Jahrgängen der Zeitschrift „Der Orient<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a>“ von Fürst. Von Seiten Lipman Hirsch Löwensteins und Rafael Kirchheims (ein hebräischer Schriftsteller, bekannt als Verfasser von „Karme Schomron“, eines Werkes über die Samaritaner, und als Redakteur der Schriften Abraham Geigers) wurde Zwi Hirschl Lehren vorgeworfen, er benutze sein Gewicht als Vorsitzender der „Pekidim und Amarkalim“ zu unrechtmäßiger Einmischung in innere Verhältnisse des Jerusalemer Rabbinats, zur Unterdrückung Andersdenkender, Bespitzelung von Leuten in Palästina, sogar Vorwürfe finanzieller Art wurden ihm gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Landsleuten Lehrens in Jerusalem sind zu nennen die Familien Goldschmidt und Nathan Koronil. Mosche Jizchak Goldschmidt, ein Freund Jehoschua Jellins, ein sehr angesehener Mann, war ein Verwandter der <strong>Familie Lehren</strong>, 2. Vorsitzender des Kolel Hod, und genoss überall großes Vertrauen. Auch <strong>Wilhelm von Rothschild</strong> aus Frankfurt am Main, genannt der fromme Baron, der mit großen Summen bei der Errichtung der Bate Machasseh half (eine Tafel dort verewigt seinen Namen), schickte seine Gelder nach Jerusalem zu Händen von <strong>Mosche Jizchak Goldschmidt</strong>. Andere Angehörige der Familie Goldschmidt waren <strong>Juda Leib Goldschmidt</strong> und Jaakob Josef Goldschmidt, der Sohn von <strong>J. J. Goldschmidt</strong>, <strong>Zwi Goldschmidt</strong>, war ehemals Turnlehrer in der Schule des Hilfsvereins, und ist heute bekannt als Inhaber des <strong>Hotels Goldschmidt</strong> in Jerusalem. Auch die Nachkommen Nathan Koronils, der bei seiner Einwanderung erst in Safeth, später in Jerusalem wohnte, leben hier im Hause der Familie <strong>Menasche Eljaschar</strong>, ihrer Verwandten. Ein Bild zeigt ihren Vorfahren <strong>Nathan Koronil</strong> ganz als sefardischen Chacham<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a> gekleidet — auch R. Josef Schwarz, von dem noch die Rede sein wird, ging so gekleidet, ebenso wie die meisten Aschkenasim der damaligen Zeit — R. Nathan Koronil war der Verfasser von <strong>„Secher Nathan“</strong> und auch ein Buch „Chamischa Kuntressim“ wird von Prof. Klein in seiner Geschichte des jüdischen Jischuws in Erez Israel als Schrift Nathan Koronils erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soweit zur Geschichte der holländischen Juden in Palästina. Die Einwanderung z.B. der Familien <strong>Hoofien</strong> und <strong>Van Vriesland</strong> gehören einer späteren Zeitepoche an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor wir nun dazu übergehen, das Material, das über deutsches Judentum in Palästina handelt, dem freundlichen Leser vorzulegen, sollen einige Bemerkungen über die Quellen der Angaben und über die Schwierigkeiten der Sammlung gemacht werden. Außer den Luncz’schen Kalendern „Jerusalem“, den Erinnerungen <strong>Jehoschua Jellins und Ephraim Cohn-Reiss´</strong> , Aufsätzen Abraham E. Bergmanns im „Haaretz“ von Erew Pessach 5694 und vom 9. September 1934 unter dem Titel: „Einwanderer aus Deutschland in Palästina vor 100 Jahren“, einem Beitrag <strong>S. Barons</strong> in dem <strong>David Jellin</strong> gewidmeten Sammelbuch <strong>„Minvah Ledavid“</strong> den Aufsätzen <strong>Dr. Israel Hildesheimers</strong> (enthalten in dessen Gesammelten Aufsätzen), den <strong>Beilagen Dr. Salvendis aus Dürckheim</strong> zur Jüdischen Presse, <strong>Ludwig August Frankls: „Nach Jerusalem“</strong>, u.a. muss auch Erwähnung geschehen <strong>der Arbeiten von Pinchas Ben Zwi Grajewsky</strong>, eines Jerusalemers, der in 122 Heften eine Fülle von Material zur Geschichte des alten Jischuws zusammengetragen hat. Die Benutzung dieser Hefte, aus verschiedenen Serien bestehend<strong>, „Miginse Jeruschalaim“, „Beth Ha-Ozar“, „Chowewim Rischonim“, „Pinkas Jeruschalaim“</strong> und so fort betitelt, ist nicht einfach, Tausende Namen und Angaben sind unübersichtlich durcheinander geordnet, ein Schlüssel für diese 122 Hefte liegt nicht vor. Die Hauptstütze für meine Ausführungen waren mündliche Angaben einer Reihe von Personen, die in Jerusalem wohnen oder hierherkamen. Im Chug Iwri der Olej Germania hier referierten<strong> </strong>Rabbi <strong>Benjamin und Dr. A. W. Brawer</strong> über deutsche Juden in Erez Israel, bzw. über Rabbi Josef Schwarz. <strong>Dr. Engel</strong> von der Unterrichtungsabteilung des Waad L’umi<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a>, <strong>Isral Löbl</strong>, der jetzige Sekretär von Kolel Hod, <strong>Zwi Goldschmidt,</strong> <strong>David Jellin, A. E. Berg- mann, Dov Sachs, Jochanan Schlank </strong>und eine Reihe von anderen Personen waren mir durch Überlieferung mündlicher Mitteilungen nach Kräften behilflich. Doch ist das vorhandene Material sicher unvollständig und vielleicht auch in manchen Einzelheiten fehlerhaft. Meines Erachtens müssten die <strong>Akten des Kolel Hod</strong>, soweit sie noch vorhanden sind, durchgearbeitet werden, evtl. entsprechende Korrespondenzen in <strong>Amsterdam und Frankfurt</strong>, auch die alten <strong>Akten des preußischen, bzw. deutschen Konsulats</strong> hätten Bedeutung, die jüdische Presse vieler Jahrzehnte müsste einer genaueren Durchsicht unterzogen werden, die rabbinische Literatur des letzten Jahrhunderts (z. B. die <strong>„Fragen und Antwor- ten“ des Preßburger „Chatam Ssofer“</strong>). Die mündliche Befragung alter Leute, die in der Altstadt wohnen, war durch die Unruhen im Lande, die den Verkehr zwischen Altstadt und Neustadt erschwerten und gefährdeten, unmöglich geworden. Aus diesen Gründen mögen die Mängel dieses Aufsatzes mit Nachsicht betrachtet werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir die Geschichte dieses Einwanderungsstromes der Leute von „Hod“ (der Kolel wurde Ende der 40er Jahre gegründet, mit dem Jahre 1830 ansetzen wollen, so wollen wir doch die wenigen Angaben der „vorgeschichtlichen Zeit“ wenigstens nicht mit Stillschweigen übergehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1336 findet <strong>Ludolf von Suchhem</strong> in Safeth einen Juden aus seiner Heimat Westfalen (siehe J. Braslawsky: „Jedioth“ der hebräischen Gesellschaft der Erforschung Palästinas und ihrer Altertümer, Heft 1/2, 5696).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Einwanderung deutscher Juden im 13. Jahrhundert aus <strong>Mainz, Worms, Speyer</strong> <strong>und Oppenheim</strong>, die den Meharam von Rothenburg<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a> nach Erez Israel begleiten wollten, berichtet auch Prof. Klein in seinem Buch. Besonders die Verfolgungen der Jahre 1336 und 1337 und die der Jahre nach der schwarzen Pest in den Jahren 1348—50 gaben der Einwanderung einen starken Anstoß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Gründer des aschkenasischen Jischuws wird von <strong>Rabbi Josef Schwarz</strong> in einem Brief an seinen Bruder Chaim (siehe Grajewsky: Beth Ha-Ozar B.) angegeben Rabbi<strong> Schimon Insburg (Insbruck?) aus Frankfurt am Main,</strong> ebenso Rabbi <strong>Juda Chassid</strong>, der zwar aus Polen stammte, aber ebenfalls aus Frankfurt nach Palästina einwanderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Simon van Geldern</strong> (siehe David Kaufmann: Aus „Heinrich-Heines-Ahnensaal<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a>“ und den Aufsatz von Prof. Torczyner<a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a> in dem dem Andenken von Luncz gewidmeten Sammelband), der im Jahre 1766 das Land besuchte, bemerkt, er wäre der erste Deutsche seit 50 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst viele Jahrzehnte später kommt <strong>Rabbi Josef Schwarz</strong>, der eigentliche Gründer und Vorsitzende des Kolel Hod nach Jerusalem. Rabbi Josef Schwarz wurde im Jahre 1804 in Floss in Bayern geboren, 1833 kam er ins Land und starb im Jahre 1865. In diesen 32 Jahren hat sich Rabbi Josef Schwarz als Forscher auf geographisch-topographisch-historischem Gebiet einen Namen gemacht, sein Werk „Tewuoth Haaretz“ (von seinem Bruder unter dem Titel: Das Heilige Land ins Deutsche übersetzt) ist noch heute eine der wichtigsten Quellen für den palästinensischen Forscher. Schwarz war ein streng frommer Mann europäischer Bildung, unter den damaligen Juden Palästinas eine Seltenheit. Auch als Astronom und Dichter wurde er geschätzt. Es wäre ein Zeichen historischer Dankbarkeit und auch von symbolischer Bedeutung, wenn in Jerusalem, der Stadt, in der <strong>Rabbi Josef Schwarz</strong> gelebt und gewirkt hat, eine Straße mit seinem Namen verbunden würde. Auch ist das Faktum, dass in diesen Jahren die <strong>Einwanderung deutscher Juden nach Palästina ihr hundertjähriges Jubiläum feiert</strong>, unbemerkt an der jüdischen Öffentlichkeit vorübergegangen, vielleicht sind diese ernsten Jahre wenig dazu angetan, an historische Feiern zu denken, jedoch die Anciennität<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a> der Palästinabewegung im deutschen Judentum aufzuzeigen, ist nicht ohne gefühlsmäßiges Interesse für uns Nachgeborene, und aus diesem Grunde sollte der deutsche Jude an dieses Datum erinnert werden, dass er sehe, auch in den Herzen seiner Vorväter habe die Liebe zu Zion geleuchtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedoch, die historische Wahrheit erfordert zu sagen, dass ebenso wie bei allen anderen Einwanderungsströmen politische und wirtschaftliche Beweggründe auch bei dieser Einwanderung maßgebend waren. In den 30 er und 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts wanderten Tausende deutscher Juden, besonders aus den Ländern <strong>Bayern, Württemberg, Posen nach Amerika und England</strong> aus, in vielen deutschen Ländern bestanden wirtschaftliche Beschränkungen, auch Heiratsbeschränkungen, in manchen Gegenden konnten nur die erstgeborenen Söhne heiraten. Der wirtschaftliche Aufstieg der Emanzipationsepoche ließ diese Tatsache einer früheren Massenauswanderung aus Deutschland in Vergessenheit geraten. Man blättere in alten Jahrgängen der „Allgemeinen Zeitung des Judentums<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>“ und wird dort eine Reihe von Berichten finden: Abschied von der Heimat, <strong>„Eine Gruppe von Auswanderern aus Württemberg“</strong> usw. Auch Leschinsky<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a> hat auf dieses vergessene Kapitel der jüdischen Wanderbewegung aufmerksam gemacht. Ein kleiner unbedeutender Nebenfluss dieses Auswanderungsstromes, der für die Geschichte des anglosächsischen und amerikanischen Judentums mitbestimmend wurde, war die Gründung des deutsch-jüdischen Jischuws im Heiligen Lande.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Größenverhältnisse dieser Alijah sind uns ungefähr bekannt. <strong>Abraham Mosche Luncz</strong> teilt in seinem Kalender vom Jahre 5671 (1911), Band 9, im Abschnitt über die „Pekiduth wehaamarkeluth de Eretz Hakodesch be Amsterdam“ folgende Zahlen mit:</p>



<p class="wp-block-paragraph">5607 (1847) stieg die Zahl der Mitglieder vom Kolel Hod auf <strong>44 Seelen</strong>,</p>



<p class="wp-block-paragraph">5608 (1848) auf <strong>55 Seelen</strong>. In einer anderen Quelle wird für das Jahr</p>



<p class="wp-block-paragraph">5615 (1855) die Zahl der deutschen Juden mit <strong>60 Seelen</strong> angegeben, und Dr. Hildesheimer gibt zu Anfang</p>



<p class="wp-block-paragraph">5660? (1900?) dieses Jahrhunderts die Zahl der deutschen Juden Jerusalems mit <strong>100 Seelen</strong> an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sicher werden sich aus den Akten des Kolel genauere Zahlen auch für viele andere Jahre feststellen lassen. Selbst wenn in den angegebenen Zahlen ein oder mehrere Juden aus Holland, Luxemburg miteinbegriffen sein sollten, sicher ist, dass es sich um überwiegend deutsche Juden hierbei gehandelt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass die Fruchtbarkeit der deutschen Juden bei dem damaligen Einwanderungselement recht groß gewesen sein muss, ersehen wir aus einer Bemerkung Luncz’, der zu Beginn seines Aufsatzes über die „Chalukka“ in dem obenerwähnten Heft uns mitteilt, dass die ersten, die sich von dem gemeinsamen Kolel der „Peruschim<a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a>“ getrennt hätten, <strong>acht Familien</strong> aus Deutschland und Holland gewesen seien. Das war im Jahre 5609 (1849), wo schätzungsweise einige fünfzig Seelen zum Kolel Hod gehört haben können. Immerhin scheint diese Zahl uns merkwürdig hoch zu sein, eine Familie müsste im Durchschnitt 7 Köpfe gezählt haben, und dabei ist auch noch anzunehmen, dass die Einwanderer jüngere, ja oft unverheiratete Leute waren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Recht aufschlussreich sind die Briefe Elieser Bergmanns, die sein Nachfahr <strong>Abraham E. Bergmann</strong> im „Haaretz“ veröffentlicht hat, und die auch im hebräischen Teil der „Jüdischen Rundschau<a href="#_ftn20" id="_ftnref20">[20]</a>“ vor einiger Zeit auszugsweise wiedergegeben wurden. Elieser Bergmann wurde im Jahre 1799 im Dorfe Hindheim (?) bei Gunzenhausen in Bayern geboren, er wurde der Schwiegersohn Mendel Rosenbaums aus Zell, eines einflussreichen reichen Mannes, der Schtadlan<a href="#_ftn21" id="_ftnref21"><sup>[21]</sup></a> am Münchener Königshofe war und wegen seiner öffentlichen Tätigkeit zu Gunsten seiner jüdischen Brüder den Beinamen „Bayrischer Judenkardinal“ führte. Elieser Bergmann wanderte ein Jahr nach seinem engeren Landsmann Rabbi Josef Schwarz nach Palästina aus, kam also 1834 nach Jerusalem. Seine Briefe, gerichtet an seinen Schwiegervater, sind Schilderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse, Lebensmittelpreise, der Wert der verschiedenen Münzsorten, die Aussichten der Handwerke und ihre Verbreitung, die Schechita in Safeth, Angelegenheiten der Chalukka, all das fand seinen Ausdruck in den nach Deutschland gerichteten Briefen, auch seine Frau Riwka Sila gibt in einem Brief eine anschauliche Schilderung der weiblichen Mode. Elieser Bergmann ernährte sich im Lande vom Handel und Wechselgeschäft, doch verlor er trotz der Hilfe seiner Verwandten sein Vermögen und kehrte 1850 oder 1851 nach Deutschland zurück. 1852 starb er im 52. Lebensjahre und wurde in Berlin auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. Im Lande blieben — seine erste Frau, vier Söhne und seine zweite Frau waren gestorben — seine beiden Söhne Binjamin Bergmann, der Großvater des judaistischen Professors <strong>Jehuda</strong>, und sein Nachkömmling Jehuda Bergmann, der ihm von seiner zweiten Frau geboren wurde. Nachkommen dieser Familie sind <strong>Rabbi Jehuda Bergmann in Kefar Iwri bei Jerusalem</strong>, früher Neve Jaakov, und die Kinder dieses Jehuda Bergmann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den ältesten Familien gehören ferner die Familien <strong>Schlank, Sachs, Hausdorf und Liebrecht</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jochanan Zwi Schlank</strong>, anscheinend genannt nach seinem Herkunftsort „Schönlanke“ aus den deutschen Ostprovinzen, war ein Schüler des <strong>„Chatam Szofer“</strong> in Preßburg. Der Londoner Oberrabbiner Hirschel Berlin wandte sich mit der Bitte an den „Chatam Szofer“, ihm einen der besten seiner Jeschiwabachurim für seine Nichte als Bräutigam nach England zu schicken. Die Wahl des „Chatam Szofer“ entfiel auf <strong>Jochanan Zwi Schlank</strong>. Die Hochzeit wurde in Palästina, wohin auch Raw Hirschel Berlin die jungen Leute begleitete, ausgetragen. In der Jerusalemer Altstadt lebt noch heute ein Nach-komme dieser Familie, <strong>Joschua Schlank</strong>, auch dessen Sohn, ein Neu-Einwanderer aus Frankfurt am Main, Jochanan Schlank und andere Angehörige der Familie wohnen in Jerusalem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rabbi Mosche Sachs, wohl Anfang des 19. Jahrhunderts in Dreißigacker bei Meiningen geboren — seine Nachkommen führen seinen Namen auf seine Herkunft aus Sachsen zurück, nicht jedoch auf das hebräische Notrikon<a href="#_ftn22" id="_ftnref22"><sup>[22]</sup></a> „Secher Kedoschim sserufim“ (Andenken an verbrannte Märtyrer) wie andere Familien dieses Namens — ist wohl der Früheste aus dem damaligen deutschen Einwanderungskreis, denn Grajewsky gibt in seinem „Pinkas Jeruschalaim“, Heft 1, seine Ankunft mit dem Jahre 1830 an, seinen Tod mit dem Jahre 1870. Sachs lernte in München und Wien Talmud und Medizin, er war Journalist und schrieb sowohl in hebräischen Zeitschriften wie dem „Libanon“ als auch in deutschsprachigen Zeitschriften seiner Zeit. <strong>S. Baron</strong>, wie auch <strong>Ludwig August Frankl</strong>, geben Briefe wieder, bzw. Gespräche mit ihm, die Zeitschrift „Der Orient“ berichtet über die Begegnung eines deutschen Fürsten in Nordafrika mit <strong>Rabbi Mosche Sachs</strong>, wohin dieser im Auftrag Jerusalemer Institutionen als Chacham und „Schadar<a href="#_ftn23" id="_ftnref23"><sup>[23]</sup></a>“ gesandt worden war. Nachkommen dieses Mannes bilden Angehörige der Jerusalemer Familie Sachs. In der Nähe der Synagoge auf den Namen von <strong>Rabbi Zadok Sachs</strong> in der Chabadstraße in der Altstadt wohnt der Vater von <strong>Dov Sachs</strong>, eines Kaufmannes, und auch dessen Kinder leben hier in Jerusalem.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Esriel Selig Hausdorff</strong> kam aus Schlesien (Mieslowyz oder aus Breslau) im Jahre 5607 (1847) ins Land. Grajewsky berichtet u. a. in einem Aufsatz im Haaretz vom 04.06.36, dass E. S. Hausdorff ein für das öffentliche Wohl höchst interessierter und tätiger Mann gewesen sei, der bei der Gründung des Waisenhauses Diskin, in der Leitung des <strong>Bikkur-Cholim-Hospitales</strong>, der Gründung der <strong>„Bate Machasseh“</strong> in Angelegenheiten der Wohltätigkeits- und Lehrinstitute der <strong>Pariser Rothschilds</strong> seine Hilfe und seinen Rat dauernd zur Verfügung stellte. Ansehen genoss er auch beim preußischen und österreichischen Konsulat und hatte im österreichischen Konsulat ein Ehrenamt inne, er bekam auch Orden verliehen, eine mit goldenen Fäden bestickte amtliche Uniform wurde ihm ehrenhalber zum Geschenk gemacht, in Fällen von Anschuldigung und Rechtlosigkeit stand er den Betroffenen zur Seite, er war in Thora und Wissenschaft gleichermaßen erfahren. Von seiner Hinreise ins Land wird erzählt, in Seenot habe der Kapitän E. S. Hausdorff gebeten, „Schofar“ zu blasen, Hausdorff erfüllte den Wunsch, und der Zorn des Meeres legte sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Sohn, der <strong>Raw Chaim Hausdorff</strong>, erzählt in seinen Erinnerungen über seinen Vater auch eine Geschichte von Baron Gustav de Rothschild, der 1853 im Aufträge seines Vaters Jacob Rothschild aus Paris ins Land kam, begleitet von Personen des französischen Adels und Generälen. Einer von diesen, gewahr geworden der Teilnahme, die der Baron an der gedrückten Lage der Juden nahm, sagte scherzhafterweise: „Da Ihr Vater sehr reich ist, bitten Sie ihn, dass er Erez Israel für die Juden kaufe.“ Die Antwort des Barons lautete: „Warum sollen wir das Land kaufen, es ist uns ja von Anfang an als Geschenk zugedacht worden“. (Anspielung auf die Abraham gemachte göttliche Verheißung).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahre 1905 starb <strong>E. S. Hausdorff</strong> völlig verarmt. Im ganzen Land, sowohl in Jerusalem als in Jaffa-Tel-Aviv und den Kolonien wohnen Angehörige und Nachkommen der Familie Hausdorff. In der Jerusalemer Altstadt wohnt <strong>R. Mordechaj Hausdorff</strong>, ein Jerusalemer Apotheker trägt den Namen Hausdorff, durch Heirat ist auch die <strong>Familie Jellin</strong> mit den Hausdorffs verwandt geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenfalls aus Schlesien stammt die <strong>Familie Liebrecht</strong>, deren Ahnherr <strong>R. Schlomo Liebrecht</strong> in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einem reichen Elternhaus in die dürftigen Verhältnisse des damaligen Palästinas ging. Sein Sohn war <strong>Meir Schimeon Liebrecht</strong>, und dessen Sohn der bekannte Pardessan Akiba Liebrecht in Petach Tikwah. Die Familie hatte die Verwaltung von Bodenbesitz R. Obadja Lachmanns aus Berlin. Über die Familie Liebrecht berichtet auch Grajewsky in seinem „Sikaron lechowewim rischonim“ Heft 13/18.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Arzt <strong>Dr. Simon Ben Nathan Fraenkel</strong>, über den Ludwig August Frankl berichtet, ist Schlesier. Er wurde in Zülz in Schlesien geboren. In Jerusalem war Dr. Fraenkel Direktor des Dispensatory von Moses Montefiore, er galt als europäisch gebildeter Mann und war ein Gegner der extremen Orthodoxie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grajewsky erwähnt <strong>Aharon Ben Jizchak Scheyer</strong> aus Frankfurt am Main, <strong>Schlomo Elbe aus Hamburg</strong>, der im Aufträge von Montefiore in Jerusalem eine Webschule einrichtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ludwig August Frankl erwähnt auch in einer Liste von Getauften, die den Verlockungen der sehr tätigen Judenmission anheimgefallen waren, zwei deutsche Juden, <strong>Bergheim aus Posen</strong> und <strong>Hanauer aus Bayern.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Jerusalemer Altstadt führt eine Synagoge noch heute den Namen<strong>: „Das Deutsche Bessmedresch“</strong> auch <strong>Stempel<a href="#_ftn24" id="_ftnref24"><sup><strong><sup>[24]</sup></strong></sup></a> des Kolel Hod</strong> sollen sich noch in der Altstadt befinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Frau Djirassi in Jemin Mosche (Jerusalem) entstammt einer Familie Lilienthal aus Frankfurt am Main, auch ein Herr Freimann von der ,,Churba“ &#8211; Synagoge hatte einen Großelternteil von der Familie Lilienthal her, und in den Bathe Machasseh hat sich der Name auch noch direkt in einer Frau Lilienthal erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei Töchter eines Rabbiners <strong>Gottlieb</strong> aus Eydtkuhnen stammen aus Deutschland. Die Älteste, <strong>Frau Gisela Adelmann</strong> in Jerusalem ist in Neustadt an der Aich bei Nürnberg zur Welt gekommen, ihre Schwestern, <strong>Frau Marschak</strong> und <strong>Frau Fränkel</strong> wohnen in Tel-Aviv. (Die Familie Marschak ist auch mit der Familie <strong>Liebrecht</strong> verwandt.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name <strong>Fränkel </strong>wird auch als Gründer einer Synagoge in der Jerusalemer Altstadt erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Familie <strong>Bernay</strong>, in Gsede Jaakob, die aus der Würzburger Gegend stammt, gehört zu den Familien des alten deutsch-jüdischen Jischuws im Lande.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>R. Nachum Zelniker</strong>, Gabbe (Synagogenvorsteher) in der Altstadt, ist zu erwähnen. Ein jüngeres Mitglied der Familie ist Chauffeur, im Augenblick Gapir (Hilfspolizist) in Jerusalem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Sänger Schlomo Weißfisch teilte mit, sein Großvater <strong>Joschua Weißfisch</strong>, wäre aus der Mark Brandenburg nach Erez Israel eingewandert, auch heute noch besäße er ererbter Weise die deutsche Staatsbürgerschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Übrigen will die deutsche Staatsbürgerschaft wenig besagen. Zu Zeiten der Kapitulationen im alten türkischen Reich war es vorteilhafter, englischer, österreichischer, preußischer oder amerikanischer Schutzbürger zu sein. Joschua Jellin erzählt uns, dass <strong>Joel Mosche Salomon</strong>, Chaim Salomons Vater (Chaim Salomon war vor einigen Jahren stellvertretender Bürgermeister Jerusalems), deutscher Staatsangehöriger war, und ebenso ist uns dieselbe Tatsache von anderen bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Einwanderern der letzten Jahrzehnte sind noch zu nennen <strong>Preuß</strong> (nicht mehr am Leben), und Herr <strong>Ernst Hermann</strong>, der 1907 ins Land kam und hier ein Vermögen verlor. Ernst Hermann wohnt jetzt in Tel Aviv.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tel Aviv wohnt auch der Studienprofessor <strong>David Tachauer</strong>, der einen Stammbaum der Familie Mendel Rosenbaum aus Zell verfasst hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Abkömmling der Familie <strong>Mendel Zell</strong> — so wurde er genannt — ist <strong>R. Schlomo Wechsler</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wechsler, der aus Unterfranken stammt — sein Vater war Schwabacher Raw — wurde hier im Lande, wo er seit Jahrzehnten in einer der Wohnungen der Bathe Machasseh wohnt, Chassid, und zwar Chassid der Brazlawer Richtung, Anhänger Rabbi Nachmanns von Brazlaw, der in Uman beerdigt ist und zu dem auch heute noch Juden unter den größten Schwierigkeiten wallfahrten. Wechsler ist einer der letzten Empfänger der so überaus dürftigen Chalukka, und es wird wenig Menschen geben, die diese Bedürfnislosigkeit mit ihm teilen wollen. Der Glauben an das baldige Kommen des Maschiach ist in Wechsler lebendig, und neben dem Talmudstudium und der Vertiefung in den Sohar beschäftigt ihn die Gimatrijah, nach der das Kommen des Maschiach berechnet wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahre 1906 wurde im Auftrag der Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung Rabbi <strong>Jonathan Halewi Horowicz</strong> als Leiter der Angelegenheiten des Kolel „Hod“ eingesetzt, eine für die Altstadt repräsentative Wohnung in den Bathe Machasseh ist der Wohnsitz von Rabbi Horowicz. Seit langem jedoch führen die Geschäfte des Kolel der Arzt <strong>Dr. Moritz Wallach</strong> und als Sekretär des Kolel fungiert Herr<strong> Israel Löbel</strong>. Zu den Verwandten Dr. Wallachs gehören die Familien <strong>Marx</strong> und <strong>Stern</strong>. Als Theodor Herzl seine Palästinareise, die ihn in Kontakt mit Kaiser Wilhelm II. brachte, durchführte, war er Gast der Marx’schen Familie in der Mamillastraße. Der alte Herr Marx ist erst 1935 in Jerusalem verschieden. Auch das Geschäft <strong>Michael Sterns</strong> liegt in der Mamillastraße, ein Sohn Michael Sterns, der in Deutschland lebte, ebenso wie seine Schwester Frau Friedmann, sind wieder in ihre Geburts- stadt Jerusalem zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rabbi Horowicz</strong>, der früher in Frankfurt am Main lebte, ebenso wie Herr Israel Löbel sind ungarische Juden. Auch die Frau von <strong>Schlomo Wechsler</strong> ist eine ungarische Jüdin. Es scheint zwischen dem ungarischen Judentum und dem deutschen Judentum in Erez Israel vielleicht infolge gemeinsamer Minhagim, der deutschen Sprache vieler ungarischer Juden, vor allem durch den Kontakt der deutschen und der ungarischen Orthodoxie — Dr. Israel Hildesheimer war Raw in Eisenstadt, der Chatam Ssofer in Preßburg war ein geborener Frankfurter, Rabbi Akiba Eger aus Posen dagegen stammte aus Ungarn — ein engeres Verhältnis geherrscht zu haben, als zwischen den deutschen Juden im Lande und Juden anderer Länder sonst. So galten <strong>Wilhelm Groß</strong> und <strong>Dr. Engel</strong> vielen Jerusalemern als deutsche Juden, worauf Sprache, Erziehung, bzw. Studium in Deutschland, hinzuweisen schienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der mehrfach erwähnte <strong>Chatam Szofer</strong> in <strong>Preßburg</strong> war der eigentliche Gründer des Kolel „Hod“ von Europa aus. Vorkämpfer der Chibbath-Zion-Bewegung, <strong>Rabbi Zwi Hirsch Kalischer aus Thorn</strong> (ein jetzt veröffentlichter Stammbaum weist die Verwandtschaft Dr. Arthur Ruppins mit Kalischer nach) und <strong>Rabbi Elijah Gutmacher aus der Stadt Graetz</strong> (polnisch Greiditz) standen in enger Fühlung mit dem damaligen jüdischen Jischuw. Zwi Hirsch Kalischer ist der zionistischen Geschichte bekannt als der Verfasser von „Drischath Zion“, ein Buch, das 1862 erschien und großen Eindruck auf Moses Heß machte. <strong>Elijah Gutmacher</strong> — siehe <strong>„Szukath Schalom“</strong> von <strong>Chaim Hirschensohn</strong> — war der erste und einzige chassidische Rabbiner auf deutschem Boden. Nachum Sokolow verdanken wir folgende Anekdote von Elijah Gutmacher: Ein Chossid aus Galizien kommt als Gast zu Rabbi Gutmacher. Nach seiner Heimat zurückgekehrt, wird der Chossid nach seinen Eindrücken und Erlebnissen im Hause des Rabbi gefragt. Der Chossid berichtet von einem Schabbath, wie schön er im Hause des Rabbi begangen worden wäre, von der „Dritten Mahlzeit“ (Sa’uda schlischith), die bei den Chassidim eine große Rolle spielt, es hätte Brot gegeben und Challe und vieles andere Gute. Erstaunt fragt man den Chossid: „Und Fleisch habt Ihr nicht bekommen?“ Worauf der Chossid antwortet: „Es gab Fleisch, aber ich habe keines gegessen, er ist doch ein Preuße!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem heftigen Streit, der den alten Jerusalemer Jischuw in Aufregung versetzte und sogar zur Einmischung der Behörden und der Konsuln führte, wandte sich die eine Partei — so berichtet Joschua Jellin — an Rabbi <strong>Elijah Gutmacher</strong>, die andere Partei aber an Rabbi Zwi Hirsch Kalischer, um durch das Gewicht so wichtiger rabbinischer Autoritäten der Sache R. Schaul Benjamin Kohens oder R. Fischei Lapins zum Siege zu verhelfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dinaburg spricht in seinem Buche „Chibbath Zion“ auch von einem Zentrum der Chowewe Zion in Frankfurt an der Oder und erwähnt in diesem Zusammenhänge den Namen <strong>Dr. Chaim Lorje</strong>, <strong>Lurje</strong> oder <strong>Lurja</strong>, ein Mann, der in Verbindung mit Rabbi Hirsch Kalischer und wahrscheinlich auch mit <strong>Moses Heß</strong> war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aufmerksam zu machen ist auch auf <strong>Samuel Straus aus Karlsruhe<a href="#_ftn25" id="_ftnref25"><sup><strong><sup>[25]</sup></strong></sup></a></strong>, ein Mann, der mit einer Reihe agudistischer und zionistischer Familien verwandt ist. Straus verdankt Jerusalem den Bau von sieben Häusern in den Bathe Machasseh und in der Nähe des Nablustores, zusammen mit dem Mainzer Rabbiner <strong>Markus Lehmann<a href="#_ftn26" id="_ftnref26"><sup><strong><sup>[26]</sup></strong></sup></a></strong>. Eine Reihe anderer Namen wurden schon oben als Förderer des Kolel „Hod“ aufgeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich sei noch vermerkt, dass in den letzten Jahrzehnten unter den Einwanderern aus Deutschland auch zurückgebliebene oder schwer erziehbare Kinder ins Land kamen, sei es, dass die Eltern glaubten, die Luft Palästinas mache weise (talmudisches Wort), sei es, dass sie glaubten, Landarbeit erfordere weniger geistige Anstrengungen, oder auch aus anderen Beweggründen heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein interessantes, wenn auch wenig beachtetes Kapitel Palästinakunde, das hier berührt worden ist, wichtig sowohl als Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums als auch eine Anregung zum Studium der jüdischen Familienkunde, der merkwürdigerweise in hebräischer Sprache von wissenschaftlicher Seite weniger Beachtung geschenkt worden ist als in deutscher Sprache, die ja in der Zeitschrift für „Jüdische Familienforschung<a href="#_ftn27" id="_ftnref27">[27]</a>“ ein ernstes Forum gefunden hat. Aber auch für den deutschen Juden, der in den Jahren 1933 bis 1936 nach Erez Israel kam, sollte die Geschichte des Kolel „Hod“ ein Glied in der Kette sein, die später, unter ganz anderen Verhältnissen und Voraussetzungen, zur „Hitachduth Olej Germania<a href="#_ftn28" id="_ftnref28"><sup>[28]</sup></a>“ führte.<br></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die nachfolgenden Artikel wurden unter Zuhilfenahme von KI erstellt.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">Fritz Meir Fraenkel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lebensdaten im Überblick</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Geburt und Herkunft</strong>: 4. September 1906 in Berlin, in eine assimilierte, wohlhabende jüdische Bankiersfamilie („Bank Fraenkel“). Vater: Felix-Osher Fraenkel; Mutter: Margarete geb. Pick. Zwei Schwestern. Der Name ehrte die Großväter und Heinrich Heine.</li>



<li><strong>Jugend und Ausbildung</strong>: Frühes Interesse am Hebräischen (Selbststudium + Privatlehrer). 1919 einer der ersten Schüler der hebräischen Sprachschule von Dr. Moshe Zmora. Mitglied der zionistischen Jugendbewegung Blau-Weiß, aktiv in Berlin und Leipzig (u. a. für den Keren Kayemet). Artikel in der <em>Jüdischen Rundschau</em> bis 1938. Studium der semitischen Sprachen an der Universität Gießen; Forschung zu Wortverwandtschaften zwischen Hebräisch und anderen semitischen Sprachen.</li>



<li><strong>Alija</strong>: 1933 Auswanderung nach Palästina (Familienangehörige kamen in der Shoah um). Niederlassung in Jerusalem, Heirat mit Miriam Wigderhaus.</li>



<li><strong>Berufliches und wissenschaftliches Wirken</strong>: Tätigkeit in den nationalen Institutionen und beim Keren Hayesod. Parallel intensive Arbeit an der Erforschung und Pflege des modernen Hebräisch sowie Unterricht für Neueinwanderer. Ca. 700 Artikel in hebräischen und deutsch-jüdischen Periodika (<em>HaTzofe</em>, <em>HaBoker</em>, <em>Haaretz</em>, <em>Davar</em> u. a.). Mitarbeit am <em>Neuen Wörterbuch</em> von Avraham Even-Shoshan. Bücher und Studien zu hebräischer Morphologie, Folklore der Berliner Juden und möglichen Verbindungen zwischen Hebräisch und indogermanischen Sprachen (u. a. <em>Zur Theorie der Lamed-He-Stämme</em>, Jerusalem 1970).</li>



<li><strong>Tod</strong>: 1976 in Israel.</li>
</ul>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Alter Jischuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Alte Jischuw</strong> (hebräisch: <strong>היישוב הישן</strong>, <em>haYishuv haYashan</em>, wörtlich „die alte Siedlung“) bezeichnet die jüdischen Gemeinden im Gebiet des osmanischen Palästina (bzw. der südlichen Levante) vor dem Beginn der modernen zionistischen Einwanderungswellen (Aliyot). Die Abgrenzung erfolgt üblicherweise bis etwa 1881/1882 (Beginn der Ersten Aliyah); der Begriff wird manchmal bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bzw. der Konsolidierung des Neuen Jischuw verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unterschied zum Neuen Jischuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zum Neuen Jischuw, der von zionistischen Idealen (Arbeit, Selbstversorgung, Landwirtschaft, säkulare oder nationalistische Ausrichtung) geprägt war, bestand der Alte Jischuw vorwiegend aus religiösen Juden. Sie lebten hauptsächlich von Spenden aus der Diaspora (hebräisch <em>Chalukka</em> oder <em>Tzedakah</em>), die über Kollelim (Organisationen nach Herkunftsland oder -gruppe) verteilt wurden. Viele widmeten sich dem Torastudium und dem Leben in den heiligen Städten, um religiöse Gebote zu erfüllen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammensetzung und Herkunft</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Alte Jischuw war keine homogene Gruppe, sondern setzte sich aus mehreren Schichten zusammen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Mustaʿarabim: Arabischsprachige Juden, die schon vor dem Islam im Land lebten und kulturell arabisiert waren.</li>



<li>Sephardim: Ladino-sprechende Juden, die vor allem nach der Vertreibung aus Spanien (1492) und in der mamlukischen/frühen osmanischen Zeit ankamen.</li>



<li>Aschkenasim: Einwanderer aus Europa, darunter Chassidim (ab dem späten 18. Jahrhundert) und besonders die Peruschim (Schüler des Gaon von Wilna), die ab 1808/1810 in größeren Gruppen kamen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Zuwanderer stammten aus Nordafrika, dem Jemen, Persien und dem Kaukasus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Geografische Zentren</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gemeinden konzentrierten sich vor allem auf die vier Heiligen Städte des Judentums:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Jerusalem</li>



<li>Hebron</li>



<li>Safed (Tzfat)</li>



<li>Tiberias</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Kleinere Gemeinschaften existierten in Jaffa, Haifa, Akko, Nablus, Pekiʿin, Schfaram und anderen Orten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden erste Wohnviertel außerhalb der Jerusalemer Altstadtmauern (z. B. Mishkenot Sha’ananim 1860, finanziert durch Moses Montefiore). Auch die Siedlung Petach Tikwa (1878) ging teilweise auf Initiativen des Alten Jischuw zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demografie und Lebensbedingungen</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Um 1800: ca. 7.000 Juden</li>



<li>Mitte 19. Jahrhundert: ca. 12.000 Juden</li>



<li>Um 1880/1882: ca. 24.000–27.000 Juden (ca. 2–5 % der Bevölkerung der Region; weltweit nur 0,3 % aller Juden)</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lebensbedingungen waren oft schwierig: Armut, Abhängigkeit von Spenden, enge Wohnverhältnisse (besonders in Jerusalem), Erdbeben (z. B. Safed 1837), Seuchen und politische Unruhen (u. a. unter Muhammad Ali in den 1830er-Jahren). Die Gemeinden organisierten sich in Kollelim nach Herkunft (z. B. Kollel Hod für Holländer und Deutsche).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Historische Entwicklung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem starken Rückgang der jüdischen Bevölkerung in der Spätantike und dem frühen Mittelalter gab es eine kontinuierliche, wenn auch kleine Präsenz. Wichtige Impulse kamen durch messianische Erwartungen (z. B. um 1840), die Einwanderung der Chassidim und Peruschim sowie die osmanischen Reformen (Tanzimat). Ab dem späten 19. Jahrhundert verwischten sich die Grenzen zum Neuen Jischuw allmählich, besonders in städtischen Vierteln und ersten landwirtschaftlichen Projekten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Alte Jischuw bildete die Grundlage der ununterbrochenen jüdischen Präsenz im Land und diente als Ankerpunkt für die spätere zionistische Siedlungsbewegung. Viele seiner Institutionen und Familien setzten sich im modernen Israel fort.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Kolel Hod</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kollel Hod</strong> (hebräisch: <strong>כולל הו&#8220;ד</strong>, wörtlich „Jüdische Gesellschaft von Holland und Deutschland“) war eine jüdische Gemeinde- und Wohltätigkeitsorganisation im osmanischen Palästina im 19. Jahrhundert. Sie bestand aus Juden, die aus den Niederlanden und Deutschland (Deutschland) eingewandert waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hintergrund und Zweck</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im osmanisch kontrollierten Palästina (besonders in Jerusalem) existierten zahlreiche solche „Kollelim“ – Organisationen, die Juden aus bestimmten Herkunftsländern zusammenfassten. Sie dienten vor allem der Verteilung von Spendengeldern (Chalukka) aus der Diaspora, um die Einwanderung und den Unterhalt der jüdischen Gemeinschaft im Land Israel zu unterstützen. Kollel Hod vertrat speziell die aus Holland und Deutschland stammenden Juden, die durch die Emanzipation und die industrielle Revolution technologisch und sozial fortgeschrittener waren als viele andere Gruppen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitglieder genossen oft Respekt bei den lokalen türkischen Behörden und passten sich teilweise an (z. B. durch traditionelle türkische Kleidung).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Geschichte</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Organisation wurde im 19. Jahrhundert gegründet und entwickelte sich zur reichsten jüdischen Vereinigung im Land Israel – mit mehr Mitteln und Mitgliedern als die sephardische Gemeinde. Sie wuchs besonders in den 1830er-Jahren unter der Herrschaft von Muhammad Ali Pascha. Obwohl der Schwerpunkt in Jerusalem lag, unterstützte sie gelegentlich auch Projekte in anderen Orten (z. B. Petach Tikwa).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wichtige Persönlichkeiten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu gehörten unter anderem:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Moses Sachs (1800–1870)</li>



<li>Nachman Nathan Coronel (1810–1890)</li>



<li>Azriel Hildesheimer (1820–1899)</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aktivitäten und Beiträge</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kollel Hod half bei der Gründung und dem Unterhalt wichtiger Institutionen, darunter:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Das <strong>Shaare-Zedek-Krankenhaus</strong></li>



<li>Die <strong>Lämel-Schule</strong></li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die bekannteste Leistung war die Finanzierung und der Bau der <strong>Batei Mahse</strong> (auch Batei Machse), eines Wohnkomplexes mit ca. 100 mietpreisgebundenen Wohnungen in der Altstadt von Jerusalem für arme jüdische Bewohner. Die Grundstücke wurden 1857 erworben. Aufgrund der Herkunft der Mitglieder gingen etwa ein Drittel der Wohnungen an Personen deutscher und niederländischer Herkunft, ein weiteres Drittel an ungarische Emigranten. Die Wohnungen galten als relativ geräumig und komfortabel im Vergleich zu den sonst engen Verhältnissen im jüdischen Viertel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kollel Hod ist Teil der Geschichte des <strong>Alten Jischuw</strong> (der vor-zionistischen jüdischen Gemeinschaft in Palästina) und der Chalukka-Systeme, die die jüdische Präsenz in Jerusalem und Umgebung finanziell stützten. Es handelt sich um eine historische Organisation des 19. Jahrhunderts und ist nicht mit modernen Kollelim (Talmud-Studienzentren für verheiratete Männer) oder anderen aktuellen Einrichtungen zu verwechseln.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Verhältnis der Aguda zum Alten Jeschuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Aguda (Agudat Jisra’el / Agudath Israel)</strong> und der <strong>Alte Jischuw</strong> standen in einer engen ideologischen und organisatorischen Beziehung, die vor allem durch den gemeinsamen Widerstand gegen den säkularen Zionismus geprägt war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kurzer Überblick</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Der <strong>Alte Jischuw</strong> war die traditionelle, streng religiöse jüdische Gemeinschaft in Palästina (vor allem in den vier heiligen Städten Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias), die vor den zionistischen Aliyot (ab 1882) existierte und von Spenden (Chalukka) und Torastudium lebte.</li>



<li>Die <strong>Aguda</strong> wurde 1912 in Kattowitz (damals Deutschland, heute Polen) als weltweite Organisation des aschkenasischen Torah-Judentums gegründet. Sie richtete sich gegen den Zionismus, Reformjudentum und säkulare Strömungen und wollte die traditionelle Lebensweise nach der Halacha schützen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Verhältnis in Palästina</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Palästina entstand früh eine lokale Filiale der Aguda. Sie verstand sich ausdrücklich als Vertreterin und Schutzmacht des <strong>Alten Jischuw</strong> gegenüber dem aufstrebenden <strong>Neuen Jischuw</strong> (der zionistisch geprägten, oft säkularen Gemeinschaft).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wichtige Punkte:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die Aguda trat für die <strong>eigenständige Existenz</strong> und Anerkennung der ultraorthodoxen Gemeinden des Alten Jischuw ein. Sie wehrte sich dagegen, in die allgemeinen repräsentativen Organe des Neuen Jischuw (z. B. Knesset Israel) eingegliedert zu werden.</li>



<li>Sie unterstützte die traditionellen Institutionen des Alten Jischuw (Jeschiwot, Kollelim, Chalukka-Systeme) und baute eigene Strukturen auf (u. a. den Keren ha-Yishuv zur Förderung orthodoxer Siedlungsaktivitäten, unabhängig von zionistischen Fonds).</li>



<li>Führende Persönlichkeiten des Alten Jischuw, wie Rabbi Yosef Chaim Sonnenfeld (Oberrabbiner der Edah HaChareidis in Jerusalem), standen der Aguda nahe oder kooperierten mit ihr. Die Aguda half dabei, separatistische Strukturen zu festigen.</li>



<li>Ein prominentes Beispiel für die scharfe Opposition war Jacob Israël de Haan, ein Sprecher der Aguda und des Alten Jischuw, der 1924 von der Haganah ermordet wurde, weil er gegen die zionistische Staatsgründung und für Verhandlungen mit arabischen Führern eintrat.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Entwicklung und Nuancen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1920er und frühen 1930er Jahren blieb die Aguda in Palästina weitgehend separatistisch und anti-zionistisch. Ab Mitte der 1930er Jahre (durch Einwanderung aus Deutschland und Polen sowie die Bedrohung durch den Nationalsozialismus) öffnete sie sich pragmatischer: 1933 schloss sie ein Abkommen mit der Jewish Agency über Einwanderungszertifikate und kooperierte später stärker mit den Institutionen des Jischuw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Holocaust und der Staatsgründung 1948 wandelte sich die Aguda von einer klar anti-zionistischen zu einer <strong>nicht-zionistischen</strong> Haltung. Sie akzeptierte den Staat Israel faktisch und nahm an der Politik teil (Status-quo-Abkommen mit Ben-Gurion über Schabbat, Kaschrut und religiöse Gerichtsbarkeit), behielt aber die ideologische Distanz zum säkularen Zionismus bei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Spaltung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alle Teile des Alten Jischuw gingen den pragmatischen Weg der Aguda mit. Die radikaleren Gruppen (besonders ungarisch geprägte Kreise in Jerusalem) bildeten später die <strong>Edah HaChareidis</strong> und Organisationen wie Neturei Karta, die den Staat Israel bis heute ablehnen. Die Aguda repräsentierte den „moderateren“ Flügel der Haredim, der mit dem Staat arrangierte, ohne ihn religiös zu legitimieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammengefasst</strong>: Die Aguda war die politische und organisatorische Fortsetzung und Verteidigung des Alten Jischuw gegen den Neuen Jischuw und den säkularen Zionismus. Sie bewahrte dessen traditionelle Werte und Institutionen, passte sich aber im Laufe der Zeit pragmatisch an die politischen Realitäten an.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Verhältnis der Zionisten zum Alten Jeschuw</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Verhältnis der Zionisten zum Alten Jischuw</strong> war komplex, von Kritik und Konkurrenz geprägt, aber auch von Überschneidungen und pragmatischer Kooperation. Die Zionisten (besonders ab der Ersten Aliyah 1882) schufen den Begriff „Neuer Jischuw“ bewusst als Gegenstück zum „Alten Jischuw“ und sahen diesen oft als rückständig und reformbedürftig an.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ideologische Grundhaltung der Zionisten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zionisten erstrebten eine <strong>nationale Wiedergeburt</strong> des jüdischen Volkes in Eretz Israel durch produktive Arbeit, Selbstversorgung, Landwirtschaft, hebräische Sprache und moderne Institutionen. Der Alte Jischuw erschien ihnen als Gegenbild:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Er lebte weitgehend von Spenden (Chalukka) aus der Diaspora und konzentrierte sich auf Torastudium und Gebet in den vier heiligen Städten.</li>



<li>Viele Zionisten kritisierten diese Abhängigkeit als unproduktiv, „parasitär“ und typisch für das „Exil-Judentum“, das sie überwinden wollten.</li>



<li>Sie forderten soziale und wirtschaftliche Transformation: Juden sollten Bauern, Arbeiter und Unternehmer werden statt Gelehrte und Almosenempfänger.</li>



<li>Die Chalukka-Systeme und die Kollelim des Alten Jischuw wurden als Hindernis für den Aufbau einer modernen, selbsttragenden Gesellschaft gesehen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">In der zionistischen Historiografie wurde der Gegensatz oft scharf gezeichnet: Der Alte Jischuw als traditionell-religiös und passiv, der Neue als progressiv, national und aktiv.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Praktische Beziehungen und Konflikte</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Konkurrenz um Ressourcen</strong>: Beide Seiten warben um Spenden aus der Diaspora. Zionistische Organisationen (Hovevei Zion, später Jewish Agency, JNF) lenkten Gelder zunehmend in landwirtschaftliche Siedlungen und moderne Institutionen um, was den Alten Jischuw finanziell unter Druck setzte.</li>



<li><strong>Kulturelle und soziale Spannungen</strong>: Die Ankunft säkularer oder nationalistisch-religiöser Einwanderer (mit moderner Kleidung, gemischten Kibbuzim, hebräischer Alltagssprache) wurde vom Alten Jischuw als Bedrohung der traditionellen Lebensweise empfunden. Umgekehrt betrachteten viele Zionisten die Ultraorthodoxen als Hindernis für den Fortschritt.</li>



<li><strong>Sprache</strong>: Die Förderung des modernen Hebräisch durch Eliezer Ben-Jehuda und andere stieß auf Widerstand bei Teilen des Alten Jischuw, die Jiddisch oder traditionelle Sprachen bevorzugten.</li>



<li><strong>Siedlungen</strong>: Einige frühe landwirtschaftliche Projekte (z. B. Petach Tikwa 1878) gingen teilweise auf Initiativen aus dem Umfeld des Alten Jischuw zurück und wurden später von Zionisten unterstützt. Es gab also Überschneidungen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nuancen und Kooperation</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Verhältnis war nicht nur antagonistisch:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Manche Mitglieder des Alten Jischuw unterstützten Modernisierungsversuche (bessere Wirtschaft, Landwirtschaft, Bildung).</li>



<li>Religiöse Zionisten (Misrachi) und einzelne Persönlichkeiten suchten Brücken.</li>



<li>Ab den 1930er-Jahren (besonders nach der Machtübernahme der Nazis und während des Holocaust) wuchs die pragmatische Zusammenarbeit: Die Aguda und Teile des Alten Jischuw kooperierten bei Einwanderungsfragen und im Kampf um die Rettung europäischer Juden.</li>



<li>Im Unabhängigkeitskrieg 1948 kämpften viele aus dem Umfeld des Alten Jischuw in den jüdischen Streitkräften mit. Vertreter der Aguda unterzeichneten die Unabhängigkeitserklärung.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammenfassung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zionisten betrachteten den Alten Jischuw überwiegend als <strong>überholte, unproduktive und religiös-konservative Gemeinschaft</strong>, die dem Aufbau einer modernen jüdischen Nation im Weg stand. Sie strebten dessen Transformation oder Überwindung an. Gleichzeitig existierten praktische Überschneidungen, und die Grenzen verwischten sich im Laufe der Jahrzehnte, besonders ab den 1930er/1940er Jahren. Der Alte Jischuw blieb jedoch ideologisch und sozial weitgehend distanziert vom säkularen Zionismus und bewahrte seine eigene Identität, die später in den Haredi-Gemeinschaften weiterlebte.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> 1. Weltkrieg</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a>&nbsp; 1919 &#8211; 1923</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> KI: Chaluzim bedeutet „Pioniere“. Es bezeichnet die zionistischen Aktivisten, die im frühen 20. Jahrhundert den Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina anstrebten, sich dafür in Lehrgütern auf die körperliche Arbeit vorbereiteten und später kollektive Siedlungen gründeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Wikipedia: Der Luah Eretz Yisrael (hebräisch <strong>לוח ארץ ישראל</strong>), im deutschen Sprachraum als Luncz-Kalender (Luah Luncz) bekannt, war ein bedeutender, von dem jüdischen Gelehrten Abraham Moses Luncz herausgegebener Jahrweiser und Almanach.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> KI: Der „Sprachenkampf“ (auch Sprachkrieg oder Language War genannt) war ein heftiger Streit 1913/14 um die Unterrichtssprache in den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Palästina (Erez Israel).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der <strong>Hilfsverein der Deutschen Juden</strong> (gegründet 1901 in Berlin, u. a. von James Simon und Paul Nathan) war eine philanthropische Organisation deutscher Juden. Sie baute in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein umfangreiches Netz moderner Schulen in Palästina auf: Kindergärten, Volksschulen, ein Lehrerseminar in Jerusalem und vor allem das Technikum (später Technion) in Haifa. Diese Schulen erreichten zeitweise einen großen Teil der jüdischen Schüler, die moderne Bildung erhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs wurde in vielen dieser Schulen auch Hebräisch verwendet. Ab etwa 1911/12 drängte die Leitung (u. a. Ephraim Cohn-Reiss und Paul Nathan) jedoch stärker auf <strong>Deutsch</strong> als Unterrichtssprache – besonders in naturwissenschaftlich-technischen Fächern und am geplanten Technikum. Begründung: Hebräisch sei für moderne Wissenschaft und Technik noch nicht ausreichend entwickelt, es fehlten Lehrbücher und Fachbegriffe; Deutsch als große Kultursprache biete bessere Anschlussmöglichkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dagegen protestierten zionistische und hebraistische Kreise (vor allem Lehrer, Schüler und Teile des Jischuw) energisch. Sie sahen darin eine Bedrohung der hebräischen Sprach- und Kulturerneuerung und eine „Germanisierung“ bzw. Assimilation. Der Konflikt eskalierte im Herbst/Winter 1913/14:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Streiks und Demonstrationen an Hilfsverein-Schulen,</li>



<li>Austritte von Lehrern und Schülern,</li>



<li>Gründung rivalisierender hebräischer Schulen,</li>



<li>Rücktritte von Kuratoriumsmitgliedern (u. a. Ahad Ha’am, Schmarjahu Levin),</li>



<li>heftige Debatten in der jüdischen Presse in Palästina, Deutschland und darüber hinaus.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Höhepunkt war die Entscheidung des Technikum-Kuratoriums: Im Oktober 1913 wurde Deutsch für die technischen Fächer beschlossen, im Februar 1914 (unter Druck amerikanischer und russischer Mitglieder sowie der öffentlichen Kampagne) revidiert. Hebräisch setzte sich durch – zunächst an der angeschlossenen Realschule, schrittweise auch am Technikum.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: Memoirenliteratur umfasst die schriftlichen Lebenserinnerungen von Personen, wobei der Fokus auf dem Erleben historischer Ereignisse, der Blick auf eine bestimmte Epoche und die öffentliche Rolle des Verfassers liegen. Wichtige Merkmale sind der subjektive Blickwinkel und die Ich-Perspektive</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Als Chalukka (hebräisch <strong>חלוקה</strong>, „Verteilung“) bezeichnet man ein historisches System der Armenfürsorge und Spendensammlung in der Diaspora, mit dem jüdische Gemeinden in Europa die Gelehrten und die jüdische Bevölkerung im Heiligen Land (Erez Israel) finanziell unterstützten</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Eine Organisation, die 1810 zur Unterstützung des Jischuw in Eretz Israel gegründet wurde</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Talmud</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Universitätsbibliothek Frank.a.M.: Die Wochenschrift erschien von 1840 bis 1851. Hg. War Julius Fürst. Der Orient setzte sich zum Ziel, seinen Lesern &#8222;das Auserlesenste auf dem Gebiet der jüdischen und der damit verwandten orientalischen Geschichte und Literatur und das Gründlichste auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft mitzuteilen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Epoche der Emanzipation richtete sich die Zeitschrift vornehmlich an das liberale, wissenschaftlich interessierte Bildungsbürgertum und versuchte dessen Wunsch nach einer säkularen Bestimmung jüdischer Tradition und Geschichte nachzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Für die sephardischen Juden ist der Chacham das, was ein Rabbiner für die aschkenasischen Juden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Der Waad Leumi (auch Vaad Leumi oder Jüdischer Nationalrat) war das exekutive Hauptorgan der jüdischen Gemeinschaft (Jischuw) während der britischen Mandatszeit in Palästina. Er wurde im Jahr 1920 gegründet und fungierte als eine Art Schattenregierung für den Weg zum modernen Staat Israel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Der MaHaRaM von Rothenburg (eigentlich Meir ben Baruch, geboren um 1215 in Worms, gestorben am 27. April 1293 in Ensisheim) war einer der bedeutendsten deutschen Rabbiner, Rechtsgelehrten und Dichter des Mittelalters</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> „Aus Heinrich-Heines-Ahnensaal“ ist ein 1896 vom jüdischen Gelehrten David Kaufmann veröffentlichtes, familienkundliches Buch über die Vorfahren des Dichters. Es beleuchtet die Herkunft aus den Familien Heine und van Geldern sowie das jüdische Erbe der Familie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Wikipedia: Naftali Herz Tur-Sinai (hebräisch <strong>נפתלי הרץ טור-סיני</strong>‎; „Fels des Sinai“; geboren am 13. November 1886 als Harry Torczyner in Lemberg, Österreich-Ungarn, als Sohn des aus Brody stammenden Kaufmanns und hebräischen Schriftstellers Isaac Eisig Torczyner; gestorben am 17. Oktober 1973 in Jerusalem) war ein bedeutender israelischer Semitist und Bibelexeget. Er ist der Schöpfer einer deutschsprachigen Übersetzung der Hebräischen Bibel.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Reihenfolge</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Die Zeitung wurde von 1837-1922 nachfolgend von den Neologen Ludwig Philippson, Gustav Karpeles, Ludwig Geiger, Albert Katz herausgegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Gemeint ist wohl Jakob Lestschinsky (1876–1966) war ein bedeutender jiddisch- und deutschsprachiger Soziologe, Statistiker und Journalist, der sich auf die Demographie und Wirtschaftsgeschichte der Juden spezialisiert hatte. Er gehörte zu den Mitbegründern des YIVO Institute for Jewish Research. Jakob Lestschinsky verfasste wegweisende Studien zur jüdischen Demographie und prägte von 1921 bis 1933 die sozialwissenschaftliche Forschung in Berlin.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Wikipedia: Peruschim (hebräisch <strong>פְּרוּשִׁים</strong> Pruschīm, deutsch ‚Abgesonderte‘, Singular: Porisch) waren Gruppen religiöser Juden aus Litauen, Anhänger des Gaon von Wilna, die sich im 19. Jahrhundert in Palästina ansiedelten. Sie gehörten zum Alten Jischuv.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Wikipedia: Die 1902 bis 1938 in Berlin erschienene Jüdische Rundschau war die auflagenstärkste und bedeutendste zionistische Wochenzeitung in Deutschland. Als Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland repräsentierte sie den deutschen Zionismus nach außen. Auf ihren Seiten wurden bedeutende Debatten über Funktion und Aufgabe zionistischer Politik im Sinne des auf dem ersten Zionistenkongress 1897 beschlossenen Baseler Programms geführt. Außerdem berichtete sie ab 1933 über die erschwerten Existenzbedingungen der Juden in Deutschland und informierte auswanderungswillige Leser detailliert über Emigrationsmöglichkeiten</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> Wikipedia: Der Schtadlan (hebräisch <strong>שְׁתַדְּלָן</strong>, Plural: <strong>שְׁתַדְּלָנים</strong>, Štadlanīm) war im 16. bis 18. Jahrhundert der Fürsprecher einer jüdischen Gemeinde bei der nichtjüdischen Außenwelt. Dieses angesehene Amt in der Gemeinde erforderte neben der Beherrschung der Landessprache und Rechtskundigkeit auch Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick. Der Schtadlan konnte zwar um Gebühren bitten, jedoch durfte er seine Tätigkeit nicht davon abhängig machen. Der Schtadlan gilt als Vorform des späteren Gemeindefunktionärs (Parnas).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref22" id="_ftn22">[22]</a> Wikipedia: Notrikon ist eine traditionelle Auslegungsmethode in der jüdischen Bibelexegese (Hermeneutik) und Kabbala, bei der Wörter als Akronym, Abkürzung oder durch die Verwendung einzelner Anfangs-, Schluss- oder Binnenbuchstaben gedeutet werden, um verborgene spirituelle Bedeutungen zu finden</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref23" id="_ftn23">[23]</a> KI: Der Begriff „Schadar bezeichnet im Judentum einen religiösen Abgesandten oder Boten, der früher aus Gemeinden im Heiligen Land (wie Jerusalem oder Hebron) in die Diaspora geschickt wurde, um dort Spenden und finanzielle Unterstützung für die armen Gelehrten und Gemeinden vor Ort zu sammeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref24" id="_ftn24">[24]</a> Siegel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref25" id="_ftn25">[25]</a> https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/entities/11129: Straus &amp; Co. war eine bedeutende jüdische Privatbank, die 1880 von Meir Abraham Straus und Samuel Straus in Karlsruhe gegründet wurde. Diese Bank spielte eine zentrale Rolle in der Finanzwelt der Stadt und war nach der größten jüdische Privatbank Veit L. Homburger KG die zweitwichtigste Privatbank in Karlsruhe. Die Gründer, Meir Abraham Straus, ein Kaufmann aus Diedelsheim, und Samuel Straus, ein ehemaliger Bankprokurist bei Veit L. Homburger, legten den Grundstein für den Erfolg des Unternehmens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Zeit der nationalsozialistischen &#8222;Machtergreifung&#8220; waren Dr. Moritz A. Straus, Friedrich Abraham Straus und ihr Schwager Prof. Dr. Nathan Stein (einer der Mitbegründer der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland) Teilhaber der Bank. Als führende Vertreter des Regionalrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden gerieten die jüdischen Bankiers ins Visier des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates. Seit 1933 waren sie in Karlsruhe Ziel heftiger Angriffe, die sowohl ihre Person als auch ihr Unternehmen betrafen. Angesichts der zunehmenden Verfolgung jüdischer Unternehmer durch das NS-Regime, kam Straus &amp; Co. der drohenden Zwangsarisierung zuvor und verkaufte das Unternehmen im April 1938 an die Badische Bank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rückerstattung und Restitution: Im Mai 1948, zehn Jahre nach der Übernahme der Bank Straus &amp; Co. durch die Badische Bank, stellten die ehemaligen jüdischen Inhaber Moritz und Friedrich A. Straus einen Antrag auf Rückerstattung ihres Besitzes. Das alliierte Rückerstattungsrecht sah Ansprüche auf die Gewinne aus dem entzogenen Vermögen vor. Die Badische Bank zeigte Bereitschaft zur Restitution und meldete die Vermögenswerte unaufgefordert beim Wiedergutmachungsamt an. Da eine Wiederherstellung der Bank nicht möglich war, einigten sich die Parteien auf eine Vergleichslösung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref26" id="_ftn26">[26]</a> KI: Rabbiner <strong>Marcus (Markus/Meïr) Lehmann</strong> (1831–1890), der orthodoxe Rabbiner von Mainz und Herausgeber der Zeitschrift <em>Der Israelit</em>, war aktiv an der Unterstützung und Organisation des <strong>Batei-Mahse-Vereins</strong> (auch „Bate Mahase-Verein“ oder „Shelter for the Needy“) beteiligt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hintergrund</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die <strong>Batei Mahse</strong> (hebräisch <strong>בתי מחסה</strong> = „Häuser der Zuflucht“) sind ein Wohnkomplex im Jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Er wurde ab ca. 1857/1860 vom <strong>Kollel Hod</strong> (Holland und Deutschland) errichtet, um armen Juden moderne und günstige Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Es gilt als eines der ersten modernen jüdischen Wohnprojekte im Land Israel.</li>



<li>Die Initiative ging wesentlich auf Rabbi <strong>Azriel (Esriel) Hildesheimer</strong> zurück (damals noch in Eisenstadt, später Berlin), der eng mit dem Kollel Hod verbunden war.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lehmanns Rolle</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Lehmann setzte sich stark für die Unterstützung der Juden in Palästina ein. In zahlreichen Artikeln im <em>Israelit</em> warb er für Spenden zur <em>Chalukah</em> (Unterstützungsverteilung an den Alten Jischuw).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Rahmen dieser Tätigkeit fungierte er als <strong>Offizieller / Funktionär des Bate-Mahase-Vereins</strong>, der auf Initiative des Kollel Hod und im Namen Hildesheimers gegründet worden war, um den Bau und den Unterhalt der Wohnungen in Jerusalem zu fördern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit besteht eine klare institutionelle und organisatorische Verbindung zwischen Rabbiner Markus Lehmann und den Batei Mahse in der Altstadt von Jerusalem – er gehörte zu den deutschen Unterstützern und Organisatoren dieses Projekts.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref27" id="_ftn27">[27]</a> KI: Die Zeitschrift „Jüdische Familienforschung“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Familien-Forschung), erschien von 1924 bis 1938 in Berlin.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref28" id="_ftn28">[28]</a> <strong>Hitachduth Olej Germania</strong> (hebräisch: <strong>התאחדות עולי גרמניה</strong>; oft abgekürzt <strong>HOG</strong>) war die <strong>Vereinigung der Einwanderer aus Deutschland</strong> in Palästina (später Israel).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gründung und Geschichte</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Gegründet im <strong>Februar 1932</strong> in Tel Aviv von bereits ansässigen deutschen Zionisten, darunter die Ärzte Dr. Theodor Zlocisti und Dr. Ernst Lewy.</li>



<li>Ziel war zunächst die Beratung und Unterstützung von (potenziellen) Einwanderern aus Deutschland.</li>



<li>Mit der massiven Einwanderung der <strong>Fünften Alija</strong> nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wuchs die Organisation stark und wurde zur zentralen Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation der deutschsprachigen Juden („Jeckes“) im Jischuw.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Tätigkeiten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die HOG half den Neuankömmlingen bei:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Arbeitsvermittlung und beruflicher Umschulung,</li>



<li>Wohnungsbeschaffung und wirtschaftlicher Integration,</li>



<li>sozialer Unterstützung (Hilfskasse, Beratung in Notlagen),</li>



<li>kulturellen und sprachlichen Angeboten (Hebräischkurse, Vorträge, Informationsarbeit),</li>



<li>Vertretung gegenüber den britischen Behörden und den Institutionen des Jischuw.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Sie gab das <strong>Mitteilungsblatt der Hitachduth Olej Germania</strong> (auch <em>Yediot Hitachdut Olei Germania</em> / <em>MB</em>) heraus, das wichtige Informationen für die Einwanderer enthielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Weitere Entwicklung</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>1938 Fusion mit dem Verband der Einwanderer aus Österreich → <strong>Hitachduth Olej Germania we Austria</strong> (HOGOA).</li>



<li>1942 Umbenennung in <strong>Irgun Olei Merkaz Europa</strong> (Organisation der Einwanderer aus Mitteleuropa), um den Begriff „Germania“ zu vermeiden.</li>



<li>Die Organisation besteht bis heute fort als ארגון יוצאי מרכז אירופה (Organisation der Israelis mitteleuropäischer Herkunft / Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft). Sie kümmert sich weiterhin um soziale, kulturelle und generationale Belange der Nachkommen der deutschsprachigen Einwanderer.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hitachduth Olej Germania spielte eine zentrale Rolle bei der Integration der deutschen und österreichischen Juden in den Jischuw und prägte das Bild der „Jeckes“ in Israel.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/deutsche-juden-im-alten-jischuw/">Deutsche Juden im Alten Jischuw</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Elul 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/elul-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 08:27:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Monatsblatt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5654</guid>

					<description><![CDATA[<p>Bereits ab dem 1. Elul wird nach dem Morgengottesdienst das Schofar geblasen. Welche Bedeutung hat der Elul-Schofar für uns? Dieser Frage geht Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l nach. Durch unser Leben im Galuth haben heidnische, im Sinne von nicht jüdische, Gedanken und Vorstellungen einer Gottheit auf große Teile unseres Volkes verheerenden Einfluss. Diesen heidnischen Einflüssen [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/elul-5786/">Elul 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Bereits ab dem 1. Elul wird nach dem Morgengottesdienst das Schofar geblasen. Welche Bedeutung hat der Elul-Schofar für uns? Dieser Frage geht Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l nach. Durch unser Leben im Galuth haben heidnische, im Sinne von nicht jüdische, Gedanken und Vorstellungen einer Gottheit auf große Teile unseres Volkes verheerenden Einfluss. Diesen heidnischen Einflüssen will Rabbiner Hirsch s“l mit diesem Essay sich widersetzen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Artikel stammt aus der Zeitschrift „Jeschurun“ 5. Jahrgang, Heft 12, September 1859.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2943936">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2943936</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Jahr geht zu Ende — und der Schofar ruft zu ernster Betrachtung. Was ist uns geworden dieses Jahr — was sind wir geworden in dem Jahr? Wo und wie findet uns der Schofar wieder, nachdem er uns vor einem Jahr mit seinem letzten Ne´ila-Gruß<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> ins Leben entlassen, neugeschaffen, neugeboren für ein heiteres, kräftiges, mutig zu Gott aufstrebendes, heiter zu Gott aufblühendes Leben — wo findet er uns wieder, wie findet er uns wieder, da er wieder kommt als die Stimme unseres Hirten, der seine Herde sucht, der seinen verlorenen Schafen nachgeht, die sich verloren in Nacht und Nebel der Zeit, in Sturm und Wetter zürnenden Geschickes, oder die sich seiner Führung entzogen, verlockt von Sonnenschein, der über die Heiden hinglänzte, von den Blümlein die am Wege nickten, von dem Quellen-Rauschen, das aus der Wüste herübergeflüstert, — wo findet er uns, und wie findet er uns? Haben seine Zeiten-Herolde an uns ihre Sendung vollbracht, die er uns väterlich fürsorgend auf unserer Wanderung durch den Kreisgang des Jahres zugesellt: der hellere Sukkah-Herold mit seinen Hütten schmückenden, Leben beseligenden Blumen und Früchten des Vertrauens und der Freude, — der Chanukka-Herold mit seinem Lichtgruß des Makkabäer-Geistes und Makkabäer-Mutes, — der Purim-Herold mit seiner Geschichtsrolle des Judenhasses und der Juden-Rettung, — der Pessach-Herold mit seiner Mazza, seinem Bitterkraut, seinen vollen Kelchen und seiner diese Symbole deutenden Erzählung von Israels Knechtschaft und Ägyptens Hochmut, von Ägyptens Fall und Israels Befreiung und Rettung, Erlösung und Erwählung, — und der Schawuoth-Herold, der zu dem Ziel dieser ganzen Befreiung und Rettung, Erlösung und Erwählung, der zu dem in Feuer lodernden Berg hinführte um uns das Feuer-Gesetz unseres Lebens, das Licht und das Feuer, die Glut und die Wärme, die Läuterung und Verklärung unseres irdischen Daseins zu bringen, — was sind sie uns geworden, diese Herolde, haben sie uns ruhiger und glücklicher, haben sie uns geistiger und mutiger, haben sie uns dankbarer gegen Gott und unser Geschick, unseres Berufes bewusster und opferfreudiger der Erfüllung desselben leben lassen? Und die Herolde mit den florumhüllten Stäben, die auch die Tage fastender und trauernder Erinnerung bei uns einführten und das Gedächtnis weckten, wie alles, was Gott für uns gebaut, durch unsere eigene Verirrungen zusammenstürzte und alle Völkerfreundschaft, alle Tapferkeit und aller Kriegermut gegen Assurs Pfeil<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> und Roma´s Schwert<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Israel nicht schützt wenn Israel<strong> </strong>mit Gott den Bund gebrochen und die Tapferkeit des jüdischen Lebens verscherzt — haben diese Herolde mit den florumhüllten Stäben uns vor den eigenen Verirrungen des Tages geschützt, haben sie uns beherzigen gelehrt, wo unsere Hoffnung graut und wo unsere Verzweiflung beginnt — und die treuen Sabbat- und Neumonds-Herolde, die von Woche zu Woche von Mond zu Mond uns nicht verließen und uns immer neu brachten den Gruß der Gotteshuldigung und der Lebenserneurung, ist es ihnen gelungen uns im Bund mit unserem Schöpfer und auf der lichtanstrebenden Bahn unserer geistigen und sittlichen Veredlung zu erhalten, hat uns der Sabbathgeist und die Neumondssühne<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> durch alle die hellen und dunklen Tage des Jahres geleitet, und hat uns in Freud und Leid, in Wohl und Weh durch Freud und Leid, durch Wohl und Weh nur immer inniger mit unserem Vater im Himmel verknüpft, nur immer seliger uns des Bewusstseins froh gemacht vor seinem Angesicht zu leben, vor seinem Angesicht zu streben, vor seinem Angesicht zu entsagen und zu sterben, dass jetzt, wo mit Jahresende sein Schofar uns finden will, er nicht weit zu suchen hat um uns zu finden??</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ach, wenn je Gottes Volk an diese seine unsichtbaren, aber ewigen, unsterblichen Boten gewiesen war, wenn je, wie einst am ersten Ersten-Elul, der Schofar durch das jüdische Lager die Mahnung und Warnung zu tragen hatte: lasst euch nicht irren, wenn der „<strong>Mann Moses</strong>&#8220; von euch gegangen, wenn kein sterblicher, sichtbarer Mensch mehr bei euch Gottes Sache vertritt, Gottes Willen lehrt und euch zeigt wo das Licht und die Gnade, wo das Ziel eurer Wanderung winkt, — lasst euch nicht irren, wenn in ägyptischem Wahn Erzogene, von ägyptischem Wahn Betörte mitten unter euch weilen<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>, die euch zum Reigentanz um das Göttertier laden, — wenn ihr auch nicht wisst, „was aus dem Mann Moses geworden&#8220;, das <strong>Gesetz</strong>, das er euch gebracht, die Gottes<strong>worte</strong>, die<strong> </strong>er<strong> </strong>euch<strong> </strong>gelehrt, die<strong> </strong>sind<strong> </strong>ja<strong> </strong>die<strong>&nbsp; &#8220; חַיִּים וְקַיָּמִים &#8220; , </strong>die<strong> </strong>„lebendigen und bleibenden,&#8220; die sind ja bei euch, die verlassen euch nicht, von ihnen lasst euch leiten, wenn ihr die menschliche Führung in dem Weg Gottes vermisst — wenn je der Elul-Schofar diese seine ernste Mahnung an uns zu wiederholen hätte, müsste es nicht unsere Zeit, oder eine Zeit wie die unsrige sein, der vor allem zuerst eine solche Stimme zu gelten haben würde? —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie einst auf unserer Wanderung in der Wüste stehen wir verlassen, von <strong>menschlicher</strong> Führung verlassen und den Zuflüsterungen <strong>fremder</strong> Elemente im <strong>eigenen</strong> Kreis preis. „<strong>Männer</strong>&#8222;, wie sie uns die göttliche Liebe in den schwersten Zeiten der dunkelsten, prüfungsvollsten Jahrhunderte schaffte, in denen das Volk den Geist Gottes lebendig erkannte, in deren Mund sein Gesetz und somit sein Wille sich ihm kundtat, und in deren Leben es das verwirklicht sah, was es selber zu erstreben hatte, Männer, die mit Wort und Tat, wie die Feuersäule in den Nächten und wie die Wolkensäule am Tage vor uns her wandelten auf dass wir zu gehen wussten und zu gehen vermochten bei Tag und bei&nbsp; Nacht, die mit dem Gottesstab des Gesetzes uns sicher durch Fluten führten, in welchen die stolzesten Nationen ihre Gräber fanden, die mit dem Gesetzesstab in ihren Händen uns den Mirjamsbrunnen in der Wüste zu graben verstanden, verstanden uns mit dem Baum der Gotteslehre den bittersten Trank zu versüßen, an der Hand des göttlichen Gesetzes und der Gotteslehre uns eines jeden Tages froh werden und nicht durch die Sorge des morgenden Tages den gottfrohen Genuss des heutigen Daseins verkümmern zu lassen, — Männer, die auch den Mut hätten <strong>uns</strong> entgegenzutreten, wenn wir uns verirrt, den Mut hatten, das goldene Kalb unserer Vergötterung vor unseren Augen zu zertrümmern und die Kraft, die Überzeugung hatten uns unserer Verirrungen inne zu machen, dass wir in uns gingen und wussten, wir hätten den Gottesschmuck vom Horeb verscherzt — solche Männer, wo sind sie? Mehr als je bedürften wir des <strong>Mannes</strong> Mosche und der Mann ist von uns gegangen, und wir wissen nicht <strong>wann</strong> er wieder kehrt — <strong>ob</strong> er wiederkehrt — und die er zurückgelassen, die seine Stellvertreter sein sollten, die statt seiner das Wort der Gotteswahrheit und des Gottesgesetzes unter uns vertreten sollten, die Besten unter ihnen liegen entweder wie Chur<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> begraben unter den Steinwürfen ihrer irregegangenen Brüder, oder es hat sie Verzagtheit und Schwäche, menschliche Schwäche beschlichen, die von Temporisieren, Nachgiebigkeit, Vermittlung, und wie die friedlichen Justemilieu-Parolen alle heißen, die Rettung der Gottessache und die Erhaltung des Volkes bei der Gottessache erhoffen und nicht sehen, wie die Wahrheit halb preisgeben, sie ganz preisgeben hieße, wie nur im Gebiet eigener Interessen Nachgiebigkeit hohe Tugend sei, aber zu immer größerem Verbrechen erwächst, je mehr sie nur auf Kosten anvertrauter heiliger Güter geübt wird und vollends als schmählichster Verrat da steht, wenn sie den preisgibt, der eben durch Widerstand zur Besinnung erwachen sollte und wenn sie eben durch ihre Halbheit die Göttlichkeit der Sache selber verleugnet, deren Anerkennung sie damit retten zu wollen sich beredet. Sie meint durch Konzessionen vindizieren<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> zu können und vergisst, dass ihre Gegner nur die in ihrem Zugeständnis eingeräumte Verleugnung akzeptieren und ihr eben damit mit voller Berechtigung die Befugnis absprechen auf die Rettung des Teils zu bestehen, dessen Erhaltung sie der Strömung der Zeit in so hinkender Position abgewinnen zu können vermeint. „Ist das eine nicht göttlich, warum wäre es das andere?!“ — und während die einen schweigen und die andern temporisieren geht das Volk bei den ägyptischen Apispriestern<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a> in die Schule, baut ihren Göttern seine Altäre und bringt<strong> </strong>mit<strong> </strong>dem<strong> </strong>Ruf:<strong> אֵ֤לֶּה אֱלֹק֙יךָ֙ יִשְׂרָאֵ֔ל!<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup><strong><sup>[9]</sup></strong></sup></a> </strong>dem<strong> </strong>modernen<strong> </strong>Kultus<strong> </strong>die<strong> </strong>Huldigungen ihrer sinnenberauschenden Reigentänze dar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer solchen Zeit der ernstesten Versuchung geht die Mahnung des Elul-Schofars durch das jüdische Lager und weist wie einst zur Zeit jenes ersten verhängnisvollen Eluls auf die zertrümmerten Gesetzestafeln, auf die gefallenen Apis-Verirrten, auf die des Chorebschmuckes beraubten Übrigen hin und warnt vor den Stunden der Schwäche, vor den Einflüsterungen des Wahnes und vor der Verkennung der Wahrheit, die allein Israel zu retten vermag, wenn die Lüge in seinem eigenen Kreis ihre Priester und Herolde gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wohl haben wir den Tischri-Schofar zu erwarten. Aber was wird er nützen, wenn wir den Schofar des Elul, diesen Vorherold des Tischri überhört! Ist es doch bereits so weit gekommen, dass Rosch Haschana zur Rückkehr und Jom Kippur zur Buße lädt, und der vom Gottesgesetz Abgefallenste hört ihren Theruah-Ruf zur Besserung, zur Rückkehr zu Gott und dem von Ihm gestifteten jüdischen Bund — aber er glaubt gar nicht, dass ihm dieser Ruf gelten könne, er hat gar kein Bewusstsein von seinem Abfall mehr, ja sein Abfall selbst, die schnödeste Höhnung und Übertretung göttlicher Gesetze, hat man ihn im Licht der Tugend, des Fortschritts, der Erleuchtung und Veredlung betrachten gelehrt, dass er sich unter dem erschütternden Sinai-Schall der Schofar-Thekioth und Theruoth eben seines Abfalls als einer Gottesverherrlichung zu rühmen vermöchte und vor das Angesicht seines Richters und Herrn als der wahre Jude, als das geläuterte reine Israel, als der edelste, treueste Sohn und Diener seines Gottes — eben in seinem Ungehorsam und durch seinen Ungehorsam treu und edel! — zu treten wagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der „Mann&#8220; Mosche fehlt, hat man uns zu den „Fremden&#8220;<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a> in die Schule geschickt, zu denen ein Echo vom Sinai-Wort gekommen und die nun bereits fast zweitausend Jahre an Überwindung ihres Heidentums<a href="#_ftn11" id="_ftnref11">[11]</a> arbeiten, aber eben in dieser Arbeit eine vielfache Trübung und Versetzung, Entstellung und Verkümmerung erdulden mussten, sonst wäre ja die Arbeit an ihnen längst schon vollbracht. Dieses Echo vom Sinai hat ihnen (den „Fremden“) einen Gottglauben und eine Gottreligion, Feste und Religionsbücher gebracht. Auch das Buch Mosches haben sie in Händen; allein es musste den einen zu einer zu überwindenden und von ihnen überwundenen Vorstufe der „wahren&#8220; — natürlich „ihrer&#8220; — Religion erniedrigt werden und es warfen es die anderen zu den „Büchern&#8220; überhaupt, zu den Erzeugnissen menschlichen Geistes, in denen der Menschengeist seine Triumphe, aber eben nur temporäre, zeitliche Siege feiert. Und nun zu diesen mit menschlichem Wahn den göttlichen Funken trübenden oder den göttlichen Funken zu menschlichem Wahn erniedrigenden Lehren der „Fremden&#8220; hat man unser Volk — in Abwesenheit des Mannes Mosche — in die Schule geschickt, und während man die mehr als viertehalbtausendjährige<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a> Gottestat des geschichtlichen Israels — diese wahrhaftigste Einleitung zu den Büchern des Alten Bundes — verschmähte, während man die durch das lebendige Zeugnis einer ganzen Nation von mehr als dreitausend Jahren dokumentierte Überlieferung<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a> des Mosche selbst — diesen wahrhaftigsten und einzigen Kommentar zu den Büchern des alten Bundes — verschmähte — holten sich die Lehrer unseres Volkes Einleitung und Kommentar, Anleitung und Begriff <strong>ihrer</strong> ewigen Moscheslehre zu den Füßen derer, denen Jud&#8216; und Judentum als die Überwundenen und Gestorbenen gelten und die eben nur auf dem Grabe des Juden und des Judentums, auf der Antiquierung des alten Moses und seines Gesetzes den Bau und die Bedeutung des eigenen „Glaubens&#8220; und des eigenen „Systems&#8220; aufzuführen vermögen. Ist es ein Wunder, dass auf diesem Kanal Heidentum und das trunkene Jubelgeschrei von Antiquierung des alten Moschegesetzes, von dem „Verschwinden des alten Mosches&#8220;, und von dem Fraternisieren aller „gebildeten und erleuchteten Israeliten&#8220; mit den anderen Völkern im Glauben und Leben bei uns eingezogen, und Churs Schicksal die einen schreckt und in Temporisieren die Schwäche der anderen ihre Verderben bringende Hoffnung setzt? Und da täte es nicht Not, dass bevor der Tischri mit seinem Theruah-Ruf, seiner Sühne-Verheißung, seinem Hütten- und Freuden-Fest kommt, der Elul-Schofar vorangehe, uns alle, alle erst mahne und warne, uns alle, alle erst anrufe uns zu sammeln, uns von den von den Fremden und Entfremdeten aufgesogenen Irrtümern zu reinigen, auf dass wir dem Jom Hakkipurim, der uns die Wiedergeburt der Sühne verspricht, nur mit den wiederhergestellten Gesetzestafeln, die unser Wahn zerbrochen, entgegengehen, auf dass Gott auf die erneuten Tafeln uns wieder die alten Worte des alten Gesetzes, die Bedingungen seiner Sühne schreibe<strong> — </strong>auf<strong> </strong>dass<strong> </strong>nicht, wenn<strong> </strong>der<strong> </strong>Kalender<strong> </strong>spricht:<strong> חַ֥ג לַה&#8216; מָחָֽר </strong>, ein Fest des Herrn ist morgen!<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a> wir von heidnischem Wahn betört, dem<strong> </strong>Gottesfest<strong> </strong>mit<strong> </strong>heidnischem<strong> </strong>Sinn<strong> </strong>entgegengehen<strong> </strong>und<strong> אֵ֤לֶּה אֱלֹק֙יךָ֙ יִשְׂרָאֵ֔ל </strong>jubeln, wo<strong> </strong>uns<strong> </strong>das<strong> </strong>Fest<strong> </strong>zu <a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a><strong>אֱלֹקי יִשְׂרָאֵל וְתוֹרָתוֹ</strong> führen soll.<strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn wahrlich über keinen Monat hat die Berührung mit den Fremden und ihren „religiösen&#8220; Ansichten so den Anhauch heidnischer<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a> Trübung verbreitet, als über den Tischri, als gerade über den Monat, der uns mit seinen Institutionen immer wieder und wieder zu dem alten Leben in der alten Gottestreue verjüngen und mit dem reinen echten Horebschmuck bekleidet unserem Gott und seinem Gesetz wieder zuführen sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ob die jüdischen Feste heidnische Feste wären, als ob Israels Gott ein Götze des Heidentums wäre, der mit Blut zu versöhnen, und in irgend einem stellvertretenden Tod oder Sterben stellvertretenden Ersatz und Genüge für das eine, einzige was Not tut, für die Rückkehr zu dem Gesetz seines Willens und dem Aufbau des Lebens auf dem Boden dieses Gesetzes zu finden beliebe, als ob der Gott des Judentums ein Gott wäre, der auch nur in Tempeln und an Altären wohne und nur nicht ganz und gar vergessen sein will, nur doch auch einmal im Jahr die Genugtuung einer zeremoniösen Huldigung, das Opfer eines in Kasteiung hinsterbenden Tages fordere — als ob er nicht der Gott des Himmels und der Erde, nicht der Gott des ganzen Lebens, nicht der Gott <strong>jeden</strong> Pulsschlags und jeden Atemzuges wäre, nicht sein wahrhaftiges wirkliches Reich in allem unseren Denken und Fühlen, allem unseren Handeln und Genießen, allem unseren Reden und Tun haben wolle, als ob er nur in unsere Synagogen, als ob er nicht zunächst und zuerst und am bleibendsten und innigsten in unseren Herzen und Häusern, in unseren Stuben und Kammern, in all den Räumen unseres ganzen häuslichen Familien- und Bürger-Lebens wohnen, und erst dort mit unserem ganzen Leben, mit jeder Fuge unseres Daseins und Strebens verehrt sein will, wie er es uns in seinem Gesetz gelehrt — als ob Er nicht gesprochen: „so wahr Ich lebe, spricht Gott, so habe ich auch nicht Freude an dem Tode des Toten, sondern daran, dass er <strong>zurückkehre</strong> von seinem Wandel und <strong>lebe</strong>!&#8220;<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a> — als ob Er nicht wider Tempel, die ein jüdisches Heidentum zu seiner Verehrung erbaut, das ewige Wort der Vernichtung gesendet: „Himmel mein Thron, Erde meiner Füße Schemel — und ein Haus wollt Ihr mir bauen und mich auf einen Raum anweisen: dort magst du ruhen! <strong>Alles</strong>, <strong>alles</strong> hat meine Hand geschaffen, als alles, was ist, geworden! Darum schau ich nur auf den nieder, der, und wäre er arm, und wäre er Gemüts gedrückt, doch nur die eine Sorge kennt <strong>— mein Wort zu erfüllen</strong>!&#8220;<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a> — als ob das alles nicht gesagt, nicht in tausendfältigen Weisen wiederholt, nicht aus jedem Wort des göttlichen Gesetzes, aus jeder Mahnung des göttlichen Prophetenwortes, aus jeder Fuge des göttlichen Erziehungswerkes an Israel mit tausend Feuerzungen spräche — könnten wir, vom Anhauch des in unsere Mitte gedrungenen, fremden Heidentums gegen dieses alles betäubt und geblendet, den Fest-Monat Gottes in heidnischem Götzentaumel begehen, es könnte uns der Tischri mit all seiner Feier statt zu Gott nur immer weiter fern ab von seinem Bund und seiner das ganze Leben fordernden Weihe führen, es könnte uns der Tischri und unsere Beteiligung an seinen Festen nur eine Abfindung mit Gott und unserem Gewissen bringen, um unseren Abfall den Stempel der Weihe und den Abschluss der Sühne zu gewähren, als ob Gott, der lebendige Gott des Lebens, der in Wahrheit und Wirklichkeit nicht weniger als die dreihundertvierundfünfzig Tage unseres Mondjahres samt den elf Sonnenjahrsschalttagen fordert, sich — wie ein toter opferdurstiger Götze mit dem Opfer eines Monats, oder auch nur einiger Tage dieses Monats, einiger Stunden dieser Tage, einiger verfliegenden Regungen dieser Stunden — begnügen müsse, begnügen möge, begnügen werde — <strong>darum tritt der Elul mit einem Schofarruf vor den Tischri her, und sendet, wie einst, die Mahnung durch Israels Lager:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Lasset<strong> </strong>euch<strong> </strong>nicht<strong> </strong>zum<strong> </strong>zweiten Male<strong> </strong>von<strong> </strong>dem <strong>&nbsp;<a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup><strong><sup>[19]</sup></strong></sup></a> עֶרֶב רַב</strong>, von den fremden Richtungen in eurer Mitte betören, denen es gleich gilt, welchen Gott der Mensch anbete, wenn er nur religiös ist, wenn er nur einem Gott gleichviel welchen, und gleichviel wie verehrt, — die der Wahn betört, als sei es des Menschen sich beliebig einen Gott zu wählen und eine Gottverehrung zu schaffen — <a href="#_ftn20" id="_ftnref20"><sup>[20]</sup></a> <strong>עַל־דִּבְרַת֙ בְּנֵ֣י הָאָדָ֔ם לְבָרָ֖ם הָאֱלֹקים</strong> — die<strong> </strong>darum<strong> </strong>mit<strong> </strong>voller<strong> </strong>Gemütsruhe unter dem flammenden Sinai ihrem Götzen den Altar hinstellen und uns zu dem Ruf begeistern möchten<strong> —</strong><strong> </strong><strong>אֵ֤לֶּה אֱלֹק֙יךָ֙ יִשְׂרָאֵ֔ל</strong><strong>! — </strong>Nicht<strong> </strong>der<strong> </strong>Mensch<strong> </strong>hat<strong> </strong>seinen Gott zu rufen, Gott ruft seine Menschen herbei, ruft sie herbei zu seinem Dienst, zur Erfüllung seines Willens, — wie einst am Sinai ruft uns zu Seinem Schofar und nur wenn wir die zerbrochenen Gesetzestafeln wieder erneuen und auf die neuen Tafeln nur das alte, nichts als das alte, von Gottes Finger geschriebene Gesetz wieder<strong> </strong>erwarten, wird<strong> </strong>Gott<strong> </strong>uns<strong> </strong>der<strong> </strong><strong>אֵ֥ל רַח֖וּם וְחַנּ֑וּן<a href="#_ftn21" id="_ftnref21"><sup><strong><sup>[21]</sup></strong></sup></a> </strong>&nbsp;sein, wie er es verheißen, wird den Abfall unserer Vergangenheit verzeihen und uns durch seinen Tischri-Schofar über den Jom Kippur zum Sukkoth, über die Brücke der Sühne zu einem erneuten Bau unserer Lebenshütte in Vertrauen und Freude führen —</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Ne´ila ist das Schlussgebet am Jom Kippur</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Assyrien vernichtete das Königreich Israel</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Die Römer vernichteten den Überrest des Königreiches Juda</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Der <strong>Jom-Kippur-Katan</strong> am Vorabend von Rosch Chodesch wird von vielen aschkenasischen Juden auch heute noch gehalten. Siehe „Sidur Sefat Emet“ mit der Übersetzung von Rabbiner S. Bamberger s“l S. 319 ff. oder Sidur<strong>נר יששכר </strong><strong>&nbsp;</strong>der IRG Zürich S. 616 ff.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Als die Juden aus Mizraim zogen, zogen auch Ägypter und andere Nichtjuden mit ihnen. Die Thora nennt sie <strong>ערב רב</strong>. S. Exodus 12:38. Rabbiner Hirsch s“l übersetzt dort „große gemischte Menge“, Rabbiner Bernfeld „viel Tross“ und die Rabbinen Wohlgemuth s“l und Bleichrode s“l „viel gemischtes Volk“. Der Überlieferung nach verführte dieses <strong>ערב רב</strong> die Juden immer wieder zur Sünde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Der Midrasch Tanchuma sagt, dass Chur gesteinigt wurde, als er sich dem Bau des „Goldenen Kalbes“ als einziger widersetzte. Siehe Rashi zu Exodus 32:6.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Einen Anspruch erheben</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> KI: Apispriester betreuten den heiligen Apis-Stier im alten Ägypten, der als lebendige Inkarnation des Gottes Ptah in Memphis verehrt wurde. Diese Priesterschaft war extrem einflussreich, pflegte und fütterte das Tier in einem eigenen Tempel und leitete nach seinem Tod die aufwendige Mumifizierung sowie die Bestattung im Serapeum in Sakkara.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Exodus 32:4; „Dies sind deine Götter, Jisrael“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Ins Galuth</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> s. Fußnote 16</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> KI: &nbsp;„Viertehalbtausend“ = <strong>ca. 4.500 Jahre</strong> (eine im 19. Jahrhundert übliche, etwas gerundete Zeitangabe für die biblische Geschichte Israels, beginnend mit Abraham um ~2000 v. Chr. oder früher). Gemeint ist die <strong>gesamte Heilsgeschichte Gottes mit Israel</strong> als Volk (Erwählung Abrahams, Exodus, Bund am Sinai, Landnahme, Propheten, Exil und Rückkehr usw.). Diese wird als <strong>„Gottestat“</strong> (göttliches Handeln in der Geschichte) bezeichnet und als die <strong>wahrhaftigste Einleitung</strong> zu den Büchern des Alten Testaments gesehen. Die reale Geschichte des Volkes ist der lebendige Kontext und die beste „Vorrede“ zur Bibel.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> KI: Gemeint ist die <strong>mündliche und schriftliche Überlieferungstradition</strong> (einschließlich der späteren mündlichen Tora, Halacha und jüdischen Auslegung), die das Volk Israel über mehr als 3.000 Jahre hinweg bewahrt und weitergegeben hat. Diese lebendige jüdische Tradition wird als <strong>„wahrhaftigster und einziger Kommentar“</strong> zu den Büchern des Alten Bundes bezeichnet – also als die authentischste Auslegung, weil sie direkt aus der Volks- und Glaubenserfahrung Moses’ und seiner Nachfolger hervorgeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Exodus 32:5</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Zum Gott Israels und seiner Lehre</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> KI: „Heidnisch“ steht hier nicht für „polytheistisch“ im engeren Sinne, sondern für alles Nicht-Jüdische, das dem reinen Sinai-Glauben fremd ist. „Heidnisch“ ist also der Gegenbegriff zu „jüdisch-mosaisch“. Es bedeutet: fremd, unrein, verdunkelnd, den ursprünglichen Charakter der Tora verwässernd. Der Autor sieht die Feste des Monats Tischri (Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot) als besonders reine, nationale und göttliche Institutionen, die das Volk jedes Jahr wieder zum Sinai zurückführen sollen. Jede fremde Einfärbung – ob christliche Neujahrssymbolik, sentimentale „Versöhnungs“-Ideen oder assimilierte Festbräuche – gilt ihm deshalb als <strong>„heidnischer Anhauch“</strong>, der die ursprüngliche Kraft dieser Feste trübt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Jecheskiel 33:11</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Jesaja 66:1-2</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Siehe Fußnote 5</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Kohelet (Prediger) 3:18; „Ist es die Rede des Menschen, sich einen Gott zu erwählen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> Exodus 34:6; „der barmherzige und gnädige Gott“</p>
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		<title>Magazin für den Monat Elul 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-elul-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 08:22:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
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		<title>Willkommen zur 11. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-11-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:42:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Willkommen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>für den Monat Aw 5786 „Warum ging Juda ins Exil?“ Dieser Frage geht Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l in seinem Monatsblatt zum Monat Av nach.Das Monatsblatt für den Monat Av finden Sie hier. Antisemitismus, besser Judenhass, kurz vor der Machtergreifung 1933 durch die NSDP untersucht Rabbiner Dr. Hermann Klein s“l in einer Studie in der [&#8230;]</p>
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<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2022/08/image.png" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist image.png"/></figure>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>für den Monat Aw 5786</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum ging Juda ins Exil?“ Dieser Frage geht Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l in seinem Monatsblatt zum Monat Av nach.<br><strong>Das Monatsblatt für den Monat Av finden Sie<a href="https://hirschinitiative.de/aw-5786/"> hier</a>.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Antisemitismus, besser Judenhass, kurz vor der Machtergreifung 1933 durch die NSDP untersucht Rabbiner Dr. Hermann Klein s“l in einer Studie in der Zeitschrift Nach<em>a</em>lath Z´wi.<br><strong>Den Artikel „Judenhass“ von Rabbiner Dr. Hermann Klein finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/judenhass/">hier</a>.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinderecke — nicht nur für die jüngeren Leser unserer Zeitschrift — beendet mit zwei Geschichten und einer ausführlichen Beschreibung des Rabbiners, Dichters und Philosophen <strong>Salomo Ibn Gabriol</strong> diese Ausgabe.<br><strong>Die Kinderecke finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-aw/">hier</a>.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie immer können Sie sich das gesamte Monatsmagazin auch herunterladen. Bitte vergessen Sie dann Ihre Spende nicht!<br><strong>Das Monatsmagazin für den Monat Aw finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-aw-5786/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-11-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/">Willkommen zur 11. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kinderecke Aw</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-aw/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:31:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av. Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden. [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Und wieder habe ich etwas in der Zeitung „Der Israelit“ für die jüngeren Leser dieser Zeitschrift gefunden. Sogar passend zum Monat Av.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Die erste Geschichte „Aus Jerusalems letzten Tagen“ erschien in zwei Ausgaben, und zwar am 28.07.1921 und am 04.08.1921. Die zweite Geschichte „Des Sängers Fluch“ habe ich ebenfalls in der zuletzt genannten Ausgabe gefunden.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Da sich die zweite Geschichte auf den Rabbiner Salomo Ibn Gabriol s“l bezieht, befindet sich eine ausführliche Personenbeschreibung (Wikipedia) dieses Dichters, Sängers und Philosophen im Anhang zu dieser Geschichte.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2526270</a></p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2526284</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Aus Jerusalems letzten Tagen.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">(Nach dem Midrasch Echo und Talmud Gittin.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dreieinhalb Jahre belagerte Vespasjan Je­rusalem, und vier fürstliche Heerführer unterstanden seinem Befehl, die Fürsten von Arabien, Afrika, Alexandrien und Palästina. In Jerusalem aber standen an der Spitze der Bevölkerung vier reichbegüterte Männer: Ben <strong>Zijis</strong>, Ben <strong>Gu­rton</strong>, Ben <strong>Nakdimon</strong> und Ben <strong>Kalba Sabua</strong>. Jeder von ihnen hatte so reiche Mittel, dass er eine ganze Provinz zehn Jahre lang hätte ernähren können. Da war aber an der Spitze einer zum äußersten Kampf entschlossenen gewaffneten Mannschaft, der <strong>Barjonim</strong>, Ben <strong>Batiach</strong>, der Schwestersohn Rabbi Jochanan ben Sackais. Dieser Kraftmensch, der vor keiner Gewalt zurückscheute, hatte kein anderes Ziel im Auge, als die Jerusalemer Mannschaft zum Aus­fall aus der Festung zu zwingen und auf Leben und Tod eine Entscheidung herbeizuführen. Un­glücklicherweise war ihm die Bewachung der Lebensmittelvorräte in der Festung anvertraut. Mit trotziger Entschlossenheit steckte er diese seiner Obhut anvertrauten Schätze an Nahrung in Brand, um den Ausfall aus der Festung und die militärische Entscheidung zu erzwingen. Als Rabbi <strong>Jochanan ben Sackai</strong> von diesem Verzweiflungsakt hörte, rief er tieferschüttert aus: „Wehe (<strong>ווי</strong>) über Jerusalem!&#8220; Ben Batiah wurde diese Gefühlsäußerung seines Oheims so­fort hinterbracht, er ließ den Greis zu sich ent­bieten, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Warum hast du Wehe gerufen&#8220;, herrschte er ihn an. Rabbi Jochanan, der in all seiner Be­scheidenheit wusste, wie bitter nötig seine weitere Wirksamkeit dem schwergeprüften jüdischen Volke noch sein werde, antwortete, um sein Leben zu retten: „Nicht <strong>ווי</strong> habe ich gerufen, sondern „Wo<strong>ווה</strong><strong> </strong>.&#8220; („Wo&#8220;, ist im Aramäischen ein Ausdruck der Freude.) Warum dies? fragte Ben Batiach. „Ich freute mich, dass du alle Vorräte verbrannt hast, denn solange sie vorhanden waren, würde das Volk in der Tat sein Leben nicht hingeopfert haben, um den Kampf mit der Belagerungsarmee aufzunehmen.&#8220; So wurde Rabbi Jochanan durch den haarscharfen Unterschied zwischen <strong>י</strong> und <strong>ה</strong> vom sicheren Tode errettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei Tage später ging Rabbi Jochanan ben Sackai auf den Markt hinaus und sah, wie dort bereits hungernde Menschen Stroh kochten und den ausgekochten Strohsaft als Nahrung schlürften. Da sagte sich Rabbi Jochanan: „Wo sollen Menschen, die von ausgekochtem Strohsaft leben, den Heeren eines Vespasjan widerstehen können, hier bleibt keine Rettung, als die An­knüpfung von Verhandlungen mit dem Belagerer.&#8220; Rabbi Jochanan überlegte! Sollte er nicht seinen Neffen Ben Batiach trotz dem furchtbaren Zu­sammenstoß der letzten Tage durch ein Wort der Liebe zu gewinnen, suchen? Er glaubte auf Ben Batiachs guten Kern vertrauen zu dürfen und war sicher, dass dieser nur unter dem Druck seiner fanatisierten Genossen so schroff gegen den Oheim ausgetreten war. So ließ er denn Ben Batiach bitten, ihm den Austritt aus der Festung zu gestatten. Ben Batiach ließ erwidern, dass das Militär beschlossen habe, niemand aus den Mauern Jerusalems herauszulassen, solange er lebe; nur <strong>Leichen</strong> könnten die Torwachen pas­sieren. Kurz entschlossen ließ sich Rabbi Jochanan, als sei er gestorben, in ein Leintuch gehüllt, von seinen Schülern Rabbi Elieser und Rabbi Josua zum Stadttor tragen, während der in die List eingeweihte Ben Batiach als Begleitender dem Leichenzug voranschritt. Die Torwächter wollten zunächst, wie sie gewohnt waren, die Leiche mit dem Schwerte durchbohren, allein Ben Batiach wehrte ab. „Wollt Ihr — so rief er — vor dem Feinde die Schmach auf den jüdischen Namen laden, dass jüdische Soldaten die tote Hülle ihres allverehrten Lehrers und Meisters schänden?&#8220; So konnte denn der Leichenzug ungestört das Tor passieren und Rabbi Jochanan wurde in eine benachbarte Grabhöhle gebracht, während die Begleiter zur Stadt zurückkehrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaum hatten die Begleiter das Grabgewölbe verlassen, als Rabbi Jochanan sich in das Haupt­quartier der Belagerungsarmee begab, um bei deren Oberbefehlshaber Vespasjan Zutritt zu erbitten. „<strong>Wo ist der König</strong>?&#8220; fragte er den diensttuenden Offizier. Dieser meldete, ohne zu antworten, die imposante Erscheinung und die seltsame Frage dem römischen Feldherrn. „Du hast mich&#8220;, so empfing Vespasjan den jüdischen Weisen, „als König begrüßt, ohne dass mir diese Würde zukommt. Wenn die Tatsache dem Kaiser in Rom bekannt wird, kann sie mich das Leben kosten.&#8220; Rabbi Jochanan erwiderte: „Bist Du nicht König, so wirst du es werden, denn das Haus unseres Gottes kann nur durch einen König fallen, wie der Prophet Jesaja es ver­heißen: „Der Libanon wird durch einen Mäch­tigen fallen.&#8220; Hierauf führte man Rabbi Jo­chanan in ein von jedem Lichtstrahl abgeschlossenes unterirdisches Gemach, wo er Stunden und Tage verbrachte. Bevor man ihn wieder ans Tages­licht ließ, stellten die Römer ihm die Frage, welche Stunde am Tage es sei. Rabbi Jochanan nannte mit überraschender Genauigkeit die Stunde und erklärte diese Treffsicherheit damit, dass er während der ganzen Zeit bestimmte Abschnitte des überlieferten Lehrstoffes wiederholt und nach der für jeden Abschnitt erfahrungsgemäß not­wendigen Zeit genau feststellen konnte, wie viel Stunden des Tages und der Nacht verflossen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach kaum drei Tagen langte aus Rom am frühen Morgen die Botschaft ein, dass Kaiser Nero gestorben und Vespasjan zu seinem Nach­folger ausgerufen worden sei. Vespasjan ließ, noch mit dem Ankleiden beschäftigt, den jüdischen Weisen zu sich rufen, um ihm zu sagen, dass seine Prophezeiung sich überraschend schnell er­füllt habe. Dabei stellte sich heraus, dass Vespasjan trotz aller Mühe nicht in die ihm sonst tadellos passenden Schuhe hineingelangen konnte. Rabbi Jochanan ließ auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen, um die in großen wir in kleinen Dingen unerschöpfliche Lebensweisheit, die im jüdischen Schrifttum schlummert, vor den Augen des heidnischen Großen hell leuchten zu lassen. „<strong>Eine gute Botschaft lässt das Gebein schwellen</strong>&#8222;, sagt König Salomo — und „ein gedrücktes Gemüt dörrt die Knochen aus.&#8220; Du brauchst also, Kaiser Vespasjan dich nicht zu wundern, dass in diesem Augenblick höchsten Glückes deine Fußbekleidung nicht mehr passt.&#8220; Nun begannen auch die um Vespasjan versammelten Fürsten in geistvollen Gleichnissen Rabbi Jochanans Schlagfertigkett zu erproben und Vespasjan war von dem Scharfsinn, der Geistesgegenwart und der Seelengröße Rabbi Jochanans in einem tragischen Augenblicke der Geschichte seines Volkes so ergriffen, dass er die Unterhaltung mit den Worten schloss: „Stelle eine Bitte und ich werde sie erfüllen.&#8220; Rabbi Jochanan erwiderte: „Was ich will? Zieh ab mit deinen Herren aus unserem Land und überlasse Jerusalem den Juden.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Glaubst du, weiser Rabbi, dass ich deshalb Kaiser ward, um Jerusalem preiszugeben? Du musst schon eine andere Forderung stellen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hierauf Rabbi Jochanan: „Dann bitte ich nur um eins, lasst das Städtchen Jawne un­angetastet, <strong>damit dorthin die Thora und ihre Träger flüchten können</strong>.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Wunsch erfüllte Vespasjan, ohne zu ahnen, dass er damit die <strong>Unsterblichkeit des jüdischen Volkes gesichert hatte.</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Des Sängers Fluch.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor ungefähr 550 Jahren, da Spanien noch ein blühendes, glückliches Land war, lebte in Saragossa Rabbi <strong>Salomo ben Gabirol</strong><a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>, der große Dichter und Denker, dessen Ruhm durch alle Lande ging und bis auf den heutigen Tag in der jüdischen Welt andauert. Zu der Seelen­größe des Dichters gesellte sich auch körperliche Schönheit. In ganz Kastilien würden von Jung und Alt seine herrlichen Lieder gesungen. Auch die spanischen Könige und Fürsten verehrten den jüdischen Dichter und Philosophen ungemein und überhäuften ihn mit Ehren und Geschenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Wunder, dass Gabirol viele Neider und bittere Feinde hatte, die ihm nach dem Leben trachteten. Besonders zeichnete sich durch seinen Hass ein in hoher Stellung sich befindender Mohr, namens <strong>Haschan</strong> aus. Zu dem Neid, der im Herzen des Mohren brannte, kam auch noch die Eifersucht, denn er beschuldigte Gabirol, ihm seine Geliebte, die schöne Sulaima, abspenstig gemacht zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit hatte er aber den Dichter ganz zu Unrecht beschuldigt. Wohl sah Sulaima mit glühendem Entzücken und feurigen Augen zu der Wundergestalt des allbeliebten jüdischen Dichters empor. Er aber, Gabirol, erwiderte diese Liebe nicht und hatte kein Auge für die schmachtenden Blicke des Weibes, das einem anderen und auch einem anderen Volke angehörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allein, je gleichgültiger Gabirol sich zeigte, umso höher und flammender stieg die Liebe der jungen, schönen Araberin. Und eines Tages suchte sie die Nähe des Dichters auf und offen­barte ihm die heißen Gefühle ihres Herzens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edle Freundin&#8220;, sprach Gabirol, „schäumende Empfindungen des Augenblickes lassen Euch ver­gessen, dass wir zwei nicht zueinander gehören. Ich bin Angehöriger des jüdischen Glaubens, ihr aber Araberin und mohammedanischen Bekennt­nisses&#8220;.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das soll kein Hindernis sein&#8220;, warf Sulaima ein. „Nie darf Glaube der Liebe im Wege stehen. Ich will von heute an Jüdin, deines Glaubens sein&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter gewann es nicht übers Herz, die Bittende barsch zurückzustoßen und bat sie, sie möge sich die Sache doch noch reiflich überlegen, mit sich selber zu Gerichte gehen, Einblick in die Geschichte und das jüdische Gesetz zu gewinnen, um danach ihren Beschluss und ihren geplanten Schritt noch einmal zu prüfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Mohr Haschan blieb diese Wandlung im Herzen der Sulaima nicht verschlossen und er schwor, blutige Rache an Gabirol zu nehmen. Äußerlich ließ er aber nichts anmerken. Er stellte sich im Gegenteil sehr freundlich zu Gabirol und lud ihn zu einem Besuch in seine in einsamer Waldgegend gelegene Sommerwohnung ein. Nichts Böses ahnend, nahm Gabirol die Einladung an. Sie ergingen sich in den blühenden Alleen, wie sie schon öfters promeniert und die Natur in poetischen Ergüssen besungen hatten. Denn auch der Mohr erprobte sich zuweilen in der Dichtkunst und hatte sich alle Zeit für die hohen Gedankengänge Gabirols empfänglich gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein lieblicher Frühlingsabend. Ein sanfter Hauch küsste die Blumen und ein Raunen kam von den Wipfeln, als wollten die Bäume der untergehenden Sonne „Gute Nacht&#8220; zu­flüstern. Auf einer breitästigen Akazie sang eine Nachtigall ein Liebeslied zum dunklen Nachthimmel hinauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie schön ist doch das Leben&#8220;, entrang es sich der Brust Gabirols.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja schön ist das Leben&#8220;, sagte Haschan kalt, „umso schmerzlicher, wenn dieses schöne Leben plötzlich mittendrin abgehackt wird, da man glaubt, es noch lange genießen zu dürfen. Siehst du dieses Grab da unter dem Baume?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll es mit diesem Grab?&#8220; fragte Gabirol erstaunt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In diesem Grab wirst du heute Nacht schon ruhen&#8220;, antwortete Haschan in eisiger Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll das heißen, Haschan?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich denke, jetzt wirst du es endlich begreifen&#8220;, schrie Haschan in wilder Wut und stieß den Dolch in des Dichters Herz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gabirol stürzte zu Boden. In seinen letzten Zügen stieß er aber noch die Worte aus: „Mörder! Du hast mein Blut vergossen, und keiner sah es, der wider dich zeugen könnte. Aber Gott im Himmel sah es, und er lässt diese Tat nicht un­geahndet. Der Feigenbaum wird reden und seine Frucht wird gegen den Mörder Haschan zeugen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan lachte hell aus. „Der Baum wird <strong>schweigen</strong>, wie dieser tote Dichtermund, und Sulaima wird mein&#8220;. Mit diesen höhnischen Worten begrub er die Leiche unter dem Feigen­baum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am folgenden Tag herrschte große Aufregung in Saragossa, als man den Dichter am Hofe er­wartete, und er nicht kam. Man suchte ihn über­all und fand ihn nirgends. Man glaubte zuerst, er habe plötzlich eine Reise antreten müssen, als aber Wochen und Monate vergingen, ohne dass er wiederkam, steigerte sich die Unruhe gewaltig. Seine noch lebenden Eltern klagten bitterlich über den Verlust des seltenen Sohnes, und die ganze Gemeinde betrauerte ihren gottbegnadeten Sänger und den Dolmetsch ihrer Wünsche vor dem Throne. Als ein ganzes Jahr ins Land gegangen war, gab man alle Hoffnung auf und stellte das Suchen und Forschen nach dem Dichter ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur Sulaima gab keine Ruhe und weinte Tag und Nacht um Gabirol, den sie nicht ver­gessen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Winter ging und wieder war es Frühling. Neues Leben erwachte und erblühte aus dem harten Boden. Die Felder legten das neue, grüne Gewand an, die Zitronen-, Orangen-, Öl- und Feigenbäume bedeckten sich mit Blättern und Blüten. Auch der Feigenbaum über dem Grab Gabirols erblühte. Aber wie merkwürdig groß und weiß und üppig standen doch seine Blüten. Es schien, als sauge der Baum aus geheimer Quelle Wunderkraft. Denn kaum zeigten die anderen Bäume die ersten Blättchen, so stand dieser Baum schon in voller Blüte; und wie die anderen zu blühen begangen, reiften an diesem schon die schönsten, edelsten Früchte heran. Alle Welt stand voller Verwunderung vor diesem Baum. Aber Haschan zuckte die Achseln und sagte: „Das Geheimnis dieses Baumes kann ich euch nicht sagen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ganzen Gegend sprach alles Volk von diesem Wunderbaum. Man hielt Haschan für einen Zauberer, der mit geheimen Mächten Verbindungen pflegte. Die Nachricht gelangte auch endlich bis zum Königspalast, und eines Tages kam der König mit seinem ganzen Hofstaat in den Garten Haschans, um den Baum zu be­wundern. Haschan erzitterte beim Anblick des Königs am ganzen Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum erbleichst du, Haschan?&#8220; fragte der König: ,,Ich werde dir die Früchte nicht nehmen, nur ansehen möchte ich mir den wunderlichen Baum.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Still und bleich führte Haschan den König an den Baum. Da sprach der König: „Nun muss ich selber daran glauben, dass du dich ge­heimer Zaubermittel bedienst. Sage, Haschan, welche Bewandtnis es mit diesem Baume hat.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan verwickelte sich in Widersprüche und sprach ohne Zusammenhang von allen möglichen Dingen, über die er gar nicht gefragt wurde. Das verletzte den König und er ließ Haschan ins Gefängnis werfen, wo er durch Folter zu Ge­ständnissen gezwungen wurde. Da schien es Haschan, als öffnete sich das Grab unter dem Feigenbaum und eine Stimme rief: „Gott im Himmel sieht es und wird es ahnden, die Früchte des Baumes werden wider dich zeugen.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Haschan wurde an den Feigenbaum gehängt. Hof und Garten Haschans wurden verwüstet, nur der Baum blieb mitten in der Öde, um zu zeugen, dass Gott ein Verbrechen gesehen und geahndet hat.</p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Solomon ibn Gabirol</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia: </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol"><strong>https://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_ibn_Gabirol</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solomon ben Jehuda ibn Gabirol, kurz Solomon (Salomo) ibn Gabirol oder Schlomo ibn Gevirol (geboren 1021 oder 1022 in Málaga; gestorben um 1070 in Valencia), war ein jüdischer Philosoph und Dichter im muslimischen Spanien (al-Andalus). In der lateinischsprachigen christlichen Gelehrtenwelt war er unter den latinisierten Namensformen „Avicebron“ und „Avencebrol“ bekannt; arabisch hieß er <strong>أبي أيوب سليمان بن يحيي بن جبيرول</strong> / Abū Ayyūb Sulaimān b. Yaḥyā b. Ǧabīrūl. Seine großenteils von einer pessimistischen, weltflüchtigen Stimmung geprägte hebräische Lyrik in arabischen Versmaßen erfreute sich schon im Mittelalter bei jüdischen Lesern hoher Wertschätzung. Sie galt als meisterhaft und fand Eingang in Gebetbücher. Seine philosophischen Lehren hingegen fanden bei seinen jüdischen Zeitgenossen nur geringe, bei den Muslimen keine Beachtung. Stark war jedoch die Resonanz auf sein philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“, von dem ab der Mitte des 12. Jahrhunderts eine lateinische Übersetzung vorlag, in der christlichen Welt. Dort trug sein neuplatonisches Weltbild zur Stärkung der neuplatonischen Strömung in der Philosophie der Scholastik bei, doch bei aristotelisch orientierten Philosophen stieß seine neuplatonische Anthropologie auf heftigen Widerspruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Über ibn Gabirols Leben ist wenig bekannt; manche Angaben stammen von ihm selbst und geben seine Sicht in literarisch stilisierter Form wieder. Seine Familie stammte ursprünglich aus Córdoba (daher sein arabischer Beiname al-Qurṭūbī); wohl wegen der dortigen militärischen Auseinandersetzungen flohen seine Eltern nach Málaga, wo er 1021/1022 geboren wurde. Dann übersiedelten sie nach Saragossa, wo er aufwuchs. Er erhielt eine gründliche Ausbildung und zeigte schon als Jugendlicher, spätestens im Alter von sechzehn Jahren, eine außerordentliche Begabung als Dichter in seiner hebräischen Muttersprache. Sein Vater starb früh, was ihn zur Abfassung von Trauergedichten veranlasste. 1045 verlor er auch seine Mutter. Aus seinen Gedichten geht hervor, dass er von Kindheit an oft krank und von schwächlicher Konstitution war, dazu klein und von hässlichem Aussehen; insbesondere litt er an einer schweren Hautkrankheit, die ihn entstellte. Diese Umstände trugen wohl dazu bei, dass er unverheiratet und ohne Nachkommen blieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da er sich nur der Philosophie und der Dichtkunst widmen wollte, war er stets auf Förderung durch wohlhabende Gönner angewiesen. Sein heftiges Temperament, seine Neigung zu schonungsloser Kritik und seine unkonventionellen Ansichten brachten ihn jedoch oft in Konflikt mit einflussreichen Persönlichkeiten und führten zu Spannungen mit der jüdischen Gemeinde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Saragossa erlangte ibn Gabirol die Unterstützung von Jekutiel (Yequthiel) ben Isaak ibn Ḥassan, einem Juden, der am Hof des dortigen muslimischen Herrschers offenbar eine prominente Stellung einnahm. Im Jahr 1039 wurde Jekutiel nach einem gewaltsamen Machtwechsel als Anhänger des gestürzten und ermordeten Machthabers von dessen Nachfolger hingerichtet, angeblich in seinem hundertsten Lebensjahr. Für ibn Gabirol war der Verlust seines Gönners ein schwerer Schlag. In den folgenden Jahren verschärfte sich sein Streit mit der jüdischen Gemeinde von Saragossa, die ihn daher bei den muslimischen Behörden denunzierte. Um 1045 verließ er die Stadt im Zorn. Er erwog auszuwandern und sich in den Nahen Osten zu begeben, doch kam es dazu nicht. Möglicherweise führte er ein Wanderleben. Jedenfalls hielt er sich längere Zeit in Granada auf. Der jüdische Großwesir des dortigen muslimischen Herrschers, Schmuel (Samuel) ha-Nagid, der selbst ein bedeutender Dichter war, wurde sein neuer Förderer. Zeitweilig kam es zur Entfremdung zwischen ihnen; ibn Gabirol kritisierte die Gedichte seines Gönners und griff ihn satirisch an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sicher ist, dass ibn Gabirol noch relativ jung war, als er in Valencia starb. Der Zeitpunkt und die Umstände seines Todes sind jedoch unklar. Eine späte Legende über seine angebliche Ermordung ist unglaubwürdig. Einer Behauptung des Schriftstellers Moses ibn Esra zufolge war er bei seinem Tod erst etwa dreißigjährig. Das kann aber ebenfalls nicht zutreffen, da aus Bemerkungen ibn Gabirols hervorgeht, dass er das Jahr 1068 noch erlebte. Daher ist auch die in vielen Nachschlagewerken übernommene Angabe von ibn Saʿīd al-Andalusī, ibn Gabirol sei 1057/1058 gestorben, falsch. Josef ibn Zaddik, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte, setzte seinen Tod ins Jahr 1070; das kann ungefähr stimmen, denn in der Folgezeit ist er nicht mehr als lebend bezeugt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Werke</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem seiner Gedichte behauptet ibn Gabirol, zwanzig Bücher geschrieben zu haben. Seine Autorschaft ist aber abgesehen von seiner ausschließlich hebräischen Dichtung nur für zwei ursprünglich arabisch abgefasste philosophische Prosaschriften gesichert, nämlich sein Hauptwerk „Die Lebensquelle“ und die ethische Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dichtung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von ibn Gabirol sind etwa 400 lyrische Gedichte überliefert. Man unterteilt sie traditionell in „weltliche“ und „religiöse“. Eine solche Aufteilung wird jedoch seinem Anliegen (und generell der mittelalterlichen hebräischen Lyrik) nicht gerecht, denn hinsichtlich der sprachlichen Form bestehen kaum wesentliche Unterschiede und inhaltlich finden sich auch in „weltlichen“ Gedichten religiöse Bezüge. Sinnvoller ist daher eine Aufteilung nach dem jeweiligen Anlass in liturgische (für den Gottesdienst geeignete) und nichtliturgische „soziale“ Dichtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen großen Teil der nichtliturgischen Lyrik machen Lob- und Freundschaftsgedichte zu Ehren von Wohltätern aus. Relativ gering ist die Zahl der Trink- und Liebeslieder, die ibn Gabirol schon als Jugendlicher zu verfassen begann. Daneben stehen Klagen anlässlich des Todes von ihm nahestehenden Personen, Rätsel sowie Beschreibungen von Natur und Bauwerken (darunter eine Beschreibung der Alhambra). Mit zunehmendem Lebensalter treten pessimistische Motive in den Vordergrund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese hebräische Lyrik ist formal und in ihrer Thematik an arabischen Vorbildern orientiert. Die Behandlung der Stoffe ist jedoch sehr individuell; sie ist von der eigenwilligen Persönlichkeit des Dichters, seiner Unzufriedenheit mit seinem unerfreulichen Schicksal, seinen wechselhaften Stimmungen und den schweren Spannungen mit seiner Umgebung geprägt. Des Öfteren ist von seiner Erwartung eines frühen Todes die Rede; er befürchtet, sein philosophisches Werk nicht vollenden zu können. Sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und seine damit zusammenhängende soziale Isolation kommen deutlich zum Ausdruck. Häufig äußert er sich verächtlich und spöttisch über Dichter, von deren Fähigkeiten er wenig hält. Bitter und satirisch sind seine Bemerkungen über Personen, denen er Verständnislosigkeit vorwirft und deren Verhalten er missbilligt. Er klagt über die Nichtigkeit des Lebens und die Wertlosigkeit der irdischen Genüsse. Die meist trübsinnigen Inhalte vermittelt er sprachlich meisterhaft, und auch im Umgang mit schwierigen Versformen erweist er sich als souverän. Als besonders gelungen gilt eines seiner beiden Klagegedichte auf den Tod seines hingerichteten Wohltäters Jekutiel. Eine Reihe von Gedichten, in denen er sich über Schmuel ha-Nagid äußert, dokumentiert die Wechselhaftigkeit des Verhältnisses der beiden, das zwischen einer Beziehung zwischen Gönner und Gefördertem und bitterer Rivalität schwankte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine hebräische Grammatik in poetischer Form bietet das Lehrgedicht „Die Halskette“ (ha-ʿanāq), das ibn Gabirol als Neunzehnjähriger verfasste. Er preist darin die Überlegenheit der hebräischen Sprache über alle anderen und beklagt ihre Vernachlässigung durch seine Zeitgenossen. Von den 400 Doppelversen ist nur rund ein Viertel erhalten geblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den religiösen Hymnen drückt er seine leidenschaftliche Frömmigkeit aus. Sein berühmtester Hymnus ist die „Krone des Königreichs“ (hebräisch Keter malchūt). Er war ursprünglich nicht für den Gottesdienst bestimmt, wurde aber in die Liturgie des jüdischen Versöhnungstages aufgenommen. Der Form nach ist die Krone rhythmische Reimprosa ohne Anlehnung an arabische Vorbilder. Ibn Gabirol präsentiert darin eine zusammenfassende Darstellung seiner Kosmologie und seiner religiösen Überzeugungen. Er beklagt die Unvollkommenheit, von der sich die menschliche Seele nicht selbst befreien könne.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Philosophische Schriften</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirols philosophisches Hauptwerk „Die Lebensquelle“ (arabisch Yanbuʾ al-ḥayat, hebräisch Sēfer Meqōr Ḥajjim) ist meist unter dem Titel der lateinischen Übersetzung „Fons vitae“ bekannt. Der Titel spielt auf das Gotteslob in Ps 36:10 an. Das arabische Original ist verloren; erhalten ist außer der lateinischen Übersetzung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts nur eine auszugsweise hebräische aus dem 13. Jahrhundert, die von Schem Tov ibn Falaquera stammt. Es handelt sich um einen Dialog zwischen einem Meister und seinem Schüler; der Schüler fragt und lernt, er trägt nicht zur Argumentation bei. In dem Werk werden Kosmogonie, Kosmologie, Erkenntnistheorie und das Verhältnis zwischen Gott und der Welt rein philosophisch erörtert, ohne Berücksichtigung biblischer und theologischer Gesichtspunkte. Die Gedankenwelt ist neuplatonisch, das terminologische Instrumentarium teilweise aristotelisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Seelentheorie befasst sich ibn Gabirol unter ethischem Aspekt in seiner Abhandlung „Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“. Die arabische Originalfassung heißt Kitāb ʾiṣlāḥ al-aḫlāq, die hebräische Übersetzung, die Jehuda ibn Tibbon im 12. Jahrhundert anfertigte, Sēfer Tiqqūn Middōt ha-Nefeš. Hier zitiert ibn Gabirol auch aus dem Tanach, wendet sich also an religiöse jüdische Leser. Derselben Thematik gewidmet ist die Schrift Perlenauslese (arabisch Muḫtār al-Ǧawāhir, hebräisch Mivḥār ha-Penīnīm), eine Sammlung ethischer Sprüche, die aber möglicherweise ibn Gabirol zu Unrecht zugeschrieben wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lehre</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirols Lehre macht nicht den Eindruck eines fertig ausgearbeiteten, in sich geschlossenen und in jeder Hinsicht stimmigen Systems. Einzelne Unklarheiten und Widersprüche haben zu unterschiedlichen Deutungen in der Forschung geführt. Möglicherweise spiegeln sich darin verschiedene Stadien einer geistigen Entwicklung. Da das philosophische Hauptwerk nicht im Originaltext erhalten ist, kommen auch Übersetzungsmängel als Erklärung von Unstimmigkeiten in Betracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Metaphysik und Kosmologie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Hauptmerkmal von ibn Gabirols Philosophie ist die Verbindung der neuplatonischen Emanationslehre mit einer durchgängig konsequenten Anwendung des aristotelischen Konzepts von Form und Materie auf die Gesamtheit der geschaffenen Dinge (Hylemorphismus). Er übernimmt den neuplatonischen Grundgedanken der Emanation, wonach die Welt hierarchisch in Seinsstufen (Hypostasen) gegliedert ist, von denen eine aus der anderen hervorgeht. Die erste und höchste Hypostase der Schöpfung ist unmittelbar aus Gott (dem Einen der Neuplatoniker) herausgeflossen bzw. nach jüdischer Vorstellung von ihm aus dem Nichts geschaffen. Die übrigen Hypostasen sind der jeweils nächsthöheren Stufe entsprungen und haben somit ihren Ursprung nur mittelbar in Gott. Je niedriger eine Hypostase in der Entstehungs- und Rangordnung ist, desto komplexer ist sie. Die oberen Bereiche dieser Stufenordnung sind rein geistiger Natur, nur in der untersten Region der Gesamtwirklichkeit existiert physische Materie. Diese Materie ist an sich reine Potenz. Da sie aber durch ihre stets gegebene Verbindung mit einzelnen Formen immer aktualisiert (in den Akt übergegangen) ist, existiert sie als Potenz nur theoretisch. Nur durch diese Verbindung spezifischer Formen mit Materie entstehen die sinnlich wahrnehmbaren Objekte. Form und Materie können nie getrennt voneinander existieren, sondern werden nur zum Zweck der Analyse gedanklich getrennt. Ibn Gabirol verwirft die Auffassung, wonach die Materie gequantelt ist, vielmehr betrachtet er sie als ein Kontinuum. Die reale Existenz kleinster, nicht mehr teilbarer Einheiten hält er für unmöglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol übernimmt auch das neuplatonische Konzept der Weltseele, in der die Einzelseelen ihren Ursprung haben. Die Weltseele ist aus dem universellen Intellekt, dem Nous<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> der antiken Neuplatoniker, hervorgegangen. Sie besteht ebenso wie die menschlichen Einzelseelen aus Vernunftseele, sinnlich wahrnehmender Seele und vegetativer Seele. Unterhalb der vegetativen Seele des Kosmos befindet sich als nächstniedrige Hypostase die Natur, unter der Natur folgt die Welt der physischen Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Strittig war unter den mittelalterlichen Denkern, die verschiedene Varianten dieses Modells vertraten, ob die Seinsstufen der rein geistigen („intelligiblen“) Welt ebenfalls Verbindungen von Formen mit (in diesem Fall geistiger) Materie darstellen oder ob sie als reine Formen ohne materielles Substrat zu denken sind. In dieser Frage ist ibn Gabirol ein früher Vorkämpfer der aus dem antiken Neuplatonismus stammenden Auffassung, dass die geistigen Substanzen – insbesondere auch die menschliche Seele – analog zu den physischen zusammengesetzt sind. Mit Ausnahme von Gott besteht somit alles, was existiert, aus Form und Materie. Dabei stellt die universelle Materie das Prinzip des Bleibenden dar, während die Einzelformen in der physischen Welt, die Aspekte der primären universellen Form sind, entstehen und vergehen und sich unablässig wandeln, womit sie zur Weltwirklichkeit das Prinzip der Veränderung beisteuern. Gott ist die einzige Substanz, die nicht zusammengesetzt ist, sondern absolut einfach und einheitlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im spätantiken Neuplatonismus steht die physische Materie als ontologisch niedrigster, vom Göttlichen am weitesten entfernter Teil der kosmischen Ordnung in scharfem Gegensatz zum Geistigen (samt der geistigen Materie). Diesbezüglich weicht ibn Gabirol von der Tradition ab. Zwar betrachtet auch er die sinnlich wahrnehmbare Welt als untersten und ungeistigsten Teil des Kosmos, doch betont er, dass ein und dieselbe Materie das ganze Universum durchströme, von den höchsten Regionen des Geistes bis zum niedrigsten Bereich des Physischen. Für ihn ist somit der Unterschied zwischen geistiger und physischer Materie nur graduell; im Prinzip ist das materielle Substrat überall das gleiche. Damit wird die physische Materie als Aspekt der universellen Urmaterie in der ontologischen Rangordnung sogar nahe an Gott herangerückt, da Urform und Urmaterie als die primären Wesenheiten der Schöpfung erscheinen, ohne die nichts außerhalb von Gott existieren kann. Mit diesem Materiebegriff wird die neuplatonische Stufenordnung faktisch durchbrochen. Eine ähnliche Ansicht über Urform und Urmaterie hatte schon Isaak Israeli vertreten. Auch in Schriften, die im Mittelalter zu Unrecht teils dem antiken Philosophen Empedokles, teils Aristoteles zugeschrieben wurden, tauchen solche Gedanken auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol betont den Wert der Selbsterkenntnis. Wie schon Isaak Israeli meint er, eine Erkenntnis der eigenen Seele impliziere eine Erkenntnis des ganzen Universums, da alles in der menschlichen Seele enthalten sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Grundfrage der neuplatonischen Ontologie lautet, wie der Hervorgang der Vielheit aus der absoluten Einheit zu erklären ist, wenn Vielheit und Einheit radikal wesensverschieden sind. Hier nimmt ibn Gabirol – auf die Schöpfungsvorstellung der jüdischen Religion zurückgreifend – den göttlichen Willen als vermittelnde Instanz an. Indem er diesem Willen eine zentrale Rolle in der Schöpfung zuweist, entgeht er einer deterministischen Deutung der Weltentstehung. Einerseits hält er den göttlichen Willen für eins mit dem göttlichen Wesen und ordnet ihn damit der Unendlichkeit zu, andererseits schreibt er ihm aber auch die Eigenschaft zu, im Bereich des Endlichen schöpferisch zu wirken, die geschaffenen Dinge zu durchdringen und sich so mit der Endlichkeit zu verbinden. Dieser Doppelaspekt des Willens wird für den Menschen zur Chance. Indem nämlich der Mensch in der begrenzten Welt, in der er lebt, durch Hingabe einen Zugang zum dort in der Endlichkeit wirkenden Gotteswillen erlangt, kann er sich mit diesem Willen verbinden und damit letztlich auch dessen unendlichem Aspekt, der Gottheit, nähern. Mit dem Tod befreit sich dann die Seele vom Körper. Damit beendet sie ihre Verbannung in die irdische Welt und kehrt in die geistige Welt zurück. Allerdings besteht immer eine unüberschreitbare Grenzlinie zwischen dem einfachen und prinzipiell unerkennbaren göttlichen Wesen und den aus Materie und Form zusammengesetzten Geschöpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der schöpferische Charakter des göttlichen Willens äußert sich in der Formgebung. Aus dem Willen Gottes geht die Form hervor, aus seinem Wesen die Materie. So lässt sich die Dualität von Form und Materie bis zur Gottheit zurückverfolgen, unbeschadet der absoluten Einheit Gottes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Offen bleibt die in der Forschung diskutierte Frage, inwieweit es ibn Gabirol gelungen ist, mit seinem Verständnis des göttlichen Willens eine Brücke zwischen Vielheit und Einheit, Endlichkeit und Unendlichkeit zu schlagen und damit zugleich eine stimmige Harmonisierung zwischen neuplatonischer Emanationsphilosophie und jüdischer Schöpfungstheologie zu erreichen. Damit hängt die Frage zusammen, ob er in erster Linie neuplatonischer Metaphysiker oder jüdischer Theologe war und inwieweit er die Bruchstellen zwischen diesen beiden Elementen seiner Weltdeutung erkannt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ethik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Buch der Verbesserung der Seeleneigenschaften“ bietet einen originellen Versuch, ethische Verhaltensweisen auf naturphilosophischer Grundlage zu beschreiben und zu klassifizieren. Dabei verzichtet ibn Gabirol auf das in islamischer und christlicher Ethikliteratur beliebte Schema der vier Kardinaltugenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ibn Gabirol geht von zwanzig Charaktereigenschaften aus (zehn Tugenden und zehn Laster), die er den fünf Sinnen zuordnet. Jedes Sinnesorgan hängt mit zwei Tugenden und zwei Lastern zusammen, indem es durch seine besondere Art der Wahrnehmung zum Werkzeug für deren Betätigung wird. Außerdem postuliert er einen Zusammenhang zwischen den Tugenden und den vier Eigenschaften Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit, den vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und den vier Säften der Humoralpathologie, denen seit der Antike traditionell die vier Temperamente zugeordnet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rezeption</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die philosophischen Lehren ibn Gabirols wurden von seinen jüdischen Zeitgenossen weitgehend und von den Muslimen gänzlich ignoriert. Stark und anhaltend war hingegen die Rezeption bei den christlichen Scholastikern des Mittelalters. Als Dichter in hebräischer Sprache fand er im mittelalterlichen Judentum Anerkennung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jüdische Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im mittelalterlichen Judentum fand das philosophische Vermächtnis ibn Gabirols wenig Anklang. Da er in der „Lebensquelle“ weder Bibelstellen anführt noch sich auf theologische Autoritäten beruft, wirkte sein Hauptwerk auf konservative Juden nicht ansprechend, und die Vereinbarkeit seines Neuplatonismus mit der religiösen Überlieferung des Judentums schien zumindest zweifelhaft. Außerdem wurde die neuplatonische Strömung im Spätmittelalter von der aristotelischen verdrängt. Seine poetische Leistung hingegen wurde geschätzt, und der liturgische Teil seiner Dichtung erwies sich als zur Verwendung im Gottesdienst geeignet. Dadurch blieben auch seine philosophischen Ideen unter den Juden zumindest ansatzweise bekannt, denn der berühmte, liturgisch verwendete Hymnus „Krone des Königreichs“ stellt seine Gedankenwelt umrisshaft dar. Dieser Hymnus steht noch heute in Gebetbüchern für den Versöhnungstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dichter und Philosoph Moses ibn Esra ist der erste jüdische Schriftsteller, der ibn Gabirol erwähnt. Er lobt seinen Charakter sowie seine poetischen und philosophischen Leistungen überschwänglich und zitiert die „Lebensquelle“ oft in seiner Abhandlung „Arugat ha-Bosem“. Auch der neuplatonisch orientierte Denker Josef ibn Zaddik benutzt diese Schrift. Der gelehrte Schriftsteller Abraham ibn Esra ist offenbar von der „Lebensquelle“ beeinflusst, nimmt aber nur selten ausdrücklich auf ibn Gabirol Bezug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spuren von ibn Gabirols Denken sind in Werken der spätmittelalterlichen kabbalistischen Literatur zu finden. Er wird dort aber gewöhnlich nicht namentlich genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste prominente jüdische Kritiker von ibn Gabirols philosophischen Ideen ist Abraham ibn Daud, ein Aristoteliker. 1144 greift er die „Lebensquelle“ in seiner arabisch geschriebenen Abhandlung „Der erhabene Glaube“ an, die später, im 14. Jahrhundert, unter dem Titel „Ha-Emunah ha-Ramah“ ins Hebräische übersetzt wird. Darin behauptet er unter anderem, ibn Gabirols Behandlung des Themas sei weitschweifig und seine Argumentation weise Mängel in der Logik auf. Maimonides erwähnt ibn Gabirol überhaupt nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Renaissance bekennt sich der Neuplatoniker Leone Ebreo (Jehuda Abravanel, Judah Abrabanel) zur Lehre ibn Gabirols.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Christliche Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im lateinischsprachigen christlichen Europa wurde ibn Gabirol ab der Mitte des 12. Jahrhunderts durch die lateinische Übersetzung der „Lebensquelle“ unter dem Titel „Fons vitae“ bekannt. Diese Übersetzung stammte von Johannes Hispanus und Dominicus Gundissalinus. Gundissalinus trug auch in seinen eigenen Werken zur Verbreitung von ibn Gabirols Lehre bei. Man nannte ibn Gabirol „Avicebron“ oder „Avencebrol“; seine jüdische Religionszugehörigkeit war unbekannt, manche sahen in ihm einen christlichen Philosophen. Ein eifriger Anhänger ibn Gabirols war der Philosoph Wilhelm von Auvergne, der ihn für einen arabischen Christen und für den „edelsten aller Philosophen“ hielt und besonders seine Lehre vom göttlichen Willen schätzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Spätmittelalter wurde ibn Gabirols Lehre von Form und Materie zum Ausgangspunkt einer langanhaltenden Kontroverse. Seine Hypothese der Existenz einer geistigen Materie und der Zusammengesetztheit der geistigen Substanzen aus Form und Materie wurde unter Berufung auf ihn von der „Franziskanerschule“ (Alexander von Hales, Bonaventura, Johannes Duns Scotus) vertreten. Diese Position der mehr oder weniger neuplatonisch orientierten Franziskaner wurde von der aristotelischen Richtung unter den Dominikanern bekämpft, deren Hauptvertreter Thomas von Aquin war (Thomismus). Schon der Dominikaner Albertus Magnus hatte in diesem Sinn Stellung genommen. Der Konflikt bezog sich zum einen auf die Frage, ob die Seele eine eigene geistige Materie hat, zum anderen auf die Frage, ob die Seele die einzige Form des Körpers ist, wie die Thomisten meinten, oder ob der Körper auch über eine eigene „Form der Körperlichkeit“ verfügt und somit eine Mehrzahl von Formen in ihm vorhanden ist. Auch die Lehre von der Formenpluralität im Körper war von ibn Gabirol vertreten worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Autoren, die ibn Gabirols „Lebensquelle“ studierten und zustimmend daraus zitierten, gehörte Meister Eckhart.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Legenden</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Legende aus dem 16. Jahrhundert über ibn Gabirols Tod besagt, dass ihn ein neidischer Feind in seinen Garten lockte, dort ermordete und unter einem Feigenbaum begrub. Der Baum trug daraufhin so außergewöhnlich schöne und süße Früchte, dass dies allgemeines Staunen erregte. Sogar der König wurde darauf aufmerksam gemacht. Er fragte den Besitzer nach dem Grund dieser auffallenden Erscheinung. Der Befragte verwickelte sich in Widersprüche, es kam zu einer Untersuchung. Das Verbrechen wurde aufgedeckt, der Mörder gestand unter Folter und wurde hingerichtet; man hängte ihn an dem Feigenbaum auf. Einer anderen Legende zufolge schuf ibn Gabirol aus Holz einen Golem, die Gestalt einer Frau, die ihm dann diente (wie ein Roboter); als er deswegen angezeigt wurde, zerlegte er sie wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Moderne Forschung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1846 veröffentlichte Salomon Munk eine bahnbrechende Erkenntnis. Er hatte in der Pariser Nationalbibliothek eine von Šem-Tob ben Josef ibn Falāqīra im 13. Jahrhundert angefertigte hebräische Übersetzung von Auszügen aus der arabischen Originalfassung der „Lebensquelle“ gefunden. Dank dieses Fundes erkannte er die Identität des jüdischen Autors ibn Gabirol mit dem seit dem Mittelalter als Avicebron oder Avencebrol bekannten Verfasser des „Fons vitae“, den man zuvor für einen christlichen Scholastiker gehalten hatte. Erst diese Einsicht verschaffte der Forschung einen Gesamteindruck von dieser Schriftstellerpersönlichkeit. Jakob Guttmann trug wesentlich zur Erhellung des neuplatonischen Hintergrundes bei. Die im 20. Jahrhundert von David Neumark und später von Ernst Bloch vorgetragene Ansicht, ibn Gabirol sei eigentlich kein Neuplatoniker gewesen – Bloch reiht ihn in die aristotelische Tradition ein –, wird heute nicht mehr vertreten.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zu seinem Leben siehe S. 23</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> griechisch für Geist oder Intellekt</p>
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		<title>Judenhass</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/judenhass/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:26:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dieser Artikel stammt aus der Monatsschrift Nachalat Z´wi, 2. Jahrgang, Heft 11-12, vom August 1932. Diese Zeitung wurde von der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft herausgegeben. Der Artikel setzt sich mit dem Antizionismus in Deutschland kurz vor der Machtergreifung Hitlers am 30.01.1933 auseinander. Rabbiner Klein sieht vollkommen zurecht die NSDAP als eine im Grunde Sozialistische Partei an. Das in [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dieser Artikel stammt aus der Monatsschrift Nach<em>a</em>lat Z´wi, 2. Jahrgang, Heft 11-12, vom August 1932. Diese Zeitung wurde von der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft herausgegeben. Der Artikel setzt sich mit dem Antizionismus in Deutschland kurz vor der Machtergreifung Hitlers am 30.01.1933 auseinander.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Rabbiner Klein sieht vollkommen zurecht die NSDAP als eine im Grunde Sozialistische Partei an. Das in Folge der Machtergreifung, andere sozialistische und kommunistische Parteien verboten wurden liegt m.E. in der Natur des Sozialismus (Kommunismus). Es kann nur eine Sozialistische Partei geben – und zwar die, der es gelingt die Macht an sich zu reißen. Siehe Stalin – Lenin – Trotzki – Mao Tse Tung. Alles andere hat sich dieser Partei unterzuordnen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2552335">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2552335</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Eine Studie</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">von Rabbiner <strong>Dr. Hermann Klein</strong>, Berlin<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In unserer Zeit, in der der alte Judenhass sich in hemmungsloser Triebhaftigkeit austobt, da er sogar allein imstande war, einer Partei zum Sieg zu verhelfen<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>, die eigentlich sonst kaum etwas Neues zu bieten hat, als diesen alten Judenhass, reizt es einen aufs Neue, nach den Gründen dieses Hasses zu forschen, obgleich man sich sagen muss, dass es kaum möglich sein dürfte, etwas Neues in dieser uralten Frage zu entdecken. Man darf aber doch nicht müde werden zu forschen, denn fast alles, was bisher als Grund für diesen abgrundtiefen, unausrottbaren Hass angenommen wurde, kann ihn nicht erklären. Wie die Krebsforscher nicht müde werden, nach dem Krankheitserreger zu suchen, so dürfen wir nicht aufhören, nach dem Krankheitserreger dieser „Weltpest“ zu suchen, die ungleich mehr Opfer gefordert hat und noch fordert<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a>, als die schreckliche Krebskrankheit. Und immer erneut gilt es auch, sich selbst zu prüfen, ob man nicht selbst die Schuld an diesem Hass trägt, ob wir Juden durch unser Verhalten nicht die Wut und die Feindschaft wecken. Es wäre töricht, in eitler Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit den Antisemitismus mit Schlagworten wie „Suche nach dem Sündenbock“, „Sozialismus der Dummen“, „Folge wahnsinniger Hetze“ abzutun, und aus jedem Antisemiten einen kleinen Teufel zu machen, damit man nur dieser Selbstprüfung überhoben sei. Stellt sich aber nach gewissenhafter Prüfung heraus, dass wir trotz aller Fehler, die wir mit allen anderen Menschen gemein haben, diese „gefährliche Unmäßigkeit der Feindschaft“ nicht verdienen, so gilt es weiter zu suchen, um die Quelle zu entdecken, aus der die Bazillen dieser Krankheit stammen, und festzustellen, ob die Krankheit überhaupt heilbar ist. Sollte sich aber auch die Unheilbarkeit herausstellen, so wäre doch schon unendlich viel gewonnen, wenn man nur die Ursachen der Krankheit kennen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele werden natürlich schon gegen die Kennzeichnung des Antisemitismus als eine Krankheit protestieren. Für die waschechten Antisemiten sind ja die Juden die Krankheitserreger im Körper ihrer Wirtsvölker, sie sind, wie einer ihrer Wortführer meint, „Fremdkörper“, und „Fremdkörper“, so weiß es jede Gesundheitslehre und Lehre vom Organismus überhaupt, müssen ausgeschieden werden, soll nicht der Organismus schweren Schaden leiden, verkümmern oder zugrunde gehen. „Läge nichts weiter vor, als das tiefe Fremdgefühl und die natürliche Abneigung der Deutschen dem Juden gegenüber, der Wille, den Juden auszuscheiden, so würde schon das als Grund und Rechtstitel, es zu tun, vollauf genügen. Es gibt gar nichts, was so berechtigt, heilig und gewichtig wäre, wie diese innere Fremdheit und Abneigung“. Woher kommt es aber, dass der Jude eher als Fremdling und Fremdkörper empfunden wird als die anderen Fremden? Liegt es an seiner Religion? Viele behaupten es, aber dann wäre es kaum zu begreifen, warum denn auch die Nichtreligiösen und sogar die Atheisten (unter den Juden) mit einem ganz besonderen Hass beehrt werden? Neuerdings wird immer mehr von einem Hass gegen die Rasse gesprochen. Die höhere nordische Rasse hasst die niedrige semitische Rasse. Der Hass stammt aus dem Blute, die Natur selbst hat Feindschaft zwischen beide Rassen gesetzt. Mit Recht weist <strong>Isaac Breuer</strong> in seinem „Judenproblem<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>“ schon darauf hin, dass das Blut nicht hasst. Der Hass stammt von der Persönlichkeit, und es ist bloß ein Asyl der Unwissenheit, wenn wir diesen Hass in die Rasse verlegen. <strong>Weiniger<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup><strong><sup>[5]</sup></strong></sup></a></strong> spricht von einem „metaphysischen Abscheu“, d. h. mit anderen Worten, dass wir diesen Abscheu, und diesen Hass uns gar nicht erklären können, er ist übersinnlicher Art und daher gar nicht zu erklären. Auch Isaac <strong>Breuer</strong> spricht von einem „metaphysischen“ Hass. Aber ich glaube, dass auch dieses Wort nur das Eingeständnis enthält, dass wir uns diesen Hass nicht erklären können. Hass ist etwas sehr Sinnliches und gehört ganz und gar der Welt der Sinne an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anhänger des Marxismus in seiner konsequenten Durchführung wie <strong>Heller</strong> und <strong>Kantorowicz<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup><strong><sup>[6]</sup></strong></sup></a></strong> erblicken in dem Problem des Judenhasses nur einen Abschnitt aus dem sozialen Problem. Sie sind mit ihren Meistern<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> der Meinung, dass nur der Schacher es ist, der die Juden verhasst macht und dass das Verschwinden der kapitalistischen Welt auch den <strong>Untergang des Judentums</strong> nach Heller, oder das <strong>Schwinden des Judenhasses</strong> nach Kantorowicz bedeute. Beiden bedeutet der Satz von Marx: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld“, eine unumstößliche Wahrheit. Ich kann es mir versagen, hier näher auf diese Seite des Problems einzugehen. Sie ist ausführlich von Raphael <strong>Breuer</strong> s. A.<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a> in diesen Blättern behandelt worden und mit <strong>Heller</strong> hat sich Juda <strong>Steinberg<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup><strong><sup>[9]</sup></strong></sup></a></strong> gründlich auseinandergesetzt. Es ist eine Verkennung des ganzen Problems, wie ja die ganze marxistische Betrachtungsweise des Weltgeschehens eine furchtbar einseitige ist. Nur eine grob materialistische Betrachtungsweise kann die Geschichte der Menschheit in eine Geschichte des menschlichen Magens verwandeln. Niemals kann die materialistische Geschichtsauffassung restlos die Probleme des Weltgeschehens erklären, und nichts straft diese ganze geistige Richtung mehr Lügen als die Geschichte des jüdischen Volkes. Die Existenz dieses Volkes allein ist die schlagendste Widerlegung der marxistischen Geschichtsauffassung. Und wenn <strong>Lassalle<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup><strong><sup>[10]</sup></strong></sup></a></strong> sagt, dass er die Juden nicht liebe, ja sie sogar im allgemeinen verabscheue und in ihnen nur die entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit sehe, so hat er, wenn er sich und seinen Kreis damit meint, gewiss nicht unrecht, aber in der Tatsache, dass diese Söhne einer längst entschwundenen Vergangenheit trotz des Fehlens aller materiellen Voraussetzungen noch immer da sind, liegt ein Beweis, dass doch wohl auch andere Faktoren, als Kapital und Arbeit, über Sein und Nichtsein von Völkern und Einzelnen entscheiden. Es ist übrigens unendlich bezeichnend für die Kampfweise der „anständigen“ Antisemiten, dass sie, die den Marxismus als jüdisch mit der ganzen Wut ihrer nordischen Seelen bekämpfen, Marx und Lassalle als Kronzeugen gegen die Juden anführen, deren Gegnerschaft gegen die Juden doch nur ein Ausfluss ihrer Weltanschauung ist: „Wir lehnen die ganze Blickrichtung des Marxismus als verfehlt ab und versprechen uns von der evtl. Verwirklichung der marxistischen Ideale weder das Verschwinden des Judenhasses noch befürchten wir von ihr den Untergang des Judentums.“ In der Geschichte wirken ganz andere Kräfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Sammelschrift „Klärung“ (12. Autoren und Politiker über die Judenfrage. Verl. Tradition-Berlin) machen zwei Autoren, Ernst <strong>Johannsen<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup><strong><sup>[11]</sup></strong></sup></a></strong> und Hans <strong>Blüher<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup><strong><sup>[12]</sup></strong></sup></a></strong> darauf aufmerksam, dass die tiefsten Judengegner aus Instinkt Heiden sind, „Helenen“. „Manche haben eine heimliche Liebe für die alte Götterwelt ihrer Vorfahren; man mag darüber spotten, aber man glaube nur nicht, dass die Vorliebe vieler „Christen“ und Christen für die Götterwelt der Alten eine zufällige Neigung war und ist“ (Johannsen). Johannsen erklärt damit den Antisemitismus eines Nietzsche. Noch ausführlicher wird diese Erscheinung von Hans <strong>Blüher</strong> in seinem philosophisch-theologischen Aufsatz: „Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter“ behandelt. „Nach der Meinung der Völkischen — im weitesten Sinne des Wortes — ist das Christentum ein fremder Import, nun gar ein solcher jüdischer Abkunft und Prägung, nach dessen Abschüttelung die altgermanische Licht- und Tugendreligion wieder zum Vorschein kommen müsse; durch sie wiederum könne der Aufstand der Nation gegen fremde Unterdrücker von außen und innen erst siegreich durchgeführt werden. Die Ansicht hat etwas außerordentlich Bestechendes an sich und es spricht zunächst fast alles für ihre Richtigkeit. Man spürt ja doch jeden Tag mehr und mehr das Sichregen urgermanischer Kräfte im Volk. Aber noch mehr: wie als müsste es so sein, tut sich der Boden auf und reicht Schätze aus der vorchristlichen Germanenzeit heraus, die mit einem Schlage den langen Irrtum von der Wildheit und Barbarei unserer Ahnen zunichtemachen. Wir haben es, das <strong>wissen</strong> wir heute, bei unseren Vorfahren mit einem Kulturvolk ersten Ranges zu tun, und dieses Volk ist durch die christliche Mission des Kaisers Karl gewaltsam seiner Heiligtümer beraubt worden. Der <strong>Sakralraub</strong> ist also, das lernen wir, <strong>das</strong> Mittel, um grundlegende geschichtliche Wenden in den Völkern herbeizuführen; und alle großen Kriege (es sind immer dreißigjährige) sind Religionskriege. Auch der, in welchem wir leben.“ Zwei Elemente hatte die germanische Urreligion: die Gerechtigkeit und den leidenden Gott. Diese Religion ist geboren aus der Volksseele der Germanen heraus. Karl der Große war also kein germanischer Herrscher, sondern ein fremder Eroberer ohne Treu und Glauben. Aber die germanische Volksseele formte sich ihr Christentum nach ihrem religiösen Bedürfnis um. Paulus und Luther haben erkannt, dass der Mensch nicht gerechtfertigt werden könne durch Erfüllung der Werke des Gesetzes, sondern „allein durch den Glauben“. Durch Luther wird das Verbrechen Karls des Großen gutgemacht. Das Christentum ist mysterienhaft und übernatürlich. <strong>Der religiöse Vorgang spielt sich außerhalb des Gesetzes ab</strong>. Israel aber ist ein Volk des Gesetzes und dieses Gesetz ist wesentlich anders als die Gesetze der anderen Völker und das einzigartige am jüdischen Gesetz ist, dass es aus <strong>Offenbarung</strong> stammt. In Moses kristallisierte sich nicht die jüdische Volkspersönlichkeit, die ihrerseits in Rücksicht auf dieses Volk diesem ein Gesetz gibt, das Gesetz wird nicht aus dem Volke geboren, die Offenbarung stammt nicht aus dem Volke, aus der Psyche des Volkes, sondern <strong>sie ergeht an</strong> das Volk. Der Monotheismus ist nicht eine vereinfachte Form der Vielgötterei, wie wenn etwa bei den alten Griechen oder später bei den Römern der oberste Gott die Regie übernimmt, das bleibt vereinfachtes rationalisiertes Heidentum, sondern durch die Offenbarung wird die Lehre vom „Einigen Gott<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a>“ allen anderen auch nur möglichen Konzeptionen des Heidentums, auch wenn sie quasi monotheistisch waren, entgegengestellt! Der „Einige Gott“ ist Schöpfer der Welt und Urgrund des Gesetzes. Und diesem „Einigen Gott“ steht als Korrelat die Einheit Israels zur Seite. Die Einheit und Unteilbarkeit Israels besteht in der Ebene der reinen Geschichte; von ihr wird jeder Jude erfasst. Sie ist das geschichtliche a priori<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a> des Judentums. Das Judentum hat an der Linie des <strong>Gesetzes</strong> treu festgehalten und daher das Reich des Messias säkularisiert. Das ist seine Erhebung gegen die christlichen Güter. Für das Judentum bedeutet das Reich des Messias die Verwirklichung der Gerechtigkeit auf Erden von Menschen tragbar und durchführbar. Und Israel sucht immer seine Gedanken gegen das Christentum durchzusetzen und wo immer es antichristliche Gedankengänge in der deutschen Philosophie findet, so greift es diese Gedanken auf, so bei Nietzsche und Schopenhauer. Wer daher einen starken Staat will, geführt von einer bodenständigen Oberschicht, diese wieder geführt von einem christlichen König, muss Antisemit sein. Will man aber die Weltdemokratie, so muss man zum Judentum übertreten. Der christliche König umgeben von einem mystischen Nimbus ist Repräsentant des germanischen Volkes, das eine Urreligion aus sich heraus erzeugt hat, und dem es auch sein Christentum angepasst hat. Die Demokratie, das Endziel des Judentums, das eigentlich gar keine Religion im strengsten Sinne des Wortes hat, das niemals aus sich heraus religiöse Werte erzeugt hat, sondern dem ein Gesetz offenbart wurde, für dessen Verwirklichung es auf ein Reich hofft, nicht auf einen persönlichen Erlöser, der in dieser rationalistischen Gesetzesreligion gar nicht am Platze wäre. — Das sind so ungefähr die Gedankengänge des philosophisch-theologischen Wortführers der Nationalsozialisten und Völkischen, wenn ich sie richtig verstanden habe, denn Blüher liebt die Dunkelheit und Unklarheit. Er imponiert dadurch auch seinen Adepten<a href="#_ftn15" id="_ftnref15">[15]</a>, die Unklarheit und Verworrenheit für Tiefe nehmen. Nun wissen wir also, warum wir so gefährlich sind. Wir Juden, die eigentlich gar keine Religion haben, „und deren letzten Ziele nie andere als religiöse gewesen sind“, wollen die christlichen Güter, die wieder gar nicht christlich, sondern im Grunde genommen altheidnisch, oder genauer, urgermanisch sind, rauben. „Was daher dieses säkularisierte Judentum allein unter den christlichen Völkern, zwischen denen es im Galuth lebt, treiben kann, ist: Sakralraub.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch glaube ich, dass in dieser neu erwachten Sehnsucht nach dem alten Heidentum auch der tiefste psychologische Grund für den Judenhass zu suchen ist. Das Judentum, und darin hat Blüher recht, ist nicht aus der Volksseele der Juden herausgewachsen, sondern wurde ihm offenbart und wir haben den Mut zu behaupten, dass nur die Religion den Namen von Religion verdient, die offenbart wurde. Das Judentum ist aber nicht <strong>nur</strong> Religion, sondern es ist darüber hinaus <strong>auch Gesetz</strong>. Was nicht offenbart wurde und was nicht <strong>wenigstens mittelbar auf Offenbarung zurückgeht</strong>, ist Heidentum, Götzendienst und in seiner letzten psychologischen Wurzel: Menschenkult. Nach der Schöpfung offenbarte sich Gott seinen ersten Menschen, denn ohne diese Offenbarung wäre der Mensch niemals fähig gewesen, sich einen Gott zu erschaffen. Diese erste Offenbarung der Gottheit scheint in Vergessenheit geraten zu sein und die Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, schufen sich nun Götter nach ihrem eigenen Ebenbild. Die Menschen (der Vorzeit – vor der Offenbarung am Sinai) sahen, dass in der Welt Kräfte wirksam waren, deren Ursprung ihnen unbekannt war, deren Umfang sie nicht zu überschauen vermochten, deren scheinbar willkürlichem Walten sie schutzlos preisgegeben waren und so entstanden die Götter der Urzeit. Es ist selbstverständlich, dass die Götter deren Schöpfer Menschen waren, nichts anderes sein konnten als ins Riesenhafte und Gigantische gesteigerte Menschen. Alle Eigenschaften, Tugenden und Laster, die ihnen beigelegt wurden, waren menschliche Eigenschaften, dem Kreis menschlicher Vorstellungen entnommen. Das Verhängnis, das den Menschen vom Himmel ausschloss, war damit nicht beendet. Der Bezeichnung der ins Riesenhafte gesteigerten Menschen mit dem Namen Gott, oder die Personifikation der den Menschen sich offenbarenden, aber von ihnen nicht erforschten Naturkräfte der Gottheiten bedeuteten keine Bereicherung der menschlichen Seele, gewährten dem menschlichen Geist keine Möglichkeit des Höhenflugs, da ja die Götter ihr Werk waren und daher über keine Eigenschaften verfügen konnten, die die Vorstellungskraft und die Kenntnisse der Menschen überschritten. Die Menschheit löste sich die unzähligen Rätsel, die ihr die Umwelt zu lösen aufgab, indem sie die vielen Rätsel in ein einziges — Gott — oder in wenige — Götter — zusammenfasste, und kam der Lösung um keinen Schritt näher. Kein Mensch ist imstande, sich einen Gott zu erschaffen. Sich selbst malt der Mensch in seinen Göttern. <strong>Und die Klugen und Schlauen, die Starken und Gewalttätigen</strong> durchschauten, dass hinter den Göttern nichts Wesenhaftes stecke, aber <strong>dass sie ein vorzügliches Mittel seien, um durch sie die Massen zu beherrschen</strong>. So gelangten die Menschen (der Vorzeit – vor der Offenbarung am Sinai) zu einer Art Selbstvergötterung<a href="#_ftn16" id="_ftnref16">[16]</a>. Die Tyrannen und Despoten ließen durch den Mund der Götter der Masse Befehle erteilen, einzig und allein darauf gerichtet, ihre Machtposition zu stärken und unantastbar zu gestalten. Die Menschen waren die eigentlichen Götter, wie ja die Götter nichts als Menschenwerk waren. Die große Sehnsucht der Massen nach etwas Höherem und ihre dumpfe Angst vor dem sie umgebenden Rätselhaften wurde von den Starken und Helden für eigene selbstsüchtige Zwecke ausgebeutet. Auf den Schultern der von Menschen erschaffenen Göttern erhob sich die Herrschaft der Mächtigen. Die Masse ward entmündigt und entwürdigt. Sie war nur Mittel für die Zwecke der Großen. Und unter den Großen der Erde herrschte ewiger Krieg, denn jeder dünkte sich ja als der Gott seiner Götter und Götter sind eifersüchtig und erst recht, wenn sie von Menschen stammen. Die Menschen waren die Herrscher auf Erden. <strong>Da offenbarte sich Gott</strong>. Das war das Neuartige, das Originelle und Einzigartige der sinaitischen Offenbarung. Nicht der Mensch schuf sich diesen Gott, sondern Gott trat ihm entgegen, offenbarte sich ihm, um ihn aufs Neue nach seinem Ebenbild zu schaffen. Gott hat sich offenbart und hat den Menschen ihres Daseins Sinn und Zweck verkündet und das Ziel heißt: Gottähnlichkeit. Während bisher die Menschen das Vorbild waren und in ihrem Ebenbild die Götter erschufen; die Götter waren menschenähnlich, sollten nach der Offenbarung die Menschen versuchen, Gott ähnlich zu werden. Im Heidentum herrschten Menschen, im Judentum ist Gott Herrscher. Die Offenbarung Gottes am Sinai <strong>entthronte den Menschen</strong> — und — nun kommen wir zu dem Urquell des Judenhasses — seit dieser Zeit geht das Streben der Menschen dahin, <strong>Gott zu entthronen</strong>, und sich ihre Herrschaft zurückzuerobern. Daher die Sehnsucht nach Heidentum bei Nietzsche, für dessen „blonde Bestie“ und für dessen „Übermenschen“ in einer Welt, in der Gott herrscht, kein Raum ist, daher die Flucht Schopenhauers in die heidnische Welt des Buddhismus und daher die neu erwachte Liebe unserer Völkischen für ihr germanisches Heidentum, denn in dieser heidnischen Welt können sie den „Führer“ haben, nach dem sie sich sehnen. Zu Gott haben sie kein richtiges Verhältnis, denn vor Gott sind alle Menschen gleich, da er sie doch alle erschaffen. Die Offenbarung begründet erst in Wahrheit die sittliche Würde des Menschen. Kein Mensch ist Mittel für die Zwecke eines anderen, denn jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, dem sich die Liebe und Fürsorge seines Gottes zuwendet. Ist in einer solchen Welt Raum für die Theorien von der Minderwertigkeit bestimmter Rassen? Die Menschen können es nicht verschmerzen, dass Gott sie entthront hat, nun versuchen sie, ihm die Herrschaft streitig zu machen. Es war dies schon der Fall nach der ersten Offenbarung Gottes im Kindheitsalter der Menschheit, wie ja die Menschheit sich innerlich, in geistig sittlicher Beziehung kaum entwickelt hat. Genau wie in den ersten Tagen der Schöpfung Kain seinen Bruder Abel erschlägt, weil er ihm nach irgendeiner Richtung hin im Wege steht, so wissen die Menschen auch heute noch kein anderes Mittel, um ihre Meinungsverschiedenheiten auszutragen, nur dass heute statt des einen Kain Millionen aufstehen, um ihre Brüder zu erschlagen. Also wie gesagt, auch nach der ersten Offenbarung der Gottheit erhoben sich die Menschen, um gegen Gott zu kämpfen. Der Turmbau zu Babylon sollte ihnen den Weg zum Himmel bahnen, damit sie Gott in seinem ureigensten Gebiet bekämpfen können. Und seit dieser Zeit ist die Sprachverwirrung in die Welt gekommen, „dass der eine Mensch die Sprache seines Nächsten nicht versteht“. Die „Herrenmenschen“ von Babylon waren scheinbar von der Rasse der „Blonden Bestie“. Wer für sein Leben die Parole: „<strong>wir</strong> wollen uns einen Namen machen“ erwählt, der kann sich nicht Gott unterordnen, für den alle Menschen gleich sind. Und es zeugt für den tiefen Blick der altjüdischen Weisen, wenn sie in ihrer Sprache sagen, dass der Berg deshalb den Namen „Sinai<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>“ erhielt, weil von dort aus der Hass in die Welt gekommen ist. Die Menschen können es nicht verschmerzen, dass Gott durch seine Offenbarung sie endgültig entthront hat. Denn was bedeutet schließlich dieses Toben und dieses Sichaufbäumen der abgesetzten Herren? Der im Himmel thront lacht und spottet all dieser Bemühungen, ihn zu entthronen. Uns, den Träger dieser Offenbarung, können sie durch ihren Hass, der sich nicht einmal gegen uns richtet, denn wir sind doch bloß Gefäß der Offenbarung, vorübergehend wehtun, aber besiegen können sie uns nicht, wie es ja die Geschichte der Judenverfolgungen unwiderleglich lehrt. Wir wurden zuerst von Nebukadnezar, dem babylonischen König besiegt, der gar kein Hehl daraus machte, dass er sich an die Stelle des jüdischen Gottes setzen wolle. Er glaubte, in uns Gott zu treffen. Titus, so wird im Talmud berichtet, zog mit seiner Geliebten ins Heiligtum ein und durchstach den Vorhang und glaubte, Gott getötet zu haben. Der jüdische Staat, der sichtbare Träger der Gottesoffenbarung, war ja zertrümmert, das Heiligtum, die sichtbare Stätte des Gottesdienstes, in seiner Gewalt, die Juden, die sichtbaren Träger der Gottesideen zertreten und aus ihrem Land gejagt, die lebendigen Zeugen der Gottheit also vernichtet, so glaubte er nun endlich den jüdischen Gott, dem ja sein Kampf eigentlich galt, sei erschlagen, aber siehe, er konnte den Tempel einäschern, den Staat zerschlagen, die Juden knechten, aber nicht Gott vernichten, denn er lebte weiter in den Sklaven, die — und das ist das große Geheimnis der Ewigkeit der Juden — niemals in ihrer Gesamtheit ihrem Gott die Treue brechen können. Der einzelne Jude hat diese Freiheit, und kann seinem Gott die Treue aufkündigen, aber die Gesamtheit ist nicht frei. Gott lässt sich einfach nicht von der Gesamtheit des jüdischen Volkes beiseiteschieben, denn so steht es geschrieben: „Fürwahr mit starker Hand und mit ausgegossenem Grimm werde ich über Euch regieren“. Es ist ein vergebliches Sichabbemühen vieler Juden, das Volk zum geistigen Selbstmord veranlassen zu wollen, es seinem Gott abwendig zu machen, das Volk als Ganzes kann nicht sterben und kann auch nicht Gott die Gefolgschaft verweigern, denn Gott lässt es nicht. Das Volk muss leben, es ist Träger einer ewigen Idee und hat an der Ewigkeit der Idee teil. Die Offenbarung am Sinai und die steinernen Tafeln, auf denen die Grundgebote des Gottesgesetzes eingegraben waren, brachten dem Volk die Freiheit vom Tod und die Freiheit von der Knechtung der weltlichen Mächte, so lautet ein tiefes Wort der Weisen. Es ist als Volk Gottes unsterblich und ist auch in Sklavenketten frei, denn seine Unterdrücker können seinen Körper peinigen, über seine Seele haben sie keine Macht. Und nach Titus kamen andere Mächte und wollen das in der Zerstreuung lebende Volk der Juden, denn es blieb auch ohne Staat ein Volk, zusammengehalten durch die Gottesidee und durch das Gottesgesetz, vernichten. Es kamen sogar Zeiten, in denen man die Juden im Namen Gottes vernichten wollte, des Gottes, den man durch die Juden kennengelernt hat, es waren dies jene Zeiten, in denen sich im Christentum die heidnischen Elemente, die nicht ganz überwunden waren, stärker bemerkbar machten; als man nach weltlicher Macht strebte und den Glauben, dieses rein Immaterielle und Geistige in den Dienst persönlichen Ehrgeizes und irdischer Machtgelüste stellte. Es ist immer ein untrüglicher Beweis für die Schwäche der geistigen Position, wenn man im Kampf um geistige Wahrheiten sich irdischer Waffen bedient. Der Genius eines Esau gesteht offen, dass er im Kampf mit Jakob der Unterlegene ist, weil er sich an ihm körperlich vergriffen und ihm seine Hüfte verrenkt hat. Und wo immer der Judenhass zu einer mächtigen Flamme aufloderte, so war es immer, vielleicht unbewusst, ein Sichauflehnen gegen Gott, dessen Verkünder nun einmal die Juden sind. Mit den Juden soll Gott vernichtet werden, denn solange die Gottesidee lebt und auf Erden Vertreter hat, können die Herrenmenschen ihre Herrschaft nicht für die Dauer auf Erden errichten. Das Judentum hat das antike Heidentum besiegt, denn es waren letzten Endes doch die jüdischen Ideen im Christentum, die das Heidentum überwunden haben und auch das moderne Heidentum, wird schließlich verschwinden müssen. Einer der lautesten Rufer im nationalistischen Lager, Graf <strong>Reventlow<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup><strong><sup>[18]</sup></strong></sup></a></strong>, schreibt: „Diese Wahrheit“, die richtige Gegenüberstellung Juden—Deutsche nämlich, „ist seitdem immer tiefer in die deutsche Bevölkerung gedrungen und hat sich in ihr ausgebreitet, nur die kirchlichen Kreise möchten sie noch nicht wahr haben, in dem mehr oder minder unbestimmten Gefühl, dass damit das katholische und evangelische Kirchentum eine seiner wesentlichen Grundlagen verliert; das in diesem Zusammenhang nur angedeutet werden soll. Man denke nur an den jüdischen Messianismus, den das Christentum in grotesker Verlängerung adoptiert hat. Fällt die Unwahrheit vom „Gottesvolk“, so fällt das „Alte Testament“, so fällt auch der „christliche“ Messianismus, und damit fällt Vieles, was die Kirchen nicht ertragen können“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Staat daran geht, die sogenannte „Gottlosenbewegung“ zu unterdrücken, so müsste er mit seiner ganzen Macht gegen den Antisemitismus einschreiten, denn dieser ist seinem Wesen nach nichts anderes als ein Kampf gegen Gott. Das Heidentum mit seiner Götterwelt soll wieder aufstehen. Menschen sollen aufs Neue sich ihre Götter erzeugen und sich von diesen Göttern die Macht über die Menschen übertragen lassen. Der Gott der Offenbarung soll entthront werden, denn dieser hat allen Menschen, die er in seinem Ebenbild erschaffen hat, die gleichen Rechte und die gleiche Würde vergeben. Und wenn er uns auserwählt hat, so hat er uns keine Vorrechte damit eingeräumt, sondern nur die schwerste Aufgabe zugewiesen, Träger seiner Wahrheiten zu sein und für diese seine Wahrheiten zu werben und ihnen die Gesamtmenschheit zu gewinnen. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, haben wir unsere Aufgabe nicht erfüllt und darin liegt nun wieder unsere tragische Schuld. Unsere historische Mission ist, durch unser ganzes Leben, durch unsere öffentliche und private Wirksamkeit, durch alle Äußerungen unseres Seins Zeugnis abzulegen für die Wahrheit der am Sinai geoffenbarten Lehre, die Lehre und Gesetz, die <strong>Thora</strong> ist, eine „von Gott in den Schoß eines Volkes gelegte Saat, aus welcher das ganze Leben dieses Volkes in allen seinen einzelnen und Gesamtgestaltungen erblühen soll, eine Gottessaat, deren Produkt Israel heißt, ein Individuum, das als Einzelwesen wie als Volksgesamtheit in allen seinen Schicksalen die Waltung Gottes bedeuten soll und das daher ebenso einzig in seiner geschichtlichen Erscheinung dasteht, wie die Thora einzig ist, die er belebt und die einzige Bedingung seiner geschichtlichen Erscheinung ist, und wie Gott einzig ist, der beide, Thora und Israel, als die Offenbarung seines Willens und seines Waltens in die Mitte der Menschheit gesetzt.“ Solange der Hass gegen uns wütet, also der Kampf gegen Gott tobt, haben wir diese Aufgabe nicht gelöst, Gottes Name ist nicht ganz, er enthält dann nur die Buchstaben, die von der Vergangenheit zeugen und für die Zukunft hoffen, aber die Gegenwart ist nicht sein, und sein Thron ist nicht voll- kommen, denn viele seiner Geschöpfe entziehen sich seiner Herrschaft und da gilt es sich ernstlich zu prüfen, ob wir ganz und gar der Thora gemäß leben, ob unser gesamtes Leben Thoraverwirklichung ist, denn nur durch ein solches Leben können wir dem Galuth der Schechinah ein Ende bereiten. Wohl uns, wenn wir Feindschaft leiden durch Verwirklichung des Thoralebens, wehe uns, wenn uns Hass umglüht, weil wir der Thora untreu geworden sind. Im ersten Fall können wir sicher sein, dass die Feindschaft an sich selbst zerschellen wird, „die Gewalt erhebt sich zur Zuchtrute des eigenen Frevels“, und Gott bleibt Sieger, im letzteren Falle gilt der Hass uns und wir sind ohnmächtig gegen eine Welt von Feinden, sind schutzlos gegen die Meereswellen des Hasses, die unser Lebensschiff bedrohen. Darum gibt es für uns nur ein Mittel: Leben, wie Gott befohlen, Thora verwirklichen wie unser Beruf ist, der Wahrheit den Weg bahnen, wie unsere Bestimmung ist, unser Herz panzern gegen alle Ausbrüche des Hasses, auf Gott vertrauen, der unser Fels ist, an dem alle Wut und aller Hass unserer Feinde, die im Grunde genommen seine Feinde sind, zerschellen wird.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> KI: Rabbiner Dr. Hermann (Herrmann) Zwi (Zwi/Zev) Klein (1879–1955) war ein orthodoxer Rabbiner, Gelehrter und Pädagoge in Berlin. Er war eng mit der Adass-Jisroel-Gemeinde (Adath Israel) verbunden.Wichtige Funktionen und Tätigkeiten</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Er wirkte als Rabbinatsassessor (Dayan/rabbinischer Richter) bei der Adass-Jisroel-Gemeinde in Berlin. Diese unabhängige orthodoxe Gemeinde wurde im 19. Jahrhundert unter Rabbiner Esriel Hildesheimer gegründet.</li>



<li>Er unterrichtete an den Schulen der Adass Jisroel und war am Rabbiner-Seminar zu Berlin beteiligt, wo er gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Dr. Meier Hildesheimer zukünftige Rabbiner ausbildete.</li>



<li>Er verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zu jüdischen Themen in Hebräisch und Deutsch und galt als einer der führenden Rabbiner Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Historischer Kontext 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, reiste Rabbiner Klein in die USA als Gast des Central Relief Committee. Er sprach auf der Jahresversammlung der Agudath Harabonim (Union of Orthodox Rabbis) und berichtete über die schwierige Lage der deutschen Juden. Er überlebte die NS-Zeit und starb 1955. In hebräischen Quellen wird er oft als Zev Tzvi oder Zwi Klein bezeichnet. Die Adass-Jisroel-Gemeinde pflegte eine streng orthodoxe Ausrichtung mit eigenen Synagogen, Schulen und Einrichtungen, getrennt von der liberaleren Hauptgemeinde. Rabbi Kleins Wirken verkörperte die Verbindung von traditioneller jüdischer Gelehrsamkeit und moderner Bildung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> NSDAP National <strong>Sozialistische</strong> Partei Deutschland</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Am Ende waren es 6 Millionen Juden</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Isaac Breuer, ein Enkel von Rabbiner Hirsch s“l schrieb den Aufsatz 1918. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/4676661</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Wikipedia: Otto Weininger (* 3. April 1880 in Wien, Österreich-Ungarn; † 4. Oktober 1903 in Wien) war ein österreichischer Philosoph. Er wurde durch sein Werk Geschlecht und Charakter bekannt. Darin entwickelte er eine philosophisch-psychologische Theorie der Geschlechter, in deren Zentrum die Theorie der menschlichen Bisexualität steht. Wenige Monate nach der Veröffentlichung starb Weininger durch Suizid in Ludwig van Beethovens Sterbehaus in Wien. Das Buch wurde zu einem Bestseller mit zahlreichen Auflagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Hauptwerk offenbarte Weininger eine scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen und erwies sich zugleich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung. Die Werte höheren Lebens seien der Frau ebenso unzugänglich wie die Welt der Ideen. Je weiblicher das Weib, desto mehr verkörpere es eine rein geistlose Geilheit. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> KI: Sowohl <strong>Hermann Heller</strong> als auch <strong>Alfred Kantorowicz</strong> vertraten im 20. Jahrhundert linke und sozialistische Ideen, waren jedoch in ihrer theoretischen Ausrichtung <strong>keine klassischen Marxisten</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier ist die genaue historische Einordnung beider Persönlichkeiten:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hermann Heller (1891–1933)</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Rolle:</strong> Bedeutender Staats- und Verfassungsrechtler der Weimarer Republik.</li>



<li><strong>Einordnung:</strong> Heller war Sozialdemokrat und zählt zu den Vätern des <strong>demokratischen Sozialismus</strong>. Er vertrat den linken Flügel der SPD, lehnte den orthodoxen Marxismus und den Historischen Materialismus jedoch ausdrücklich ab. Er sah den Staat nicht als bloßes Instrument zur Unterdrückung (wie im klassischen Marxismus), sondern als demokratisch gestaltbares Werkzeug für soziale Gerechtigkeit.</li>



<li><strong>Hauptgegner:</strong> Innerhalb der Arbeiterbewegung lieferte er sich theoretische Debatten mit Vertretern des klassischen Marxismus wie Max Adler. In der Rechtslehre war er ein prominenter Kritiker des Marxisten Hans Kelsen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Alfred Kantorowicz (1899–1979)</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Rolle:</strong> Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Publizist.</li>



<li><strong>Einordnung:</strong> Er war Mitglied der KPD, antifaschistischer Kämpfer und verstand sich als Marxist. Dennoch galt er vielen orthodoxen Parteimarxisten als unorthodoxer oder &#8222;bürgerlicher&#8220; Marxist, da er stark von der humanistischen Kultur, der europäischen Literatur und freiheitlichen Idealen geprägt war.</li>



<li><strong>Historischer Verlauf:</strong> Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er in die DDR, um dort am Aufbau eines neuen Staates mitzuwirken. Er wandte sich jedoch zunehmend vom dogmatischen Stalinismus ab und floh 1957 in die Bundesrepublik.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Marx und Engels</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Wie Isaac Breuer ein Enkel von Rabbiner Hirsch s“l. Er war Rabbiner in Aschaffenburg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> ???????????</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Wikipedia: Ferdinand Lassalle (geboren am 11. April 1825 in Breslau als Ferdinand Johann Gottlieb Lassal; gestorben am 31. August 1864 in Carouge bei Genf) war Schriftsteller, sozialistischer Politiker im Deutschen Bund und einer der Wortführer der frühen deutschen Arbeiterbewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lassalles Idee des Sozialismus war genossenschaftlich und preußisch-nationalstaatlich orientiert. Damit geriet er in einen Gegensatz zu der von Karl Marx und Friedrich Engels dominierten Lehre, die revolutionär und internationalistisch ausgerichtet war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Wikipedia: Ernst Johannsen (* 28. Mai 1898 in Altona bei Hamburg; † 1. November 1977 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Wikipedia: Hans Erich Karl Albert Hermann Blüher (* 17. Februar 1888 in Freiburg in Schlesien; † 4. Februar 1955 in Berlin) war ein deutscher antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und Philosoph.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Einigen Gott = einzigen Gott; nicht etwa vereinigenden Gott!!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Voraussetzung</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Ein Eingeweihter, Jünger oder Schüler, der von einem Meister in eine Kunst, Wissenschaft oder Geheimlehre eingeführt wurde und dessen Erkenntnisse teilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Siehe z. B. die Pharaonen in Ägypten</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Hebräisch Hass = <strong>שִׂנאָה</strong> = sin-a</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Wikipedia: Ernst Christian Einar Ludwig Detlev Graf zu Reventlow (* 18. August 1869 in Husum; † 21. November 1943 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und deutschvölkischer bzw. nationalsozialistischer Politiker.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/judenhass/">Judenhass</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aw 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/aw-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:22:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Monatsblatt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5618</guid>

					<description><![CDATA[<p>Alles hat uns Gott gegeben, Land, Heimat, Eigenständigkeit – all dies haben wir verloren, weil wir seine Gebote missachtet. Diesen leidenschaftlichen Apell von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l habe ich in der Zeitung Jeschurun, 5. Jahrgang, Heft 11, August 1859 gefunden. Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/aw-5786/">Aw 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Alles hat uns Gott gegeben, Land, Heimat, Eigenständigkeit – all dies haben wir verloren, weil wir seine Gebote missachtet.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diesen leidenschaftlichen Apell von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l habe ich in der Zeitung Jeschurun, 5. Jahrgang, Heft 11, August 1859 gefunden.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2932875">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2932875</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Warum ging Juda ins Exil?</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ins Exil ging Juda aus Armuth<br>Und aus <strong>zu vielem Dienste</strong>;<br>Es saß unter den Völkern<br>Und <strong>fand keine Ruhe</strong>;<br><strong>Alle seine Verfolger trafen es stets zwischen den Grenzen!<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a></strong></p>



<pre class="wp-block-preformatted has-medium-font-size"><br><br>Warum ging Juda ins Exil? Diese Frage dürfte keinem denkenden Juden als eine müßige erscheinen.</pre>



<p class="wp-block-paragraph">Lebt in ihm noch das edle jüdische Bewusstsein, das selbst in einer Entknechtung der gesamten Judenheit auf dem ganzen Erdboden noch nicht die Erlösung erblickte, das sich jüdisches Heil ohne jüdische Heiligung und ohne die jüdischen Heiligtümer nicht zu denken vermag und dem die Erlösung nicht da ist, so lange es nicht alle Juden wieder um das eine göttliche Gesetzesheiligtum auf ureigenem, diesem Gesetze heiligem Boden vereinigt und dieses Gesetz in ihrem Gesamtleben verwirklicht findet: so ist diese Frage für ihn die erste und die letzte. Er sagt sich: die Ursachen, die das Exil gebracht, das sind dieselben Ursachen, die das Exil verlängern, das sind dieselben Ursachen, die beseitigt sein müssen, wenn die Erlösung kommen soll, das sind dieselben Ursachen, deren Heilung und endliche Beseitigung Zweck und Ziel des Galuth sein müssen, deren Erkenntnis ihm somit die eigene Aufgabe und die Aufgabe seiner Brudergesamtheit in jeder Zeit das Galuth erkennen lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch wenn er in der modernen Täuschung befangen ist, die in vollendeter bürgerlicher Gleichstellung mit den Völkern und unter den Völkern der Erde das Ende des Galuth erblickt<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a>, auch dann — und wenn er<strong> denkt</strong>, dann zuerst — müsste diese Frage ihn aufs lebhafteste interessieren. Israel war ja schon einmal gleichgestellt, ja mehr als das, war selbstständig, bildete eine eigene große Nation, bildete einen eigenen großen Staat, die Hauptstadt seines Reiches war <strong>רַבָּ֣תִי עָ֔ם</strong>, war<strong> רַבָּ֣תִי בַגּוֹיִ֗ם שָׂרָ֙תִי֙ בַּמְּדִינ֔וֹת</strong> und dennoch — <strong>הָיְתָ֖ה לָמַֽס</strong><strong>!</strong><a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Sollte ein Glück, das notdürftig zusammengebettelt worden an den Pforten der Parlamente, an den Türen der Stände, dessen Gewährung und Dauer bedingt ist von der Dauer so vieler anderen Beziehungen, deren Barometerstand von heute auf morgen nicht verbürgt werden kann, ein Glück, das von den zufälligsten Kombinationen abhängig ist, in welchen die zufällige Majorität einer zufälligen Versammlung das Recht der Juden vereinbar oder nicht vereinbar, notwendig oder unmöglich denkt mit ihren Rechten und ihren Interessen, ein Glück, das wir schon siebenmal auf dem Papier bewilligt und ebenso oft in der Wirklichkeit wieder verkümmert gesehen<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a>: sollte denn dieses Glück je einmal stabiler und gegen alle Wechselfälle gesicherter sein können, als ein Glück, das auf einheitlichem Boden in einheitlicher Selbstständigkeit unter dem Schutz des einen Einzigen gegründet war, sollte es je die Gefahren nicht zu fürchten haben, an welchen selbst dieses gescheitert?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum ging nun Juda ins Exil?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„aus <strong>Armut</strong> und aus zu <strong>vielem Dienst<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup><strong><sup>[5]</sup></strong></sup></a></strong>“ lautet die erste Antwort des Propheten. Wenn aber Juda nach Aufschluss des Propheten <strong>aus</strong> Armut und <strong>aus</strong> zu vielem Dienste <strong>ins</strong> Exil gewandert, so kann das nicht die Armut und der Dienst, das Elend und die Abhängigkeit sein, die Judas Los in <strong>Folge</strong> des Exils geworden. Es war ja eine Armut und ein Übermaß des Dienstes, die die Ursache, nicht die die Folge des Exils gewesen. Wenn aber die „Volkreiche&#8220;, die „Große“, die „Fürstin unter den Nationen“ aus Armut und aus zu vielem Dienste ins Unglück gekommen, so muss dies eine Armut sein, die mitten im Reichtum, eine Dienstbarkeit, die trotz aller Herrlichkeit vorhanden sein konnte, ja, es mag dieser Reichtum und diese Herrlichkeit unter den Nationen im tieferen Grund die Armut und Dienstbarkeit selbst gewesen sein oder dieselbe erzeugt haben, um welche Juda ins Exil gewandert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wohl sollte Juda <strong>reich</strong>, — volkreich und güterreich — dastehen; das Gesetz, das Gott ihm gegeben, sollte eben seine segensreiche Kraft und seine göttliche Wahrheit bereits in der Blüte des diesseitigen Lebens bewähren. Es sprach und spricht nicht zu seinen Bekennern, — was ja auch dem erstbesten Impostoren<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> der Menschheit möglich — lernt meine Worte und erfüllet sie, dann mache ich euch <strong>jenseits</strong> glücklich, jenseits, von wo keiner zurückzuerwarten ist, der den betrügenden oder mitbetrogenen Betrüger des Betrugs zeihe. Es ist das einzige Wort auf Erden, das die ganze diesseitige Wirklichkeit und die ganze diesseitige Zeitentwicklung als Bürgen seiner Beglaubigung einsetzt und keiner beschämenden Widerlegung gewärtig ist. Es spricht zu seinen Bekennern: erfüllet mich, erfüllet mich ganz, so wird der Himmel und die Erde euch schon hinieden<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> zulächeln und ihr werdet meine Wahrheit spüren in dem zeitigen Regentropfen von oben, und in der reichen Blüte eurer Äcker und Herden unten, in der Gesundheit und Blüte eurer Kinder, in dem Segen eurer Händewerke und in dem Frieden, den die achtende Scheu des Waldtiers und des Erobererschwerts euch zollt. Allein Lohn nicht Sorge, Mittel nicht Zweck, am allerwenigsten Ziel sollte diese ganze reiche Fülle Juda werden, sollte ihm nur durchs Gesetz und fürs Gesetz erblühen. „Er gab ihnen die Länder der Völker, das Mühen der Nationen sollten sie erben, <strong>damit</strong> sie seine Gesetze hüten und seine Lehren bewahren sollten!<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>“ Diese Gesetze, diese Lehren sollten Judas Nationalschatz und den Reichtum seiner Söhne und Töchter bilden. Aller Segen des Himmels und der Erde sollte ihnen zusammenströmen, um durch das Gesetz in dem Lichte ihrer Geister, in dem Adel ihrer Gemüter, in der Reinheit ihrer Leiber, in der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Milde und Liebe ihrer Worte und Taten, der Heiligung und Beseligung ihres ganzen Einzel- und Gesamtlebens die höchste Blüte und Vollendung des Menschlichen im Menschen zu feiern. Sie aber berauschten sich an der Fülle, ließen sich blenden vom Glanze, hatten nur den materiellen Wohlstand und die herrlichen Genüsse die er bietet im Auge und blieben dabei stehen, und als ihnen das Land blühte und ihnen seine Frucht und seine Fülle zu spenden bereit war, <strong>וַתָּבֹ֙אוּ֙ וַתְּטַמְּא֣וּ אֶת־אַרְצִ֔י וְנַחֲלָתִ֥י שַׂמְתֶּ֖ם לְתוֹעֵבָֽה׃ הַכֹּהֲנִ֗ים לֹ֤א אָֽמְרוּ֙ אַיֵּ֣ה ה&#8216; וְתֹפְשֵׂ֤י הַתּוֹרָה֙ לֹ֣א יְדָע֔וּנִי וְהָרֹעִ֖ים פָּ֣שְׁעוּ בִ֑י וְהַנְּבִאִים֙ <a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup><strong><sup>[9]</sup></strong></sup></a>נִבְּא֣וּ בַבַּ֔עַל וְאַחֲרֵ֥י לֹֽא־יוֹעִ֖לוּ הָלָֽכוּ׃</strong>, da, vergaßen sie des Zweckes für welchen, und der Bedingung unter welcher ihnen dieses Land der Fülle und des Segens verheißen war; in Sinnlichkeit und Gewalt ging ihnen die Fülle und der Reichtum auf, „den Gott heiligen Boden gaben sie sinnlicher Unlauterkeit, das Gotteserbe einer von Gott verworfenen Lebensweise preis&#8220;, sahen nichts weiter und wollten nichts weiter, „die Priester sprachen nicht: wo ist denn Gott?! Die Träger der Lehre kannten ihn nicht, die Führer waren von ihm abgefallen und die Prediger begeisterten sich für den Baal und so wandelten sie alle dem nichts Nützenden nach“, so wurde Juda arm, arm mitten in der reichsten Fülle, arm eben durch die reichste Fülle, arm an seinem einzigen wahren Reichtum, der die Dauer aller seiner anderen Errungenschaften und den Besitz des Gottesbodens bedingt. Denn weder dies Land noch Israel erträgt diese materielle, sinnliche Richtung. Geistig sittlich will in diesem Land alles materiell Sinnliche gewonnen, geistig sittlich dort alles materiell Sinnliche verwendet werden. Geistig sittlich soll Israel alles materiell Sinnliche gewinnen, geistig sittlich alles materiell Sinnliche verwenden und Gottes Gesetz enthält die geistig sittlichen Bedingungen und Bestimmungen alles materiell Sinnlichen auf Erden. So, aber auch nur so, gehört Israel dem Land und Israel das Land. Achtet es die Bedingungen, erfüllt es die Bestimmungen, so lächelt ihm der Himmel von oben und es blüht der Boden unter seinen Füßen und Gottes Cherubim lagern den Frieden um seinen Kreis. Wirft es aber Gottes Gesetz hinter seinen Rücken, will es das Materielle nur materiell erwerben und nur materiell verwenden, <strong>will es reich sein</strong>, <strong>dann macht es sich arm</strong>, will es Reichtum mit Reichtum erwerben und für Reichtum verwenden, dann schneidet es die Wurzel seines Wohlstandes entzwei, dann wird der Himmel eisern über seinem Haupt, und der Boden unter seinen Füßen wird ehern, es weicht der Gottesschutz von ihm und der Boden seines Wohlstandes wirft die ihm fremd gewordenen Besitzer aus. Juda wandert ins Exil aus Armut, weil es arm geworden an den Gütern, die die einzigen Bedingungen und Bestimmungen seines Wohlstandes sind, die somit seinen einzigen wahren Reichtum bilden — <strong>גָּֽלְתָ֨ה יְהוּדָ֤ה מֵעֹ֙נִי֙<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup><strong><sup>[10]</sup></strong></sup></a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>וּמֵרֹ֣ב עֲבֹדָ֔ה </strong>&nbsp;<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a>, <strong>und aus zu vielem Dienst</strong>! Wohl ist Juda der Begriff: Dienst nicht fremd. Sein ganzes Dasein, die ganze Gestaltung und Entwicklung seines Einzel-, Familien- und Gemeindelebens soll ja eine fortlaufende <strong>עֲבֹדָ֔ה</strong>, einen fortlaufenden Dienst bilden. Überall und mit allem steht es im Dienst eines Höheren, steht nirgends in eigener Machtvollkommenheit da, beginnt nichts im eigenen Namen, vollendet nichts in eigenem Namen, setzt nirgends seinen Willen als Maßstab und Richtschnur für sein Denken und Fühlen, sein Wort und seine Tat. Sein ganzes Leben heißt dienen und das Ideal seiner Menschenwürde heißt: Dienst. Aber es ist der Dienst <strong>eines Einzigen</strong>, es ist der Dienst des <strong>einen Einzigen</strong>, in den es aufgehen soll, es ist der Dienst des einen einzigen wahrhaftigen Herrn und Meisters alles Seienden und Werdenden, des einen einzigen wahrhaftigen Herrn und Meisters der Natur und Geschichte, der die, die seinem Dienst sich ganz und ausschließend hingeben, zu sich heraufhebt in den Bereich seiner Freiheit, ihr Wesen frei macht von den Banden der Natur und ihr Geschick loslöst von den Wechselfällen der Geschichte. Dem einen Einzigen sollte Juda dienen und dieser Dienst sollte Juda frei machen, sollte es als das freieste Volk und seine Söhne als die freiesten Menschen auf Erden hinstellen. Ihm aber genügte nicht der Dienst dieses Einen, es hielt sich nicht sicher unter dieses Einen Fittig. Schutz-Herren suchte es sich, suchte sie in menschlichen Hoheiten unter seinen Söhnen, suchte sie in gebietenden Mächten unter den Naturgewalten, suchte sie in gefürchteten Schwertern unter den Völkergeißeln, schuf sich „Könige und Fürsten“ zu seiner Verteidigung, „Gottes-Anhöhen&#8220; zu seinem Schutz, „Bundesgenossenschaften&#8220; zu seiner Stütze, und sah nicht, dass es mit diesem Dienst der „Vielen“ den Schutz des einen Einzigen preisgab, der allein seine Verteidigung, sein Schutz und seine Stütze ist, und dessen Schutz ihm der Beistand der ganzen Welt nicht zu ersetzen vermag. Denn Juda hat keine Wahl. Es gibt sich dem Einen, Einzigen, einzig hin und steht dann gehoben über alle feindliche Macht der Natur und der Geschichte, oder es verlässt diesen Einen und geht dann in Natur und Geschichte unrettbar verloren. Denn nicht naturwüchsig und nicht geschichtsmäßig ist Juda geworden. An der Wiege seiner Entstehung sprachen die Konstellationen der Natur und Geschichte „Nein&#8220;! und nur der eine Einzige war&#8217;s, der mit seinem „Ja&#8220;! sein Dasein schuf, und nur der eine Einzige ist&#8217;s, der mit seinem „Ja!“ sein Dasein trotz Natur und Geschichte erhält. Das vergaß Juda, vergaß, dass wenn ihm der Eine nicht genügt, ihm nichts mehr genügen könne, wenn es den Einen nicht fürchtet, es alles zu fürchten habe, und als es um den Dienst der Vielen den Dienst des Einen gekündigt hatte, gruben seine Könige und Fürsten selbst sein Verderben, die Gewalten des Himmels und der Erde, um deren Gunst es vergötternd gebuhlt, schauten es mit starrem Fluch an und die Völker, um deren Schutzfreundschaft es sich erniedrigend gebettelt, trieben es mit Hohngelächter in die Fremde. „Es rief nach seinen Freunden, die hatten es betrogen, und da sitzt es nun und weint und weint in die Nacht hinaus und die Träne versiegt nicht auf seiner Wange. Keinen Trost hat es von allen seinen Freunden, alle seine Genossen sind ihm treulos, sind ihm die Feinde geworden. Juda geht ins Exil aus Armut und aus <strong>zu vielem Dienst</strong> <strong>גָּֽלְתָ֨ה יְהוּדָ֤ה מֵעֹ֙נִי֙ וּמֵרֹ֣ב עֲבֹדָ֔ה</strong> —</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>הִ֚יא יָשְׁבָ֣ה בַגּוֹיִ֔ם לֹ֥א מָצְאָ֖ה מָנ֑וֹחַ</strong> <a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a> Juda saß unter den Völkern, ja, Juda saß unter den Völkern, <strong>הִ֚יא יָשְׁבָ֣ה בַגּוֹיִ֔ם</strong> es, gerade es war unter allen Völkern eben dasjenige, das seinen Sitz gefunden haben sollte das ruhig „sitzen“ konnte und „sitzen&#8220; sollte, das, hinsichtlich seines äußeren Geschicks und seiner ganzen staatlichen Entfaltung bereits gefunden haben sollte, was alle, alle anderen Nationen auf Erden noch erst zu suchen haben, den gesicherten Kreis und eine blüten- und segensreiche Entfaltung und die über allen Zweifel und alle Täuschung erhabene Form und Norm der Entfaltung; das nichts zu erobern, nichts zu erkämpfen, nichts zu erfinden haben, dessen Fortschritt in ganz anderen Gebieten liegen sollte; dem das, was den anderen Völkern als anzustrebendes Ziel vorschwebt, gegeben ward und das Gegebene sein sollte, auf dass dies Gegebene ihm Mittel werde, auf diesem gegebenen und gesicherten Boden das höchste Ideal eines Gott dienenden Menschen- und Volks-Daseins zu verwirklichen. Alle Völker hatten zu <strong>werden</strong>, Juda sollte <strong>sein</strong>, sein, wie der fremde Seher<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a> von Felsenhöhen es sah und von Hügeln herab es schaute, „ein Volk, das gesondert ruht und unter die Völker sich nicht zählt<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup>[14]</sup></a>&#8222;, „dessen Häuser wie Bäche geleitet, wie Gärten an dem Strom, wie Bäume die Gott gepflanzt, wie Zedern am Gewässer. Das Wasser fließt aus Gottes Eimern, seine Saat ists an reichen Wassern, darum wird höher als Agag sein König, darum erhebt sich sein Reich<a href="#_ftn15" id="_ftnref15"><sup>[15]</sup></a>,&#8220; oder, wie sein <strong>erster</strong> Prophet<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a> es schaute: „Nichts Gott gleich, Jeschurun! Er lenkt Himmel in deiner Hilfe und in seiner Hoheit Wolken. Du wohnst unter dem Gott der Vorzeit, getragen von den Armen der Ewigkeit, während er den Feind vor dir vertrieb und „Vernichtung!“ sprach. Israel ruht, — sicher, gesondert, Jakobs Quell, für ein Land voll Korn und Most, auch seine Himmel triefen Tau. Heil dir, Israel, was gleicht dir, Volk, siegreich durch Gott, den Schild deiner Hilfe, und der das Schwert ist deiner Größe. Deine Feinde verleugnen sich dir — ihre Höhen besteigst du!<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a>“ Das sollte Jeschurun sein, <strong>מְעוֹנָה</strong>, den Boden für jeden Moment seines zeitlichen Daseins sollte es in Gott, dem Gott aller Ewigkeiten, und somit sich schon hinieden auf Erden, <strong>מִתַּחַת</strong>, getragen fühlen von den alle Zeiten tragenden Armen ewiger Allmacht<a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a>; in diesem Bewusstsein sollte es fest und ruhig und sicher ruhen mitten in allen es umkreisenden Wechseln wandelnder Völkergeschicke — es aber verkannte seinen Hort, und als ob es noch zu suchen hätte was ihm längst gegeben war, und für dessen ewige unwandelbare Dauer es die Bedingung nur in sich trug, glaubte es seinen Halt auch in politischen Kombinationen und in Freundschaft der Menschen finden zu können, stürzte es sich hinein in den Strudel der Völkerbewegung und Juda, das wandellos wie der Pol ruhen sollte —&nbsp; <strong>הִ֚יא יָשְׁבָ֣ה בַגּוֹיִ֔ם</strong> — ward das ruhelose, rastlose, heimatlose Wandervolk auf Erden, das alle Katastrophen der Menschheit mit durchzumachen hatte und über das noch heute nach Jahrtausenden die Völker beraten ob und wie weit ihm Daseinsberechtigung zuzuerkennen wäre, <strong>לֹ֥א מָצְאָ֖ה מָנ֑וֹחַ</strong> — —</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>כׇּל־רֹדְפֶ֥יהָ הִשִּׂיג֖וּהָ בֵּ֥ין הַמְּצָרִֽים</strong> <a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a>, alle seine Verfolger erreichten es zwischen den Grenzen, <strong>בֵּ֥ין הַמְּצָרִֽים</strong>, „<strong>zwischen den Grenzen</strong>!“ Das ist der verhängnisvollste Vorwurf, das ist die Klage, die den ganzen Jammer enthält. Fragt nicht, woran ein Mensch, ein Haus, eine Familie, eine Gemeinde, ein Volk, woran eine Menschheit zu Grunde gegangen, wenn ihr sie überall und darum nirgends findet, wenn sie alles sein wollen und darum Nichts sind, wenn sie die Ganzheit, die eben in der Beschränktheit liegt, nicht kennen, wenn sie nicht den Mut und nicht die Kraft, nicht die Weisheit und die Besonnenheit nicht haben, die im vollendeten Ausleben des kleinsten, bescheidensten, heimischen Daseins ein Genüge und eine Seligkeit fühlt und eine Unzerstörbarkeit findet, die man vergebens durch Millionen glanzvollster Halbheiten sich zusammen zu betteln versucht. Warum Juda ins Exil musste? Weil es längst mit seinem Geist im Exil war, weil es auf heimischem Boden nicht heimisch gewesen, weil es mit seinen Wünschen, seinen Ansichten, seinen Bestrebungen längst ins Exil gegangen, weil es ihm nicht genügte Jude zu sein, es wollte auch Syrer und Assyrer, wollte auch Chaldäer und Ägypter sein, wollte auch mit allen Nachbarvölkern in dem Schein ihrer Größe wetteifern, und so hörte es auf Jude zu sein und Syrer und Assyrer, Chaldäer und Ägypter wurde es doch nicht, es gab die heimische Größe auf und die fremde wurde ihm doch nicht heimisch, alle seine Feinde trafen es <strong>zwischen</strong> den Grenzen, darum konnten sie es erreichen und zertrümmern.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>לֵ֤ךְ עַמִּי֙ בֹּ֣א בַחֲדָרֶ֔יךָ </strong>&nbsp;<a href="#_ftn20" id="_ftnref20"><sup>[20]</sup></a> Geh&#8216; mein Volk, gehe ein in deine Kammern, umschränke dich in deinem heimischen Kreis, lebe dich in deiner heimischen Umschränkung aus, sei Jude und weiter nichts, <a href="#_ftn21" id="_ftnref21"><strong>[21]</strong></a><strong>עַד יַעֲבוֹר זָֽעַם</strong>, bis die Zeiten um dich ausgebraust, hatte Gott zu Juda gesprochen, und hatte ihm damit das einzige Prinzip gereicht, auf dem es glücklich und ungestört und unangefochten von allen geschichtlichen Stürmen hätte ausharren sollen, bis durch alle geschichtlichen Stürme hindurch die Menschheit zu der Besinnung und dem Bewusstsein und zu dem einzigen wahrhaftigen Ruhepunkt in Gott gekommen, der auch ihr am Ziel aller geschichtlichen Völkerentwicklung die Erlösung und das Heil gewähren wird, die Israel bereits beim Eintritt in das geschichtliche Dasein verliehen. Dann, erst dann&nbsp; <a href="#_ftn22" id="_ftnref22"><sup>[22]</sup></a>&nbsp; <strong>הַבָּאִים֙ יַשְׁרֵ֣שׁ יַֽעֲקֹ֔ב יָצִ֥יץ וּפָרַ֖ח יִשְׂרָאֵ֑ל וּמָלְא֥וּ פְנֵי־תֵבֵ֖ל תְּנוּבָֽה</strong>, erst dann wird Jakob-Israel sein Blüteziel in Mitte der Völker erreichen; es wird aber dann nicht die fremden Keime in seinem Schoß zur Entfaltung bringen, sondern an dem Baum seiner Erkenntnis und seines Lebens wird die Menschheit ihre Heiles-Ernte feiern.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Klagelieder 1:3</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Assimilation</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Klagelieder 1:1; <strong> </strong><strong> אֵיכָ֣ה יָשְׁבָ֣ה בָדָ֗ד הָעִיר֙ רַבָּ֣תִי עָ֔ם הָיְתָ֖ה כְּאַלְמָנָ֑ה רַבָּ֣תִי בַגּוֹיִ֗ם שָׂרָ֙תִי֙ בַּמְּדִינ֔וֹת הָיְתָ֖ה לָמַֽס</strong>Ach, wie einsam sitzt sie da die Stadt [Jerusalem] reich an Volk, sie wurde wie eine Witwe. Die Große unter den Völkern, die Fürstin unter den Provinzen zu Zwangsabgaben gezwungen. (Übersetzung Igor Itkin)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> KI:</p>



<p class="wp-block-paragraph">1.&nbsp; Französische Revolution &amp; Napoleon-Zeit (1791/1808): Volle Bürgerrechte in Frankreich und eroberten Gebieten (z. B. Rheinbundstaaten, Westfalen). Nach Napoleons Niederlage und dem Wiener Kongress 1815 weitgehend zurückgenommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">2.&nbsp; Wiener Kongress &amp; Restauration (1815–1820er): Hoffnung auf einheitliche Emanzipation im Deutschen Bund zerschlagen. Viele Staaten (z. B. Preußen, Bayern, Baden) schränkten Rechte wieder ein oder machten sie von „Verbesserung“ abhängig. Juden blieben oft ohne volles Bürgerrecht, mit Berufs- und Wohnbeschränkungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">3.&nbsp; Hep-Hep-Pogrome 1819: Gewalttätige Ausschreitungen in vielen deutschen Städten als Reaktion auf frühe Emanzipationsfortschritte; begleitet von rechtlicher Rücknahme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">4.&nbsp; Nach 1830/1830er Jahre: In manchen Staaten (z. B. Sachsen, Hannover) vorübergehende Erleichterungen, die nach politischen Unruhen wieder beschnitten wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">5.&nbsp; Revolution von 1848/49: Im Frankfurter Parlament (Paulskirche) wurde die volle Gleichstellung beschlossen (Riesser-Rede). Nach Scheitern der Revolution in den Einzelstaaten größtenteils zurückgenommen oder ignoriert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">6.&nbsp; 1850er Jahre (Reaktionszeit): In Preußen, Österreich und anderen Staaten weitere Einschränkungen (z. B. bei Beamtenlaufbahnen, Landerwerb, Gemeindemitgliedschaft). Fortschritte blieben auf dem Papier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">7.&nbsp; Vor 1860er Jahren in verschiedenen Kleinstaaten: Zahlreiche partielle Edikte (z. B. Baden 1809/1862, Bayern 1813, Württemberg 1828), die immer wieder revidiert oder verzögert wurden, bis zur endgültigen Reichseinigung 1869/1871.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Unter „Dienst“ ist der Dienst für und an Gott zu verstehen, wie z.B. Gottesdienst</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Hochstaplern</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> jetzt und gleich</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Psalm 105:44-45</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Jeremija 2:7-8; “…. Ihr aber kamt und verunreinigtet Mein Land und Mein Erbe machtet ihr zum Abscheu. Die Priester, sie sprachen nicht, wo ist denn Gott, und die Handhaber der Thora, sie kannten mich nicht (mehr), die Hirten sind von Mir abgefallen, und die Propheten prophezeiten dem Baal — da gingen sie dem nach, was nichts nützt.” (Übersetzung Rabbiner Dr. Joseph Breuer)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> Klagelieder 1:3; „Jehuda ging in die Verbannung aus Elend…“ (Übersetzung Igor Itkin)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> w.v.; „…. und schwerer Arbeit.“ (Rabbiner Hirsch übersetzt &nbsp;„Arbeit“ mit „Dienst“ für und an Gott, dieses „Dienen“ ist ihnen zu schwer geworden)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Klagelieder 1:3; „Sie [Jehuda] sitzt unter den Völkern, Ruhe findet sie nicht.“ (Übersetzung Igor Itkin)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Bileam</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Numeri 23:9</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> Numeri 24:6-7</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> Moses</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Deuteronomium 33:26-29</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> Deuteronomium 33:27; <strong>מְעֹנָהֿ֙</strong><strong> אֱלֹ֣הֵי קֶ֔דֶם וּ</strong><strong>מִתַּ֖חַת</strong><strong> זְרֹעֹ֣ת עוֹלָ֑ם וַיְגָ֧רֶשׁ מִפָּנֶ֛יךָ אוֹיֵ֖ב וַיֹּ֥אמֶר הַשְׁמֵֽד </strong><strong>; Träger jedes verrinnenden Zeitmomentes</strong> ist der Gott der Vorzeit, und <strong>Er ist aus der Tiefe herauf der ewig alles tragende Halt</strong>. Er hat vor dich her den Feind vertrieben, Er Vernichtung gesprochen. (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Klagelieder 1:3; „Alle ihre Verfolger holten sie ein, zwischen den engen [Gassen].“ (Übersetzung Igor Itkin)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Jesaja 26:20; „Gehe mein Volk, begib dich in deine Gemächer …“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> Ebenda; „…bis vorüber ist der Grimm.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref22" id="_ftn22">[22]</a> Jesaja 27:6; „Dann schlüge Jakob in Zukunft Wurzel, dann knospt und blühte Israel auf, und sie erfüllten des Erdballs Fläche mit Pflanzentrieb.“ (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>
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		<title>Magazin für den Monat Aw 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-aw-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 09:11:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
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		<title>Willkommen zur 10. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-10-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:46:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Willkommen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>für den Monat Thamus 5786 Viermal im Jahr gedenken wir der Zerstörung des Tempels. Schon der Prophet Secharja fragte: „Soll ich noch weinen und fasten?“ Diese Frage greift Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l auf und beleuchtet die Hintergründe der Zerstörungen Jerusalems.Das Monatsblatt für den Monat Thamus finden Sie hier. Einen besonders interessanten Artikel von Rabbiner [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://hirschinitiative.de/wp-content/uploads/2022/08/image.png" alt="Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist image.png"/></figure>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>für den Monat Thamus 5786</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viermal im Jahr gedenken wir der Zerstörung des Tempels. Schon der Prophet Secharja fragte: „Soll ich noch weinen und fasten?“ Diese Frage greift Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l auf und beleuchtet die Hintergründe der Zerstörungen Jerusalems.<br><strong>Das Monatsblatt für den Monat Thamus finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/thamus-5786/">hier</a>.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen besonders interessanten Artikel von Rabbiner Benedikt Pinchas Wolf s“l über einen Vergleich des „Liberalen Christentums und des „liberalen“ Judentums“ habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ gefunden.<br><strong>Den Artikel von Rabbiner Wolf finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/liberales-christentum-und-liberales-judentum/">hier</a>.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinderecke darf natürlich nicht fehlen. Heinrich Einstädter beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall vor genau 120 Jahren.<br><strong>Die Kinderecke finden Sie <a href="https://hirschinitiative.de/kinderecke-thamus-5786/">hier.</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie immer haben Sie die Möglichkeit das komplette Magazin herunterzuladen<br><strong>Das Magazin für den Monat Thamus finden Sie</strong><a href="https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-thamus-5786/"> hier.</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/willkommen-zur-10-ausgabe-des-5-jahrgangs-der-monatszeitschrift/">Willkommen zur 10. Ausgabe des 5. Jahrgangs der Monatszeitschrift</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Kinderecke Thamus 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/kinderecke-thamus-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:32:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderecke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5581</guid>

					<description><![CDATA[<p>Meine Sommerferien. Diesen Kinderecken-Aufsatz, wahrscheinlich von Heinrich Einstädter[1] verfasst, habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.9.1906 gefunden. Ein jüdisches Mädchen beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall. Im ersten Teil des Aufsatzes beschreibt sie die Bahnfahrt, vorbei an Ortschaften, Tälern und Bergen. Im zweiten Teil ihre Erlebnisse in Bad Reichenhall. Hier kommt [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Meine Sommerferien.</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Diesen Kinderecken-Aufsatz, wahrscheinlich von Heinrich Einstädter<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> verfasst, habe ich in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.9.1906 gefunden. Ein jüdisches Mädchen beschreibt eine Klassenfahrt von München nach Bad Reichenhall. Im ersten Teil des Aufsatzes beschreibt sie die Bahnfahrt, vorbei an Ortschaften, Tälern und Bergen. Im zweiten Teil ihre Erlebnisse in Bad Reichenhall.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Hier kommt eine große Verbundenheit, ja Liebe, zu Deutschland zum Ausdruck. Es wird klar – für die Juden, ob orthodox oder liberal war Deutschland Heimat.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/7375181">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/7375181</a></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph">Tagebuchblätter Juli 1906</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Reichenhall!</strong> Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich freue. Aber ich gebe mir Mühe, ruhig und gesetzt zu erscheinen. Und während in mir alles singt und klingt und der wunderbaren Bergwelt entgegenjauchst, bekümmere ich mich um Gepäck, Billet usw., um zu zeigen, dass ich schon ein großes Mädchen bin und mitgenommen werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben uns einige Tage in München aufgehalten, und nun soll es weiter gehen. Tefillat Haderech<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> ist gesagt, und am Ostbahnhof steigen wir zur Weiterfahrt ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Freilassing!</strong> Im Coupé halte ich´s nicht aus, ich stehe auf der Plattform und schaue, schaue, schaue! Schon bei Prien war ich außen. Da ist ja der wunderbare Chiemsee und auf der Herren-Insel eines der Prachtschlösser König Ludwigs II. von Bayern<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a>. Ist&#8217;s Wahrheit, ist´s Sage, was sich an diesen Namen knüpft? —&nbsp; Die Eltern erzählen´s, und doch — man glaubt sich in eine Märchenwelt versetzt, es war einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie mich der Wind zerzaust, der frisch, kräftige Bergwind! Und da sind sie auch, der Staufen, der Zwiesel, der Untersberg, die Reitalp, ich kenne sie nicht alle. Ich fragte nach den Watzmann, weiß aber nicht, ob der Herr und König sich gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hammerau, Piding</strong> , langsamer fährt der Zug, enger wird das Tal, es weitet sich wieder — <strong>Reichenhall</strong>. Ein sonniger, wonniger, herrlicher Tag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber glaube nur nicht, dass sie alle so sind, die Tage in diesem Eden. Weißt Du, wie die Winde heulen von den Bergen herab, aus den Schlünden hervor, wie es stürmt und tobt, wie die Blitze zucken und zünden, der Donner rollt, lang hingezogen, im Echo widerhallend von Bergwand zu Bergwand wie der Regen in Fluten herabstürzt! — Kennst Du es? — Ja, es ist ein anderes, ein Wetter in den Bergen oder eines in der Ebene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hoch zurück zum Bahnhof! Du mein liebes Buch sollst ja später meinem Gedächtnis nachhelfen, selbst eine Art Gedächtnis sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies Sprachgewirr! Natürlich deutsch vor allem, dabei auch die schwer verständliche Mundart der Einheimischen, dann französisch, englisch, rumänisch, serbisch, bulgarisch, russisch, polnisch, spanisch, italienisch, auch das jüdisch-deutsche<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> fehlt nicht, und ich weiß nicht, was noch. Neugierig bin ich nicht, aber wenn rings um Dich die angeregteste Unterhaltung ist, und Du verstehst nichts davon, ist&#8217;s doch ärgerlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Else und Paula sind mit ihren Eltern hier, wir wollen viel zusammen sein. Heute, während wir im Kurgarten der Musik zuhören, haben wir Pläne gemacht — Pläne!&nbsp; ja, wenn wir die ausführen dürfen, sind wir jeden Tag auf dem Gipfel eines anderen Berges. Schade, dass es in der Nähe keine gefährlichen Gletschertouren gibt. Es muss doch einzig sein, später zu erzählen, wie man angeseilt ganz mutig über Schnee und Eisberge geklettert, wie man schon einmal beinahe in eine Spalte gefallen. Hu, wie gruselig!</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">— — — —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rauschender Bergstrom, liebliches Tal,<br>Behüte Gott Dich, mein Reichenhall!</p>



<p class="wp-block-paragraph">So steht an einer hübschen Villa angeschrieben, in der Bahnhofstraße nahe beim Bismarck-Denkmal<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>. Das Bismarck-Denkmal, nein, ich will nicht Kritik üben, sonst heißt&#8217;s, ich sei ungebildet, verstehe nichts von der Bildhauerkunst, aber ich kann es nicht schön finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei fällt mir unsere Literaturstunde ein. Wir hatten „Prinz Friedrich von Homburg<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a>“ von Heinrich von Kleist gelesen und der Herr Professor fragte, wie er uns gefalle. Er hatte uns nicht gefallen, doch wollten wir&#8217;s nicht sagen. Da rief eine von uns: „Es steht so oft gleichviel drin“. Der Herr Professor tat uns etwas deutlich seine Meinung kund, und zwischen den Lippen zerdrückte er ein Wort, es war keine Schmeichelei, es war etwas Zoologisches, ein Vogelname im Plural, wir verstanden ihn wohl, und unser Selbstbewusstsein fiel, fiel unter den Gefrierpunkt. Denn der Herr Professor, entzückend sind seine Stunden, man wird mit „Fräulein&#8220; und „Sie&#8220; angeredet und um seine Meinung gefragt. Um zwölf Uhr warteten wir auch, ob er uns noch grüße, oder ob wir zu sehr in seiner Achtung gesunken. Aber er zog den Hut und lachte sogar. —</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren in der Saline, unendlich belehrend und interessant ist es dort. Dankt doch Reichenhall seine Bedeutung den reichen Salzquellen der Tiefe. Und hier tief im Dunkeln der Erde, wie auf freien Bergeshöhn, im rauschenden Wald, am jäh abspringenden Fels drängt sich es uns überwältigend auf: „Wie groß sind Deine Werke, o Herr, alle hast Du sie mit Weisheit ausgeführt, voll ist die Erde Deiner Güter.“<a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nett sahen wir aus als wir in grobe, weite, weiße Mäntel gehüllt, ein Filzhütchen auf dem Kopf, ein Grubenlicht in der Hand, hinabstiegen. Zweiundsiebzig ziemlich hohe Stufen gings hinunter ins Erdinnere, dann durch stockdunkle Schächte, spärlich beleuchtet von unserem Grubenlicht, zum Quellenbau, einer natürlichen großen nasskalten Felsenhöhle. Hier entspringen die meisten Quellen, ich glaube vierzehn, teils sprudeln sie von selbst hervor, teils werden sie herausgepumpt. Selbstverständlich habe ich von allen gekostet. Große Maschinen treiben diese Solequellen<strong> </strong>nach<strong> </strong>oben, doch<strong> </strong>nur<strong> </strong>die<strong> </strong>minderwertigen werden zum Kurgebrauch, am Gradierhaus, zu Bädern, zum Inhalieren usw. verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir kehrten zurück, legten unsere schöne Maskerade ab. — Schon fertig? — Noch hatten wir nicht ein Körnchen Salz gesehen. Da, aus dem Hintergrund eine Stimme: „Wollen die Herrschaften mir ins Sudhaus folgen?&#8220; Das wollten wir gerne. Aber war&#8217;s da heiß!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein hübsches Pfännchen von einigen Metern Durchmesser steht mit dem Wasser der Salzquellen gefüllt auf einer Höllenglut. Das Wasser siedet, es verdampft im Laufe dreier Stunden, das reine Salz bleibt zurück, wird mit großen Krücken in Holzkisten geschoben und dann auf den Trockenherd gebracht. Was liegen da Berge von Salz! Noch lange keine Not beim Fleisch koscher machen! Ein Teil des Salzes wird gemahlen und kommt als Tischsalz in den Handel, das grobe, das Kochsalz wird &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; in Zentnersäcke verpackt, plombiert usw. — Etwas Sole bleibt stehts beim Verdunsten zurück und wird als Mutterlauge zu Bädern verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren entlassen, nahmen noch jede ein Stückchen Pfannenstein mit, ihn den Freundinnen bei Gelegenheit als Zucker zu reichen, und gingen frohgemut.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> KI: Heinrich Einstädter war ein jüdischer Pädagoge, Autor und Übersetzer, der im frühen 20. Jahrhundert vor allem im Bereich der jüdischen Jugendliteratur und Religionspädagogik in Deutschland wirkte. Seine Werke erschienen größtenteils in renommierten Frankfurter Verlagen wie Kauffmann oder Sänger &amp; Friedberg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus verfasste er regelmäßig pädagogische und religiöse Beiträge für jüdische Zeitschriften und Periodika, wie etwa Essays zur Gestaltung von jüdischen Feiertagen und Trauertagen (z. B. über die jüdische Trauerzeit im Monat Aw) im familiären Umfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach 1935 verliert sich seine Spur in den öffentlich zugänglichen Publikationsorganen. Mit dem Schulbesuchsverbot für jüdische Kinder im Juni 1942 und der systematischen Schließung und Liquidierung aller jüdischen Schulen und Verlage durch die Nationalsozialisten endete auch das gedruckte Erbe seiner pädagogischen Arbeit in Deutschland.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Ein Gebet vor Antritt einer Reise</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Wikipedia: Ludwig II. Otto Friedrich Wilhelm von Bayern (* 25. August 1845 auf Schloss Nymphenburg, Nymphenburg, heute München; † 13. Juni 1886 im Starnberger See (damals Würmsee) bei Schloss Berg), aus dem Haus Wittelsbach stammend, war vom 10. März 1864 bis zu seinem Tod König von Bayern. Nach seiner Entmündigung am 9. Juni 1886 übernahm sein Onkel Luitpold als Prinzregent die Regierungsgeschäfte im Königreich Bayern, da Ludwigs jüngerer Bruder Otto wegen einer Geisteskrankheit regierungsunfähig war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ludwig II. hat sich in der Geschichte Bayerns als leidenschaftlicher Schlossbauherr, vor allem der Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, ein Denkmal gesetzt; er wird auch als Märchenkönig bezeichnet. Mit seinem Namen untrennbar verbunden ist auch die großzügige Förderung Richard Wagners. Während Ludwigs Regentschaft verlor Bayern als Verbündeter Österreichs 1866 den Preußisch-Österreichischen Krieg und vollzog nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Eintritt in das Deutsche Kaiserreich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Jiddisch</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Bismarck-Brunnen – steht heute unter Denkmalschutz</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: Prinz Friedrich von Homburg ist ein 1809/1810 von Heinrich von Kleist verfasstes Drama, das erst nach dem Tod des Autors 1821 in Wien uraufgeführt werden konnte. Eine Aufführung zu Lebzeiten scheiterte, denn Prinzessin Marianne von Preußen (geborene Hessen-Homburg), der Kleist das Werk mit Widmung überreichte, sah dadurch die Familienehre gekränkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Psalm 104:24</p>
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		<title>Liberales Christentum und &#8222;liberales&#8220; Judentum</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/liberales-christentum-und-liberales-judentum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:29:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hirschinitiative.de/?p=5577</guid>

					<description><![CDATA[<p>Jüdischer Volksfreund Monatsbeilage zum „Israelit“ Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Dr. B. Wolf in Köln Liberales Christentum und „liberales&#8220; Judentum Rabbiner Dr. Pinkas Benedikt Wolf s“l habe ich in der vorherigen Ausgabe unseren Lesern vorgestellt. Er ist einer der orthodoxen Rabbinen in der Tradition von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l. Hier habe ich einen höchst interessanten Artikel [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Jüdischer Volksfreund</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Monatsbeilage zum „Israelit“</strong></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Dr. B. Wolf in Köln</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Liberales Christentum</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>und</strong></p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>„liberales&#8220; Judentum</strong></p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Rabbiner Dr. Pinkas Benedikt Wolf s“l habe ich in der vorherigen Ausgabe unseren Lesern vorgestellt. Er ist einer der orthodoxen Rabbinen in der Tradition von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l. Hier habe ich einen höchst interessanten Artikel von ihm gefunden in dem er das Reformjudentum mit dem Christentum vergleicht.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Artikel erschien als Beilage zur Zeitschrift „Der Israelit“ am 1.6.1911.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2494793">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2494793</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bewegung, welche heute die deutsche Christenheit beider Konfessionen ergriffen hat, beansprucht in hohem Maße das aufmerksame Interesse der ganzen gebildeten Welt, auch der Kreise, die keinem dieser Glaubensbekenntnisse angehören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbstverständlich haben wir nicht die Absicht, uns taktloserweise in die inneren Angelegen­heiten anderer Kirchengemeinschaften einzumischen. Es geht auch nicht an, über diese Bewegung heute schon ein geschichtliches Urteil zu fällen. Uns interessieren nur einige Gesichtspunkte rein menschlicher Art, die in den Kämpfen zur Sprache kommen, um zu untersuchen, ob diese rein mensch­lichen Ideen, die sich da aus der kirchlichen Form herausschälen, durch das bloße Schlagwort „li­beral&#8220; dem sogenannten liberalen, d. h. dem Reformjudentum oder der sogenannten Ortho­doxie, richtiger dem thoratreuen Judentum näher verwandt sind. Dabei wären die theoretischen und praktischen Seiten der Frage zu unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf die Anschauung treffen sich die Linksliberalen beider Bekenntnisse bis fast zur Unmöglichkeit der Unterscheidung von einan­der. Das hat sich ja bei dem Meinungsaustausch Kohler-Maybaum<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> gezeigt. Die Verflüchtigung Gottes in Begriffe und Ideen sind beiden ge­meinsam. Nur Geburt und Rasse bildet noch einen Unterschied. Die völlige Negierung ist das einende Band, das sie verbindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es brauchte es allerdings nicht zu sein, wenn man sich jüdischerseits klar machen wollte, dass man nichtjüdischerseits „<strong>die Gottinnigkeit<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><strong>[2]</strong></a> für wichtiger als die Gotteserkenntnis hält</strong>.&#8220; Sieht man denn nicht, dass in einem solchen modernen Gedanken ein guter Schritt in der Geschichte der Gedankenwelt zu der Auffassung getan ist, die im Judentum immer vertreten war? Der Denker solcher „neuen&#8220; Gedanken entlehnt sie mit Bewusstsein freilich nicht dem Judentum und will auch mit ihnen durchaus nicht auf das Judentum zurückgreifen. Denn ihm, der sich Christ nennt, bleibt das Judentum eine Vorstufe des Christentums und ihm ist der ethische Inhalt des Christentums von keiner Religion übertroffen. Diese Ansicht verargen wir dem im Christentum geborenen Denker nicht, wir verstehen sogar das Interesse, dass er in einem solchen Gedankengang — auch mehr unbewusst — einnimmt in einer Zeit, in der, was an Juden und Jüdisches erinnert, auch im aufge­klärtesten und liberalsten nichtjüdischen Kreis geächtet ist. In unserer Zeit beherrscht die Politik auch das Gebiet der Wahrheit. Die Wahrheit verkriecht sich vor der Macht der Lüge. Das ändert aber an der Wahrheit selbst nichts. Ob anerkannt oder nicht — sie bleibt bestehen. So ist es Tatsache, dass die Unterscheidung von Gottinnigkeit und Gotteserkenntnis eine Lehre der Thora ist. Nach jüdischer Anschauung hat der Mensch keine theoretische Gotteserkenntnis. Der jüdische Mensch vermisst sich nicht, sich eine Anschauung über Dinge und Wesen anzumaßen, die über­sinnlich sind. Wir haben keinen Katechismus und keine Dogmen, die etwas über Gottes Wesen aussagen. Wir gehen damit mit dem deutschen Denker einig, dass wir das Ding an sich<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> über­haupt nicht kennen, nur das kennen wir — selbst in der Welt der Erscheinungen — was das Ding uns ist. Wie viel berechtigter ist dieser Satz auf eine Welt angewandt, die jenseits des Ver­mögens unserer Sinne liegt und unserem Be­greifen entzogen ist. Folgt nun daraus die Not­wendigkeit der Verflüchtigung eines menschlich unfassbaren Wesens in einen menschlich definier­baren Begriff? <strong>Für das Judentum kei­neswegs</strong>. Das Judentum hat ja stets die Erkenntnismöglichkeit Gottes geleugnet und ebensosehr die <strong>יִרְאָה</strong> das Gottschauen, das ständige Bewusstsein von Gott, kurz „Gottesfurcht&#8220;, besser Ehrfurcht vor Gott, d.h. ja Gottinnigkeit, betont und hat sie in der praktischen Betätigung der Liebe und des Gehorsams als unbedingte Postulate zum Ausdruck gebracht. Aber der geschicht­liche Ursprung dieser Gottinnigkeit war ein be­sonders gearteter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist das Judentum nämlich keine Religion und Judentum ist kein Glaube. Seine Grund­lage bildet mitnichten ein Wunderglaube. Die Wunder waren ja nur so lange nötig, bis Moses am Hofe eines „<strong>andersgläubigen</strong>&#8220; Königs akkreditiert war. Nachdem das jüdische Volk aus diesem wundergläubigen <strong>anderen</strong> Volk herausgeführt war, steht es erst am Berg der Offenbarung. Für das jüdische Volk waren die Wunder kein Offenbarungsinhalt — sein <strong>Gesetz</strong> ist Inhalt seiner Offenbarung. Und diese Offenbarung fand am hellen Tage vor den Augen und den Ohren des gesamten Volkes statt. Das Volk in seiner Gesamtheit und seinen einzelnen Gliedern ist „durch sinnliche Wahrnehmung zur Erkenntnis gebracht worden, dass Gott Gott ist und niemand außer ihm.&#8220; Das Volk ist in seiner Gesamtheit und mit seinen einzelnen Glie­dern Zeuge eines <strong>geschichtlichen</strong> Ereignisses gewesen, von dem uns die Zeugen des Geschehens die Tatsache des Geschehens darum die glaubwürdigste geschichtliche Urkunde übermittelt haben, weil ausnahmslos das ganze damals lebende Geschlecht des jüdischen Volkes Zeuge dieses Erlebnisses war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie man eine geschichtliche Tatsache nicht zu beweisen braucht, so bedarf die geschichtliche Tat­sache der Offenbarung keines Beweises. Wie man das Dasein eines Wesens, dem man gegenübersteht, nicht zu beweisen braucht, so be­durfte es in Israel niemals eines Beweises für das Dasein Gottes. Mathematische Behauptungen, Begriffe reinen Denkens müssen <strong>bewiesen</strong> werden, geschichtliche Tatsachen werden <strong>bezeugt</strong>. Und hier im Judentum ist ein ganzes Volk Zeuge. Das Judentum ist keine Religion, und die Juden sind keine Schar Gläubiger. Das Judentum ist eine Gesetzesinstitution und die Juden sind ein Volk zur Hütung<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a> und Be­tätigung dieses Gesetzes. Das, was die Thora lehrt, spielt sich alles hier auf Erden ab und ist für die Erde da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Wunder ist freilich dabei. Dieses Wun­der ist aber nicht im Weltbild der Bibel, sondern in dem Weltbild der <strong>Gegenwart</strong> zu suchen. Und dies Wunder ist die Erhaltung der Judenheit und des Judentums durch alle ihm meistens äußerlich und innerlich ungünstigen Zeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wenn man so will, so lassen wir dieses Wunder wohl als einen Beweis gelten, als Beweis für die Wahrheit vom Judentum, seiner Gesetzesoffenbarung und seines Schöpfers und Gesetzgebers. Ein Beweis, wie es keinen zweiten in der Weltgeschichte gibt, ein Beweis — nicht wegzuleugnen, nicht zu widerlegen —, weil es leibhaftig vorhanden ist und offenkundig in einem kleinen Volk, zerstreut, zerrissen, überall und nirgends sesshaft, ohne Macht und ohne Mittel, mit einer einzigen Erbschaft aus der Epoche seiner ehemaligen Selbständigkeit — und dieses Erbe ist einzig und allein seine Thora. Sie ist sein Sieg gewesen und geblieben. Sie ist der Sang seiner Lebensheiterkeit noch heute. Bedarf es eines größeren Beweises für den Besitz der Wahrheit?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehrere Wahrheiten aber gibt es nicht. Vielleicht ist diese eine Wahrheit in einzelnen Gedankensplittern anderen Systemen beigemischt worden. Mag sein, nun so ist es doch gerade wiederum die Thora, das Judentum, das für alle anderen Menschen nur die allgemeinen Menschenpflichten aufstellt. Man mag diese aus den Religionen „herausschälen&#8220; — — und hat die „Thora&#8220; des reinen Menschentums.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Menschenpflichten sind natürlich stetig und sind nicht beweglich. Sie beruhen auf der Gottinnigkeit des Menschen, die wiederum aus der Gotteserfahrung, d. h. wie wir gesehen, der geschichtlichen Erfahrung fließt. Eine Erfahrung kann aber nicht beweglich sein und auch nicht die Erinnerung daran. Dass wir keinen Glauben haben, dass wir eine Erkenntnis nicht suchen müssen, ist unser Vorzug und das Geheimnis nicht nur unserer Beständigkeit, sondern auch unseres Bestandes. Die nichtjüdischen Denker hätten davon schon längst lernen können, wenn sie aus ihrer Forschung die Betrachtung des ältesten Volkes und Kulturträgers nicht aus­schließen wollten und sich, falls sie das jüdische Volk in ihren Rundblick mit einbeziehen, an wirklich jüdischen Quellen der Thorawahrheit Rat einholen wollten. Dass die Neologie<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a> des jüdischen Volkes nichts lernen <strong>will</strong>, liegt in ihrem Wesen. Die Verneinung ist ihr Inhalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn daher der nichtjüdische Denker durch die Brille der Neologie das Judentum betrachten wollte, so würde er eine in sich abgeschlossene Gotteslehre dort gewiss nicht finden. Dass es aber eine solche nicht gibt, vermag er darum nicht zu behaupten. Man muss dabei allerdings den Subjektivismus ausschalten. Eine Lehre, die der Mensch aufstellt, kann er nie als ge­schlossen betrachten. Eine objektive Lehre, die er, wie der Pfeil das Ziel, erreichen soll, gibt es zugestandenermaßen, wenn anders alle Menschen sich im Gebet vereinigen: „Dein Reich komme.&#8220; Auf dem Gebiet der Erziehung haben wir dafür das Vorbild. Und wenn auf dem Gebiet des religiösen Lebens das Verhältnis vom Vater zum Sohn eine geläufige Darstellungsweise ist, dann kann man füglich einen bloßen Vergleich mit dem Erziehungsgeschäft nicht ablehnen. Ja man muss folgerichtig noch einen Schritt weitergehen und zugeben, dass, wenn sonst im Leben Vater und Sohn zwei Personen sind, auch die Menschheit ihren Vater hat, der nicht mit ihr identisch ist. Die Immanenz Gottes in der Welt ist dieselbe Immanenz wie die der Seele im Körper. Und auch sind Seele und Körper nicht identisch. Möchte auch der Materialismus der Radikalen Seele und Körper identifizieren, so entstehen ihnen gerade von ihrem Standpunkt der Wissenschaft der experimentellen Psychologie so viel Rätsel, dass sie einsehen müssen, dass sie sich von einer Lösung derselben viel mehr ent­fernen als sich einer solchen nähern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles, wenn wir für einen Augenblick den Ausdruck und den Begriff „Lehre&#8220; an­nehmen wollten. Wir Juden können uns diese umständliche Beweisführung aber sparen. Wir lehnen die Lehre ab, weil wir ein Gesetz em­pfangen haben. Seine Vollendung bedeutet sicher nicht Untergang, weil die Ertüchtigung zu seiner Erfüllung Leben — schon seit Jahrtau­senden — jugendfrisches Leben erweckt, ein Leben, das in seinem sittlichen Streben die sittlichen Ideale der biblischen Zeit bei aller Veränderung des <strong>äußeren</strong> Weltbildes als Zukunftsideal vor sich hat und unter unsäglichen Opfern, die dieser Idealismus heute noch fordert, auch in der Gegenwart hochhält.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Idealismus kann ja doch nur aus Optimismus geboren sein, geboren aus der grundlegenden Überzeugung von dem guten Kern, der in der Menschheit liegt, getragen vom Vertrauen, dass in jedem Menschen der Gottes­hauch der Reinheit, der ihn ins Leben rief, ob­siegen wird über den Reiz und die Fähigkeit zur Sünde, die ihn betören können, angespornt durch die Verantwortung, die ein jeder vor seinem Gott fühlt, vor dem er unmittelbar steht in Schuld und Sühne, in Gutem und in Schlech­tem. Niemals kannte und vertrat das Juden­tum eine andere Anschauung, man musste sie nur erst, um als Neuschöpfer solcher Ideen dazu­stehen, für die Bibel leugnen und erst ganze Teile aus ihr für unecht erklären, um Gedanken zu verkünden, die dem Urteil der modernen Zeit standhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Bibel musste man sie streichen; in der <strong>Thora nicht</strong>. Man verwechsele beides nicht. <strong>An unrichtigen Übertragungen trägt das Judentum keine Schuld.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mögen andere Kreise die „Bibel&#8220; lesen, wie sie wollen. Die Angriffe, die infolge <strong>ihrer Auslegung</strong> gegen die Bibel geschleudert wer­den, <strong>treffen die Thora nicht</strong>. Wer immer die Thora in ihrem Urtext liest, wer die jüdische Literaturgeschichte nach der hergebrachten jüdischen Auffassung fragt, der kann vor die modernste Welt mit der alten jüdischen Thora treten, er wird noch immer ein noch <strong>modernen</strong> Mensch sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den modernsten Denkern und Dichtern, in den Ausgrabungen und Funden erstehen heute allerorts Kronzeugen für die Thora.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Würde man dort, wo die moderne Kritik der verschiedenen Religionssysteme heute einsetzt, den Gedankengang der Thora substituieren: die gei­stige Entwicklung und die harmonische Verstän­digung der Menschheit hätte größere Fortschritte gemacht, als es bisher der Fall ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Umstand, dass man die Thora nicht kennt, dieses Aschenbrödel in der Welt der all­gemeinen Bildung und Wissenschaft, verhindert die Möglichkeit, für negierende Kritik positive Werte einzutauschen. Wie leicht wäre es in den westeuropäischen Kulturländern das Augenmerk der Welt auf dieses sittliche Menschheitskleinod zu lenken und es nutzbar zu machen für die Staatengesetzgebung und das Völkerrecht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Statt dessen stößt man der Umwelt Abscheu vor dem Judentum ein, indem man statt den hehren Idealismus der Thora den krassesten Materialismus zur Schau trägt. Die Welt verwechselt natürlich Judenheit und Judentum. Es ist nur allzu begreiflich, dass der Sache zum allgemeinen Schaden der gesamten Menschheit der größte Nachteil daraus erwächst, dass ihre geborenen Vertreter zu Verrätern an ihr wer­den. Man verleumdet die Thora als rückständig und veraltet, wiewohl man selbst der höchsten Ignoranz sich schuldig macht. Man redet sich ein, so dem Judentum und dem Fortschritt zu dienen, und schmäht jenes und hemmt diesen. <strong>Nichtjüdische</strong> Kreise kommen da der Thora zu Hilfe und schildern das Menschenleid, um der Menschheit Erlösung zu fördern. <strong>Nichtjüdische</strong> Kreise propagieren die religiösen Ideen, während der Jude in den „Wahngeburten frem­der Gedanken sein Genüge&#8220; sucht und die Nach­ahmung fremder Sitten, für ihn inhaltlos, ja entwürdigend, als Erfolg preist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Würde man den <strong>denkenden</strong> Geist der Zeit kennen, statt immer die Gegenwart unter dem Zeichen der Technik und des rastlosen Ver­kehrs zu schauen, zu schauen als „rasendes Ross&#8220;, das nicht nach Zaum und Zügel fragt, dann würde man vielleicht in sich gehen — wenn die machtvolle Herrschaft der Sucht zu erwerben und zu genießen, nicht lieber auf einen Blick nach innen, so lange er vermeidlich ist, verzichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sagt z. B. die Neologie dazu, die sich so gern in heller Schadenfreude der Bibelkritik anschließt und sich in „verfeinertem Empfinden&#8220; vom „Rachegott des Alten Testaments&#8220; abwen­det, wenn sich Ibsen in „Brand“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> I. 2 folgender­maßen vernehmen lässt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht zum Spott,<br>Ich zeichne nur nach der Natur<br>Des Landes, des Volks Familiengott.<br>Der Katholik stellt den Erlöser<br>Oft als ein kleines Kind sich vor.<br>Ihr lacht und macht es noch viel böser:<br>Nach euch ist Gott ein greiser Tor:<br>Ein wenig fehlt zum Kinde nur.<br>Und wie der Papst hat als Symbol<br>Der Herrschaft seine Doppelschlüssel,<br>So schaut ihr zwischen Pol und Pol<br>Die Welt in eurer Teuflingschüssel.<br>Ihr trennt vom Leben <strong>Glaub&#8216; und Lehre</strong>,<br>Als ob <strong>der Wandel</strong> gar nichts wäre,<br>Ihr möchtet euren Geist erheben,<br>und wagt nicht <strong>voll und ganz zu leben</strong> —<br>Braucht einen Gott der schwankend gehe,<br>Und der euch durch die Finger sehe.<br>Weil euer ganzes Leben Fratze,<br>Hat euer Gott Kalott&#8216; und Glatze! —<br>Mein Gott ist nicht so matt gesinnt.<br>Der mein&#8216; ist Sturm, der deine Wind;<br>Unbeugsam meiner — deiner dumpf,<br>Allliebend meiner — deiner stumpf.<br>Der meine jung und stark, ein Rächer,<br>Kein schwacher Alter, feiger Schächer.<br>Sein Ruf ist wie ein Sturmgetön,<br>Das aus dem Feuerbusch erscholl<br>Zu Moses auf des Horebs Höhn,<br>Ein Riese er, jedweder Zoll.<br>Die Sonne stand in Gideons Tal<br>Auf sein Geheiß. O ohne Zahl<br>Würd&#8216; er noch heute Wunder tun,<br>Wär&#8216; feige nicht die Welt wie du.&#8220;— —?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sind diese herrlichen Verse nicht von der jüdischen Erkenntnis diktiert, dass nicht Liebe das weltbeherrschende Prinzip sein kann, son­dern <strong>Gerechtigkeit</strong>? Liebe ist ein Gefühl. Gefühl ist dunkel. Heute kann ihm Liebe, mor­gen Hass entspringen. Zuneigung und Abnei­gung, unkontrollierbar und ungerecht, sind die Beherrscher der Welt. Ganz anders, wenn eine Intelligenz die Gerechtigkeit auf den Thron der Welt erhebt. Die Wahrheit ist ihr Ursprung und ihr Ziel, und ein wirklicher Ausgleich die wohltätige Wirkung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesem Richter der Gerechtigkeit ist jede einzelne Seele verantwortlich. Kein anderes Wesen kann und darf zwischen sie und ihren Gott treten. Wie sollte ein Staubgeborener über seine Mitmenschen sich erheben dürfen und glau­ben, das Recht und die Fähigkeit zu besitzen, für die Seelen seiner Brüder und Schwestern „sorgen&#8220; zu können? So dachte stets das Ju­dentum und kannte keine Geistlichkeit. Es hatte Lehrer und eine große Reihe Mehrer seines Ge­setzes, die, in Lehre und Leben gleich ausge­zeichnet, als Vorbilder in Führung und Meister im Wissen glänzten. Je höher sie standen, je demutsvoller beugten sie sich vor Gott, so an­spruchsloser gestaltete sich ihr eigenes Dasein, so weniger kannten sie ihre Stufe und umso ent­schiedener wiesen sie jeglichen Personenkult weit von sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dieser rein menschlichen Anschauung leiht Ibsen in seinem „Brand“ Ausdruck. Der Pfaffenherrschaft will er gründlich den Garaus machen und zeichnet deren Umstrickung der Seelen nach der Natur. Die fehlende Wahrheit und den frommen Betrug, die Unehrlichkeit und die Interessenpolitik geißelt er und erklärt daraus die Seltenheit von Persönlichkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Idealist <strong>Brand</strong> meint IV. 1:<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; „Doch niemals wird, was schwarz ist, weiß,&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">dann antwortet der <strong>Vogt</strong>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein lieber Freund, was hilft&#8217;s, ich seh&#8216;<br>Der Schnee sei weiß und rein das Eis,<br>Wenn alle Welt ruft: schwarz wie Schnee!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Brand</strong>: „Ihr ruft wohl mit?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vogt</strong>: „Nicht so genau!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rufe: schwarz zwar nicht, doch grau.<br>Wir sind human; weshalb erboßen?<br>Den Leuten vor die Köpfe stoßen?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn <strong>Brand</strong> fragt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So habt ihr eure beste Kunst<br>Nur ausgeübt um Volkesgunst?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">dann antwortet der <strong>Vogt</strong>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, nein, weiß Gott, das war es nicht,<br>Der Leute Bestes ist mein Ziel,<br>Nur darauf war ich stets erpicht.<br>Doch leugn&#8216; ich nicht, zu diesem Spiel<br>Trat auch die Hoffnung auf Entgelt<br>Für alles, was ich angestellt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese wenigen Zitate, die einem großen Zu­sammenhang entlehnt sind, mögen die Kritik, die modernes Empfinden an hergebrachte, religiöse Zustände legt, beleuchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Könnten wir Juden da nicht die Fahne er­greifen und führend und wegweisend voran mar­schieren und der Welt als die Modernsten der Modernen erscheinen, indem wir all die Nachahmungen fremder Sitten ablegten, welche sich in der Synagoge und auf dem Friedhof, bei der Trauung und sonstigen Handlungen, die im Judentum gar keine „kirchlichen&#8220; Funktionen sind, eingedrängt haben? Stattdessen haben wir das Wesentliche des Judentums, — das <strong>Lehr­haus</strong> — zu Grunde gehen lassen und die Syna­goge zum Mittelpunkt des Lebens erhoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Merkwürdig und wie widerspruchsvoll, dass die Neologie vollends überhaupt nur noch ledig­lich das „Zeremoniell&#8220; — von anderswo her­übergenommen — als <strong>einzigen</strong> Inhalt des Judentums behalten hat, während sie das Sittengesetz des Lebens mit dem Spottnamen „Zeremonialgesetz&#8220; herabzusetzen sucht. <strong>Sie hat den Geist vertrieben und eine Farce an dessen Stelle gesetzt</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Religionskreisen ringt man sich zum Ernst der altjüdischen Anschauung durch; das <strong>„liberale&#8220; Judentum greift ohne denkenden Inhalt auf das zurück, was das liberale Christentum in strenger Logik und feinem Empfinden als überwunden erklärt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Neologie arbeitet nur äußerlich, von Geist, von Verständnis, von Gefühlsleben keine Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte die Neologie sich für die Praxis noch wenigstens das erhalten, was sie mit Vorliebe als ihr Wirkungsgebiet ansieht, die Pflege der „Wohltätigkeit&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir wollen gar nicht davon sprechen, dass sie den Begriff mit dem Wort verändert hat. „Wohltätigkeit&#8220; schließt eine gewisse Belobigung und Selbstzufriedenheit des Wohltäters in sich. „Pflichttat&#8220; ist die richtige Übersetzung des Wortes <strong>צְדָקָה</strong>. Mit der Veränderung des Wortes hat man den Begriff verschlechtert. An die Stelle der alten jüdischen <strong>צְדָקָה</strong> hat man hochtönende soziale Fürsorge gesetzt. Das <a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a> <strong>גְּמִילוּת חֶסֶד</strong> „ver­bittet man sich dankend&#8220;. Allenfalls gibt man für die Linderung der leiblichen Not, für die <strong>Seelennot</strong> hat man kein Verständnis. Man scheint auch darin von anderen Kreisen gelernt zu haben, wenigstens nach der satirischen Szene zu urteilen, mit der Ibsen ebenfalls in „Brand“ so manche Schäden geißelt, die dem <strong>Zentra­lisationssystem</strong> des „Wohltuns&#8220; anhaften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So mancher „Wohltätigkeits&#8220;-Apparat, der mit seinen Vorstehern und Angestellten nach Schema „F&#8220; arbeitet, könnte sich den ersten Auf­tritt des zweiten Auszuges von „Brand&#8220; ins Stammbuch schreiben. Die Herzlosigkeit und die Obszönitäten, die man da bei „mildtätigen&#8220; Ver­teilungen zu hören bekommt, die Behandlung der Armen, die man da erleben kann, lässt den Dich­ter durch den Mund seines Helden die Worte ausrufen: „<strong>Hat Seelennot nicht auch ihr Recht?</strong>&#8220; Meinen wir nicht Jesajah in der Haftarah zum Versöhnungstag zu vernehmen? Da heißt es ja auch: „Dem Darbenden bringe <strong>Dein</strong> Gemüt entgegen&#8220;. Jüdische Wohltat ist es, neben dem Hunger nach Brot auch den Durst nach Wahrheit zu stillen. Nicht das Tier im Menschen zu erhalten, den <strong>Menschen</strong> im Men­schen zu retten, ist soziale Pflicht, die das Juden­tum, verlangt. Dem Darbenden Brot reichen und ihm dafür den <strong>Sabbath</strong> nehmen, seinen <strong>Kör­per</strong> pflegen, dafür den <strong>sittlichen</strong> Halt ihm rauben, bedeutet den Todesstoß der menschlichen Gesellschaft versetzen, bedeutet den Materialismus zu einer Herrschaft erheben, die alles Höhere, Reinere in Frage stellt, bedeutet ja an sich den geistigen und sittlichen <strong>Tiefstand</strong> einer Welt <strong>erzwingen</strong>, in der Freiheit und Sitte, Wahr­heit und Recht, die Güter, die das <strong>Judentum</strong> der Welt zu bringen gesandt ist, keinen Anspruch mehr ans Dasein haben sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">O, lernten wir doch von den Vorkämpfern für soziales Denken und soziale Einrichtung der Ge­sellschaft, von den nichtjüdischen Großen <strong>un­serer</strong> Zeit, das <strong>Judentum</strong> verstehen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir könnten von ihnen den Wert der Per­sönlichkeit lernen, wie er von der Thora ver­kündet wird. Sie selbst beklagen sich und leiden schwer unter dem Druck der nivellierenden Gleich­heit im großen Beamtenheer des Staates und der Kirche. Die ganze Schulerziehung, oder besser Dressur genannt, ist auf diesen Drill schon zuge­schnitten, der uns bis zum Grabe geleitet. Man verlangt „Versöhnlichkeit&#8220; und will damit die Unterdrückung jeder „Persönlichkeit&#8220; erzwingen. Im ersten Auftritt des fünften Auszugs meint ja allen Ernstes der Vertreter der Zeit, wiederum ein <strong>Geistlicher, </strong>der<strong> Probst</strong>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In jedem Fach wird sich enthüllen<br>Ein oberstes Gesetz, das man<br>Verschieden tauft, doch merken kann.<br>Man nennt es Schule in der Kunst,<br>Beim Militär zu halten Tritt;<br>Das ist die Rettung aus dem Dunst<br>Des allgemeinen: gleicher Schritt! —<br>So immerfort in Schritt und Tritt,<br>Da kommt der Kleine auch, wohl mit.<br>In jedem Fuß derselbe Takt:<br>Da gehts, und wär man selbst kontrakt.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ironisch fügt <strong>Brand</strong> hinzu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Aar im Rinnstein, und die Gans<br>Im Ätherblau, im Himmelsglanz.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen solche Gleichmachung — und Ver­nichtung erhebt die Thora durch das bloße Wort, das „gleich&#8220; und zugleich „vernichten&#8220; oder „gleich&#8220; und „unwahr&#8220; bedeutet — <strong>דָּמָה</strong> und <strong>שָׁוְא</strong> — den entschiedensten Protest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der moderne Mensch verlangt seine Frei­heit. Einem gewissen „Spruchkollegium&#8220;, das sich mit einer Lehre zu befassen hat, die angeblich mit dem Christentum nicht vereinbar ist, wird seitens des liberalen Christentums das Recht abgesprochen in die Freiheit und Unabhängigkeit der einzelnen Gemeinde sich einzumischen. Die <strong>Ge­meinde </strong><strong>sei</strong><strong> autonom</strong> und jede Gemeinde kann sich die Verfassung geben und sich die Be­amten anstellen, die sie will. So war es stets im Judentum.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Und angesichts dieser Anerken­nung der althergebrachten Institu­tionen des Judentums seitens der ganzen modernen gebildeten Welt wagt es eine sich „liberal&#8220; nennende, in Wahrheit rückständige und reaktionäre Neologie, uns im deutschen Reich mit einer Zwangs-Organisation zu drohen, die jede Freiheit erdrosselt, jede Selbständigkeit der Gemeinden vernichtet und jedes Selbstbestim­mungsrecht begräbt?!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wer ist liberal — die Neologie oder die Orthodoxie?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">___________________________________</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zu Fußnote 1:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>KI: Meinungsaustausch Kohler-Maybaum</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kontext der <strong>Judaistik und der jüdischen Zeitgeschichte</strong> des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist der Vergleich zwischen <strong>Kaufmann Kohler (1843–1926)</strong> und <strong>Siegmund Maybaum (1844–1919)</strong> ein hochinteressantes Feld. Der Begriff „Meinungsaustausch“ greift hier im historiografischen Sinne: Beide Rabbiner waren herausragende, prägende Denker des <strong>liberalen Reformjudentums</strong>, die einerseits eine fast identische theologische DNA teilten, deren Wirkungskreise sich jedoch geografisch und strukturell stark unterschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre historisch korrespondierenden Parallelen und vergleichenden Einordnungen lassen sich in vier zentrale Dimensionen unterteilen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>1. Radikale Antizionisten im Dienst der „Messianischen Idee“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die stärkste inhaltliche Korrespondenz zwischen Kohler und Maybaum liegt in ihrer <strong>vehementen Ablehnung des politischen Zionismus</strong> nach Theodor Herzl. Beide begründeten dies theologisch, nicht assimilationistisch:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Siegmund Maybaum</strong> war 1897 als Vorsitzender des deutschen Rabbinerverbandes maßgeblich an der Erklärung der sogenannten <strong>„Protestrabbiner“</strong> beteiligt. Diese Erklärung verhinderte, dass der erste Zionistenkongress wie geplant in München stattfand. Maybaum argumentierte, dass das Judentum eine religiöse Gemeinschaft und keine nationale Teilhabe sei; das Streben nach einem jüdischen Nationalstaat widerspreche den messianischen Verheißungen des Judentums.</li>



<li><strong>Kaufmann Kohler</strong> formierte auf der anderen Seite des Atlantiks dieselbe Front. Er war der theologische Kopf hinter der Pittsburgh Platform (1885), in der offiziell festgehalten wurde: <em>„Wir betrachten uns nicht mehr als Nation, sondern als religiöse Gemeinschaft“</em>.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Für beide war die Diaspora kein Exil, sondern der göttliche Auftrag (die „Mission Israels“), den ethischen Monotheismus unter den Völkern der Welt zu verbreiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Geografische Spaltung des Reformjudentums (Berlin vs. Cincinnati)</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im vergleichenden Kontrast spiegelt die Biografie der beiden Gelehrten die institutionelle Spaltung und Evolution des liberalen Judentums wider:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Siegmund Maybaum</strong> repräsentiert das <strong>gemäßigtere, kontinentaleuropäische Reformjudentum</strong>. Als Rabbiner in Berlin und Dozent an der Berliner <em>Hochschule für die Wissenschaft des Judentums</em> agierte er in einem Umfeld, das trotz aller Modernisierung stets Rücksicht auf die jüdische Tradition, die hebräische Liturgie und die Einheit der Gemeindekonstrukte („Einheitsgemeinde“) nehmen musste.</li>



<li><strong>Kaufmann Kohler</strong> steht für das <strong>„Classical Reform Judaism“ in den USA</strong>. In Deutschland (unter anderem wegen seiner radikalen Dissertation) akademisch und rabbinisch blockiert, emigrierte er in die USA. Als Präsident des <em>Hebrew Union College</em> in Cincinnati trieb er Reformen voran, die in Europa undenkbar gewesen wären, wie die weitgehende Abschaffung von Speisegebote (Kaschrut) und die Einführung von Sonntagsgottesdiensten.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>3. Wegbereiter einer modernen jüdischen Homiletik und Methodik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Männer professionalisierten die Ausbildung moderner Rabbiner und jüdischer Religionslehrer, indem sie die <em>Wissenschaft des Judentums</em> in die Praxis übertrug:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Maybaum</strong> verfasste mit seiner <em>„Jüdischen Homiletik“ (1890)</em> und der <em>„Methodik des jüdischen Religionsunterrichts“</em> absolute Standardwerke. Er lehrte Rabbiner, wie man zeitgemäß, wissenschaftlich fundiert und dennoch erbaulich auf Deutsch predigt.</li>



<li><strong>Kohler</strong> lieferte das theologische Fundament dazu. Mit seinem Hauptwerk <em>„Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums auf geschichtlicher Grundlage“ (1910)</em> schuf er den ersten umfassenden Versuch, jüdische Glaubensinhalte systematisch-evolutionär für das moderne Bewusstsein aufzubereiten.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>4. Umgang mit der historisch-kritischen Bibelexegese</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl Kohler als auch Maybaum korrespondierten in der Überzeugung, dass die Tora ein historisch gewachsenes Dokument und nicht wortwörtlich von Gott diktiert worden sei.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Maybaum lehrte jüdische Religionslehrer explizit, dass sie sich vor der historisch-kritischen Forschung nicht fürchten müssten: Die religiöse und ethische Wahrheit der biblischen Erzählungen bleibe unberührt, selbst wenn Figuren oder Texte wissenschaftlich als „jüngere, sagenhafte Ausgestaltungen“ entlarvt würden.</li>



<li>Kohler nutzte genau diese Freiheit, um in den USA die Evolution der jüdischen Religion vom „Stammesgott“ zum universalen Weltgott wissenschaftlich zu begründen.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammenfassung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Judaistik werden Kaufmann Kohler und Siegmund Maybaum als <strong>theologische Zwillinge in getrennten Welten</strong> eingeordnet. Während Maybaum im preußisch-deutschen Kontext den Spagat zwischen radikaler Wissenschaft und traditioneller Gemeinderealität bewahren musste, konnte Kohler im freien amerikanischen Raum die gemeinsamen liberalen Ideale bis zur radikalen Konsequenz institutionalisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zu Fußnote 6</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wikipedia: „Brand“ von Henrik Ibsen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Handlung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der junge Vikar Brand zieht durch ein Gebirge. Dort trifft er seinen Schulkameraden Einar und dessen Verlobte Agnes, deren Lebensweise er ablehnt. Als Nächstes begegnet er dem verrückten Zigeunermädchen Gerd. Er steigt in sein Heimatdorf ins Tal zurück. Dort herrscht eine Hungersnot, die er für eine Strafe Gottes für mangelnde Frömmigkeit hält. Die Dorfbewohner bitten ihn, als Pfarrer bei ihnen zu bleiben, was er tut. Durch die gefährliche Fahrt über einen Fjord kann er einem Sterbenden den letzten Trost spenden. Agnes ist von seinem Glauben und Engagement so beeindruckt, dass sie seine Frau wird. Die beiden bekommen einen Sohn Alf. Brand verweigert seiner sterbenden Mutter die letzten Sakramente, weil sie nicht bereit ist, seinen radikalen Glaubensforderungen zu entsprechen. Der junge Sohn Alf verträgt das raue Klima nicht und der Familie wird geraten, an einen milderen Ort zu ziehen. Brand lehnt dies ab. Der Junge stirbt. Die Frau verwindet dessen Tod nicht und stirbt auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Brand lässt eine große Kirche im Dorf bauen. Bei der Einweihung fordert er die Dorfbewohner auf, ihm in das Gebirge zu folgen, um dort Gott zu suchen. Diese lehnen das ab und Brand zieht allein in die Berge. Dort hat er eine Vision seiner verstorbenen Frau Agnes, die ihm rät, wieder zurück in das Dorf zu gehen. Er hält dies für eine Versuchung und zieht weiter. Brand begegnet wieder dem Zigeunermädchen Gerd, die ihn für den leibhaftigen Christus hält. Brand schießt auf einen vermeintlichen Habicht, von dem sich Gerd verfolgt fühlt. Eine dadurch ausgelöste Schneelawine begräbt die beiden unter sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Henrik Ibsen stellt einen radikalen jungen Geistlichen dar, der konsequent seinem Glauben folgen will. Die Halbheiten seiner Mitmenschen lehnt er ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;&nbsp;&nbsp; „Nicht ich bin&#8217;s, unsere lasche Zeit ist es, die nach Heilung schreit. Ihr wollt nur lachen, lieben, spielen, ein wenig glauben, ein bisschen fühlen, all eure Laster packt ihr auf den, der – wie man euch gelehrt – einst kam, und das Gericht fromm auf sich nahm. Ihm die Dornenkrone, euch der Spaß.“</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Meinungsaustausch Kohler-Maybaum siehe am Ende des Artikels</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Ehrfurcht vor Gott, siehe w.u.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Wikipedia: Das Ding an sich ist ein Begriff, der in der modernen Erkenntnistheorie wesentlich von Immanuel Kants dualistischer Philosophie geprägt ist, wobei er in dessen Gesamtwerk in zahlreichen, teils miteinander nicht vereinbaren Bedeutungen verwendet wird. Vorwiegend gilt der Terminus aber als Oberbegriff für sogenannte intelligible Gegenstände oder für die denkmögliche Entität einer intelligiblen Ursache, die beide dadurch bestimmt sind, keine Entsprechung in der reinen, folglich auch nicht in der sinnlichen Anschauung (Erfahrung) zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Bewahrung</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Das Reformjudentum</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Wikipedia: “Brand” ist ein Drama von Henrik Ibsen von 1866. Zum Inhalt des Dramas siehe am Ende des Artikels</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Das Erweisen von Wohltaten, nicht nur der materiellen sondern auch der Seelischen</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/liberales-christentum-und-liberales-judentum/">Liberales Christentum und &#8222;liberales&#8220; Judentum</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Thamus 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/thamus-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:20:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Monatsblatt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dieser Artikel von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l erschien in dem Monatsblatt „Jeschurun“ Jahrgang 5, Heft 10, Juli 1859. Die Thematik ist damals wie heute die gleiche. „Welche Bedeutung haben die Fastentage für uns.“ Rabbiner Hirsch s“l stellt im Text die Verfehlungen der Juden während des 1. und 2. Tempel gegenüber. Aus unterschiedlichen Gründen wurde [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://hirschinitiative.de/thamus-5786/">Thamus 5786</a> erschien zuerst auf <a href="https://hirschinitiative.de">Hirschinitiative e.V.</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Dieser Artikel von Rabbiner Samson Raphael Hirsch s“l erschien in dem Monatsblatt „Jeschurun“ Jahrgang 5, Heft 10, Juli 1859. Die Thematik ist damals wie heute die gleiche. „Welche Bedeutung haben die Fastentage für uns.“ Rabbiner Hirsch s“l stellt im Text die Verfehlungen der Juden während des 1. und 2. Tempel gegenüber. Aus unterschiedlichen Gründen wurde im 1. und 2. Tempel die Wahrheit unterdrückt. Jedoch nur „ die Wahrheit und der Friede, das ist das einzige siegverkündende Zeichen unserer heilversprechenden Zukunft“.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text ist vom deutschen Sprachgebrauch her für uns heute schwierig zu lesen. An einigen Stellen habe ich deshalb versucht den Text in ein moderneres Deutsch umzuschreiben, ohne den Inhalt zu verfälschen.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">Der Text wurde dem heutigen Sprachgebrauch leicht angepasst und mit Erklärungen versehen von Michael Bleiberg. Das Original finden Sie in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main unter:</p>



<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2943758">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pagetext/2943758</a></p>



<p class="has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Soll ich noch weinen und fasten?</strong></p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Secharjah<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup><strong><sup>[1]</sup></strong></sup></a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Soll ich noch weinen und fasten, wie ich seit vielen Jahren getan?“ — so lautete die Anfrage an die Priester und Propheten zu den Zeiten Secharjas, als unter der Milde persischer Herrscher<a href="#_ftn2" id="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a> Israels Land wieder von Israels Söhnen bewohnt und der Tempel wieder gebaut war. „Soll ich noch weinen und fasten, wie ich seit vielen Jahren getan?“ — „Sprich zu dem Volk und den Priestern,“ lautete die Gottes-Antwort an Secharja, „wenn ihr euch kasteit und klagt, kasteit ihr da mich? Und wenn ihr esset und trinket, seid ihr da nicht die Essenden und Trinkenden? Kommt nicht alles auf die Worte an, die Gott schon durch die früheren Propheten verkündet, als auch Jerusalem wohl begründet und sicher ruhte, und ihre Städte ringsum, und auch der Süden und die Niederung ruhig bewohnt waren?“<a href="#_ftn3" id="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Damals sprach Gott, sie aber machten ihr Herz kieselhart und hörten nicht auf die Lehre und die Worte, die Gott für den Frieden bestimmt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Zeiten des <strong>ersten</strong> Tempels entschieden sich die Führer des Volkes für den Frieden auf Kosten der Wahrheit, lockten die Reichen und Vornehmen und mit ihnen alle die von ihnen Abhängigen, alle die durch ihren Einfluss Gegängelten, mit hinein in das System des lügenhaften Friedens und der friedlich sich schmiegenden Lüge und gewannen auch feile Rhetoren, mit dem Heiligenschein des Prophetentums sich umgebende Prediger, die die Wahrheit zum Verbrechen, das System der Lüge zum Ausfluss der Wahrheit machten, den Zwiespalt mit Gott als Werk des Friedens im Himmel und auf Erden darzustellen und das Volk mit ihrem ‚Friede!‘ ‚Friede!‘ einzulullen wussten, in den sorglosesten Schlummer am Abhang der Vernichtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da waren die Männer der Wahrheit die Störenfriede, die den Donnerkeil der Wahrheit hineinschleuderten in den lügendurchwobenen Kreis der Könige und Völker. Da war ein Michaja<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> mit seiner unliebsamen Wahrheit verloren inmitten vierhundert in harmonischer Lüge zusammenstimmender höfischer Lügenpropheten und musste den Wangenstreich hinnehmen von der Hand eines Zidkija ben Kenana<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a>. Da galt es zu „sündigen und zu heucheln wider Gott“, da galt es „abzufallen von unserem Gott“, da galt es „den Treubruch und den Abfall zu predigen, zu produzieren, und zu deklamieren aus dem eigenen Herzen Worte der Lüge. Da ward das Recht zurückgestellt und die Pflicht blieb von ferne stehen; denn in den Straßen strauchelte die Wahrheit und das Gerade wagte nirgends den Eintritt. Da ward die Wahrheit zum Sonderling und der Unrechtscheue zum Verrückten. Das sah Gott, das war das Böse in seinen Augen, dass das Recht keinen Vertreter mehr hatte“ (Jes. 59) — da ward Gott sein Vertreter, da führte er die Wahrheit herbei und zerbrach das Gewebe der Lüge und des Friedens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<strong>Die Wahrheit, aber nicht den Frieden</strong>“, steht auf dem Leichenstein des <strong>zweiten</strong> Tempels.</p>



<figure class="wp-block-table"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Wenn die Wahrheit gewahrt ist, dann steht unmittelbar in zweiter Linie der Friede. Wo der Friede die Wahrheit nicht verleugnet, nicht gefährdet, wo der Frieden nicht auf Kosten der Wahrheit zu erkaufen ist, da ist selbst in jenen getrübten Zeitabläufen, in welchen die Wahrheit nicht allgemein angestrebt wird, der Friede ein hohes Gut, dessen Wahrung und Förderung zur hohen Pflicht erwächst.</td><td>Wo die Wahrheit gewahrt wird, folgt der Frieden unmittelbar danach. Wo der Friede die Wahrheit nicht verleugnet und nicht gefährdet, wo er nicht auf ihre Kosten erkauft wird, da ist er auch in schwierigen Zeiten ein hohes Gut, dessen Schutz und Förderung zur wichtigen Pflicht wird.</td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-table"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Zur<strong> Rettung </strong>der Wahrheit ist der Kampf und der Streit, und gälte es der ganzen Welt gegenüber, nicht zu scheuen.</td><td>Zur <strong>Rettung</strong> der Wahrheit muss man kämpfen und streiten – notfalls gegen die ganze Welt.</td></tr></tbody></table></figure>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Allein wenn die Wahrheit gerettet ist, gilt es auch dem Wahren den friedlichen Boden zu erringen. Denn auch das Wahre blüht nur auf einem Boden des Friedens. Ist <a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> <strong>סוּר מֵרָע</strong> und das <strong>עֲשֵׂה טוֹב</strong> gesichert, gilt es nicht in dem Kampf dem Aufkommen des Schlechten entgegen und für das Gute in die Schranke zu treten, dann <strong>בַּקֵּשׁ שָׁלוֹם וְרָדְפֵהוּ</strong>, dann störe nicht nur nicht den Frieden, dann brich nicht nur nicht den Frieden, dann suche den Frieden, und wenn er entfliehen will, eile ihm nach, dass du ihn dir erhältst und sicherst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Wert des Friedens hatte man während des zweiten Tempels in den maßgebenden Kreisen aus den Augen verloren und schon dadurch im Allgemeinen einen zwiespältigen Geist der Unversöhnlichkeit, einen sich vererbenden Familienhass, einen Geist zwistnährender Selbstsucht und Eifersucht, einen Geist der <a href="#_ftn7" id="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> <strong>שִׂנְאָה חִנָּם</strong> verbreitet. Allein dieser Geist friedensfeindlicher Eifersüchtelei hatte in maßgebenden einflussreichen Kreisen selbst die Liebe zur Wahrheit angegriffen. Es war bald im Kreis der Führer und Großen nicht mehr die Liebe zur Wahrheit in Wahrheit und um der Wahrheit willen. Es stellte sich gar bald die Persönlichkeit an die Stelle der Sache; die eigene Ehre, die eigene Würde, die eigene Macht, persönliches Interesse ward zum Ziel erhoben und die Vertretung der Wahrheit ward zum Mittel des Eigennutzes herabgewürdigt. Ja, man bekannte sich zur Wahrheit und verleugnete sie nach politischen Rücksichten, bildete Bekenntnisse zu Stichwörtern von Parteien, entschied sich für die eine oder die andere, je nachdem staatsmännische Diplomatie auf der einen oder der anderen Vorteil erblickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hohepriesterliche Würden wurden ein Kaufpreis der Reichen, ein Kaufpreis der Mächtigen und selbst das hohepriesterliche Geschlecht, dessen Ahnen Gesetz und Heiligtum todesmutig aus den unreinen Händen hellenischer Schergen gerettet<a href="#_ftn8" id="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a>, stellte, als die Rettung vollbracht, nicht Gott, sondern sich selbst den Thron im freien jüdischen Volke zurecht<a href="#_ftn9" id="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a>, schwang das Schwert, das zuerst die Brüder und ihr Heiligtum verteidigt, nach errungenem Sieg zur Knechtung der eigenen Brüder und beutete die Siege seiner Ahnen nicht für Gott und Israel, sondern für die Gründung einer Dynastie und für seine eigenen dynastischen Interessen aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging zum zweiten Mal die Wahrheit in den Händen ihrer Vertreter verloren, zum zweiten Mal sah sich Israels Heiligtum durch das Verderbnis seiner aristokratischen Geschlechter verraten, zum zweiten Mal verließ die Wahrheit, verließ Gottes heiliges Gesetz die Kreise seiner Hohepriester, seiner Fürsten und Könige und flüchtete sich in die Kreise des Volkes und seiner Lehrer; Tempel und Thron stürzten zum zweiten Mal durch die eigenen Priester und Dynasten zusammen. Denn als nun eben diese Dynasten zur Schlichtung ihrer Händel und zur Wahrung ihrer persönlichen Interessen nicht an Gott, nicht an seine Wahrheit, nicht an sein heiliges Gesetz, nicht an dessen Träger und Vertreter, das Volk und seine Lehrer, sondern an die Entscheidung einer fremden Macht appellierten, jener Macht, die eben auf den inneren Verfall und Zwiespalt der Nation spekulierte, um mit schiedsrichterlicher Miene das Schwert der Eroberung und Knechtung über alle zu schwingen, und diese Macht unglückseligerweise eben Rom sein musste — Rom, dem die Wahrheit immer nur als Vehikel der Interessen gegolten, Rom, dem Religion nichts als Werkzeug zur Knechtung der Völker gegolten und dessen Cäsaren nur auf dem von Parteiwut und Entsittlichung gegrabenen Volksgrab ihre Erhebung feierten — da war die Wahrheit und der Frieden im jüdischen Staat begraben und dem jüdischen Staat zum zweiten Mal der Untergang bereitet. Roms Schwert eroberte nur das, dem bereits Roms Politik das innerste Leben vergiftet. Der jüdische Staat ging in Trümmer, damit der Wahrheit und dem Frieden im jüdischen Volke und seinen Lehrern das Asyl gerettet bliebe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Wahrheit <u>und</u> der Friede</strong>, das ist das einzige siegverkündende Zeichen unserer heilversprechenden Zukunft. Die volle Wahrheit, die ganze Wahrheit, die reine Wahrheit und eben darum und daraus der volle, reine, ganze, ewige Frieden, das ist das einzige gottverheißene Wahrzeichen unserer einstigen wahren Erlösung. Der Friede auf Kosten der Wahrheit hat unser erstes Staatenglück untergraben. Die Wahrheit als Deckmantel selbstsüchtiger, herrschsüchtiger Interessen hat unser zweites Staatenglück untergraben. Aus dem Doppelgrab unserer Vergangenheit wird unsere leuchtende Zukunft nur dann siegreich auferstehen, wenn wir die Wahrheit lieben und den Frieden, wenn uns die Wahrheit nicht einmal um den Preis des Friedens feil ist und wenn wir die Wahrheit nur um der Wahrheit willen lieben, uns alle persönlichen Interessen fremd sind und somit unsere glühendste Wahrheitsliebe Hand in Hand geht mit der aufrichtigsten Liebe des Friedens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ob wir noch lange fasten und trauern müssen?“ — Wie stehen wir zur Wahrheit und zum Frieden, wie verhält sich unsere Zeit zu den beiden Verirrungen, die zweimal das Grab unserer Wohlfahrt geworden?</p>



<figure class="wp-block-table"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Wie steht sie zur Wahrheit? Gilt ihr die Wahrheit als Höchstes, steht ihr die Wahrheit in erster Linie, dass sie den Frieden nur will, der nicht auf dem Grab der Wahrheit erbaut ist, oder steht ihr der Friede in erster Linie und will sie nur die Wahrheit, die sich mit allen und allem verträgt und möchte nur vor der Wahrheit sich beugen, die sich zuerst vor ihnen gebeugt?</td><td>Steht bei uns die Wahrheit an erster Stelle, sodass wir nur den Frieden wollen, der nicht auf dem Grab der Wahrheit errichtet ist? Oder steht der Friede an erster Stelle, und wir akzeptieren nur die Wahrheit, die sich mit allem und jedem verträgt?</td></tr><tr><td>Ist nicht „Akkommodation<a href="#_ftn10" id="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a>“ das große Losungswort der Wissenschaft und des Lebens geworden, juste milieu<a href="#_ftn11" id="_ftnref11"><sup>[11]</sup></a> die Täuschungsformel des Geschlechts, Klugheit die Weisheit, die die Gemeinden von ihren Lehrern verlangen, und Schweigen der Preis, um den das Diplom der Klugheit sich erwirbt? Und ist Akkommodation, juste milieu und wie die beliebten savoir-faire<a href="#_ftn12" id="_ftnref12"><sup>[12]</sup></a>&#8211; und savoir-vivre<a href="#_ftn13" id="_ftnref13"><sup>[13]</sup></a>-Prinzipien alle heißen, die die Wahrheit sich aneignen muss, wenn sie „zeitgemäß“ sein will, sind sie etwas anderes als der schnödeste Trödel mit dem Heiligsten, als Verrat und Verleugnung der Wahrheit, die keinen Handel kennt und von einem Abfinden nichts weiß? &nbsp;</td><td>Steht bei uns die Wahrheit an erster Stelle, sodass wir nur den Frieden wollen, der nicht auf dem Grab der Wahrheit errichtet ist? Oder steht der Friede an erster Stelle, und wir akzeptieren nur die Wahrheit, die sich mit allem und jedem verträgt? Ist „Akkommodation“ nicht längst zum großen Losungswort von Wissenschaft und Leben geworden? Ist „juste milieu“, Klugheit und Schweigen nicht der Preis, den man heute für gesellschaftliche Anerkennung zahlt? All diese Prinzipien des „zeitgemäßen“ Umgangs mit der Wahrheit sind nichts anderes als Verrat am Heiligsten.</td></tr></tbody></table></figure>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Wahrheit liegt in der Mitte“ sagt ihr? Die Lüge liegt in der Mitte. Wahrheit ist etwas Extremes, Scharfes, da gibt’s kein Mehr noch Minder. Zwei mal zwei ist vier, nicht viereinhalb und nicht fünfeinhalb. Aber dazu darf sich heutzutage keiner bekennen, wenn er den „Zeitgemäßen“ gemäß sein will, darf das unwandelbare göttliche Einmaleins der jüdischen Wahrheit nicht als Prüfung anlegen an die Lebensrechnungen der Zeit. Das Einmaleins muss gefälscht werden, damit die <em>fait accompli<a href="#_ftn14" id="_ftnref14"><sup><strong><sup>[14]</sup></strong></sup></a></em>-Resultate gerechtfertigt erscheinen, und das ist der Mann und der Gott, der Priester und der Prophet der Zeit, der sich auf diese Fälschung am gewandtesten versteht und am kecksten es wagt, dem alten Einmaleins die Lüge aufzubürden. „Der Lehrer der Gemeinden muss über den Parteien stehen“, d. h. ihm muss die Wahrheit gar nichts gelten, es muss ihm alles recht sein, er muss für alles, für Rechts und Links, für Alt und Neu, für Wahr und Falsch sein Sprüchlein der Weihe und der Billigung bereit haben, indifferent gegen alles, muss er sich aus dem reichen Schatz göttlicher Wahrheit nur das Körnlein herausgelesen haben, das einmal jeder anerkennen kann, — weil es eben niemand geniert — und jeder anerkennen muss, wenn er überhaupt noch zu seiner Herde sich zählen soll. Er muss es verstanden haben, die Wahrheit auf dem Siebe des Friedens zu sichten<a href="#_ftn15" id="_ftnref15">[15]</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das Familienleben? Die Ehe? Die Erziehung? Das Haus? Die Schule? Diese Kreise und Stätten, in welchen über unser ganzes Heil in Gegenwart und Zukunft die Würfel fallen? Ist es die Wahrheit oder der Friede, die soziale Verträglichkeit, die dort alles beherrscht und alles diktiert, alles in Frage stellt und alle Fragen entscheidet? Um des Friedens willen duldet der „fromme“ Gatte, dass die Gattin, duldet die „fromme“ Gattin, dass der Gatte den Kindern das Beispiel eines gesetzentfremdeten Lebens bietet. Um des Friedens willen macht der Vater der Mutter, macht die Mutter dem Vater die Konzession, die Söhne oder die Töchter für ein „modernes israelitisches“ Leben unterrichten und bilden zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um des Friedens willen wagen die Eltern kein Wort gegen das unjüdische Leben ihrer erwachsenen Söhne und Töchter. Um des Friedens willen wird das „Ja“-Wort zur Verbindung mit unjüdischem Eidam, mit unjüdischer Schwiegertochter gegeben. Um des Friedens willen duldet man den verderblichsten Einfluss unjüdischer Onkel und Vettern, unjüdischer Freunde und Verwandten auf die ganze Richtung des Hauses und der Kinder. Um des Friedens willen muss auch die Schule über allen Parteien stehen, muss auch die Schule die Wahrheit verleugnen, damit sie dem Hause keinen Anstoß gebe, — jenes ganze heillose System der Konvenienz, die den Frieden mit Gott preisgibt um des Friedens mit den Menschen willen, die um die Gunst der Fremden und Großen buhlt und alles dem herrschenden Modeton mundgerecht zu machen strebt, jenes System des Wahrheit verschachernden Friedens, das einst an der äußersten „Linken“ zum Geiste der Lüge im Munde der „Hofprediger-Schar“ geworden, die sich im Glanze Ahabs und Isebels<a href="#_ftn16" id="_ftnref16"><sup>[16]</sup></a> sonnten, und zur <em>juste milieu</em>-Reform eines Ahas, die den „Hauptgottesdienst“ nach dem damaszenischen Muster eines Tiglat-Pileser<a href="#_ftn17" id="_ftnref17"><sup>[17]</sup></a> modelliert, dabei aber so tolerant ist, den alten Gottesaltar noch als „Nebengottesdienst“ vegetieren zu lassen — <a href="#_ftn18" id="_ftnref18"><sup>[18]</sup></a><strong> וּמִזְבַּ֧ח הַנְּחֹ֛שֶׁת יִֽהְיֶה־לִּ֖י לְבַקֵּֽר</strong> — jene ganze Zeit des ersten Tempels, ist sie nicht ganz eigentlich wieder erstanden in unseren Tagen; wären da nicht bereits die Tage des vierten und die Tage des fünften und die Tage des zehnten Monats Tage des Fastens und der Trauer — müssten wir uns solche Tage stiften, um unserer Verirrung inne und der Gefahr bewusst zu werden, die unser Heiligtum bedroht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die Verirrungen des zweiten Tempels?? Ist unsere Liebe zur Wahrheit überall eine solche, eine so reine, so vollendete und ganze, dass sie von selbst die aufrichtigste Liebe des Friedens mit umschließt? Sind all die Kämpfe, die für die Wahrheit und im Namen der Wahrheit geführt werden, in Wahrheit Kämpfe um der Wahrheit willen, dass nirgends persönliche Interessen bewusst und unbewusst die eigentlich bewegenden Triebfedern bilden? Sind alle Hände rein, die die Standarte der Wahrheit erheben — hat sich die Wahrheit nirgend ihrer Kämpfer zu schämen? Gilt uns die Ehre unserer Sache mehr als die Ehre unserer eigenen Person, dass wir überall bereit sind unsere eigene Ehre und unseren eigenen Vorteil hintanzusetzen, wo die Sache der Wahrheit ein solches Opfer heischt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, sind wir in eben dem Maße gefügig und milde, versöhnlich, nachgebend, gelinde, bescheiden in Sachen unseres persönlichen Interesses, unseres Amtes, unserer Würde, unseres Rechts, unseres Vorteils, unserer Anerkennung, unseres Vermögens, überall ebenso friedlich, ohne Groll und ohne Hass, ohne Eigensinn und Starrsinn in Sachen unseres persönlichen Betreffs, wie wir fest und stark, unerschütterlich und unbestechlich, mutig und kühn, ohne Schwanken und Wanken, ohne Rücksicht und unnachgiebig dastehen, wo es gilt für die Sache der Wahrheit einzutreten und die Sache der Wahrheit zu verfechten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist unsere Friedensliebe, unsere Uneigennützigkeit, unsere Milde und Bescheidenheit im sozialen Leben Bürge für die Echtheit unseres Eifers um die Sache der Wahrheit? Nur der Mann, von dem die Schrift bezeugt, dass er der bescheidenste Mensch auf Erden gewesen, durfte sich ins Tor des jüdischen Lagers mit dem Rufe stellen: „<strong>מִי לָה&#8216; אֵלַי</strong>!“ Wer Gottes ist — zu mir! Die Männer, die er sich zu Mitträgern seiner Sache in der Mitte seines Volkes zu erkiesen hatte, sie sollten nicht nur tüchtige gottesfürchtige Männer sein, <a href="#_ftn19" id="_ftnref19"><sup>[19]</sup></a><strong>אַנְשֵׁי חַיִל יִרְאֵי אֱלֹקִים</strong>, sie sollten auch im sozialen Leben gekennzeichnet sein, als <a href="#_ftn20" id="_ftnref20"><sup>[20]</sup></a> <strong>אַנְשֵׁי אֱמֶת שֹׂנְאֵי בֶּצַע</strong>, als Männer der Wahrheit, jedem persönlichen Interesse feind — Und die Männer, die seine Nachfolger in Wahrheit waren, lehrten nicht nur: „<strong>הָעוֹסֵק בַּתּוֹרָה שֶׁלֹּא לִשְׁמָהּ נוֹחַ לוֹ שֶׁלֹּא נִבְרָא</strong>“ — wer sich mit der Tora in unreiner Absicht beschäftigt, dem wäre es besser, er wäre nie geboren, lehrten nicht nur: „<strong>אַל תַּעֲשֵׂם עֲטָרָה לְהִתְגַּדֵּל בָּהֶם וְלֹא קַרְדֹּם לַחְפֹּר בָּהֶם</strong>“ — mache sie nicht zum Ruhmeskranz dich zu verherrlichen, und nicht zur Axt damit zu graben, und „<strong>כָּל הֲנָאוֹת מד״ת נוֹטֵל חַיָּיו מִן הָעוֹלָם</strong>“ — mit jedem Eigennutz, zu welchem du die Worte der Tora missbrauchst, nimmst du dir das Leben aus deiner Ewigkeit, — sie lehrten dies nicht nur, ihr ganzes Leben war eine Besiegelung dieser Lehre —</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>„Sollen wir noch weinen und fasten, wie wir seit Jahren getan?“ ——</strong></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Wikipedia: Sacharja oder Secharja (hebräisch <strong>זְכַרְיָה</strong>, lateinisch Zacharia, oder Sacharia, vollständig: Secharja, Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos, der Prophet) heißt ein biblischer Prophet. Das nach ihm benannte Buch im hebräischen Tanach entstand nach dem babylonischen Exil (ab etwa 520 v. Chr.) und gehört zum Zwölfprophetenbuch… Sacharja wirkte in der Zeit kurz nach dem babylonischen Exil in Jerusalem und war Zeitgenosse des Propheten Haggai. Er war der Sohn Berechjas und Enkel Iddos. Er kam also aus einer Priesterfamilie und war wahrscheinlich selbst Priester. Zur Zeit des Hohepriesters Jojakin war Sacharja das Oberhaupt seines Geschlechts.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Der persische Herrscher Darius I. (* 549 v. Chr.; † 486 v. Chr.) erlaubte den Juden der babylonischen Gefangenschaft die Rückkehr nach Juda und den Bau des Zweiten Tempels.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Secharja 7: 5-7</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Wikipedia: Michajah der Sohn Jemlas <strong>מִיכָיְהוּ בֶן־יִמְלָה</strong> oder Sohn Jimlas oder Micha ben Jimla war eine biblische Person. Er wird in 1 Kön 22:8–28 und 2 Chr 18:7–27 als Prophet zur Regierungszeit Ahabs von Israel (873–853 v. Chr.) erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Micha unterscheidet sich in seiner Aussage diametral von den offiziellen Kultpropheten, die dem König Erfolg bei einem Feldzug gegen Ramot-Gilead versprechen. Micha ist beim König unbeliebt, weil er nichts Gutes weissagt, sondern nur Böses. Er warnt den König vor einer großen Niederlage, die dann auch eintritt. Die Geschichte des Micha mit seinem Widersacher Zedekia ben Kenaana spiegelt den Widerspruch zwischen der offiziellen Heilsprophetie an den offiziellen Kultstätten und der opponierenden gesellschafts- und königskritischen Gerichtsprophetie jener Zeit. Beide Seiten berufen sich auf JHWH, aber nur eine Seite kann recht haben. Eine Seite wird vom König unterstützt, die andere unterdrückt. Die biblische Erzählung deutet die historischen Ereignisse so, dass sich am Ende zeigt, welche Seite recht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a>&nbsp; Zedekia ben Kenaana – s. vorherige Fussnote</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Psalm 34:15; <strong>ס֣וּר מֵ֭רָע וַעֲשֵׂה־ט֑וֹב בַּקֵּ֖שׁ שָׁל֣וֹם וְרׇדְפֵֽהוּ׃ </strong>&nbsp;“halte dich fern von Schlechtem, und über Gutes ohne zaudern; suche Frieden und verfolge ihn.“ (Übersetzung Rabbiner S.R. Hirsch)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> Grundloser Hass</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> Chanukka: die Makkabäer</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> Aristobulos I. (hebräischer Name wohl <strong>יהודה</strong> Jehudah) war König von Judäa 104 bis 103 v. Chr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Tod seines Vaters, des Hohepriesters Johannes Hyrkanos I., wurde Aristobulos im Jahr 104 v. Chr. sein Nachfolger. Als erster judäischer Herrscher seit dem Babylonischen Exil nahm er den Königstitel an und regierte offiziell als König und Hohepriester. Er errichtete ein Königreich und setzte sich selbst auf den Thron. Der Thron steht aber nur den Nachkommen König Davids zu!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> KI: Unter Akkommodation versteht man das <strong>Scharfstellen des Auges</strong> auf unterschiedliche Entfernungen. Hier Anpassungsfähigkeit, Assimilation.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> Juste milieu (auch Justemilieu) ist ein französischer Begriff, der den goldenen Mittelweg, die „rechte Mitte“ oder ein maßvolles Gleichgewicht beschreibt. Er bezeichnet eine kompromissbereite, ausgleichende Haltung, die Extreme meidet</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a> Der Begriff Savoir-faire stammt aus dem Französischen (wörtlich: wissen, wie man es macht) und beschreibt geschicktes, taktvolles Verhalten. Im Deutschen wird der Ausdruck meist als Synonym für Fingerspitzengefühl, Taktgefühl, Know-how oder soziale Kompetenz verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a> Savoir-vivre (wörtlich „verstehen, zu leben“) ist die Kunst, das Leben bewusst, genussvoll und mit Stil zu gestalten. Im deutschsprachigen Raum steht es für Lebenskunst und Gelassenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a> Vollendete Tatsache</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> KI: Die „drei Siebe des Sokrates“ sind ein hervorragender Filter, um wahre, gute und notwendige Erkenntnisse im Alltag oder in den Medien zu sichten. Sie helfen dabei, achtsamer und klarer zu kommunizieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die drei Siebe im Überblick:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es wahr?</strong><br>Stellen Sie sicher, dass die Information, die Sie weitergeben oder empfangen möchten, tatsächlich den Tatsachen entspricht und nicht nur auf Hörensagen beruht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es gut?</strong><br>Ist das, was Sie sagen wollen, positiv oder hilfreich? Wenn es weder wahr noch positiv ist, sollte man es nicht weitererzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es notwendig?</strong><br>Ist es zwingend erforderlich, diese Information mitzuteilen? Wenn die Botschaft weder wahr, noch gut, noch nützlich ist, sollte man sie besser für sich behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> König Ahab und Königin Isebel regierten im 9. Jahrhundert v. Chr. das Nordreich Israel. Ihre Ehe ging als Inbegriff politischer Machtgier und religiöser Verirrung in die Geschichte ein. Isebel, eine phönizische Prinzessin, brachte den Baalskult nach Israel. Beide wurden für ihre Unterdrückung des Gottesglaubens und brutale Machenschaften bekannt</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> Tukulti-apil-Ešarra III. (akkadisch) oder biblisch Tiglat Pileser, meist auch Tiglat-Pileser III. war von 745 bis 726 v. Chr. König des Assyrischen Reiches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tiglat-Pileser gelang es, Assyrien – zu Beginn seiner Herrschaft eher eine lokale Macht – zur bedeutendsten Großmacht im Nahen Osten aufzubauen. Er reformierte die Reichsstruktur und hob Steuerprivilegien auf, um die Finanzierung der Militarisierung und die Expansionspolitik zu gewährleisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a> 2. Könige 16:15; „Der kupferne Altar bleibe mir zum Ansehen“; (Übersetzung Rabbiner Dr. S. Bernfeld)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> Tatkräftige, gottesfürchtige Menschen</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> Wahrhaftige, den eigenen Vorteil verachtende Menschen</p>
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		<title>Magazin für den Monat Thamus 5786</title>
		<link>https://hirschinitiative.de/magazin-fuer-den-monat-thamus-5786/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Manuela Hoffmann-Bleiberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 11:08:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
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